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Lügengeschichten und Dialoge

Lukian von Samosata: Lügengeschichten und Dialoge - Kapitel 101
Quellenangabe
typenarrative
booktitleLügengeschichten und Dialoge
authorLukian von Samosata
translatorChristoph Martin Wieland
year1985
publisherGreno Verlagsgesellschaft
addressNördlingen
isbn3921568153
titleLügengeschichten und Dialoge
pages3-611
sendergerd.bouillon@t-online.de
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XXIV.

Merkur bricht in ungeduldige Klagen über sein Schicksal aus.

Merkur und Maja.

Merkur. Giebt es wohl im ganzen Himmel einen elendern Gott als mich?

Maja. Rede nicht so ungebührlich, mein Sohn!

Merkur. Wie, Mutter? ich soll nicht reden dürfen, ich, der ich mit so unendlich viel Geschäften geplagt bin, immer allein arbeiten, und mich zu so vielerley knechtischen Diensten herumzerren lassen muß? Morgens früh, sobald ich aufgestanden bin, ist gleich mein erstes den Speisesaal auszukehren und die Madratzen in der Rathsstube zurechte zu legen; wenn nun alles in die gehörige Ordnung gebracht ist, dann muß ich bey Jupitern aufwarten, und den ganzen Tag hin und her und auf und nieder laufen, um seine Befehle und Bothschaften in der Welt herumzutragen. Kaum bin ich wieder im Himmel angelangt, so muß, ohne daß ich nur so viel Zeit habe den Staub abzukehren, die Ambrosia aufgetragen werden; ehe Ganymed als Mundschenk herauf kamIm Original: »ehe dieser neuerkaufte Mundschenk kam« – Dieses Beywort bezieht sich darauf, daß Jupiter den Vater des jungen Ganymedes, Tros, für seinen entführten Sohn mit einem Zug unsterblicher Götterpferde befriedigte, wie aus Homers Ilias V. v. 265.66. zu ersehen ist., hatte ich auch den Nektar einzuschenken. Aber das unerträglichste ist, daß ich der einzige unter allen Göttern bin, der sogar bey Nacht keine Ruhe hat; denn da muß ich dem Pluto die Seelen der Verstorbenen zuführen, und bey dem Gericht über sie zugegen seyn. Nicht genug, daß ich den ganzen Tag über den Fechtmeister, den Herold und den Professor der Rhetorik macheWeil die Ringer, die Herolde oder Caduceatoren, und die Redner ihn als ihren Schutzpatron ansahen., muß ich zu so vielen Geschäfften, in die ich zerstückelt bin, wenn andere schlafen noch die Angelegenheiten der Todten besorgen! Die Söhne der LedaKastor und Pollux. S. den XXVIsten Dialog. lösen einander doch ab, und während der eine seinen Tag bey den Todten zubringt, lebt der andere im HimmelWenigstens ist dieß der Sinn der Worte des Merkurs, der sich hier (im Zorn vermuthlich) etwas undeutlich ausdrückt., ich hingegen muß tagtäglich an beyden Orten seyn. Die Söhne der Alkmena und Semele, die doch nur armselige sterbliche Weiber waren, sitzen sorgenlos an der Göttertafel und lassen's sich belieben; und ich, Sohn der Maja und Enkel des Atlas, muß ihnen aufwarten! Nur eben komme ich von der Schwester des KadmusNehmlich der Europa. Ohne Zweifel war es ein bloßer Gedächtnißfehler, daß Lukian Tochter statt Schwester schrieb –, denn daß hier Europa, die Schwester, und nicht Semele, die Tochter dieses Phönizischen Abentheurers, gemeint sey, erhellet daraus, weil Merkur unmittelbar vorher von dem Sohne der Semele (nehmlich dem Bacchus) spricht, der als seine Mutter starb, noch nicht einmal gebohren war. zu Sidon zurück, nach deren Befinden ich mich in Jupiters Namen erkundigen mußte; und, ohne mich nur verschnaufen zu lassen, schickt er mich schon wieder nach Argos, die Danae zu besuchen; und wenn du auf dem Rückwege durch Böotien gehst, sagt er, so sieh im Vorbeygehen einen Augenblick nach der Antiope. In der That, ich halt' es nicht länger aus! Wenn ichs möglich zu machen wüßte, ich wollte mich mit Vergnügen an irgend einen Menschen auf der Erde zu den geringsten Sclavendiensten verkaufen lassen.

Maja. Laß diese Reden, mein Kind! Es ist deine Schuldigkeit deinem Vater in allem zu Befehl zu stehen, zumal da du noch so jung bist; und da er dich nun einmal abgeschickt hat, so eile was du kannst nach Argos und von da nach Böotien, oder du könntest noch oben drein für deine Saumseligkeit Schläge bekommen; denn die Verliebten haben eine gar hitzige Leber.

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