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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 106
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Micyllus. Ich will dir aufrichtig sagen, wie ichs meyne, schönste der Parzen. In meinen Augen ist es eine gar schlechte Gnade, wenn der Cyklope dem Ulyß verspricht daß er ihn zuletzt fressen wolle;Odyssee IX. 369. denn ich mag der erste oder letzte seyn, so warten eben dieselben Zähne auf mich. Übrigens hat es mit mir eine ganz andere Bewandtniß als mit den reichen Herren. Ihr Leben und mein Leben sind das vollkommene Gegentheil von einander. Der Tyrann dünkte sich glücklich; er stand in hohem Ansehen, wurde von jedermann gefürchtet, und hat eine Menge Gold und Silber, prächtige Kleider, schöne Pferde, eine herrliche Tafel, hübsche Knaben und schöne Weiber zurücklassen müssen: es ist also ganz natürlich daß es ihm wehe thut von dem allen weggerissen zu seyn. Ich weiß nicht wie es kommt, aber es ist als ob die Seele an diesen Dingen wie ein Vogel an einer Leimruthe kleben bleibe, und sich gar nicht davon loßwinden könne noch wolle; es sind Bande, die immer unauflößlicher werden, je länger man sie trägt, und die Gebundenen gewöhnen sich so daran, daß sie in laute Wehklagen ausbrechen, wenn man sie mit Gewalt aus ihrem Kerker führt. Wie übermüthig sie auch sonst sind, sobald sie diesen Weg in die Unterwelt antreten sollen, entfällt ihnen das Herz; sie sehen sich, wie unglückliche Liebhaber, mit Sehnsucht nach dem was sie zurücklassen mußten um, und wünschen, wär' es auch nur von ferne, noch einmal in das Tageslicht zurück zu blicken;Der Schuster Micyllus hört sich gerne reden, wie man sieht, und dieß charakterisirte ihn schon in seinem Dialog mit seinem Haushahn [in dieser Auswahl nicht enthalten]. Sollten sich auch die griechischen Schuster durch den Hang zum grübeln und spintisiren, den man an unsern modernen Schustern bemerkt haben will, schon ausgezeichnet haben? wie es dieser Narr da machte, der unterwegs sogar ausreissen wollte, und dir hier mit seinen unablässigen Bitten lästig wurde. Ich hingegen, der weder Äcker noch Haus und Hof, noch baares Geld, noch Geräthe, noch Ehrenstellen noch Ahnenbilder auf der Welt zurück ließ, ich war gleich reisefertig. Auf den ersten Wink der Atropos warf ich fröhlich meinen Schusterkneif und den unvollendeten Halbstiefel, den ich eben in Händen hatte, weg, sprang auf, barfuß wie ich war, ohne mir nur das Pech von den Händen zu waschen, und folgte, oder lief vielmehr voraus, und sah nur immer vorwärts, weil ich nichts nachließ das mich zurückgerufen oder nur den Kopf zu drehen gereizt hätte. Auch finde ich wahrlich alles bey euch recht schön, und besonders ist die hier eingeführte Gleichheit sehr nach meinem Geschmack. Vermuthlich wird hier kein Schuldner mehr von seinen Gläubigern angefochten; hoffentlich hat man bey euch keine Steuern und Gaben mehr zu bezahlen, und, was das vornehmste ist, ich bin, denke ich, hier sicher, weder im Winter mehr zu frieren, noch krank zu werden, noch von dem vornehmen Volke Stockschläge zu bekommen. Hier ist eitel Friede, und eine völlig umgekehrte Welt: wir armen Leute lachen hier, die Reichen hingegen jammern und heulen.

Klotho. Darüber also seh' ich dich diese ganze Zeit über so lustig? Aber was kam dir denn am lächerlichsten vor?

Micyllus. Das will ich dir sagen, o geehrteste unter allen Göttinnen. Weil ich da oben nicht weit von dem Tyrannen wohnte, so hatte ich Gelegenheit alles was bey ihm vorgieng genau zu beobachten; und, wenn ich ihn dann so in seinen schimmernden Purpurröcken daherstolziren sah, und sah die Menge von Bedienten, die hinter ihm her giengen, und das viele Gold in seinem Palaste, die mit Edelsteinen besetzten Trinkgefäße, und die vielen Kanapees mit silbernen Füßen, und besonders wenn mich der Wohlgeruch der vielen köstlichen Speisen, die für seine Tafel zubereitet wurden, in die Nase biß: da schien mirs klar, daß er mehr als ein bloßer Mensch, und das glücklichste und herrlichste aller Wesen sey. Oft, wenn er so feyerlich einher stieg und sich in die Brust warf, und alle, die sich ihm näherten, durch einen bloßen Blick aus ihrer Fassung brachte, kam es mir vor, er sey würklich schöner und größer als er war, und wenigstens eine Elle höher als alle andere Menschen. Allein seitdem er todt ist und ich ihn von aller dieser Herrlichkeit rein ausgezogen sehe, finde ich daß er ein höchst lächerliches Kerlchen ist; aber noch mehr muß ich über meine eigene Einfalt lachen, daß ich vor einem solchen Schuft so viel Respect haben konnte, und mich durch den Bratengeruch aus seiner Küche und das Schneckenblut, womit seine Kittel gefärbt waren, verführen ließ ihn anzustaunen und selig zu preisen. Als ich aber vollends noch den Geldmäkler Gniphon gewahr wurde, und sah wie der arme Tropf ächzte, und sichs reuen ließ daß er seine Reichthümer nicht genossen hatte, sondern ohne was davon gekostet zu haben, aus der Welt gegangen war, um all' sein Haab und Guth dem liederlichen Rhodocharis zu hinterlassen, der als nächster Anverwandter sein Intestat-Erbe war: da konnt' ich gar nicht mehr aufhören zu lachen, indem ich zurückdachte, wie bleich und schmutzig der Mensch immer aussah, wie ihm Kummer und Sorge die Stirne zusammenzogen, und wie alles was er von seinem Reichthum hatte darin bestand, daß er alle die Tausende und Zehentausende in seine Geldsäcke hineinzählte, und mit saurer Mühe stückweise zusammenscharrte, was der glückliche Rhodocharis in kurzem zu ganzen Händenvoll verschleudern wird. – Aber warum stoßen wir nicht vom Lande? Wir könnten das übrige während der Überfahrt nachholen. Ihr Gewinsel wird es uns nicht an Stoff zu Lachen fehlen lassen.

Klotho. So steig ein, damit der Fährmann den Anker lichten kann.

Charon zum Micyllus, der einsteigen will. Hola, du, wo hinaus? Der Kahn ist schon voll. Du kannst warten wo du bist; morgen früh wollen wir dich übersetzen!

Micyllus. Du thust mir Unrecht, Charon, mich zurückzulassen, da ich schon seit gestern eine Leiche bin. Ich werde dich beym Rhadamanth verklagen, daß du das Gesetz nicht besser beobachtest. – O weh! Sie fahren ab und lassen mich hier mutterseelenallein. – Aber warum sollt' ich ihnen nicht nachschwimmen können? Da ich einmal todt bin, ist mir nicht vorm Ersaufen bange. Ich habe ohnehin keinen halben Batzen um das Fährgeld zu bezahlen.

Klotho. Was ist das? Halt, Micyllus! Es ist nicht erlaubt, so herüber zu kommen.

Micyllus. Ich will vielleicht noch vor euch am andern Ufer seyn.

Klotho. Das geht nicht an. Wir wollen ihm entgegenfahren und ihn einnehmen. Zieh ihn herein, Merkur!

Charon. Und wo soll er sitzen? Du siehst ja daß alles voll ist.

Merkur. Er kann dem Tyrannen auf die Schultern hocken wenn dirs recht ist.

Klotho. Ein trefflicher Einfall, Merkur! – Steig ein, und tritt dem Verruchten auf den Nacken! – Nun fort und Glück zur Überfahrt!

Cyniskus. Charon, es wird dir am besten seyn wenn ich dir gleich die Wahrheit sage: ich kann keinen halben Batzen für meine Person bezahlen; denn ausser diesem Schnappsack und meinem Stecken hab' ich nie in der Welt nichts. Wenn du aber willst, daß ich pumpen oder rudern helfen soll, so bin ich bereit. Du sollst mit mir zufrieden seyn, insofern du mir nur ein tüchtiges Ruder geben willst.

Charon. So rudre! ich bins zufrieden daß du mir dein Fährgeld abverdienest.

Cyniskus. Darf ich auch eins dazu singen?

Charon. O ja, wenn du ein hübsches Schifferlied weißt.

Cyniskus. Mehr als eins, Charon. – Er singt. Hörst du, wie uns diese da mit ihrem Gewinsel secundiren? Das wird ein jämmerliches Gesinge geben!

Ein Reisender. O meine Schätze!

Ein Andrer. O meine schönen Landgüter!

Noch ein Andrer. Ach, ach! Das schöne Haus das ich zurücklassen mußte!

Ein Andrer. O! wie wird mein Erbe die vielen Tausende vergeuden die er von mir bekommt!

Ein Andrer. Hu! Hu! Meine armen Kleinen!Ich möchte zur Ehre des Herzens Lukians wünschen, daß ihm diese Zeile nicht entwischt wäre –

Ein Andrer. Wer wird nun den Wein lesen den ich vor einem Jahre pflanzte?

Merkur. Micyll, hast denn du allein nichts zu weinen? Es geht ganz und gar nicht an, daß hier jemand mit trocknen Augen überfahre.

Micyllus. Laß mich mit Frieden, Merkur; ich habe nichts zu heulen, da unsre Fahrt so gut von statten geht.

Merkur. Seufze nur wenigstens ein Bißchen um den Brauch mit zu machen.

Micyllus. Nun, so will ich denn auch heulen weil du es so haben willst, Merkur. – In einem burlesk tragischen Tone. O meine Riemen! O meine alten Pantoffel! Au, au! Meine durchgetretnen Schuhsolen! Nun werd' ich unglücklicher von Morgen bis an den Abend ungegessen seyn müssen, und im Winter ohne Schuhe und halbnackend herumirren, und vor Kälte mit den Zähnen klappen! Wer wird sich nun meines Kneifs und meiner Ahle bemächtigen? – Zu Merkur. Das, dächte ich, heißt doch was ehrliches gejammert? – Wir sind beynahe am Lande.

Charon. Nun, fürs erste zahle jeder sein Fährgeld! – He da, du auch! – Haben alle bezahlt? – Gieb du deinen halben Batzen auch, Micyll!

Micyllus. Du scherzest, Charon, oder wenn dirs Ernst ist, desto schlimmer! Du könntest eben so leicht einen hölzernen Bock melkenim Griechischen: du schreibst in den Sand wenn du vom Micyll einen Obolus erwartest., als vom Micyllus einen halben Batzen auspressen. Ich habe mein Tage nicht gewußt ob ein halber Batzen rund oder viereckigt ist.

Charon. Nun wahrhaftig, bey der heutigen Fahrt ist unser Profit bald gezählt! – Steigt aus, damit ich nun die Pferde, Ochsen, Hunde, und die übrigen Thiere holen kann; denn die müssen auch herübergefahren seyn.

Klotho. Du, Merkur, übernimm diese Todten und führe sie ab: Ich fahre wieder an das jenseitige Ufer zurück, um die Serischen Fürsten Indopathes und HeramithresEs versteht sich doch wohl ohne abermalige Erinnerung, daß alle Nahmen, die in diesem Stücke vorkommen, erdichtet sind; die Ausleger sind lepida capita mit ihrem gutherzigen Bedauern, daß sie uns keine nähere Nachrichten von diesem Indopathes und Heramithres geben können! herüber zu bringen, die in einem Streit über ihre Grenzen ums Leben gekommen sind. Sie fährt mit Charon ab.

Merkur. Vorwärts ihr Bursche! oder vielmehr, marschiert alle in guter Ordnung hinter mir her.

Micyllus. Zum Herkules! Was es hier finster ist! Wo ist nun der schöne Megillus? Oder woran könnte man hier unterscheiden ob Phryne schöner als Symmiche ist? Alles hat hier nur Eine Farbe, nichts ist weder schön noch schöner, und sogar mein armseliger Kittel, der noch kaum mir selbst abscheulich vorkam, gilt jetzt so viel als der Purpurrock eines Königs; unter der Hülle dieser Finsterniß sind beyde gleich unsichtbar. – Wo bist du, Cyniskus?

Cyniskus. Hier Micyll! – hier, sag' ich – wenn dirs recht ist, wollen wir mit einander gehen.

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