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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 112
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Cyniskus. Nein, Jupiter, beym Spinnrocken der Klotho! ich habe die Frage nicht auf Anstiften dieser Leute gethan: was ich sagte folgt, däucht mich, ganz natürlich aus unserm Discurse, und ich weiß selbst nicht wie es kam daß wir uns so weit verstiegen haben; es folgt, sage ich, aus unserm Discurse von sich selbst, daß die Opfer eine ganz überflüssige Sache sind. Wenn du indessen erlauben wolltest, möcht' ich noch eine kleine Frage an dich thun: aber antworte mir ohne alle Zurückhaltung, und ein wenig gründlicher, wenn ich bitten darf.

Jupiter. Nun, so frage dann, weil du doch so viel Zeit zu solchen Possen hast!

Cyniskus. Du sagst alles gehe durch die Hände der Parzen?

Jupiter. Das sag' ich.

Cyniskus. Und ihr Götter könnt ihr daran was ändern oder nicht?

Jupiter. Wir können nichts daran ändern.

Cyniskus. Soll ich nun den Schluß aus diesen Vordersätzen ziehen? Oder fällt er ohnehin schon deutlich genug in die Augen?

Jupiter. O, sehr deutlich! Aber man opfert uns nicht um Vortheils willen, als ob man uns für einen Dienst einen Gegendienst erweisen, oder das Gute, so man von uns erwartet, erkaufen wolle: sondern weil man uns als höhere und vollkommnere Wesen dadurch ehren will.

Cyniskus. Ich bin zufrieden, von dir selbst zu hören, daß die Menschen nicht opfern weil es ihnen etwas nützt, sondern daß es bloße Gutherzigkeit und ein Zeichen ihrer Hochachtung für vollkommnere Naturen ist. Wäre nun einer von den Sophisten hier, deren du vorhin erwähntest, so würde er dich vermuthlich fragen: worin dann die Götter vollkommner seyen als wir, da sie doch bloße Mitknechte der Menschen und eben denselben Gebieterinnen, den Parzen, unterworfen sind? Denn aus ihrer Unsterblichkeit folgt eben nicht, daß sie vortrefflicher sind als die Menschen; im Gegentheil, es ist nur desto schlimmer für sie. Denn uns, wenn wir auch unser Leben lang Sclaven sind, setzt doch wenigstens der Tod in Freyheit: bey euch hingegen geht es ins Unendliche fort, und euere Knechtschaft ist ewig, weil sie sich um einen Faden dreht der kein Ende hat.

Jupiter. Aber, mein guter Cyniskus, eben diese ewige endlose Dauer ist für uns Glückseligkeit, weil wir im Genuß alles nur ersinnlichen Guten leben.

Cyniskus. Nicht alle, Jupiter; auch bey euch waltet hierin ein großer Unterschied und viele Verwirrung vor. Du bist freylich glücklich, weil du König bist und die Erde und das Meer wie mit einem Zugseile zu dir heraufziehen kannst: hingegen Vulcan ist lahm und am Ende ein bloßer Handwerker und Feuerarbeiter; Prometheus wurde einst sogar gekreuziget; nichts von deinem Vater zu sagen,Saturnus oder Kronus wurde, nach der gemeinen Tradition, von Jupitern mit Rath und Hülfe des Prometheus, des Thrones entsetzt, und in einer unzugangbaren Höle des Tartarus gefangen gehalten, Äschyl. Prom. Vinct. v. 219. u. f. der bis auf diesen Tag an Fesseln im Tartarus liegt. Auch spricht man viel von euern verliebten Thorheiten, und daß ihr verwundet worden, und sogar als Knechte bey den Menschen gedient hättet, wie zum Exempel dein Bruder bey dem LaomedonEs währte eine ziemliche Zeit, bis sich die Götter an die willkührliche und tyrannische Regierung Jupiters gewöhnen konnten. Sein Bruder Neptun, einer der ungeduldigsten, spielte bey dem berechtigten Aufstand der Götter eine Hauptrolle, und wurde von Jupitern zur Strafe verurtheilt, dem Trojanischen Könige Laomedon eine Zeitlang als Knecht zu dienen. und dein Sohn Apollo beym Admet: und das alles scheint mir eben nichts sehr glückliches zu seyn. Daraus ergiebt sich dann, daß zwar einige von euch vom Glück und vom Schicksal begünstiget werden: bey andern hingegen ists gerade umgekehrt. Ich übergehe daß ihr, eben so wie wir, von Räubern angefallen, ausgeplündert, und oft in einem Augenblick aus dem größten Reichthum in die bitterste Armuth versetzt werdet. Viele von euch, die von Gold oder Silber waren, sind sogar eingeschmolzen worden, – weil es nun einmal ihr Schicksal war.

Jupiter. Du fängst an unverschämt zu werden, Cyniskus; aber nimm dich in Acht! Es könnte dich leicht gereuen mich gereizt zu haben.

Cyniskus. Erspare dir diese Drohung, Jupiter, da mir doch, wie du weißt, nichts begegnen kann als was mir die Parzen lange vor dir schon zuerkannt haben. Woher blieben sonst so viele Tempelräuber ungestraft? die meisten entgehen euch glücklich; denn es war ohne Zweifel nicht in ihrem Schicksal, erwischt zu werden, denke ich.

Jupiter. Sagte ich nicht, daß du einer aus der saubern Rotte seyest, die unsere PronöaSo nannten die Stoiker die Vorsehung, welche sie den Göttern, dem nothwendigen Schicksal unbeschadet, zuschrieben, und wegen welcher sie mit den Epikuräern in ewiger Fehde waren. Die Ursache, warum ich ihren Griechischen Namen beybehalten, ist, weil Cyniskus sie in der nächstfolgenden Rede personificiert, und Jupitern ihrentwegen eine Frage vorlegt, die er nicht zu beantworten für gut findet. Auch Balbus in Ciceros Gespräche de Nat. Deor. machte schon aus dieser Pronöa (die er anum fatidicam Stoicorum nennt) eine Art von Göttin, um sich desto besser über sie lustig machen zu können. L. I. c. 8. u. 9. aus der Welt wegräsonnirt?

Cyniskus. Man sollte denken, Jupiter, es müßte dir, ich weiß nicht warum, schrecklich bang vor diesen Leuten seyn, daß du dir einbildest, alles was ich sage komme aus ihrer Schule. Aber von wem könnte ich die Wahrheit zuverlässiger erkundigen wollen als von dir selbst? Du würdest mir daher eine große Gnade erweisen, wenn du mich noch belehren wolltest, wer denn eure besagte Pronöa eigentlich ist? Ob etwa auch eine von den Parzen, oder irgend eine noch größere Göttin, unter deren Oberherrschaft auch sogar die Parzen stehen?

Jupiter. Ich habe dir schon einmal gesagt, daß es dir nicht erlaubt sey, alles zu wissen. Aber, Herr Naseweis, du, der anfangs nur eine einzige kleine Frage thun wollte, hörst nun nicht auf, mir mit deinen spinnefüßigen Sophismen den Kopf warm zu machen, und am Ende läuft doch alles darauf hinaus, daß du gerne beweisen möchtest, wir sorgten nicht für die menschlichen Dinge.

Cyniskus. Das ist nicht auf meinem Boden gewachsen. Sagtest du nicht selbst vor wenig Augenblicken, die Parzen seyen es, die alles ausrichteten? Es müßte dich denn nur gereuen, dich so weit heraus gelassen zu haben, und du müßtest deine eigene Worte wieder zurücknehmen wollen; oder ihr Götter müßtet der Vorsehung halben mit dem Schicksal im Streite liegen, und es aus dem Besitze seines Vorrechts werfen wollen.

Jupiter. Keinesweges; das Schicksal thut alles, aber alles durch uns.

Cyniskus. Wenn ich dich recht verstehe, so seyd ihr also eigentlich eine Art von Dienern und Handlangern der Parzen; und so wären also doch immer sie die Vorseherinnen, und ihr nur, so zu sagen, ihre Werkzeuge?

Jupiter. Wie meynst du das?

Cyniskus. Ich meyne, so wie die Axt und der Bohrer dem Zimmermann arbeiten hilft, ohne daß sich darum jemand einfallen läßt, diese Werkzeuge mit dem Meister selbst zu vermengen, und ein Schiff nicht der Axt und des Bohrers, sondern des Zimmermanns Werk ist: eben so ist es eigentlich die Heimarmene, die in diesem großen Weltschiffe alles zimmert, und Ihr seyd weiter nichts als die Äxte und Bohrer der Parzen. Billig sollten also die Menschen ihre Opfer und Gelübde an die besagte Heimarmene richten, anstatt daß sie zu euch gehen und euch mit unverdienten Gebeten und Opfern beehren. Aber, auch ihr selbst würde diese Ehre mit Unrecht erwiesen werden: denn soviel ich merke, ist es sogar den Parzen nicht möglich, das geringste von dem, was von Anfang her über einen jeden beschlossen wurde, abzuändern. Atropos würde es gewiß nicht zulassen, wenn jemand die Spindel zurückdrehen und Klotho's Arbeit vergeblich machen wollte.

Jupiter. Du hältst also nicht einmal die Parzen für würdig von den Menschen verehrt zu werden, und du möchtest wohl lieber alle Religion aufgehoben sehen. Indessen verdienen wir, wäre es auch aus keinem andern Grunde, die Ehre die uns erwiesen wird schon dadurch allein, weil wir den Menschen durch unsere Orakel vorhersagen, was die Parze über sie beschlossen hat.Schlimm genug, wenn der Pronöa nichts anders zu thun übrig blieb! Dieß ists eben, warum der Epikuräer Balbus beym Cicero sie anum fatidicam nennt.

Cyniskus. Überhaupt, Jupiter, kann es uns zu gar nichts helfen das zukünftige voraus zu wissen da es uns schlechterdings unmöglich ist einem künftigen Übel auszuweichen; du wolltest denn sagen, daß einer dem geweissagt worden ist er werde durch ein spitziges Eisen sterben, sich einsperren könne um die Erfüllung der Weissagung unmöglich zu machen. Aber auch dieß ist nicht möglich: denn die Schicksalsgöttin wird ihn der Klinge schon zu überliefern wissen. Sie wird ihn zu einer Jagd verleiten, und Adrast, indem er seinen Wurfspieß nach dem wilden Schweine schießt, wird es verfehlen und den Sohn des Krösus tödten, weil der Wurfspieß durch das allmächtige Gebot der Parze auf den jungen Prinzen getrieben wird.Lukian setzt hier voraus, daß die tragische Geschichte des Atys, eines Sohnes des berühmten Lydischen Königs Krösus, allen seinen Lesern aus ihrem Herodot bekannt sey. Dieser dichterische Geschichtschreiber erzählt sie (im I. Buche, Cap. 34-45) in seiner Homerischen Manier mit einer so herzrührenden Einfalt, daß sie bey ihm selbst nachgelesen zu werden verdient. Das berühmte Orakel, welches König Lajus erhielt, ist sogar lächerlich:

Besäe nicht die Kinderfurche, dir verbieten es
die Götter! thust du es, so tödtet dich dein Sohn.Das Orakel lautete beym Euripides (in den Phönizierinnen v. 18. 19) also:
Μὴ σπει̃ρε τέκνων άλοκα, δαιμόνων βία,
Ει γὰρ τεκνώσεις παι̃δ', αποκτενει̃ σ' ο φύς

Ich habe um des ganzen Zusammenhanges willen den seltsamen Ausdruck, besäe nicht die Kinderfurche, beybehalten müssen, wiewohl ich die große verecundiam, die Herr Josua Barnes bewundert, nicht darin finden kann. Übrigens kommt das Verdienst davon, wenn es eines ist, ganz auf des Euripides Rechnung; denn das Orakel, wie es Lajus von der Pythia unmittelbar erhalten haben soll, besteht aus fünf Hexametern, und drückt sich, mit Hrn. Barnes Erlaubnis, ungleich züchtiger aus als Euripides. Es befindet sich am Schlusse des Vorberichts zu den Phönizierinnen, in der Barnesischen Ausgabe.

Die Warnung war sehr überflüssig, däucht mich, da es bereits eine ausgemachte Sache war daß alles so geschehen würde; und so zeigte sichs im Erfolge: Lajus säete, und ihn tödtete sein Sohn. Ich kann also nicht sehen, warum ihr für euere Wahrsagerey noch baare Bezahlung fodern könnt. Nichts davon zu sagen, wie schief und auf beyden Seiten hinkend eure meisten Orakel sind, so daß Krösus, z. E. unmöglich gewiß seyn konnte, ob er durch den Übergang über den Halys sein eigenes Reich oder des Cyrus seines stürzen würde: denn das Orakel sagte beydes.

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