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Friedrich Schlegel: Lucinde - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
titleLucinde
authorFriedrich Schlegel
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-32517-4
pages3-141
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1799
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Zweiter Brief

Es ist sonderbar, daß der Mensch sich nicht vor sich selbst fürchtet. Die Kinder haben recht, daß sie so neugierig und doch so bange in die Gesellschaft der unbekannten Geister hineinblicken. Jeder einzelne Atom der ewigen Zeit kann eine Welt von Freude fassen, aber sich auch zu einem unermeßlichen Abgrund von Leiden und Schrecken öffnen. Ich begreife nun das alte Märchen von dem Manne, welchen ein Zauberer in wenigen Augenblicken viele Jahre durchleben ließ: denn ich habe die furchtbare Allmacht der Fantasie an mir selbst erfahren.

Seit dem letzten Briefe deiner Schwester – es sind nun drei Tage – habe ich die Schmerzen eines ganzen Menschenlebens gefühlt, von dem Sonnenlicht der glühenden Jugend, bis zum blassen Mondschein des weißen Alters.

Jeder kleine Umstand, den sie mir von deiner Krankheit schrieb, bestätigte mich, mit dem was ich in der vorigen von dem Arzt gehört und selbst beobachtet hatte, in dem Gedanken, sie sei weit gefährlicher, als ihr wüßtet, ja eigentlich nicht mehr gefährlich, sondern entschieden. In diesen Gedanken verloren, alle Kräfte durch die Unmöglichkeit, aus der weiten Ferne zu dir zu eilen, gelähmt, war mein Zustand wirklich sehr trostlos. Erst jetzt weiß ich's recht, wie er war, da ich durch die fröhliche Botschaft deiner Gesundheit wiedergeboren bin. Denn gesund bist du nun, so gut als völlig gesund. Das schließe ich aus allen Berichten mit eben der Zuversicht, mit der ich vor wenigen Tagen das Todesurteil über uns aussprach.

Ich dachte es mir gar nicht als noch künftig oder als geschehe es jetzt. Alles war vergangen; schon lange warst du im Schoß der kühlen Erde verhüllt, Blumen keimten allmählich auf dem geliebten Grabe, und meine Tränen flossen schon milder. Stumm und einsam stand ich und sah nichts als die geliebten Züge und die süßen Blitze der sprechenden Augen. Unbeweglich blieb dieses Bild vor mir, nur trat bisweilen das bleiche Gesicht des letzten Lächelns und des letzten Schlummers leise an die Stelle, oder plötzlich verwirrten sich die verschiedenen Erinnerungen. Mit unglaublicher Schnelle veränderten sich die Umrisse, kehrten zur ersten Gestalt zurück, und verwandelten sich von neuem, bis der überspannten Einbildung alles verschwand. Nur deine heiligen Augen blieben im leeren Raum und standen unbeweglich da, wie die freundlichen Sterne ewig über unsrer Armut schimmern. Unverrückt schaute ich nach den schwarzen Lichtern, die mit bekanntem Lächeln in die Nacht meiner Trauer winkten. Bald brannte ein stechender Schmerz aus dunklen Sonnen mit unerträglichem Blenden, bald schwebte und floß ein schöner Glanz, als wollte er mich locken. Da war es, als wehte eine frische Morgenluft mich an, ich warf mein Haupt in die Höhe, und es rief laut in mir: »Warum sollst du dich quälen, in wenigen Augenblicken kannst du ja bei ihr sein.«

Schon eilte ich, dir zu folgen, aber plötzlich hielt mich ein neuer Gedanke an, und ich sagte zu meinem Geist: »Unwürdiger, du kannst nicht einmal die kleinen Dissonanzen dieses mittelmäßigen Lebens ertragen und du hältst dich schon für ein höheres reif und würdig? Gehe hin zu leiden und zu tun was dein Beruf ist, und melde dich wieder, wenn deine Aufträge vollendet sind.« – Ist es nicht auch dir auffallend, wie alles auf dieser Erde nach der Mitte strebt, wie so ordentlich alles ist, wie so unbedeutend und kleinlich? So schien es mir stets; daher vermute ich – und ich habe dir diese Vermutung, wenn ich nicht irre, schon einmal mitgeteilt, – daß unser nächstes Dasein größer, im Guten wie im Schlechten kräftiger, wilder, kühner, ungeheurer sein wird.

Die Pflicht zu leben hatte gesiegt, und ich war wieder in dem Gewühl des Lebens und der Menschen, ihrer und meiner ohnmächtigen Handlungen und fehlervollen Werke. Da befiel mich Entsetzen, wie wenn ein Sterblicher sich in der Mitte unabsehlicher Eisgebirge plötzlich allein fände. Alles war mir kalt und fremd und selbst die Träne gefror.

Wunderliche Welten erschienen und schwanden mir im ängstlichen Traum. Ich war krank und litt viel, aber ich liebte meine Krankheit und hieß selbst den Schmerz willkommen. Ich haßte alles Irdische und freute mich, daß es bestraft und zerrüttet würde; ich fühlte mich so allein und so sonderbar, und wie ein zarter Geist oft mitten im Schoß des Glücks über seine eigne Freude wehmütig wird, und uns grade auf dem Gipfel des Daseins das Gefühl seiner Nichtigkeit überfällt, so schaute ich mit geheimer Lust auf meinen Schmerz. Er ward mir zum Sinnbilde des allgemeinen Lebens, ich glaubte die ewige Zwietracht zu fühlen und zu sehen, durch die alles wird und existiert, und die schönen Gestalten der ruhigen Bildung schienen mir tot und klein gegen diese ungeheure Welt von unendlicher Kraft, und von unendlichem Kampf und Krieg bis in die verborgensten Tiefen des Daseins.

Durch dieses sonderbare Gefühl ward die Krankheit zu einer eignen Welt in sich vollendet und gebildet. Ich fühlte, ihr geheimnisreiches Leben sei voller und tiefer als die gemeine Gesundheit der eigentlich träumenden Nachtwandler um mich her. Und mit der Kränklichkeit, die mir gar nicht unangenehm war, blieb mir auch dieses Gefühl und sonderte mich völlig ab von den Menschen, wie mich von der Erde der Gedanke trennte, dein Wesen und meine Liebe sei zu heilig gewesen, um nicht ihr und ihren groben Banden flüchtig zu enteilen. Es sei alles gut so und dein notwendiger Tod nichts als ein sanftes Erwachen nach leisem Schlummer.

Auch ich glaubte zu wachen, wenn ich dein Bild anschaute, das sich immer mehr zu einer heitern Reinheit und Allgemeinheit verklärte. Ernst und doch liebreizend, ganz Du und doch nicht mehr Du, die göttliche Gestalt umschienen von wunderbarem Glanz. Bald war es wie der furchtbare Lichtstrahl der sichtbaren Allmacht und bald ein freundlicher Schimmer goldener Kindheit. Mit langen stillen Zügen sog mein Geist aus der Quelle der kühlen reinen Glut, sich heimlich berauschend, und in dieser seligen Trunkenheit fühlte ich eine geistliche Würde eigner Art, weil mir in der Tat jede weltliche Gesinnung ganz fremde war und mich niemals das Gefühl verließ, daß ich dem Tode geweiht sei.

Langsam flossen die Jahre und mühevoll trat eine Tat nach der andern, ein Werk und dann wieder eines an sein Ziel, das so wenig das meinige war als ich jene Taten und Werke für das was sie heißen nahm. Es waren mir nur heilige Sinnbilder, alles Beziehungen auf die eine Geliebte, die die Mittlerin war zwischen meinem zerstückten Ich und der unteilbaren ewigen Menschheit; das ganze Dasein ein steter Gottesdienst einsamer Liebe.

Endlich nahm ich wahr, das sei nun das letzte. Die Stirn war nicht mehr glatt und die Locken wurden bleich. Meine Laufbahn war geendigt aber nicht vollendet. Die beste Kraft des Lebens war dahin und noch stand die Kunst und die Tugend ewig unerreichbar vor mir. Ich wäre verzweifelt, hätte ich nicht beide in Dir gesehn und vergöttert, holdselige Madonna! und Dich und Deine milde Göttlichkeit in mir.

Da erschienst Du mir bedeutend und winktest tödlich. Schon ergriff mich ein herzliches Verlangen nach Dir und nach der Freiheit; ich sehnte mich nach dem geliebten alten Vaterlande und wollte eben den Staub der Reise von mir schütteln, als ich wieder ins Leben gerufen ward durch das Verheißen und die Gewißheit Deiner Genesung.

Nun ward ich meines wachen Traumes inne, erschrak über alle die bedeutenden Beziehungen und Ähnlichkeiten und stand ängstlich an dem unsichtbaren Abgrund dieser innern Wahrheit.

Weißt Du was mir am meisten klar dadurch geworden ist? – Zuerst, daß ich Dich vergöttre, und daß es gut ist, daß ich so tue. Wir beide sind eins und nur dadurch wird der Mensch zu einem und ganz er selbst wenn er sich auch als Mittelpunkt des Ganzen und Geist der Welt anschaut und dichtet. Doch warum dichtet, da wir den Keim zu allem in uns finden und doch ewig nur ein Stück von uns selbst bleiben?

Und dann weiß ich's nun, daß der Tod sich auch schön und süß fühlen läßt. Ich begreife, wie das freie Gebildete sich in der Blüte aller Kräfte nach seiner Auflösung und Freiheit mit stiller Liebe sehnen und den Gedanken der Rückkehr freudig anschauen kann wie eine Morgensonne der Hoffnung.

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