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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Freund. Der Detail davon mag sich nicht übel hören lassen; wenigstens scheint er dir großes Vergnügen gemacht zu haben.

Menippus. Alles der Ordnung nach durchzugehen, Freund, wäre mir um so weniger möglich, da mirs schon sauer genug wurde es zu sehen. Aber, um dir alles auf einmal zu sagen bilde dir ein, du sehest die Geschichten auf Homers Schilde: auf der einen Seite Gastmäler und Hochzeiten, auf einer andern Gerichtsstuben und Volksversammlungen; hier opferte ein Glücklicher sein Dankopfer, indem nicht weit davon ein anderer die Luft mit seinen Wehklagen erfüllte. Sah ich nach dem Lande der Geten, so fand ich sie mit den Waffen in der Hand; rückte ich zu den Scythen fort, so sah ich sie mit Sack und Pack auf Wagen herumfahren; drehte ich das Auge ein wenig auf die andere Seite, so fand ich die Egyptier in ihrem Feldbau begriffen, der Phönizier schacherte, der Cilizier raubte, der Spartaner wurde gegeiseltEine possierliche Anspielung auf den Gebrauch der Spartaner, ihre Söhne an dem Feste der Diana Orthia um den Altar der Göttin bis aufs Blut herum zu peitschen. und der Athenienser processierte.Menippus charakterisiert hier fünf berühmte Völker, auf eine launichte Art jedes mit einem einzigen Worte. Und da alles das zu gleicher Zeit geschah, so kannst du denken was für ein Mischmasch herauskommen mußte. Bilde dir ein, wenn jemand einen großen Chor von Sängern auf die Bühne stellte, und verlangte nun, daß sie, anstatt im Einklang zu singen, jeder seine besondere Melodie, ohne sich an die übrige zu kehren, anstimmen sollte; und nun fiengen sie auf einmal an, jeder sich mit seinem eigenen Liede hören zu lassen, und griffen sich noch recht dabey an, und eiferten in die Wette, wer den andern am lautesten überschreyen könnte: was meynest du was da für ein Gesinge herauskäme? Und gleichwohl sind alle Erdebewohner solche Choristen, und aus einem solchen unharmonischen Mißgetöne ist das menschliche Leben zusammengesetzt; ein Schauspiel, wo die Personen weder im Äussern noch im Innern zusammenstimmen, an Sprache, Gestalt, Farbe, Lebensart und Sitte unendlich verschieden sind, sich immer nach verkehrten Richtungen gegen einander bewegen, und mit Gedanken und Neigungen nie in Einem Punct zusammentreffen; bis der Chormeister es endlich müde wird, und einen nach dem andern von der Bühne jagt: Nun schweigen sie alle auf einmal, und das verworrene tactlose Geplärr hat ein Ende. – Überhaupt kam mir in diesem ganzen buntscheckigen und planlosen Schauspiel des menschlichen Lebens alles sehr lächerlich vor: aber über niemand mußte ich mehr lachen als über die wackern Leute, die sich soviel damit wissen, daß sie Landgüter bis in der Gegend von Sicyondie ungemein schön und fruchtbar war. oder alles Feld was zwischen Marathon und Oinoe liegtMarathon, Oinoe und Acharnä waren Atheniensische Landgemeinen oder Dorfschaften., oder tausend Morgen zu Acharnä besitzen. Denn, da mir von der Höhe wo ich herabschaute ganz Griechenland kaum vier Finger breit vorkam, wie klein mußte erst ein so geringer Theil desselben wie Attica seyn, und was für ein Minimum war also das Fleckchen, worauf sich die Reichen so große Dinge einbildeten? Wahrlich, der reichste unter diesen stolzen Landeigenthümern schien mir kaum einen einzelnen Epikurischen Atom zu bauen. Welch ein Jammer, dacht ich bey mir selbst, da ich auf den Peloponesus und das kleine Gebiet von CynuriaEin kleiner District am Argolischen Meerbusen, zwischen dem Gebiete von Argos und Sparta, der die kleinen Städtchen Thyrea und Anthene in sich begriff, und um dessen Besitz so lange gestritten wurde, bis die Spartaner Meister davon blieben. Den blutigen Tag, den Menippus hier im Sinne hat, beschreibt Herodot im 82sten Cap. seiner Klio. herabsah, daß so viele brave Argiver und Spartaner, um ein Ländchen das nicht größer als eine Egyptische Linse schien, auf Einen Tag gefallen seyn sollen! – Aber auch die Ehrenmänner, die sich auf ihr bischen Gold, auf acht Ringe und vier Trinkschalen so viel zu Gute thun, machten mich herzlich lachen: denn der ganze PangäusEin Gebürge in Thrazien, das seiner reichen Kupfer- und Goldbergwerke wegen berühmt, und die Quelle des Goldes war, womit Philipp von Macedonien die griechischen Republiken überwältigte. mit allen seinen Bergwerken und Gruben war kaum so groß als ein Hirsekorn.

Der Freund. O du glücklicher Menippus, dem ein so seltsames Schauspiel gegönnt wurde! Aber, ich bitte dich, die Städte selbst und die Menschen darin, wie kamen dir diese aus solcher Höhe vor.

Menippus. Du hast doch schon manchmal eine Ameisenwirthschaft gesehen, – wie das alles unter einander wimmelt, die einen im Kreise herumlaufen, andere hinausgehen, andere zurückkommen, diese einen Unrath hinausschaft, jene mit einer irgendwo aufgelesenen Bohnenhülse oder einem halben Gerstenkorn im Munde daher gerennt kommt: und wer weiß, ob es nicht auch Baumeister, Volksredner, Rathsherrn, Musenkünstlerd. i. nach griechischer Weise zu reden, Dichter, Sänger, Flöten- und Saytenspieler, Schauspieler, u. dgl. und Philosophen, nach ihrer Weise, unter ihnen giebt? Wie dem auch seyn mag, ich fand zwischen diesen Ameisen-Nestern und den Städten mit ihren Einwohnern die größte Ähnlichkeit; und wenn es dir zu klein vorkommt Menschen mit Ameisen vergleichen zu hören, so erinnere dich der Thessalischen Mythologie, die dir sagen wird, daß die Myrmidonen, eine ihrer streitbarsten Völkerschaften, aus Ameisen zu Menschen gewordenOvid und andere Mythologen machen die Insel Ägina zur Scene dieses Wunders, wie aber die Myrmidonen aus Ägina nach Thessalien gekommen (von wannen eine Völkerschaft dieses Nahmens unter Anführung des Achilles gegen Troja zog) ist nirgends erfindlich; und es wird also wohl unausgemacht bleiben, ob die Thessalischen Myrmidonen (die ihren Nahmen vermuthlich von Myrmidon, einem ihrer ersten Fürsten, hatten) in spätern Zeiten sich den wundervollen Ursprung der Äginetischen aus Eitelkeit zugeeignet? oder, ob ein Gedächtnisfehler unsern Autor hier irre geführt habe?. Nachdem ich nun Alles zur Genüge betrachtet und belacht hatte, schüttelte ich mich und flog

in die Paläste wo Zeus mit den andern Unsterblichen thronet.Ilias I. v. 222.

Ich war noch kaum eines Bogenschusses weit geflogen, als mir Luna mit einer zarten weiblichen Stimme zurief: Ich bitte dich, Menippus, so lieb dir ein glücklicher Ausgang deiner Himmelfahrt ist, sey so gut und richte mir einen kleinen Auftrag an Jupiter aus. – Von Herzen gern, antwortete ich, in so fern es nur nichts zu tragen ist. – Es ist nichts weiter, erwiederte sie, als eine Bitte, die du dem Jupiter von mir überbringen sollst. Ich verliere alle Geduld, lieber Menippus, mich länger von den Philosophen so mißhandeln zu lassen; man dächte sie hätten nichts anders zu thun als sich um meine Sachen zu bekümmern, und zu fragen wer ich sey, und wie groß, lang und breit ich sey, und warum ich zu gewissen Zeiten wie ein halber Teller aussehe, oder Hörner bekomme? Die einen sagen ich werde bewohntSchon Orpheus, einer der ältesten Theologen und Mystagogen der Griechen sagte: der Mond sey eine wandelnde Erde (die unsre hielt er, der griechischen Orthodoxie gemäß, für unbeweglich) welche viele Berge, Städte und Einwohner habe. Proklus B. IV. Comment. über Platons Timäus. – Pythagoras, Xenophanes und Anaxagoras waren eben dieser Meynung., andere ich hänge wie ein Spiegel über das Meer herab; kurz jeder sagt von mir was ihm einfällt; ja was das schlimmste ist, sie bringen sogar unter die Leute, mein Licht sey nicht ächt, und ich stehle es der Sonne, so daß es nicht an ihnen liegt, wenn sie mich meinem Bruder nicht verdächtig machen und Unfrieden zwischen uns stiften: als ob es an den Beschimpfungen nicht schon genug wäre, die sie der Sonne selbst angethan, da sie vorgaben daß sie ein Stein und eine durchgeglühte Masse seyAnaxagoras, der dieß behauptete, fiel dadurch bey der damaligen Priesterschaft zu Athen in eben dieselbe Verdammnis, wie der große Galilei bey der h. Inquisition zu Rom, da er mit bessern Gründen als jener vermuthlich für seine Meynung zu geben hatte, bewies, daß die Planeten sich um die Sonne bewegen. – Übrigens haben wir nicht Data genug, um uns von den Meynungen des Anaxagoras einen richtigen Begriff zu machen. Er scheint ein Mann von großem Scharfsinn gewesen zu seyn, und von dem wahren Weltsystem manches geahndet zu haben. S.  Bailly Hist. de l' Astron. Tom. I. p. 202-5.. Sie hätten es wahrlich nicht Ursache mir so übel mitzuspielen! Denn was für schändliche Dinge könnte ich nicht von ihnen erzählen, die sie bey nächtlicher Weile treiben, wiewohl sie bey Tage so ernsthaft und männlich aussehen, so gravitätisch einhertreten, und sich bey den Unwissenden in so große Ehrfurcht zu setzen wissen. Und gleichwohl sehe ich allen diesen Dingen schweigend zu, weil es mir nicht anständig däucht, den Contrast ihrer nächtlichen Werke mit ihrem öffentlichen Leben aufzudecken und ins Licht zu setzen; im Gegentheil, wenn ich einen von ihnen ehebrechen oder stehlen oder sonst ein Nachtbedürftiges Stückchen verüben sehe, hülle ich mich sogleich in eine dichte Wolke ein, um der Welt nicht offenbar werden zu lassen, wie sehr diese alten Männer ihrem langen Barte, und der Tugend die sie immer im Munde führen, Schande machen. Sie hingegen hören nicht auf, nachtheilig von mir zu reden, und mich auf alle Weise zu mißhandeln: so daß ich, bey der alten Nacht! schon oft auf den Gedanken gekommen bin, so weit als möglich von hier wegzuziehen, um nur ihren naseweisen Zudringlichkeiten zu entgehen. Vergiß also nicht, dies alles Jupitern zu hinterbringen, und ihm zu sagen: es sey mir unmöglich länger auf meinem Posten zu bleiben, wofern er diesen Physikern nicht die Köpfe zerschmettre, den Dialektikern nicht den Mund stopfe, die Stoa zerstöre, die Akademie in Brand stecke, und den Verhandlungen im Peripatus ein Ende mache, mit Einem Worte, mir vor den täglichen Beeinträchtigungen dieser geometrischen Herren nicht Ruhe verschaffe. – Ich versprach ihr Alles was sie wollte, und steuerte nun gerades Weges dem Himmel zu,

Wo man nirgends die Spur von Stieren noch Pflügern erblicket.Odyss. X. 98.

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