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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 104
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die ÜberfahrtDie Überfahrt. Ein kleines Aristophanisches Drama, wovon die Scene in der unterirdischen Welt liegt, und der Contrast zwischen dem Zustande, in welchen (bey Voraussetzung der Persönlichkeit dessen was von uns fortdauert,) der Tod einen lasterhaften König, und einen unschuldigen Bettler natürlicher und nothwendiger Weise versetzt, den Hauptinhalt ausmacht. Die Lebhaftigkeit der Darstellung, und das Interesse, das Lukians Geist und Laune auch in die gemeinsten Lieux communs zu bringen weiß, geben diesem Stück eine Stelle unter seinen besten; und da es halb ein Götter- und halb ein Todten-Gespräch ist, so vereinigt es auch den Charakter und Werth dieser beyden Gattungen in sich – feine Verspottung populärer Wahnbegriffe, ohne daß er selbst den Mund dabey verzieht, und praktische Lebensweisheit, indem er seine Leser bloß mit einem Mährchen aus der andern Welt belustigen zu wollen scheint.
oder
der Tyrann.

Charon, Klotho, Merkur, Cyniscus, Megapenthes, Micyllus. Einige andre Todten. Tisiphone. Rhadamanthus.

Charon. Sehr gerne, Klotho! mein Nachen ist schon lange zu recht gemacht und zur Überfahrt in bestem Stande; das Wasser ist ausgepumpt, der Mast aufgerichtet, das Segel aufgespannt, und die Ruder hangen fest an ihren Riemen. Auf meiner Seite ist also kein Hinderniß den Anker zu lichten und davonzufahren. Nur Merkur, der schon lange da seyn sollte, hält uns noch auf; es fehlt an Passagieren, und anstatt daß wir heute schon dreymal hätten fahren können, kommt die Feyerabendszeit herbey ehe noch ein Kreuzer verdient ist. Und dann wird Pluto, ich kenn' ihn schon, sich einbilden es rühre von meiner Saumseligkeit her, da die Schuld doch bloß an einem andern liegt. Ganz gewiß wird unser holder Todtenführer da oben lethäischen – Wein getrunken haben, daß er zu uns zu kommen vergessen hat; oder er amüsirt sich irgendwo, auf einem Fechtplatz mit jungen Burschen sich herum zu balgen, oder auf der Cither zu spielen, oder macht den Redner und kramt seine langweiligen Possen aus. Vielleicht hat der edle Herr auch wohl im Vorbeygehen etwas zu mausen gefunden; denn auch das ist eine von seinen sieben Künsten. Er nimmt sich große Freyheiten mit uns heraus, da er doch zur Hälfte in unsern Diensten ist!

Klotho. Woher kannst du wissen, Charon, ob ihm nicht eine andere Abhaltung vorfiel, und Jupiter vielleicht seiner zu den Geschäften der Oberwelt länger als gewöhnlich vonnöthen hat. Denn der ist ja ebenfalls sein Herr. –

Charon. Aber so weit geht sein Recht nicht, daß er einen gemeinschaftlichen Diener über die gehörige Zeit brauchen dürfte! Wir halten ihn ja auch nicht auf, wenn er gehen muß. Aber ich weiß sehr gut woran die Schuld liegt. Bey uns giebt es nichts als Asphodilblumen und Libationen von dünnen Honigkuchen, und magere Todtenopfer; alles übrige ist Nebel und ewige Finsterniß. Im Himmel hingegen lacht einen Alles an, und Ambrosia und Nektar giebts da die Fülle. Es ist ganz natürlich daß man sich lieber dort aufhalten läßt. Von uns eilt er immer, wie aus einem Kerker, was er kann davon: ists aber Herabsteigenszeit, da hat er immer noch was zu thun; da gehts Schritt vor Schritt, und man muß noch froh seyn wenn er nur endlich einmal da ist.

Klotho. Höre auf zu sprudeln, Charon; da kommt er ja, wie du siehst, und bringt uns eine Menge Leute mit, oder treibt sie vielmehr mit seiner Ruthe, in einen Haufen zusammengedrängt, wie eine Heerde Ziegen vor sich her. – Aber was ist das? Einer unter ihnen ist gebunden, ein andrer lacht an einem weg, noch ein andrer hat einen großen Schnappsack um die Schultern hängen und einen Knittel in der Hand. Der Kerl macht ein recht gefährliches Gesicht, und schlägt immer auf die andern zu, daß sie schneller gehen sollen. Und siehst du nicht wie Merkuren der Schweiß vom ganzen Leibe rinnt, wie bestaubt seine Füße sind, und wie er keucht und kaum zu Athem kommen kann? – Was bedeutet denn das, Merkur? Warum so hastig? du bist ja ganz außer dir?

Merkur. Was sollte es seyn, Klotho, als daß ich diesem Ausreisser so lange habe nachlaufen müssen, daß ich schon besorgte ich würde euern Nachen heute gar nicht zu sehen bekommen.

Klotho. Wo ist er denn, und was kam ihn an daß er davon lief?

Merkur. Das ist leicht zu errathen, daß er lieber gelebt hätte. Er ist irgend ein König oder Fürst, soviel ich aus seinem Heulen und Wehklagen über die große Glückseligkeit, die ihm seinem Sagen nach geraubt wurde, schließen kann.

Klotho. Und der alberne Mensch hat davon laufen wollen, als ob er noch fortleben könnte, wenn der Faden, den ich ihm gesponnen habe, ausgegangen ist!

Merkur. Er wollte davon laufen, sagst du? Ich versichere dich, wenn dieser wackere Mann mit dem Knittel hier mir nicht geholfen hätte ihn einzuhohlen und zu binden, er wäre jetzt über alle Berge. Denn von dem Augenblick an, da ihn Atropos in meine Hände übergab, wehrte und sträubte er sich den ganzen Weg über, oder stämmte sich mit den Füßen gegen den Boden daß ich ihn beynahe nicht von der Stelle bringen konnte. Zuweilen warf er sich auf die Knie vor mir und bat mich flehentlich und unter großen Versprechungen, ihn nur auf eine ganz kurze Zeit gehen zu lassen. Natürlicher weise ließ ich ihn nicht gehen da er das Unmögliche verlangte. Da wir aber bereits an der Mündung angelangt waren, und ich, wie gewöhnlich die mitgebrachten Todten dem Äakus zuzählte, und dieser sie mit der Note, die ihm deine Schwester geschickt hatte, verglich und überrechnete: ersah der verfluchte Kerl, ich weiß nicht wie, eine Gelegenheit uns aus den Augen zu kommen, und machte sich davon. Wie nun beym Nachrechnen ein Todter fehlte, zog mein Äakus die Augenbraunen in die Höhe, und wollte mich beschuldigen daß ich einen unterschlagen hätte. Deine Geschicklichkeit im Stehlen ist nicht überall wohl angebracht, sagte er: im Himmel magst du solche Späße treiben so viel du willst, aber in den Angelegenheiten des Todtenreiches wird Alles aufs genaueste genommen, und man kann uns nicht hintergehen. Hier stehen, wie du siehest, tausend und vier Stück auf der Note, und du bringst mir einen weniger, oder du müßtest nur sagen wollen, Atropos habe sich verrechnet. Ganz beschämt über einen solchen Vorwurf erinnerte ich mich sogleich dessen was unterwegs vorgegangen war; ich schaute herum, und da ich diesen Kerl nicht mehr sah, merkte ich daß er durchgegangen seyn müsse, und verfolgte ihn augenblicklich auf dem Wege der an das Tageslicht zurückführt. Dieser wackere Mann hier folgte mir von freyen Stücken, wir liefen als ob es eine Wette gelte, und ergriffen unsern Flüchtling noch da er schon den Tänarus erreicht hatte; so wenig fehlte daß er uns entwischt wäre.

Klotho. Und wir, Charon, sprachen dem Merkur schon wegen vermeynter Nachläßigkeit das Urtheil!

Charon. Nun, was zaudern wir noch länger, als ob wir nicht schon lange genug aufgehalten worden wären?

Klotho. Du hast Recht; sie sollen einsteigen! Ich will mich, wie gewöhnlich, mit meinem Diarium an die Schiffsleiter setzen und jeden einsteigenden examiniren, wer er ist, wo er herkommt, und was für eines Todes er gestorben ist; du, Merkur, stelle sie in Reyhe und Glieder! Aber vorher wirf diese Neugebohrnen hinein; denn was könnten die mir antworten?

Merkur. Sieh her, Fährmann! ihrer sind, mit Einschluß der Ausgesetzten, dreyhundert an der Zahl.

Charon. O weh! ein schlechter Fang! das ist gar zu grüne Waare, Merkur, die du uns da mitbringst!

Merkur. Wollen wir nicht auch die Unbeweinten zu den Vorigen auf Einen Haufen werfen, Klotho?

Klotho. Die Alten meynst du? Gut! Wofür sollt' ich mir auch die Mühe geben, so tief in die alte Geschichte einzudringen? – Alle, die über sechzig sind, sollen herbeykommen! – Was ist das? Sie hören mich nicht? Sollten sie denn alle vor Alter harthörig geworden seyn? Du wirst sie wohl auch aufpacken und hineintragen müssen, da sie so schwach auf den Beinen sind.

Merkur. Hier sind ihrer vierhundert, weniger zwey, alle weich und reif, und zu rechter Zeit abgeschnitten!

Klotho. Dafür steh' ich! Sie sind ja alle so eingeschrumpft wie die trocknen Weinbeeren. – Bringe nun die an Wunden gestorbenen herbey, Merkur! – Vor allen Dingen sagt mir, was die Ursache ist warum ihr hier seyd? – Doch, ich komme kürzer davon wenn ich euch nach der Note recensire. Gestern müssen in Medien ihrer drey und achtzig in einem Gefechte geblieben seyn, und unter ihnen Gobaris des Oxyartes Sohn.

Merkur. Hier sind sie!

Klotho. Sieben haben sich selbst aus Liebe abgethan, und der Philosoph Theagenes einer Courtisane aus Megaren wegen.

Merkur. Hier!

Klotho. Wo sind die beyden, die einander wegen eines Thrones die Hälse gebrochen haben?

Merkur. Da stehen sie!

Klotho. Und ein Gewisser, der von seiner Frau und ihrem Galan ermordet wurde?

Merkur. Da, neben dir.

Klotho. Bringe nun auch die zum Tode verurtheilten her, die zu Tode geprügelten, die gespießten, die gekreuzigten. Und wo sind die sechzehn, die von Straßenräubern umgebracht wurden?

Merkur. Diese durchlöcherten hier sind es. – Soll ich dir nun auch die Weibspersonen zusammen vorführen?

Klotho. O ja, und die in Schiffbrüchen ertrunknen, weil sie entweder zugleich oder einerley Todes gestorben sind. – Auch die am hitzigen Fieber gestorbenen, mit ihrem Arzt Agathokles. – Aber wo ist denn der Philosoph Cyniskus, der ja wohl sterben mußte, da er so viele Hekatesmähler und Lustraleyer und über alles das zuletzt noch gar einen ganzen Tintenfisch roh aufgefressen hat?

Cyniskus. Ich warte schon lange auf dich, schönste Klotho. Was hab' ich denn gesündigt, daß du mich eine so schrecklich lange Zeit da oben gelassen hast? Würklich hast du bloß mit meinem Leben beynahe deine ganze Spindel voll gemacht. Ich hatte es so satt, daß ich oft den Faden zu zerreissen versuchte; aber ich weiß nicht wie es kam, er wollte schlechterdings nicht brechen.

Klotho. Ich ließ dich leben um ein Beobachter und Arzt der menschlichen Thorheiten zu seyn. So steige dann ein, und sey willkommen!

Cyniskus. Nicht eher, beym Herkules! bis wir diesen Gebundenen hier an Bord gebracht haben. Ich besorge immer er möchte dich mit seinem Bitten erweichen.

Klotho. Wer ist er denn?

Merkur. Der Tyrann Megapenthes, des Lacydes Sohn.

Klotho zu Megapenthes. Steig ein!

Megapenthes. O nicht doch, großmächtigste Gebieterin Klotho! Laß mich nur auf eine kleine Zeit wieder auf die Oberwelt zurück! Ich will dir von selbst und ungerufen wiederkommen.

Klotho. Und warum möchtest du denn zurück?

Megapenthes. Ich möchte gerne meinen Palast ausbauen, den ich halbfertig zurückgelassen habe.

Klotho. Possen! Steig ein!

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