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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 105
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Megapenthes. Ich bitte um keine lange Zeit, o Parze; laß mich wenigstens nur einen einzigen Tag bleiben, damit ich meiner Gemahlin meiner Verlassenschaft halben Befehle geben, und ihr sagen kann, wo ich den großen Schatz vergraben habe.

Klotho. Der Schluß steht feste; dein Bitten ist vergeblich.

Megapenthes. Und ein solcher Haufen Goldes soll verlohren seyn!

Klotho. Darüber mache dir keinen Kummer; dein Vetter Megakles wird ihn finden.

Megapenthes. Welche Kränkung! Was? Mein ärgster Feind, den ich aus bloßer Feigherzigkeit nicht vor mir aus der Welt geschickt habe?

Klotho. Eben der; und er wird dich um mehr als vierzig Jahre überleben, und sich deine Beyschläferinnen, deine prächtigen Kleider und alle deine Reichthümer zueignen.

Megapenthes. Das ist ungerecht von dir, Klotho, daß du das Meinige meinem ärgsten Feinde zutheilest!

Klotho. Wie? Hast denn du nicht dasselbe gethan? Hast du dir nicht das alles von deinem Vorfahrer Kydimachus zugeeignet, nachdem du ihn selbst, und seine Kinder noch vor seinen sterbenden Augen ermordet hattest?

Megapenthes. Aber nun war es einmal mein!

Klotho. Der Termin deines Besitzes ist abgelaufen, wie du siehest.

Megapenthes. Höre mich an, Klotho, ich habe dir was allein zu sagen. Ihr andern entfernt euch ein wenig. Wenn du mich heimlich entfliehen lassen willst, so verspreche ich daß ich dir heute noch tausend Talente gemünzten Goldes in die Hände liefern will.

Klotho. Närrischer Kerl! Du hast also den Kopf noch immer mit Gold und Talenten angefüllt?

Megapenthes. Ich will, wenn du es verlangst, noch zwey goldene Pokale dazu thun, die ich durch Ermordung des Theokritus gewann, und deren jeder hundert Talente des feinsten Goldes schwer ist.

Klotho. Schleppt ihn in den Kahn! Es scheint nicht als ob er gutwillig einsteigen werde.

Megapenthes. Ich nehme euch alle zu Zeugen des Unrechts das mir geschieht. Die Mauer und das Schiffzeughaus bleiben nun unvollendet, die ich zu Stande gebracht haben würde, wenn ich nur noch fünf Tage länger gelebt hätte.

Klotho. Sey ohne Sorge, ein anderer wird sie ausbauen.

Megapenthes. Aber was ich jetzt verlange ist doch gewiß äusserst billig.

Klotho. Und was wäre das?

Megapenthes. Nur noch so lange zu leben bis ich die Pisidier bezwungen, den Lydiern einen Tribut auferlegt, und mir selbst ein prächtiges Monument errichtet und es mit einer Aufschrift aller großen und königlichen Thaten, die ich in meinem Leben gethan, versehen haben werde.

Klotho. Wie? Anstatt eines Tages verlangst du auf einmal zwanzig Jahre?

Megapenthes. Ich bin bereit euch für die Eilfertigkeit, womit ich meine Zurückkunft beschleunigen will, Bürgen zu stellen, ja, wenn ihr wollt, will ich euch indessen meinen einzigen Sohn als meinen Stellvertreter zuschicken.

Klotho. Bösewicht! Und da oben batest du die Götter so oft daß er dich überleben möchte!

Megapenthes. Das that ich ehmals: aber jetzt hab' ich den Werth des Lebens besser kennen gelernt.

Klotho. Auch deinen Sohn wirst du in kurzem hier sehen; der jetzige Regent ist dir bereits zuvor gekommen.

Megapenthes. So wirst du mir doch dieß einzige nicht abschlagen, gute Parze!

Klotho. Was denn?

Megapenthes. Ich möchte nur sehen wie es in meinem Hause zugeht.

Klotho. Das sollst du hören, und du wirst schlechte Freude daran haben. Dein Weib wird deinem ehmaligen Sclaven Midas zu Theil werden, der schon lange ihr Galan war.

Megapenthes. Der verdammte Bube, dem ich auf ihre Fürsprache die Freyheit schenkte!

Klotho. Deine Tochter wird unter die Beyschläferinnen des jetzigen Königs gesteckt, und alle die Bildsäulen und Brustbilder, die dir ehmals auf gemeine Kosten gesetzt wurden, werden in Stücken zerschlagen und ein Gegenstand des Spottes der Vorübergehenden werden.

Megapenthes. Wie? und meine Freunde sehen dem allem ruhig zu? Ist keiner unter ihnen, der darüber in Feuer geräth und sich entgegensetzt?

Klotho. Wer sollte dein Freund gewesen seyn, und aus welchen Ursachen? Du weißt also nicht, daß alle diese Leute, die sich bis zur Erde vor dir bückten, und alles was du sagtest und thatest vortrefflich fanden, es bloß aus Furcht oder Hoffnung thaten, den Mantel bloß nach dem Winde hiengen, und des Fürsten nicht des Megapenthes Freunde waren?

Megapenthes. Und bey den Banketten die ich ihnen gab, war immer ihr erstes, eine Libation auf meine Gesundheit auszubringen und mit großem Geschrey mir alles mögliche Gute zu wünschen! Da war nicht Einer, der nicht bereit war an meiner statt zu sterben wenn's angienge; kurz, sie hatten keinen andern Schwur als bey meinem Leben!

Klotho. Und zum Beweise ihrer Aufrichtigkeit verlohrest du es, als du gestern bey einem von ihnen schmaußtest. Der letzte Becher, der dir eingeschenkt wurde, hat dich hieher geschickt.

Megapenthes. Das war also die Ursache des bittern Nachgeschmacks? Aber warum that er das?

Klotho. Keine unnützen Fragen! Es ist Zeit daß du einmal einsteigst.

Megapenthes. Ich habe nur noch ein einziges auf dem Herzen, das mich ganz besonders drückt, und weßwegen ich noch einmal einen Blick ins Tageslicht thun möchte.

Klotho spöttisch. Das muß ja was ganz ausserordentliches seyn. Was ists denn?

Megapenthes. Karion, einer meiner Sclaven, sobald er hörte daß ich todt sey, schlich sich Abends spät in das Gemach, wo ich lag und wo meine Beyschläferin Glycerion ganz allein bey meinem Leichnam wachte. Da er die Gelegenheit so günstig fand, schloß er die Thür ab, und machte sich ohne alle Scheu (weil sie ganz allein zu seyn glaubten) über das Mädchen her, die, wie ich merkte, schon lange so vertraulich mit ihm gelebt haben mußte. Wie der Schurke seine Lust gebüßt hatte, sah er nach mir hin, und sagte: Da nimm das, du verdammter Kerl, für die Schläge, die du mir so oft unverdienter Weise gegeben hast! und damit zupfte er mich beim Barte, gab mir Maulschellen bis ers müde war, räusperte dann so breit er konnte, spuckte mir ins Gesicht, hieß mich zu allen Teufeln fahren, und machte sich davon. Ich hätte vor Ärger bersten mögen, und konnte dem Buben doch nichts thun, weil ich bereits kalt und erstarrt war. Aber die verfluchte Spitzbübin, sobald sie Leute kommen hörte, netzte sich die Augen mit Speichel, als ob sie über meiner Leiche geweint hätte, und gieng mit Geheul und zärtlichen Ausrufungen meines Nahmens davon. O! wenn ich nur die beyden kriegen könnte!

Klotho. Spare diese Drohungen und steig ein! Die Zeit ist da, wo du vor Gericht erscheinen mußt.

Megapenthes. Und wer darf sich unterstehen über einen Souverän richten zu wollen?

Klotho. Über den Souverän niemand, aber über den Todten Rhadamanthus, den du bald zu sehen bekommen, und dann erfahren wirst, daß er mit der strengsten Gerechtigkeit jedem nach Verdienen sein Urtheil spricht. Halte uns nun nicht länger auf!

Megapenthes. Und wenn du auch nur einen gemeinen armen Mann aus mir machen wolltest, liebste Parze, nur einen Sclaven! ich will gerne nicht mehr König seyn – laß mich nur wieder leben!

Klotho. Wo ist der mit dem Knittel? – Merkur, zieh ihn bey den Füßen hinein, weil er nicht gutwillig einsteigen will.

Merkur. Fort, du Ausreisser! Marsch! – Zu Charon. Da, Charon, nimm ihn ein, und den handfesten Gesellen hier dazu! Und Sicherheits halben soll der Tyrann an den Mast gebunden werden!

Megapenthes. Mir gebührt der oberste Sitz.

Klotho. Und warum das?

Megapenthes. Zum Herkules, weil ich ein regierender Fürst war und zehntausend Trabanten hatte.

Klotho. Und Karion hätte einen so brutalen Burschen wie du bist nicht mit Recht beym Barte gezaußt? Aber der Knittel hier, wenn du ihn zu kosten kriegen wirst, soll dir die Souveränität garstig verbittern!

Megapenthes. Wie? Ein Cyniskus sollte sich unterstehen den Stecken gegen mich aufzuheben? Wie viel fehlte neulich, da du dir die Freyheit herausnahmst über mich zu räsonniren, daß ich dich nicht ans Kreuz nageln ließ?

Cyniskus. Dafür sollst du auch jetzt an den Mast genagelt werden.

Micyllus. Ey sage mir doch, Klotho, wird denn unser einer bey euch für gar nichts gerechnet, und muß ich, weil ich nur ein armer Mann bin, darum gerade der letzte im Einsteigen seyn?

Klotho. Wer bist du denn?

Micyllus. Der Schuster Micyllus.

Klotho lächelnd. Und du beschwerst dich daß du aufgehalten werdest? Du hast gehört wieviel der Tyrann zu geben versprach, um nur auf eine kurze Zeit losgelassen zu werden: und dir wäre die Verzögerung nicht willkommen?

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