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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Freund. Du würdest mich sehr verbinden, lieber Menipp, wenn du nichts auslassen wolltest was du auf deiner Reise, auch nur im Vorbeygehen, angemerkt hast; denn ich erwarte viel sonderbares von der Figur der Erde, und wie dir alles auf derselben aus einem so hohen Standpunct erscheinen mußte, von dir zu hören.

Menippus. Du wirst dich nicht ganz betrogen finden. Schwinge dich also, so gut du kannst, in Gedanken mit mir zum Mond empor, und reise mir nach, und beobachte wie sich die Dinge auf der Erde von dort aus den Augen zeigen werden. Fürs erste bilde dir ein du sehest die Erde ganz ausserordentlich klein, ich will sagen, noch kleiner als den Mond; so daß ich mir, wie ich zum erstenmal hinunter gukte, gar nicht vorstellen konnte, wo alle die hohen Berge und das so große Weltmeer geblieben wären; und ich versichre dich, hätte ich den Koloß zu Rhodus und den Leuchtthurm bey Pharos nicht erblickt, ich würde die Erde gar nicht einmal gefunden habenNach den Proben, die uns Menippus bereits von seiner Stärke in den höhern Wissenschaften gegeben, wird man hoffentlich von keiner neuen Beurkundung seiner Unwissenheit beleidiget werden. Was unsern Autor betrift, auf dessen Rechnung alle Absurditäten seines Arlequin Philosophe kommen möchten: so glaube ich daß ihm seine griechischen Leser oder Zuhörer die Freyheit gerne zugestunden, in einer durchaus auf lauter populare sinnliche Wahnbegriffe gebauten burlesken Dichtung alles nach seinem Belieben, und wie es ihm zu seinen Absichten am gelegensten war, einzurichten. Übrigens ist der possierliche Einfall, daß er ohne den Koloß von Rhodus die Erde vor lauter Kleinheit gar nicht einmal hätte finden können, vollkommen in einerley Geschmack mit der Versicherung des Sancho im Don Quichotte, daß ihm auf seiner berühmten Luftreise auf dem Pferde der schönen Magellone, die Erde nur wie ein Senfkorn und die Menschen darauf kaum so groß wie Haselnüsse vorgekommen seyen.; so aber ließen mich jene so hoch emporragende Kunstwerke, und der Sonnenglanz, der mir aus dem Ocean entgegenspiegelte, schließen, daß das was ich sah die Erde sey. Wie ich aber einmal die Augen recht scharf darauf geheftet hatte, wurde mir alles so deutlich, daß ich nicht nur Völker und Städte ganz genau erkennen, sondern sogar sehen konnte, wie die einen auf dem Meere daher segelten, andere Krieg führten, noch andere ihr Feld bauten und wieder andere zu Gerichte saßen; ich unterschied sogar Männer und Weiber und Thiere, und überhaupt

alles was lebt und webt auf der alles ernährenden Erde.Wieder eine homerische Parodie.

Der Freund. Was du mir da sagst, Menipp, hängt, mit deiner Erlaubnis, nicht allzuwohl zusammen. Denn wie sollte das möglich seyn, da du die Erde so klein fandest, daß du sie suchen mußtest, und wenn der Koloß zu Rhodus dir nicht zum Anzeiger gedient hätte, sie für was ganz anders angesehen haben würdest: wie, sage ich, solltest du nun auf einmal in ein solches Luchsauge verwandelt worden seyn, daß du alle Dinge auf der Erde, Menschen, Thiere, und beynahe die kleinen Mücken in der Luft hättest unterscheiden können?

Menippus. Gut daß du mich erinnerst! denn beynahe hätte ich das Beste, und was ich zuerst hätte sagen sollen, ganz aus der Acht gelassen. Wie ich die Erde selbst zwar zu erkennen anfieng, von allem übrigen aber, wegen der großen Tiefe, und weil mein Gesicht nicht so weit reichte, nichts unterscheiden konnte, befand ich mich in keiner geringen Verlegenheit, und kränkte mich so sehr darüber, daß ich beynahe zu weinen angefangen hätte. Auf einmal sah ich eine Gestalt hinter mir stehen, die so schwarz wie ein Kohlenbrenner, mit Asche bedeckt, und am ganzen Leibe wie gebraten aussah. Ich kann nicht läugnen, ich fuhr über diesen Anblick zusammen, und glaubte irgend einen mondlichen Dämon zu sehen: aber die Gestalt hieß mich ein Herz fassen. Beruhige dich, Menippus, sagte sie,

Wahrlich ich bin kein Gott und keinem Unsterblichen ähnlich,Odyss. XVI. 187.

ich bin der bekannte Naturforscher Empedokles, den, als er sich in den Krater des Ätna stürzteNach einer popularen Sage. Das Wahre an der Sache war ohne allen Zweifel, daß Empedokles, indem er sich, Beobachtens wegen, zu weit in den Krater wagte, wider Willen herabstürzte., der aufsteigende Rauch mit sich emporzog und hieher führte. Seit dieser Zeit wohne ich in dem Monde, wo ich mich von bloßem Thau nähre, und mir die Zeit mit Luftreisen vertreibe. Ich wurde gewahr wie du dich darüber grämtest, daß du die Dinge der Erde nicht deutlich erkennen kannst; und ich komme, dir aus der Verlegenheit zu helfen. Das ist sehr gütig von dir, bester Empedokles, erwiederte ich; und sobald ich auf die Erde zurückgeflogen seyn werde, will ich nicht vergessen, dir unter meinem Rauchfange eine Libation zu bringen, und alle Neumonde, dir zu Ehren, dreymal andächtig zum Monde hinauf zu jappen. – Nein! beym Endymion!Ein komischer Schwur bey dem bekannten Liebling der Luna. versetzte er, ich bin nicht um Lohnes wegen gekommen, sondern lediglich, weil es mich in der Seele schmerzte dich so niedergeschlagen zu sehen. Weißt du was du thun mußt, um ein schärferes Gesicht zu bekommen? – Nein, beym Jupiter! antwortete ich,

Wenn du den Nebel nicht von meinen Augen hinwegnimmst:Anspielung auf den 127sten Vers des Vten B. der Ilias.

denn gegenwärtig bin ich, däucht mir, nicht viel besser als blind. – Du wirst meiner wenig bedürfen, erwiederte jener, denn du hast das augenschärfende Mittel selbst von der Erde mitgebracht. – Da ich nicht begreiften konnte was er damit meyne, fuhr er fort: hast du nicht einen Adlersflügel um deine rechte Schulter gebunden? – Und was hat denn der mit meinen Augen gemein? sagte ich. – Dies, daß unter allen lebendigen Wesen der Adler bey weitem das scharfäugigste ist; so daß er allein gerade in die Sonne sehen kann, und ein Adler, eben dadurch, wenn er ohne zu nicken in die Sonne schaut, sich als einen ächtgebohrnen Adler und König der Vögel legitimiert. So sagt manVermöge einer alten Volkssage machen die Adler diese Probe mit allen ihren Jungen, und verstoßen diejenigen als unächt, die nicht ohne Nicken in die Sonne schauen können. Von dem großen oder königlichen Adler versicherte AristotelesHist. Animal. IX. cap. 41. S. 229, ed. Scal. und Büffon, daß er seine Jungen aus dem Neste ausstoße und fortjage, sobald sie fliegen können: der gemeine Adler hingegen giebt sich mit der Erziehung der seinigen viele Mühe. Vermuthlich war den Griechen beydes nicht unbekannt; weil sie aber diese zwey Arten von Adlern nicht genau genug unterschieden, um jedem das seine zu geben: so ersannen sie jenes Mährchen, um sich ein so ungleiches Betragen der Alten gegen ihre Jungen begreiflich zu machen., versetzte ich; und nun verdriest es mich, daß ich mir, ehe ich meine Reise antrat, nicht beyde Augen ausgerissen, und ein paar Adlersaugen dafür eingesetzt habe, anstatt daß ich nun so übel ausgerüstet, und jenen ausgemerzten Bastarten ähnlich, hieher gekommen bin. – Es steht blos bey dir, dir dieses andre königliche Auge auf der Stelle zu verschaffen. Wenn du nur ein wenig aufstehen, und, ohne den Geyersflügel zu bewegen, mit dem andern Flügel allein klatschen willst: so wirst du mit dem rechten Auge so scharf sehen wie ein Adler; das linke hingegen wird immer, was du auch daran künsteln wolltest, stumpfer bleiben, weil es auf der schlechten Seite ist.Man braucht diese Stelle nur mit den Wunderkräften, die ein gewisser Philosoph im Lügenfreunde einer in ein Stück frisch abgezogener Löwenhaut eingenähten Spitzmaus beylegt, zu vergleichen, um zu sehen, daß Lukian des Aberglaubens spottet, der zu seiner Zeit selbst unter vielen die für aufgeklärt gelten wollten, in Ansicht solcher angeblicher geheimer Naturkräfte, Sympathien und dergleichen im Schwange gieng. Ich will mit einem einzigen Adlersauge gerne zufrieden seyn, sagte ich; ich werde nichts dabey verlieren. Hab ich doch oft gesehen, daß die Zimmerleute mittelst Eines Auges die Balken nach dem Richtscheit so gerade richten, als ob sie beyde Augen dazu gebrauchten. – Mit diesen Worten schickte ich mich an, den Rath des Empedokles ins Werk zu setzen, indessen er selbst, nach und nach aus meinen Augen schwindend, in einen leichten Rauch dahinfloß. Ich hatte kaum mit dem rechten Flügel zu klatschen angefangen, als mich plötzlich ein großes Licht umleuchtete, und alles was mir bisher verborgen geblieben war, auf einmal sichtbar wurde. Ich sahe nun, indem ich auf die Erde herabschaute, ganz deutlich Städte und Menschen und alles was die letztern nicht nur unter freyem Himmel, sondern sogar was sie in ihren Häusern thaten, wenn sie von niemand gesehen zu werden glaubten. Ich sahe den König PtolemäusPtolemäus Philopator hatte seine Schwester Arsinoe öffentlich zur Gemahlin. bey seiner Schwester liegen, den Lysimachus seinem Sohne nach dem Leben stellenLysimachus, Alexander M. Nachfolger in Macedonien, ließ auf Anstiften seiner zweyten Gemahlin Arsinoe seinen ältesten Sohn Agathokles mit Gifte vergeben., und den Antiochus, Seleukus Sohn, verstohlnerweise nach seiner Stiefmutter StratonikeDies ist eine Geschichte die uns unser Autor in der Abhandlung von der Syrischen Göttin umständlich erzählen wird. schielen. Ich sah wie Alexander von ThessalienVermuthlich der Tyrann von Pherä dieses Nahmens, den man aus dem Diodorus (L. XV. c. 80.) und aus Plutarchs Pelopidas kennt. Es fehlt zwar wenigstens ein halbes Jahrhundert daran, daß dieser Alexander und die drey vorhergenannten Fürsten Zeitgenossen hätten seyn sollen: aber es ist nicht schwerer zu begreifen, wie Menippus 50 Jahre rückwärts das Vergangene als gegenwärtig sehen, als wie er vom Monde aus in das Schlafgemach des K. Ptolemäus sehen konnte. In einem Traume ist das alles sehr möglich, und mehr ist von einer Reise in den Mond und in die Jupitersburg wohl nicht zu fodern. von seiner eignen Gemahlin ermordet wurde, Antigonus seine Schwiegertochter verführte, und AttalusVon welchem Antigonus und Attalus hier die Rede sey, ist eben so ungewiß, als unbekannt, wer der Arsazes ist, den Menippus mit gezücktem Dolche (vermuthlich aus Eifersucht über den schönen Spartinus) auf seine Beyschläferin loßgehen sieht. Das Ganze hat die Miene als ob irgend ein Gemählde, wozu eine Persische Anekdote das Süjet gegeben, zum Grunde liege; wie bey Lukians Schilderungen öfters der Fall ist. einen Becher mit Gift austrank, den ihm sein leiblicher Sohn gereichet hatte. Auf einer andern Seite sah ich, wie Arsazes (von Eifersucht wüthend) mit dem Dolch über seine Beyschläferin herfiel, und wie Arbazes, ihr Kämmerling (um ihr zu Hülfe zu kommen) mit gezuktem Säbel auf den Arsazes losgieng, während der schöne Medier Spartinus, der mit einem goldenen Becher über dem Auge getroffen war, von etlichen Trabanten bey den Füßen hinausgezogen wurde. Ähnliche Dinge waren auch in Africa und bey den Scythen und Thraziern in den Palästen der Könige zu sehen: überall nichts als Fürsten, die mitten unter Raub und Meineid in steter Todesangst lebten, und von ihren vertrautesten Günstlingen verrathen wurden. Auf diese Weise unterhielt ich mich eine Weile mit den Angelegenheiten der Könige. Bey den Privatleuten gieng es schon komischer zu; denn da sah ich den Epikuräer Hermodikus für tausend Drachmen falsch schwören, den Stoiker Agathokles mit seinen Schülern um den Lehrlohn processieren, den Rhetor Klinias eine Opferschale aus Äskulaps Tempel stehlen, und Herophilus, den Cyniker, die Nacht in einem schmutzigen H**winkel zubringen u. s. w. Kurz alle die Schelmstücke und Bübereyen die ich von Leuten, die keinen so aufmerksamen Zuschauer zu haben glaubten, ausüben sah, gaben mir ein sehr abwechselndes und unterhaltendes Schauspiel.

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