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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 109
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jupiter. Daß du mir ja nichts gegen Ganymeden sprichst,Es wäre die Vermuthung wohl nicht zu weit getrieben, wenn man glaubte, daß Lukian hier den, (bey seinem Denken) vergötterten Ganymed des Kayser Hadrianus, den Antinous mit im Sinne gehabt habe, wiewohl er zu klug war ihn zu nennen. Antinous hatte zu Mantinea in Arkadien einen Tempel, wo ihm ordentlich geopfert und alle fünf Jahre öffentliche Kampfspiele zu seinem Andenken gehalten wurden. Zu Antinupolis, einer ihm zu Ehren von Hadrian erbauten Stadt in Ägypten, hatte er ein Orakel; ja Ganymed mußte ihm sogar seinen Platz unter den Gestirnen abtreten. Momus! Ich würde es sehr übel nehmen, wenn du den lieben Jungen durch Einwendungen gegen seinen Stammbaum betrüben wolltest.

Momus. So will ich auch nichts von einem gewissen Adler sagen der ebenfalls im Himmel sogar auf deinem königlichen Scepter sitzt, und sein Nest beynahe auf deinem Kopfe gemacht hat, vermuthlich um dafür angesehen zu werden als ob er zur Familie gehöre: dem Ganymed zu Gefallen nichts weiter von ihm! Aber Attis, und Korybas, und Sabazius,Von Attis und Sabazius ist im Ikaromenippus schon die Rede gewesen. Korybas, sagt die Fabel, war die Frucht der Liebe der Göttin Cybele zu dem Iasion, dessen Momus kurz zuvor erwähnte. wie gieng es zu daß auch diese mit hieher berufen worden sind? Und der Mithras dort aus Medien in seinem Kaftan und Turban, der kein Wort griechisch kann, und nicht einmal weiß was man von ihm will wenn man auf seine Gesundheit trinkt? Diese feinen Herren sind es ohne Zweifel, um derentwillen die Scythen und Geten, ohne sich um uns zu bekümmern, die Unsterblichkeit eigenmächtig vergeben, und auf ihre eigene Faust zu Göttern machen wen sie wollen; auf eben die Art wie Zamolxis, ein Sclave seines Zeichens, sich ich weiß nicht wie in unsre Rolle heimlich eingeschlichen hat. Und gleichwohl, Götter, möchte das Alles noch erträglich seyn: aber du, Ägyptisches in Leinen eingewickeltes Hundegesicht,Anubis. wer bist du, mein feiner Herr, und wie kommst du dazu, daß du dich unter die Götter einbellen zu können glaubst? Und was will der Memphitische gefleckte BulleApis. dort, daß er Kniebeugungen annimmt, Orakel spricht, und Propheten im Solde hat? Ich schäme mich auch noch der Ibis und Affen und Böcke und anderer noch abgeschmackterer Götter zu erwähnen, die uns aus Ägypten ich weiß nicht wie in den Himmel eingestopft worden sind: aber wahrlich, wie ihr andern Götter geduldig zusehen könnt, daß das alles eben so viel und noch mehr als ihr selbst angebetet wird, oder wie du, Jupiter, leiden kannst daß sie dir Schaafbockshörner aufsetzen, – das geht über meinen Begriff.In Ober-Ägypten und Lybien, wo er unter dem Nahmen Jupiter Ammon, unter der Gestalt eines Widders, oder wenigstens mit Widderhörnern vor der Stirne verehrt wurde.

Jupiter. Was du von den Ägyptiern meldest, ist in der That schändlich. Indessen steckt doch in diesen Dingen meistens ein geheimer Sinn, und wer nicht initiirt ist, sollte sich schlechterdings nicht herausnehmen, darüber zu lachen.Ein feiner indirecter Spott über die Mysterien. Den Initiirten war also das Lachen erlaubt – aber wer war zu Lukians Zeiten nicht initiirt? Die Antwort des Momus ist noch stärker, kann aber denen, die sie nicht sogleich verstehen, ohne einen Detail über die Mysterien der Alten, der hier zu weitläufig wäre, nicht wohl erklärt werden.

Momus. Also brauchen wir wohl am Ende noch gar Mysterien, um zu wissen daß Götter Götter und Hundsköpfe Hundsköpfe sind?

Jupiter. Laß die Ägyptischen Angelegenheiten ruhen, sag ich; wir wollen uns ein andermal Zeit dazu nehmen sie zu untersuchen. Fahre fort, wenn du sonst noch gegen jemand etwas zu erinnern hast.

Momus. So sey es dann Trophonius, und was mich am meisten ärgert, Amphilochus,Da dieser beyden Nebenbuhler des Delphischen Apollo, deren Orakel damals großen Zulauf hatten, in Lukians Werken so oft erwähnt wird, so ist hier weiter nichts anzumerken, als daß Momus zweifelsohne den Vater des Amphilochus, Amphiaraus bloß deßwegen einen Muttermörder nennt, weil er seinen Sohn Alkmäon zum Muttermörder machte, indem er ihm ausdrücklich befahl, seine Mutter Eriphile nach seinem Tode aus dem Wege zu räumen. S. Hygin. Fab. 73. der, wiewohl der Sohn eines versuchten Muttermörders nichts destoweniger in Cilicien herzhaft den Wahrsager macht, und, um ein paar armselige Schillinge zu gewinnen, die guten Leute die ihn fragen mit seinen Lügen zum Besten hat. Daher kommt es denn auch, daß du, Apollo, deinen Credit verlohren hast, und daß ein jeder Stein und ein jeder Altar, der mit Öl begossen, bekränzt und von irgend einem Taschenspieler, deren es jetzt so viele giebt, bedient wird, Orakel von sich giebt. Es ist so weit gekommen, daß die Bildsäule des Athleten Polydamas zu Olympia und des Theagenes zu ThasosDie Legende des vergötterten Athleten Theagenes ist so sonderbar, daß sie als eine Beylage zu Lukians Lügenfreund, und als ein Beyspiel nach was für Modellen die Christlichen Legendenmacher der folgenden Zeiten arbeiteten, bekannter zu werden verdient. Theagenes wurde zu Thasos, der Hauptstadt einer der Stadt Abdera gegen über liegenden Insel des Ägeischen Meeres, gebohren. Sein putativer Vater Timosthenes war ein Priester des Herkules, dem dieser Gott, (wie die Thasier sagten) einsmals die Ehre erwieß, seine Gestalt anzunehmen und in derselben der Vater eines zweyten Herkules zu werden, ohne daß weder der Priester noch seine Gemahlinn an Arges dabey dachten. Der junge Theagenes legte schon in seinem neunten Jahre eine ganz entscheidende Probe seiner herkulischen Abkunft ab. Als er einsmals aus der Schule zurückkam, stach ihm eine große Bildsäule von Erzt, die auf dem Markte stand, dergestalt in die Augen, daß er sie auf eine seiner Schultern lud und was er konnte mit ihr davon lief, um sie nach Hause zu tragen. Es entstand darüber ein großer Zusammenlauf, und der Pöbel war im Begriff den Knaben dieses Raubes wegen zu mißhandeln: als einer der angesehensten Männer dazwischen kam, den Pöbel besänftigte, und statt aller Strafe dem Knaben befahl, die Bildsäule wieder zurückzutragen und an ihren alten Ort zustellen. Der junge Theagenes gehorchte, wiewohl ungern, dem Befehl, und trug die Statüe mit eben so wenig Mühe wieder an ihren Ort, als ob sie nur aus Pantoffelholz geschnizt gewesen wäre. Diese Begebenheit legte den ersten Grund zu dem Ruhme, den er sich in der Folge durch seine ausserordentliche Stärke und Geschicklichkeit in allen athletischen Übungen erwarb. Er wurde einmal in den Olympischen, dreymal in den Pythischen, neunmal in den Nemeischen, und zehnmal in den Isthmischen Spielen zum Sieger erklärt, und trug überhaupt in den öffentlichen Kampfspielen, wo er sich in allen Theilen Griechenlandes zeigte, in allem, nach Plutarchs Angabe zwölfhundert, und nach dem Pausanias gar vierzehnhundert Kronen davon, welches in der That sehr viele Kronen sind. Aber der Abbt Gedoyn, der diese Angabe um mehr als tausend Kronen zu viel findet, bedachte nicht, daß in der ganzen Legende dieses vergötterten Athleten alles wunderbar ist. Nach seinem Tode gieng einer seiner Feinde alle Nacht zu der ehernen Bildsäule, die ihm die Thasier errichtet hatten, und geiselte sie aus Leibeskräften, in Hofnung, daß der verstorbene Theagenes die Streiche fühlen sollte, die er seinem Repräsentanten gab. Die Bildsäule, die des Possenspiels endlich überdrüssig wurde, stürzte einsmals unversehens über diesen Unsinnigen her und schlug ihn todt. Die Familie des Erschlagenen belangte die Bildsäule dieses Mordes wegen vor Gericht, und das Urtheil fiel dahin aus: daß der eherne Theagenes, ihm zur wohlverdienten Strafe und andern zum Exempel ins Meer gestürzt werden sollte.[Pausanias bemerkt, daß die Thasier das Gesez, vermöge dessen sie dieses Urtheil fällten, vermuthlich von den Atheniensern geborgt hätten. Denn diese hatten ein von Drakon herrührendes Gesez, kraft dessen auch leblosen Dingen, die den Tod eines Menschen verursacht hatten, der Prozeß gemacht wurde. So nöthig fand es dieser Gesetzgeber, einem so reizbaren und leichtsinnigen Volke, wie die Athenienser waren, den möglichst grösten Abscheu vor Menschenmord einzuprägen.]
Das Urtheil wurde vollzogen; aber die Thasier befanden sich sehr übel dabey; denn sie wurden einige Zeit darauf mit Mißwachs und einer dadurch verursachten großen Hungersnoth heimgesucht. Sie nahmen endlich ihre Zuflucht zu dem Delphischen Gotte, der ihnen den Bescheid gab: ihre Noth würde nicht eher aufhören, bis sie alle ihre des Landes Verwiesenen zurückberufen hätten. Die Thasier gehorchten dem Orakel, aber es wollte nicht besser werden. Sie fragten die Pythia noch einmal, und erhielten die Antwort: sie hätten ihren Mitbürger Theagenes zurückzurufen vergessen. Izt besannen sie sich, daß die Bildsäule des Theagenes, die sie ins Meer geworfen hatten, gemeynt sey, und ihre Verzweiflung stieg dadurch aufs höchste; denn wie konnten sie hoffen, diese Bildsäule wiederzufinden? Aber, da sie sich dessen am wenigsten versahen, wurde sie von einigen Fischern, in deren Netz sie wunderbarer Weise eingegangen war, herausgezogen. Die Thasier hohlten sie also mit großer Feyerlichkeit ab, stellten sie wieder auf ihren vorigen Platz, und erwiesen dem Athleten Theagenes von Stund an göttliche Ehre. Verschiedene andere Griechische und Thrazische Städte thaten ebendasselbe, und die Bildsäulen dieses neuen Gottes kamen in den Ruf, daß sie gnädig seyen und diejenigen, die sie mit dem gehörigen Vertrauen anriefen, von allen Arten von Krankheiten befreyten.
das Fieber vertreibt, und daß man dem Hektor zu Ilion, und in der Thrazischen Halbinsel gegenüber dem Protesilaus opfert. Seitdem unsrer nun so viele geworden sind, nehmen Meineide und alle Arten von Gottlosigkeiten überhand,Jemehr Götter oder Schutzpatrone, je weniger Moralität. Das hängt sehr gut zusammen. Denn je größer die Concurrenz auf Seiten der Götter ist, je mehr ist einem jeden daran gelegen, sich recht viele Anhänger und Anbeter zu verschaffen; und da kann es denn, natürlicher Weise, mit dem moralischen Charakter der letztern so genau nicht genommen werden. und wir fallen, wie billig, in Verachtung. Und so viel dann von den Unächten und Eingeschlichnen! Ich höre aber auch ausserdem noch so viel Nahmen, wovon das was sie bezeichnen sollen weder unter uns zu finden ist noch überhaupt existiren kann; und ich nehme mir also die Freyheit, Jupiter, auch über diese Undinge zu lachen. Oder wo wäre denn etwa diese Tugend, von der so viel Aufhebens gemacht wird, wo die Natur, und das Verhängniß, und das Glück – große Wörter, deren Begriffe sich unter einander selbst aufheben,Z. B. Verhängniß und Glück; Verhängniß und Tugend. Erfolgt alles durch eine vorhergeordnete Nothwendigkeit (wie die Stoiker behaupteten) so kann es weder glücklichen oder unglücklichen Zufall, noch Verdienst und Tugend geben. und die nirgends als in den platten Köpfen der Philosophen, von welchen sie ausgedacht worden, vorhanden sind. Und gleichwohl hat sich das unverständige Volk diese Hirngespinste so tief in den Kopf setzen lassen, daß uns kein Mensch mehr opfern will, weil er wohl weiß, daß, wenn er auch zehntausend Hekatomben darbrächte, das Glück ihm doch nichts anders geben wird als was über ihn verhängt ist und was ihm die Parzen zugesponnen haben.Siehe den überwiesenen Jupiter, wo dieser Punkt in das stärkste Licht gesetzt ist. Ich möchte aber wohl von dir hören, Jupiter, ob du jemals die Tugend, die Natur oder das Verhängniß mit Augen gesehenDer Tadel des Momus scheint eigentlich bloß darauf zu gehen, daß von diesen Vernunftsbegriffen als von würklichen Wesen gesprochen wurde, und daß sie also eine Art von Göttern vorzustellen scheinen, von denen man nicht recht wußte was man aus ihnen machen und wo man sie hinstellen sollte. Bekanntermaßen geht dieser üble Gebrauch noch immer im Schwange, und giebt zu vielerlei Verwirrung und popularen Mißverständnissen und Trugbegriffen Anlaß. hast? Denn gehört mußt du sie in den Disputationen der Philosophen oft genug haben, oder du müßtest stocktaub seyn; sie schreyen laut genug daß du sie hören kannst. Ich hätte zwar noch viel anzubringen, aber es ist Zeit daß ich aufhöre: denn ich sehe daß meine Rede vielen nicht behagen will, und daß sie den Mund zum pfeiffen spitzen; besonders diejenigen, die sich von der Freyheit meiner Zunge getroffen fühlen. Zum Schlusse also, Jupiter, will ich, wenn du es erlaubst, ein Decret ablesen, das ich über diese Materie bereits aufgesetzt habe.

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