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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 107
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Micyllus. Das ist ein guter Gedanke; gieb mir die Hand. Höre, Cyniskus, da du doch in den Eleusinischen Mysterien initiirt bist, findest du nicht auch es sey eine große Ähnlichkeit zwischen dem wie es hier und wie es dort ist?Diese Stelle bedarf, seitdem gewisse moderne, von diesen alten abcopierte Mysterien aufgehört haben ein Geheimniß zu seyn, keiner Erläuterung.

Cyniskus. Du hast nicht unrecht. – Sieh nur, da kommt gleich eine Fackelträgerinn, die eine ganz fürchterliche und drohende Miene macht! Sollt' es wohl eine Erinnys seyn?

Micyllus. Ihrem Costum nach sollte mans denken!

Merkur zu Tisiphone. Hier übergeb' ich dir diese Tausend und vier, Tisiphone.

Tisiphone. Rhadamanth erwartet euch schon lange.

Rhadamanth. Führe sie herbey, Erinnys – und du, Merkur, rufe sie vor Gericht!

Cyniskus. O Rhadamanth, ich beschwöre dich bey deinem VaterJupiter, dessen Sohn von Europa Rhadamanthus war., laß mich zuerst zur Untersuchung vorführen.

Rhadamanth. Und warum?

Cyniskus. Ich bin entschlossen, jemanden wegen vieler Übelthaten, die er in seinem Leben begangen hat und wovon ich Wissenschaft habe, anzuklagen. Nun kann ich aber keinen glaubwürdigen Zeugen abgeben, bis erst bekannt ist wer ich selbst bin und wie ich gelebt habe.

Rhadamanth. Und wer bist du denn?

Cyniskus. Cyniskus, hochedler Herr, meines Zeichens ein Philosoph.

Rhadamanth. So tritt näher und stelle dich zuerst vor Gericht. Du, Merkur, rufe seine Ankläger auf.

Merkur. Wer etwas gegen diesen Cyniskus anzubringen hat, der trete hervor!

Rhadamanth. Niemand tritt hervor. Aber das ist noch nicht genug, Cyniskus. Ziehe dich aus, damit ich deine Mahlzeichen untersuchen kann.

Cyniskus. Wie sollte ich zu Mahlzeichen gekommen seyn?

Rhadamanth. Wer unter euch in seinem Leben böses gethan hat, trägt von jeder Übelthat eine gewisse fast unmerkliche Brandnarbe an seiner Seele.

Cyniskus. Hier bin ich so nackend als du es verlangen kannst; suche nun die Narben wovon du sprichst.

Rhadamanth. Er ist würklich ganz rein, bis auf drey oder vier verblichne, die man kaum gewahr werden kann. In der That sehen sie Spuren ehemaliger Brandnarben gleich, aber ich weiß nicht wie es zugieng daß sie ausgelöscht oder vielmehr ausgeschabt sind. Wie kommt das, Cyniskus? Wie hast du es angefangen um wieder so rein zu werden?

Cyniskus. Das will ich dir sagen. Es war eine Zeit, da ich aus Mangel an gesunden Begriffen und Grundsätzen nicht viel taugte, und während dieser Zeit zog ich mir eine Menge Narben zu: sobald ich aber zu philosophiren anfieng, wurden alle diese Mahlzeichen in kurzem aus meiner Seele ausgewaschen.

Rhadamanth. Da hast du eine vortreffliche Arzney gebraucht, guter Freund. Sobald du also den Tyrannen, von dem du sagtest, angeklagt haben wirst, kannst du dich in die Inseln der Seligen begeben, wo du in Gesellschaft der Besten unter den Menschen seyn wirst. – Merkur, rufe nun andere herbey!

Micyllus. Bey mir wird es nicht viel Untersuchens brauchen. Ich stehe schon lange nackend da; es wird mit einem einzigen Anblick gethan seyn.

Rhadamanth. Wer bist du?

Micyllus. Der Schuster Micyllus.

Rhadamanth. Bravo, Micyllus, du bist ja so rein wie ein unbeschriebenes Blatt Papier! Du kannst mit dem Cyniskus gehen. – Lade nun den Tyrannen vor, Merkur!

Merkur. Megapenthes Lacydes' Sohn soll erscheinen! Wo willst du hinaus? Hieher! – Du bist doch der Tyrann den ich aufrief? – Tisiphone, schleppe ihn mit Gewalt her, da er nicht gutwillig kommen will! Und du, Cyniskus, laß hören was du als Kläger gegen den Mann hier anzubringen hast.

Cyniskus zu Rhadamanth. Wiewohl es eigentlich dieser Weitläuftigkeit nicht bedürfte, da du aus seinen Narben bald erkennen wirst, was für ein Mensch er ist, so will ich doch nichts desto weniger auch das Meinige beytragen, diesen Erzbösewicht zu entlarven und in seiner wahren Gestalt darzustellen. Ich übergehe alles was er als Privatmann begangen hat: aber seitdem er sich einen Anhang von Leuten, die zu allem bereit sind, gemacht, und mit Hülfe derselben und einer Rotte gedungener Banditen, die seine Trabantenδορυφόροι ist zwar der allgemeine Nahme für die Leibgarde oder Trabanten die von den Königen und Fürsten zu ihrer Sicherheit unterhalten wurden: aber hier schien mir der ganze Zusammenhang eine Umschreibung zu erfodern, worin ausgedrückt wäre, was diese Leute, ungeachtet des Titels womit sie decorirt wurden, würklich waren. vorstellten, sich zum willkührlichen Herrn der Republik aufgeworfen, hat er mehr als zehentausend Personen ohne Urtheil und Recht umbringen lassen, und die unermeßlichen Reichthümer, die er sich durch Einziehung ihrer Güter zu verschaffen wußte, zu allen nur ersinnlichen Arten von Ausgelassenheit und Schwelgerey angewandt. Seine unglücklichen Bürger mißhandelte er mit dem grausamsten Übermuth; er schändete ihre Jungfrauen, verführte ihre Jünglinge, kurz, erlaubte sich gegen seine Unterthanen Alles, was ein besoffener Mensch im Taumel der wildesten Fröhlichkeit fähig ist. Es ist unmöglich ihn für seinen Hochmuth, seine Aufgeblasenheit, den schnarchenden Ton gegen diejenigen die mit ihm sprechen mußten, nach Verdienen zu bestrafen. Ein Mann hätte leichter in die Sonne schauen mögen, als es wagen dürfen ihm mit festem Blick ins Gesicht zu sehen. Und wer vermochte alle die neuen Martern und Todesarten herzuzählen die er erfunden hat, und wovor seine Vertrautesten selbst nicht sicher waren? Zum Beweise daß dieß keine Verläumdung ist, darfst du nur die von ihm Ermordeten herbeyrufen lassen. Doch, da kommen sie ja ungerufen! Du siehst wie sie auf ihn eindringen und ihn ängstigen. Alle diese, o Rhadamanth, mußten von den Händen dieses Scheusals sterben; die einen weil sie schöne Weiber hatten, andere weil sie die Entehrung ihrer Kinder nicht mit Geduld ertrugen, andere weil sie Vermögen hatten, noch andere weil sie Männer von vorzüglicher Geschicklichkeit und Tugend waren, und eine solche Art zu regieren nicht gut heißen konnten.

Rhadamanth zu Megapenthes. Was antwortest du hierauf, Verruchter?

Megapenthes. Die Mordthaten läugne ich nicht; aber alles übrige, alle die Ausschweifungen die mich Cyniskus beschuldigst, sind VerläumdungenDie Mordthaten gesteht er ein, weil die Ermordeten gegenwärtig wider ihn zeugen, und er sie also nicht läugnen kann: die heimlichen Schandthaten hingegen läugnet er, weil er ihrer aus Mangel an Zeugen nicht überwiesen werden zu können hofft..

Cyniskus. Soll ich dir also hierüber Zeugen aufstellen, Rhadamanth?

Rhadamanth. Was könnten das für Zeugen seyn?

Cyniskus. Seine Lampe und sein Bette. Beyde wissen genug davon um gegen ihn zeugen zu können.

Merkur. Die Lampe und das Bette5 Eine Personificierung im ächten morgenländischen Geschmacke. In den Dichtungen der Orientalen haben nicht nur die für uns leblose Naturwesen, sondern sogar die Werke der menschlichen Kunst Seele, Vernunft und Sprache. des Megapenthes sollen erscheinen! – Sie lassen nicht lange auf sich warten. Da sind sie!

Rhadamanth. Saget also was ihr von diesem Megapenthes wisset. Das Bette soll zuerst sprechen.

Das Bette. Alles was Cyniskus ihn beschuldigst hat, ist wahr, gnädiger Herr Rhadamanth – mehr zu sagen schäm' ich mich –

Rhadamanth. Dieses Schweigen legt das stärkste Zeugnis gegen ihn ab. Lampe, zeuge du nun auch!

Die Lampe. Was er bey Tage gethan haben mag, weiß ich nicht, weil ich da nicht zugegen war: aber wie es in seinen Nächten zugieng, davon mag ich gar nicht reden – genug, daß ich viele unnennbare und alles was schändlich ist übersteigende Dinge habe sehen müssen. Wie oft hörte ich auf, mein Öl zu trinken, weil ich verlöschen wollte! aber er nöthigte mich seine Abscheulichkeiten in der Nähe zu beleuchten, und verunreinigte mein Licht auf alle nur erdenkliche Weise.

Rhadamanth. Es bedarf keiner mehrern Zeugen. Nun ziehe auch deinen Purpur aus, damit ich die Zahl deiner Narben sehe! – Himmel! er ist ganz braun und blau, und über und über mit Brandnarben bedeckt. – Wie soll er nun abgestraft werden? Wollen wir ihn in den Feuerstrom werfen, oder dem Cerberus ausliefern?

Cyniskus. Wenn du es erlaubst, will ich dir eine ganz neue und seiner würdige Strafe an die Hand geben.

Rhadamanth. Ich werde dir noch Dank dafür wissen; rede!

Cyniskus. Es ist ja, denke ich, der Brauch, daß alle Todten Wasser aus dem Lethe trinken?

Rhadamanth. So ist es.

Cyniskus. Er also soll allein keines trinken dürfen. Die stete Erinnerung an das was er da oben war, und die ihm ewig vorschwebenden Bilder seiner ehmaligen Macht und der Wollüste worin er sich wälzte, werden die härteste Strafe für ihn seyn.

Rhadamanth. Du hast Recht! Dieß sey also sein Urtheil! Man führe ihn ab, feßle ihn neben den Tantalus, und überlasse ihn der Erinnerung seines vergangenen Lebens!

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