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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 113
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jupiter. Apollo, mein guter Cyniskus, hatte Ursache, wegen der Probe, worauf ihn Krösus mit dem Lamm- und SchildkrötenfleischKrösus wollte, ehe er die damaligen berühmtesten Orakel wegen der Parthey, die er gegen den Cyrus nehmen wollte, zu Rathe zöge, sich vorher ihrer Glaubwürdigkeit versichern. Er gab also den Gesandschaften, die er nach Dodona, Delphi, und noch an fünf andere Orakel abschickte, Befehl am hundertsten Tage ihrer Abreise von Sardes diese sieben verschiedenen Orakel zu fragen: was König Krösus an diesem Tage wohl thue? Die Antwort der Pythia zu Delphi war:

»Mir ist die Zahl bekannt des Sandes am Meer und der Wellen,
Ich verstehe den Stummen, und brauche nicht Töne zum hören,
Und ein scharfer Geruch rührt meine Sinnen, wie einer
Schildkröte, die in Erzt mit Lammesfleische gekocht wird,
Und hat unter sich Erzt, und ist mit Erzte bedecket.«
gestellt hatte, mit ihm zu zürnen.

Cyniskus. Ein Gott sollte billig nicht zürnen! Aber freylich war auch das, denke ich, über diesen unglücklichen Lydischen Fürsten verhängt, daß er vom Orakel betrogen werden sollte, und die Schicksalsgöttin hatte es ihm nun einmal so gesponnen, daß er die Weissagung unrecht verstehen mußte! Und so käme denn zuletzt heraus, daß auch eure Wahrsagerkunst auf ihre Rechnung kommt.

Jupiter. Uns also lässest du gar nichts übrig und wir sind bloß für die Langeweile Götter! Wir tragen keine Obsorge über die Dinge in der Welt, und sind der Opfer die man uns bringt im Grunde nicht mehr würdig als Bohrer und Zimmeräxte. In der That magst du glauben mich mit Recht verachten zu können, da ich mit dem geschwungenen Donnerkeil in der Hand da stehe, und dich so unverschämt über uns räsonniren lasse.

Cyniskus. Wirf immer zu, Jupiter, wenn es mein Schicksal ist vom Blitze getroffen zu werden! Ich werde nicht dir, sondern der Klotho allein die Schuld geben, der du bloß deinen Arm dazu zu leihen genöthigt bist; ich werde sogar den Donnerkeil selbst für unschuldig an der Verletzung erklären. Nur noch ein einziges wünschte ich indessen, dich und die Schicksalsgöttin fragen zu dürfen, wenn du mir auch in ihrem Nahmen antworten wolltest. Es ist etwas woran du Mich durch deine Drohungen erinnert hast. Wie kommt es daß Ihr die Meineidigen, die Tempel- und Straßenräuber und andere ruchlose und gewaltthätige Leute dieses Gelichters, in Ruhe laßt, und dagegen so oft auf eine arme Eiche, oder auf einen Stein oder Mastbaum, die nichts Böses gethan haben, ja, mit unter, auch wohl auf einen guten und unsträflichen Menschen loß blitzet? Warum antwortest du mir nicht, Jupiter? Darf ich das etwa auch nicht wissen?

Jupiter. Nein, Cyniskus. Aber du bist mir ein naseweiser Bursche, und ich weiß nicht woher du alle das Zeug zusammengerafft hast, womit du mir hier die Zeit so schön vertreibst.

Cyniskus. So darf ich mich wohl nicht unterstehen, dich und die Pronöa, und die Schicksalsgöttin noch zu fragen, warum doch wohl der tugendhafte Phocion, so wie Aristides vor ihm, in so großer Dürftigkeit und Armuth gestorben ist: Kallias und Alcibiades hingegen, die zwey liederlichsten Buben von der Welt, und der übermüthige Meidias, und Chorops von Ägina, der seine leibliche Mutter verhungern ließ, im Überfluß schwammen? Warum Sokrates den EilfernDiese Magistratspersonen hatten ihren Namen (οι ένδεκα) von ihrer Anzahl. Sie hießen auch Nomophylakes, und machten ein besonderes Criminalgericht aus, welchem theils die Untersuchung u. Bestrafung verschiedener, die öffentliche Sicherheit störender Verbrechen, theils die Aufsicht über die Gefängnisse, und die Vollziehung der vom Areopagus und von den Heliasten gefällten Todesurtheile oblag. überantwortet wurde, MelitusDer Ankläger des Sokrates, von Profession ein Trinklieder- und Tragödienmacher, und (wie man dem Scholiasten des Aristophanes, in Ranis ad Vers. 1337 gerne glaubt) ein Mensch von schlechten Sitten und ein frostiger Poet. hingegen frank und frey herumgieng? Warum Sardanapalus König war, und so viele brave rechtschaffene Perser sich von ihm ans Kreuz schlagen lassen mußten, weil sie an seiner heillosen Regierung kein Wohlgefallen haben konnten? Ich will es bey diesen wenigen bewenden lassen, wiewohl ich die Beyspiele ins Unendliche anhäufen könnte, daß es bösen und lasterhaften Menschen wohl in der Welt geht, die Guten hingegen wie Fußbälle hin und hergestoßen werden, Mangel leiden, sich mit einem siechen Körper schleppen müssen, und von allen Arten Noth und Elend zu Boden gedrückt werden.

Jupiter. Du weißt also nicht was für schreckliche Strafen nach dem Tode auf die Bösen warten, und in welcher Glückseligkeit alsdann die Guten leben?

Cyniskus. Du sprichst mir vom Todtenreich und von den Tityussen und Tantalussen? Gut, ob und wie das Alles ist werde ich ganz genau erfahren wenn ich gestorben bin: Für jetzt aber möchte ich lieber das Bißchen Leben, so lang oder kurz es dauert, glücklich zubringen, wenn mir auch sechzehn Geyer die Leber abfressen sollten wenn ich todt bin, und ich wollte mich gar sehr dafür bedanken in diesem Leben wie Tantalus zu dürsten, um in den Inseln der Seligen auf der elysischen Wiese mit den Heroen zu Tische zu sitzen.

Jupiter. Was hör' ich? Du glaubst keine Belohnungen und Bestrafungen, und kein Gericht, wo eines jeden Leben untersucht wird?

Cyniskus. Ich höre ja wohl daß ein gewisser Minos von Kreta da unten über das Alles Richter sey: und da er dein Sohn ist, wie es heißt, darf ich dir wohl seinetwegen noch eine Frage vorlegen?

Jupiter. Und was hast du denn seinetwegen zu fragen, Cyniskus?

Cyniskus. Wer sind denn eigentlich die, die er straft?

Jupiter. Das versteht sich doch wohl von selbst, die Bösen, z. E. die Mörder und Tempelräuber.

Cyniskus. Und wer sind die, die er zu den Heroen schickt?

Jupiter. Die Guten, die ein tugendhaftes und unsträfliches Leben geführt haben.

Cyniskus. Und warum das, Jupiter?

Jupiter. Weil Diese Belohnung, Jene Bestrafung verdient haben.

Cyniskus. Wenn aber jemand wider seinen Willen etwas unrechtes gethan hätte, würdest du es billig finden auch diesen zu strafen?

Jupiter. Auf keine Weise.

Cyniskus. Und wenn jemand unfreywillig Gutes gethan hätte, würdest du ihn nicht aus eben diesem Grunde auch keiner Belohnung würdig finden?

Jupiter. Ganz gewiß.

Cyniskus. Also, bester Jupiter, wird Niemand mit Recht weder bestraft noch belohnt werden können.

Jupiter. Wie so?Diese Frage Jupiters mag uns vielleicht beynahe gar zu dumm vorkommen; aber sie ist (wie überhaupt die ganze Rolle, die er in diesem Dialoge spielt) sehr charakteristisch. Die Herren seines Schlages sind so mechanisch an den schlechten Zusammenhang und die Inconsequenz ihrer Begriffe und Heischesätze gewöhnt, daß jede Frage, wie leicht sie auch vorauszusehen war, ihnen unerwartet kommt, und daß sie auch die natürlichsten Folgerungen, die aus Vergleichung ihrer eignen Sätze mit einander entstehen, als neue und unerhörte Afrikanische Ungeheuer anstaunen.

Cyniskus. Weil wir Menschen nichts freywillig thun, sondern unter den Befehlen einer unveränderlichen Nothwendigkeit stehen; wenn das anders Wahrheit ist, worüber wir anfangs übereingekommen sind, daß die Parze die erste Ursache von allem ist. Denn wenn jemand mordet, so ist Sie die Mörderin, und wenn er einen Tempel ausraubt, so thut er nichts als vollziehen was Sie ihm befohlen hat. Wenn Minos also recht richten will, so wird er die Schicksalsgöttin an den Platz des Sisyphus, und die Parze an die Stelle des Tantalus verurtheilen: denn was haben diese verbrochen, da sie ja bloß die Befehle ihrer Obern vollzogen?

Jupiter. Wer solche Fragen thut verdient keine weitere Antwort.Vortrefflich, Jupiter! Dieß war die einzige mögliche und entscheidende Antwort, und du hast sie, ohne dich einen Augenblick zu besinnen, auf deinen Lippen gefunden Du bist ein unverschämter, sophistischer Bursche, und ich werde dich nicht länger anhören.

Cyniskus. Ich hätte freylich noch ein paar Fragen auf dem Herzen, nemlich: Wo sich denn die Parzen eigentlich aufhalten? und wie sie der Besorgung einer so unendlichen Menge von Dingen bis auf die geringsten Kleinigkeiten gewachsen seyn können, da ihrer nur drey sind?Die zweyte dieser Fragen möchte wohl schwerlich zu Befriedigung einer gewöhnlichen menschlichen Einbildungskraft zu beantworten seyn. Auf die erste hat der göttliche Plato im zehnten Buche seiner Republik geantwortet, wo er uns aus dem Munde eines gewissen Armeniers, Nahmens Her (der über zehn Tage in der andern Welt gewesen, und von da wieder zurückgekommen war, um zu erzählen was er daselbst gesehen und gehört hatte) in der That erstaunliche Dinge erzählt. Unter andern sah dieser Her die Spindel der Nothwendigkeit (’Ανάγκη) die, allem Ansehen nach, mit der Heimarmene Lukians eine und ebendieselbe Person, und die Mutter der Parzen ist. Diese Spindel hängt an der obersten Lichtsphäre, die den ganzen Himmel umgiebt, herab, ist von Diamant, und mag eine hübsche Größe haben, da ihr Wirbel oder Wirtel aus den acht in einander steckenden Kreisen der sogenannten sieben Planeten und des Fixsternhimmels besteht. Auf jedem dieser Kreise sitzt eine Syrene, »die immer einen und ebendenselben Ton hören läßt, daher aus dem Zusammenklange dieser acht Töne eine vollkommene Harmonie erschallt.« – Die besagte Spindel dreht sich unaufhörlich, mit ihrem Wirbel und den acht Syrenen, im Schooße der Nothwendigkeit herum. Um die Spindel sitzen in gleicher Entfernung die Parzen, Lachesis, Klotho und Atropos, jede auf ihrem eigenen Throne, weiß gekleidet und mit Binden um den Kopf; auch sie singen, und zwar die erste das Vergangene, die zweyte das Gegenwärtige, und die dritte das Zukünftige; wobey ihnen die Harmonie der acht Syrenen zur Begleitung dient. Während dieses Gesanges hat jede dieser Schicksalstöchter bey dem Spindelwerk ihrer Mutter ihre eigene Verrichtung – deren Beschreibung, nebst dem ganzen wundervollen Detail der Umstände, mit welchen die menschlichen Seelen von diesen Göttinnen in die Unterwelt geschickt werden, beym Plato selbst, oder bey seinem Lemgoischen Übersetzer (Werke des Plato, 2ter Band, S. 754-65.) lesen kann, wer Lust an einer Art von allegorischen Bildern hat, die, meinem Begriffe nach, nur eine delirirende Imagination hervorbringen konnte, oder nachphantasiren kann. Wenigstens müssen sie bey so entsetzlich vieler Arbeit ein sehr gespanntes und mühseliges Leben führen, und selbst nicht unter dem glücklichsten Sterne gebohren seyn. Wahrlich, ich wollte, wenn mir die Wahl gelassen würde, meine Existenz nicht gegen die ihrige vertauschen, sondern lieber wie der ärmste aller armen Teufel leben, als ewig dasitzen und eine Spindel drehen, die mit so vielen Dingen beladen ist, und auf jedes derselben noch besonders acht geben müssen! Weil dir aber, wie es scheint, das Antworten schwer fällt, lieber Jupiter, so wollen wir uns an deinen bisherigen Antworten genügen lassen, da sie völlig hinreichend sind, die Materie vom Schicksal und von der Pronöa in ihr wahres Licht zu setzen. Vermuthlich ist es nicht in meinem Schicksal mehr zu wissen.

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