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Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band
publisherGeorg H. Wigand.
year1861
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[Leider ist hier Spohr's erzählende Feder für immer verstummt! – Späteren Aufmunterungen von seinen Angehörigen, sie nochmals zur Fortsetzung zu ergreifen, pflegte er die Bemerkung entgegenzusetzen: »es wolle mit dem Schreiben nicht mehr gehen, und fänden sich zu gelegentlicher Weiterführung der Biographie hinlängliche Notizen in den Tagebüchern und Papieren seiner Frau«, – worauf nun diese, eingedenk jener ausdrücklichen Hinweisung, sich entschlossen hat, ihre, freilich nur zu eigner Erinnerung gesammelten Notizen nebst Zeitungsblättern und Briefen aller Art, denjenigen Familiengliedern zur Disposition zu stellen, die es übernahmen, durch Auszüge daraus, ohne irgend welche schriftstellerische Gewandtheit zu beanspruchen, in einfach schmuckloser Wahrheitstreue, nach Spohr's eignem Beispiel, seine Lebensbeschreibung zu Ende zu führen.]

Nach glücklich beendigter Brunnenkur reiste Spohr von Carlsbad ab, und verweilte auf dem Rückweg in Leipzig, wo die befreundeten Familien durch schnell improvisirte Musikparthien ihm einige höchst vergnügte Tage bereiteten, und wo auch er selbst sein beliebtes Quartett in A-moll und sein neuestes Concertino zum großen Entzücken der Zuhörer vortrug. Sehr erfreut war er bei dieser Gelegenheit auch die längst gewünschte Bekanntschaft von Rob. Schumann zu machen, der, obgleich im Uebrigen sehr still und ernst, doch mit großer Wärme seine Verehrung für Spohr an den Tag legte und ihn durch den Vortrag mehrerer seiner interessanten Phantasiestücke erfreute. Mendelssohn war leider gerade abwesend und drückte sein lebhaftes Bedauern hierüber in seinem nächsten Brief an Spohr aus, worin er denselben zugleich um Zusendung seiner neuesten Symphonie (Nr. 5 C-moll) ersuchte, da diese zur Eröffnung der kommenden Saison im ersten Leipziger Gewandhaus-Concerte aufgeführt werden sollte. Indem er im Voraus seinen Dank dafür ausspricht, fügt er zugleich in Beziehung auf ein ihm kurz zuvor bekannt gewordenes Lied von Spohr hinzu: »Da ich nun einmal im Danken bin, so muß ich ganz, ganz vielmal und herzlich für das schöne liebe F-dur-Lied mit der Clarinette, den »Zwiegesang« danken, das mir gar zu wohl gefällt und mich mit seiner großen Liebenswürdigkeit wie bezaubert hat, daß ich's Tagelang singen und mir vorspielen muß. Es ist nichts Einzelnes, was ich davon hervorheben möchte, sondern eben der ganze süße natürliche Fluß, der von Anfang bis zu Ende so leicht dahin fließt und so wohl thut. Wie oft habe ich's mit meinen Schwestern gesungen und mich daran immer auf's Neue erfreut. Dafür möchte ich nun gern danken! ...«

Die erste Arbeit, womit Spohr nach seiner Rückkehr nach Cassel sich beschäftigte, war ein viertes Quintett für Streichinstrumente ( G-moll), welches sowohl in seiner ursprünglichen Gestalt, wie auch in dem von ihm selbst gemachten Arrangement für Pianoforte zu vier Händen, bei Paul in Dresden als Op. 106 herauskam. – Zu derselben Zeit erhielt er den seltenen Auftrag, ein Hofconcert zu arrangiren, welches nach langen Hin- und Herberathungen endlich am 19. Sept. im Schloß zu Wilhelmshöhe zur Ausführung kam. Die Instrumentalstücke wurden von Mitgliedern der Hofkapelle ausgeführt, zu den Gesangesvorträgen aber empfahl Spohr einen am Hofe selbst angestellten, ausgezeichneten Dilettanten, Professor Firnhaber aus Hildesheim, der seit einigen Jahren Erzieher bei den jungen Baronen Scholley, den Stiefsöhnen des Kurprinzen, war. Er verband mit einer schönen hohen Tenorstimme gute musikalische Ausbildung und regen Sinn für die Kunst, und mit wahrer Begeisterung erfüllten ihn bald Spohr's Compositionen, deren mannichfache Schönheiten sich ihm seit seinem hiesigen Aufenthalte immer mehr erschlossen hatten. Da nun auch Spohr eben so viel Freude an seinem persönlichen Umgang wie an seinem reizenden Gesangsvortrag fand, so durfte er bei keiner Musikparthie fehlen und seine Anwesenheit in Cassel gab Spohr Veranlassung zu manchen seiner anmuthigsten und beliebtesten Gesangsachen, namentlich der Liederhefte op. 101 und 105, der Duetten für Sopran und Tenor op. 107 (beides bei Simrock) und des bei Paul in Dresden einzeln herausgekommenen Liedes: »Mitternacht« von Franz Dingelstedt. Ueber letzteres schrieb der damals am Gymnasium zu Fulda angestellte Dichter später hocherfreut an Spohr: »Gestern Abend habe ich Ihr Lied: »Mitternacht« singen hören, und eile, noch ganz voll dieses Eindrucks, in Gedanken zu Ihnen, Ihnen mein Entzücken, meinen Stolz entgegen zu bringen. Ich will nicht sagen, Sie hätten meine Worte aufgefaßt – was sind die am Ende? Nein, der Mitternacht selbst haben Sie die langen, getragenen, heiligen Weisen abgelauscht. Ich beklage zum ersten Male, nicht Techniker zu sein, um den Enthusiasmus der Kunstverständigen über Wechsel der Tempi, Tonart etc. zu verstehen, zu theilen; ich bin eben in Ihrer Kunst nur Naturalist, genieße dies Product derselben aber doch tiefer und inniger als sie Alle, weil ich als Poet dabei empfinde! – Und nun keine Sylbe mehr von gewöhnlichem Lob und Dankpsalm! Sie haben mir eine schöne Stunde gegeben, eine Anregung, wie ich deren hier ach! nur so selten empfangen kann, einen Lohn für Erstrebtes, einen Sporn für künftige Höhe! Sie verstehen mich schon!« ...

Im Oktober 1838 setzte Spohr auf seinen wiederholten Vorschlag endlich durch, nach dem Beispiel vieler größerer Städte Deutschlands nun auch ein Concert zum Besten des in Salzburg zu errichtenden Mozartdenkmals im Theater veranstalten zu dürfen; der erste Theil desselben enthielt u. A. die G-moll-Symphonie und das Clavierconcert in D-moll von Mozart; im zweiten Theil wurden lebende Bilder mit der entsprechenden Musik aus Mozartschen Opern dargestellt, wobei zum Schluß der letzte Chor aus dem Requiem ertönte, während die im Vordergrund der Bühne aufgestellte Büste Mozarts von Genien mit Lorbeer bekränzt wurde. – Eine ganz ähnliche Feier folgte im nächsten Frühjahr zum Besten des Denkmals für Beethoven, mit dem Unterschied jedoch, daß das Programm neben den auserlesensten Werken des verherrlichten Meisters auch eine Composition von Spohr enthielt, nämlich dessen neuestes Concertino: »Sonst und Jetzt«, welches er selbst kurz zuvor in einem der regelmäßigen Winterconcerte zum erstenmal vorgetragen hatte und auf des Kurprinzen ausdrücklichen Wunsch bei dieser Gelegenheit wiederholen mußte. Der Beifall war beide Male ein außerordentlicher, und es erschien darauf unter vielen anderen Lobeserhebungen in der Casseler Zeitung nachstehendes Gedicht, woran sich Spohr besonders erfreute:

» Sonst und Jetzt«,
Schöpfer unsterblicher Lieder
Rührtest Du alle Gemüther.
Hast Du uns himmlisch ergötzt.
Konntest Du lieblicher singen
Sonst als jetzt?

Unverletzt
Bleiben des Genius Schwingen.
Ewig grün
Bleibt der Unsterblichen Kranz,
Wie auch im taumelnden Tanz
Eilende Horen entfliehn.

Einst wie jetzt
– Mögen Geschlechter verschwinden –
Werden die Herzen empfinden,
Daß Du gelebt,
Großes erstrebt
» Sonst und Jetzt«.

Zu Anfang desselben Jahres hatten schon andere bemerkenswerthe Concerte stattgefunden u. A. hatte sich Ole Bull zweimal im Theater (trotz des erhöhten Preises in gedrängt vollem Hause) hören lassen, und das Publikum zur lebhaftesten Bewunderung hingerissen. Auch Spohr nahm an dem wunderbaren Spiel seines Kunstgenossen den wärmsten Antheil und veranstaltete ihm zu Ehren eine Musikparthie bei sich, worin er zuerst eines seiner eigenen Quartetten spielte, zu den folgenden aber an Ole Bull den ersten Platz abtrat und selbst die zweite Geige übernahm. Sein Urtheil über dessen Spiel kann am besten mit seinen eigenen Worten, die er darüber an Freund Speyer schrieb, hier wiedergegeben werden: » Ole Bull hat in diesen Tagen zwei Concerte im Theater gegeben und das Publikum sehr entzückt. Sein vollgriffiges Spiel und die Sicherheit der linken Hand sind bewundernswürdig, er opfert aber, wie Paganini, seinen Kunststücken zu viel Anderes des edlen Instruments. Sein Ton ist bei dem schwachen Bezug schlecht, und die A- und D-Seite kann er bei dem fast ganz flachen Stege nur in der unteren Lage und pianissimo gebrauchen. Dies giebt seinem Spiele, wenn er nicht seine Kunststücke loslassen kann, eine große Monotonie. Wir erfuhren dies bei zwei Mozartschen Quartetten, die er bei mir spielte. Er spielt übrigens mit vielem Gefühl, doch nicht mit gebildetem Geschmack.« Bei aller Anerkennung, die Spohr den außerordentlichen Leistungen Ole Bull's zollte, waren ihm doch kleine Züge von Charlatanerie, die seinem einfachen Wesen stets so fern gelegen, nicht entgangen, und öfters erzählte er später unter gutmüthigem Lächeln zu seinem und Anderer Ergötzen, wie Ole Bull an einer Stelle, die ihm Gelegenheit bot, durch eines seiner unübertrefflichen pp. zu glänzen, noch sekundenlang den Bogen dicht über den Saiten schwebend gehalten, um das Publikum, welches in athemloser Stille dem letzten Verklingen seines immer schwächer werdenden Tones lauschte, glauben zu machen, es dauere derselbe in unerhörtem ppp. noch fort.

Um dieselbe Zeit fand zu wiederholten Malen die Aufführung einer kleinen Oper: »Der Matrose« Statt, an deren Composition auch Spohr mitgewirkt hatte. Der Text war von dem Regisseur der Oper, dem beliebten Komiker Birnbaum, aus dem Französischen bearbeitet und auf seinen Wunsch von vier hiesigen Componisten, Spohr, Hauptmann, Musikdirektor Baldewein und dem Liedercomponisten, Musiklehrer Grenzebach, gemeinschaftlich in Musik gesetzt worden. Spohr hatte außer der Ouvertüre, das Lied eines heimkehrenden Matrosen nebst dem Finale übernommen und alle diese Nummern fanden, wie die ganze Operette, beim Publikum lebhaften Anklang; leider befand sich Spohr später nicht mehr im Besitz derselben, da sie in den Händen des Herrn Birnbaum, zu dessen Benefiz die erste Vorstellung bestimmt war, geblieben sind. Nur das höchst charakteristische Matrosenlied erschien nachher, von ihm selbst mit vierhändiger Clavierbegleitung versehen, bei Paul in Dresden im Druck.

Im April 1839 erhielt Spohr von England aus eine dringende Einladung, im September bei dem großen Musikfest zu Norwich sein Oratorium: »Des Heilands letzte Stunden« zu dirigiren. Nachdem es ihm nun gelungen war, den dazu erforderlichen Urlaub vom Kurprinzen zu erhalten, so wurde diesmal die sonst gewohnte Sommerferienreise auf einen kürzeren Ausflug beschränkt und dabei Besuche bei auswärtigen Verwandten und Freunden abgestattet. Zunächst ging es nach Holzminden – wo Spohr's jüngere Brüder August und Karl, ersterer als Kammerassessor, letzterer als Justizamtmann in Braunschweigischen Diensten, mit ihren Familien lebten – von da weiter nach Gandersheim zu dem ehrwürdigen Spohrschen Elternpaar und zuletzt nach Catlenburg zu Amtsrath Lüder. Die Geige durfte auch auf dieser Reise nicht fehlen und überall, wo Spohr hinkam, fand er dankbare Zuhörer, die sich überglücklich schätzten, seinem Spiele zu lauschen. Mehr als alle übrigen Vorträge entzückte aber seine allerneueste liebliche Composition, ein spanisches Rondo für Clavier und Geige, welches auch in Cassel bald eines der beliebtesten Musikstücke wurde und bis in die neueste Zeit geblieben ist. Als es später bei Mechetti in Wien als Op. 111 gestochen war, kam zugleich ein von Czerny verfertigtes Arrangement desselben für Pianoforte zu vier Händen heraus, gewiß eine willkommene Erscheinung für Alle, denen kein ausgezeichneter Geiger zur Ausführung der Originalcomposition zu Gebote steht.

Nach Cassel zurückgekehrt, beendigte Spohr seine bereits vor der Reise begonnene »historische Symphonie im Styl und Geschmack vier verschiedener Zeitabschnitte.« (Erster Satz: Bach-Händelsche Periode 1720. Adagio: Haydn-Mozartsche 1780. Scherzo: Beethovensche 1810. Finale: Allerneueste Periode 1840), eine Arbeit, die ihm nicht nur während des Schaffens, sondern auch bei den nächstfolgenden hiesigen Aufführungen große Befriedigung gewährte. Auch auswärts, zunächst in London, wohin er sie auf ein Jahr an die philharmonische Gesellschaft verkauft, und später in Deutschland, wo sie erst nach Ablauf dieses Termins bekannt werden durfte, fand dieselbe die lebhafteste Anerkennung. Da sich jedoch auch manche Stimmen dagegen erhoben, theils die ganze Idee einer solchen historischen Symphonie verwerfend, theils die Art der Ausführung tadelnd, so dürfte es wohl nicht ohne Interesse sein, gerade von diesen und ihrer verschiedenartigen Auffassung eine kurze Zusammenstellung zu geben. Am schärfsten sprach Schumann in seiner musikalischen Zeitschrift sich darüber aus: »Daß gerade Spohr auf diese Idee fällt, Spohr, der fertige abgeschlossene Meister, Spohr, der nie etwas über die Lippen gebracht, was nicht seinem eigensten Herzen entsprungen, und der immer beim ersten Klange schon zu erkennen – dies muß wohl Allen interessant erscheinen. So hat er denn seine Aufgabe gelöst, wie wir es fast erwarteten; er hat sich in das Aeußere, die Formen verschiedener Style zu fügen angeschickt; im Uebrigen bleibt er der Meister, wie wir ihn lange kennen und lieben; ja es hebt gerade die ungewohnte Form seine Eigenthümlichkeit noch schreiender hervor, wie denn ein irgend von der Natur Ausgezeichneter sich nirgends leichter verräth, als wenn er sich maskirt. So ging Napoleon einstmals auf einen Maskenball, und kaum war er einige Augenblicke da, als er schon – die Arme ineinanderschlug. Wie ein Lauffeuer ging es durch den Saal: »der Kaiser!« Aehnlich konnte man bei der Symphonie in jedem Winkel des Saales den Laut » Spohr« hören. Am besten, schien es mir, verstellte er sich noch in der Mozart-Haydnschen Maske; der Bach-Händelschen fehlte viel von der nervigen Gedrungenheit der Originalgesichter; der Beethovenschen aber wohl alles. Als völligen Mißgriff möchte ich aber den letzten Satz bezeichnen. Dies mag Lärm sein, wie wir ihn oft von Auber, Meyerbeer und Aehnlichen hören; aber es giebt auch Besseres, jene Einflüsse Paralysirendes genug, daß wir die bittere Absicht jenes letzten Satzes nicht einsehen. Ja, Spohr selbst darf sich nicht über Nichtanerkennung beklagen. Wo gute Namen klingen, klingt auch seiner, und dies geschieht täglich an tausend Stellen. Im Uebrigen versteht sich, ist der Bau der Sätze ausgezeichnet, u. s. w.« ...

In Wien mochten ähnliche Bewertungen schon vor der Aufführung laut geworden sein, denn Baron Lannoy, der, selbst sehr entzückt von der Symphonie, mit Spohr ausführlich darüber correspondirte, erwähnt in seinem Bericht über die »höchst günstige Aufnahme des schönen Werkes«: Man habe doch, um das Urtheil des Publikums nicht zu provociren, für nöthig erachtet, auf dem Programm wenigstens die bezeichnenden Namen, wie Bach, Händel etc., bei Angabe jeder Periode wegzulassen, und nur zu schreiben: Epoche von 1720 etc. »Der lebhafteste Beifall ward dem ersten, zweiten, ganz vorzüglich aber dem letzten Satz gezollt; dem dritten etwas minder.« – Mendelssohn fügte seinem sehr erfreulichen Bericht über die erste Aufführung in Leipzig hinzu: »Sie sind so gütig, mich nach dem Eindruck zu fragen, den die historische Symphonie auf mich persönlich machte. Ich weiß die hohe Ehre, die Sie mir dadurch erzeigen, zu sehr zu würdigen, als daß ich einem von mir so herzlich verehrten Meister gegenüber nur allgemeine Worte der Bewunderung darauf erwiederte, nur von dem vielen Vortrefflichen, Nachahmungswerthen spräche, das in jedem Ihrer großen Werke gleich hervortritt, und nicht auch eines Punktes erwähnte, in den ich mich noch nicht ganz habe hineinfinden können. Mir ist nämlich im letzten Stücke immer zu Muthe geworden, als wäre die neuere Zeit, eben gerade weil Sie sie in Musik ausdrücken, anders und großartiger hinzustellen gewesen; ich dachte, es würde dem Ganzen dadurch die Krone aufgesetzt werden, wenn nach den drei ersten in verschiedenem Style einfachen Sätzen nun ein letzter nach Ihrem eignen Sinn durchgeführt, recht ernsthaft und vielsagend käme, der in sich selbst den Hauptgedanken der Symphonie ausspräche. Sie werden darauf entgegnen, daß dergleichen eben kein Anderer in der neueren Zeit machen kann, daß eben die leichte pikante Manier der Anderen im letzten Satz dargestellt sei; – aber daß Sie sich selbst und das, was Sie uns geben und für gut halten, vom letzten Satz fern halten, und nicht vielmehr vor Allem darin repräsentiren wollen, damit habe ich mich nicht versöhnen können; denn sogar für die Hauptwirkung des Ganzen würde mir ein größeres Instrumentalstück in freierer Form, etwa wie die Ouvertüre aus Faust oder so viele Ihrer herrlichen schwungvollen Ouvertüren an dieser Stelle mehr zusagen, als die leichten fröhlichen Rhythmen, die mich nicht beruhigen und mich nicht zum Schluß auf sichern, festen Grund und Boden stellen. Verzeihen Sie mir ja, hochgeehrter Herr Kapellmeister, und halten Sie mich nicht für unbescheiden, daß ich Ihnen gegenüber mir solche Freiheit nehme; ich sage alles das nur heraus, um recht aufrichtig gewesen zu sein, obwohl ich gewiß glaube, daß meine Meinung sich noch ändern wird, und daß ich vielleicht nach genauerer Bekanntschaft und öfterem Hören Ihres Werkes von selbst einsehen werde, daß ich mich geirrt.« – Ob Mendelssohn (dessen Urtheil Spohr für das gewichtigste hielt) wirklich später anderer Ansicht geworden, darüber liegt nichts weiter vor, doch läßt es sich wohl erklären, daß Spohr sich selbst, so wie die übrigen gediegeneren Componisten seiner Zeit nicht als Repräsentanten einer neuen Zeit- und Geschmacksrichtung ansehen mochte, daß er vielmehr auf den von den älteren Meistern, insbesondere von Mozart, seinem höchsten Ideale, bereits angebahnten Wegen fortzuschreiten und seiner Individualität, so wie den vermehrten äußerlichen Hülfsmitteln gemäß weiter darauf fortzubauen strebte. So konnte ihm denn jene neuere, nur nach Effect haschende Richtung nicht zusagen, und er wollte, indem er dieselbe im Finale der Symphonie als Gegensatz gegen die vorhergehende gediegenere Musik hinstellte, wohl nicht nur die Oberflächlichkeit der meisten modernen Compositionen, sondern auch die immer mehr überhand nehmende Geschmacksrichtung des größeren Publikums andeuten.

Besonders viele, meist sehr erfreuliche Berichte liefen aus England ein, worüber Spohr brieflich an einen musikalischen Freund äußerte: »Die Berichte, die ich über die Aufführung der Symphonie in London von allen Seiten erhalten, lassen mich hoffen, daß ich die frühesten Perioden (wozu ich förmliche Vorstudien gemacht hatte), so wie die beiden mittleren gut charakterisirt habe, nur über die neueste war man dort getheilter Meinung. Einige glaubten zu erkennen, daß ich in diesem vierten Satz die allerneueste Schule (dort spottweise die metallne genannt) habe persifliren wollen, Andere aber, Freunde dieser Schule, fanden, daß dieser Satz klar darthun solle, daß die allerneueste Musik in ihrer Wirkung doch alles Frühere übertreffe. Da diese Widersprüche die allerneueste Musik am besten charakterisiren, so kann ich auch mit der Wirkung dieses letzten Satzes wohl zufrieden sein.« ...

Recht überraschend waren die brieflichen Aeußerungen eines Russen, Gutsbesitzer Tarnofsky im Gouvernement Pultava, dessen Brief zugleich durch seinen übrigen Inhalt Spohr so angenehm berührte, daß hier ein Auszug daraus folgen mag: » ... Vous avez peut-être oublié que dans le cours de l'année 1830 un esclave se présenta à vous, un Russe nommé M. Encke, et vous lui donniez leçon de violon. Après Dieu, vous fûtes son second bienfateur, le créateur lui fit don d'une âme noble, vous la rendites plus pure, plus intelligente; grâce à vous il devint non seulement bon soliste, mais encore dirigeur excellent. Il parvint à faire exécuter par mon orchestre à moi d'une manière très satisfaisante les symphonies de Beehoven, Spohr, Mendelssohn. Votre élève vous doit sa liberté, pour ma part je vous dois la jouissance céleste, d'entendre une musique qui entraine l'âme au delà de la terre en lui indiquant le ciel. Tels sont les beaux fruits de vortre coeur si beau ... Permettez-moi encore de vous exprimer toute ma reconnaissance pour votre Symphonie, »les quatre périodes de la musique.« Vous avez expliqué ces périodes d'une manière parfaite. Le Bach qui se trouve dans votre symphonie, il est au ciel, il ne vint pas encore sur cette terre; Haydn et Mozart descendirent sur cette terre, mais se souvinrent du ciel; Beethoven de cette terre s'élève au ciel; et votre quatrième période, enfant de la terre, est dépourvue de passeport pour entrer au ciel.« ...

Am Schluß des Briefes heißt es noch: » L'organisation de mon orchestre, la voici: 10 Violons, 2 Alto, 2 Violoncelles, 2 Contrabasses, et le complet des instruments à vent, en tous 35 musiciens, et plusieurs voix pour former un choeur. Quant à vos compositions je les possède d'après le registre ci-inclus.« (Dies Register enthält alle bis dahin geschriebenen Symphonien, Ouvertüren, Quartette, Doppelquartette, Concerte etc. von Spohr, nahe an hundert Nummern.) » S'il y a encore quelque chose de plus, vous m'obligeriez infiniment en m'indiquant ces pièces, et où je pourrais les avoir.« ...

Zu Anfang September trat Spohr die Reise nach England an und zwar in Begleitung seiner Frau und seiner langjährigen Freundin Frau v. d. Malsburg Da Spohr selbst diese englischen Musikfeste und die ehrenvolle Aufnahme, die ihm und seinen Werken dort zu Theil wurde, stets als Glanzpunkte in seinem vielbewegten Leben betrachtete, so wird die Beschreibung derselben wohl in etwas größerer Ausführlichkeit Platz finden dürfen.. Nach einer äußerst stürmischen Seefahrt und dadurch um sechs Stunden verspäteten Ankunft in London ward Spohr bei den sich nun entwickelnden Confusionsscenen zunächst durch die Ansprache eines ihm fremden Herren sehr angenehm überrascht, der – einen Befehl der Regierung vorzeigend – sogleich Spohr's Gepäck unvisitirt sich ausliefern und in ein elegantes Boot bringen ließ, welches sodann ihn und seine Gefährtinnen sicher und schnell ans Land brachte, wo der Wagen bereit stand, der sie dem gastfreundlichen Hause des Professor Ed. Taylor zuführen sollte. In dessen liebenswürdiger Familie fühlten die Gäste, umgeben von den sie entzückenden ächt englischen Gebräuchen alsbald sich heimisch, und nach wenigen Tagen war eine Freundschaft für's ganze Leben geschlossen. Die kurze Frist bis zur Weiterreise mußte schnell benutzt werden, um die Hauptmerkwürdigkeiten der Weltstadt kennen zu lernen, die die Reisenden mit Staunen und Bewunderung erfüllten. Einen gewaltigen Eindruck machte Allen der Besuch der Westminsterabtei, worüber es in den in die Heimath gesendeten Briefen heißt Wenn hier und ferner zuweilen Stellen aus den von Spohr's Angehörigen geschriebenen flüchtigen Reiseberichten angeführt werden, so mag dabei zur Entschuldigung dienen: daß er selbst auf diesen Reisen weder Muße noch Neigung zum Briefschreiben hatte, dagegen es aber sehr gern sah, wenn seine Begleiterinnen fleißig nach der Heimath berichteten (was natürlich immer in seinem Sinne geschah), – und daß er selten einen solchen Brief abgehen ließ, ohne ihn vorher mit voller Zustimmung gelesen zu haben.: »Schon der Eintritt in das majestätische Gebäude, das wohl von allem Herrlichen in London der Glanzpunkt ist, macht einen so erhabenen und ergreifenden Eindruck, daß wir uns der Thränen nicht enthalten konnten; man glaubt wirklich nicht mehr in irdischen Räumen zu wandeln. Dazu aber klangen die Töne einer herrlichen Orgel, – denn es wurde gerade Gottesdienst gehalten, – und nun folgten doppelchörige religiöse Gesänge, so rein, so lieblich und gefühlvoll vorgetragen, daß sie wie Engelstimmen aus höheren Welten klangen. So etwas hatten wir Alle noch nie gehört. Und abermals erklangen Orgeltöne, wir vernahmen Spohr'sche Harmonien und unterschieden bald die ergreifenden Klänge seiner zehnstimmigen Messe und die großartige Ouvertüre zu »Des Heilands letzten Stunden«, die, von dem berühmten Organisten Turle ausgeführt, sich herrlich ausnahmen ...«

Doch die Zeit drängte zur Weiterreise nach Norwich, wo Professor Taylor Als Mitglied des Comité hatte dieser auch die Correspondenz mit Spohr über sein Hinkommen besorgt, worüber im »Spectator« weiter mitgetheilt wird: »Es ist ein höchst ehrenwerther Zug des großen Meisters, daß er auf die Anfrage, welche Entschädigung er für die während der Reise und der Leitung des Oratoriums aufgewendete Zeit und Mühe verlange, einfach erwiederte: ›Das Comité wird wohl nichts dagegen haben, mir die Reisekosten zu ersetzen?‹ Wir freuen uns zu erfahren, daß die ungezwungene Bescheidenheit dieser Antwort und Spohr's Kommen nach England ohne mit dem Comité weiter deshalb zu verhandeln, von letzterem gebührend anerkannt und darauf beschlossen worden ist, Herrn Spohr eine Summe von mehr als 100 Guineen über den Betrag seiner Auslagen anzubieten.«, der Hauptleiter des ganzen Musikfestes schon im Voraus die nöthigen Vorproben zu Spohr's Oratorium gemacht hatte und die Reisenden nun empfing, um sie zum Mayor von Norwich hinzugeleiten, in dessen brillanter Behausung sie ihre Wohnung nehmen sollten. Gleich am nächsten Morgen führte der Mayor nun seine Gäste zum Gottesdienst in die Kathedrale, die von ungeheurer Größe ist und für die schönste in England gilt. In einem hierüber berichtenden Briefe heißt es: »Von einem solchen Gottesdienst, obgleich er an drei Stunden dauert, kann man nicht leicht ermüdet werden; die himmlische Musik, womit er auf die mannichfachste Weise durchwebt ist, vermag ich nicht zu beschreiben, und ausgeführt wurde sie – in einer Reinheit und Vollendung, daß auch Spohr sich davon ganz hingerissen fühlte. Die Gemeinde sang gar nicht, las aber immer nach in ihren Gesang- und Gebetbüchern, deren schönen Text (lauter Bibelworte) ich vollkommen, und zwar besser als die Predigt verstehen konnte. Der weißgekleidete Chor mit seinen zarten Tönen machte einen unwiderstehlichen Eindruck; Text, Musik und Vortrag, Alles stimmte so herrlich überein, daß ich meinte, ich könnte mir selbst im Himmel keine schönere Verehrung Gottes denken. Als wir uns am Schlusse mit der ganzen Versammlung auf den Rückweg durch die weiten Hallen des Prachtgebäudes begaben, stellten sich die Menschenmassen zu beiden Seiten, um uns durchgehen zu lassen, und Spohr wie ein Wunder anzustaunen; Viele ließen sich auch gleich in diesen heiligen Räumen ihm vorstellen; unser guter Mayor, der uns begleitete und Spohr führte, war ganz vergnügt und stolz über dies Alles. Seine Tochter Mary, ein reizendes Mädchen von fünfzehn Jahren, ist ebenfalls schon sehr enthusiastisch für die Musik und besonders für Spohr; auch spielt sie selbst sehr schön Klavier, und nachdem ihr Vater uns eröffnete, es würde sie lebenslang glücklich machen, einige Töne mit Spohr zu spielen, begleitete er ihr eine seiner Lieblings-Sonaten von Mozart ...«

Hätte Spohr die englische Sprache verstanden, so wäre vielleicht der Eindruck des Gottesdienstes bei ihm durch den Umstand gestört worden, daß die dabei gehaltene Predigt großentheils gegen sein Oratorium gerichtet war. Schon vor seiner Ankunft in Norwich hatten sich nämlich bedeutende Stimmen einer pietistischen Partei erhoben, die in Schrift und Predigt auf alle Weise darzuthun suchten, daß es sündlich und profanirend sei, einen so heiligen Gegenstand wie Christi Leiden und Sterben, zu einem musikalischen Kunstwerk zu benutzen. So hielt es denn auch an jenem Sonntag Morgen, wo Spohr die Kathedrale besuchte, ein frommer Priester für seine Schuldigkeit, eine vernichtende Rede gegen dessen Oratorium: » Calvary« – wie es in der englischen Uebersetzung heißt – zu schleudern und am Schluß seine Zuhörer zu beschwören, sie möchten, »um nicht ihre Seelen für eines Tages Vergnügen hinzugeben,« von der Aufführung desselben hinwegbleiben. Das »Monthly Chronicle« erzählt hierüber weiter: »Wir erblicken nun auf der Emporkirche dem fanatischen Eiferer gerade gegenüber sitzend den großen Componisten, mit glücklicherweise englisch taubem Ohr, aber in so würdiger Haltung, mit dem Blick voll reinen Wohlwollens, und soviel Demuth und Milde in den Zügen, daß sein bloßer Anblick wie eine gute Predigt zum Herzen spricht. Wir machen unwillkürlich einen Vergleich und können nicht zweifeln, in welchem von Beiden der Geist der Religion wohnt, die den wahren Christen bezeichnet!« Am Tage nach der Aufführung des Oratoriums sagt dasselbe Blatt weiter: »Dieser Tag hatte über das Schicksal von › Calvary‹ zu entscheiden und im ungünstigen Falle wäre der Ruhm von Norwich für immer dahin gewesen. Die Gemüther waren daher in großer Spannung, weil Viele den mächtigen Einfluß einer widerstrebenden Geistlichkeit fürchteten. Doch ein guter Geist und richtiges Gefühl triumphirten, und Stunden lang vor der Eröffnung der Thüren war die Sache entschieden. Von nah und fern strömten die Zuhörer zu Tausenden herbei in gespannter Erwartung und aufgeregtem Enthusiasmus, der während der Aufführung sich fortwährend steigerte; alle Erwartungen wurden übertroffen, und ein vollständiger Triumph gefeiert. Man kann mit Recht von diesem Oratorium sagen, daß ein göttlicher Hauch es durchweht; mehr als irgend ein Werk der neueren Zeit ist es aus warmem Herzen hervorgequollen und kann nicht ohne Thränen gehört werden ...« – Der Bischof von Norwich, welcher seiner religiösen Richtung nach ebenfalls zu den Gegnern des Oratoriums gehörte und daher auf gespanntem Fuße mit dem Mayor stand, wünschte doch die persönliche Bekanntschaft von dessen berühmten Gast zu machen, und ließ wiederholte schriftliche Einladungen zum Diner an denselben ergehen; da diese aber in englischer Sprache abgefaßt waren, so fielen sie zunächst dem Mayor als Dollmetscher in die Hände, der dann jedesmal eine ablehnende Antwort in Spohr's Namen ertheilte. Endlich wurde der Vorschlag gemacht, daß er in einem der Concerte dem Bischof vorgestellt werden sollte, und auch dieses gab der Mayor nur unter der Bedingung zu, daß Spohr ihm verspräche, dem Bischof höchstens auf halbem Wege entgegen zu gehen und keinen Schritt weiter nach ihm hinzuthun, als Jener von seinem entfernten Sitz aus zu Spohr herschreiten würde.

Das Festhalten an dem steifen englischen Ceremoniell, das besonders in den großartigen Einrichtungen des Mayor vorherrschend war, gab noch öfter Veranlassung zu allerlei komischen Scenen und Erörterungen. So sandte Spohr gleich in den ersten Tagen, als er in die Probe seines Oratoriums gegangen war, von dort aus an seine zu Hause zurückgebliebenen Reisegefährtinnen zwei ihnen noch unbekannte Herren ab mit der Aufforderung, ebenfalls hin zu kommen, um mit ihm den ergreifenden Eindruck, den der Anblick der prächtigen St. Andrew-Hall gleich beim Eintritt auf ihn gemacht hatte, zu theilen. Die Damen folgten begreiflicherweise dieser Einladung und nahmen ohne Bedenken die Begleitung der »im Hause noch nicht vorgestellten Herren« an, wodurch sie zwar Verwunderung und Entsetzen bei allen Bewohnern des Hauses bis zur Dienerschaft erregten, aber sich selbst die Freude bereiteten, bei ihrer Ankunft in der Halle noch Zeugen des beispiellosen Jubels zu sein, womit die Versammlung Spohr bei seinem Eintritt ins Orchester begleitete, worüber u. A. »Monthly Review« berichtet: »Ich wollte, alle Welt hätte den donnernden Applaus, den wahrhaften Sturm hören können, womit Spohr vom ganzen Orchester, bis herab zu den Chorknaben, begrüßt wurde. Dieser Empfang des großen, herrlichen Mannes, der Thränen der Rührung aus den Augen seiner Gattin hervorlockte, muß auch ihm tief zu Herzen gegangen sein.« Am folgenden Abend sollte nun das erste Concert Statt finden und Spohr sein Concertino »Sonst und Jetzt« darin vortragen; da aber in dessen Schlußsatz einige schwere Stellen für die Trommel vorkommen, so hatte er sich den damit beauftragten jungen Trommelschläger am Vormittag in seine Wohnung bestellt, um ihm selbst die nöthigen Anweisungen dabei zu geben. Als nun der nette Knabe mit seiner Trommel erschien, fand es sich aber, daß er nur englisch verstand und es mußte in dieser Noth des Mayor's liebliches Töchterchen zur Hülfe herbeigerufen werden, die dann, obwohl befremdet über alle die unerhörten Vorgänge in ihres Vaters Hause doch willig den Versuch wagte, die durch Spohr ihr in französischer Sprache so halb klar gemachten Bemerkungen mit manchen ihr selbst unverständlichen Kunstausdrücken, dem fremden Knaben englisch auseinanderzusetzen, was schließlich so erwünschten Erfolg hatte, daß Spohr sich noch nach Jahren mit wahrem Vergnügen dieser allerliebsten und komischen Vermittlungsscene erinnerte. Am Abend, wo das erste der sechs Riesenconcerte in dem großartigen von etwa 3000 Zuhörern und 500 Mitwirkenden angefüllten Lokal statt fand, gingen erst eine Symphonie von Haydn und verschiedene Gesangsnummern voraus, worunter auch das Duett aus Jessonda: »Schönes Mädchen«; dann aber waren, wie die »Times« erzählt, »alle Augen erwartungsvoll nach dem Orchester gewendet, um Spohr bei seinem Erscheinen mit enthusiastischem Jubel zu begrüßen ...« »Tiefe erwartungsvolle Stille herrschte beim Beginn seines Concertino's, welches er »Sonst und Jetzt« benannt hat, um sogleich die darin ausgeführten Gegensätze des älteren und des jetzigen Compositionsstyles anzudeuten.« Die nun folgende, in den ausgesuchtesten Lobsprüchen sich ergießende Beurtheilung von Spohr's Spiel schließt mit den Worten: »Sein Instrument spricht eben so beredt zum Herzen, wie der herrlichste Gesang. Die vollendete Beherrschung seines Bogens wie seiner Finger, wird durch die wunderbare Macht seines mens divinior doch noch übertroffen. Das Concertino beginnt nach einem kurzen, aber prächtigen Präludium mit einer lieblichen Menuet aus der alten Schule, geschmückt mit dem ganzen Reichthum von Harmonien, die gleichsam von selbst aus Spohr's Feder zu fließen scheinen – dann folgt ein türkisches Allegro, voller Phantasie und sprudelnd von dem schimmernden Glanz moderner Ausführung.«

Ueber die folgenden Concerte berichtet ein Brief in die Heimath u. A.: »Das erste geistliche Concert am Mittwoch Morgen war wundervoll; es dauerte von ½12-4 Uhr und enthielt im ersten Theil viel herrliche ältere Sachen von Purcell, Palästrina u. s. w., und im zweiten und dritten Theil das prachtvolle Händel'sche Oratorium: »Israel in Egypten«, worin die Chöre mit ungeheurer Kraft und die Solo's von den englischen Kirchensängern ganz vollendet schön vorgetragen wurden. Spohr hatte unendliche Freude daran und meinte: nur englische Kirchensänger seien im Stande, Händel's erhabene Musik in ihrer ganzen Herrlichkeit wiederzugeben. Eine Eigenthümlichkeit, die mir sehr gefällt, ist noch die, daß jedesmal, wenn ein Chor das Lob Gottes oder etwas unmittelbar auf Gott oder Christus sich beziehendes enthält, die ganze Menschenmenge aufsteht und denselben stehend anhört. – Das Abendconcert war in der Anordnung der Musikstücke dem vorigen sehr ähnlich. Es begann mit der Es-dur-Symphonie von Mozart, welcher dann noch zwanzig andere Nummern gemischten Inhalts nachfolgten, worunter auch einige Stücke aus Mozarts und Webers Opern, sowie Spohrs Terzett aus »Zemire und Azor«, welches bei keinem englischen Musikfest fehlen darf. Spohr spielte mit seinem ehemaligen Schüler Blagrove seine reizende Concertante ganz unübertrefflich und der Effekt war wo möglich noch größer als gestern. Unser freundlicher Wirth, der an Aufmerksamkeiten sich selbst übertrifft, geleitet Spohr jedesmal feierlich hin und zurück, scheint sich auch überhaupt in seiner Nähe und in seinem Ruhm sehr glücklich zu fühlen. Heute ist nun, wie Alle behaupten, der Haupt- und wichtigste Tag, wo nämlich Spohrs Oratorium an die Reihe kam. Diese Musik kennt Ihr Alle und wißt, wie herrlich sie ist, aber wie sie hier sich ausnahm, in solchem Lokal, von solcher Masse tadellos ausgeführt, und mit solcher Begeisterung auch angehört, – das kann sich Niemand vorstellen, der nicht selbst dabei war. Bei und nach dem ersten Theil bemerkte man viel Ausrufe von Entzücken und Bewunderung, aber beim zweiten schien ein heiliger Schauer durch die ganze Versammlung zu wehen, und immer mehr Augen füllten sich mit Thränen; nicht nur die Frauen, auch die starken Männer waren tief ergriffen! Und solche Wirkung halte ich erst für das höchste und reinste Lob. Es waren schöne, feierliche Momente auch für mich, als nachher die Schaaren von Herren und Damen, die sich nicht alle an Spohr selbst wagten, zu mir kamen, zu gratuliren und tief gerührt zu versichern, dies sei das Schönste und Erhabenste, was jemals componirt wäre u. dgl. m. Der dritte Theil, den Spohr mit uns in großem Entzücken anhörte, enthielt das Mozart'sche Requiem und andere Kirchenstücke von Mozart und Bach ...«

Auch die öffentlichen Blätter sprachen sich ausführlich über den tiefen Eindruck aus, den das Spohr'sche Oratorium hervorbrachte; so sagte u. A. »Norwich Mercury«: »Die prachtvolle Halle war gedrängt voll, doch herrschte schon vor dem Anfang eine athemlose heilige Stille; ein feierlich andächtiges Gefühl beseelte die ganze Versammlung. – Der begeisterte Componist erhob den Stab – der Stab fiel nieder – und traurige Töne schwach und dumpf wie ferne Wehklage, dringen erschütternd an unser Ohr, und ergreifen mächtig das Gemüth; die glänzende Halle verwandelt sich in einen heiligen Tempel – jeder irdische Gedanke ist entflohen. – Die Ouvertüre offenbart uns den Charakter des Ganzen; der darauf folgende einleitende Chor von wohlthuendster Weichheit und Reinheit scheint uns einen Frieden zu versprechen, der für jetzt noch durch einen charakteristischen Anflug von Melancholie zurückgedrängt wird. Das hierauf einfallende Recitativ des Johannes erzählt den Verrath des Judas, und es folgt darauf unmittelbar in ergreifendem Contrast die Arie des Verräthers, worin die durch Gewissensbisse erregte Verwirrung des Gemüths vorzugsweise durch die Begleitung in gewaltiger Kraft und Wahrheit dargelegt ist. Jetzt beginnt die Partie der Maria mit einer lieblichen Arie von Frauenchor begleitet, die von inniger, frommer Anhänglichkeit durchweht, unser innerstes Gefühl anspricht. In einem schwierigen, sehr ausdrucksvollen Recitativ bereitet Johannes den Eintritt des Petrus vor, der seinen Meister verleugnet hat, in dessen Arie voll innigen Ausdrucks aber der Componist in richtigem Urtheil und Geschmack den Unterschied zwischen dem reuigen Gewissen des irrenden Apostels und der vorhergegangenen hoffnungslosen Seelenangst des Verräthers darlegt. In dem folgenden Chor herrscht einfache Majestät, ein kühnes Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, dessen Ausdruck hervorstechend gelungen ist. – In der nun folgenden Scene, wo sich der Gerichtssaal vor uns öffnet und Christus vor Kaiphas angeklagt wird, hat die Inspiration des Componisten ihren Höhepunkt erreicht: die mannichfach widerstreitenden Leidenschaften – die dämonische Aufregung des Volks, der demuthsvolle Schmerz der Jünger, die erhabene Resignation des Heilands – Alles dies führt er uns so lebendig, so schmerzlich ergreifend vor die Seele, daß wir fühlen, es sei unmöglich, durch Musik uns Wirklichkeit und Wahrheit näher zu bringen, als es Spohr in der Behandlung dieses hoch tragischen Moments aus des Erlösers Leben gelungen ist. Der zweite Theil beginnt mit einem einleitenden Trauermarsch und einem ergreifenden Chor der Jünger, der ihre Theilnahme und Klage über das Schicksal ihres Meisters ausdrückt. Der darauf folgende Chor von Priestern und Volk, die wild und grausam den Erlöser am Kreuze verspotten, scheint uns fast der mächtigste und wundervollste Satz im ganzen Werke. Von tiefster Wirkung sind ferner die rührenden Recitative des Johannes und der Maria, so wie deren Arie voll Melodie und Anmuth, an die sich die Perle des ganzen Oratoriums, das unübertreffliche Terzett für zwei Soprane und Alt »Jesus, himmlische Liebe« süß beruhigend anschließt. Dies Terzett ist ein Kunstwerk reinster Vollendung; Spohr hat selbst nie etwas Schöneres geschrieben. Der feierlich ernste Chor: »Allgütiger Gott« mit den canonischen Eintritten bei den Worten: »In seiner Todesnoth« ist wohl der eigenthümlichste nach Form und Auffassung. In meisterhaften Recitativen bereitet Johannes die letzte Schlußscene vor und nach Jesu letzten Worten: »es ist vollbracht«, hören wir leisen Donners Rollen, das während dem schönen, ächt frommen Quartett wie warnend fortdauert. Das Orchester scheint nun alle Schranken zu durchbrechen und in wildem Sturme zu kämpfen, den nur die starke Hand des Componisten zu leiten und zu enden vermag. Wir hörten schon manche musikalische Darstellung von Gewitter und Sturm, aber keine gab es bisher, die dieser gleichkommt, und wir glauben den Grund dieser ungeheuern Wirkung darin zu finden, daß Spohr das gewaltige Naturereigniß mehr im Großen, Allgemeinen als im Einzelnen aufgefaßt hat. Wir müssen zusammenschauern vor der ergreifenden Wirkung selbst, wie vor Bewunderung des Geistes, der alle Mittel der Kunst so zu verwenden und zu lenken wußte. Ruhe und Friede folgt. Ein Recitativ mit prächtiger Modulation leitet zu dem kurzen Choralsatz der Jünger, worin die Göttlichkeit des Erlösers einfach, fest und kräftig verkündet wird. Der Schlußchor, ein Gebet der Jünger voll Schmerz und gläubiger Hoffnung, ist einfach, melodisch und erhaben; ein musikalisch poetischer Erguß, der die Sympathie eines jeden Wesens, das gläubig auf ein Jenseits hofft, anregen muß. – Als der letzte Accord in seiner tragischen Größe dahin starb, blickten wir um uns her – es war kein Athemzug zu vernehmen, tiefe Stille ringsum, – Alle fühlten mächtiger, als sie es ausdrücken konnten. Es war ein Moment heiliger Empfindung, – kein lautes Entzücken, – der Eindruck war zu überwältigend und ließ alles Irdische verschwinden, – er war aber auch dauernd, und wird gewiß nimmer vergessen werden.« – Auch über Spohr's Art zu dirigiren, berichten die englischen Blätter und »Spectator« nennt sie wahrhaft entzückend, wunderbar taktfest und dabei durch erläuternde Bewegungen den beabsichtigten Effekt deutlich anmerkend; worauf er weiter hinzufügt: »Wir sehen in Spohr einen Mann, der sich seiner Absichten klar bewußt ist und mit seinem Werk eben so vertraut in allen Einzelnheiten, wie im Ganzen. Wenn in der Probe irgend eine Note fehlte, so sang er sie, welches auch die Harmonie sein mochte und seine Stimme war dabei von großem Wohllaut.« Ueber die folgenden Tage erzählt der oben angeführte Brief weiter unterm 20. September: »Gestern kam vor dem Beginn des Abendconcertes noch eine Deputation vom Comité an Spohr, mit der Bitte, sein Concertino noch einmal zu spielen, was er jedoch bestimmt ablehnte, um so mehr, da er sich schon dazu verstanden hatte, die Ouvertüre und Arie aus »Faust«, womit der zweite Theil begann, selbst zu dirigiren. Sobald er zu dem Zweck das Orchester betrat, wurde er wieder mit einem stürmischen und endlosen Applaus begrüßt, worin sich wahrscheinlich noch die Empfindungen über das Oratorium, welches der englischen Sitte gemäß nicht beklatscht werden durfte, kund thun sollten. Heute nun zum Schluß der herrliche Händel'sche »Messias«, der seinen jedesmaligen Eindruck auch hier nicht verfehlte. So ist es denn vorüber das schöne Fest mit all seinen Freuden und Herrlichkeiten! Freilich bedurfte es einer geistig und körperlich kräftigen Natur, wie Spohr sie glücklicherweise besitzt, um binnen weniger Tage sechs 4½stündige Concerte nebst Proben und täglichen Festdiners in voller Frische genießen zu können und daneben noch allen Besuchen und seltsamsten Anforderungen von nah und fern willig Genüge zu leisten. Auch der letzte Tag mit seinen Abschiedsscenen war noch ein höchst angreifender und hat mir, ich gestehe es, manche Thräne gekostet. Der Abschied von allen den lieben Menschen, die uns hier, obgleich fremd, mit so unbeschreiblicher Herzlichkeit aufgenommen, war höchst schmerzlich. Von der Liebenswürdigkeit dieser Engländer, von ihrer Liebe zu Spohr, die sich auch auf mich erstreckt, kann ich mündlich demnächst Wunderdinge erzählen. Wie hoch überhaupt hier in England Spohr geehrt wird, und zwar von allen Seiten und auf die mannichfachste Weise, das ist fast unglaublich« ...

Nach solch überaus glänzendem Erfolg von Spohr's Oratorium, und nachdem er selbst wahrgenommen, wie – nach des »Spectator's« Ausdruck – »Orchester und Sänger wetteiferten, ihm die Ueberzeugung zu geben, daß England vorzugsweise das geeignete Land für seine Oratorien sei«, so konnte ihm nichts erfreulicher sein, als der noch während seiner Anwesenheit an ihn ergangene Antrag, für das nächste im Jahre 1842 stattfindende Norwicher Musikfest ein neues Oratorium eigens zu componiren. – Kaum nach Cassel zurückgekehrt, wurde ihm der von Professor Taylor gedichtete englische Text: »Der Fall Babylons« zugesandt, dessen Inhalt ihm zwar sehr zusagte, aber doch erst in's Deutsche übertragen werden mußte, da er bei seiner Unkenntniß der englischen Sprache sich nicht getraute, die Composition im Originaltext zu unternehmen. Gelang es nun auch nicht, die Uebersetzung im Wertausdruck und Rhythmus dem englischen Text so getreu nachzubilden, daß dieser später der Composition hätte ohne wesentliche Umänderung wieder untergelegt werden können, so erreichte sie doch in erwünschter Weise den Zweck, daß Spohr sogleich an die ihn so lebhaft interessirende Arbeit gehen konnte. Von wahrer Begeisterung für das Werk erfüllt, widmete er demselben jede Stunde, die ihm von seinen zahlreichen Berufsgeschäften übrig blieb und ruhete nicht eher, bis er das Ganze vollendet und bei der am Cäcilientage 1840 stattfindenden Aufführung am Clavier sich überzeugt hatte, daß es zu voller Befriedigung gelungen war. Einem Uebereinkommen mit dem Comité in Norwich zufolge durfte zwar in Cassel eine öffentliche Aufführung mit vollem Orchester am folgenden Charfreitage (1841) und eine zweite Ostern 1842 stattfinden, außerdem aber mußte das Werk bis zum Musikfest in Norwich im Herbst 1842 ungenutzt ruhen, um dann erst gleichzeitig in England und Deutschland in beiden Sprachen veröffentlicht zu werden. – Doch zurück zum Jahr 1840, welches Spohr in großer Thätigkeit begann, und zwar mit Einstudiren seiner in Cassel bis dahin noch nicht aufgeführten Oper: »Der Zweikampf mit der Geliebten«, deren Hauptrollen er gerade damals ganz nach Wunsch zu besetzen vermochte. Die erste Aufführung fand zum Besten des Unterstützungsfonds statt und brachte bei sehr gefülltem Hause eine ungewöhnlich starke Einnahme, die aber leider in der folgenden Nacht aus dem wohlverwahrten Lokal der Theaterkasse auf unbegreifliche Weise entwendet wurde und dann dem Unterstützungsfonds nur zum kleinsten Theil ersetzt werden konnte, ein Umstand, wodurch Spohr die Freude am Erfolg seiner Oper, welche beim Publikum großen Beifall gefunden hatte, sehr verbittert wurde.

Zu derselben Zeit erhielt Spohr eine Einladung aus Aachen, das während der Pfingsttage daselbst stattfindende niederrheinische Musikfest zu dirigiren, wobei ihm zugleich ein vom dortigen Comité an den Kurprinzen ergangenes höchst dringliches Urlaubsgesuch für ihn in Abschrift mitgetheilt wurde, in welchem es u. A. heißt: »Wir fühlen mehr als je die Nothwendigkeit, die Direktion des diesjährigen rheinischen Musikfestes in die Hand eines Meisters gelegt zu sehen, der in gediegen und schöpferisch künstlerischer Hinsicht herrlich hervorragt, und längst den Beruf veranschaulicht hat, das Wesen unseres großen vaterländischen Festes nach allen Richtungen neu zu beleben. Es ist der Kapellmeister Euer königlichen Hoheit, Herr Louis Spohr, der mit der eminentesten Kunstfertigkeit und Gediegenheit die Kraft besitzt, unser Institut auf der gebührenden Höhe zu erhalten, und den Impuls zu geben, der dessen Fortbestehen sichern soll etc.« Dieses noch weiterhin in den überschwänglichsten Worten abgefaßte Schreiben war in der That von erwünschtem Erfolg, denn kurz nachher ließ der Kurprinz Spohr zu sich rufen und kam ihm mit der Bewilligung des von ihm selbst noch nicht erbetenen Urlaubs freundlich entgegen. Da nun hiermit jedes Hinderniß beseitigt war, so trat er die Reise Ende Mai an, und wurde nicht nur bei seiner Ankunft in Aachen, sondern auch schon in den vorhergehenden Nachtquartieren zu Frankfurt und Cöln durch Bewillkommnungsständchen festlich begrüßt. In dem prachtvoll eingerichteten Hause des Notar Pascal, wo das Spohr'sche Ehepaar eine überaus gastfreundliche Aufnahme gefunden, gingen die nächsten, den erforderlichen Proben gewidmeten Tage schnell und angenehm dahin. Am ersten Pfingsttage fand in dem zum Saal umgewandelten Theater die Aufführung des »Judas Maccabäus« von Händel statt, worüber es in brieflichen Mittheilungen heißt: »Als Spohr zur Leitung des Oratoriums in's Orchester trat, wurde er mit ungeheuerm Jubel und lautem Tusch begrüßt; wir hatten die besten Plätze im ersten Rang gerade gegenüber, wo sich die sehr hübsch rangirte Masse von 547 Mitwirkenden in brillanter Beleuchtung äußerst vortheilhaft ausnahm; auch die Musik selbst, an deren herrlichem Effekt wir uns schon in den Proben so sehr erfreut hatten, gewann natürlich noch bei der Aufführung. Die Solosänger: Madame Fischer-Achten, Albertazzi und Müller, die Herren de Brucht aus Amsterdam und Fischer machten uns, so gut sie auch im Ganzen waren, doch nicht den Eindruck von Vollendung wie die Chöre, die uns völlig entzückten ...« Ueber die folgenden Tage wird dann weiter berichtet: »Auch in dem zweiten Concert, in welchem außer Spohr's Vaterunser, die Ouvertüre zu »Medea«, die A-dur-Symphonie von Beethoven und Davidde penitente von Mozart zur Ausführung kam, wurde Spohr bei jedesmaligem Kommen und Gehen mit grenzenlosem Jubel begrüßt und ihm am Schlusse von zwei jungen Mädchen ein Lorbeerkranz überreicht. Im dritten Concert, gemischten Inhalts, ließen sich die Damen Fischer-Achten, Albertazzi sowie der berühmte Staudigl aus Wien, Alle einzeln hören und erndteten allgemeine Bewunderung. Der Gesang von allen Dreien war aber auch, jeder in seiner Art, ganz vollendet zu nennen. Einen würdigen Schluß des Ganzen bildete die Wiederholung des großartigen letzten Chors aus Spohr's Vaterunser, worauf sich noch einmal der Enthusiasmus der Zuhörer in lauten Ausbrüchen kundgab ...« Da am folgenden Vormittag die Gebrüder Müller aus Braunschweig noch ein Quartettconcert im Redoutensaale gaben, so schob Spohr seine Abreise auf, um deren dringenden Wunsch nachgeben und sein drittes Doppelquartett mit ihnen spielen zu können, was ihm aufs Neue den rauschendsten Beifall eintrug. So war denn das großartige Fest bis zum Schluß glücklich verlaufen, und es konnte der allgemein sich kund gebenden Zufriedenheit nur wenig Eintrag thun, daß der dabei gegenwärtige, durch seine Visitenkarten als » ami de Beethoven« bekannte Herr A. Schindler, welcher bereits bei früheren Musikfesten widerwärtige Streitigkeiten mit Mendelssohn über die von Letzterem eingehaltenen tempi bei Leitung Beethoven'scher Werke begonnen hatte, nun auch hier in ähnlicher Weise seine tadelnde Stimme gegen Spohr wegen dessen Auffassung der A-dur-Symphonie erhob. Es hatte dies neben der allgemeinen Mißbilligung nur die Folge, daß Spohr auf den wiederholt und dringend ausgedrückten Wunsch des Comité, an Schindler einen kurz aber entschieden zurechtweisenden Brief schrieb, der jedoch, in gewohnter Spohr'scher Milde abgefaßt, das persönliche Einvernehmen Beider während des Festes nicht störte.

Nur auf wenige Wochen nach Cassel zurückgekehrt, trat Spohr während der Theaterferien eine abermalige Reise an und zwar zunächst nach Gandersheim, wo alle Brüder mit ihren Familien versammelt waren, um ihre lebensgefährlich erkrankte Mutter noch einmal zu besuchen, worüber diese trotz ihres leidenden Zustandes eine große Freude hatte. Obgleich sie schon seit einigen Wochen das Zimmer nicht mehr verlassen und insbesondere nicht die Treppe hinauf ins obere Stockwerk hatte gehen können, so verlangte sie doch, da sie vernahm, daß Spohr in dem oben befindlichen Musikzimmer mit seiner Frau etwas spielen wolle, hinaufgeführt zu werden, »um ihren geliebten Sohn zum letzten Mal zu hören und mit diesen Tönen im Gedächtniß zu entschlafen«; worauf sie dann im Kreise der um sie her versammelten Kinder mit freudiger Rührung und Theilnahme zuhörte. Während der nächsten Tage schien eine merkliche Besserung ihres Zustandes einzutreten und Spohr setzte daher, in der festen Zuversicht, die geliebte Mutter bei seiner Rückkehr noch einmal begrüßen zu können, seine Weiterreise nach Lübeck mit beruhigtem Gemüthe fort. Doch sollte diese Hoffnung leider nicht in Erfüllung gehen, denn es erreichte ihn die erschütternde Todesnachricht noch vor seiner Wiederkehr nach Gandersheim! – Die Veranlassung zu der damals noch recht beschwerlichen und langweiligen Reise nach Lübeck war die, daß Spohr seiner Frau die Freude bereiten wollte, die Stätte ihrer schönsten Jugenderinnerungen, wonach sie seit langen Jahren heiße Sehnsucht getragen, an seiner Seite noch einmal zu besuchen. Als nämlich ihr Vater, Oberappellationsgerichtsrath Pfeiffer im Jahr 1820 in Folge eines dem Kurfürsten mißfälligen O. A. G. Erkenntnisses den kurhessischen Staatsdienst verlassen und einem an ihn ergangenen Ruf an das zu Lübeck errichtete O. A. Gericht für die vier freien Städte Folge geleistet hatte, verlebte er mit seiner Familie dort ein glückliches Jahr in den erwünschtesten Verhältnissen; insbesondere aber hatten seine beiden noch im Kindesalter stehenden Töchter der neuen Heimath und namentlich ihrem hochverehrten Lehrer, Herrn J. H. Meier, dessen Unterrichtsanstalt sie mit wahrer Lust und Freudigkeit besuchten, ihre vollste Anhänglichkeit zugewendet. Dennoch war in Aller Herzen die den Hessen so eigenthümliche Liebe zum Vaterland stets vorherrschend geblieben, und als daher noch vor Ablauf des ersten Jahres nach dem inzwischen erfolgten Regierungsantritt Kurfürst Wilhelm II. an Pfeiffer die dringende Aufforderung zur Rückkehr erging, so kehrte derselbe ohne Abwägung der auf der einen oder andern Seite sich darbietenden Vortheile freudig in die alten Verhältnisse zurück, in der festen Hoffnung, daß zufolge der ganz neu organisirten hessischen Staatsverfassung die, seinem strengen Rechtssinn unerläßlich dünkende Unabhängigkeit der Gerichte für die Zukunft auch in Kurhessen gesichert sein werde. Der Abschied von Lübeck war dann für alle Theile ein sehr schmerzlicher gewesen und das dem trauernden Schwesternpaar damals zum Trost gegebene Versprechen, einst besuchsweise dorthin zurückzukehren, welches neunzehn Jahre lang hatte unerfüllt bleiben müssen, wäre wohl ohne Spohr's liebevolle Dazwischenkunft niemals zur Ausführung gekommen. Wie groß mußte nun dessen Genugthuung sein, als er die dankbare Freude seiner Begleiterinnen beim Wiedersehen der lieben Stadt gewahrte, die ihnen fast unverändert eben so erschien, wie sie so lange Jahre hindurch in treuer Erinnerung ihnen vorgeschwebt hatte! Es wurde nun zunächst das geliebte Schulhaus und die ehemals befreundeten Familien mit frohem Herzen aufgesucht, wobei auch Spohr große Freude an der Bekanntschaft der liebenswürdigen Lübecker und deren herzlicher Aufnahme fand, und um so mehr, da sie diesmal nicht allein ihm, dem hochgefeierten Künstler, sondern zugleich dem ehrenvollen Andenken der ihm jetzt so nahe angehörenden Familie Pfeiffer galt. So geschah denn in den vier Tagen ihres dortigen Aufenthaltes für die Gäste Alles, was Freundschaft, Liebe und Verehrung nur ersinnen können, um dieselben in unauslöschlich schöner Erinnerung in ihre Herzen einzugraben! Auch ein am letzten Tage sich zutragender Unfall, dessen die öffentlichen Blätter damals erwähnten, als ob Spohr dabei in Lebensgefahr gewesen sei, und der die herrlich verlebte Zeit leicht in tragischer Weise hätte beschließen können, erschien den Reisenden nachher nur als ein komisches Abenteuer und in ihrem in das elterliche Haus gesendeten Bericht heißt es darüber: »Am letzten Morgen machten wir noch einen Spaziergang nach unserm früheren Lieblingsort, dem reizend gelegenen Dörfchen Marly, und wollten von da zur Abkürzung des Weges nach der Stadt zurück in einem Boot über die vor uns liegende Wackenitz übersetzen; gleich bei der Abfahrt erhielt aber das kleine Fahrzeug einen heftigen Stoß, gerieth in's Schwanken und schlug endlich mit uns um; glücklicherweise waren wir indessen so nahe am Ufer, daß wir aus eignen Kräften uns aus dem unverhofften kalten Bade heraushelfen und von Kopf bis zu Fuße triefend dem nächstgelegenen Hause zueilen konnten, um uns so schnell als möglich der nassen Kleider zu entledigen, während unser Begleiter, Herr Adolph Meier Später Dr. phil. und Vorsteher des von seinem Vater gegründeten Lehrinstitutes. nach der Stadt lief um trockne Sachen und einen Wagen zur Rückfahrt für uns zu holen. Der Besitzer des Hauses, in welchem wir in unserm beklagenswerthen Zustande gastliche Aufnahme gefunden hatten, war gerade nicht anwesend, und so nahm Spohr auf den Vorschlag der menschenfreundlichen Haushälterin einstweilen Besitz von dessen Zimmer und Bett, bediente sich der daselbst befindlichen, seiner Statur durchaus nicht angemessenen Nachtgarderobe und erwartete so die Zurückkunft des Hausherrn, der dann bald nachher, nachdem ihm mitgetheilt worden, welch berühmten Gast er unbewußt in seinem Bette beherberge, bei diesem anfragen ließ, ob er die Ehre haben könne, ihm seine Aufwartung zu machen? und nach gewährter Audienz in so höchst origineller Situation nicht Ausdrücke genug finden konnte, um seine Verehrung für Spohr und die Freude über diesen »glücklichen« Zufall an den Tag zu legen. Unterdessen waren auch wir in ähnlicher Weise untergebracht worden, bis der herbeigeholte Wagen erschien und uns unversehrt nach der Stadt zurückbrachte ...« – Obgleich nun bei allen Betheiligten sich mehr oder weniger nachtheilige Folgen der plötzlichen Erkältung zeigten und die Weiterreise nach Hamburg um etwas verschoben werden mußte, so konnte Spohr doch noch zeitig genug daselbst eintreffen, um an dem im Voraus bestimmten Tage die Leitung seiner Oper: »Jessonda«, nebst den dazu erforderlichen Proben übernehmen zu können. Die Aufführung, worin Frau Walker als Jessonda und Herr Reichel als Dandau sich vorzüglich auszeichneten, war in jeder Beziehung eine äußerst gelungene und von rauschenden Beifalls- und Ehrenbezeugungen für Spohr begleitet. Da sie unmittelbar dem Schluß der italienischen Opernvorstellungen folgte, so brachte die »Hamburger Zeitung« in ihrer nächsten Nummer einen vergleichenden Artikel über diese so verschiedenartigen musikalischen Elemente. Sie beginnt mit den Worten: »Am Sonnabend zog die ganze sanglustige Gesellschaft italienischer Operisten fröhlich und wohlgemuth zum Thore hinaus; am Sonntag nahm der deutsche Meister Spohr den Dirigentensitz im Stadttheater ein, um seine herrliche »Jessonda« selbst zu leiten. Dort viel Geräusch, Lustigkeit, auch etwas Zank und Aufsehen, submisse Höflichkeit – hier Ruhe, edle Würde, ehrlicher Dank, Anstand und bleibender Verdienst etc.« Und weiter heißt es dann: »Hamburgs Musikfreunde feierten am Sonntag ein wahres Musikfest im Theater; nicht nur konnten sie laut die Anerkennung des deutschen Meisters aussprechen, sie hatten auch Gelegenheit, einen Vergleich zwischen »Jessonda« und der »Lucretia Borgia« anzustellen. In »Jessonda«: »Zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, der ersten Liebe goldne Zeit«, in der »Borgia«: »Hyänenarglist in der giftgeschwellten Brust; der Liebe Reinheit nicht, nur Liebeslust«; in demselben Verhältniß die Tondichtung etc.« Ueber diesen »neuen Triumph Spohr's« war Niemand mehr erfreut, als sein begeisterter Verehrer, der bekannte Musikverleger Julius Schuberth, in dessen gastlichem Hause Spohr mit seinen Reisegefährtinnen, die vier Tage in Hamburg höchst angenehm verlebte, da ihr freundlicher Wirth sein Möglichstes beitrug, sie zu wahren Fest- und Ehrentagen für ihn zu machen. Unter andern wurde auch eine brillante Musikparthie von ihm veranstaltet, wobei Spohr einige seiner Quartetten vortrug und sich an der trefflichen Ausführung seines von Fräulein Unna gespielten Clavierquintetts erfreute.

Bei dieser Gelegenheit äußerte Schuberth so lebhaft den Wunsch, ähnliche größere Clavierstücke von Spohr in Verlag zu erhalten, daß dieser sich veranlaßt fand, bald nach seiner Rückkehr von Hamburg sein erstes Trio für Pianoforte, Violine und Violoncell zu schreiben, und dadurch zugleich eine seit Jahren öfter wiederholte Bitte der als Dilettantin ausgezeichneten Clavierspielerin Frau v. d. Malsburg, der er dann das Werk dedicirte, zu erfüllen. Dies erste Trio Spohr's ( Op. 119) ward von der musikalischen Welt mit ungemeiner Freude begrüßt, und zahlreiche Zuschriften von nah und fern sprachen ihren Dank und ihr Entzücken darüber aus. Die »Leipziger neue Zeitschrift für Musik« sagt bei Erwähnung desselben: »Obwohl der große Meister bis jetzt noch nicht in dieser Gattung geschrieben, so bewegt er sich doch in diesem neuen Genre mit ächt künstlerischem Bewußtsein und mit genialer Freiheit. Das Trio ist eine der herrlichsten Blüthen des Spohr'schen Geistes, in welchem neben der größtmöglichsten Vollendung in Form und Faktur eine Menge Schönheiten ersten Ranges, geniale Meisterzüge hervortreten. Als Perle des Ganzen ist das Scherzo und dessen Trio zu bezeichnen. Hier erschließt sich uns wie durch Zauberschlag urplötzlich eine selige Insel, – es umfängt uns wie ein Wundergarten, wie eine blühende Ton-Oasis voll orientalischer tiefglühender Farbenpracht!

Ein ewig wechselndes Sinken und Steigen
In geheimnißvoll flüchtigem Tonreigen.
Ein wunderbares Ringen,
Ein sehnsüchtig bewegtes Ineinanderverschlingen.
Ein Sich-finden und Wiederverschwinden,
Ein Kommen und Fliehen der Melodien
Gleich als wie sel'ger Engel Stimmen
Vor unserm innern Ohr verschwimmen. –

Indem wir solchergestalt den wunderbaren Eindruck, den dies Scherzo auf uns hervorgebracht, – ungefähr anzudeuten versuchen, sind wir überzeugt, daß es auf Jeden, der zu hören versteht, eine ähnliche Wirkung äußern muß ... Noch ist es höchst merkwürdig, wie Spohr hier zwei Elemente zu vereinigen wußte, die sich sonst fremd oder feindlich gegenüber zu stehen pflegen: das humoristische und das gemüthliche, elegisch-zarte und gefühlvolle Element ...«

Zu Anfang des Jahres 1841 schrieb Spohr eine Phantasie für Clavier und Violine über Themen aus seiner Oper: »Der Alchymist«, deren liebliche, seelenvolle Melodien einer solchen Bearbeitung besonders günstig waren ( Op. 117, Wien bei Mechetti), einen englischen Psalm für Solostimmen, Chor und Orgelbegleitung ( Op. 122, bei Simrock in Bonn) und ein Lied: »Schill«, für Männerchor mit Begleitung von Militärmusik zur Einweihung des Schill'schen Invalidenhauses zu Braunschweig, welches zunächst von der Casseler Liedertafel in einem Concerte zu wohlthätigen Zwecken öffentlich vorgetragen und mit so allgemeinem Beifall aufgenommen wurde, daß Spohr auf die Idee kam, es nach Frankfurt zu schicken und damit seinen versprochenen Beitrag zur »Collection kleiner Compositionen für die Mozartstiftung« zu liefern. Zugleich beantwortete er die an ihn ergangene Anfrage wegen eines geeigneten Bewerbers zu dem ersten Stipendium dieser Stiftung, indem er dazu den 14jährigen Jean Bott aus Cassel vorschlug und weiter über denselben berichtete: » Bott ist ein Virtuos auf Violine und Pianoforte und entwickelt jetzt auch ein so bemerkenswerthes Compositionstalent, daß ich ihm auch damit eine glänzende Zukunft verspreche. Seit einem halben Jahre ist er im Violinspiel mein Schüler und noch nie habe ich einen so fähigen gehabt. Hauptmann (sein Lehrer in der Composition) sagt dasselbe.« – Gestützt auf so werthvolle Empfehlungen erhielt der junge Künstler, nachdem seine eingesandten Arbeiten die Prüfung bestanden hatten, das gewünschte Stipendium auf ein Jahr, setzte den Unterricht bei Spohr und Hauptmann eifrig fort und wurde noch als Knabe in der Casseler Hofkapelle angestellt.

Da Spohr die Zeit der Theaterferien diesmal zu einem Ausflug in die Schweiz bestimmt hatte, so beschloß er, seinen Weg über Stuttgart und Hechingen zu nehmen, um die persönliche Bekanntschaft des regierenden Fürsten von Hohenzollern-Hechingen zu machen, welcher zu verschiedenen Malen eigenhändig an ihn geschrieben und sich als enthusiastischen Musikliebhaber zu erkennen gegeben hatte, indem er namentlich sein Entzücken über Spohr's »Weihe der Töne« in folgenden Worten kund gab:

 

»Hochgeschätzter Hofkapellmeister! Ich kann nicht umhin, mein Herz und meine Seele sind zu voll, ich muß dem Schöpfer jenes Tonwerkes, welches das Tiefste meiner Seele bewegte und hoch beseligte, Worte der reinsten Bewunderung und des wahrsten Dankes zusenden. Mein Hofkapellmeister Täglichsbeck hat mich durch die immer für eine kleine Kapelle wahrhaft gelungen zu nennende Aufführung des Tongemäldes ›Die Weihe der Töne‹ in Form einer Symphonie herrlich überrascht. Dank Ihnen, dem deutschen Manne, unserm Spohr, der des schönen Gedichtes Geist und Sinn eben so warm als wahr in die Sprache der Tonkunst verwirklichte! – Das Tongemälde ist wahrlich trefflich zu nennen, das ganze Sein des Erdenpilgers ist treu wieder gegeben, es bildet unser ganzes Leben, somit bald Schatten, bald Licht. Die Mutter Natur entfaltet sich zuerst als Chaos, leblos, todt. Doch nicht lange und der Urgeist giebt Leben, und wir sehen uns versetzt nach Arkadien in's idyllische Leben, bald dringt eine Ahnung eines besseren Seins in die menschliche Brust, man hört der Mutter Freuden, des Jünglings heiße Liebe, das muntere Treiben der fröhlich heiteren, jugendlichen Welt; doch bald umstaltet sich dies ächt irdische Glück, man hört der Trompeten Schall, Schlachtgesang, Krieg, Wunden, Schmerz erfolgen, alsdann aber Trost, Sieg, Frieden, Dank und Lob dem Herrn, endlich Scheiden vom Irdischen, Grabgesang, Seligkeit in jenen besseren Regionen. Der letzte Satz übertrifft wo möglich Alles, und man wähnt sich zu fühlen in jenen Räumen, in jenem ewigen Blau, abschüttelnd der Erde Schmerzen, der Erde Staub! – Verzeihen Sie, hochgeschätzter Hofkapellmeister, daß ich meinem Herzen, meinen Gefühlen hier Luft mache, aber es kommt treu von der Seele und hofft in dem so warmen Herzen unseres Spohr gern Wiederklang zu finden. Ihr ergebener

Fr. V. C., Fürst zu Hohenzollern-Hechingen.«

 

Da Spohr's beabsichtigter Besuch in Hechingen im Voraus bekannt geworden war, so wurde er bei seiner Ankunft dort aufs Freudigste bewillkommt. Ueber den Verlauf des dortigen Aufenthaltes wurde dann in die Heimath brieflich berichtet: »Gleich am ersten Abend holte uns Kapellmeister Täglichsbeck und Hofrath Schilling aus Stuttgart ab, um uns in der Stadt herum zu führen und, wie sie vorgaben, den neuen Concertsaal zu zeigen. Da angelangt, fanden wir aber zu unserer Ueberraschung eine zahlreiche Gesellschaft versammelt und wurden besonders von dem Fürsten sehr freudig begrüßt. Nach kurzer Unterredung führte er Spohr zu einer hohen Tribüne, worauf das ganze Orchester versammelt war, und ganz vorn der hiesige erste Prediger Reiners (zugleich Contrabassist im Orchester), der dann eine feierliche sehr ergreifende Willkommsrede an Spohr hielt, an deren Schluß ein solcher Jubelruf mit Musik begleitet durch den Saal erschallte, daß man glaubte, er müsse mit Tausenden erfüllt sein. Darauf setzte sich der Fürst mit Spohr nieder, und zu unserer großen Ueberraschung und Freude erklang seine herrliche fünfte Symphonie ( C-moll), mit der größten Vollendung und Begeisterung ausgeführt. Der Fürst gerieth dabei in so lebhaftes Entzücken, wie uns solches noch niemals vorgekommen war; er konnte sich nicht mäßigen, hielt Spohr beständig am Arm oder an der Hand fest, und flüsterte ihm nicht nur bei jeder Stelle seine begeisterten Empfindungen zu, sondern ließ sie oft auch ganz laut werden ... Nachdem der Fürst hatte anfragen lassen, ob Spohr unten im Speisesaale soupire, bestellte er, ein Plätzchen neben demselben für ihn aufzuheben, obwohl er als regierender Fürst noch nie im Gasthaus gespeist hatte. Dies Souper war nun höchst merkwürdig und amüsant: außer dem Fürsten, der sich zwischen Spohr und mich setzte, und sehr munter war, kam noch die ganze Hechinger beau monde, um Spohr zu sehen, und speiste daselbst jeder nach seiner Weise. Kammerherrn, Geistliche, Regierungsräthe, nebst ihren Frauen, Alles durcheinander, machte tausend Späße, und zeigte eine unerhörte musikalische Begeisterung. Auch Spohr war sehr vergnügt, dies glückliche, musikdurchdrungene Fleckchen Deutschlands kennen gelernt zu haben. Musik, vorzüglich Spohrsche, gilt hier als das Höchste, und Damen und Herren kennen seine Symphonien und Quartetten so gründlich, wie bei uns in Cassel nur sehr Wenige. Hätten wir nicht endlich um 11 Uhr, trotz dem Fürsten, den Aufbruch gemacht, so hätte er es nimmermehr gethan, denn er ist in Spohr ganz verliebt. Am andern Morgen vor 8 Uhr klopfte es schon wieder an unsere Thür und Seine Durchlaucht trat herein, zu sehen, wie wir in Hechingen geschlafen hätten. Darauf führte er uns in den Schloßgarten und in das allerliebste Schlößchen, wo wir zu der auf den Abend verabredeten Musikparthie unser Trio probiren wollten. Als wir den ersten Theil gespielt hatten, benutzte er die kleine Pause, um seine Gemahlin ebenfalls herbeizuholen, damit auch sie sein Entzücken theile, wodurch uns nun die schon bestimmte förmliche Staatsvisite bei derselben erspart wurde ... Zu Tische waren wir zu Täglichsbecks eingeladen; kaum waren wir aber mit Essen fertig, so kam der Fürst schon wieder nebst zwei Hofequipagen, welche die ganze Gesellschaft nach dem reizenden Lustschloß »Lindig« brachten, das reich an wahrhaft himmlischen Aussichten, uns Alle, besonders aber Spohr, in hohem Grade entzückte ...« Von der am Abend folgenden Hofsoirée wird weiter berichtet: »... In einem besonders für Musik gebauten gewölbten Saal wurde erst ein Doppelquartett von Spohr ganz wundervoll gespielt, dann sang der Fürst mehrere Lieder mit vielem Ausdruck und zuletzt kam unser Trio. Die Gesellschaft, meist aus Angestellten und nur wenigen Musikern bestehend, schwamm in Entzücken und äußerte sich sehr verständig über die Musik. Zuletzt kam ein feines Souper an kleinen Tischen, jeder zu vier Personen, wobei Spohr neben der Fürstin, die sich sehr liebenswürdig und herzlich erwies, am Haupttisch seinen Platz erhielt, während der Fürst in heiterster Laune mein Nachbar war. Da unsere Abreise auf den folgenden Morgen bestimmt war, der Fürst aber erklärte, sich noch nicht von Spohr trennen zu können, so beschloß er, eine Station mitzureisen und dann noch mit uns zu essen, wozu er, »um nicht egoistisch zu sein und die Freude allein zu genießen«, noch eine ganze Gesellschaft eingeladen hatte, die in seinen Wagen mitfahren sollte. Zwei Herren wurden nun in dem unsrigen vorausgeschickt, um in dem drei Stunden entfernten Städtchen Balingen Mittagsessen für sechszehn Personen zu bestellen ... Während der Mahlzeit, die aus einer Menge trefflicher Gerichte bestand und wobei auch der Champagner, aus dem fürstlichen Keller mitgebracht, nicht fehlte, war die Unterhaltung äußerst lebhaft und mit vielen Witzen gewürzt, doch stets von dem herrschenden Grundton des Musikenthusiasmus durchwebt, worin besonders der Fürst wirklich einzig ist. Endlich aber schlug die lang hinausgeschobene Scheidestunde! Die fröhlichen Reden verstummten, und wehmüthige Stille trat ein; der Fürst war außer sich, er umarmte Spohr zu wiederholten Malen, und als wir schon im Wagen saßen, wurde derselbe noch einmal von der Gesellschaft umringt und der Fürst erklärte im Namen Aller, diese für Hechingen so glücklichen Tage sollten bei der Jahreswiederkehr durch ein Fest gefeiert werden.« – Unter den freundlichsten Erinnerungen an die eben verlebte Zeit setzte nun das Spohrsche Ehepaar die Reise nach der Schweiz fort, deren Zweck zwar vorzugsweise dem Genuß der reichen Naturschönheiten galt, womit sich aber leicht der Besuch eines zu Luzern stattfindenden Musikfestes vereinigen ließ. Obgleich Spohr die schon in Cassel an ihn ergangene Einladung zur Direktion desselben abgelehnt hatte, so gewährte es ihm doch großes Interesse, als Zuhörer dabei zugegen zu sein. Am ersten Tage kam in der herrlich gebauten Kirche zu St. Xaver sein Oratorium: »Des Heilands letzte Stunden« zur Aufführung, wobei die Solostimmen meist von Dilettanten, die Parthie der Maria aber von Mad. Stockhausen, welche schon beim Norwicher Musikfest großen Ruhm dabei erworben hatte, »mit wahrer Engelsstimme« gesungen wurde. Auch die Chöre gingen vortrefflich, nur vom Orchester wurden Spohr's hohe künstlerische Ansprüche nicht ganz befriedigt. Das Oratorium erregte auch hier allgemeine Begeisterung, doch vermißten die Reisenden »die tiefe Andacht, die christliche Auffassung und fromme Hingebung des Gemüths«, die sie im vergangenen Jahre bei den Engländern wahrgenommen hatten. Nach dem Oratorium folgte eine brillante Festouvertüre von Lindpaintner und noch ein zweites Oratorium »Christi Himmelfahrt« von Neukomm, wobei der Componist ebenfalls gegenwärtig war und sich insbesondere über den Beifall Spohr's, der namentlich die Chöre und Fugen lobte, sehr erfreute. Auch im zweiten Concert gemischten Inhalts bildeten die Gesangsvorträge der Mad. Stockhausen (Mutter des neuerdings so berühmt gewordenen Baritonisten) wieder den Glanzpunkt, doch ließen sich auch zwei ausgezeichnete Dilettanten, Doctor Ziegler und seine Schwester, aus Winterthur, in dem Duett aus Jessonda mit gleichem Beifall hören. Auf der Rückreise aus der Schweiz hielt Spohr sich noch einige Tage in Frankfurt auf, um der Aufführung der »Iphigenia in Aulis« von Gluck beiwohnen zu können. Die Hauptrollen derselben: Iphigenia und Agamemnon waren durch Fräulein Capitän und Herrn Pischek trefflich besetzt, und es gewährte Spohr um so mehr Freude, diese in ihrer edlen Einfachheit doch so großartige Musik in befriedigender Weise ausführen zu hören, da in Cassel seine oft wiederholten Bemühungen, eine Glucksche Oper auf das Repertoire zu bringen, stets gescheitert waren und er auch für die Zukunft sich keinen besseren Erfolg versprechen durfte.

Kaum nach Cassel zurückgekehrt begann Spohr mit großem Eifer eine neue Arbeit, zu der er schon auf der Reise, im Angesicht der herrlichen Schweizer-Berge und Seen, den Plan entwarfen. Als er nämlich nach dem Luzerner Musikfest zuerst wieder mit seiner Frau allein im Wagen saß, erzählte er dieser voll Freude, daß er, begeistert und erfrischt durch all' die schönen Eindrücke, die Natur und Kunst vereint ihm gewährt, – den lebhaftesten Drang in sich fühle, ein recht großartiges Orchesterwerk zu schreiben, und zwar wo möglich in irgend einer neuen erweiterten Form der Symphonie. Die halb scherzhafte Antwort hierauf: »Wenn die einfache Symphonie deinem Schaffensdrang nicht genügt, so schreibe doch eine doppelte für zwei Orchester, nach Art der Doppelquartetten«, ergriff er sogleich mit Wärme, und versank darauf in tiefes Nachsinnen, als ob er die Komposition schon begänne, sagte jedoch bald nachher: die allerdings anziehende Aufgabe könne nur genügend gelingen, wenn derselben ein bestimmter Sinn untergelegt, – und den beiden Orchestern eine mit einander contrastirende Bedeutung gegeben werde. Nach langem Ueberlegen und Suchen, nach manchem alsbald wieder verworfenen Vorschlag, ergriff er endlich mit Begeisterung die Idee: das gute und böse Princip im Menschen durch die zwei Orchester darzustellen und der Doppelsymphonie dann den Namen »Irdisches und Göttliches im Menschenleben« beizulegen. Der erste Satz solle »Kinderwelt«, der zweite »Zeit der Leidenschaften«, der dritte »Endlicher Sieg des Göttlichen« heißen, außerdem aber noch jedem Satz ein specielles erläuterndes Motto beigegeben werden. So ward der Plan, mit vollem freudigen Herzen entworfen, mit reiner Begeisterung dann ausgeführt. Das Urtheil, wie weit die hohe schwierige Aufgabe ihm gelungen, mußte dabei freilich der Individualität der Zuhörer überlassen bleiben, doch erregte das Werk bei der unter der eigenen Leitung und in dem Geist des Componisten zuerst in Cassel stattfindenden Aufführung bei dem aufmerksam lauschenden Publikum die lebhafteste Bewunderung; denn während die Kunstkenner die Trefflichkeit der Musik auch abgesehen von ihrer besonderen Beziehung anerkannten, wurde zugleich bei den Nichtkennern das Gefühl in hohem Grade davon angeregt und befriedigt. So sagt ein Privatbrief aus jener Zeit u. A.: »Gestern Abend kam die neue Doppelsymphonie von Spohr für zwei Orchester zuerst zur Aufführung; das große stark besetzte Orchester repräsentirt das böse Princip, das kleine, nur aus elf Solo-Instrumenten bestehend, hingegen das gute. Im ersten Satz »Kinderwelt« behält dieses vorzugsweise die Oberhand; süße, unschuldige Melodien zaubern uns die eigene Kindheit zurück, die holden Spiele und Scherze umgaukeln uns, von schönen Träumen der Vergangenheit fühlen wir uns ganz umfangen, doch die Stimmen des großen Orchesters mahnen auch mit Wehmuth an die Wirklichkeit, an die Kämpfe mit dem kaum begonnenen irdischen Leben. In diesem Satz, obgleich die Heiterkeit vorwaltet, spricht eine eigenthümliche Reinheit und Zartheit der Gefühle zu uns, und gewiß konnte nur ein Gemüth so rein und lieb wie das unseres Spohr die zarte Kinderwelt so in Tönen darstellen. Im zweiten Satz »Sieg der Leidenschaften«, der mit einem sehr innigen Duett zwischen Oboe und Clarinette (das erste Erwachen der Liebe darstellend) beginnt, stürmen bald beide Orchester wild durcheinander, ein treues Bild des menschlichen Herzens in den Kämpfen dieses Lebens, das kleine Orchester wird bald hier, bald dort mit fortgerissen, doch unterläßt es auch hier nicht ganz, als guter Genius mit rührenden Tönen oft mahnend dazwischen zu treten. Dieser Satz, sehr reich an Ideen und Harmonien, schien das große Publikum am meisten hinzureißen; den tiefsten Eindruck auf jedes empfängliche Herz machte jedoch der dritte Satz: »Endlicher Sieg des Göttlichen.« Hier wird die mahnende Stimme des kleinen Orchesters immer dringender, die irdischen Leidenschaften im großen werden allmälig überwältigt, man glaubt zu fühlen, wie seine Macht gebrochen wird, doch rafft es sich oft noch auf, bis zu dem erhabenen Moment, wo nach einer Generalpause endlich beide Orchester, in feierlichen Accorden übereinstimmend, den errungenen Sieg des guten Genius voll Kraft verkünden. Von da an sind es nur fromme, liebliche Klänge, wie aus seligem Jenseits, die bald abwechselnd, bald zusammen in beiden Orchestern erklingen und die seltsam bewegten Gemüther der Zuhörer zum sanft beruhigenden Schluß führen.« – In ähnlicher Weise eingehend – bald vom rein menschlichen, bald vom künstlerischen Standpunkte aus das Werk preisend, – liefen die Berichte aus allen Gegenden ein, nachdem die Symphonie kurz nachher als Op. 121 bei Schuberth in Hamburg im Druck erschienen war, und sich dann schnell in die größeren Städte Deutschlands und Englands verbreitete, wobei es Spohr zur besonderen Genugthuung gereichte, seine Intentionen, wenn auch in mannichfacher Auffassung, doch im Ganzen so richtig verstanden und gewürdigt zu sehen.

Im November desselben Jahres wurde die musikalische Welt von Cassel in freudige Aufregung versetzt durch die Ankunft Liszt's, der sich in zwei im Theater gegebenen Concerten den stürmischen Beifall des begeisterten Publikums erwarb. Dem engeren Kreis der Musikfreunde war schon vor seinem öffentlichen Auftreten der große Genuß zu Theil geworden, ihn in einer von Spohr veranstalteten Musikparthie dessen Clavierquintett, so wie viele andere eigene Compositionen in unübertroffener Meisterschaft vortragen zu hören. Auch Spohr folgte den Leistungen seines Kunstgenossen mit dem lebhaftesten Interesse, die höchste Anerkennung zollte er aber dessen an's Wunderbare grenzendem a vista-Spielen, und mit freudiger Miene erzählte er noch nach Jahren, als Beweis von Liszt's auch nach dieser Seite hin eminenten Talente, wie derselbe in einer Privatsoirée bei Frau v. d. Malsburg, von Spohr auf der Geige begleitet, dessen »Reisesonate«, so wie die eben erst im Druck erschienene, also Liszt völlig unbekannte Phantasie aus dem Alchymist zur Bewunderung aller Zuhörer in höchster Vollendung vom Blatte spielte Nach dieser von Augenzeugen herrührenden Mittheilung werden die Leser der Malibran'schen Biographie Spohr's die in derselben enthaltene, auf unbegreiflichem Irrthum beruhende Erzählung von Liszt's Anwesenheit in Cassel selbst berichtigen können..

Am 5. December dess. Jahres wurde aller Orten von den Verehrern Mozart's dessen 50jähriger Todestag begangen; da aber in Cassel keine öffentliche Feier stattfinden konnte, so veranstaltete Spohr zum Besten der Armen eine Privataufführung des Cäcilienvereins, welche recht feierlich und ergreifend ausfiel. In der Mitte des Saales erhob sich auf schwarz behängtem Altar die bekränzte Büste Mozart's, während auf der einen Seite die zahlreich versammelten Zuhörer, auf der andern aber die Sänger sämmtlich in Schwarz gekleidet Platz nahmen. Zuerst wurde nun das » ave verum« von Mozart gesungen, dann folgte eine kurze passende Gedächtnißrede und zum Schluß des verewigten Meisters Schwanengesang, das unsterbliche Requiem. –

Zu Anfang des Jahres 1842 componirte Spohr sechs vierstimmige Lieder für Sopran, Alt, Tenor und Baß ( Op. 120 bei Appel in Cassel), sodann sein zweites Trio für Clavier, Violine und Violoncell, dem er im Laufe des Jahres noch ein drittes folgen ließ, worauf beide bei J. Schuberth als Op. 123 und 124 gestochen wurden.

Da sich während des Winters bei Spohr wieder Spuren seines früheren Leberleidens gezeigt hatten, so wurden diesmal die Sommerferien zu einer Badereise nach Carlsbad benutzt, auf dem Hinweg aber auf die dringende Einladung seines Jugendfreundes, des nunmehrigen Oberjägermeisters v. Holleben in Rudolstadt, ein Besuch bei diesem abgestattet. Im Kreise von dessen liebenswürdiger Familie flossen die Stunden unter den freundlichsten Jugenderinnerungen und dem gegenseitigen Austausch späterer Erlebnisse schnell und angenehm dahin; doch durfte es dabei auch an Musik nicht fehlen, zu deren Anhörung dann jedesmal ein größerer Zirkel von Musikliebhabern eingeladen wurde, wo Spohr bereitwillig mehrere seiner neuesten Compositionen vortrug und insbesondere durch die beiden Trio's, bei welchen seine Frau die Clavierparthie übernahm, das allgemeine Entzücken erregte. Eine begeisterte Zuhörerin hatte er dabei insbesondere an der damals in Rudolstadt lebenden Prinzessin von Bückeburg, die gern in ihrem eigenen Hause eine fête für Spohr veranstaltet hätte, wenn nicht Frau v. Holleben, wie sie selbst nachher triumphirend erzählte, dem Beispiel des Mayor von Norwich folgend (dessen komische Geschichte mit dem dortigen Bischof Spohr vorher zum Besten gegeben), jede Einladung für ihre Gäste, ohne erst anzufragen, abgelehnt hätte.

Während des nun folgenden vierwöchentlichen Aufenthaltes in Carlsbad brauchte Spohr mit musterhafter Gewissenhaftigkeit die ihm vorgeschriebene Brunnenkur, wobei er außer vorschriftsmäßigen mehrstündigen Morgenspaziergängen, am Nachmittag weitere Ausflüge in die herrliche, ihm schon früher so liebgewordene Umgegend machte. Doch wußte er dazwischen auch noch manche Stunde zur Ausübung seiner edlen Kunst zu erübrigen, indem er fleißig mit seiner Frau musicirte und auch den näheren Bekanntenkreis öfters durch sein Spiel erfreute. Dem immer regen Drang, etwas Neues zu schaffen, konnte und durfte er zwar während der Kur nur in geringem Maße genügen, doch componirte er auch in dieser Zeit wenigstens ein Lied: »Thränen« von Chamisso, welches später im »Album für Gesang« von Rud. Hirsch (Leipzig bei Bösenberg) abgedruckt wurde, und beschäftigte außerdem seinen rastlos thätigen Geist in unschuldiger Weise mit Ausdenken von Räthseln und Charaden, die er dann in Prosa zu Papier brachte und den in die Heimath gesendeten Briefen beilegte, wo es bei den zu Hause Zurückgebliebenen oftmals viel Kopfzerbrechen gab, um in der nächsten Rückantwort die richtige Auflösung mitgeben zu können. Da auch von seinen andern Reisen öfter ähnliche Sendungen eingingen, so entstand allmälig eine Sammlung von mehr als fünfzig solcher Räthselaufgaben theils ernsten, theils scherzhaften Inhalts, deren einige hier als Beispiele Platz finden mögen:

Dreisylbige Charade.

Mein Ganzes ist eine Dissonanz im Leben, die aber mit zunehmender Civilisation immer mehr verstummen wird. Auch ohne die erste Sylbe bleibt es eine Dissonanz, findet jedoch sogleich beruhigende Auflösung. Wirfst Du vom Ganzen in der Mitte einen Buchstaben weg, so hört alle Dissonanz auf und es dient nun fröhlichen Festen; nimmst Du aber dem Ganzen das letzte Zeichen, so gestaltet es sich sogar zum reizenden Kunstwerk.

Buchstabenräthsel.

(In Carlsbad bei Regenwetter ausgedacht, weshalb es etwas tragisch ausgefallen ist).

Wem ein herbes Geschick das Ganze auferlegt hat, dem wird die Welt als das erscheinen, was bleibt, wenn Du den letzten Buchstaben wegnimmst. Ihm wird vielleicht sogar das versagt sein, was bleibt, wenn Du nochmals die zwei letzten wegstreichst, und man kann dem Armen nur zu dem rathen, was bleibt, wenn abermals der letzte wegfällt. Hilft ihm auch dieses nicht, so wird es ihn doch vielleicht trösten.

Zweisylbige Charade.

Mein Erstes sehnt sich nach seinem nächsten Nachfolger. Das Zweite strebte einst das Ueberirdische zu erforschen. Das Ganze beherrscht drei Nebenbuhler und zwar legitim, da es höher als sie geboren wurde Die Auflösungen werden beim Inhalts-Verzeichniß gegeben werden.).

Auflösung fehlt im Buch oder im Scan. Re

Nach Cassel zurückgekehrt wurde Spohr schmerzlich berührt durch die Kunde von der nahe bevorstehenden Abreise seines Freundes Hauptmann, welcher einen Ruf als Kantor an die Thomasschule zu Leipzig angenommen hatte. Mochte er sich auch herzlich darüber freuen, denselben seine Stelle in der Hofkapelle zu Cassel gegen jene so viel angemessenere und ehrenvollere vertauschen zu sehen, so war doch augenblicklich das wehmüthige Gefühl vorherrschend, den Umgang eines Mannes fortan entbehren zu sollen, der ihm zwanzig Jahre hindurch als Freund, wie als Künstler gleich nahe gestanden hatte. Da Hauptmann auch ein thätiges und hochgeehrtes Mitglied des Cäcilienvereins gewesen war, so wurde von diesem auf Spohr's Veranlassung eine Abschiedsfeier veranstaltet, wobei der musikalische Theil größtentheils aus Hauptmann'schen Compositionen bestand. Da aber Spohr wenigstens ein Musikstück mit speciellerer Beziehung auf die Feier hinzuzufügen wünschte, so wählte er hierzu die zur goldenen Hochzeit seiner Eltern von ihm componirte liebliche Cantate, welche, mit untergelegtem passenden Text versehen, um so mehr das Interesse aller Zuhörer fesselte, da Spohr selbst die der Clavierbegleitung beigegebene obligate Violinstimme dabei übernahm.

Gegen Ende des Jahres schrieb Spohr eine »Concert-Ouvertüre im ernsten Styl« ( Op. 126 bei Siegel in Leipzig), die dann im nächsten hiesigen Abonnements-Concert, bald nachher aber auch in den Gewandhaus-Concerten zu Leipzig zur Aufführung kam, und hier wie dort nicht verfehlte, den beabsichtigten ernst-großartigen Effekt hervorzubringen. Zunächst machte er sich nun auf öfteres Drängen von Verlegern und Freunden an eine von ihm bisher noch gar nicht versuchte Compositionsgattung, eine Sonate für Pianoforte allein, welche er, nachdem sie zu seiner Befriedigung ausgefallen war, seinem Freunde Mendelssohn zu widmen beschloß. Dieser, hiervon in Kenntniß gesetzt, schrieb ihm sogleich und begleitete seinen Dank »für die hohe ehrenvolle Auszeichnung« mit folgenden Worten: »Wüßte ich's Ihnen nur ordentlich auszudrücken, wie tief ich's empfinde, was das sagen will, eins Ihrer Werke auf diese Weise noch ganz besonders sein eigen nennen zu dürfen, und wie mich nicht allein die Auszeichnung, sondern eben so sehr Ihr freundliches Erinnern, Ihr fortgesetztes Wohlwollen dabei so ganz von Herzen freut. Haben Sie tausend Dank dafür, lieber Herr Kapellmeister, und was ich von gutem Clavierspielen zusammen bringen kann, um mit meinen jetzt sehr widerhaarigen Fingern die Sonate recht schön herauszubringen, das soll redlich geschehen. Aber das ist wieder nur eine Freude, die ich mir selbst mache, und ich möchte so gern Ihnen eine dafür erwiedern« etc. Die »widerhaarigen Finger« mochten indessen dem Willen des Meisters sich bald gefügt haben, denn als Spohr später bei einem Besuch in Leipzig die Freude hatte, die Sonate von ihm vortragen zu hören, blieb nichts zu wünschen übrig und er erkannte in solcher Ausführung das Ideal, welches ihm bei der Composition vorgeschwebt hatte. Als dieselbe bald nachher in Wien bei Mechetti als Op. 125 herausgekommen war und hierdurch eine weitere Verbreitung gefunden hatte, wurde Spohr von allen Seiten viel Erfreuliches darüber gesagt. Namentlich überraschte ihn ein begeisterter Brief aus Ungarn von einem ihm völlig Unbekannten (Chor-Direktor Seyler an der Kathedrale zu Gran), worin derselbe u. A. sagt: »Unzählige Male ergötzte ich mich in den Stunden, welche mir mein Dienst zur Erholung gönnet, am Pianoforte an jener Sonate, die Sie Herrn Mendelssohn-Bartholdy dedicirten. Hingerissen durch den Zauber dieser Töne ergreife ich die Feder, um Ihnen im Namen aller fühlenden Clavierspieler, die nicht immer Gelegenheit haben, sich an Ihren größeren Tonschöpfungen zu ergötzen, für dieses göttliche Werk den innigsten Dank zu melden. ... Noch möchte ich inständigst bitten, mich wissen zu lassen, ob wir Clavierspieler unserer großen Sehnsucht Raum geben dürfen, noch eine solche Composition, bei welcher wir mit zwei Händen allein mit dem Geist des weltberühmten deutschen Kunstheroen uns unterhalten können, in unsere Hände zu bekommen?« etc. Mußten diese und ähnliche Äußerungen nun Spohr's frühere Zweifel, ob er auch als Componist für Pianoforte etwas Genügendes leisten könne, vollends beseitigen, so blieb doch sein Interesse begreiflicherweise mehr der mit der Geige concertirenden Claviermusik zugewandt und seine nächste Arbeit waren sechs Duettinen für Pianoforte und Violine ( Op. 127), die er aber erst nach mehreren Monaten beendigen und seinem ungeduldig darauf harrenden Verleger Jul. Schuberth in Hamburg zur Veröffentlichung übergeben konnte, indem gerade damals seine Zeit durch Einstudiren mehrerer größerer Werke ungewöhnlich in Anspruch genommen wurde. Zunächst war es nämlich sein Wunsch, die Bach'sche »Passion« am Charfreitag zur Aufführung zu bringen, und obgleich er dieselbe schon früher mehrmals bei gleicher Veranlassung mit Zuziehung aller musikalischen Kräfte Cassels eingeübt hatte, so waren doch seitdem Jahre verflossen und es kostete auf's Neue unendliche Geduld und Ausdauer, um diese großartige, überaus schwierige Musik dem Gesang- und Orchesterpersonal so sicher einzustudiren, daß sie in würdiger Weise dem Publikum vorgeführt werden konnte. Nachdem sich dann Spohr bereits Monate lang mit dem Einüben der Chöre abgemüht hatte und der ersehnte Tag der Aufführung immer näher rückte, wurde plötzlich die dazu erforderliche Erlaubniß des Kurprinzen, ohne irgend einen Grund dafür anzuführen, verweigert; und erst nachdem ein zweites Gesuch eingereicht und demselben für alle Fälle eine Bescheinigung des Pfarrers beigelegt worden, daß er »die gewählte Musik der Kirche und dem Tage vollkommen angemessen« finde, kam die erhoffte Erlaubniß und das herrliche Werk konnte zur größten Freude Spohr's, wie aller Musikfreunde, dennoch am bestimmten Tage aufgeführt werden. Doch hätten diese wiederholt in den Weg gelegten Hindernisse leicht Veranlassung zu Spohr's gänzlichem Abgang von Cassel werden können, da er gerade wieder in jener Zeit einen sehr annehmbaren Ruf nach Prag erhielt, worüber er an Freund Hauptmann schrieb: »Ich bin der hiesigen Vexationen so müde, daß ich mich in meinen alten Tagen noch entschließen könnte, von hier wegzugehen, wenn nicht meine Frau zu sehr an ihrer Familie hinge und entfernt von den Ihrigen froh sein könnte. Eine Veranlassung böte mir ein Antrag der Böhmischen Stände, die durch Dionys Weber's Tod erledigte Stelle als Director des Prager Conservatoriums, gegen Entschädigung meines hiesigen Einkommens, zu übernehmen. Ein solcher Wirkungskreis und der Aufenthalt in dem musikalischen Prag könnte mir schon zusagen. So werde ich es, bei den angeführten Umständen, natürlich ablehnen ...« In Hauptmann's sehr ausführlicher Antwort hierauf meint derselbe zwar u. A.: »Cassel werde durch Spohr's Abgang unter den dort obwaltenden Verhältnissen eine musikalische Sandsteppe werden«, räth ihm aber dennoch unbedingt dazu und will »den Gedanken noch nicht aufgeben, ihn aus dem guten, schönen, aber unterdrückten Cassel nach der majestätischen Praga ziehen zu sehen.« Da Spohr jedoch inzwischen seine Entscheidung getroffen und aus freiem Antrieb die liebevolle Rücksicht für seine Frau und ihre Eltern, deren täglicher Umgang auch ihm zur lieben Gewohnheit geworden war, hatte vorwalten lassen, so schrieb er in seiner Rückantwort die wenigen bezeichnenden Worte: »Sehr erfreulich sprach mich die Theilnahme an, die aus Ihrem lieben Brief hervorleuchtet auch in Bezug auf die Prager Angelegenheit. Diese habe ich indessen schon bei mir abgethan und ich freue mich, daß meine ablehnende Antwort nach Prag abgegangen war, bevor mein Schwiegervater etwas davon erfuhr und mir mit nassen Augen seinen Dank für meine Entscheidung sagen konnte ...« – So war nun Spohr dem auch ihm als zweite Heimath lieb gewordenen Cassel erhalten und er fuhr fort, mit dem gewohnten Eifer seinen Berufsgeschäften obzuliegen. Da galt es denn abermals ein schwieriges Werk einzustudiren, nämlich: »den fliegenden Holländer« von Richard Wagner, den Spohr zur Festoper für den zweiten Pfingsttag vorgeschlagen, nachdem er von Dresden viel Rühmliches darüber vernommen und bei Durchsicht des eingeschickten Textbuches dasselbe in jeder Beziehung so befriedigend gefunden hatte, daß er es »ein kleines Meisterstück« nannte und bedauerte, »nicht zehn Jahre früher ein ähnliches eben so gutes zur eignen Composition gefunden zu haben.« Als er dann in den Proben die Oper genauer kennen lernte, schrieb er darüber an Lüder, indem er ihn zu der bevorstehenden Aufführung nach Cassel einlud: »Dies Werk, obgleich es nahe die Grenze der neuromantischen Musik à la Berlioz streift und mir unerhörte Arbeit wegen seiner immensen Schwierigkeit verursacht, interessirt mich doch im höchsten Grade, da es augenscheinlich in reiner Begeisterung geschrieben ist – und nicht wie so Vieles der modernen Opernmusik in jedem Takt das Bestreben, Aufsehen zu erregen oder gefallen zu wollen, heraushören läßt. Es ist viel Phantasie darin, durchaus edle Erfindung, ist gut für die Singstimmen geschrieben, und zwar enorm schwer und etwas überladen instrumentirt, aber voll neuer Effekte, und wird gewiß, wenn es erst in den größeren Raum, ins Theater kommt, vollkommen klar und verständlich werden. Ende dieser Woche beginnen die Theaterproben, auf die ich besonders gespannt bin, um zu sehen, wie sich das phantastische Süjet und die noch phantastischere Musik in Scene ausnehmen werden. In so weit glaube ich schon mit meinem Urtheil im Klaren zu sein, daß ich Wagner unter den jetzigen dramatischen Componisten für den begabtesten halte. Wenigstens ist sein Streben in diesem Werk dem Edlen zugewendet, und das besticht in jetziger Zeit, wo Alles nur darauf ausgehet, Aufsehen zu erregen oder dem gemeinsten Ohrenkitzel zu fröhnen!« etc. Trotz der fast unübersteiglich scheinenden Schwierigkeiten brachte Spohr schließlich eine Aufführung zu Stande, die nichts zu wünschen übrig ließ und die auch beim Publikum die günstigste Aufnahme fand. Zur wahren Genugthuung gereichte es ihm dann, sogleich selbst hierüber an Wagner zu berichten, worauf ihm dieser hochbeglückt erwiederte: »Mein hochverehrtester Herr und Meister, von der Freude, ja von dem Entzücken, das mir Ihr so außerordentlich liebenswürdiger Brief bereitete, mußte ich mich wirklich erst etwas erholen, ehe ich daran gehen konnte, Ihnen zu schreiben und mein dankbares Herz gegen sie auszuschütten ... Um Sie in den Stand zu setzen, sich die außerordentliche Bewegung erklären zu können, die Ihre Nachrichten in mir hervorbrachten, muß ich Ihnen zunächst kaltblütig auseinandersetzen, welche meine Erwartungen auf den Erfolg dieser Oper waren. Bei den großen und ungewöhnlichen Schwierigkeiten, die sie darbietet, konnte ich mir nur wenig davon erwarten, sobald bei einer Bühne, möge sie auch die besten musikalischen und dramatischen Kräfte aufweisen können, nicht an der Spitze ein Mann stünde, der mit besonders energischer Fähigkeit und gutem Willen sich von vornherein meines Interesse gegen alle Hindernisse annähme. Daß Sie, mein hochverehrter Meister, wie kein anderer, die Eigenschaften zu so energischer Ueberwachung besäßen, wußte ich, – ob aber meine Arbeit Ihnen würdig erscheinen konnte, sich ihrer mit solch entscheidendem Interesse anzunehmen, das war der gewiß sehr natürliche Zweifel, der, je näher die Zeit der mir angezeigten Vorstellung rückte, mich immer entmuthigender einnahm, so daß ich es gestehe, wie ich in meinem Kleinmuth nicht wagte, nach Cassel zu gehen, um mich nicht persönlich und zu meiner Beschämung von der Wahrheit meiner Befürchtungen überzeugen zu müssen. Nun sehe ich aber wohl, daß ein Glücksstern über mir aufgegangen ist, da ich die Theilnahme eines Mannes gewinnen konnte, von dem schon eine nachsichtige Beobachtung mir zum Ruhme gereicht hätte: – ihn selbst mit der förderndsten und entscheidendsten Thätigkeit sich meiner Sache annehmen zu sehen, das ist ein Glück, welches mich gewiß vor Vielen auszeichnet, und welches mich denn wirklich zum ersten Male mit einem Gefühle des Stolzes erfüllt, das bis jetzt noch nie, durch kein Zujauchzen des Publikums, in mir hervorgerufen werden konnte« etc. Auch die von Spohr ihm gemachten Ausstellungen an der Oper, in welchen er »nur dessen wahre Theilnahme erkannte«, nahm Wagner mit gleicher Dankbarkeit und Freundlichkeit auf, so wie er sich auch in allen seinen späteren Briefen stets mit der wärmsten Anhänglichkeit und Verehrung gegen ihn aussprach.

Mit Beginn der Theaterferien rüstete sich Spohr zur Reise nach London, wo er Entschädigung dafür finden sollte, daß er wegen versagten Urlaubs im vorigen Herbst der vielbesprochenen Aufführung seines Oratoriums: »Der Fall Babylons« zu Norwich nicht beiwohnen konnte. Es war nämlich auf Veranlassung des dortigen Comité's schon monatelang vorher im Auftrag der englischen Regierung durch die Gesandtschaft beim Kurprinzen ein Gesuch deshalb eingereicht, von diesem aber kurzweg abgeschlagen worden, worauf an Spohr von mehreren Seiten aus England geschrieben wurde, man fühle sich dort im höchsten Grade beleidigt und vorzüglich sei Lord Aberdeen, der stolze Minister, der das Schreiben abgefaßt, sehr aufgebracht. Das Comité versammelte sich deshalb in Norwich und schickte eine Deputation nach London an den Herzog von Cambridge, der sich bereit erklärte, augenblicklich in den dringendsten Ausdrücken selbst an den Kurprinzen zu schreiben. Doch vergebens, auch seine Bitte wurde nach zwei Monaten abschläglich beantwortet, und er, wie die ganze königliche Familie nicht wenig dadurch beleidigt. In Norwich glaubte man indessen noch immer nicht alle Mittel erschöpft zu haben, und es kam zu Spohr's größter Ueberraschung plötzlich eine ungeheure Bittschrift in riesengroßem englischen Format, unterschrieben von den Repräsentanten der sämmtlichen Einwohnerschaft der Grafschaft Norfolk (100,000 Menschen), worin der Kurprinz nochmals förmlich angefleht wurde, zum Besten der Stadt und der ganzen Grafschaft doch zu gestatten, daß Spohr dort sein Oratorium dirigiren dürfe. Obgleich er selbst sich nun wenig Hoffnung auf einen günstigen Erfolg machte, so war er doch ergriffen durch dies seltene, wahrhaft imposante Dokument und sah in höchster Spannung der Antwort entgegen. Eine solche erfolgte indessen nicht, sondern es erging nur vom Minister der auswärtigen Angelegenheiten v. Steuber nachfolgendes Schreiben an die Gemahlin des Oberhofmarschalls v. d. Malsburg, durch welchen die Petition eingereicht worden war: »Ew. Excell. melde, daß ich das bewußte Gesuch übergeben und persönlich alle darin hervorgehobenen Momente geltend gemacht habe, daß aber, wie Sie gleich besorgten, keine Hoffnung vorhanden ist, daß eine günstige Entscheidung erfolge« etc. – Konnte nun Spohr auch nicht persönlich an dem Triumph Theil nehmen, welchen auch dieses neue Oratorium ihm in England bereitete, so erhielt er doch fast täglich die ausführlichsten brieflichen Berichte über den Verlauf des Festes, ja endlich kam eine ganze Kiste voll Zeitungsblätter aller Partheien an, die sich in Ausdrücken der höchsten Anerkennung fast zu überbieten schienen, aus welchen indessen hier nur wenige besonders charakteristische Aeußerungen Platz finden dürfen. Times sagt u. A.: »Den Glanzpunkt des Festes bot Spohr's Oratorium. Der Text ist mit besonderer Rücksicht auf die Natur und den Charakter eines Oratoriums gedichtet, und der Gegenstand, den Spohr mit seinem Talent verherrlicht hat, der Entfaltung desselben vorzüglich günstig. Es erscheinen drei Nationen: die gefangenen Juden, die wollüstigen Babylonier und die eroberungsstolzen Perser, Stoff zur verschiedenartigsten, musikalischen Behandlung für den Componisten, den dieser bewunderungswürdig benutzte, indem er durchgängig die Identität und Nationalität der verschiedenen Völker in der Musik festzuhalten wußte. Sein besonderes Genie für Erfindung herrlicher Melodien und seine Macht, diese mit den entsprechendsten Harmonien zu bereichern, tritt auch in diesem Werk glänzend hervor.« Nach einer ausführlichen Analyse der einzelnen Nummern heißt es dann weiter: »Das allgemeine Urtheil über das Oratorium ist dieses: Es ist ein Meisterwerk der Kunst, würdig neben den »letzten Dingen« und »des Heilands letzten Stunden« zu stehen. Dieser Lobspruch ist zwar emphatisch, aber er ist gerecht. Obgleich von derselben Hand ist das Werk doch wesentlich von jenen verschieden. Jene erregen Gefühle tiefer Andacht und christlicher Frömmigkeit, in diesem erkennen wir den göttlichen Charakter mehr in seiner Allmacht und Majestät; Jehovah enthüllt sich uns in gewaltigen Thaten, indem er ein Strafgericht über die Gottlosen verhängt. Das Werk erfüllt und verwirklicht alle Bedingungen eines ächten Oratoriums, und die Ausführung war ein Triumph englischer Kunst; nur das Eine ward tief und allgemein beklagt, daß Spohr verhindert worden, bei diesem Triumph persönlich gegenwärtig zu sein.« Im Morning Chronicle folgt nach ähnlichen enthusiastischen Aeußerungen die Schlußbemerkung: »Genug, die Musik ist charakterisirt durch die ganze Größe und Eigenthümlichkeit von Spohr's Genius, und wir können kühn behaupten: ›es ist das größte Werk, das seit Händel geschrieben wurde.‹« – Auch des ungeheueren Zudrangs zu der Festhalle geschieht von allen Blättern Erwähnung und Morning-Herald äußert darüber insbesondere: »War auch zu Spohr's Oratorium ein außergewöhnlich zahlreiches Auditorium zu erwarten, so konnte sich doch Niemand von dem, was wirklich erfolgte, vorher einen Begriff machen. Vom frühesten Morgen an strömten die Wagen herein, mit Allem, was die Grafschaft an Schönheit und Rang besitzt. ... Der ganze Raum des Gebäudes war augenblicklich gefüllt, wo nur irgend noch Platz für einen Fuß war, sah man Wagehälse in den gefährlichsten Stellungen schweben, denn Jeder war fest entschlossen, lieber die größte Unbequemlichkeit zu ertragen, als dem Genuß zu entsagen, Spohr's Oratorium zu hören. Unzählige Menschen stiegen auf das Dach und von da zu den Fenstern hinein, Viele aber auch mußten außerhalb bleiben, und schauten von ihrer schwindelnden Höhe auf den Haufen herab. Es ist keine Uebertreibung, sondern buchstäbliche Wahrheit; und daß ein solcher Grad von Interesse für ein neues musikalisches Werk rege geworden war, ist wohl ein Ereigniß, welches in der Geschichte der Musik einzig da steht« etc. Während nun Spohr zu Hause durch solche erfreuliche Mittheilungen Erheiterung und Zerstreuung fand, war man in England schon darauf bedacht, auch in thatsächlicher Weise ihm für das Versäumte Entschädigung zu verschaffen, und er erhielt demzufolge noch vor Ablauf des Jahres eine Einladung nach London zu einer für die nächste Ferienzeit beabsichtigten Aufführung seines Oratoriums. Durch Professor Taylor, der bereits in Norwich an seiner Statt die Leitung übernommen und die schwere Aufgabe untadelhaft gelöst hatte, war bei Spohr's Ankunft in London (Juni 1843) Alles so weit vorbereitet, daß nach wenigen Proben die Aufführung in Hanover Square Rooms zu seiner vollkommenen Zufriedenheit von Statten ging. Auch das Publikum äußerte seinen Enthusiasmus durch laute Beifallsbezeugungen und brachte am Schluß ihm ein dreimaliges jubelndes » Hail« dar. Dennoch wollten Alle, welche dem Fest in der prächtigen St. Andrew's Hall in Norwich beigewohnt hatten, sich gar nicht darüber zufrieden geben, daß es Spohr nicht auch vergönnt war, sein Werk unter gleich günstigen Umständen in seiner vollen Herrlichkeit zu hören, und er erhielt die Aufforderung zur Leitung einer zweiten großartigeren Aufführung, welche die Sacred Harmonic Society mit ihrem aus fünfhundert Stimmen bestehendem Chor in den ungeheuern Räumen von Exeter-Hall zu veranstalten wünschte. Da er indessen die noch übrigen acht Tage zu einer Reise nach dem vielgepriesenen Wales bestimmt hatte und ihm überdies die Zeit zum Einstudiren seines Oratoriums viel zu kurz erschien, so gab er eine ablehnende Antwort. Doch mußte er nach weiterem dringenden Ersuchen und fortgesetzten Unterhandlungen endlich nachgeben, und es ward dann verabredet, daß die nöthigen Proben in Spohr's Abwesenheit Statt finden sollten, so daß er selbst nur die Leitung bei der Aufführung zu übernehmen habe, vorher aber ungestört die beabsichtigte Reise antreten konnte. Und wohl that solche Erfrischung Noth nach den fast im Uebermaß dargebotenen musikalischen Genüssen und Festlichkeiten der vorhergegangenen Wochen, bei denen er großentheils selbst thätig mitgewirkt hatte. Im Schlußconcert der Philharmonic Society, wo er mehrere seiner Compositionen: »Die Weihe der Töne«, die Ouvertüre aus dem »Alchymist« und das Blumenduett aus »Jessonda« dirigirte, vorher aber sein Concertino in E-dur selbst auf der Geige vortrug, wurde er, wie Spectator erzählt, »gleich einem Fürsten bewillkommnet, indem die ganze Versammlung freiwillig von ihrem Sitze sich erhob, um ihn zu begrüßen« ..., und »nachdem er seinen kunstvollen, über alle Beschreibung anmuthigen Vortrag beendigt hatte, zeigten die unwillkürlichen Ausbrüche des Entzückens, dass er damit die innersten Herzenssaiten der Zuhörer angeschlagen« etc. Am Schlusse des Concertes sprachen ihm die Direktoren noch die Bitte der Königin aus, in einem zu dem Zwecke anzusetzenden Extra-Concerte noch einmal zu spielen. Da er dies nicht gut ablehnen konnte, so kam das Concert acht Tage später wirklich zu Stande und enthielt in seinem überreichen Programm u. A. eine Symphonie von Mozart, die neunte Symphonie von Beethoven mit den Chören und drei Compositionen von Spohr: Concertino in A-dur, Ouvertüre zu »Macbeth« und Tristan's Arie aus »Jessonda«, welche Staudigl auf Verlangen zweimal singen mußte. Ueber den weiteren Verlauf desselben berichtet ein Brief in die Heimath: »Das gestrige Extra-Concert ging sehr glänzend von Statten und gewährte uns einen hohen Genuß. Das Erscheinen der Königin darin war ein Ereigniß, wovon im Voraus alle Köpfe und Zeitungen erfüllt waren, da sie seit ihrem Regierungsantritt noch keines besucht hatte. Als sie in den Saal trat, ganz einfach schwarz gekleidet, doch mit vielen Brillanten geschmückt, klatschte das Publikum und, stand auf (so wie neulich bei Spohr's erstem Auftreten), worauf Solo- und Chorstimmen » God save the Queen« ganz wundervoll vortrugen. Im Zwischenakt ließ die Königin Spohr zu sich in den Nebensaal einladen, und hat sich da lange und sehr schmeichelhaft mit ihm unterhalten, ihm auch den Rath gegeben, die weitere Reise in England incognito zu machen, weil man sonst in jeder Stadt sich eben so um ihn reißen und ihn quälen würde, wie in London. Er sprach auch viel mit Prinz Albert und dem König von Belgien und war von Allen recht sehr erbaut. Mehrere unserer Bekannten, die ganz in der Nähe der Königin saßen, legten besonderen Werth darauf, daß bei Spohr's Erscheinen im Orchester sie und ihr Gemahl sich sehr tief verbeugt und heftig in die Hände geklatscht hätten« u. s. w. In weiteren Musikparthien gewährte es ihm große Freude, seine Trio's, Quartetten, Opernsachen und Lieder in höchst vollendeter Ausführung zu hören, so wie er auch durch den wunderbar reinen Vortrag der beliebten englischen Glee's Eine eigentümliche Art von vier- oder mehrstimmigen Gesängen ohne Begleitung. stets zu wahrem Entzücken hingerissen wurde. Auch die enorme Quantität der bei solchen Gelegenheiten vorkommenden Musikstücke war für ihn nicht störend, da er glücklicherweise in der unerschütterlichen Ausdauer seiner Nerven mit den Engländern zu wetteifern vermochte. Als eine Curiosität in dieser Beziehung mag hier nur folgendes Programm eines bei Mr. Alsager, damaligem Mit-Redakteur der Times, veranstalteten » Spohrfestes« angeführt werden:

Dieses in jeder Beziehung trefflich gelungene und mit mehr als fürstlichem Glanz ausgestattete Fest mußte Spohr um so mehr erfreuen, da er sah, wie die aus fünfzig Personen bestehende Gesellschaft bis zum späten Abend mit staunenswerther Ausdauer und Aufmerksamkeit seinen Tönen voll Entzücken lauschte, ohne irgend ein Zuviel dabei zu bemerken. Während er nun hochbefriedigt von dem seltenen Feste sich seinerseits Herrn Alsager zu großem Danke verpflichtet glaubte, fand er zu seiner Ueberraschung am andern Tage unter der Masse täglich einlaufender Briefe, von Jenem noch ein sehr herzliches Dankschreiben, das mit den Worten schließt: » May you enjoy all the happiness that can result from the consciousness that you are a benefactor to the world and communicate happiness to others in a circle still increasing and never ending.»

Bei der am 12. Juli angetretenen Vergnügungsreise begleitete Professor Taylor als kundiger und sehr liebenswürdiger Führer das Spohr'sche Ehepaar. Sie besuchten die interessanten Orte Winchester, Portsmouth, Southampton, Bath, Bristol, dann das paradiesische Wales, dessen wundervolle Naturschönheiten sie dergestalt entzückten, daß Spohr sie an manchen Punkten noch über die Schweiz und alles, was er bisher gesehen, stellen zu müssen glaubte, und in freudig erhobener Stimmung dann auf der Rückreise nach London noch das prächtige Cheltenham und die herrliche Universitätsstadt Oxford bewunderte. Hatte er nun auch geglaubt auf der Königin Rath diese kleine Reise » incognito« zu machen, so war dennoch an allen Orten seine Ankunft gleich bekannt geworden, und Jeder bemühte sich in seiner Weise »dem Componisten der letzten Dinge« (dessen Clavierauszug er fast in jedem Hause fand) die seltensten Huldigungen entgegen zu bringen, wobei Scenen vorkamen, die ihn theils höchlich ergötzten, theils aber tief bewegten. Inzwischen war nun in London das Unglaubliche möglich gemacht und Spohr fand bei seiner Rückkehr sein Oratorium so tadellos einstudirt, daß er, wie ein Brief in die Heimath berichtet, »schon in der Generalprobe wahrhaft ergriffen ward, sowohl von der trefflichen Ausführung desselben, als auch durch den Gedanken, daß eine solche Masse ihm gänzlich fremder Menschen, meist Geschäftsleute, die wahrlich in London nicht viel Zeit übrig haben, ihre späten Abendstunden bis Mitternacht aufgeopfert hatten, um während seiner achttägigen Abwesenheit dies schwere Werk zu seiner Zufriedenheit einzuüben, blos aus Liebe zur Sache und um ihn angenehm zu überraschen.« Die Aufführung selbst wird dann weiter geschildert: »Denkt Euch nun eine riesenhafte Halle mit Plätzen für 3000 Zuhörer, diese Kopf an Kopf gedrängt voll; auf einem besonderen Balkon » Mad. Spohr and Friends« (wie es auf der Einlaßkarte heißt), von oben herab darauf hinblickend, gegenüber die prachtvolle ungeheuere Orgel und rings um dieselbe herum ein Orchester und Chor von fünfhundert Personen reizend gruppirt; in dieses Orchester eintretend Spohr und in demselben Moment das ganze Publikum und Orchester aufstehend, Alle wehend mit Tüchern und Hüten und schreiend Hurrah, Hail, Bravo! alles jubelnd durcheinander, eine lange Weile anhaltend und mit großer Heftigkeit. Kaum aber erhob Spohr seinen Taktirstab, so saß Alles nieder und tiefe Stille und gespannte Aufmerksamkeit herrschte. Himmlisch schön ertönten dann in dem weiten herrlichen Raum die ersten rührenden Accorde der Ouvertüre, wie Klänge aus einer andern Welt. Die ganze Aufführung ging nun trefflich, großartig und mit wahrer Begeisterung von Statten. Heilige Schauer durchbebten uns, und bei manchen Kraftstellen, wie »er regiert auf ewig, Hallelujah!«, – »Du, nur Du allein bist Gott« etc., – da war es, als wenn die ganze Menschheit in reinster Harmonie sich zum Preise Gottes vereinigt hätte. Doppelt zu bewundern sind bei solchen gewaltigen Kräften aber auch die immer zur rechten Zeit eintretenden zartesten Ausdrucks-Nüancen ... Drei Arien und der große Chor der Perser wurden auf stürmisches Verlangen wiederholt. Am Schluß wußten die Menschen ihrem Jubel nichts Neues mehr hinzuzusetzen, erhöhten ihn aber buchstäblich dadurch, daß sie sich dabei nun Alle auf die Bänke stellten. Als endlich Spohr durch die Menge derer, welche ihm im Vorbeigehen noch die Hände drücken und gratuliren wollten, hindurchgedrungen und bis zum Ausgang des Saales gelangt war, bemerkte ich mit Verwunderung, daß die ganze Versammlung noch blieb und allerlei flüsterte, was auf etwas Besonderes schließen ließ, bis nach einer Weile der Lärm wieder losbrach, und nochmals heftig nach Spohr verlangt wurde. Es führten ihn nun ein Paar Herren feierlich zurück und nachdem ihm gesagt worden war, das Publikum wünsche sehnlich, ihn sprechen zu hören, entschloß er sich endlich, eine kurze deutsche Anrede zu halten, die, obgleich wohl nicht verstanden, doch sehr dankbar aufgenommen wurde. Darauf trat der Präsident vor und nachdem er eine lange, durch Applaus und zustimmende Worte häufig unterbrochene, englische Rede an Spohr gehalten, überreichte er demselben im Namen der Gesellschaft eine große silberne Schüssel mit schön eingegrabener Inschrift zum Andenken an diesen herrlichen Abend.« etc. – Solche feierliche Schlußscene setzte allem bisher Erlebten noch die Krone auf und es rückte nun die traurige Stunde des Abschieds von dem herrlichen England heran. Auch Spohr war davon schmerzlich berührt, obgleich die bis zum letzten Moment auf ihn einstürmenden Anliegen aller Art keinen ruhigen Gedanken bei ihm aufkommen ließen. Namentlich waren es die täglich aus halb England eingesandten Albumsblätter, die zum Theil noch ihrer Erledigung durch seine Hand harrten und ihn daher bis zur Abfahrt am Schreibtisch gefesselt hielten. Nachdem er dann diese letzte Aufgabe auch noch vollbracht und, endlich auf dem großen Dampfschiff angelangt, den um ihn geschaarten Abschied nehmenden Freunden und Verehrern scherzend davon erzählt, mit der beruhigenden Bemerkung: »nun wird ja wohl kein Musikfreund mehr in England sein, der meine Handschrift nicht besitzt«, – da plötzlich hört er einen Ruf, – er schaut auf, und erblickt ein eiligst von der Küste herruderndes Boot, woraus einige Gentlemen hervorklettern, alle Arme voll verspätet eingeschickter Albums, mit der Bitte an Spohr, sich während der Fahrt bis Gravesend noch hineinzuschreiben, da sie ihn zu dem Zweck bis dorthin begleiten, und dann mit den Albums in ihrem Boot die ganze Themse zurückrudern wollten! Und so geschah es wirklich, schreibend verließ er Englands Küste und kam so leichter über die Abschiedsmomente hinweg!

*

In den ersten Tagen des October (1843) sollte die Versammlung der Philologen zu Cassel stattfinden und der allgemein sich kundgebende Wunsch, deren Anwesenheit durch einige musikalische Aufführungen zu verherrlichen, war um so natürlicher, als gerade hier vorzugsweise die nöthigen Elemente dazu vorhanden waren. Es beantragte daher der Präsident der Gesellschaft, Gymnasial-Director Weber, auf Spohr's Vorschlag eine Theatervorstellung der »Antigone« mit den Mendelssohn'schen Chören; auch erklärte sich Spohr bereit, dem Wunsch des Magistrats zufolge, zum Besten der Stadtarmen eine Aufführung seines Oratoriums: »der Fall Babylons« in der Kirche zu veranstalten. Da aber zu beiden die kurfürstliche Erlaubniß nicht ertheilt wurde, so mußten sich die fremden Gäste mit einer Privataufführung der »Antigone« in ihrem geräumigen Sitzungslokal genügen lassen, wobei Hofrath Niemeyer das Trauerspiel vorlas, die dazu gehörigen Chöre aber mit Begleitung von zwei Fortepiano's von den hiesigen Männergesangvereinen unter Spohr's Leitung gesungen wurden. So ging denn Alles nach besten Kräften von Statten, und die Fremden waren so befriedigt, daß sie nicht nur ihren lebhaftesten Dank für Spohr's Bemühungen aussprachen, sondern in ihrer nächsten Sitzung, welcher auch er mit Theilnahme beiwohnte, noch ein Danksagungsschreiben an Mendelssohn votirten. Auch Spohr hatte so viel Freude an der »geistreichen und eigenthümlichen Musik«, daß er nun erst recht danach verlangte, sie auch mit Orchester und Handlung hören zu können. Da indessen unter den obwaltenden Umständen in Cassel dies nicht wohl zu erreichen war, so veranstaltete er kurz nachher zu wohlthätigem Zwecke eine Wiederholung der Vorlesung in ganz gleicher Weise, jedoch in einem größeren Lokal, wodurch denn den Musikfreunden auch in weiterem Kreise als das erste Mal Gelegenheit geboten wurde, das interessante Werk kennen zu lernen.

Um diese Zeit begann Spohr sich ernstlich mit dem Gedanken zu beschäftigen, noch einmal eine Oper zu componiren, wozu die ihm so häufig zugesandten Opernbücher die Veranlassung sein mochten. Da jedoch keines derselben ihn befriedigte, indem ihm bei näherer Prüfung bald der Inhalt, bald die Form der Musikstücke nicht zusagen wollte, so kam er auf die Idee, sich mit Hülfe seiner Frau selbst einen Text zu bearbeiten, und wählte dazu das früher so beliebte Kotzebue'sche Schauspiel: »die Kreuzfahrer«, welches ihm vorzugsweise zur Lösung der Aufgabe geeignet erschien, die er sich diesmal gestellt hatte, nämlich ganz abweichend von der bisher gebräuchlichen Form, so wie von dem Styl seiner eigenen früheren Opernmusik, das Ganze gleichsam als musikalisches Drama ohne unnöthige Textwiederholungen und Ausschmückungen, mit immer fortschreitender Handlung durchzucomponiren. Sobald die Bearbeitung des Buches beendet war, ging er mit großer Begeisterung an's Werk und vollendete binnen kurzer Zeit den ersten Act, den er sogleich in Clavierauszug setzte und in seinem Hause durch eine Auswahl der vorzüglichsten Dilettanten aufführen ließ, um sich, bevor er weiter fortschritte, von dem Gelingen seiner Arbeit überzeugen zu können. Da er nun wahrnahm, wie schon ohne scenische Darstellung durch den lebendigen Ausdruck seiner Musik die Verschiedenheit der Charaktere und Situationen klar und deutlich hervortrat, und wie mächtig Sänger und Zuhörer davon ergriffen wurden, so ging er mit Zuversicht an die folgenden Acte und beendigte auch diese, bis auf die Instrumentirung, noch vor Beginn der Theaterferien.

Zum Ziel der gewohnten Sommerreise hatte Spohr diesmal Paris auserkoren, um seine Frau mit den Herrlichkeiten der glänzenden Weltstadt bekannt zu machen, und die damals dort stattfindende Industrieausstellung zu besuchen, welche als die erste ihrer Art, das allgemeine Interesse in so hohem Grade erweckte, daß Fremde aus allen Weltgegenden herbeiströmten, um die reiche Fülle von Schätzen aus allen Gebieten der Gewerbe, wie der Kunst zu bewundern. Eine ruhige Besichtigung derselben bei solchem Zudrang war beinahe unmöglich, und es war daher von doppeltem Werthe für das Spohr'sche Ehepaar, durch besondere Vergünstigung zu einer für den König reservirten Zeit, wo nur den Ausstellern selbst der Zutritt gestattet war, Einlaßkarten zu erhalten, wodurch ihnen zugleich das seltene Schauspiel zu Theil wurde, den greisen König Louis Philipp in Begleitung seiner Gemahlin, seiner Schwester Adelaide und des damals kaum im Jünglingsalter stehenden Herzogs von Monpensier ganz in der Nähe an sich vorüberpassiren zu sehen, und seine Bemerkungen über die ausgestellten Waaren deutlich hören zu können.

Auf bedeutende musikalische Aufführungen hatte Spohr in einer hierzu so wenig günstigen Jahreszeit kaum rechnen dürfen, doch wurde ihm dort in fremdem Lande unverhofft ein Genuß zu Theil, wonach er zu Hause vergebens gestrebt hatte, nämlich die Aufführung der »Antigone« mit den Mendelssohn'schen Chören, welche an jenem Abend zum 32sten Male hintereinander im Odeontheater bei stets überfülltem Hause gegeben wurde und durch die Trefflichkeit der Musik, wie der scenischen Anordnung ihren gewaltigen Eindruck auch auf Spohr nicht verfehlte.

Waren nun auch die ausübenden Künstler zum großen Theil von Paris abwesend, so verlebte er doch viel angenehme Stunden in Gesellschaft der Herren Habenec (Director des Conservatoire), Panseron, Halevy, Auber, Berlioz, Adam etc. Auch von Seiten des Conservatoriums wünschte man ihm eine Aufmerksamkeit zu erweisen, doch mochte dies unter den obwaltenden Umständen wohl einige Verlegenheit verursachen, wie es aus dem Bericht einer Pariser Zeitung hervorgeht, wo es heißt: » Mais que faire, pour prouver à l'auteur de Faust et de Jessonda que la France sait apprécier dignement ses belles compositions et leur auteur? Une idée vient soudain à un ami de Mr. Habenec: »L'époque des magnifiques concerts du Conservatoire est passée! dit-il; eh bien! écrivons partout, réunissons une partie de nos artistes, et essayous de tresser une petite couronne à Spohr, en exécutant devant lui un de ses plus beaux morceaux.« Le projet est approuvé, on n'avait que quelques jours pour le mettre en oeuvre. Des circulaires sont adressées à vingt, trente lieues de Paris. Des hommes d'un talent supérieur, qui n'auraient pas quitté leur dolce far niente à prix d'argent, se hâtent d'accourir, et la Société des Concerts, à l'exception de deux de ses membres qui sont maintenant en Italie, se trouve réunie à Paris comme un seul homme. La salle du Couservatoire est ouverte, tous les exécutants s'y rendent, et Spohr y est amené comme spectateur unique; c'est pour lui seul que soixante-dix-huit musiciens sont là, c'est aux pieds de sa gloire qu'ils viennent se prosterner, et lui font entendre son chef-d'oeuvre symphonique: »La création de la Musique«. (»Weihe der Töne«.) Spohr wurde bei seinem Eintritt in den Saal mit lautem Applaus und einer Anrede des Herrn Habenec begrüßt, der ihn aufforderte, seine Symphonie selbst zu dirigiren, da dieselbe zur Aufführung in den nächsten Winterconcerten der Gesellschaft bestimmt sei und es daher für Alle von großem Werthe sein müsse, durch des Componisten persönliche Leitung am sichersten in dessen Auffassungsweise eingeführt zu werden. Und in der That bedurfte es dabei noch mancher Bemerkungen und Wiederholungen, bis endlich Alles nach Wunsch ging, während die darauf folgende Pastoralsymphonie von Beethoven, die schon öfter gespielt worden war, mit der diesem Orchester eigenen musterhaften Präcision ausgeführt wurde.

Am folgenden Tage trat Spohr die Rückreise nach Cassel an, um es jedoch schon nach wenigen Wochen wieder zu verlassen und einer Einladung nach seiner Vaterstadt Braunschweig zu folgen, die längst gewünscht hatte, ihn auch einmal durch eine große musikalische Feier zu ehren, und daher für die letzten Tage des September eine Aufführung seines Oratoriums »der Fall Babylons« veranstaltet hatte. Einen Vorschmack der Braunschweiger Festlichkeiten erhielt er schon auf der Reise in seinem ersten Nachtquartier Seesen, wo er seine frühesten Kinderjahre verlebt hatte, daher bei dessen Bewohnern, so wie auch außerhalb der Irrthum entstanden war, es sei dieses sein eigentlicher Geburtsort. Eine große Ueberraschung gewährte es ihm, gleich hier mit einer herzlichen Anrede bewillkommt und darauf in den schöngeschmückten Saal des Gasthofes feierlich eingeführt zu werden, wo er in einem weiten Halbkreis malerisch geordnet die musikalische Auswahl aus sämmtlicher Seesener Jugend, nebst der dortigen Liedertafel versammelt fand, die außer einigen andern Gesangstücken auch einen Chor aus den »letzten Dingen«, so wie ein eigens an ihn gerichtetes Gedicht in vierstimmigem Chorgesang vortrugen. Da Spohr von solcher Huldigung gerade an dieser durch die schönsten Jugenderinnerungen geheiligten Stätte hoch erfreut und bewegt wurde, so mag den sinnigen Versen, die er stets mit besonderer Vorliebe aufbewahrte, auch hier ein Plätzchen gegönnt sein:

Hier an Deiner Heimath Grenze
Weile einen Augenblick,
Wirf auf Deiner Jugend Kränze
Einen frohen Blick zurück.
Welchen Kranz Du Dir errungen,
Hier hast Du zuerst gesungen.

Waren um Homero's Wiege
Sieben Städte einst entzweit,
Ist uns wohl erlaubt die Rüge,
Daß uns droht der Hauptstadt Neid,
Unsern Ruhm uns zu entziehen:
»Wir sahn Deine Kindheit blühen.«

Durch Amphions sanfte Leier
Hoben Thebens Mauern sich,
Doch durch Deiner Töne Feuer
Babels festre Stütze wich.
Jauchzend von der Briten Strand
Scholl Dein Sieg ins Vaterland.

Auch in unsern Bergen regt sich
Liebe zu Gesang und Kunst,
Auch in unsrer Brust bewegt sich
Ehrfurcht vor der Musen Gunst.
Und wer ließe gern sich rauben
Seinen Ruhm und seinen Glauben!

Zieh denn hin, verehrter Meister,
Zu der Hauptstadt Heiligthum,
Dort entzücke alle Geister,
Denn der Welt gehört Dein Ruhm.
Magst der Welt Du angehören,
Gönn' uns Deiner Wiege Ehren.

Die rivalisirende Hauptstadt, zu deren Gunsten der fragliche Streit der Wahrheit gemäß entschieden werden mußte, beeiferte sich dann nicht minder, die Anwesenheit ihres Gastes in ausgesuchtester Weise zu feiern, und es geben die brieflichen Mittheilungen namentlich von einem »Ueberraschungsfeste für Spohr« speciellere Kunde, welches durch die überaus glänzende äußere Ausstattung wie durch die sinnreich angeordnete musikalische Feier mit gleichem Zauber auf Sinne und Gemüth wirkte. Zunächst wurde eine von Methfessel in Musik gesetzte Cantate für Damen-Chor und Solo: »Willkommen an Spohr« mit zarter Begleitung der im Hintergrund unsichtbar aufgestellten Blasinstrumente in hoher Vollendung ausgeführt, und kaum hatte der Gefeierte nach dem Schluß des lieblichen Gesanges Zeit, einige dankende Worte dafür auszusprechen, als ganz unerwartet und in ergreifendem Contrast mit dem vorhergegangenen von der entgegengesetzten Seite des Saales her in kräftigem Männer-Chor ein zweiter »Festgesang an Spohr« ertönte, der dann die bewegten Gemüther allmälig in eine für die nachfolgenden rauschenderen Festlichkeiten empfänglichere Stimmung hinüberleitete.

Am folgenden Tage dirigirte Spohr in der Aegydienkirche sein Oratorium: »der Fall Babylons«, welches auch hier mit hoher Begeisterung ausgeführt und aufgenommen wurde. Der Umstand, daß die Aufführung in derselben Kirche stattfand, wo er vor mehr als 60 Jahren als zartes Knäblein die heilige Taufe empfangen, erhöhete noch die Weihe des Tages und gab wiederum Veranlassung zu manchem schönen poetischen Erguß.

Den Beschluß der festlichen Tage machte ein großes Concert gemischten Inhalts; dessen erster Theil enthielt, dirigirt von dem dortigen Kapellmeister Müller, die Ouvertüre zu König Lear von Berlioz, Arien aus Oberon und Jessonda, Adagio für die Violine von Spohr, vorgetragen von Concertmeister Müller, und die Maurer'sche Concertante für vier Violinen, (ausgeführt von Müller, Zimmermann, C. Müller jun. und Jean Bott aus Cassel) während der zweite Theil durch Spohr's fünfte Symphonie C-moll ausgefüllt wurde. So endete die schöne Feier, deren reine Freude für Spohr nur durch die wehmüthige Erinnerung an seinen geliebten Vater getrübt wurde, welcher die letzten Jahre bis zu seinem vor wenigen Monaten erfolgten Tode in Braunschweig verlebt hatte, nun aber, nachdem er so lange Jahre hindurch stets aus der Ferne die Erfolge seines Sohnes mit freudigem Stolze vernommen, nicht mehr Zeuge sein konnte, welch' hohe Anerkennung auch dessen Vaterstadt ihm zu zollen bemüht war.

Zu Ende des Jahres erhielt Spohr eine Einladung nach Newyork zu einem großen Musikfeste – dem ersten jenseits des Oceans, zu dessen Leitung er »als der erste der lebenden Componisten und Dirigenten« mit Stimmeneinheit in einer Generalversammlung der dortigen Musikvereine auserkoren worden. Es sollten dabei zwei geistliche und zwei weltliche Aufführungen stattfinden und war dazu vor Allem sein Oratorium: »der Fall Babylons« bestimmt, »dessen Ruhm von England hinüber auch in der neuen Welt wiederhallte.« Obgleich solch ehrenvoller Antrag viel Verlockendes für Spohr haben mochte, und seine immer rege Reiselust noch dadurch erhöhet wurde, daß er in Newyork die Freude haben sollte, seine Tochter Emilie, welche seit einigen Jahren mit Mann und Kind dahin übergesiedelt war, wiederzusehen, so war er doch schnell mit sich einig, die Aufforderung abzulehnen, da ein Aufenthalt von nur wenigen Wochen, wie ihn seine Dienstgeschäfte vielleicht gestattet hätten, die Beschwerden der weiten Seereise wohl nicht aufzuwiegen vermochte.

Am Neujahrstage 1845 kam Spohr's neueste Oper: »die Kreuzfahrer« zuerst zur Aufführung und fand nicht nur bei der ersten, sondern auch bei den schnell sich folgenden weiteren Vorstellungen eine für Cassel beispiellos glänzende Aufnahme. Spohr, der gerade bei diesem Werk dem Erfolg mit besonderer Spannung entgegengesehen hatte, fühlte darüber große Befriedigung und schrieb an seinen Freund Hesse u. A.: »Daß meine Oper auf das Publikum, welches doch nur dem kleineren Theile nach aus musikalisch gebildeten Zuhörern besteht, einen so tiefen nachhaltigen Eindruck machte, schreibe ich der Wahrheit meiner Musik zu, die nur die Situation ganz wiederzugeben strebt, und allen Flitterstaat der neuern Opernmusik, als Koloraturen, Instrumenten-Soli's und Lärmeffekte verschmähet Aehnlichen Aeußerungen in einem Briefe an Hauptmann fügt er hinzu: »Ich konnte mich nicht entschließen, auch nur eine unnöthige Note des Brillirens wegen hinzuschreiben.«. Auch habe ich mich außerordentlich gefreut, daß die Sänger, die in ihren Parthien von alle dem, was ihnen gewöhnlich den Applaus des großen Publikums verschafft, nichts fanden, demungeachtet mit jeder Probe eine größere Theilnahme daran zeigten und mit einem Eifer studirten, den ich früher an ihnen gar nicht gekannt habe. Allein der Erfolg hat auch gezeigt, daß dieser Gesang, der Jedem so bequem liegt und Gelegenheit giebt, die besten Töne, so wie den Grad von Gefühl und Ausdruck hören zu lassen, dessen Jeder fähig ist, ein sehr dankbarer ist, denn noch nie sind unsere Sänger so beklatscht worden, und nach der zweiten Vorstellung wurden sie sämmtlich gerufen.« – Nachdem nun auch die Zeitungsblätter viel Rühmliches über die neue Oper berichtet hatten, und dieselbe durch den kurz nachher bei J. Schuberth herausgekommenen Clavierauszug in weiteren Kreisen bekannt geworden war, so wurde sie bald auch von auswärtigen Theatern, namentlich in Berlin, Dresden, Braunschweig und Detmold zur Aufführung verschrieben, an andern (katholischen) Orten, wie München, Wien etc., nahm man aber Anstoß an dem vorher zur Einsicht begehrten Textbuch, und verzichtete deshalb auf die Aufführung. Da Spohr von Berlin aus eingeladen war, die erste Vorstellung seiner »Kreuzfahrer« selbst zu dirigiren, so wünschte er, daß diese während seiner Theaterferien stattfinden möchte; und obgleich man ihm von dort aus vorstellte, daß dies die ungünstigste Jahreszeit sei, da die Hauptparthien seiner Oper erst später, nach der Rückkehr der abwesenden ersten Sänger, sich genügend würden besetzen lassen, so schien es ihm doch rathsamer, auf deren Mitwirkung zu verzichten, als durch einen längeren Aufschub die Möglichkeit seines Hinkommens in Zweifel zu stellen.

Mit Beginn der Ferien begab er sich nun auf die Reise, zunächst jedoch nach Oldenburg zur Leitung eines großen Concertes, dessen Ertrag zur Gründung eines Pensionsfonds für die Mitglieder der dortigen Kapelle bestimmt war.

Das Programm war bereits vorher von dem dortigen Hofkapellmeister A. Pott, seinem ehemaligen Schüler und schwärmerisch dankbaren Verehrer entworfen und bestand nur aus Spohrschen Compositionen, nämlich: Concert-Ouvertüre im ernsten Styl; neuestes Violin-Concert in E-moll, vorgetragen vom Componisten; Duett aus Jessonda, vorgetragen von Mad. Schmidt aus Bremen und Herrn **; Clarinet-Concert, vorgetragen von Herrn Capellmusikus Köhn; große Symphonie in C-moll (Nr. 5); das Vaterunser für Solostimmen, Chor und Orchester.

Sämmtliche Musikstücke, von welchen Spohr die beiden letzten Nummern selbst dirigirte, fand er bei seinem Hinkommen durch Pott so trefflich eingeübt, daß er schon in der Probe große Freude daran hatte. Auch bei der Ausführung ging Alles so glänzend von Statten, daß ein Brief in die Heimath im Ausdruck höchster Befriedigung berichtet: »Wir fühlten uns gleichsam nach England versetzt. Diese Musik, diese vollendete Ausführung, das ungeheuere dicht gefüllte, herrlich akustische Gebäude, der grenzenlose Jubel und Enthusiasmus, alles war wahrhaft großartig englisch. Und doppelt überraschend und erfreulich alles dieses, wenn man bedenkt, daß es in einer kleinen Stadt von 12 000 Einwohnern stattfand. Orchester und Sänger machten zusammen dreihundert Personen und wirkten im wundervollsten Einklang. Jede Nummer war vortrefflich, der Eindruck des Vaterunser aber ganz unbeschreiblich, und die Worte, welche Pott kurz vorher nach einer Probe desselben darüber an Spohr geschrieben: »Glücklich ist der Mensch, der so innig und fromm beten kann; in dessen Seele muß Frieden wohnen«, traten mir hier in ihrer vollen Bedeutung vor Augen. Auch Spohr stimmte mit mir überein, das Werk so noch nie gehört zu haben, denn selbst in den feinsten Nüancen des Ausdrucks blieb nichts zu wünschen übrig. Der ganze Platz, wo Spohr dirigirte, so wie die dahin führenden Stufen waren mit den schönsten Rosen bestreut, die ganze Vorderseite des Orchesters bekränzt und unter seiner Büste mit dem Lorbeerkranz prangte ein riesenmäßiges » Louis Spohr« aus Rosen und Lorbeern kunstreich gewunden etc. Während nun die Versammlung mit Andacht seinen herrlichen Tönen lauschte, ahnte wohl Niemand, wie sehr ihm selbst jeder Genuß verbittert wurde durch einen Anfall von Magenkrampf, der bald so heftig wurde, daß es ihm, wie er selbst nachher erzählte, schon beim Dirigiren der Symphonie und des Vaterunsers Mühe kostete, sich aufrecht zu erhalten. Nach dem Concerte sollten wir noch einer fête beiwohnen, welche der Minister von Beaulieu zu Ehren Spohr's bei sich veranstaltet hatte; daran war aber unter diesen Umständen nicht mehr zu denken und wir eilten so schnell als möglich nach Hause, wo Spohr sich sogleich zu Bette legte und zu besänftigenden Mitteln seine Zuflucht nehmen mußte; doch der Krampf wollte nicht weichen, auch der herbeigerufene Arzt suchte vergebens Hülfe zu schaffen, und die Schmerzen erreichten den höchsten Grad. Einen grellen Contrast bildete es nun, als gerade in diesem Momente, wo Spohr sich so elend fühlte, daß er jeden Augenblick zu verscheiden glaubte, ein ungeheurer Fackelzug, dem fast ganz Oldenburg folgte, vor unsern Fenstern ankam, und daselbst ein großartiges, von allen hiesigen und fremden Musikern nebst drei Singvereinen dargebrachtes Ständchen mit der Ouvertüre und mehreren Chören aus »Jessonda« begann. Es sollten noch viele Stücke folgen, allein auf Spohr's Wunsch benutzte Pott die Gelegenheit, wo ein rauschendes »Hoch« ausgebracht worden, um in seinem Namen aus dem Fenster eine Dankrede zu halten, die, obgleich improvisirt, doch so schön und wohlgesetzt war, als habe er sie lange vorher einstudirt. Als er aber darin auch Spohr's Krankheit bekannt machte, da verbreitete sich allgemeine Bestürzung und die vorher so freudig versammelte Menge zog still und bekümmert von dannen. In unserem Hause ging es indessen merkwürdig lebhaft zu: die Hauswirthin, Frau O.-A.-Rath Oppermann hatte zwei Wagen voll Gäste bekommen zum Concert, dazu versammelten sich noch unten alle ihre Bekannten, um die Musik besser zu hören, dazwischen nun die verschiedenen Bedürfnisse für unsern Kranken, die Sendungen in die Apotheke, meine Todesangst, – genug, es war ein Zustand einzig in seiner Art. Um Mitternacht kam der Arzt noch einmal und machte neue Verordnungen, doch Alles erfolglos. Bis nach drei Uhr dauerte der heftige Krampf fort, dann aber wurde es besser und hörte nach und nach auf. Da indessen der Doctor heute Morgen meinte, das Fahren könne noch nachtheilig wirken, so haben wir unsere Abreise aufgeschoben, um so mehr, da wir nirgends besser sein können als hier, wo die liebevollste Sorgfalt der sämmtlichen Hausgenossenschaft uns umgiebt, und Alles uns zu Gebote steht, was das Herz nur wünscht. Heute bekam Spohr vom Großherzog einen wundervollen Brillantring »zum Andenken an Oldenburg«, was ihn eben so sehr überraschte als erfreute. Der Großherzog hatte die Absicht gehabt, beim Diner, wozu er ihn eingeladen, den Ring ihm selbst an den Finger zu stecken, doch war auch dieses durch die Krankheit vereitelt worden« etc.

Nachdem sich nun Spohr auf den Rath des Arztes entschlossen hatte, sobald als möglich von Oldenburg aus direkt nach Carlsbad zu reisen, um zur völligen Wiederherstellung seiner Gesundheit während der übrigen Ferienzeit die dortige Brunnenkur zu gebrauchen, so glaubte er, den früher gegebenen Versprechungen – in Bremen seine »Jessonda« und in Berlin die erste Aufführung der »Kreuzfahrer« zu dirigiren – nun nicht mehr nachkommen zu können und sandte, wenn auch mit schwerem Herzen, seine Absagebriefe nach beiden Orten. Indessen bewährte sich die schon mehrfach erprobte Wunderkraft der Carlsbader Quellen an ihm abermals in so erfreulicher Weise, daß schon in der ersten Woche die Idee in ihm auftauchte, sich für jetzt mit vierzehn Tagen in Carlsbad abzufinden, die Fortsetzung aber auf nächsten Sommer zu verschieben, um so die ungern aufgegebene Reise nach Berlin dennoch möglich zu machen. In dieser Hoffnung setzte er mit unermüdlicher Ausdauer und felsenfestem Vertrauen seine Cur fort, und konnte wirklich zur bestimmten Zeit in Berlin die Leitung seiner »Kreuzfahrer« selbst übernehmen.

Schon in der ersten Generalprobe, wo er durch Meyerbeer und Hofrath Küstner eingeführt und dem versammelten Personal feierlich vorgestellt wurde, überzeugte er sich, daß sein Werk auch hier mit besonderer Lust und Liebe eingeübt und die Gesangsparthien, wenn auch nicht von Sternen erster Größe, doch in Haupt- und Nebenrollen in vollkommen genügender Weise besetzt waren. Am Abend der Aufführung ward er bei seinem Erscheinen mit großem Jubel vom Publikum empfangen und nach jedem Act stürmisch gerufen. Am folgenden Abend wurde die Oper mit demselben glänzenden Erfolg wiederholt. Auch die öffentlichen Blätter enthielten die günstigsten Beurtheilungen und es brachte namentlich die Vossische Zeitung einen (von Rellstab verfaßten) Artikel, worin es heißt: »Wir haben über ein Kunstereigniß zu berichten, das seinen Platz als eins der würdigsten und ehrenvollsten in der Geschichte unserer Bühne einnehmen wird, die erste Ausführung der neuen Oper Louis Spohr's: »Die Kreuzfahrer.« Die Verdienste des Meisters haben sich bereits so entschieden hingestellt, der Werth dessen, was wir in ihm besitzen, ist so vollständig anerkannt, daß es hier auch nicht einmal einer Andeutung über den Charakter seiner Musik, über ihr Verhältniß zur Entwickelung der Kunst unserer Tage bedarf ... Was wir im Allgemeinen zu erwarten hatten, wußte Jeder, der Spohr's künstlerische Richtung kennt – und wer kennt sie nicht! Daß wir ein Werk hören würden, welches die edelste Gattung, in der sich der Componist sein ganzes Leben hindurch gehalten, nirgend verläugnen werde, war zu erwarten. Kaum aber, wir bekennen es, hatten wir auf so viel Frische, so viele Momente feuriger Kraft zu hoffen gewagt, wie uns der mehr als sechszigjährige Meister in der That darbietet! – Er ist der lang Gekannte im Ganzen; doch im Einzelnen bringt er uns zahlreiche neue, gediegene, oft auch glänzende Gaben. Niemals hat sich seine Muse an die Menge gewandt; sie wollte nie durch ein schmeichelndes Entgegenkommen locken, nur durch einen edlen geistigen Hauch hat sie ihre Züge belebt, durch Würde und Reinheit zu fesseln getrachtet ... Wir haben uns Anfangs die besonders schön hervortretenden Einzelnheiten, auf die wir hinzuweisen für angemessen erachteten, bezeichnet, doch bald wurden deren so viele, daß wir uns auch unter ihnen mit einer Auswahl begnügen müssen. So erinnern wir denn im ersten Act: an die frische Begrüßung Balduins; an Emma's frommen Gesang: »Daß ich die Braut des Himmels bin«; an die wirkungs- und deutungsvolle Einmischung des Grabglockengeläutes in das Gespräch mit der Pförtnerin; an die ersten scharf physiognomischen Bezeichnungen der Aebtissin Cölestine bei den Worten: »Ich kenne Dein Geschlecht – Dein Schicksal führt Dich her«; an einige Züge, die denselben Charakter und seine leidenschaftliche Wallung ferner bezeichnen, als: den weichen Uebergang im Orchester nach den Worten: »Ihr sollt das Mädchen lieben«; ferner die Worte: »Gerichtet hat ihn Gott! – die Mutter weint, – die Tochter büßt, – dem Todten sei verziehn«; die von tief ergreifendster Wirkung durch die musikalische Behandlung sind. – Von originellster Färbung ist in diesem Acte noch der Marsch der Sarazenen, der auch im dritten Act wiederkehrt, und dort so überraschend schön im Orchester behandelt und an das Vorhergehende angeknüpft wird, daß das Publikum die Wendung mit allgemeinem Beifall hervorhob. – Wenn wir aus den folgenden Acten weniger anführen, so geschieht es nicht, weil diese ärmer waren, sondern nur, um durch das Aufzählen des Einzelnen nicht zu ermüden. Im Gegentheil, die Gewalt der Musik steigert sich sowohl an sich, als mit dem Interesse der Handlung. Die Erkennungsscene zwischen Balduin und Emma; die Drohung Balduins am Schlusse derselben; das ganze Finale des zweiten Acts bilden ergreifende Momente, die ihres Beifalls bei den Hörern immer gewiß sein werden. Im dritten Act ist das Duett zwischen Balduin und Bruno ein trefflich gearbeitetes Meisterstück, und der Schluß, die Verzweiflung Balduins, voll energischer Kraft, und wahrhaft machtvoll instrumentirt. Der Schlachtchor der Türken, von scharf abweichender Färbung, riß das Publikum begeisternd fort, und es verfolgte die im Längenmaß sehr richtig gehaltene Oper von dort bis zum Schluß mit gespanntester Theilnahme. – Was wir gegen das Werk zu sagen hätten, würde sich meistentheils mit dem verschwistern, was überhaupt in der Richtung des Componisten angegriffen werden mag; das aber ist eine so zum Abschluß gebrachte künstlerische Angelegenheit, daß es keiner neuen Instanz darin bedarf. Nur das bemerken wir noch, die Instrumentirung ist uns zuweilen zu reich, wenigstens zu gleichmäßig reich, und manchen Stücken, namentlich mehreren Duetten, wünschten wir – ein seltener Fall – eine größere Ausführung. Der Künstler fehlt hier vielleicht im zu strengen Widerstreben gegen die entgegengesetzte Richtung, die sich in neuen Musikwerken durch zu weit ausgesponnene Formen bethätigt. Eigenthümlich ist dem Werke die sehr sparsame Anwendung des Recitativs, obwohl die Musik nicht durch Dialog unterbrochen wird; ferner ein, wir glauben absolutes Vermeiden aller Melismen, was uns, wie wir auch dem Grundsatz im Allgemeinen beitreten, im Gesang den Ausdruck des Worts vor Allem geltend zu machen, doch ein zu scharfes Begrenzen des steten musikalischen Rechts dünkt, besonders wenn man es auch auf die mehrstimmigen Stücke ausdehnen will. Noch müssen wir die Anerkennung des Eifers aller Mitwirkenden aussprechen ... Aber auch dem Publikum Dank und Ehre! Es hatte seine Stellung, diesmal als Preis ertheilender Richter, mit voller Sicherheit erkannt, und begleitete das Werk mit demjenigen aufmerksamsten Antheil, der dessen ächteste Würdigung bildet. Fast keine schöne Stelle blieb unbezeichnet durch mehr oder minder hervortretende Aeußerungen ... So wurde denn der Tag zu einem Triumph langjähriger Verdienste, und zu einem Ehrentage für das besondere Werk, das uns Zeugniß giebt, wie reich die Fülle des künstlerischen Besitzes, wie sicher und bewährt dessen Behauptung und Verwaltung noch immer für unsern hochverehrten Meister ist« etc. – Mit Uebergehung anderer ähnlicher Berichte mag hier auch einer Recension (unterz. H. T.) erwähnt werden, die, in grellem Contrast mit jenen, voll Unbefriedigung und vielerlei Tadel über die Oper berichtete, und die, obgleich unter den vorliegenden Papieren sich nicht findend, doch der Familie, die damals durch den Inhalt sehr befremdet war, unvergessen geblieben ist. Spohr selbst pflegte bei solchen Gelegenheiten über den zürnenden Eifer seiner Freunde ruhig zu lächeln, da er Jedem das Recht zuerkannte, seine individuelle Meinung frei auszusprechen, wobei er dann wohl äußerte: »Wenn eine Musik nur wirklich gut ist, so kann ja doch kein Tadler ihr etwas von ihrem Werthe nehmen!« –

Mochte nun auch der überaus glückliche Erfolg dieser von Spohr mit besonderer Vorliebe geschriebenen Oper den Glanzpunkt seines achttägigen Besuchs in Berlin bilden, – so brachte er doch auch die Tage vor- und nachher höchst vergnügt zu, indem ihm nicht nur in der liebenswürdigen Familie des Professor Wichmann, dessen prächtige Wohnung ihn nebst seiner Frau gastlich aufgenommen, eine sehr gemüthliche Häuslichkeit bereitet war, sondern auch von andern Seiten her Alles aufgeboten ward, ihn zu feiern und zu ehren! Während ihn solche Aufmerksamkeiten ganz besonders von seinen Kunstgenossen Meyerbeer, Taubert, Hub. Rieß u. And. erfreuten, war er doch auch nicht unempfänglich für die ihm von dem König gezollte Anerkennung, und es hatte namentlich dessen ehrende Einladung zur Tafel doppelten Werth für ihn, da sie durch den persönlichen Besuch des hochberühmten Alexander v. Humboldt ihm im Auftrag des Königs überbracht wurde. Von diesem königlichen Diner, woran außer Humboldt noch manche bedeutende Persönlichkeiten, Tiek, v. Savigny u. s. w. Theil nahmen, die in geistreicher und liebenswürdiger Unterhaltung mit dem König und der Königin wetteiferten, pflegte Spohr noch nach Jahren mit Vergnügen zu erzählen. Besonders gedachte er dabei lächelnd des Umstandes, wie der König, ihm gegenüber sitzend, durch eine dazwischen aufgepflanzte kolossale Blumenvase verhindert war, ihm ins Gesicht zu sehen und sich daher jedesmal, wenn er das Wort an ihn richten wollte, mühsam um den hindernden Gegenstand biegen mußte, bis er endlich nach einigen von der Dienerschaft unverstandenen Winken ungeduldig selber zugriff, und indem er den kostbaren aber unbequemen Blumenschmuck eigenhändig hinwegnahm, sich die freie Aussicht nach Spohr hinüber verschaffte etc. – Am letzten Abend, als die Familie Wichmann und ihre Gäste noch traulich beieinander in dem erleuchteten Gartensalon saßen, traten zu deren großer Ueberraschung aus dem Dunkel des Gartens einige schwarze Gestalten herein, denen immer mehr und mehr folgten, bis endlich die ganze kön. Hofkapelle, Meyerbeer und Taubert an der Spitze, versammelt war, worauf das älteste Mitglied derselben Spohr einen wunderschön gearbeiteten goldnen Lorbeerkranz überreichte, während Meyerbeer in einer herzlichen Rede ihm dankte »für alles das Schöne und Herrliche, was er in der Begeisterung für ächte deutsche Kunst bisher geschaffen, namentlich auch für dieses sein neuestes treffliches Werk, »die Kreuzfahrer« etc. Diese Rede, am Abend des Abschieds aus solchem Munde mit Wärme und Wahrheit gesprochen, konnte einen tiefen Eindruck auf Spohr und alle Anwesenden nicht verfehlen, und es folgte ihr eine ernst feierliche Stille, bis Prof. Wichmann, sich zuerst ermannend, auf Meyerbeer zuging und den gerechten Lobsprüchen über seine treffliche Rede die humoristischen Worte hinzusetzte: »wirklich, Demosthenes war nur ein Stümper im Vergleich zu Ihnen«, worauf die Heiterkeit der Stimmung wieder hergestellt war, und Spohr einige herzliche Dankesworte aussprach. Außer diesem kostbaren Geschenk der Berliner Kapelle brachte er noch ein anderes werthvolles Andenken an seinen dortigen Aufenthalt mit nach Cassel zurück, nämlich seine von Prof. Wichmann angefertigte Büste, die durch ihre sprechende Ähnlichkeit und treffliche Ausführung bei Kunstkennern und Laien stets großen Beifall gefunden hat.

Kaum nach Cassel zurückgekehrt, begab sich Spohr von Neuem auf die Reise und zwar nach Bonn, wo am 11. August die Enthüllung des Beethoven-Denkmals feierlich begangen werden sollte. Die schon wochenlang vorher an ihn gerichtete Einladung, einen Theil der Musikaufführungen dabei zu dirigiren, hatte er zwar Anfangs abgelehnt, da er dazu eines außergewöhnlichen Urlaubs bedurfte und er, nachdem er eben im vorigen Jahre zum Braunschweiger Musikfest einen solchen erhalten, nicht gern wieder darum einkommen wollte; doch wurde ihm bald darauf in einem zweiten Schreiben gemeldet, daß das Festcomité einen kurzen Aufenthalt des Kurprinzen in Cöln wahrgenommen habe, um durch eine dorthin gesandte Deputation ihn und die Gräfin Schaumburg zu dem bevorstehenden Fest in deren Vaterstadt Bonn einzuladen und zu gleicher Zeit einen Urlaub für Spohr zu erbitten, welches letztere denn auch freundlichst gewährt sei. Da also seiner Reise kein Hinderniß mehr im Wege stand, so säumte er nicht, bei dem großartigen Feste, welches die Kunstjünger von nah und fern zusammenführte, sich ebenfalls einzufinden, um zur Verherrlichung des großen deutschen Meisters selbstthätig mitzuwirken.

Die der Enthüllung des Denkmals vor- und nachhergehenden Festlichkeiten: Taufe des Dampfbootes » Ludwig van Beethoven«, die Lustfahrt nach Nonnenwerth, der große Festzug, Feuerwerk, Illumination, Festessen und Festball, alles Dies ist durch die von dem schönen Feste Heimkehrenden in Wort und Schrift so vielfältig geschildert worden, daß es hier wohl nur einer kurzen Erwähnung der musikalischen Erlebnisse bedarf. In dem ersten großen Concert kamen unter Spohr's Leitung Beethoven's Messe D-dur und die neunte Symphonie zur Aufführung, und es wurden, wie die gedruckten Festberichte aussagen, »diese beiden, die ungeheuersten Schwierigkeiten darbietenden Werke in solcher Vollendung ausgeführt, daß dies Concert allein, verbunden mit dem Anblick der Festhalle, in welcher es Statt hatte, die Reise nach Bonn werth war.« Am folgenden Tage wurde bei feierlichem Hochamte in der Münsterkirche die große Beethoven'sche Messe in C-dur, und bei Enthüllung des Monuments eine Festcantate von Breitenstein unter dessen Leitung aufgeführt. Beim zweiten großen Concert in der Festhalle übernahm Spohr auf Liszt's Wunsch abermals einen Theil der Direktion, während dieser, als thätigstes Mitglied des Festcomité's, nach allen Seiten hin vielfach in Anspruch genommen, sich außer dem Vortrag des Beethoven'schen Clavierconcertes in Es-dur auf die Leitung der C-moll-Symphonie und einiger Nummern aus Fidelio beschränkte. Das dritte, sogenannte Künstlerconcert, mußte wesentliche Aenderungen seines aus 14 Musikstücken bestehenden Programms erleiden, da die schon bei der Enthüllungsfeierlichkeit anwesenden Fürstlichkeiten, der König und die Königin von Preußen, die Königin von England mit ihrem Gemahl u. s. w. als Zuhörer dabei erwartet wurden und Liszt vor deren Erscheinen seine Festcantate nicht gern beginnen wollte. Endlich aber mußte dennoch zum Anfang geschritten werden, doch kaum war die erste Nummer, die Cantate von Liszt, beendigt, so traten die Fürstlichkeiten ein und die Versammlung stimmte zu deren Begrüßung die Nationalhymne: »Heil Dir im Siegerkranz« an; darnach aber ließ Liszt die ganze Cantate noch einmal wiederholen, worauf alsdann den beiden Königinnen die Wahl der zunächst in ihrem Beisein aufzuführenden Musikstücke überlassen wurde. So kam es, daß nicht nur die angekündigte Reihenfolge willkürlich verändert, sondern auch mehrere Nummern der eingetretenen Verspätung wegen ganz wegfallen mußten und der musikalische Theil des Festes, ohne eigentlichen Schluß, für die Mehrzahl der Theilnehmer in ziemlich ungenügender Weise zu Ende ging. Einige Auserwählte aber, worunter auch Spohr, erhielten noch eine Einladung zu dem großen Hofconcerte, womit der König von Preußen die Anwesenheit seiner hohen Gäste auf dem nahegelegenen Lustschlosse Brühl verherrlichte. Meyerbeer dirigirte und das Programm enthielt außer einigen Clavierpiecen, welche Liszt vortrug, nur Gesangsstücke, die von dem auserlesensten Sängerpersonal, den Herren Mantius, Pischeck, Staudigl und den Damen Lind, Garcia und Tuczek ausgeführt wurden.

Nach einem so unruhig verlebten Sommer, wo es Spohr gänzlich an Muße zum Componiren fehlte, erwachte bei seiner Rückkehr nach Cassel der Drang, Neues zu schaffen, um so lebhafter in ihm, und es folgten sich schnell hintereinander mehrere Instrumental-Compositionen, welcher Kunstgattung er seit Beendigung seiner Oper sein Interesse wieder vorzugsweise zugewandt hatte. Gleich nach derselben schrieb er damals sein 15tes Violinconcert ( E-moll Op. 128 bei Schuberth), welches er zuerst im Abonnements-Concert zu Cassel, so wie im Juli 1845 bei dem vorerwähnten Musikfest in Oldenburg selbst vortrug, und es dann zum Andenken hieran dem dortigen Kapellmeister Pott dedicirte. Darauf folgte das sechste Quintett für Saiteninstrumente ( E-moll Op. 129 bei Breitkopf & Härtel) und im Laufe des Winters ein Quintett für Pianoforte, zwei Violinen, Viola und Violoncell in D-moll ( Op. 180 bei Schuberth), das 30ste Quartett für Streichinstrumente ( Op. 132 bei Breitkopf) und ein »Quartettconcert« für zwei Violinen, Viola und Violoncelli mit Orchester, welches letztere im nächsten Abonnementsconcert vorgetragen wurde, und durch den Zusatz der reichen Instrumentalbegleitung sich in höherem Grade, als ein einfaches Quartett zur Concertaufführung in großem Lokal geeignet erwies. Noch bevor dasselbe im Druck erschienen war ( Op. 130 bei Schuberth), wurde es zur Aufführung nach London und Wien, vor Allem aber nach Leipzig verlangt, wo die Direktion der Gewandhaus-Concerte stets großen Werth darauf legte, Spohr's neue Compositionen schon im Manuscript auf ihr Programm setzen zu können. So äußerte denn bei dieser Gelegenheit auch M. Hauptmann in einem Brief an Spohr: »Alles was von Ihnen kommt, Altes und Neues, findet hier jederzeit die allergünstigste Ausnahme: man hört es dem Applaus sehr leicht an, ob die Sache blos gefällt, oder ob sie innerlich anspricht und Vergnügen macht, und das ist bei den Ihrigen hier nie zu verkennen. Gesang- wie Instrumentalstücke von Ihnen werden immer mit wahrer Zuneigung angehört, das Concertpublikum befindet sich dabei in einer ihm behaglichen Atmosphäre; so wurde auch das Quartett-Concert, (an dessen Execution ich nicht Alles befriedigend finden konnte,) mit sehr warmem Beifall aufgenommen. Mir ist es ächt Spohrisch, d. h. eben so meisterlich, als gefühlvoll vorgekommen, und daß man von den großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens beim Anhören gar nichts gewahr wird, wie auch in Ihren Doppelquartetten immer bei kunstvollster Combination die höchste Klarheit vorhanden ist, was man von andern Zusammenstellungen, die über das Gebräuchliche hinausgehen, nicht oft sagen kann, das ist, was zwar nur der Verständige versteht und als höchste Kunst zu würdigen weiß, was aber auch dem blos fühlenden Zuhörer zusagt und ihn in gute Stimmung setzt« etc. Die Correspondenz über diese Angelegenheiten wurde meist durch Mendelssohn geführt, welcher denn auch den Vorschlag machte, in einem der dortigen Concerte den dritten Act der Kreuzfahrer im Zusammenhange aufzuführen, und nachher an Spohr, dem gerade diese Oper hierzu nicht sehr geeignet dünkte, voller Befriedigung berichtete: »Schon als ich Ihr Werk in Berlin zum erstenmal sah, schien mir der dritte Act der lebendigste, schönste in der ganzen Oper zu sein, und ich war überzeugt, daß er sich auch im Concert trefflich ausnehmen müsse. Sie schienen damals daran zu zweifeln, und so freue ich mich um so mehr, daß die gestrige Aufführung einen so reinen, schönen und vollkommenen Eindruck gemacht hat, wie es mir nach der Aufmerksamkeit, dem Applaus und den Aeußerungen der Hörer unverkennbar scheint ... Der Chor war an 200 stark, und die Hymne aus H-dur, der Männerchor aus C-dur, und dann die Scene im Kloster klangen ganz wunderschön. Haben Sie tausend herzlichen Dank für diesen Genuß, und für alle die vielen herrlichen, die wir Ihnen schuldig sind ... Leider habe ich es nicht so einrichten können, daß mir die Direktion dieses Concertes zufiel; es ging aber unter Gade so lebendig, und er hatte sich mit dem ganzen Werke so vertraut gemacht, daß selbst Ihnen kaum etwas zu wünschen übrig geblieben wäre« etc. In schneidendem Contrast zu diesen freundlich anerkennenden Worten von so competenter Seite, ereignete sich zu derselben Zeit von anderer Stelle her ein Vorfall, welcher von Spohr selbst als einzig dastehend in seiner langen Künstlerlaufbahn bezeichnet, wohl hier einer besonderen Erwähnung verdient. Es war nämlich die vor 14 Monaten auf Bestellung nach Dresden gesandte Oper: »die Kreuzfahrer« dort noch immer nicht zur Aufführung gekommen, und hatten während dieser Zeit die Kapellmeister Reißiger und Wagner, so wie der berühmte Tenorist Tichatscheck, für dessen herrliche Stimme die Parthie des Balduin gleichsam geschaffen schien, – wiederholt brieflich ihre Freude über das Werk, so wie ihr Bedauern der immer neuen Verzögerung und der dadurch vereitelten Hoffnung auf Spohr's Hinkommen, ausgedrückt, – als plötzlich zu dessen größtem Erstaunen die Partitur ziemlich abgenutzt von Dresden zurückgesandt wurde, ohne Honorar, sogar ohne das von Spohr mit vielen schriftlichen Bemerkungen mühsam eingerichtete Textbuch, begleitet nur von einem Briefe des Intendanten Herrn v. Lüttichau, dessen sehr ungenügender Inhalt aus folgender, zufällig in Abschrift vorhandener Antwort Spohr's entnommen werden mag: »Ew. Exc. Zuschrift vom 15. d. M. hat mich in das größte Erstaunen versetzt. Nie hätte ich geglaubt, nach meiner langen, und ich glaube hinzusetzen zu können, ruhmvollen, Künstlerlaufbahn die Kränkung erleben zu müssen, daß mir die Partitur eines meiner Werke, das nicht als Erstlingsversuch eines Anfängers zur Prüfung eingesandt, sondern nach vorhergegangener Anfrage bestellt worden war, auf solche Weise zurückgesandt werden würde. Was Sie als Erklärung oder Entschuldigung eines solch auffallenden Verfahrens anzuführen belieben, kann ich unmöglich gelten lassen, denn nicht meine Schuld war es, daß die Oper zu der verabredeten Zeit nicht gegeben wurde, und zeitig und oft genug hatte ich darauf aufmerksam gemacht, daß ich außer meiner Ferienzeit keinen Urlaub erhalten würde. Wie die Oper nun, da sie in Dresden von Niemand gekannt ist, den Reiz der Neuheit verloren haben soll, kann ich eben so wenig begreifen, als daß der Inhalt, der Ihnen bereits bekannt war, wie die Oper bestellt wurde, nun auf einmal Anstoß geben soll, während er hier und in Berlin in der jetzigen Gestalt und früher als Schauspiel durch ganz Deutschland auch nicht den mindesten erregt hat. Haben Ew. Exc. vielleicht die Besorgniß, die Oper werde die darauf verwandte Zeit und die Kosten nicht lohnen, so hätten die vielen, zahlreich besuchten Wiederholungen derselben, welche hier, in Berlin, Braunschweig etc. bereits stattgefunden haben, wohl darüber beruhigen können. Auch kann ich nicht glauben, daß ein Theater, welches gehaltlose Anfänger- und Dilettanten-Arbeiten, wie z. B. *... und *..., nicht verschmähet, die Arbeit eines alten erfahrenen Componisten deshalb zurückweisen würde. Es bleibt mir daher die Kränkung, die mir widerfahren ist, völlig unerklärlich und ich muß mich mit dem Gedanken trösten, daß es die einzige der Art in meinem langen Künstlerleben war, und mich freuen, nicht unter einer Intendanz zu stehen, die das Ehrgefühl der Künstler so wenig zu schonen versteht« etc. Hierauf erfolgte zwar ein Schreiben des Vicedirector K. Winkler, welcher im Auftrag des Herrn v. Lüttichau dessen Bedauern ausdrückte, »daß die nöthig gewordene Rücksendung seiner Partitur Spohr so unangenehm berührt habe« und die Versicherung hinzufügte, daß »hauptsächlich Text und Stoff der Oper während der kirchlichen Aufregungen die Ursache gewesen sei;« doch mochte Spohr's Ansicht von der Sache hierdurch nicht wesentlich verändert sein, wie solches aus einem Brief an Richard Wagner hervorgeht, worin er gegen diesen sein ganzes Herz ausschüttet, indem er zunächst seinen Verdruß darüber ausspricht, daß die zur Geburtstagsfeier des Kurprinzen von ihm vorgeschlagene Wagner'sche Oper: »Tannhäuser« die allerhöchste Genehmigung nicht erhalten habe, zugleich aber die Gelegenheit ergreift, ihm ausführliche Mittheilung von dem unbegreiflichen Verfahren der Dresdner Intendanz zu machen. Wagner, der hierdurch erst die näheren Umstände erfuhr, legte ebenfalls seine Entrüstung darauf in so scharf bezeichnenden Ausdrücken an den Tag, daß gerade deshalb die Veröffentlichung seines höchst interessanten Briefes nicht wohl thunlich ist. Nachdem nun in so verdrießlicher Weise die Aussicht auf ein Zusammentreffen mit Wagner in Dresden vereitelt worden, machte Spohr den Vorschlag zu einem Rendez-vous in Leipzig, wo er auf seiner bevorstehenden Reise nach Carlsbad einige Tage mit seiner Frau zu verweilen gedachte. Da Wagner die Idee mit großer Freude ergriff, und sich demzufolge zur verabredeten Zeit in Leipzig einfand, so wurde dann zu gegenseitiger größter Befriedigung die längst gewünschte persönliche Bekanntschaft gemacht, und hierüber, so wie über die weiteren interessanten Erlebnisse des dortigen Aufenthaltes geben die Briefe nach der Heimath freudige Kunde, indem sie u. A. berichten: »Wir verleben hier wonnevolle Tage und schwelgen in den schönsten musikalischen Genüssen. Gleich am ersten Abend hatten wir eine Musikparthie bei Hauptmann's, wo Trio's von Mendelssohn und Spohr unter Mitwirkung beider Meister vorgetragen wurden, und der meist aus Kunstkennern bestehenden Gesellschaft einen herrlichen Genuß bereiteten; – den folgenden Tag ein überaus interessantes Diner, welches auf Veranlassung Wagner's, der selbst keine Häuslichkeit in Leipzig hatte, von dessen Schwager Professor Brockhaus, Spohr zu Ehren veranstaltet worden. Wir lernten dort in seiner Schwester und vielen seiner sonstigen Verwandten lauter geistreiche Menschen kennen, und waren sehr vergnügt. Außer der Familie war noch der Schriftsteller Heinrich Laube mit seiner sehr gelehrten Frau zugegen, welche die Unterhaltung noch mehr belebten. Am besten gefiel uns Wagner, der mit jedemmal liebenswürdiger erscheint, und dessen vielseitige Bildung nach allen Richtungen hin wir immer mehr bewundern müssen. So äußerte er sich auch über politische Angelegenheiten mit einer Theilnahme und Wärme, die uns wahrhaft überraschte und um so mehr erfreute, da er natürlich in höchst liberalem Sinne sprach. Den Abend verlebten wir herrlich bei Mendelssohn's; die alles aufboten, um Spohr so viel Freude als möglich zu machen. Diese Familie hat für mich etwas Idealisches, sie bietet eine Vereinigung von inneren und äußeren Vorzügen, und dabei so schönem häuslichen Glück, wie man gewiß selten im Leben findet. In ihrer Einrichtung und ganzem Wesen herrscht neben allem Luxus und Reichthum eine so reizende Anspruchslosigkeit, daß man sich sehr wohl da befinden muß. Und ganz rührend ist mir seine unverkennbare Liebe und Verehrung für Spohr. Er selbst spielte eine unerhört schwere und höchst eigenthümliche Composition von sich, benannt: »siebenzehn ernste Variationen«, mit ungeheurer Bravour, dann folgten zwei Spohrsche Quartetten, darunter auch das neueste (30ste), bei welchem Mendelssohn und Wagner mit entzückten Mienen in der Partitur nachlasen. Außerdem sang Frau Doctor Frege einige Spohr'sche Arien, die Mendelssohn prachtvoll begleitete, und so eilten die Stunden unter Musik und anregender Unterhaltung schnell und genußreich dahin, bis unvermerkt Mitternacht herankam und dringend zum endlichen Aufbruch mahnte. Wagner, der am andern Morgen nach Dresden abreisen mußte, nahm beim Weggehen zugleich Abschied von uns, was uns wie ihm sehr nahe ging. Doch haben wir auch nach seiner Abreise uns noch viel mit ihm beschäftigt, indem er uns einen neu gedichteten Operntext (Lohengrin) zum Lesen zurückließ, der höchst eigenthümlich und anziehend ist ... Gestern Mittag bei Tische machten wir wieder eine interessante Bekanntschaft, die des Dichters Robert Prutz, der uns gerade gegenübersitzend, sich selbst vorstellte, eine lebhafte Unterhaltung führte und ganz begeistert über das Zusammentreffen mit Spohr schien. Nach Tische war eine Aufführung der Thomasschüler in der Kirche veranstaltet, wo ganz ohne Begleitung, und doch sehr rein und gut, Spohr's doppelchöriger Psalm: »Aus der Tiefe« und seine Lieblings-Motette von Bach: »Ich lasse dich nicht« gesungen wurde ... Gestern Abend war ein Extraconcert für Spohr in dem berühmten Gewandhaussaale, welches unter Mendelssohn's Leitung in jeder Beziehung sehr glänzend ausfiel. Das Programm bestand nur aus Spohr'schen Compositionen, wovon wir aber im Voraus nichts wußten, sondern damit überrascht werden sollten. Es enthielt 1) Ouvertüre aus Faust; 2) Arie aus Jessonda, von der ersten Sängerin Demoiselle Meyer vorgetragen; 3) großes Violinconcert, von dem Wunderknaben Joachim zu Spohr's größter Zufriedenheit gespielt; 4) Lieder mit Clarinette, von Frau Doctor Frege, Mendelssohn und einem trefflichen Clarinettisten so wundervoll ausgeführt, daß es mir bis in's Innerste des Herzens drang; 5) die »Weihe der Töne«, die schon seit Jahren für einen Glanzpunkt des Leipziger Orchesters gilt. Auf Mendelssohn's Bitten übernahm Spohr, obgleich er lieber nur zugehört hätte, die Leitung von deren beiden letzten Sätzen, bei welcher Gelegenheit er dann vom Orchester und Publikum, das übrigens nur aus ein paar Hundert ausgewählten Gästen bestand, mit stürmischem Jubel begrüßt ward, so wie dies auch schon bei seinem Eintritt in den Saal geschehen. Das Ganze war eine schöne, erhebende Feier, und für Spohr eine innige Freude. Mendelssohn war unendlich liebenswürdig und den ganzen Abend in einer freudigen Begeisterung, die bewies, wie fern auch ihm jede Art von Neid liegt. Heute Abend ist die letzte Musikparthie, bei Vogt's, wo Mendelssohn sich ein besonderes Vergnügen daraus macht, nicht nur als Pianist im ersten Trio von Spohr, sondern auch als Bratschist in dessen herrlichem dritten Doppelquartett mitzuwirken« ... So bewährte sich bis zum letzten Augenblick Mendelssohn's liebenswürdige Zuvorkommenheit gegen Spohr und auch bei der Abfahrt am andern Morgen, als die zahlreich begleitenden Freunde auf dem Bahnhof bereits Abschied genommen, war er, wie die weiteren Reiseberichte aussagen, »noch der Letzte, der bei anfangs langsamem Fortschreiten des Zuges noch eine ganze Strecke neben dem Wagen herlief, bis es nicht mehr anging, und seine freundlich glänzenden Augen waren der letzte Eindruck, den die Reisenden von Leipzig mitnahmen«, freilich damals nicht ahnend, daß dies das letzte Zusammentreffen für's Leben sein sollte!

Kaum in Carlsbad angekommen, erhielt Spohr eine dringende Einladung von dem Landgrafen von Fürstenberg, dem Präses der Wiener Musikgesellschaft, dort zwei große Aufführungen seines »ruhmgekrönten Oratoriums: »der Fall Babylons« zu dirigiren, und dadurch das ganze Fest, wobei 1000 Sänger mitwirken würden, zu verherrlichen.« Da dies aber im November stattfinden sollte, so bedurfte es dazu abermals eines außergewöhnlichen Urlaubs, der dann auf offiziellem Wege durch die österreichische Gesandtschaft vom Kurprinzen erbeten wurde. Allein die Antwort fiel trotz Metternichs gewichtiger Unterschrift verneinend aus, und so unterblieb nicht nur Spohr's Hinkommen, sondern auch die Aufführung seines Oratoriums, welches auf eine günstigere Zeit verschoben wurde.

Zu den mancherlei Erlebnissen, welche diesmal die Einförmigkeit der durch die Brunnenkur bedingten Tagesordnung auf angenehme Weise unterbrachen, gehörte zunächst ein Concert des Violinisten Ernst, worüber brieflich berichtet wurde: »Das Concert eines so berühmten Virtuosen war für Carlsbad wirklich ein Ereigniß, und hat auch uns großes Vergnügen gemacht. Er spielte außer der »Gesangsscene« von Spohr lauter eigne, zum Theil recht schöne originelle Compositionen, angefüllt mit allen erdenklichen Schwierigkeiten und wunderbaren Kunststücken, die er mit großer Sicherheit und Leichtigkeit ausführte; das Spohrsche Concert aber, wenn gleich er es mit viel Sorgfalt und Ausdruck spielte, haben wir doch nicht nur von Spohr selbst, sondern auch von seinem trefflichen Schüler Jean Bott mehr im richtigen Geiste vortragen hören. Das überfüllte Haus bot einen eigenthümlichen Anblick dar, indem sowohl der Zuschauerraum, wie auch die ganze Bühne mit Zuhörern besetzt war, die im großen Halbkreise rings herumsaßen« etc. – Doch gab es in Carlsbad auch erheiternde Scenen anderer Art; so hatte eines Tages ein gutherziger Kurgast den hübschen Einfall gehabt, den kredenzenden 15 Brunnenmädchen ein kleines Fest zu bereiten, wobei Hunderte von Zuschauern, vor Allen aber auch Spohr mit seinem wohlwollenden Gemüth, sich daran ergötzten, zu sehen, wie die sämmtlichen Mädchen in ihren Uniformen (weiße Kleider, grüne Spenzer und rosa Schürzchen), jede eine frische Rose im Haar, freudestrahlend rings um einen großen gedeckten Tisch saßen, und mit Kaffee und Kuchen traktirt wurden. Durch einen ähnlichen, und zwar anonymen, Wohlthäter wurde ein andermal an Spohr ein Päckchen gesandt, das zwei kolossale Häringe, wahre Prachtexemplare, enthielt, mit der lakonischen Zuschrift: »Ich liebe Spohr'sche Musik! Der große deutsche Spohr verschmähe nicht die beifolgenden ganz neuen Häringe, hier eine seltene, aber gestattete Speise. Carlsbad, den 6. Juli.« Hatte nun Spohr auch in Carlsbad stets Huldigungen verschiedenster, oft seltsamster Art empfangen, so war ihm doch noch keine in so überraschend komischer Gestalt entgegengetreten, weshalb er mit dem gerade bei ihm anwesenden Virtuosen Ernst recht von Herzen darüber lachte, dann aber, unbekümmert um den geheimnißvollen Geber, sich die delikaten Fische zur Abwechselung von der sonstigen, vorschriftsmäßig so knapp zugemessenen Abendkost trefflich schmecken ließ. Da nun die größte Mäßigkeit nicht nur in leiblichen, sondern auch in geistigen Genüssen und Anstrengungen zur Kurordnung gehörte, so hatte Spohr, als gewissenhafter Kurgast, es sich anfangs zur Pflicht gemacht, jeder musikalischen Aufregung, insbesondere des Componirens sich zu enthalten, bis der Drang dazu bald so mächtig in ihm wurde, daß es ihm schwerer dünkte, denselben gewaltsam zu unterdrücken, als den seiner Phantasie schon lebhaft vorschwebenden Ideen Gestalt zu verleihen, und so entfloß denn seiner Feder in ungezwungener Leichtigkeit der noch fehlende letzte Satz zu seinem in Cassel bereits begonnenen vierten Claviertrio, welcher von heiterer Lebendigkeit gleichsam übersprudelnd, von ihm selbst in scherzhaftem Doppelsinn zum Andenken an den ihm so heilbringenden Carlsbader Sprudel » der Sprudelsatz« genannt zu werden pflegte. Da es indessen in Carlsbad an einem guten Violoncellisten fehlte, so glaubte er, mit der vollständigen Ausführung des Trio's bis zu seiner Rückkehr nach Cassel warten zu müssen; als er aber auf der Rückreise einen kurzen Aufenthalt in Meiningen machte, wußte der ofterwähnte Kapellmeister Eduard Grund in unglaublicher Schnelligkeit Alles in Bewegung zu setzen, um an demselben Abend eine Quartettparthie in seinem Hause zu veranstalten, wo alsdann Spohr unverhofft Gelegenheit fand, sein neues Trio unter Mitwirkung seiner Frau und des ausgezeichneten Violoncellisten Metzner der darüber nicht wenig erfreuten Gesellschaft zum ersten Male zu hören zu geben. Da es auch in den musikalischen Kreisen zu Cassel bald ein Lieblingsstück wurde, so behielt Spohr es erst eine Zeit lang als Manuskript zurück, bis er es seinem Verleger Schuberth, der stets mit wahrhaft leidenschaftlicher Unruhe dem Erscheinen der Spohr'schen Trio's entgegensah, zur Veröffentlichung zusandte. ( Op. 135.)

Zu Anfang des Jahres 1847 nahete endlich der Tag heran, dessen Feier schon wochenlang vorher die Bewohner Cassels in freudige Spannung versetzt hatte, nämlich Spohr's fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Kapellmeister am Casseler Hoftheater. Die lebendige Theilnahme an diesem Feste that sich von Nah und Fern durch so mannigfache Beweise von Liebe und Verehrung gegen den Gefeierten kund, daß eine von Dr. Friedrich Oetker zu wohlthätigem Zwecke veröffentlichte Zusammenstellung derselben eine ganze Broschüre bildete, woraus indessen hier nur ein kurzer Auszug gegeben werden kann: Am 20. Januar früh Morgens wurde der Jubilar durch ein Ständchen seiner Schüler J. Bott und A. Malibran, welche in Verbindung mit Musikern der Hofkapelle sein zweites Doppelquartett ausführten, geweckt. Dann folgte eine ununterbrochene Reihe von Gratulationsbesuchen; Verwandte, Freunde, Schüler, Verehrer aus allen Ständen und Gegenden brachten ihre Glückwünsche und Huldigungen dar. Zunächst sandte der Cäcilienverein eine sinnvoll gewählte Deputation, bestehend aus Repräsentanten von Sopran, Alt, Tenor und Baß, in deren Namen Secr. Knyrim, das noch einzige ursprüngliche Mitglied, in herzlichen Worten die dankbare Anerkennung der vielfachen Bemühungen des Jubilars um die Kunst und den Verein insbesondere aussprach. Darauf überbrachte Oberpostmeister Nebelthau als Mitglied des Stadtraths eine ehrende Zuschrift des Magistrats der Residenz, ferner überreichte Musikdirektor Wehner aus Göttingen einen Lorbeerkranz nebst Gedicht von dort, so wie ein Diplom über die Ernennung Spohr's zum Ehrenmitgliede des Göttinger Liederkranzes. Der König von Preußen sandte nebst einem verbindlichen Schreiben den rothen Adlerorden dritter Classe, während der Kurprinz, nachdem er ihm bereits vor längeren Jahren den hessischen Löwenorden verliehen hatte, ihn bei dieser Gelegenheit durch die Ernennung zum »Generalmusikdirektor« unter Verleihung der Hoffähigkeit auszeichnete. Das Rescript überbrachte der im vorhergehenden Jahre zum General-Intendanten des Hoftheaters ernannte Kammerherr v. Heeringen persönlich, um zugleich nebst seinen Glückwünschen die hohe Achtung auszusprechen, die er für Spohr als Mensch wie als Künstler hegte, und die er denn auch bei dieser Gelegenheit vorzüglich durch die zur Feier des Tages angeordnete glänzende Festvorstellung im Theater bethätigt hatte. Diese bestand in einer musikalisch-dramatischen Production »von scenisch verbundenen Musikstücken aus den Opern des Jubilars«, wozu schon mehrere Tage zuvor alle Plätze nebst Extra-Stehplätzen vergeben waren, so daß das ganze Haus wahrhaft überfüllt war. Als der Jubilar in der für ihn und die Seinen reservirten Loge des ersten Ranges erschien, wurde er mit einem rauschenden Freudenrufe empfangen, in welchen alsbald die Ouvertüre aus der Oper »Alruna« einfiel. Hierauf folgte ein Tableau aus »Zemire und Azor«, die Vereinigung der Geliebten durch die Fee darstellend. Nach dem Schluß des Bildes, so wie nach jeder der folgenden Scenen aus Spohr's Opern: Zemire, Zweikampf, Jessonda, Berggeist, Pietro von Abano, Alchymist und Kreuzfahrer, betrat die Fee mit goldenem Zauberstab die Bühne und leitete die folgende Scene jedesmal in sinnreich gedichteten Versen ein. Der rauschendste Applaus wiederholte sich bei jedem Musikstück und verdoppelte sich am Schlusse, um mit gleicher Nachhaltigkeit wieder aufzutauchen, als nacheinander die beiden Ouvertüren zum »Berggeist« und zum »Faust« mit ausgezeichneter Präcision unter Leitung des Militär-Musikdirektors Bochmann ausgeführt wurden. Dann erst folgte ein vom Schauspieler Birnbaum sinnreich verfaßtes Festspiel: »Die Huldigung.« Die Scene stellt einen mit Statuen, Vasen und Blumengewinden geschmückten Park dar, im Hintergrunde ein einfaches, aber reich mit Guirlanden verziertes Haus: Spohr's Geburtshaus in Braunschweig. Gärtner und Gärtnerinnen sind mit Ausschmückung des Gartens beschäftigt; auf ihre Frage nach des Festes Bedeutung giebt ihnen der Verwalter Aufklärung, nennt ihnen den Namen des Gefeierten, unter dessen Werken er auch »die letzten Dinge« und »den Fall Babylons« mit den Worten anführt:

»Das Werk kann mit dem Besten in die Schranken treten,
Da mahnet nichts an Fall, das klingt wie Aufersteh'n.«

Bei diesem glücklichen Ausdruck brach das Publikum in einen wahren Beifallssturm aus, der sich in gleicher Weise wiederholte, als der Verwalter weiter einen bekannten Zug aus Spohr's Kinderjahren erzählt, wie dem Knaben auf dem Jahrmarkt von allen Sachen, die man ihm kaufen wollte, nur eine Geige gefiel:

»'Ne Geige nahm das Kind und sprang entzückt dahin,
Als wär 'ne ganze Welt im Kasten drin,
Er, ohne Meister, lernte sie dann streichen,
Man hört den ganzen Lag den kleinen Louis geigen!«

Als dann der Verwalter, fortfahrend im Preise des Gefeierten schloß:

»Auf, laßt den Jubelruf zum Himmel steigen,
Der größte Meister Deutschlands ist uns eigen!«

da stimmten Alle in den Jubelruf ein, und von allen Seiten des Hauses erklang der Zuruf der freudig erregten Versammlung. Hierauf intonirte das Orchester die Polonaise aus Faust, während das Fest-Comité den Jubilar abholte, um ihn zu einem Blumenthron hinzugeleiten, wo er abermals in poetischer Rede begrüßt und ihm, »Apollo's wohlgerathnem Sohne«, unter dem Jubel des jauchzenden Publikums die Lorbeerkrone aufs Haupt gesetzt wurde. Als er sich nach dem Theater zum Familiensouper (bei seinem Schwiegersohne Wolff) begeben hatte, erhielt er noch spät am Abend ein brillantes Ständchen von der Liedertafel, die beim Scheine bunter Lampen vor dem Hause sich versammelte, und nach beendigtem Gesang eine Deputation heraufsandte, um dem Jubilar das Diplom als Ehrenmitglied des Vereins zu überreichen. So ging der bedeutungsvolle Tag zu Ende, doch nicht die Feier desselben, denn auch die folgenden Tage brachten weitere Beglückwünschungen in Prosa und Versen, und Ehrenbezeugungen aller Art, worunter die Verleihung des Ehrenbürgerrechts von Seiten des Magistrats der Stadt Cassel, so wie die durch das Jubelfest-Comité im Namen sämmtlicher Theater- und Orchester-Mitglieder erfolgte Ueberreichung einer kostbaren silbernen Vase, besondere Erwähnung verdient. Am 22. Januar fand noch eine zweite große Festlichkeit statt, welche die Mitglieder des mehrerwähnten Quartettkränzchens ihrem Freund und Meister zur Ueberraschung veranstaltet hatten. Nachdem Spohr in die aus etwa siebenzig Personen bestehende Gesellschaft feierlich eingeführt worden, ward zunächst ein von Dr. Oetker verfaßter Festgruß vorgetragen, aus dessen reichem, vielsagenden Inhalt hier nur einige Strophen, die vornehmlich die Sympathie der bewegten Zuhörer erweckten, folgen mögen:

Du unser Stolz! seit fünfundzwanzig Jahren
Nennt uns die Welt, wenn Dich sie preisend nennt,
Die Wandrer all, so hier vorüberfahren,
Erfragen Dich, da Nord und Süd Dich kennt,
Und die von uns gen Ost und Westen kamen,
Sie fanden Dich und Deinen großen Namen.

Wie schön und reich, am Abend dann still-traulich
Nach solcher Fahrt, von solchen lichten Höhn,
Ermüdet nicht, nur ruhig und beschaulich
Auf die betretnen Pfade heimzusehn!
Ja hör' es stolz, wie wir Dich stolz erheben:
Du hast gelebt und wirst unsterblich leben!

Der nun folgende musikalische Theil der Feier bestand in dem unter Leitung seines Schülers J. Bott ausgeführten dritten Doppelquartett des Meisters, zwei seiner unvergleichlichen Lieder mit Clarinettbegleitung von einer ausgezeichneten Dilettantin vorgetragen, und dem Clavierquintett mit Begleitung von Blasinstrumenten. Nach Beendigung dieser überaus gelungenen Vorträge setzte man sich in freudig erregter Stimmung zum Festmahl, das durch Trinksprüche ernsten und scherzhaften Inhalts gewürzt, den schönen Abend in würdiger Weise beschloß.

Die von Fr. Oetker kurz nachher veröffentlichte Beschreibung des Jubelfestes gab zugleich Veranlassung zu der von Spohr damals begonnenen Selbstbiographie. Indem nämlich bei dieser Gelegenheit der Verfasser jenes Schriftchens die Absicht aussprach, demselben eine ausführliche Lebensbeschreibung folgen zu lassen, bat er Spohr, ihm demnächst die nöthigen Notizen dazu zu geben; dieser fand aber bei Aufzeichnung derselben so viel Freude daran, die reichen Erlebnisse der hinter ihm liegenden Jahre seinem Gedächtniß zurückzurufen, daß er auf die Idee kam, deren ausführliche Schilderung lieber selbst zu übernehmen Aus dieser gewissermaßen zufälligen Entstehung von Spohr's Selbstbiographie läßt es sich leicht entnehmen, daß darin eben nur ein getreues Bild seines eignen inhaltsreichen Lebens für die große Zahl Derer, welche an ihm und seinen musikalischen Schöpfungen ein warmes Interesse nehmen, enthalten sein sollte, daß er selbst aber keineswegs einen Beitrag zur Kunstgeschichte oder eine kritische Beurtheilung seiner Kunstgenossen zu liefern beabsichtigte, was hie und da irrthümlich von dieser Biographie erwartet worden ist.. Mit lebhaftem Interesse ging er nun sogleich an diese Arbeit, die jedoch in ihrem weiteren Verlauf nur langsam vorwärts schritt, da der Drang zum Componiren bald wieder vorherrschend wurde. So schrieb er denn zunächst sechs Salonstücke für Violine und Pianoforte, die mit den bezeichnenden Ueberschriften: Barcarole, Scherzo, Sarabande, Siciliano, Air varié und Mazurka versehen und in ein Heft gesammelt als Op. 135 bei J. Schuberth im Druck erschienen; dann folgte sein viertes Doppelquartett und einige Monate später auf den Wunsch der philharmonischen Gesellschaft zu London die achte Symphonie ( G-moll), welche bei Peters in Leipzig als Op. 137 in Partitur und in vierhändigem Clavierauszug herauskam.

Auch im Theater wurde Spohr's Thätigkeit während der nächstfolgenden Zeit ungewöhnlich in Anspruch genommen, da es galt, zu den bevorstehenden Pfingsttagen nicht nur die gewohnte Festoper, sondern ausnahmsweise auch ein großes Concert vorzubereiten, worin u. A. seine Doppelsymphonie und seine erste Concertante, von ihm selbst und seinem Schüler Jean Bott vorgetragen, zur Aufführung kam. Zur Festvorstellung am zweiten Pfingsttage war eine neue Oper: »Arria« von Hugo Stähle auserwählt, welche als Erstlingswerk eines in ihrer Mitte herangewachsenen jungen Componisten das Interesse aller Musikfreunde Cassels in hohem Grade erweckte. Schon als Knabe hatte der junge Künstler ein so hervorstechendes Talent gezeigt, daß Spohr sich dadurch veranlaßt fand, ihn auf den Wunsch seines Vaters, Major Stähle zu Cassel, ausnahmsweise als Schüler in der Composition anzunehmen; mit stets wachsender Theilnahme folgte er nun den Fortschritten des talentvollen Schülers, der, selbst gediegener Clavierspieler, sich bald an größeren Claviercompositionen versuchte, worunter ein Quartett in A-dur ( Op. 1 bei Schuberth) als besonders gelungen zu bezeichnen ist. Hierdurch ermuntert konnte er dann – noch nicht 21 Jahre alt – unter Spohr's Anleitung sich an die Composition der genannten, von seinem Freunde Jac. Hofmeister gedichteten Oper wagen, und dieselbe fiel so völlig zu Spohr's Zufriedenheit aus, daß auf seine dringende Empfehlung die Aufführung beschlossen und baldigst in's Werk gesetzt wurde. Während nun Spohr seine wahre Freude an der auch vom Publikum höchst günstig aufgenommenen Oper hatte, und bei weiterem Fortschreiten des jungen Componisten eine glänzende Zukunft für denselben vorauszusehen glaubte, war dieser erste Triumph leider auch sein letzter, denn noch vor Ablauf eines Jahres wurde er von einem hitzigen Fieber befallen, das seiner so viel versprechend begonnenen Laufbahn durch frühen Tod ein unerwartetes Ziel setzte!

Nachdem Spohr mehrere seit seinem letzten Besuch in England von dort an ihn ergangene Einladungen zur Aufführung seiner Werke abgelehnt hatte, entschloß er sich endlich im Sommer 1847, den abermaligen dringenden Aufforderungen noch einmal Folge zu leisten und die Leitung von drei großen Concerten zu übernehmen, worin von der Sacred Harmonic Society seine sämmtlichen geistlichen Compositionen: Oratorien, Psalme etc. gegeben werden sollten. Mit Beginn der Theaterferien trat er daher in Begleitung seiner Frau und Schwägerin die Reise nach England an und nahm den Weg dahin diesmal über die interessanten Städte Brüssel und Gent nach Ostende, von wo er sich einzuschiffen beabsichtigte. Ueber den Aufenthalt in Gent berichtet ein Brief in die Heimath: »Wir hatten zwar unterwegs zufällig erfahren, daß gerade am Tage unserer Ankunft daselbst ein großes Sängerfest der vereinigten vlämischen und deutschen Liedertafeln stattfinde, da wir aber erst Abends 7 Uhr dort anlangten, nachdem das Hauptconcert bereits lange seinen Anfang genommen hatte, so gedachten wir den herrlichen Sommerabend zu einem Spaziergang in der über alle Erwartung schönen und großartigen Stadt zu benutzen. Kaum aber waren wir hundert Schritte gegangen, als einige Herren, Spohr erkennend, in freudigster Ueberraschung auf uns zustürmten, und uns fast gewaltsam nöthigten, den zweiten Theil des Concertes, dessen Zwischenakt eben sei, mitanzuhören. So wurden wir alle drei in das prachtvolle Gebäude » Palais de Justice« hineingedrängt, und standen plötzlich in dem ungeheuern, von vielen Tausend Menschen dicht gefüllten Saal, wo in demselben Augenblick der eine unserer Führer, ein Mitglied des Festcomité's, mit größtem Kraftaufwand aus vollem Halse rief: » Messieurs, le gran compositeur Spohr vient d'arriver dans notre ville, le voici!« Auf diesen Anruf erhob sich die ganze Versammlung, Alles klatschte, schrie: » vive Spohr, le grand Spohr!« und ein wahrer Blumenregen von großen und kleinen Sträußen ergoß sich von allen Seiten über ihn. Es dauerte lange, bis der laute Jubel sich beschwichtigte, inzwischen hatte man uns Stühle auf den besten Plätzen geräumt, und wir saßen da etwas verlegen in unsern bestaubten Reisekleidern mitten zwischen schön geputzten Damen. Die ganze Scene aber hatte, eben durch das ganz Ueberraschende, etwas sehr Eigenthümliches und fast Ueberwältigendes. Wir hörten darauf den zweiten Theil des Concertes mit an, worin die verschiedenen Liedertafeln, theils mit, theils ohne Orchesterbegleitung, sich hören ließen, und alle den lebhaftesten Beifall ernteten, den ihre Leistungen auch wirklich verdienten. Es dauerte bis nach 9 Uhr, dann kamen noch eine Menge Menschen herbei, um Spohr zu begrüßen und zu sprechen, so daß wir gerade spät genug nach Hause kamen, um nach eingenommenem Abendessen uns schnell zur Ruhe zu begeben. Doch sollte diese für Spohr wieder nicht von langer Dauer sein, indem wir nach 11 Uhr allerlei Geräusch und Vorbereitungen zu einem großen Ständchen bemerkten, welches der Genter Verein » des Mélomanes« für ihn veranstaltete. Er mußte nolens volens aus dem Bett wieder aufstehen und in dem anstoßenden Saal, außer der schönen Musik und abermaligen Ungeheuern Vivats auch noch eine Deputation entgegennehmen, die ihm in feierlicher Mitternachtsstunde seine Ernennung zum Ehrenmitgliede des Vereines ankündigte.« etc.

Bei der Ankunft in London wurde Spohr nebst seinen Reisegefährtinnen abermals in der nun schon befreundeten Familie Taylor gastlich aufgenommen, und es begann für sie eine in jeder Beziehung höchst genußreiche Zeit. Die an jedem Freitage angesetzten Oratorien-Aufführungen in Exeter-Hall gingen in gewohnter Vollkommenheit von Statten; das vorher beabsichtigte Programm hatte jedoch in soweit eine Abänderung erlitten, daß man an die Stelle von » Calvary«, womit man auch hier wieder bei der Geistlichkeit Anstoß zu erregen befürchtete, eine zweite Aufführung des »Fall Babylons« gesetzt hatte, während im dritten Concert, so wie es im Voraus bestimmt gewesen, »die letzten Dinge«, »das Vaterunser« und der erst neuerlich von Spohr componirte »84ste Psalm« nach Miltons metrischer Uebersetzung zur Ausführung kamen. Der Enthusiasmus bei allen drei Concerten, der kaum einer Steigerung gegen früher Erlebtes fähig schien, äußerte sich diesmal noch besonders durch stürmisches Da capo-Verlangen einer großen Anzahl von Chören und Solostücken. Nicht minder befriedigend wurden auch die Zwischentage hingebracht, indem Jedermann sich beeiferte, Spohr mit Genüssen und Ehrenbezeugungen aller Art entgegenzukommen. Da gab es im bunten Wechsel Einladungen, Festlichkeiten, Spazierfahrten und Eisenbahntouren, deren eine sich mehr als 70 englische Meilen weit erstreckte, bis zu der durch ihre großartigen, eigenthümlichen Universitätsgebäude ausgezeichneten Stadt Cambridge, und zu dem Städtchen Ely, das merkwürdig durch seine Lage auf einem schönen fruchtbaren Hügel mitten im Moorgrund hervorragend, noch mehr aber durch die prächtige Kathedrale, die für eins der schönsten Monumente gothischer Baukunst in England gilt. In dieser werden als Ueberbleibsel früherer Herrlichkeit noch jetzt während des Gottesdienstes die schönsten Kirchengesänge von 16 eigends dazu angestellten Sängern ausgeführt, wozu sich in dem vereinsamten Orte freilich wohl nur selten so andächtige und erbaute Zuhörer wie Spohr und seine Reisegefährten es waren, einfinden mögen.

Viel angenehme und genußreiche Stunden verlebte Spohr insbesondere auch im gemüthlichen Zusammensein mit den ihm nächstbefreundeten Familien Horsley, Benedict, Taylor u. s. w., in deren kunstverwandtem Kreise es dann auch nicht an gelungenen Musikvorträgen fehlte, wobei auch er zur besonderen Freude aller Zuhörer sich öfter durch eignes Spiel zu betheiligen pflegte. Desto entschiedener lehnte er hingegen alles öffentliche Auftreten ab, und verstand sich nur einmal ausnahmsweise zur Mitwirkung bei einem ihm zu Ehren von der Beethoven Quartett Society veranstalteten Concerte, das auf dem Programm als: » Homage to Spohr« bezeichnet, diesmal nicht Beethoven'sche, sondern nur drei Spohr'sche Compositionen aus verschiedenen Lebensperioden ausgewählt, enthielt, nämlich: 1) ein Quartett ( G-moll) aus seiner ersten Jugend, 2) ein etwa 20 Jahre später componirtes Duo, von Joachim und Sainton meisterhaft vorgetragen, und 3) das dritte Doppelquartett ( E-moll), wobei Spohr die erste Geige übernommen, und durch Spiel wie durch Composition das schon von den ersten Nummern begeisterte Publikum nun vollends zur höchsten Exstase hinriß. Die Zeitungen berichteten höchst enthusiastisch über die Wahl der drei Compositionen und deren einzelne Schönheiten. Times sagt u. A. bei Gelegenheit des Duetts: »Diese Duetten für zwei Violinen gehören zu den größten Wundern von Spohr's erfindungsreichem Genie. Aus scheinbar kleinem Material hat der große Componist harmonische Effekte erzielt, die an Reichthum und Fülle kaum dem Quartett nachstehen. Das Duett in Es ist wahrhaft überfließend an melodischen und contrapunktischen Schönheiten, ein vollkommenes Meisterstück« ... Später heißt es: »das Doppelquartett in E-moll ist eine der wunderbar reichsten Compositionen Spohr's ... Jeder Satz trägt den Stempel des Genie's und ist mit der Vollendung ausgearbeitet, die den Höhepunkt der Intelligenz bezeichnet ... Hätte Spohr weiter nichts geschrieben, so würde durch dies Werk allein sein Ruhm als einer der ersten Componisten in der Welt gesichert sein« ... » Spohr spielt selten mehr öffentlich, aber mit Begierde wird von Künstlern und Laien die seltene Gelegenheit ergriffen, ihn, den ersten Geiger der Jetztzeit, zu hören. Sein Styl ist ein Muster von Reinheit und Geschmack ... Nicht nur bringt er alle Schwierigkeiten wie spielende Kleinigkeiten, – sondern zeigt auch in seinem Vortrag noch die volle Gluth und Begeisterung der Jugend« ...

So rückte das Ende der Ferienzeit rasch heran und mahnte an den abermaligen Abschied. In den letzten Tagen aber drängten sich die Anforderungen aller Art noch dergestalt, daß Spohr's klassische Seelenruhe dazu nöthig war, um den Kopf immer oben zu behalten. Ihm gelang dies und nur frohe, erhebende Eindrücke begleiteten ihn zurück in die Heimath, wo er mit freudigem Gemüthe und gewohntem Eifer den Berufsgeschäften alsbald wieder oblag.

Zu Anfang November wurde er aufs Schmerzlichste überrascht durch die Kunde vom Tode seines Freundes Mendelssohn, über dessen Verlust, als Mensch wie als Künstler tief trauernd, er in einem Brief an M. Hauptmann u. A. äußert: »Was hätte Mendelssohn, auf der Höhe seiner Kunstblüthe, noch Herrliches schreiben können, hätte ihm das Geschick ein längeres Leben gegönnt! Für seinen zarten Körperbau war die geistige Anstrengung zu groß und daher vernichtend! Sein Verlust für die Kunst ist sehr zu beklagen, da er der begabteste der jetzt lebenden Componisten, und sein Kunststreben ein sehr edles war!« – Sein nächster Gedanke war nun, eine öffentliche Gedächtnißfeier für den so früh Dahingeschiedenen zu veranstalten; da er aber auf seine deshalb gethanen Vorschläge die Antwort vom Hoftheater-Intendanten erhielt: »daß die beabsichtigte Gedächtnißfeier in einem der in dem Hoftheater stattfindenden Concerte nicht veranstaltet werden könne, indem solche höchsten Orts nicht gewünscht werde,« so beschloß er die Feier in beschränkterer Weise in einem auf den 22. November zum 25sten Jubiläum des Cäcilienvereins angesetzten Privatconcerte zu begehen und ein zu dem Zwecke bereits verfaßtes Gedicht nebst Chor aus Mendelssohn's Paulus vortragen zu lassen. Nachdem aber Alles auf's Beste vorbereitet und die Generalprobe schon gehalten war, kam plötzlich die Kunde von einer lebensgefährlichen Erkrankung des in Frankfurt residirenden Kurfürsten Wilhelm II., welcher die Todesnachricht unter Anordnung einer allgemeinen Landestrauer nebst dem Unterbleiben jeglicher Musik am andern Tage nachfolgte. Als dann nach vierwöchigem Aufschub die Feier endlich in's Werk gesetzt werden sollte und Spohr den Tag dazu bereits bestimmt hatte, trat der Tod – diesmal die Familie selbst in schmerzlich erschütternder Weise treffend – auf's Neue hindernd in den Weg. Am 18. December erkrankte Spohr's Schwiergermutter und wurde nach wenig Tagen der durch die Bande inniger Liebe eng verbundenen Familie durch den Tod entrissen. Die sonst so froh und festlich begangenen Weihnachtstage verwandelten sich nun in Tage der Trauer und Klage, um so mehr, da auch der Vater Pfeiffer durch den unerwarteten Schlag auf's Krankenlager geworfen wurde, und so das trauliche Zusammenkommen im elterlichen Hause, wo auch Spohr stets so viel Freude zu finden und zu bereiten wußte, für lange, vielleicht für immer gestört zu sein schien! Unter Angst und Sorgen verflossen dann die nächsten Wochen und erst nach Wiederherstellung des Vaters konnte Spohr daran denken, die längst vorbereitete Feier endlich zur Ausführung zu bringen. Das Programm hierzu war so zusammengestellt, daß es in chronologischer Folge zwölf Musikstücke von Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Hauptmann, Mendelssohn und Spohr, gleichsam Probenummern derjenigen Meister brachte, deren Werken die Thätigkeit des Cäcilienvereins während seines 25jährigen Bestehens vorzugsweise gewidmet war. Nach dem vorletzten Gesangsstück: »Wir preisen selig die etc.« aus »Paulus« wurde ein Gedicht: »Empfindungen der Trauer bei dem frühen Hintritt Felix Mendelssohn-Bartholdy's« vorgetragen, dessen Schlußstrophen lauteten:

»Ich sehe Geister sich zur Erde neigen –
Die Schatten sind es jener großen Meister,
Vorangegangen ihm in's Reich der Geister.
Sie lächeln mild von ihrem Wolkensitze
Den geistverwandten Himmelsbürger an.
Der Zaub'rer » Mozart« steht an ihrer Spitze,
Zur Seite ihm » Beethoven« der Titan.
»Willkommen!« jubeln sie, »im Reich der Geister!
Willkommen! deutscher ebenbürt'ger Meister!«

Nach dieser Apotheose Mendelssohn's erfolgte, begleitet von einer poetischen Anrede an Spohr, die Ueberreichung einer in Brillanten gefaßten Doppelnadel, Violin- und Baßschlüssel vorstellend; hieraus wurde eine von H. Stähle componirte »Hymne an Spohr« gesungen, und zum Schlusse folgte beim Festmahl eine Rede über die Entstehung und Wirksamkeit des Vereins, für dessen Gedeihen der Redner selbst (Minist. Repositar Weinrich) in der Eigenschaft als Sänger, Bibliothekar und Cassirer seit längeren Jahren mit rastlosem Eifer bemüht gewesen war.

Um diese Zeit (Februar 1848) war es, wo die erste Kunde von dem Aufstande des französischen Volkes nach Deutschland herübertönte und alle Gemüther von Gefühlen mannichfachster Art durchbebte. Auch Spohr folgte, so wie im Jahre 1830, der immer mehr um sich greifenden Bewegung mit dem gespanntesten Interesse, und sah getrosten Muthes der für das deutsche Volk daraus erwachsenden Besserung der öffentlichen Zustände entgegen, fest vertrauend, daß der gemäßigte, gesunde Sinn der Deutschen es nicht zu beklagenswerthen Extremen kommen lassen, sondern die Abhülfe ihrer gerechten Beschwerden nur auf gesetzmäßigem Wege erstreben werde. Auch in Kurhessen fehlte es nicht an Stoff zur Unzufriedenheit und Klage und insbesondere hoffte man auf Befreiung von einem Ministerium, gegen dessen volksfeindliches, für Fürst und Unterthanen gleich verderbliches Regierungssystem die, in ihren wohlthätigsten Bestimmungen umgangene und untergrabene Verfassung von 1831 nur noch eine schwache Schutzwehr darzubieten vermochte. Der Stadtrath von Cassel war es nun, der zuerst den Wünschen des Volkes Worte lieh und dieselben am 6. März in einer persönlich überreichten Adresse dem nunmehrigen Kurfürsten Friedrich Wilhelm vortrug; doch kamen in den folgenden Tagen Deputationen auch aus dem übrigen Lande, welche ihre Bitten und Beschwerden in ähnlichem Sinne, aber in noch dringenderen Worten vorbrachten und neben den vielversprechendsten Zusicherungen zunächst die alsbaldige Berufung eines neuen Ministeriums zur Folge hatten. Auch die, wenige Wochen zuvor vertagte Ständeversammlung trat am 13. März unter Ausscheidung der früheren, verfassungsfeindlichen Elemente wieder zusammen, um das verheißene Preßgesetz und andere zur Wohlfahrt des Landes erforderliche Bestimmungen zu berathen, und so gewannen die, seit Jahren nur noch spärlich besuchten öffentlichen Sitzungen aufs Neue die allgemeinste Theilnahme. Auch Spohr fand sich, soweit es seine Berufsgeschäfte gestatten wollten, regelmäßig dabei ein und bestärkte sich immer mehr in der zuversichtlichen Erwartung, »daß unter dem neuen liberalen Ministerium und der purificirten Ständeversammlung die Verfassung von 1831 zur Wahrheit werde.« Zur besonderen Genugthuung gereichte es ihm auch, seinem Schwiegervater, der durch seine leidende Gesundheit zu Hause zurückgehalten wurde, erfreulichen Bericht von dem politischen Treiben in und außerhalb der Ständesitzungen erstatten zu können. Mochten auch ihre Ansichten hierüber insoweit von einander abweichen, daß Pfeiffer seine Wünsche in den Schranken einer ächt constitutionellen Monarchie hielt, während Spohr noch einen Schritt weiter ging und oftmals seine Phantasie in das Gebiet unerreichbarer Ideale schweifen ließ, so fanden doch beide in dem friedlichen Austausch ihrer Meinungen hohe Befriedigung, und glücklich schätzten sich auch Alle, die in solchen Stunden patriotischer Ergießungen den beiden, in dem milden Wohlwollen ihrer Gesinnungen, so wie in der Begeisterung für Freiheit, Wahrheit und Recht so herrlich sympathisirenden Männern lauschen durften. In solch gehobener Stimmung schrieb denn auch Spohr sein Sextett für 2 Violinen, 2 Violen und 2 Violoncell, ( Op. 140, Cassel bei C. Luckhardt,) bei dessen Eintragung in sein Compositionsverzeichniß er die Worte hinzufügte: »Geschrieben im März und April zur Zeit der glorreichen Volksrevolution zur Wiedererweckung der Freiheit, Einheit und Größe Deutschlands.« Und diese Composition, so reich an lebensfrischen Melodien, an wahrhaft ätherischem Wohlklang, wie kaum irgend ein anderes Werk von Spohr, giebt ein redendes Zeugniß für den Zustand seines Innern, indem sie, über die Stürme der Gegenwart sich freudig erhebend, nur Friede, Hoffnung und reinste Harmonie verkündet, so wie er diese schon im Geiste aus kurzen Kämpfen emporblühen sah. So befriedigend nun auch diese Composition – die erste seit der über Deutschland aufgegangenen neuen Aera – für Spohr sein mußte, so gab er doch das weitere Componiren längere Zeit hindurch völlig auf, weil ihn, wie er seinem Freund Hauptmann brieflich klagte, »die Aufregung und das ewige Zeitungslesen und Politisiren zu keiner ruhigen Arbeit kommen ließ.«

Am 31. März sollte unter großer Feierlichkeit die deutsche Fahne, die bereits alle öffentlichen und Privatgebäude schmückte, nebst der hessischen auf dem Ständehaus ausgehängt werden, und es hatte sich Spohr auf die Seitens der Bürgerschaft an ihn ergangene Aufforderung sogleich zur Leitung der dabei vorkommenden patriotischen Männergesänge bereit erklärt, die er dann um so lieber übernahm, nachdem die anfänglich verweigerte Genehmigung des Kurfürsten durch den Polizeidirector Morchutt noch im letzten Augenblick ausgewirkt worden war. Vom Rathhause aus bewegte sich nun der festliche Zug, an der Spitze der Küfermeister Herbold, die schwarz-roth-goldene Fahne tragend, begleitet von einer unabsehbaren Menschenmasse, nach dem Ständehaus. Sobald die Fahne auf dem Gipfel desselben sichtbar geworden, mischte sich der endlose Jubel des Volks in die freudeverkündenden Kanonenschüsse und das feierliche Geläute der Glocken. Nach einer von Hauptmann v. Baumbach, als Präsident der Ständeversammlung, gehaltenen Rede, folgten die von Spohr dirigirten Gesänge, darunter auch Arndt's herrliches Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« worauf das erneute Zujauchzen des Volkes die begeisterte Antwort gab.

Nachdem am 18. Mai die Eröffnung der deutschen Nationalversammlung zu Frankfurt a. M. stattgefunden und Aller Augen sich erwartungsvoll dorthin richteten, wo die Freiheit und Wohlfahrt des deutschen Vaterlandes berathen werden sollte, da folgte auch Spohr mit lebhaftester Theilnahme den darüber einlaufenden Berichten, und als die Zeit seiner Sommerferien herbeigekommen, zog es ihn mächtig nach der alten Reichsstadt, um selbst Zeuge der in der Paulskirche gepflogenen Verhandlungen zu werden. Mochten nun auch die überaus stürmischen Parlamentssitzungen nicht immer befriedigend ausfallen, so hielt er doch täglich 5-6 Stunden ohne Unterbrechung darin aus, und während viele der wärmsten Patrioten schon damals körperlich und geistig niedergedrückt mit banger Besorgniß dem beklagenswerthen Streit der Parteien folgten, hielt Spohr noch fest an der Zuversicht auf eine glückliche Wendung der Dinge, wie denn auch aus seiner Umgebung von dort aus über ihn berichtet wurde, »er sei vielleicht der vergnügteste Mensch in Frankfurt, da ihn sein ungeheuer lebhaftes Interesse und seine kräftige Natur nie eine störende Erschöpfung fühlen lasse und er dazu die glückliche Gabe besitze, die Dinge immer von ihrer besten Seite zu erblicken.« – Das höchste Interesse fand er in der persönlichen Bekanntschaft vieler der hervorragendsten Mitglieder der Nationalversammlung, worunter namentlich der Präsident Heinrich von Gagern, welcher zuerst bei einem auf der Mainlust begangenen Fest des Frankfurter Liederkranzes, wo beiden Männern die Ehrenplätze nebeneinander eingeräumt waren, mit ihm in nähere Berührung kam, und ihn dort im geselligen Kreise durch seine liebenswürdige Persönlichkeit eben so sehr bezauberte, wie auf dem Präsidentenstuhl in der Paulskirche. Ein weiteres Zusammentreffen mit demselben fand bei einer Privatsoirée in dem, Beiden verwandten Hause des Bürgermeisters Dr. Louis Harnier statt, wo u. A. auch der ehrwürdige Professor Moritz Arndt sich unter den anwesenden Gästen befand. War auch bei solchen Elementen die unvermeidliche politische Unterhaltung begreiflicherweise vorherrschend, so wurde doch auch den dazwischen eingeflochtenen musikalischen Vorträgen die lebhafteste Theilnahme gezollt, und besonders übte Spohr's Ausführung eines seiner lieblichsten Quartetten in seltsamem Contrast zu der wild bewegten Zeit einen wunderbar beruhigenden Zauber auf die Gemüther aller Zuhörer aus.

Nachdem dann am 29. Juni in der Nationalversammlung nach langen Kämpfen endlich durch überwiegende Stimmenmehrheit die Wahl des Erzherzogs Johann von Oesterreich zum Reichsverweser zu Stande gekommen, und somit die Ruhe Deutschlands für die nächste Zukunft gesichert schien, reiste Spohr unter dem freudigen Eindruck dieses erwünschten Resultates alsbald von Frankfurt ab.

Nur auf wenige Tage nach Cassel zurückgekehrt, benutzte er die noch übrige Ferienzeit zu einer kleinen Harzreise mit mehrtägigem Aufenthalt in Göttingen, wo in dem verwandten Hause des Musikdirektors Wehner unter froher Geselligkeit, Ständchen und Musikparthien die Zeit schnell und angenehm verging.

Am 6. August wurde ein großes Volksfest zu Cassel begangen, welches die sämmtliche Einwohnerschaft den ganzen Tag über in freudiger Bewegung hielt. Am frühen Morgen begann die Feier, indem das auf dem Forst versammelte Militär dem Reichsverweser huldigte; dann folgte die mit feierlichem Gottesdienst verbundene Einweihung und Ueberreichung der Fahne an das neuerrichtete Corps der Schutzwache in Gegenwart der kurfürstlichen Familie auf dem Bowlinggreen in der Carlsaue, und Nachmittags fand das eigentliche Volksfest statt, wo die ganze Bevölkerung Cassels in buntem Gemisch der Stände der Aue zuströmte, um den daselbst angeordneten Volksbelustigungen: Spiele, Tanz, Musik etc., als Theilnehmer oder Zuschauer beizuwohnen. Gegen Abend fand sich zu Aller Ueberraschung auch der Kurfürst in schlichten, schwarzen Civilrock gekleidet unter der fröhlichen Menge ein, und durcheilte unter dem jubelnden Zuruf des Volkes mit freudig teilnehmender Miene die von dichten Schaaren angefüllten Anlagen des Parks; den Beschluß des festlichen Tages machte ein unter Spohr's Leitung stattfindendes Concert der, vor dem Orangeriegebäude aufgestellten, vereinigten Sänger und Musikchöre Cassels, wobei auch der Kurfürst als Zuhörer erschien und nach einer längeren Unterredung mit Spohr, denselben ausdrücklich aufforderte, das Lied: »Was ist des Deutschen Vaterland?« anstimmen zu lassen. Erst beim Hereinbrechen der Nacht endete der Gesang und kaum waren die letzten Töne verklungen, so sah man, gleichsam im Anschluß an das bedeutungsvolle Lied, in schimmerndem Brillantfeuer das Wort: »Einigkeit« emporflammen, und die Blitze aufsteigender Raketen umleuchteten den Heimweg der in glücklichster Stimmung nach der Stadt zurückkehrenden Volksmenge. So legte dies schöne, durch keinerlei Störung getrübte Fest zugleich erfreuliches Zeugniß ab von dem Zustand des öffentlichen Lebens in Kurhessen, wo Ordnung, Vertrauen und Eintracht aller Parteien in so befriedigender Weise wiederhergestellt war, daß es damals als ein wahrer Musterstaat gelten konnte. In solchem Sinne äußerte sich auch Spohr, als er im October desselben Jahres an seinen Freund Hesse nach Breslau schrieb: »Es nimmt mich Wunder, daß Sie an die günstigen Erfolge der Revolution nicht glauben wollen, da ich mit den bisherigen Errungenschaften vollkommen zufrieden bin. Ist auch die Einheit Deutschlands noch nicht gesichert, so ist es doch die Freiheit ganz gewiß, und ich preise mich glücklich, eine solche Zeit noch erlebt zu haben ... Hier in Hessen ist ein ganz anderer Geist erwacht und wir sind den anderen deutschen Ländern so weit vorausgeeilt, wie wir früher, trotz unserer guten Verfassung, ihnen nachstanden. Bei uns sind die errungenen Freiheiten nun schon größtentheils durch Gesetze gesichert und es wird jetzt im Lande eine neue freisinnige Verwaltung eingeführt, die von nun an alles Polizeiregiment unmöglich machen wird. In wenigen Wochen sehen wir auch dem öffentlichen Verfahren und Schwurgerichten entgegen, und der früheren Willkürherrschaft ist allenthalben ein Riegel vorgeschoben« etc. Leider aber sollte sich Spohr und mit ihm eine große Anzahl der edelsten Patrioten in ihren Hoffnungen bitter getäuscht sehen, denn es traten nur allzubald die kaum versöhnten Parteien sich auf's Neue feindlich entgegen, und im schnellen Rückschlag zu den unheilvollen Bestrebungen der Demokraten begann auch die Reaction ihr Haupt zur Unterdrückung der errungenen Volksfreiheiten wieder zu erheben. In Folge dieser beklagenswerthen Verhältnisse wurde über mehrere Hauptstädte Deutschlands der Belagerungszustand verhängt, und gleiches Schicksal traf im Frühjahr 1849 namentlich auch Breslau, wohin Spohr gerade um diese Zeit eine Einladung von den dortigen Musikfreunden erhalten, die er jedoch für die nächste, ohnedies zu einer Brunnenkur in Carlsbad bestimmte Ferienzeit nun um so entschiedener ablehnte, da (wie er an Hesse schrieb) »er in einer Stadt, wo der Belagerungszustand proklamirt und die in der Nationalversammlung festgestellten deutschen Grundrechte aufgehoben seien, doch nicht frei athmen, viel weniger aber musiciren könne.« Indem er ihn dann auf einen Besuch im folgenden Jahre vertröstete, fügte er hinzu: »Bis dahin wird Alles entschieden sein! Entweder haben wir das hohe Ziel erreicht, oder wir sind in die alte Sklaverei zurückgefallen! Ist das erste, dann kann man wieder mit ganzer Seele sich der herrlichen Kunst hingeben! Verhängt ein unerbittliches Geschick das zweite, so muß man sich in die Kunst vergraben, um den Jammer der Zeit zu vergessen. Jedenfalls wird man zum Musiciren mehr aufgelegt sein, als jetzt in der Zeit der höchsten Spannung ... Leben Sie wohl in Ihrer grabesruhigen Stadt unter der Säbelherrschaft, wenn's möglich ist.«

Im Juni desselben Jahres trat nun Spohr die Reise nach Carlsbad an und verweilte unterwegs einige Lage in Leipzig, wo er im Kreise seiner musikalischen Freunde wieder viele schöne, seiner edlen Kunst gewidmete Stunden verlebte. Am ersten Abend wurden bei der ihm befreundeten Familie Vogt zwei seiner neuesten, noch nicht veröffentlichten Compositionen gespielt, nämlich das vierte Doppelquartett ( G-moll) und das erst kurz zuvor beendigte 31ste Quartett ( C-dur), welche beide Nummern später bei C. Luckhardt in Cassel als Op. 136 und 141 im Druck erschienen. Das Doppelquartett fand insbesondere so lebhaften Anklang, daß Spohr sich auf den Wunsch Vieler entschloß, es am folgenden Tag im Conservatorium vor einem zahlreichen Zuhörerkreis, worunter namentlich auch sämmtliche Lehrer und Schüler des Instituts, noch einmal zu wiederholen. Ein glänzendes Fest bereitete ihm noch am letzten Abend sein langjähriger Freund Moscheles, und verherrlichte den musikalischen Theil desselben durch sein eigenes Spiel, indem er Spohr's erstes Trio, so wie dessen Clavierquintett mit Blasinstrumenten meisterhaft vortrug, worauf dann höchst überraschend vom Garten vor dem Hause her ein Chorgesang als »Huldigung für Spohr« ertönte, und vierstimmige Lieder von ihm, Mendelssohn und Hauptmann in gelungenster Weise ausgeführt wurden.

Der nun folgende mehrwöchentliche Aufenthalt in Carlsbad gestaltete sich diesmal in mehrfacher Hinsicht besonders günstig, namentlich fand Spohr viel Freude an dem Umgang mit mehreren ausgezeichneten, durch ihre öffentliche Wirksamkeit allgemein bekannten Persönlichkeiten, wie Hansemann aus Berlin und Simson aus Königsberg, zu welchem letzteren er sich wegen der völligen Uebereinstimmung ihres beiderseitigen politischen Glaubensbekenntnisses, insbesondere hingezogen fühlte. Da beide Männer sich zugleich als warme Musikfreunde erwiesen, so wurden sie nebst ihren ebenfalls anwesenden Angehörigen bald auch dem kleinen Kreis von Auserwählten zugezählt, welche den gemeinschaftlichen Musikvorträgen des Spohr'schen Ehepaares öfters als Zuhörer beiwohnen durften. Nachmittags wurde mit diesen und anderen interessanten Familien die überaus herrliche Gegend nach allen Richtungen hin durchstreift, wobei Spohr, obgleich mit jedem Plätzchen längst bekannt und vertraut, doch immer auf's Neue in wahrhaft begeistertes Entzücken versetzt wurde, in das seine Gefährten dann freudig mit einstimmten.

Eine erheiternde Abwechselung brachten auch diesmal die aus manchem Land und in manch' eigenthümlicher Gestalt sich bei Spohr introducirenden Musik-Enthusiasten. Ueber einen derselben wird beispielsweise brieflich erzählt: »Eben hatten wir wieder einen originellen Besuch: es war ein junger Mann aus Schlesien, der in Franzensbad die Cur gebraucht, und eigens hierher gereist war, um Spohr zu sehen. Er introducirte sich beim Hereintreten, ehe wir noch seinen Namen oder irgend sonst etwas von ihm wußten, durch einen Strom von Thränen, die ihm beim Anblick Spohr's aus den Augen stürzten und mehrere Minuten das Sprechen unmöglich machten, bis er dann endlich sich so weit erklären konnte: daß Spohr's Musik von jeher einen so tiefen und himmlischen Eindruck auf ihn gemacht, und eine solche Sehnsucht in ihm erweckt hätte, ihn jemals von Angesicht zu sehen, daß ihn bei der plötzlichen fast unmöglich geglaubten Erfüllung dieses heißen Wunsches die Rührung dergestalt übermannt habe, daß er nun beschämt in seiner Schwäche vor ihm stehen müsse. Mit weiteren Aeußerungen in demselben Sinne durchwebt, erzählte er dann Vielerlei aus seinem bisherigen Lebenslauf und das Endresultat war, daß ihm Spohr zu seinem großen Entzücken drei Salonstücke vorspielte, worauf er nach einer Stunde mit vielen Danksagungen und abermaliger Rührung schied, um alsbald zurückzureisen.«

Auch in gesundheitlicher Beziehung ließ der Aufenthalt in Carlsbad nichts zu wünschen übrig, und hatte insbesondere eine so vollständige und nachhaltige Heilung des, bis dahin dann und wann wiederkehrenden Leberleidens zur Folge, daß Spohr, so dankbar er auch stets der dort verlebten frohen und heilbringenden Stunden gedachte, sich von nun an zu keinem weiteren Besuche der wunderthätigen Quellen veranlaßt fand.

An Körper wie an Geist gekräftigt und erfrischt, kehrte er nach Cassel zurück und begann kurz nachher die Composition seines fünften Clavier-Trio's ( G-moll, Op. 141, bei Schuberth in Hamburg), dem er dann drei Duetten für zwei Soprane folgen ließ, die bei Peters in Leipzig herauskamen und durch lieblich ansprechende Melodien, wie durch leichte Ausführbarkeit, gleich den früher erschienenen Mendelssohn'schen, bald Lieblingsstücke der musikalischen Cirkel wurden.

Zu Ende des Jahres (1849) wurde Spohr von schwerer Sorge heimgesucht, indem am zweiten Weihnachtstage seine Frau plötzlich heftig erkrankte und gerade beim Jahreswechsel in höchster Lebensgefahr schwebte, bis dann endlich ihre unverwüstlich gute Natur, verbunden mit der sorgsamsten Pflege, den Sieg davon trug, und Spohr mit hoher Freude den Tag begrüßte, wo die Genesende den lange verwais'ten Platz an seiner Seite beim Mittagstisch wieder einnehmen durfte. Schon am folgenden Morgen (22. Januar) drohte jedoch neues Unheil hereinzubrechen, als er bei seinem täglich gewohnten Gang zur Theaterprobe auf dem unerwartet eingetretenen Glatteis einen so unglücklichen Fall that, daß er eine nicht unbedeutende Quetschung am Kopf erlitt, von der er erst nach mehreren Wochen durch die ausdauernde Sorgfalt seines vielerfahrenen Arztes, G. O. Medicinalrath E. Harnier, wiederhergestellt werden konnte. Gleich nach seiner Genesung schrieb er dann seine neunte Symphonie, »die Jahreszeiten«, deren Entwurf ihn schon in der Krankheit vielfach beschäftigte und, wie er selbst klagte, »während der langen schlaflosen Fiebernächte wahrhaft gequält hatte.« Er gab derselben insofern eine neue Form, als er sie in zwei Hauptsätze theilte, mit der Bezeichnung: Abtheilung I. Winter, Uebergang zum Frühling, der Frühling. Abtheilung II. Sommer, Uebergang zum Herbst, der Herbst. Obwohl Spohr die Symphonie in den düstern kalten Wintertagen geschrieben, so ergab doch der Erfolg gerade seine winterlichen Intentionen als am wenigsten charakteristisch hervortretend, während im Frühlings-Satz mit jeder Note das heitere Erwachen der Natur froh jubelnd in die Herzen klingt, – im » Sommer« die schwüle Hitze, die er ganz wunderbar mit Tönen zu schildern wußte, dem staunenden Hörer förmlich fühlbar wird, – und endlich der » Herbst« mit seinen Jagdklängen und dem meisterhaft verarbeiteten Rheinweinlied, – seine begeisternde Wirkung wohl nicht leicht verfehlen kann.

Um diese Zeit wurde Spohr und mit ihm alle Musikfreunde Cassels durch den Besuch einer ihm nahe verwandten jungen Künstlerin in freudige Bewegung versetzt. Rosalie Spohr, die zweite Tochter seines Bruders Wilhelm war es, die schon von früher Kindheit an eine leidenschaftliche Liebe zur Musik gezeigt und später mit rastlosem Eifer sich dem Studium der Harfe hingegeben hatte. War es auch früher nicht der Wunsch ihrer Eltern, die Tochter als Künstlerin öffentlich austreten zu lassen, so konnten sie doch, nachdem sie sich von ihrer wahrhaft künstlerischen Begabung überzeugt hatten, deren dringenden Vorstellungen nicht länger entgegen sein und so trat sie denn – 22 Jahre alt – in Begleitung ihres Vaters die erste Kunstreise an. Nachdem sie in Hamburg und Leipzig bei mehrmaligen öffentlichen Vorträgen bereits ihre Virtuosität bewährt hatte, besuchte sie auch Cassel, wo sie sich wiederholt in Privatcirkeln, so wie in einem unter Spohr's Leitung veranstalteten Concert im Theater hören ließ, und neben den rauschenden Beifallsbezeugungen des entzückten Auditoriums insbesondere die freudig anerkennenden Worte ihres hochverehrten Onkels als schönsten Lohn ihres Kunststrebens davontrug. Roch manchen glänzenden Triumph feierte nun die junge Virtuosin auf ihren ferneren Reisen in den größeren Städten Deutschlands und Hollands; doch wurde ihrer vielversprechenden Künstlerlausbahn schon nach kurzer Zeit, erst durch Trauerfälle in ihrem nächsten Familienkreise, und später durch ihre Verheirathung mit dem Grafen Xaver Sauerma ein unerwartet frühes Ziel gesteckt.

Während der Sommerferien sollte nun endlich der längst versprochene Besuch in Breslau zur Ausführung kommen und Spohr nahm den Weg dahin über Leipzig, in der Hoffnung, dort Schumann's – neue Oper: »Genoveva« zu hören; zu seinem größten Leidwesen erfuhr er aber bei seinem Hinkommen den inzwischen eingetretenen Aufschub derselben und mußte sich nun mit dem Besuch mehrerer Proben begnügen, die ihm wegen der häufig unterbrechenden Wiederholungen freilich nur einen unvollständigen Begriff von dem Totaleindruck des Werkes gewähren konnten. Obgleich gerade kein Anhänger der ihm bis dahin bekannten Schumann'schen Compositionen, in welchen er öfter Wohllaut und melodische Harmonienfolgen vermißte, beurtheilte er doch die Oper sehr günstig und es sagte ihm insbesondere die von ihm selbst bei der Composition der »Kreuzfahrer« eingeschlagene Art der Behandlung des Stoffes zu, indem auch Schumann die Handlung ohne viele Wortwiederholung und unnatürlichen Stillstand immer fortschreiten läßt. Nicht minder interessant war es für Spohr, auch einige von dessen größeren Claviercompositionen kennen zu lernen, und eine erwünschte Gelegenheit dazu boten die ihm zu Ehren veranstalteten Musikparthien, wo Frau Clara Schumann ein Trio und Clavier-Concert ihres Mannes in höchster Vollendung vortrug, außerdem aber nur Spohr'sche Compositionen, u. A. sein während der Märzrevolution geschriebenes Sextett und in einem Extra-Gewandhaus-Concert die neueste Symphonie: »die Jahreszeiten« zur Aufführung kamen, und alle Zuhörer hoch entzückten.

Der nun folgende Aufenthalt in Breslau, welcher dort in treffendem Ausdruck als ein »vierzehntägiges Spohrfest« bezeichnet wurde, bildete eine ununterbrochene Kette von Festlichkeiten, Ehrenbezeugungen und musikalischen Genüssen aller Art. Die neue Oder-Zeitung berichtete über Spohr's Ankunft als über »ein Ereigniß, welches alle gebildeten Kreise der Stadt in Aufregung versetzt habe«, und fügte hinzu: »Ein Jeder drängt sich, den deutschen Meister zu sehen, ein Jeder möchte des näheren Umgangs, mindestens eines persönlichen Begegnens sich zu erfreuen haben. Es ist etwas Eigenthümliches, dem Manne gegenüber zu stehen, der uns fremd und kalt ansieht, dessen Geist aber schon längst zu unsern besten und liebsten Freunden gehört, dessen Werke uns die goldnen Jugendträume heraufzaubern, der uns in seinen edlen Schöpfungen die Weihe reiner Seelen empfinden läßt. Wer in Deutschland Musik liebt und treibt, kennt den Meister; er schuldet ihm als Musiker einen großen Theil seiner Ausbildung, er schuldet ihm manch erhebendes Gefühl, manche glückliche Stunde. Was Wunder also, daß Alles hier um den Meister sich drängt, daß Alle bereit sind, durch laute und ehrenvolle Anerkennung einen Theil jener Schuld abzutragen!« etc.

Den auf dem Bahnhof schon beginnenden Empfangsfeierlichkeiten folgte zunächst am Abend ein großartiges Willkommensständchen mit Fackelzug, wozu sich alle verschiedenen Musikchöre Breslau's vereinigt hatten, um die auserlesensten Musikstücke, größtentheils Spohr'schen Opern entnommen, bald einzeln, bald in massenhaftem Zusammenspiel, zur Ausführung zu bringen. In dem unter seiner Leitung in der großen prächtigen Aula stattfindenden Festconcert kamen nur des Meisters eigene Compositionen: Ouvertüre und Arie aus Faust, die dritte Symphonie und das »Vaterunser« zur Aufführung, und die Breslauer Zeitung bezeichnet dasselbe als »ein Musikfest, einzig dastehend für die Stadt Breslau, einzig, weil Spohr gegenwärtig eben der Einzige sei, der in jeder Compositionsgattung so Ausgezeichnetes geleistet, daß man ihn mit seinen Werken in der Kirche, im Concertsaal und im Theater feiern könne, und einzig, weil eine Aufführung mit so vereinten Kräften (Singakademie, Theaterkapelle, Künstlerverein etc.) dort noch nie stattgefunden habe.« Auch bei den verschiedenen für Spohr veranstalteten Festessen erklangen seine Töne in mannichfacher Gestaltung, denn selbst den dabei an ihn gerichteten Festgesängen hatte man mit entsprechendem Text Spohr'sche Melodien untergelegt, wodurch deren Wirkung in überraschender Weise erhöht wurde. Auf den Wunsch der dortigen Musikfreunde entschloß er sich, in dem kleineren Saale der Aula vor einer großen Anzahl geladener Musikfreunde bei der Ausführung seines Sextetts und dritten Doppelquartetts selbst mitzuwirken, worüber die Breslauer Zeitung enthusiastischen Bericht erstattete und nach Hervorhebung der allgemein anerkannten Vorzüge seines Spiels, hinzufügte: »daß der Meister in seinem jetzigen Alter alle diese Vorzüge noch besitzt, daß er mit der Energie und dem Feuer eines Jünglings spielt und die größten Schwierigkeiten mit einer Kraft und Keckheit herausschleudert, die in Erstaunen setzen, das ist abnorm und sonst noch nicht dagewesen.« Von Seiten der Theaterdirection war zur Feier Spohr's in glücklicher Wahl seine Oper »Zemire und Azor« einstudirt worden, die mit ihren lieblichen Melodien auch im größeren Publikum gleich beim ersten Hören den erfreulichsten Eindruck nicht verfehlen kann, und mit ihrer dem Sujet treu sich anschmiegenden Musik uns jene zarte Mährchenwelt erschließt, die, obwohl dem neueren Zeitgeist immer ferner tretend, doch durch solche Klänge idealisirt, ihren Zauber auf die Gemüther nie verlieren wird. Diese Wirkung bekundete sich auch hier durch die glänzendste Aufnahme der Oper, und den allgemeinen Wunsch einer alsbaldigen Wiederholung unter Spohr's Direction, der dann auch große Freude an diesen beiden trefflichen Vorstellungen seines Werkes hatte. – Nicht minder erbaut fand er sich durch ein von Freund Hesse ihm gewidmetes Orgel-Concert in der herrlichen Bernhardinerkirche, wo derselbe seine ganze Meisterschaft auf dem erhabenen Instrumente nach allen Richtungen entfaltete. Er, der treueste Verehrer und Anhänger Spohr's, mochte auch dann sich noch nicht von ihm trennen, als Spohr endlich nach vierzehn Tagen das schöne Breslau verlassen und die beabsichtigte Reise nach dem Riesengebirge mit seiner Frau antreten wollte. Als kundiger Führer schloß Hesse sich ihnen an, und fand hohe Genugthuung darin, zu sehen, wie die wahrhaft überraschenden Naturschönheiten seines schlesischen Vaterlandes Spohr mit Entzücken und Freude erfüllten, wobei indessen auch der lieben Musik nicht vergessen wurde, indem sie nicht nur den täglichen Gegenstand des Gesprächs bildete, sondern selbst am Riesengebirge in kräftigen Serenaden der Warmbrunner und Hirschberger Musikchöre ihren Meister Spohr begrüßte. – Die Rückreise nach der Heimath ging über Berlin, wo Spohr eine Einladung der dortigen Singakademie vorfand, die ihm, obgleich im Sommer nur schwach besetzt, doch einen Theil seines Oratoriums: »des Heilands letzte Stunden« und seine doppelchörigen Psalmen in gelungenster Weise zu hören gab, als Entschädigung für sich und ihn, daß er ihren fast jeden Winter an ihn ergangenen Aufforderungen, seine Oratorien daselbst zu dirigiren oder zu hören, keine Folge leisten konnte.

War nun auch während des genuß- und ereignißreichen Aufenthaltes in Breslau bei Spohr die für Deutschland sich immer unerfreulicher gestaltende Tagespolitik unwillkürlich in den Hintergrund getreten, so mußte er bei seiner Rückkehr nach Cassel um so empfindlicher davon berührt werden, da der »Jammer der Zeit«, – wie er schon vor Jahresfrist die mächtig um sich greifende Unterdrückung der Freiheit bezeichnete, – inzwischen auch über Kurhessen in vollstem Maße hereingebrochen war. Bereits hatte dort die Reaktion ihr unheilvolles Werk begonnen und mehr als einmal war der Sturz des volksfreundlichen Ministeriums Eberhard angestrebt worden; doch wollte in Hessen Keiner die Stelle Derer einnehmen, die gestützt durch das Vertrauen des Volkes allein jedem Angriff auf die beschworne Verfassung mit Festigkeit entgegen zu treten vermochten; da plötzlich tönte am 23. Februar 1850 die Schreckenskunde über die bestürzte Hauptstadt, das Ministerium Eberhard sei entlassen und an dessen Stelle Hassenpflug aus Greifswalde, zur Bildung eines neuen Ministeriums berufen, – der gefürchtete Hassenpflug, dessen Andenken seit seiner früheren verderblichen Wirksamkeit als kurhessischer Minister noch zu tief in allen vaterländisch gesinnten Gemüthern eingeprägt war, als daß nicht sein Wiederauftreten sofort den gerechtesten Besorgnissen hätte Raum geben sollen. Nur allzubald begann denn auch der Kampf gegen die verfassungstreuen Elemente, zunächst gegen die Ständeversammlung, die systematisch zu einer, nachher als gesetzwidrig bezeichneten Steuerverweigerung hingetrieben wurde, worauf dann die beklagenswerthesten Conflicte herbeigeführt und ein Widerstand hervorgerufen ward, in welchem sich Volk, Behörden, Gerichte, Presse, Militär und Volksvertreter in seltener Uebereinstimmung begegneten, um Schritt vor Schritt die ihnen zu Schutz und Schirm verliehene Verfassung in gesetzmäßiger Weise gegen alle Angriffe des feindlichen Ministers zu vertheidigen. Obgleich nun der allgemeine Widerstand sich in so gesetzmäßiger und friedlicher Weise zeigte, daß der preußische Minister v. Manteuffel später in öffentlicher Kammersitzung in höhnischem Ausdruck ihn »eine Revolution in Schlafrock und Pantoffeln« benannte, so folgte demselben doch am 8. September eine Proklamation, worin das ganze Land wegen Widersetzlichkeit der Behörden etc. in Belagerungszustand erklärt wurde; am 13. verließ der Kurfürst mit seinen Ministern im Dunkel der Nacht die Hauptstadt und verlegte seine Residenz nach dem bei Hanau gelegenen Lustschlosse Wilhelmsbad, wohin ihm wenige Tage nachher sein Garderegiment folgen mußte. Da nun die meisten Gardemusiker zugleich Mitglieder des Theater-Orchesters waren, so wurde dadurch auch Spohr's Thätigkeit in störendster Weise berührt, wie er selbst in einem Brief vom 24. Oktober an Hesse nach Breslau berichtete: »Dem Kurfürsten fiel es plötzlich ein, die Garde mit ihrer Musik nach Hanau nachkommen zu lassen, und mir dadurch zwei Drittheile des Orchesters zu entführen. Ich mußte nun Alles, was an Regiments-Musikern in Cassel zurückgeblieben war, prüfen und die erträglichsten für das Orchester auswählen. Leider waren sie aber so schlecht oder doch so ungeübt, daß ich nun von jeder, auch der bekanntesten Oper zwei bis drei Orchesterproben im Voraus machen muß, wobei es an Aerger natürlich nicht fehlt. So lastet also auf Niemand der Belagerungszustand schwerer, als auf mir und den armen geplagten übrigen Civilmitgliedern des Orchesters! Mehrere davon sind nun noch von der Cholera befallen und meine Schüler hat die Angst vor der Krankheit, bis auf einen, sämmtlich fortgetrieben, so daß ich die leeren Plätze bei den Geigen nicht einmal durch diese besetzen kann. So hatten wir denn gestern anstatt sechszehn Geigen sechs, und statt vier Bratschen nur zwei und zwar schlechte. So etwas habe ich in meiner Kapellmeister-Praxis noch nicht erlebt! Was es nun mit unsern Winter-Concerten, deren Ertrag unsere Wittwenkasse gar nicht entbehren kann, werden soll, wenn die Gardemusik nicht bald zurückkehrt, weiß ich wahrlich nicht! Mit dem jetzigen Orchester sind keine Symphonien zu geben; ich werde mich daher wohl entschließen müssen, öffentliche Quartett-Soiréen für die Wittwenkasse zu veranstalten und dabei selbst mitzuwirken. Zum Glück ist unser Quartett ganz vorzüglich ... Von unserer politischen Krisis schreibe ich Ihnen nicht, da Sie das besser und weitläuftiger in den Zeitungen lesen können. Aber das ganze Land ist durch diesen Hassenpflug in eine beispiellose Verwirrung gebracht, und man hat leider noch nicht die leiseste Hoffnung, daß er weichen werde. Am übelsten sind die armen Offiziere daran Beinahe sämmtliche Offiziere der kurhessischen Armee hatten bekanntlich um ihre Entlassung gebeten, da sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinigen konnten, den an sie erlassenen Befehlen folgend, zur Unterdrückung der auch von ihnen beschwornen Verfassung die Hand zu bieten., denn es heißt, die Regierung wolle sie in diesen Tagen entlassen und fremde an ihre Stelle setzen. Die jüngsten fänden nun wohl in Schleswig-Holstein oder in der preußischen Armee ein anderes Unterkommen, die älteren und verheiratheten, fast alle mittellos, kommen aber in eine verzweiflungsvolle Lage! Da sie sich, mit wenigen Ausnahmen, sehr nobel benommen haben, so erregt ihr Schicksal die allgemeinste Theilnahme. Wie aber – – – – – – –« etc.

Den besten Trost für seinen Kummer fand nun Spohr in der völligen Hingebung an seine musikalischen Gedanken, die ihn auch in dieser Zeit der Trübsal nicht verließen, und so componirte er denn im Laufe des October und November sein siebentes Quintett für Saiteninstrumente ( G-moll Op. 144 bei Peters) und drei Lieder aus »1001 Tag im Orient« von Bodenstedt (ebenfalls bei Peters herausgekommen).

Inzwischen gewannen die öffentlichen Zustände ein immer drohenderes Ansehen; die kurhessischen Truppen wurden bis auf wenige entlassen und es rückte dagegen eine Bundesexecutions-Armee von 8000 Baiern und Oesterreichern vom Süden her auf hessischem Gebiet ein, während an der entgegengesetzten Grenze ein Corps von Preußen heranzog und in den ersten Tagen des November in Cassel seinen Einzug hielt. Im Vertrauen auf die bisher in der kurhessischen Verfassungsfrage beobachtete Haltung Preußens, von wo aus noch kurz vorher in einem officiellen Schreiben der Widerstand des Volkes als ein legaler und das Unternehmen des kurfürstlichen Ministeriums als ein Verfassungsbruch bezeichnet war Siehe: Neue hess. Zeitung vom 28. Sept. 1850., wurden die preußischen Truppen als Freunde und Beschützer von den Einwohnern Cassels aufgenommen, und das gegenseitige freundliche Vernehmen befestigte sich bald so allgemein und dauernd, daß es auch dann noch keine Störung erlitt, als die Politik des preußischen Cabinets unerwartet eine andere Wendung nahm und dem immer weiteren Vordringen der Executionstruppen, die am 22. December mit 4000 Mann auch in Cassel einrückten, keinen Widerstand mehr entgegensetzte. Während nun Spohr sich in seinen patriotischen Gefühlen durch dies unselige Ereigniß tief verletzt fühlte, war man von anderer Seite her darauf bedacht, ihm eine musikalische Freude und Erheiterung zu bereiten, und schon am folgenden Abend, als im Familienkreise bei seinem Schwiegervater der Einzug der österreichisch-baierschen Straftruppen das unerquickliche Thema der Unterhaltung abgab, wurde ihm eine freundliche Ueberraschung zu Theil, indem plötzlich vom Nebenzimmer her die Töne eines kräftigen Männerchors erklangen und die erstaunte Tischgesellschaft durch die geöffnete Thür eine Anzahl der dem preußischen Musikcorps angehörigen Sänger erblickte, welche, theilweise in dem Hause einquartirt, Spohr's öftere Anwesenheit in demselben erfahren hatten, und ihm nun durch ein wohlgelungenes Ständchen ihre Huldigung darbrachten. Da Spohr sowohl durch die Leistung selbst, als auch durch die nachher gepflogene Unterhaltung mit den Sängern erkannte, daß sie größtentheils gebildete Musiker waren, so forderte er sie auf, sich während ihrer Anwesenheit in Cassel dem Cäcilienverein anzuschließen, und es wurden dann mit ihrer Hülfe außer der am Charfreitag stattfindenden Aufführung der Bach'schen Passion mehrere kleinere Concerte zu wohlthätigen Zwecken veranstaltet, zu deren Mitwirkung die einheimischen Sänger bei den so schwer auf ihnen lastenden öffentlichen Zuständen begreiflicherweise nur wenig disponirt sein konnten. Da unter den preußischen Sängern insbesondere der erste Tenorist, Wilhelm Heilz aus Rheinpreußen, sich durch eine herrliche umfangreiche Stimme und seltene musikalische Kenntniß auszeichnete, so wurde dessen Zutritt bei einem anderen, zur Ausführung guter Opernmusik gestifteten Kränzchen ebenfalls freudig begrüßt, um so mehr, da es hierdurch allein möglich wurde, eine längst vorbereitete, aber wegen Mangel an einem genügenden Tenor noch nicht zu Stande gekommene Aufführung der Kreuzfahrer von Spohr in's Werk zu setzen. Obgleich nur von Dilettanten am Clavier ausgeführt, bewährte doch die ausdrucksvolle herrliche Musik auch hier auf's Neue ihren Zauber, und Spohr selbst, der sich in dem Kreis der geladenen Zuhörer befand, hatte große Freude daran, sein Werk mit so viel Lust und Begeisterung vortragen zu hören, und zollte insbesondere dem preußischen Helden (Balduin) seinen lebhaften Beifall.

Und wahrlich bedurfte es für Spohr solch erheiternder musikalischer Zwischenfälle, um wenigstens für Augenblicke seinen Unmuth über die trostlosen öffentlichen Zustände zu bannen, über welche er in jener Zeit klagend an seinen Freund Hauptmann schrieb: »Unsere Lage ist jetzt eine verzweiflungsvolle! In wenigen Tagen wird der Kurfürst zurückkehren, mit ihm Hassenpflug und seine – – – . Da man sie nun frei schalten läßt, so werden sie nicht eher ruhen, bis die Verfassung völlig vernichtet, und – – – – – – – ist! Sollten auch die Stände berufen werden, so werden sie doch sicher in dem Augenblick, wo sie zur Anklage der Minister schreiten, wieder aufgelöst werden. Die Feigheit des preußischen Ministeriums hat uns mit dem ganzen übrigen Deutschland um die errungene Freiheit gebracht, und leider ist keine Aussicht, daß die jetzige Generation eine zweite und dann hoffentlich erfolgreiche Erhebung der deutschen Nation erleben werde. – Wäre ich nicht zu alt, ich wanderte nach dem freien Amerika aus. – Unser Orchester wird durch die Rückkehr der Gardemusik bald wieder in den früheren Stand gebracht sein, und so hört für mich wenigstens die Pein auf, die ich im Theater zu erdulden hatte! Auch können wir nun wohl noch Concerte für unsere Wittwenkasse veranstalten, wenn unter dem Hassenpflugschen Regimente noch Jemand Lust hat, Musik zu hören. Unsere Quartett-Soiréen sind recht besucht und finden großen Beifall« etc. In diesen Quartett-Soiréen war es, wo Spohr sich zum letzten Mal öffentlich in Cassel hören ließ, da es seinem Gefühl widerstrebte, in den nach des Kurfürsten Rückkehr veranstalteten Theater-Concerten vor einem, größtentheils aus feindlichen Elementen zusammengesetzten Publikum die Saiten seiner Geige anzuschlagen, die er sonst so gern zu Freude und Nutzen seiner Mitbürger in diesen Räumen hatte erklingen lassen!

Um diese Zeit – Weihnachten 1850 – sollte die Silberhochzeit von Spohr's zweiter Tochter Ida mit großer Feierlichkeit begangen werden, und es waren dazu schon im Voraus die auswärtigen Verwandten in großer Anzahl zum Besuch im Wolffschen Hause eingeladen worden; da griffen auch hier die unseligen politischen Ereignisse störend ein, und anstatt der geladenen verwandten Gäste, die sich überdies scheuten, in diesem kritischen Momente nach Cassel zu kommen, mußte der Silberbräutigam als Besitzer von fünf Häusern eine unwillkommene Einquartierung von 35 Mann bei sich beherbergen. Unter diesen Umständen konnte nun die großartig beabsichtigte Hochzeitsfeier nur im engeren Kreise der einheimischen Freunde und Verwandten begangen werden; doch suchte Jeder seine frohste Laune zu dem schönen Feste mitzubringen und Spohr verherrlichte dasselbe insbesondere durch einen eigends dazu componirten Festgesang für Chor mit Altsolo und vierhändiger Clavierbegleitung, welcher von den musikalischen Gliedern der Familie ausgeführt wurde, und dem Silberbrautpaar eine hohe, unerwartete Freude bereitete. Zu dem nicht unbedeutenden Altsolo in der Cantate gab Spohr's Tochter Emilie die Veranlassung, welche, nach fast neunjähriger Abwesenheit besuchsweise von Amerika herübergekommen, dem Feste beiwohnte. Sie war mit ihrer einzigen Tochter nach Deutschland gekommen, um in der Heimath und im Kreise der lieben Verwandten deren Hochzeit mit dem Buchhändler Georg H. Wigand zu feiern, der seiner Braut nach zehn Monaten von Newyork nachfolgen wollte. Sie gingen zunächst zwar noch einmal nach Amerika zurück, siedelten aber einige Jahre später, zu Spohr's und der ganzen Familie großer Freude, wieder ganz nach Deutschland über.

Auch Spohr wurde nun, wenn auch in geringerem Maßstabe, von der allgemeinen Einquartierungs-Calamität betroffen; mehr noch als über dieses eigene Ungemach empörte sich aber sein Rechtsgefühl über die, allen verfassungstreuen Staatsdienern zugetheilte Bequartierung von Strafbaiern, deren Strom sich am Neujahrsmorgen 1851 unter dem zum Gottesdienst rufenden Geläute der Glocken über alle Theile der Stadt ergoß und in Abtheilungen von je 10 Mann sich in die Wohnungen der »Renitenten« einführte. Auch seinem Schwiegervater wurde diese nicht erfreuliche, aber doch immerhin ehrenvolle Auszeichnung zu Theil, da derselbe, obgleich seit längeren Jahren in Ruhestand versetzt, dennoch nie aufgehört hatte, in Wort und Schrift für das gute Recht seines Vaterlandes muthig in die Schranken zu treten. Zu gleicher Zeit wurden auch die übrigen Bewohner des Pfeifferschen Hauses, in welchem sich bereits 18 Oesterreicher und Preußen als Einquartierung befanden, in solcher Weise bequartirt, und so fand denn Spohr, als er wenige Stunden nachher seinem Schwiegervater die Glückwünsche zum neuen Jahre darbringen wollte, zu seinem großen Verdruß, die sonst so friedliche Behausung durch die Anwesenheit von 48 Mann fremder Truppen plötzlich zu einer förmlichen Kaserne umgewandelt. Konnte Spohr unter solchen Umständen auch nicht von den widerwärtigen Eindrücken, die sich ihm auf Schritt und Tritt unwillkürlich aufdrängten, verschont bleiben, so mußte es ihm doch zu desto größerer Genugthuung gereichen, daß selbst in dieser Zeit allgemeiner Mißstimmung nach wie vor Jedermann darauf bedacht war, ihm erheiternde Aufmerksamkeiten zu erweisen. So war es namentlich eine freudige Ueberraschung für ihn, als nun sein Geburtstag herbeigekommen, nicht nur nach öfter gewohnter Weise schon am frühen Morgen die Klänge eines von seinem Schüler Bott veranstalteten Doppelquartetts zu vernehmen, sondern auch während der späteren Vormittagsstunden zwischen den übrigen zahlreichen Gratulationsbesuchen plötzlich das ganze preußische Musikcorps (36 Mann an der Zahl) durch den Garten daherschreiten zu sehen, um sich trotz Wind und Schneegestöber vor dem Hause aufzustellen, und zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft mit voller Regimentsmusik Stücke aus Spohr's Opern etc. auszuführen. Auch im Theater hatte man des Tages nicht vergessen, denn als er am Abend in's Orchester trat, fand er seinen Directionspult mit Lorbeerkränzen und Blumensträußen reich ausgeschmückt.

Ungeduldiger als je sah nun Spohr der herannahenden Ferienzeit entgegen, die ihn diesmal recht weit von Cassel weg, nach der Schweiz und Oberitalien führen sollte. Bei so weit gehenden Plänen war es natürlich, daß er seine Abreise möglichst zu beschleunigen suchte, und daher, obgleich am letzten Theaterabend der schriftliche Urlaub vom Kurfürsten noch nicht eingelaufen war, am andern Morgen ohne Weiteres abzureisen gedachte, da er das Einreichen des Urlaubsgesuchs, welches überdies während der ersten Jahre seiner Anstellung in solcher Weise niemals stattgefunden hatte, als eine pro forma geschehende Sache betrachtete, die auf seine kontraktlich zugesicherten Rechte keinen Einfluß üben könne. Durch die dringenden Vorstellungen des Theaterintendanten v. Heeringen, der gern einen friedlichen Verlauf vermitteln wollte und eine baldige günstige Antwort in Aussicht stellte, ließ Spohr sich dennoch zum Aufschub von einem Bahnzug zum andern bewegen, bis endlich am Nachmittag des zweiten Ferientages ein Abschlag ohne Angabe eines Grundes von Seiten des Kurfürsten erfolgte. Da nun für den abnormen Fall einer Urlaubsverweigerung während der Ferienzeit weder in den Theatergesetzen noch in Spohr's Contract vorgesehen war, so glaubte er am besten im allseitigen Interesse zu handeln, wenn er ohne weiteres Zögern abreiste, anstatt die völlig freie Zeit unter Anstellung einer Klage vor Gericht verstreichen zu lassen und dann erst nach Wiedereröffnung des Theaters von dem ihm zweifellos zustehenden Urlaub Gebrauch zu machen. Er begab sich daher sofort in's Theaterbüreau, zeigte dort seinen Entschluß unter Darlegung seiner Beweggründe an, und reiste, fest überzeugt von seinem guten Recht, mit dem nächsten Bahnzug wirklich ab. Nachdem ihn sein glückliches Temperament bald die widerwärtigen Eindrücke der letzten Tage vergessen lassen, und es ihm gelungen war, auch seine wegen der etwaigen Folgen ängstlich besorgte Gattin zu beruhigen, gaben sich dann Beide mit voller Seele dem Genusse hin, den die Herrlichkeiten der Natur wie der Kunst ihnen in reichstem Maße gewährten. Der Reiseplan war so entworfen, daß er durch die von ihnen früher noch nicht besuchten Theile der Schweiz führte, wo namentlich der Wallenstädtersee mit seinen wildromantischen Umgebungen, so wie die unvergleichlichen Gegenden von Pfäfers und Ragatz mit der Via mala ihr höchstes Entzücken erregten. Und weiter ging es dann, nach dem Riesenbau der über den Splügen führenden Kunststraße, auf der sie dem gelobten Lande Italien, zunächst dem lieblichen Comersee und dem prächtigen Mailand zueilten. Den Glanz- und Zielpunkt der Reise bildete aber Venedig, wo neben den Denkmalen verblichener Größe und Herrlichkeit, die schon früher Spohr's höchstes Interesse erweckt hatten, jetzt auch ein Wunderwerk moderner Kultur, die auf kühnem Brückenbau gleichsam durch's Meer hindurchführende Eisenbahn, erstanden war. Die von dort nach der Heimath gesandten Briefe fließen über von Entzücken und Begeisterung, und zwar von dem Augenblick an, wo Spohr »strahlend von innigstem Vergnügen« mit seiner Frau in der sanft wiegenden Gondel vom Bahnhof durch zahllose kleine und große Kanäle nach dem prächtigen Hôtel d'Europe schiffte – bis zum Moment des Scheidens von der unvergleichlichen Stadt, nachdem deren seltene Kunstschätze und sonstige Herrlichkeiten täglich mit neuer Freude bewundert worden. Nicht minder entzückend war die romantische Rückreise über den St. Gotthard, so daß das Spohr'sche Paar ganz freudetrunken am fünften Tage in Luzern, dem beiderseitigen Lieblingsort, ankam, um daselbst an den Ufern des bezaubernden Vierwaldstädter See's noch einen Tag in heiterer Ruhe zu verleben. Die frohe Stimmung, von der Spohr dort beseelt war, läßt sich u. A. aus einigen brieflichen Worten seiner Frau entnehmen, indem sie schreibt: »Als Spohr auf unserm letzten einsamen Spaziergang, wo wir in der herrlichsten Abendbeleuchtung noch immer wieder neue Schönheiten entdeckten, endlich ausrief: »»Nun, es ist gut, daß wir morgen fortreisen, denn hier müßte man vor Wonne ja geradezu vergehen««, – da fanden diese, wenn auch scherzhaften Worte in meinem Gefühl den lebhaftesten Wiederklang« etc.

Noch vor Ablauf der Ferien kehrte Spohr nach Cassel zurück und benutzte dann nach kurzer Rast die noch übrige Zeit zu einem längst verabredeten Besuch in Göttingen bei Musikdirektor Wehner, der im Verein mit den dortigen Musikfreunden Alles aufgeboten, um seinem geehrten Gaste Freude und Ehre in Fülle zu bereiten. Einer am ersten Abend durch den Männergesangverein dargebrachten Serenade folgte gleich am nächsten Morgen ein Ständchen der Regimentsmusik aus dem nahegelegenen Nordheim. Bei einem großen Concert in der Aula kam unter Spohr's Leitung dessen Symphonie: »die Weihe der Töne« zur Aufführung, dann sein Potpourri über Themen aus Jessonda, vorgetragen von einem seiner ausgezeichnetsten Schüler: August Kömpel, der schon als Knabe durch sein hervorragendes Talent Spohr's wärmste Theilnahme erweckte, dann, nachdem er längere Jahre hindurch mit bestem Erfolg dessen Unterricht genossen, in der Hofkapelle zu Cassel und endlich als Kammermusikus und Mitglied der Hofkapelle zu Hannover angestellt worden Ihm, als treu bewährtem Repräsentanten der Spohr'schen Schule, wurde vor andern, mit glänzenderen Offerten hervortretenden Bewerbern der Vorzug gewährt, das mit aller Energie von ihm erstrebte Kleinod, die Stradivari-Geige seines verehrten Meisters, ein Jahr nach dessen Tode als Eigenthum zu erwerben.. Zum Beschluß des Concerts wurde von den Göttinger Singvereinen Mendelssohn's Musik zur Athalia mit melodramatisch verbindendem Gedicht vorgetragen, und so fand Spohr, welcher schon der Generalprobe mit höchstem Interesse beigewohnt hatte, hier die erwünschteste Gelegenheit, die einzige ihm noch fremde von Mendelssohn's größeren Gesangscompositionen genauer kennen zu lernen. Auch an den folgenden Tagen gab es viel gute Musik; Wehner hatte im eignen Hause Quartettmusik arrangirt, und selbst einem für Spohr veranstalteten großen Festessen gingen einige überaus gelungene Musikvorträge voraus, woran zu Aller Freude der Meister durch eigne Mitwirkung bei seinem Sextett sich betheiligte. Das Festmahl selbst wurde noch insbesondere durch eine Reihe pikanter Toaste und Reden gewürzt, wobei Musik und Politik als Hauptthemen Stoff zu immer neuen Wendungen gab, und endlich auch » Spohr's kühner Griff«, die Reise ohne Urlaub, unter dem klirrenden Klang der Gläser und dem enthusiastischen Beifallsruf der Tischgesellschaft, rühmende Anerkennung fand.

Minder wohlgefällig mochte freilich solch »kühner Griff« in Cassel aufgenommen worden sein, denn wenige Wochen nach Spohr's Rückkehr erhielt derselbe eine Aufforderung von der General-Intendantur, sich über »seine Abwesenheit von Cassel ohne Urlaub« zu rechtfertigen, worauf er die bei der Abreise schon angegebenen Gründe noch einmal hervorhob und insbesondere den Umstand geltend machte, daß der in seinen contractlichen Briefen ihm im Allgemeinen zugesicherte jährliche Urlaub von 6-8 Wochen kurz nach seinem Diensteintritt auf den Wunsch des damaligen Theaterintendanten, Polizeidirector v. Manger, für die Dauer der alljährlichen 6wöchigen Theaterferien bestimmt worden sei, und ihm daher das Recht zustehe, zu dieser Zeit den Urlaub ohne ausdrückliche Genehmigung des Kurfürsten anzutreten. So glaubte er denn hiermit die Sache auf's beste erledigt zu haben und widmete sich in gewohnter Seelenruhe den ihm obliegenden Theatergeschäften, so wie mehreren, ihn gerade beschäftigenden Compositionen, bestehend in einer Sammlung von 6 Salonstücken für Violine und Pianoforte und dem 32sten Violinquartett ( Op. 145 und 146 bei Peters).

Am 22. December desselben Jahres erging jedoch an ihn eine schriftliche Anfrage des Hoftheater-Intendanten über die Dauer seiner Abwesenheit während des vergangenen Sommers, und nachdem er diese auf dreiunddreißig Tage angegeben hatte, folgte am 2. Januar 1852 ein abermaliges officielles Schreiben, wodurch er von einer »wegen seiner illegalen Abwesenheit« über ihn verhängten Geldstrafe von 550 Thaler (für jeden Tag der zehnte Theil seiner monatlichen Gage) in Kenntnis gesetzt wurde. Da die Strafe durch Abzug an der Besoldung in Raten von einem Viertheil derselben abbezahlt werden sollte, und bei der am 16. Januar stattfindenden Gehaltauszahlung wirklich damit begonnen wurde, so legte Spohr dagegen Protest ein, weigerte die Annahme des also gekürzten Gehaltes und erhob am folgenden Tage eine Klage gegen den Staatsanwalt »wegen widerrechtlicher Gehaltsentziehung«, wobei er zugleich die seiner Anstellung vorausgegangenen brieflichen Verhandlungen zu weiterer Aufklärung des Sachverhältnisses vorlegte. Von gegnerischer Seite wurde die Gültigkeit der darin enthaltenen Bedingungen, hinsichtlich des Urlaubs und somit auch hinsichtlich der Lebenslänglichkeit der Anstellung in Abrede gestellt, da beide Bestimmungen in dem nach der üblichen Form ausgefertigten Anstellungs-Rescript vom 4. Februar 1822 nicht ausdrücklich noch einmal mit aufgenommen worden seien. Obgleich nun dieser Behauptung zuwider vom Obergericht, sowie vom Oberappellationsgericht, an welches der Staatsanwalt Namens des Kurfürsten appellirte, die vollkommene Rechtsgültigkeit jener von Spohr erhobenen Ansprüche anerkannt wurde, so gab doch die Frage, ob er befugt gewesen sei, jenen ihm rechtmäßig zustehenden Urlaub ohne specielle Erlaubniß des Kurfürsten anzutreten, Veranlassung zu langem Hin- und Herprocessiren, wobei Spohr sich wiederholt auf die schon früher erwähnte, bei seiner Ankunft in Cassel mit dem Theater-Intendanten, Herrn v. Manger getroffene Vereinbarung hinsichtlich der Urlaubszeit berief. Da nun jene Verhandlungen nur mündlich gepflogen und abgeschlossen worden, von den damals mitwirkenden Personen aber Spohr der einzige Ueberlebende war, so konnten außer dessen eigner Aussage über den genaueren Hergang der Sache keine weiteren Beweise beigebracht werden, und es wurde auf das vom Staatsanwalt dagegen vorgebrachte Leugnen demselben in letzter Instanz vom O. A. Gericht auferlegt, einen Eid in die Seele des Kurfürsten zu schwören, »daß er nicht wisse und glaube, daß der General-Intendant v. Manger zum Abschluß der betreffenden Uebereinkunft mit Spohr vom vorigen Kurfürsten ermächtigt gewesen sei.« Dieser Eid wurde am 19. November 1855 in der That vom Staatsanwalt ausgeschworen, und demgemäß die früher verhängte Geldstrafe als rechtmäßig anerkannt. So wenig nun auch Spohr's Ansichten von der Sache durch diese Entscheidung geändert werden konnten, so ließ er sich doch weiter nicht davon afficiren und betrachtete diesen Ausgang des bereits länger als vier Jahre hingeschleppten Rechtsstreits als einen wahren Gewinn, da einerseits im Verlauf desselben die Lebenslänglichkeit seiner Anstellung gegen alle weitere Anfechtung sichergestellt war, andrerseits aber die durch Abzug an seiner Besoldung längst abbezahlte Strafsumme den Theatergesetzen gemäß dem von ihm gestifteten Pensionsfond zugefallen war und somit eine seinen Wünschen völlig entsprechende Verwendung gefunden hatte.

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Zu Anfang des Jahres 1852 empfing Spohr einen Besuch des Direktors der italienischen Oper in London, Mr. Gye, der ihn aufforderte, während der Sommerferien dort seine Oper »Faust« zu dirigiren und zu dem Zweck anstatt der darin vorkommenden Dialoge, verbindende Recitative zu schreiben, wodurch allein die von der Königin dringend gewünschte Aufführung der Oper auf der italienischen Bühne möglich zu machen sei. Da indessen Spohr anfänglich eine solche Umänderung hinsichtlich mehrerer Scenen für unausführbar hielt, so glaubte er den Antrag ablehnen zu müssen; doch beruhigte man sich in London nicht so leicht bei solch unerwünschter Antwort, es ergingen vielmehr wiederholte dringliche Schreiben von dort, bis Spohr sich endlich an die Arbeit machte, die dann wider eignes Erwarten in so befriedigender Weise von Statten ging, daß er nach Beendigung derselben in einem Brief an Hauptmann vom 21. Mai darüber äußerte: »Daß ich meine Oper »Faust« auf den Wunsch der Königin von England und des Prinzen Albert zur großen Oper umgeschaffen, haben Sie wohl schon gehört. Diese Arbeit hat mir viel Freude gemacht und mich drei Monate lang angenehm beschäftigt, da sie mich ganz in die glückliche Wiener Jugendzeit versetzte. Zuerst hatte ich mit Hülfe meiner Frau die Dialogscenen in solche umzuschaffen, die sich zur Composition eignen. Dabei war ich bemüht, denselben mehr Interesse zu geben, als sie bisher hatten, und das auszumerzen, was mir von jeher bei den vielen Aufführungen, die ich von dieser Oper erlebte, mißfallen hatte, und ich glaube und hoffe, daß mir beides gelungen ist. Dann galt es, mich wieder in den Styl und die Stimmung zurück zu versetzen, die ich hatte, als ich den Faust schrieb, und ich hoffe, daß auch dies mir geglückt ist und Niemand eine Verschiedenheit im Styl zwischen dem Alten und Neuen bemerken wird. Die Oper hat nun drei Acte; der zweite schließt mit der Hochzeitsscene und der dritte beginnt mit einem neuen Entreact, der mit Reminiscenzen aus dem Trio des Fackeltanzes und der Hexenmusik die von Faust durchschwelgte Nacht malt und dann in ein großes Recitativ des Mephisto übergeht, an welches sich dessen Arie in E-dur anschließt. Nach dem Vorüberzuge der Hexen folgt dann ein Recitativ des Faust, ebenfalls mit Anklängen aus Früherem und Späterem, und darauf ein kürzeres zwischen ihm und Wagner, dem sich das letzte Finale anreihet. – Ich bin nun sehr gespannt, die Oper in ihrer neuen Gestalt einmal zu hören! Sollte aus der Londoner Reise nichts werden, so hoffe ich sie in Weimar zu hören, da Liszt sie für das dortige Hoftheater in der neuen Bearbeitung verlangt hat.« – So langten denn die neuen Recitative so zeitig in London an, daß bereits wochenlang vor Spohr's Ankunft mit dem Einstudiren der Parthien begonnen werden konnte; doch bemerkte er in der ersten Probe, daß die übrigens so ausgezeichneten italienischen Sänger in der Auffassung dieser ihnen ganz fremden Musik viel zu wünschen übrig ließen, weshalb er alsbald noch tägliche gründliche Proben unter seiner Leitung anordnete, wobei er die Freude hatte zu sehen, wie sämmtlichen Sängern mehr und mehr das Verständniß für seine musikalischen Intentionen aufging, und sie mit größter Willigkeit jedem seiner Winke sich fügten, bis dann alles so tadellos ging, daß nach den zuletzt noch stattfindenden vier großen Orchesterproben endlich nach drei Wochen eine wahrhaft vollendete Aufführung zu Stande kam.

Von allen in der Zwischenzeit wieder sich drängenden Ereignissen und musikalischen Huldigungen aller Art mag diesmal, um scheinbare Wiederholungen zu vermeiden, nur einer freudigen Ueberraschung erwähnt werden, wovon Spohr noch nach Jahren oft mit Entzücken erzählte; es war dies die prachtvolle Aufführung seines Oratoriums Calvary (des Heilands letzte Stunden) in Exeter-Hall unter Costa's trefflicher Leitung, die durch noch größere Massen als bei dem unvergeßlichen Musikfest zu Norwich (700 Sänger und Musiker) besetzt, ihn diesmal selber, gleich dem übrigen begeisterten Publikum, förmlich überwältigte, so daß er in die Bemerkung seiner Freunde mit einstimmen mußte: die Wirkung mancher Stellen, namentlich des gewaltigen Erdbebenchors sei eine so ungeheuere gewesen, wie er selbst beim Componiren sie kaum geahnt habe.

Die Sonntage, wo nach altem englischen Herkommen Theater, Concerte, ja selbst alle Privatmusiken verstummen, benutzte Spohr mit Freuden, um den Einladungen nach auswärts zu folgen, und fern von der Riesenstadt in freier frischer Luft von den täglichen musikalischen Strapatzen und Aufregungen theils sich zu erholen, theils Kraft zu den folgenden zu sammeln. Da ging es bald nach Clapham und Kensington zu den befreundeten Familien Sillem und Horsley, bald auch weiter mit der Eisenbahn nach den von Spohr stets als »kleine Paradiese« bezeichneten wonnigen Landsitzen des Sir Georg Smart in Chertsey, oder des Professors Owen in Richmond-Park, von wo er dann an Körper und Geist wie neu belebt in das aufreibende Treiben der Weltstadt zurückkehrte. Des bezaubernden Aufenthaltes bei Owen und dessen liebevoller Aufnahme pflegte er stets mit besonderem Vergnügen zu gedenken, und erzählte dabei in heiterster Rückerinnerung, wie der berühmte Naturforscher in seiner biederherzlichen Weise, – angethan mit leichtem Sommerrock und gelbem runden Strohhut, dabei aber zu Ehren seines »hochwillkommenen großen Gastes« mit dem preußischen Orden » pour le mérite« geschmückt, – in der Mittags-Sonnenhitze ihm entgegen kam, und dann bis zum späten Abend Alles aufbot, ihn zu pflegen, zu erfreuen und zu ehren.

Endlich waren inzwischen die Proben zum Faust so weit gediehen, daß am 15. Juli die erste Aufführung unter Spohr's Leitung stattfinden konnte, worüber ein Brief in die Heimath berichtete: »Die Oper ging wirklich unübertrefflich, und machte einen wundervollen, gewaltigen Eindruck auf Jedermann. Auch uns erschien sie in einem ganz neuen Licht, Alles machte sich so grandios, so prachtvoll! Die neu hinzugekommenen Sätze verschlingen sich reizend mit dem Ganzen und bieten einzige Effekte; Dekorationen, Costüme, Scenerie, alles ist neu und höchst glanzvoll mit großem Kostenaufwand angefertigt. Orchester, Sänger und Chöre thaten ihr Möglichstes, so daß die Londoner sagen, man habe seit Jahren keine so prächtige Opernaufführung hier erlebt, weshalb sie denn auch von enthusiastischen Beifallsstürmen durchweg begleitet wurde. Daß die fremden (meist italienischen) Sänger diese deutsche Musik mit solcher Lust und Liebe singen würden, hätten wir kaum für möglich gehalten. Am Ausgezeichnetsten waren Mad. Castellan (Kunigunde), Ronconi (Faust), Formes (Mephistopheles), Tamberlik (Hugo), der Alles bezauberte, da er eine himmlische Tenorstimme von ungeheurer Kraft besitzt, und die prächtige Arie, begleitet von einem vierzig Mann starken pompösen Chor so feurig und unwiderstehlich vortrug, daß er sie unter allgemeinem Jubel da capo singen mußte. Ebenso Formes seine Arie E-dur, die durch die neu componirte wunderschöne Einleitung und recitativische Scene auch sehr gewonnen hat ... Das ganze Haus war in freudiger Begeisterung, und in den Zwischenacten und am Schluß kamen die Gratulanten etc. massenhaft herbeigeströmt.« ... Mit gleichem Erfolg und in noch höherer Vollendung ging binnen wenigen Tagen die zweite und ebenso die dritte Faust-Vorstellung unter Spohr's Leitung von Statten, worauf derselbe dann abermals von England schied, begleitet von Schaaren musikalischer Verehrer, die bis zum letzten Augenblick mit den lockendsten Plänen für den nächsten Sommer ihn umgaben.

In freudig angeregter Stimmung trat er so die Rückreise an und malte sich schon im Geist die schönen Stunden aus, wo nach freundlich gewohnter Art die interessanten Reiseerlebnisse durch Mittheilung und Besprechung im Kreise der daheim Zurückgebliebenen gleichsam erst die rechte Weihe erhalten sollten. Doch allzubald ward diesmal die Freude des Wiedersehens getrübt, denn mit Schrecken gewahrte Spohr den leidenden Gesundheitszustand seines Schwiegervaters, dessen zunehmende körperliche Schwäche schon seit längerer Zeit bange Besorgnisse erweckt hatte, während der letzten Wochen aber in so betrübender Weise fortgeschritten war, daß die sorglich über ihm wachende Liebe seiner Angehörigen sich kaum noch über die drohende Gefahr zu täuschen vermochte. Mit bekümmertem Herzen sahen sie die entscheidende Stunde immer näher rücken, bis dann am 4. Oktober 1852 der lang gefürchtete Augenblick herangekommen, wo der geliebteste Vater aus dem Kreise der Seinigen zu einem bessern Dasein abgerufen wurde! – Auch auf Spohr's Leben warf dies schmerzliche Ereigniß einen nachhaltig dunkeln Schatten, denn in tiefster Seele betrauerte er mit seiner Gattin den Verlust des geliebten, unvergeßlichen Vaters, und schmerzlich vermißte er fortan den Umgang des treuesten, an Geist wie an Gemüth ihm so ebenbürtigen Freundes! –

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Im Herbst 1852 erhielt Spohr durch die Ernennung eines zweiten Kapellmeisters eine unerwartete Erleichterung seiner Berufsgeschäfte, die ihm bei seiner rastlosen Thätigkeit und völlig ungeschwächten Kraft zwar nie als etwas Wünschenswerthes in den Sinn gekommen, die er aber um so lieber hinnahm, da die neugeschaffene Stelle seinem Lieblingsschüler, Concertmeister Jean Bott, übertragen wurde, um denselben zur Ablehnung einer ihm unter den günstigsten Bedingungen angetragenen Anstellung als Concertmeister in Hannover zu veranlassen und dadurch der Casseler Kapelle ein so ausgezeichnetes Mitglied fernerhin zu erhalten. Auch hinsichtlich der von der Intendanz zur Uebertragung an den neuen Kapellmeister vorgeschlagenen Opern erklärte sich Spohr bis aus wenige Abänderungen bereit, und so ging nach diesem Arrangement die Leitung einer Anzahl der leichteren, meist französischen und italienischen Opern auf Bott über, welchem daneben die Verpflichtung oblag, in den unter Spohr's Direktion verbleibenden größeren deutschen Opern als Vorgeiger im Orchester auch ferner mitzuwirken. Das Repertoire des jungen eifrigen Kapellmeisters erhielt bald einen interessanten Zuwachs, indem zu Anfang des Jahres 1853 der »Sommernachtstraum« von Shakespeare mit der Mendelssohn'schen Musik zum ersten Male auf der Casseler Bühne zur Aufführung kam, bei welcher Veranlassung Spohr an Hauptmann brieflich äußerte: »Das Reizendste, war ich von Mendelssohn kenne, ist doch seine Musik zum Sommernachtstraum, der nun endlich hier auch und zwar recht gut gegeben worden ist. Bott hat die Musik mit großem Fleiß eingeübt, und es war ein großer Genuß für mich, einmal eine gute Musik bei der Aufführung anhören zu können, ohne erst eine Menge Proben davon gemacht zu haben.« In Beziehung auf Spohr's eigene Thätigkeit berichtet jener Brief dann weiter: »Wir studiren jetzt den ›Tannhäuser‹, (wozu der Kurfürst nun endlich seine Genehmigung ertheilt hat) und werden die Oper am zweiten Pfingsttage zum ersten Male geben. Sie wird mit großer Sorgfalt in Scene gesetzt und reich ausgestattet werden. Die Oper hat viel Neues und Schönes, aber auch manches ohrzerreißende Unschöne. Für die Geigen und Bässe ist sie von einer Schwierigkeit, wie mir bisher nichts vorgekommen ist« etc. Nachdem alsdann die ersten Ausführungen des schwierigen Werkes in gelungenster Weise von Statten gegangen waren, schrieb Spohr abermals darüber an Freund Hauptmann:«Gestern Abend hatten wir den »Tannhäuser« zum dritten Mal, und wieder bei vollem Hause. Die Oper hat durch ihren Ernst und ihren Inhalt viele Freunde gewonnen, und vergleiche ich sie mit andern Erzeugnissen der letzten Jahre, so geselle ich mich auch zu diesen. Manches, was mir anfangs sehr zuwider war, bin ich durch das öftere Hören schon gewohnt geworden; nur das Rhythmuslose und der häufige Mangel an abgerundeten Perioden ist mir fortwährend sehr störend. Die hiesige Aufführung ist wirklich eine sehr ausgezeichnete, und man wird wenige so präcise in Deutschland hören. In den enorm schweren Ensemblen der Sänger im zweiten Act ist gestern auch nicht eine Note weggeblieben. Das hindert freilich nicht, daß sich diese an einigen Stellen zu einer wahrhaft schaudervollen Musik gestalten, besonders kurz vor der Stelle, ehe Elisabeth sich den auf Tannhäuser eindringenden Sängern entgegenwirft. – Was würden Haydn und Mozart für Gesichter machen, müßten sie einen solchen Höllenlärm, den man jetzt für Musik ausgiebt, mit anhören! – Die Chöre der Pilger (die aber hier mit Clarinetten und Fagotten p. unterstützt werden) wurden gestern so rein intonirt, daß ich mich zum ersten Male mit den unnatürlichen Modulationen derselben einigermaßen versöhnt habe. Es ist merkwürdig, woran sich das menschliche Ohr nach und nach gewöhnt!« etc.

Obgleich nun Spohr, den obigen Aeußerungen zufolge, bei seinem vorherrschenden Sinn für Wohlklang und schöne, regelrechte Formen in der Musik sich mit den so häufig davon abweichenden Tonschöpfungen der Neuzeit nicht recht zu befreunden vermochte, so widmete er denselben doch ein lebhaftes Interesse und war namentlich so gespannt, auch Wagner's neueste Oper: »Lohengrin« kennen zu lernen, daß er in Erwartung der noch nicht genehmigten vollständigen Theateraufführung einstweilen einige Scenen daraus für die folgenden Winter-Concerte bestimmte, und deshalb weiter an Hauptmann nach Leipzig schrieb: »Wollen Sie uns durch eine Zusendung für unsere Concerte erfreuen, so bitte ich um die Musik zu »Lohengrin.« Ich stand diesen Sommer mit Wagner in Correspondenz, und er weiß, daß ich mich bemühe, die Oper hier ebenfalls in Scene zu bringen. Er wird daher gegen eine Aufführung einiger Scenen im Voraus nichts einzuwenden haben. Ich werde es ihm auch bei einer passenden Veranlassung schreiben, nur möchte ich nicht deshalb die Korrespondenz erneuern, ohne zugleich die Partitur für unser Theater fordern zu können, was wohl erst im nächsten Sommer zum Geburtstag des Kurfürsten zu Stande kommen wird ...« Diese Erwartung sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, denn die gehoffte kurfürstliche Genehmigung wurde weder zu dem bestimmten Tage, noch auf die später wiederholten Anfragen ertheilt, und so kam es, daß Spohr diese Oper, der er sowohl in Cassel wie auch außerhalb zu verschiedenen Malen nachgestrebt hatte, dennoch niemals zu hören bekam.

Kaum nahete im Sommer 1853 die Ferienzeit heran, so rüstete Spohr sich abermals (zum sechsten und letzten Male) zur Reise nach England, von wo er bereits im Januar zwei, zufällig an demselben Tage einlaufende Einladungsschreiben von ganz verschiedenen Seiten her erhalten. Das eine, vom Theater-Direktor Gye enthielt eine Wiederholung des schon im vorigen Sommer gemachten Plans, Spohr's »Jessonda« während der kommenden Saison in italienischer Uebersetzung zur Aufführung zu bringen; das andere von Dr. Wylde, dem Direktor der neuerlich gestifteten New Philharmonic Society ausgehend, überbrachte eine dringende Einladung an Spohr, die Leitung ihrer, für die Sommermonate vorbereiteten großen Concerte zu übernehmen, – und diese lockende Aufforderung war es, die seinem noch schwankenden Entschluß den Ausschlag gab, da es für ihn vom höchsten Interesse sein mußte, seine größeren Orchester-Compositionen, die dabei zur Aufführung kommen sollten, mit den ihm schon bekannten ausgezeichneten Kräften, vor einem Publikum zu Gehör zu bringen, welches, gleich den Mitwirkenden, so ganz in den Geist seiner Musik einzudringen verstand.

Kaum in London angelangt, wurde ihm denn auch sogleich eine erfreuliche musikalische Ueberraschung zu Theil, indem er bei seinem ersten Ausgang zu Dr. Wylde von diesem zum alsbaldigen Besuch eines gerade stattfindenden Morgenconcerts genöthigt, dort eben zur rechten Zeit anlangte, um einer trefflichen Aufführung seines Ronetts beizuwohnen und nach Beendigung desselben die Huldigungen des durch die unverhoffte Anwesenheit des Componisten freudig überraschten Publikums hinzunehmen. Unter ähnlichen Umständen besuchte er auch als Zuhörer an einem der nächsten Abende das letzte philharmonische Concert in Hannover-Square-Rooms, wo ihm die überaus gelungene und mit enthusiastischem Beifall aufgenommene Ausführung seiner historischen Symphonie insbesondere große Befriedigung gewährte. An einem der nächsten Tage ging dann das erste der von ihm selbst dirigirten Concerte der New Philharmonic Society vor sich, worüber ein Brief in die Heimath berichtet: »Gestern Abend hat Spohr nun die erste seiner großen Thaten hier vollbracht: die Direktion des prächtigen neu-philharmonischen Concertes in Exeter Hall wo er wieder mit dem bekannten großartigen Enthusiasmus empfangen und fortwährend begleitet wurde. Wir fanden unsere sehr hoch gespannten Erwartungen von diesem aus lauter bedeutenden Künstlern bestehenden Riesen-Orchester vollkommen erfüllt, und der Eindruck dieser gewaltigen Masse in dem herrlichen dichtgefüllten Lokal war hinreißend und wahrhaft erhebend. Auch die neunte Symphonie Beethoven's, so abnorm Manches darin, und namentlich der letzte Satz mit dem »Lied an die Freude« sein mag, gewährte in dieser Vollendung einen wahrhaft hohen Genuß. Die Ouvertüre von Spohr »im ernsten Styl« eröffnete das Concert und machte sich ganz pompös; ebenso auch die zu »Jessonda«, welche sogar da capo gemacht werden mußte. Ihr folgte die Tenorarie aus »Jessonda«, von Th. Formes ganz vortrefflich gesungen und mit stürmischem Beifall aufgenommen« etc. Nicht minder interessant war auch das Programm des letzten von Spohr dirigirten Concertes; es enthielt außer seinen eignen Compositionen: Quartett-Concert, Doppelsymphonie und Ouvertüre zum »Berggeist«, u. A. auch die D-Dur--Symphonie von Beethoven, Ouvertüre zu »Fidelio« und das von Frl. Claus und Miß Goddard auf zwei Flügeln vorgetragene Duett von Mendelssohn und Moscheles. Die Ausführung ließ bei sämmtlichen Musikstücken kaum etwas zu wünschen übrig und über die herrliche Wirkung der Spohr'schen Symphonie wurde insbesondere brieflich berichtet: »Die Doppelsymphonie schien ganz wie geschaffen für diese Kräfte und dieses Lokal. Das kleine Orchester war, nach verschiedenen in der Probe angestellten Versuchen, aus einer Seite, abgesondert, hoch oben aufgestellt, und klang zuweilen wirklich wie Sphärenmusik aus einer andern Welt zwischen den mächtig erschütternden Tonmassen des großen Orchesters« etc. So war denn der Hauptzweck von Spohr's Anwesenheit in London abermals in erwünschter Weise erreicht, wohingegen die, für dieselbe Zeit beabsichtigte Aufführung der »Jessonda« mancherlei unerwarteten Aufschub erlitt. Um die von Spohr als nothwendig erachteten Proben ungestört in's Werk setzen zu können, hatte man nämlich zur Ausfüllung der dazwischen liegenden Opernabende eine andere, ebenfalls neu einstudirte Oper: » Benvenuto Cellini« von Berlioz ausersehen, die nach dort üblicher Weise ohne weitere Proben zu wiederholten Malen gegeben werden sollte. Gleich die erste Aufführung derselben fand indessen eine sehr ungünstige Aufnahme beim Publikum, und auch Spohr, so interessant es ihm war, diese so vielbesprochene und bestrittene Musik selbst kennen zu lernen, fand sich nicht sehr davon erbaut, wie solches aus einem Brief an seinen Freund, Amtsrath Lüder, hervorgeht, worin es heißt: »In der Oper von Berlioz, die ich diesen Sommer in London hörte, giebt es schöne Einzelheiten, aber kaum beginnt man sich dafür zu interessiren, so kommt etwas so Bizarres und Uebelklingendes, daß alle Freude daran wieder zerstört ist. Besonders ist mir dieses ewige Spekuliren auf absonderliche Instrumentirungs-Effekte verhaßt geworden, weil er damit wirklich glückliche Erfindungen, deren es in seiner Oper, sowohl melodische als dramatische, unbezweifelt giebt, immer wieder verdirbt. Dies war es auch wohl, was das Londoner Publikum, das anfangs recht günstig für ihn gestimmt war, und ihn beim Erscheinen im Orchester mit lautem Beifall empfing, von Nummer zu Nummer immer mehr verstimmte, so daß es zuletzt beim Schluß der Oper in ein allgemeines Zischen und Pfeifen ausbrach; ein Vorfall, der in der italienischen Oper zu London, in Gegenwart der Königin, noch nicht dagewesen ist! – Es geht dem Berlioz, wie den andern Koryphäen der Zukunftsmusik; sie überlassen sich bei der Arbeit nicht ihrem natürlichen Gefühl, sondern spekuliren auf Nochnichtdagewesenes. So geschieht es, daß diese begabten Musiker selten etwas Genießbares zu Stande bringen, besonders für Leute, die im vorigen Jahrhundert, und bei Haydn, Mozart und Beethoven groß gezogen sind« etc. Der so deutlich kund gegebenen Meinung des Londoner Publikums gegenüber, wagte die Direction nicht, demselben die Oper ein zweites Mal vorzuführen und es mußten anstatt deren andere Opern, die wieder mehrfache Proben nöthig machten, eingeschaltet und »Jessonda«, noch im ersten Stadium des Einstudirens begriffen, immer weiter hinausgerückt werden, was Spohr indessen nicht sehr beunruhigte, da die dadurch gewonnene Zeit für ihn von anderen Seiten her in erfreulichster Weise überreich ausgefüllt wurde.

Auch eine sehr behagliche Häuslichkeit fand diesmal das Spohr'sche Ehepaar in der mit allem möglichen Comfort ausgestatteten Wohnung des Dr. A. Farre, der mit seiner Gattin wetteiferte, um Spohr in seinen selten freien Stunden in liebevollster Weise zu pflegen, so daß sich nach kurzem Zusammensein eine herzliche Freundschaft zwischen den beiden Familien begründete, und Spohr die dort verlebten Wochen stets zu seinen liebsten Erinnerungen zählte. Da Dr. Farre und mehrere seiner ärztlichen Kollegen sehr musikalisch und gute Sänger waren, so hatten sie im Verein mit andern kunstsinnigen Familien einen Zirkel gebildet, wo ernste Musik mit Eifer kultivirt und gerade die Spohr'sche ganz vorzüglich geliebt wurde. In einer solchen Doctor – Soirée hatte er eines Abends die angenehme Ueberraschung, sein Oratorium: »die letzten Dinge« von 28 Dilettanten in tadelloser Präcision vortragen zu hören, eine Production, die, seltsam contrastirend zu der gewohnten englischen Massenhaftigkeit, doch durch die vollkommene Reinheit und die Innigkeit des Ausdrucks in wohlthuendster Weise das Gefühl ansprach. In einer glänzenden Musik-Soirée, die Dr. Farre selbst zu Ehren seiner Gäste gab, war es dann eine lange Reihe trefflicher Vorträge aus Spohr's verschiedenen Opern, wodurch er, wie sämmtliche Zuhörer überrascht und hocherfreut wurde.

Inzwischen hatten die Proben zur »Jessonda« zwar ihren langsamen Fortgang genommen, doch mußte die Aufführung selbst noch so mannichfachen Aufschub erleiden, daß Spohr, bevor dieselbe zu Stande kam, mit Ablauf seiner Ferienzeit von London abreiste, wobei er jedoch die Beruhigung hatte, seine Oper in der Obhut eines würdigen Stellvertreters, Kapellmeisters Costa, zurückzulassen, unter dessen Leitung dann vierzehn Tage später wiederholte, vom glänzendsten Erfolg begleitete Aufführungen stattfanden.

Auf der Rückreise ward Spohr bei der Landung des Dampfboots in Calais von den dortigen Musikfreunden, die den Tag seiner Ankunft erkundet hatten, festlich empfangen und zu einer ihm gewidmeten glänzenden Feier eingeladen, deren Mittelpunkt ein höchst luxuriöses Festessen bildete, wobei auch die musikalische Ueberraschung nicht fehlte, indem am Schluß der Tafel aus dem Nebenzimmer die lieblichen Klänge von Spohr's G-moll-Quartett ertönten, worauf noch andere Vorträge folgten, bis die Gesellschaft spät in der Nacht in froh bewegter Stimmung sich trennte. Der ganze, in Calais so überraschend festlich verlebte Tag gereichte Spohr zu besonderer Freude, da er gerade hier auf französischem Boden nicht solche Verehrung, und solche Liebe für seine Musik erwartet hätte.

Auf der Rückreise schon beschäftigte er sich mit der in England angeregten Idee zu einer neuen größeren Composition für Pianoforte mit Instrumentalbegleitung, die er, zu Hause angelangt, alsbald mit Lust und Eifer begann. So entstand – in seinem siebenzigsten Lebensjahre – eines seiner herrlichsten Meisterwerke, das Septett für Clavier, zwei Saiten- und vier Blas-Instrumente, voll jugendlicher Gedankenfrische in allen Sätzen, mit einem Larghetto, das an bezauberndem Wohllaut und herzergreifenden Modulationen wohl kaum seines Gleichen findet. Noch im Manuskript kam es im nächsten Abonnements-Concert zur öffentlichen Aufführung, wobei sowohl die Composition, als auch die überaus gelungene Ausführung die lauteste Anerkennung fand. Die eben so schwierige als dankbare Clavier-Partie hatte J. Bott übernommen, und das freudig aufgeregte Publikum zollte dessen Leistung um so williger seine gerechte Anerkennung, da er an demselben Abend auch als Geiger seine Meisterschaft in Spohr's 15tem Violin-Concert auf's Glänzendste bewährt hatte. Eine Wiederholung des neuen Septetts folgte auf den Wunsch der Casseler Musikfreunde schon in einem der nächsten Concerte; darauf ward es, noch als Manuscript, in einer der Quartett-Soiréen in Leipzig aufgeführt und namentlich durch Moscheles' ächt künstlerischen Vortrag der Clavier-Partie zu vollster Geltung gebracht, auch dort vom Publikum mit freudigem Beifall aufgenommen.

Die nächsten Sommerferien (1854) hatte Spohr zu einer abermaligen Reise in die Schweiz bestimmt, und sein Verlangen, diese freundlichsten Sommermonate einmal wieder ungestört dem Genusse der schönen Natur widmen zu können, war diesmal so vorwiegend, daß er trotz wiederholt ergangener Einladungen zu Musikfesten in England und Holland dennoch seinem lange vorher gefaßten Plane treu blieb. Im Begriff die Reise anzutreten, erhielt er auch noch aus Regensburg von seiner Enkelin, der an den Lyceal-Professor Schmitz verheiratheten zweiten Wolff'schen Tochter Antonie, eine telegraphische Depesche mit der dringenden Aufforderung, seinen Weg über die alte Reichsstadt zu nehmen (wo überdies von allen Musikfreunden längst sein Besuch ersehnt war), und dort im Kreise seiner Enkel und Urenkel einige Tage zu verweilen. So anziehend diese Einladung aber auch war, so mußte sie Spohr dennoch bei der ihm knapp zugemessenen Ferienzeit bedauernd ablehnen, weil Regensburg, wohin damals noch keine Eisenbahn führte, zu weit von seinem einmal projektirten Wege ablag. – Mit kurzem Aufenthalt an den durch Naturschönheiten ausgezeichneten Punkten zu Marburg, Heidelberg und Baden-Baden ging also die Reise weiter nach der südlichen Schweiz, wobei Spohr insbesondere an den Dampfschiff-Fahrten auf den herrlichen Seen seine große Freude hatte. Bei mehrtägigem Verweilen in Lausanne, Genf und Vevey wurden dann weitere Ausflüge in die leichter erreichbaren Umgebungen gemacht, wo Alles ringsum in sommerlichem Schmuck erglänzte, während jenseits des See's die majestätische Alpenkette mit ihren schneebedeckten Häuptern einen wunderbar contrastirenden Anblick bot. Den Genfer See verlassend, setzten die Reisenden ihren Weg weiter fort nach Freiburg und Bern, an welchen beiden Orten ganz unerwarteter Weise auch ihr musikalisches Interesse in Anspruch genommen wurde. In Freiburg nämlich erging sogleich bei der Ankunft im Gasthof die Aufforderung an Spohr, sich den anwesenden Fremden anzuschließen, um nach dort üblichem Gebrauch gegen ein gemeinschaftlich zu zahlendes Honorar den Organisten an der Nicolaikirche zu einer Production auf der darin befindlichen berühmten Orgel zu veranlassen. Zu der bestimmten Stunde versammelte sich nun mit einbrechender Dämmerung die kleine Schaar von Zuhörern und feierlich erklangen in den weiten, leeren Hallen der stattlichen Kirche die Töne der mächtigen Orgel, die denn ihren gewaltigen Eindruck auch auf Spohr nicht verfehlen konnten. Mochte indessen der Organist nicht wissen, welche musikalische Autorität er vor sich habe, oder glaubte er ihm, gleich den übrigen Fremden, durch Darlegung seiner erstaunenswerthen Kunstfertigkeit zu imponiren – genug, plötzlich stimmte er völlig ungeeignete Weisen aus modernen Spektakel-Opern an und schloß dann in einem tobenden Gewitter, so daß der frühere erhebende Eindruck gänzlich vernichtet wurde, und Spohr nicht umhin konnte, seine Mißbilligung über solche Entweihung des mächtigen Tonwerkes, das durch seine Inschrift: » in majorem gloria Dei« ihm gleichsam in erhöhetem Maße dem Lobe Gottes geweihet schien, unverhohlen an den Tag zu legen.

Kaum in Bern angelangt, hatte Spohr die Ueberraschung, auf den an den Straßenecken angeschlagenen Zetteln zwei geistliche Concerte angekündigt zu finden, in welchen sein Oratorium »die letzten Dinge« jedesmal die Hauptnummer bildete, während am ersten Abend eine Cantate von Seb. Bach, am zweiten aber vier Psalmen von Marcello demselben vorausgingen. Das erste Concert hatte bereits am Abend zuvor stattgefunden, und da eine große Anzahl, sowohl Zuhörer als Mitwirkende, aus den umliegenden Städten sich dazu eingefunden, so war von Herrn Edele, dem Direktor des »Vereins für altclassische Musik« zu Bern, im Voraus die Anordnung getroffen, gleich am nächsten Abend eine Wiederholung folgen zu lassen, woraus dann für Spohr der Vortheil erwuchs, sein Oratorium bei dieser zweiten Aufführung mit um so größerer Sicherheit und Präcision vortragen zu hören. Da sich die Kunde von Spohr's Anwesenheit schnell in der Kirche verbreitet hatte, so nahm man die Gelegenheit wahr, dem Schöpfer des so eben mit andächtiger Begeisterung vernommenen Werkes einen Beweis der allgemeinen Anerkennung zu geben, und überraschte denselben noch spät am Abend mit einer schnell improvisirten Serenade nebst begeisterten Lobreden. Am andern Morgen reiste Spohr von Bern ab, und nachdem er mit seinen Reisegefährtinnen noch eine Reihe genußreicher Tage im Berner Oberland und am Vierwaldstädter See verlebt hatte, ging die Reise weiter über den Bodensee nach dem benachbarten Bayernlande, in dessen Hauptstadt München eben die vielbesprochene, große Industrie-Ausstellung eröffnet worden. Mochte nun auch die eine dort zugebrachte Woche kaum genügen, um die reichen Schätze zu besichtigen, welche sich auf dem Gebiete der Kunst und der Gewerbe, theils bleibend, theils zu kurz vorübergehender Schau daselbst angesammelt fanden, so schien den Reisenden ein längerer Aufenthalt doch nicht wünschenswerth, denn auch sie empfanden bald die nachtheilige Wirkung des dortigen, körperlich und geistig abspannenden Treibens, welches, verbunden mit schädlichen klimatischen Einflüssen, gerade in jenem unglücklichen Sommer so manches blühende Leben in der von Fremden angefüllten Stadt zum Opfer forderte. Unter solchen Umständen konnte nichts ersprießlicher sein, als die Ausführung eines Besuches in Alexandersbad, wohin der ihnen nahe verwandte Besitzer der dortigen Kaltwasser-Heilanstalt, Dr. Theodor Pfeiffer, sie schon lange zuvor freundlichst eingeladen hatte. Ein kurzer Aufenthalt in dem von herrlich erfrischender Bergluft umweheten Kurorte genügte in der That, um die gesunkenen Lebensgeister wieder aufzurichten und freudig nahm Spohr an den gemeinschaftlichen Partien in der romantischen Umgebung und an dem heitern Treiben der gleich einer großen Familie gemüthlich zusammenlebenden Kurgesellschaft Theil. Alles Dieses, so wie die ganze dortige Einrichtung und naturgemäße Lebensweise, sagte ihm so sehr zu, daß er von da an stets Alexandersbad als Ideal eines erquickenden Sommer-Aufenthaltes pries, und diesen Eindruck, nach wiederholtem Besuch daselbst, bis an sein Ende festhielt.

Im August desselben Jahres (1854) kam zu des Kurfürsten Geburtstagsfeier eine neue Oper: »Der Unbekannte«, von Kapellmeister J. Bott, zur Aufführung. Da der junge Componist das Einstudiren und die Leitung der Oper selbst übernahm, so war Spohr zwar nicht unmittelbar dabei betheiligt, doch besuchte er aus warmer Theilnahme an dem Werke schon die vorausgehenden Proben und sah dann erwartungsvoll den ersten Aufführungen entgegen, über deren Erfolg er später an Hauptmann brieflich berichtete: » Bott's Oper hat sich hier wirklich ein Publikum gewonnen, und ich bin nun gespannt zu sehen, ob es auswärts, wo man sich nicht persönlich für ihn interessirt, auch der Fall sein wird. Gewiß ist, daß seine Oper, als ein erster Versuch in dieser Gattung, große Beachtung verdient. Es ist mehr gute Musik, übersichtliche Form und rhythmisches Geschick darin, als in den Wagner'schen Opern, und doch gehört sie im Styl ganz der sogenannten Zukunftsmusik an! Da ist auch nicht ein Anklang an Mozart'sche, Beethoven'sche oder Cherubinische Musik; nur Wagner, Meyerbeer und allenfalls Marschner scheinen auf ihn eingewirkt zu haben. Es ist mir dies bei der Begabung Bott's ein völliges Räthsel, denn er hat doch von frühester Jugend an Gelegenheit gehabt, die Meisterwerke der erstgenannten drei Komponisten kennen zu lernen; wie kommt es nun, daß er nicht eben so davon erfüllt ist, wie wir und alle Künstler unserer Periode? Es muß mit dem Zeitgeschmack sein, wie mit der Cholera; wer dafür empfänglich ist, der entgeht der Ansteckung nicht! Daß ich nun, nach dem oben Gesagten, doch keine rechte Freude an der Bott'schen Oper haben kann, werden Sie schon gemerkt haben. Obgleich 4-5 Nummern, besonders zwei Chöre und auch einige Recitative, recht gute formelle und wohlklingende Musik haben, so ist das Ganze doch zu überladen, zu unruhig und zu lärmend. Besonders hat er den einen Galeerensclaven, der kein Charakter, sondern nur ein ordinärer Dieb und Bösewicht ist, mit Allem, was es an scheußlichen Accordfolgen und Blechlärm nur giebt, ausgestattet, und man ist froh, wenn der Kerl endlich von Gensd'armen niedergeschossen ist. Die Uebertreibung abgerechnet, ist die Musik aber dramatisch und nicht unsangbar, sondern recht dankbar für die Sänger, trotz dem, daß sie nicht eine Coloratur enthält. Bott hat überhaupt viel Geschick für die Auffassung des Scenischen gezeigt, und da seine Erfindung nicht dürftig ist, so läßt sich noch Besseres, wie diese erste Arbeit, von ihm erwarten.«

In demselben Briefe erzählt Spohr dann in Beziehung auf seine eigene Thätigkeit weiter von einer so eben beendigten, für ihn ganz neuen Arbeit in folgenden Worten: »Von Peters aufgefordert, die Etudes de Violon von Fiorillo für eine neue Ausgabe durchzusehen, kam ich auf den Gedanken, diese Uebungsstücke für die Violine allein, mit einer Begleitungsstimme für den Lehrer zu versehen und sie, nach meiner Weise bezeichnet, als Anhang zu meiner Violinschule herauszugeben. Ich bin nämlich von Lehrern, die nach meiner Schule unterrichten, schon oft aufgefordert worden, die Uebungsstücke derselben zu vermehren, und habe zu dieser Arbeit nie rechte Lust gehabt. Nun hielt ich es für ein Leichtes, zu den Fiorillo'schen Etüden eine zweite Stimme zu setzen und glaubte damit bald fertig werden zu können; aber ich hatte mich geirrt. Ich fand falsche Rhythmen, fehlerhafte Modulationen, und mußte mich schon entschließen, sie abzuändern, ja einige förmlich umzuarbeiten, damit abgerundete und wohlklingende Musikstücke daraus wurden. Bei der Gelegenheit habe ich dann auch das beseitigt, was in den Verzierungen und in der Vortragsweise veraltet ist. Ich bin nun einigermaßen in Zweifel, ob ich dazu berechtigt war; doch glaube ich es damit entschuldigen zu können, daß der Verfasser schon lange todt ist und sein Werk in Frankreich wie in Deutschland als Gemeingut betrachtet wird. Wie die Uebungen nun geworden sind, hätte ich keine besseren neuen schreiben können, und so glaube ich doch, daß die drei Monate, die ich darauf verwendet habe, etwas Verdienstlichem und Nützlichem gewidmet worden sind« etc.

Das folgende Jahr (1855) begann Spohr mit der Composition sechs vierstimmiger Lieder für Sopran, Alt, Tenor und Baß, welche bald nachher in einem Privat-Concert des Cäcilienvereins in doppelter Stimmbesetzung unter Spohr's Leitung und von seinem eignen kräftigen Baß trefflich unterstützt, den Musikfreunden zu Gehör kamen, wo sie dann außergewöhnliche Sensation machten und vor allen eines: »Des Menschen Trost« (Text von Müller v. d. Werra) die Herzen wunderbar ergriff.

Im Frühjahr desselben Jahres folgte Spohr einer Einladung des Königs von Hannover, in einem großen Concert seine Doppelsymphonie und mehrere andere seiner Compositionen zu dirigiren. Bei seiner Ankunft auf dem Bahnhofe von Künstlern und Kunstfreunden, Musikdirektor Wehner an der Spitze, feierlich empfangen, wurde er dann Abends im Gasthof durch zwei Ständchen, von der Militärmusik und der Liedertafel, begrüßt. Ueber den weiteren Verlauf der dort verlebten musik- und freudenreichen Tage schrieb Spohr selbst, einfach erzählend, seinem Freunde Hauptmann wie folgt: »Die kleine Excursion nach Hannover hat mir viel Vergnügen gewährt. Ich spielte Quartett beim König, und es schien mir, als reiche seine Kunstbildung so weit, um an dieser Musikgattung Geschmack zu finden. Auch spielte ich mein Quartett ( E-moll) in einer Matinée, welche die Kapelle veranstaltet hatte, um mir zwei meiner Compositionen zu hören zu geben, die sie sehr sorgfältig eingeübt hatte. Es waren dies das 7. Violin-Concert, ganz meisterhaft von Joachim vorgetragen, und das erste Doppel-Quartett, von welchem Kömpel die erste Stimme des ersten, Joachim die des zweiten Quartetts übernommen hatte. Auch dies wurde in höchster Vollendung executirt. Am zweiten Tage gab mir die Kapelle nach einer Vorprobe meiner Symphonie: »Irdisches und Göttliches im Menschenleben« ein Festdiner, welches fünf Stunden dauerte und überreich an Reden, Gesängen und Toasten war. Obwohl sehr erschöpft, mußte ich Abends in einer Musikparthie bei meinem alten Freunde Hausmann noch zwei meiner Quartetten spielen und kam, wie auch die vorigen Abende, erst um zwei Uhr zur Ruhe. Am dritten war Vormittags die Generalprobe und Abends das Concert zum Besten der Armen, zu welchen mich der König nach Hannover hatte einladen lassen. Ich dirigirte die erste Hälfte, bestehend in der Ouvertüre und dem Duett aus »Jessonda« und meiner Symphonie. Alles dieses wurde meisterhaft ausgeführt, besonders die Doppel-Symphonie, welche ich noch nie besser gehört habe, selbst nicht in London. Das kleine Orchester, von Joachim vorgespielt, bestand aus der Elite der Kapelle und war sehr vortheilhaft auf dem Theater placirt, so daß es sich sehr gut vom großen sonderte. Dieses bestand aus zwanzig Violinen, sechs Violen, fünf Violoncells und fünf Contrabässen, und contrastirte daher schon durch seine imposante Kraft in dem sonoren und nicht übermäßig großen Theater, mit dem Solo-Orchester auf der Bühne. Der Effekt war sehr befriedigend. Das Orchester ist aber auch in der That sehr vorzüglich, besonders in den Saiteninstrumenten. Die Harmonie zählt zwar ausgezeichnete Virtuosen, ist aber im Ensemble weder so gleich im Ton, noch so rein in der Intonation, wie die unsrige. Den zweiten Theil des Concerts dirigirte Fischer. Er bestand in der Ouvertüre zu »Euryanthe«, dem Beethoven'schen Violin-Concert mit neuen Joachim'schen übermäßig langen, sehr schweren, aber undankbaren Cadenzen und einigen Nummern aus »Lohengrin.« Das Concert war überfüllt und muß der Armenkasse eine bedeutende Summe eingetragen haben. – Am andern Morgen vor der Abreise überreichte mir die Kapelle durch eine Deputation der ausgezeichnetsten Mitglieder einen Taktirstab, der so reich und geschmackvoll ist, wie ich noch keinen ähnlichen gesehen habe. Wie ich später erfuhr, hat ihn der König machen lassen und der Kapelle zur Uebergabe an mich geschenkt. Er besteht aus einer zierlichen cannelirten Säule von Elfenbein mit einem goldenen Griff, reich mit farbigen Steinen besetzt und oben mit einer ähnlichen goldenen Verzierung, in einen Knopf endend, ebenfalls mit kleinen Steinen besetzt. Das Ganze ist äußerst geschmackvoll und hat an dem Griff die Inschrift in erhabenen Buchstaben: »Die Königl. Hannoversche Kapelle dem Generalmusikdirector Dr. Spohr am 31. März 1855.« Der Kurfürst, der sich das Kunstwerk zur Ansicht holen ließ, ist, wie mir bei der Zurückgabe erzählt wurde, sehr ungehalten darüber gewesen, daß es in der Inschrift nicht heißt »dem Kurfürstlichen Generalmusikdirektor«, und hat gemeint, wer wisse nun in der Zukunft, daß das sein Generalmusikdirektor gewesen?« etc. Der hier mit unverkennbarer Befriedigung so genau beschriebene Taktirstab gab ein würdiges Seitenstück zu einem nicht minder kostbaren und geschmackvollen, den Spohr einige Zeit früher von seinem treuen Schüler F. Böhme aus Holland zum Geschenk empfing. Solche sinnvoll gewählte und zugleich ächt künstlerisch ausgeführte Ehrengeschenke, machten ihm stets große Freude, und er pflegte gern einem jeden, in der dazu eigends angeschafften großen Etagère, den passendsten Platz selbst auszusuchen..

Der erste Eindruck bei Spohr's Rückkehr von Hannover war abermals ein freudiger, indem er zu Hause ein in seiner Abwesenheit eingetroffenes Telegramm folgenden Inhalts vorfand: »Insbruck, den 27. März 1855, 10 Uhr 10 Min. Nachts. Hundertfünfzig Dilettanten zu Insbruck, welche so eben »Jessonda« unter rauschendstem Beifall aufführen, bringen dem Meister ein begeistertes Hoch.« Die weiter eingesandten Berichte aus Insbruck erzählten dann ausführlicher, »wie die Oper im dortigen Nationaltheater dreimal bei überfülltem Hause zum Besten des Armenfonds auf eine alle Erwartungen übertreffende Weise von Gesangs- und Musik-Dilettanten aufgeführt worden«, wobei zugleich »die Hoffnung der dortigen Kunstfreunde ausgesprochen wurde, noch im Laufe des Jahres den hochgeehrten, greisen Compositeur in ihren Bergen begrüßen, und die klassische Oper unter seiner eignen Leitung nochmals hören zu können.«

Diese Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung, weil die diesjährigen Reisepläne in entgegengesetzter Richtung, nach Norden führten. Zunächst nach Hamburg, das Spohr seit dem großen Brand 1842 nicht besucht, und deshalb lebhaftes Interesse hatte, zu sehen, wie es seitdem in neuer Pracht wieder erstanden war. Vollständig befriedigt in diesen Erwartungen, ward ihm zugleich die Freude, viel liebe Bekannte, darunter namentlich die befreundete Familie Grund, dort wieder zu sehen, und durch manch gelungene musikalische Produktionen in engeren und weiteren Kreisen überrascht zu werden. – So nahe der Schwesterstadt Lübeck, an der seine Gattin noch immer mit ganzer Seele hing, und für deren biedere Bewohner auch er seit dem Besuch im Jahre 1840 eine Vorliebe hatte, war es natürlich, daß Beide sich sehnten, auf der inzwischen neu erstandenen Eisenbahn einen Abstecher dorthin zu machen. Wohl waren seit den fünfzehn Jahren wieder manche der früheren Freunde zur ewigen Heimath eingegangen, – doch lebte noch der ehrwürdige alte Lehrer, und brachte dasselbe warme Herz der einstigen Schülerin und ihrem hochberühmten Gatten entgegen. Fast achtzig Jahre alt, hatte er sich kürzlich in Ruhe gesetzt, aber das von ihm so lange segensreich geleitete Institut blühte in demselben Geiste unter seinem würdigen Sohne Dr. Ad. Meier fort, – und freudig bewegt weilte Spohr mit seiner Frau in den ihr so heiligen Räumen, wo Beiden die liebevollste Aufnahme ward. – Da auch die musikalischen Interessen trefflich vertreten waren durch den Kapellmeister Hermann, einen früheren Schüler und treuen Anhänger Spohr's, so eilten die Tage in heiterm Zusammenleben mit alten und neuen Freunden dahin, und zu schnell nur war deren letzter herangebrochen, der noch mit einer erfreuenden Ueberraschung für Spohr und seine Gattin schließen sollte, worüber ein Brief von dieser in folgenden Worten Kunde gab: »Abends gegen 9 Uhr fiel uns auf den sonst stillen Straßen eine ungewöhnliche Lebendigkeit auf, die dann mehr und mehr zunahm, bis endlich wohl so ziemlich die ganze Einwohnerschaft Lübecks zusammen war, dicht gedrängt, so weit man in die vier sich da kreuzenden Straßen hinein sehen konnte, – um Spohr eine großartige Huldigung darzubringen. Es war ein schöner Anblick, diese von bunt schimmernden Laternen beleuchtete endlose Menschenmasse, die nun, noch ehe ihre Musik begann, mit glänzenden Fahnen und weißen Tüchern wehend, die donnerndsten Hoch's heraufschallen ließ, was für uns doppelt ergreifend war, da zu gleicher Zeit mit jenem lauten Jubel von draußen sich eine zarte Scene in unserem Zimmer ereignete: Herein trat Dr. Meier mit einem hübschen, weißgekleideten jungen Mädchen, die er als jetzige erste Schülerin der Anstalt vorstellte, und die, während er Spohr den Lorbeerkranz auf's Haupt setzte, mir ein reizendes Rosenbouquet aus unserm ehemaligen Gärtchen in der Johannisstraße überreichte. An demselben steckte ein Zettelchen mit den einfachen, für mich aber höchst rührenden Worten: »Lübecks Garten, den Sie einst den Ihren nannten, sendet Ihnen seine schönsten Rosen, Ihrem Gatten den Lorbeer!« Diese hübsche, zarte Idee, die ganze Zusammenstellung und gerade Alles in dem einen Moment, machte einen Eindruck, den ich nimmer vergessen werde. Die nun folgende Musik wurde von sämmtlichen Vokal- und Instrumental-Vereinen Lübecks ausgeführt, und brachte mehrere Stücke aus Spohr'schen Opern. Nicht nur unten wurden begeisterte Reden gehalten, sondern es kam auch noch eine Deputation herauf, und lange dauerte es, ehe der Lärm und Jubel endete und der Menschenknäuel sich allmälig auseinander wickelte. Wir aber wurden hinunter in den Speisesaal zum Festsouper geführt, wobei Spohr durch eine Menge beziehungsreicher Toaste abermals gefeiert wurde.« ...

Nach kurzen Besuchen bei den Brüdern in Braunschweig und Gandersheim eilte Spohr dann vor Mitte Juli nach Cassel zurück, da er schon seit Jahren sich sehnte, einmal die volle Pracht der Rosenblüthe in seinem eignen Garten ruhig zu genießen, während diese in der Regel bei der Rückkehr von der Ferienreise schon den späteren Sommerblumen Platz gemacht hatte. In der That erfüllte die beim Eintritt in sein Gärtchen ihm entgegenstrahlende Rosenfülle ihn mit solchem Entzücken, daß er beschloß, von nun an jeden Sommer einen Theil der Rosenzeit in Cassel zuzubringen, was denn auch bis an sein Ende ausgeführt wurde. Verstand er es doch auch, wie wohl Wenige, die einfachsten Naturfreuden mit kindlicher Hingebung froh zu genießen, was Jeder erkennen konnte, der Gelegenheit hatte, ihn zur Sommerszeit schon früh Morgens mit strahlendem Gesichte am Arm seiner Frau seine kleine Besitzung durchwandern zu sehen, über jedes neu aufgegangene Blümchen, jede frische Knospe, über den Vögelgesang, die milde Luft oder den blauen Himmel in jubelndes Entzücken ausbrechend! –

Im Laufe des Jahres 1855 schrieb Spohr sein 33stes Violinquartett ( Op. 152, Leipzig bet Siegel) und drei große Duette für zwei Violinen ( Op. 148, 150 und 153, Leipzig bei Peters), welche letzteren er den Brüdern Alfred und Henry Holmes aus London dedicirte. Wohl hätte er auch sein Werk keinen besseren Händen zu würdiger Ausführung und Weiterverbreitung übergeben können, denn obgleich die jungen Künstler nie seinen persönlichen Unterricht genossen, so waren sie doch durch das eifrige Studium seiner Violinschule so ganz in den Geist seiner Compositionen und seiner Spielweise eingedrungen, daß Spohr bei seinem letzten Aufenthalt in England schon seine herzliche Freude daran hatte, seine älteren Violinduetten von den beiden talentvollen Knaben mit wahrer Meisterschaft vortragen zu hören; und als sie dann einige Jahre später auf einer Kunstreise auf dem Continent auch Cassel besuchten, erregten sie, wie Spohr selbst brieflich darüber berichtete, »durch ihr treffliches Spiel aller Orten die größte Sensation und entzückten namentlich durch das höchst vollendete und überraschende Zusammenspiel seiner Duetten und Concertanten.«

Im Frühjahr 1856 erhielt Spohr ein Schreiben von einem ehemaligen Schüler, Kapellmeister Kiel in Detmold, worin ihn derselbe auf den Wunsch seines Fürsten ersuchte, Lieder für eine Baritonstimme mit Clavier- und Violinbegleitung zu componiren; wenn gleich anfangs zweifelnd, ob solche Zusammenstellung mit einer tiefen Männerstimme geeignet sein werde, so interessirte ihn doch der Versuch und er schrieb binnen kurzer Zeit eine Sammlung von sechs Liedern der gewünschten Gattung, woran er selbst dann große Freude fand. Zunächst gab er dieselben noch im Manuskript seinen musikalischen Freunden im eignen Hause zu hören, wobei er die etwas schwierig ausgefallene Violinparthie selbst ausführte, während er die Gesangsstimme dem früheren Concertsänger Heinrich Osthoff übertrug, welcher seit einigen Jahren als Musiklehrer in Cassel angesiedelt und in allen musikalischen Kreisen eingebürgert, durch den ausdrucksvollen Vortrag Spohr'scher Gesangsstücke geistlichen und weltlichen Inhaltes besonders excellirte. Auch in Detmold wurden die neuen, dem Fürsten dedicirten Lieder sehr beifällig aufgenommen und von demselben, wie sein Kapellmeister berichtete, täglich mit erhöhtem Wohlgefallen gesungen. Als Spohr dann bald nachher das erste gedruckte Prachtexemplar ( Luckhardt in Cassel, Op. 154) dem kunstsinnigen Fürsten zusandte, sprach dieser in einem eigenhändigen Dankschreiben u. A. die Versicherung aus, »daß das große Vergnügen, welches die schönen Lieder ihm schon jetzt gewährten, noch erhöht werden würde, wenn sich ihm eine Gelegenheit darböte, dieselben einmal unter Spohr's eigner Begleitung vortragen zu können.« Dem verbindlichen Schreiben war zugleich ein werthvolles Andenken beigefügt, eine Tuchnadel, in deren sinnig gewählten Emblemen – ein grüngoldenes Eichblatt mit goldgefaßter Perlen-Eichel – Spohr die ehrende Würdigung »seines ächt deutschen Wirkens als Künstler und Mensch« freudig erkannte.

Die ersten Wochen der Sommerferien verwendete Spohr zu einer höchst befriedigenden Erholungsreise nach Dresden, der sächsischen Schweiz und Prag, worauf er dann nach kurzer Rast in seinem eignen blumenreichen Garten, eine zweite Reise antrat zu welcher ein enthusiastischer Musikfreund Rechtsanwalt Haushalter in Wernigerode zunächst die Veranlassung gegeben. Dieser hatte schon längst gewünscht, Spohr's persönliche Bekanntschaft zu machen, und ihn deshalb auf's dringendste zum Besuch in seinem Hause eingeladen, woraus Spohr um so lieber einging, da diese Reise ihm Gelegenheit gab, die von der Jugendzeit her ihm noch so liebe Harzgegend wiederzusehen. Auf der Hinreise verweilte er einige Tage in Braunschweig, um dem dortigen großen Sängerfeste beizuwohnen, das ihm auch manch schönen musikalischen Genuß gewährte, obwohl er im Allgemeinen, vom künstlerischen wie vom socialen Standpunkte aus, kein Freund der ausschließlichen Männer-Gesangsfeste war. Wenngleich nur als Zuhörer anwesend, ward er dennoch alsbald von den sämmtlichen Vereinen zum »General-Gesangmeister« jubelnd ausgerufen und als solcher zum Mittelpunkt und König des ganzen Festes erkoren, an dessen mannichfachen Freuden er dann fröhlich Theil nahm. Die heiterste Stimmung begleitete ihn auch auf der Weiterreise nach dem schön gelegenen Wernigerode, in das Haue des neuen Freundes Haushalter, in dessen Familie er nebst seiner Frau mit großer Herzlichkeit aufgenommen wurde. Wie überraschend aber war es, nun auch an diesem Orte, wo er nur einen ländlichen Aufenthalt in schöner Natur erwartete, ein förmliches Musikfest zu seiner Ehre vorbereitet zu finden, zu dem nicht nur bedeutende Kräfte aus den benachbarten Städten zur Verstärkung eingeladen, sondern auch manche musikalische Notabilitäten von weiter hergekommen waren, darunter Liszt aus Weimar mit seinem Schüler Tausig, Markull aus Danzig, Dr. Zander aus Königsberg etc., in deren Gesellschaft täglich interessante Ausflüge in der herrlichen Umgegend gemacht wurden, wo namentlich eine Parthie nach der Roßtrappe einen unvergeßlich schönen Eindruck bei Spohr zurückließ. Nicht minder große Freude gewährte ihm das Musikfest selbst. Schon in der Probe mit einem dazu (von dem ebenfalls anwesenden Kapellmeister Tschirch) eigends componirten Chorgesang begrüßt, ward ihm ein silberner Taktirstab überreicht, mit der Bitte, seine Jessonda-Ouvertüre damit selbst zu dirigiren, welchem Gesuch er dann bereitwillig unter allgemeiner jubelnder Anerkennung willfahrte. Unter den zahlreichen sehr gelungenen musikalischen Vorträgen erfreute er sich besonders an den vom Quedlinburger Gesangverein unter dessen Direktor Wackermann trefflich ausgeführten Chor- und Solosätzen aus dem »Fall Babylons«, so wie an seinem vierstimmigen Liede: »dem Schnee, dem Regen«, dessen präciser ausdrucksvoller Vortrag solche Sensation machte, daß es stürmisch da capo verlangt wurde. So gingen unter Natur- und Kunstgenüssen die Tage fröhlich hin; selbst in Wäldern und auf Bergen erschallte Musik, und Abends bei später Rückkehr von ländlichen Parthien ward Spohr noch durch Serenaden der verschiedenen Liedertafeln, so wie des rühmlich bekannten Blankenburger Hornquartetts überrascht.

Noch im Laufe des Sommers ereigneten sich mehrfache Veränderungen in Spohr's dienstlichen Verhältnissen. Ein schon im Frühjahr eingetretenes bedauerliches Zerwürfniß zwischen der Hoftheater-Intendanz und dem bisherigen zweiten Kapellmeister Bott, wobei Spohr vergeblich nach beiden Seiten auf eine friedliche Ausgleichung hinzuwirken gesucht, hatte nämlich zu seinem großen Leidwesen schließlich Bott's Abgang von der kurfürstlichen Hofkapelle zur Folge. Da es für Spohr keineswegs erfreulich war, die seit Jahren gehabte Erleichterung in seinen Dienstgeschäften nun wieder entbehren zu müssen, so konnte es ihm nur erwünscht sein, zu hören, daß eine anderweitige Besetzung der erledigten Stelle beabsichtigt werde. Als er dann von der Ferienreise nach Cassel zurückkehrte, hatte man unter den zahlreich angemeldeten Bewerbern bereits einen vorläufig ausersehen sehen und nach Cassel eingeladen, um zur Probe die Direktion einer Oper zu übernehmen. Es war dies der beim Theater zu Mainz angestellte Kapellmeister Carl Reiß, von dessen ausgezeichneter Begabung als Dirigent Spohr schon in der von ihm am 17. August geleiteten Generalprobe von Meyerbeer's »Nordstern« sich genügend überzeugte. Da solches Urtheil sich dann auch bei der unter Reiß's Leitung am folgenden Abend stattfindenden Opernvorstellung bestätigt fand, so wurden die Unterhandlungen mit demselben weiter fortgesetzt und schon zu Anfang September trat er seine Stelle als zweiter Kapellmeister beim Casseler Hoftheater an, bei welcher Gelegenheit Spohr an seinen Freund Lüder u. A. schrieb: »In Bezug auf meine Theatergeschäfte habe ich durch die Anstellung des neuen Kapellmeisters, der ein geschickter und thätiger Künstler ist, dieselbe Erleichterung wie früher wiedergefunden; ja, ich bin sogar noch einige fade und langwellige Opern mehr losgeworden, als während Bott's Hiersein« etc. – An dem künstlerischen Eifer des jugendlichen Dirigenten hatte nun Spohr seine wahre Freude, – und da kurz nach ihm auch dessen liebenswürdige junge Frau (geb. v. Zabern aus Mainz) in Cassel einzog, wurden Beide von dem Spohrschen Ehepaare mit Herzlichkeit aufgenommen, und alsbald in dessen näheren Bekanntenkreis eingeführt.

Die durch die Anstellung des neuen Collegen gewonnene größere Muße benutzte Spohr zunächst zum Componiren, wozu trotz seines vorgerückten Alters die Lust und Liebe noch nicht erkaltet war. Mochten ihm die musikalischen Ideen auch nicht mehr so leicht zufließen und zu erwünschter Form sich gestalten lassen, wie in früheren Jahren, und äußerte er selbst auch mitunter Zweifel, ob seine späteren Werke sich ebenbürtig den früheren anreihen möchten, so wurde von anderer, oft ganz unerwarteter Seite her fortdauernd auch seinen neuesten Kompositionen enthusiastische Anerkennung zu Theil, die ihn immer wieder ermuthigte, in schaffendem Wirken fortzufahren. So erhielt er namentlich in dieser Zeit wiederholte Zuschriften von einem Wiener Musik-Enthusiasten ( Fr. Winter), welcher, obgleich persönlich ihm völlig unbekannt, von einem, in seinem Hause stattfindenden Quartettzirkel berichtete, wo »seit Jahren einstimmig nur der gefeierte Name » Spohr« und seine herrlichen Schöpfungen ertönten«, wobei dann noch speciell gerade über seine beiden neuesten Quartetten geäußert wurde: »Als wir am jüngstverflossenen Quartettabend Ihr letztes herrliches Quartett Nr. 32 spielten mit dem wunderbar ergreifenden Adagio in C-moll, und dem so jugendfrischen, geistsprühenden Scherzo, dessen Trio allein schon ein Meisterwerk von selbstständiger Melodienführung in den Mittelstimmen ist, konnten wir nicht länger unsere Bewunderung und Verehrung zurückhalten, und beschlossen, Ihnen brieflich den Ausdruck derselben darzulegen« etc. In einem weiteren Schreiben heißt es über das 33ste Quartett: »Wie entzückend schön ist auch diese Ihre jüngste Schöpfung, welche bisher an jedem Quartettabend uns auf's Neue mit Bewunderung und Dank gegen Sie erfüllte! Wie gerne möchte ich in die detaillirte Schilderung der einzelnen Sätze, wie z. B. des reizenden ersten Satzes, des harmoniereichen, ergreifenden Adagio, und des neckisch-muntern, geistsprühende Scherzo mit dem wundervollen Trio u. s. w. eingehen« etc. ... Aufgemuntert durch diese und ähnliche erfreuliche Mittheilungen beschloß Spohr nun, abermals ein Quartett (sein 34stes) zu schreiben, womit er gleich nach dessen Beendigung den Wintercursus seines noch immer fortdauernden Quartettkränzchens eröffnete. Obgleich die neue Composition den Mitwirkenden, wie den Zuhörern, überaus frisch und ansprechend erschien, so fand er sich selbst doch so wenig davon befriedigt, daß er nach einigen immer wieder verworfenen Abänderungsversuchen das ganze Quartett als mißlungen bei Seite legte, und erst nach Jahresfrist ein anderes, von jenem völlig verschiedenes, unter derselben Nummer an dessen Stelle setzte. Bei der ersten Ausführung im Quartettkränzchen sagte ihm das neue Musikstück auch ganz gut zu, bald nachher aber schien es ihm abermals mancher Verbesserungen zu bedürfen, und da ihm solche nicht nach Wunsch gelingen wollten, so gesellte er, schmerzlich resignirt, die seinem Innern noch vorschwebenden Ideen nicht mehr genügend ausführen zu können, – das neu erstandene 34ste Quartett dem bereits von ihm verworfenen zu, mit dem gegen seine Frau ausgesprochenen Wunsche, daß beide niemals der Oeffentlichkeit übergeben werden möchten. Ein gleiches Urtheil verhängte er auch über eine kurz zuvor componirte Symphonie, welche nur einmal, unter Zuziehung weniger, ihm nächststehender Musikfreunde, von der Kasseler Hofkapelle in einer Probe ausgeführt worden. Ungeachtet der darin enthaltenen mannichfachen Schönheiten und neuen Gedanken, schien sie ihm jedoch nicht geeignet, die stattliche Reihe seiner früher geschriebenen Symphonien würdig zu beschließen, und so wurde durch ihn selbst, diese – seine zehnte – Symphonie, zwar nicht zur Vernichtung, aber zu ewiger Verborgenheit verurtheilt.

Um diese Zeit ereignete sich ein verdrießlicher Vorgang, der, obgleich für Spohr eigentlich ohne weitere Bedeutung, doch hier wohl nicht unerwähnt bleiben darf, da derselbe in allen musikalischen Blättern zu wiederholter Besprechung Veranlassung gegeben. Seit längeren Jahren bereits Mitglied der in Leipzig bestehenden Bach-Gesellschaft, war Spohr nämlich jetzt im Namen des Comité's von Freundeshand aufgefordert, auch der neu zu gründenden Händel-Gesellschaft beizutreten, worauf er indessen auf gleichem Wege, nicht officiell, unter Anführung mehrfacher Gründe ablehnend antwortete. Einige Zeit nachher wurde er von seinen musikalischen Freunden auf einen Artikel in den »Signalen« aufmerksam gemacht, worin es hieß, er habe auf die an ihn ergangene Aufforderung geantwortet: »Da mir Händel noch unausstehlicher ist als Bach, so muß ich das ablehnen.« Obgleich er sich den Wortlaut der damals gegebenen Antwort nicht genau erinnerte, so konnte er in dem Angeführten jedenfalls nur eine häßliche Entstellung der von ihm gebrauchten Ausdrücke erkennen, und er schrieb daher in dieser Angelegenheit an Hauptmann: »So wenig ich sonst beachte, was in den Musikzeitungen steht, so hat mich doch der von Ihnen erwähnte Artikel sehr geärgert, weil es nur eine hämische Verdrehung der Ihnen gegebenen Antwort sein kann, da außer mit Ihnen ich mit Niemand über die Angelegenheit ein Wort weder mündlich noch schriftlich gewechselt habe. Es wäre daher wohl natürlich, daß Sie sich bei dem Redakteur der »Signale«, der den Artikel zuerst gebracht hat, einfach erkundigten, wer ihm meine Antwort so entstellt mitgetheilt habe, und von ihm verlangten, daß er sie widerrufe und berichtige. Sollte es Ihnen aber unangenehm sein, so bin ich auch der Meinung, daß die Sache nicht wieder aufgerührt, und lieber der Vergessenheit übergeben werde, da ohnehin kein vernünftiger Mensch glauben wird, daß ich so, wie der Artikel besagt, geantwortet haben könnte. Nur wünschte ich, daß wenigstens Gervinus durch Sie gelegentlich erführe, daß ich so nicht geantwortet habe, da mir an dessen guter Meinung allerdings gelegen ist.« Und wahrlich, wer irgend Gelegenheit gehabt zu sehen, wie Spohr in dem von ihm gestifteten Gesangverein eine lange Reihe von Jahren hindurch fast sämmtliche Händel'sche Oratorien immer von Neuem vorzugsweise zu den Vorträgen wählte und mit Ausrufen bewunderten Entzückens begleitete, – wie er keine Mühe scheute, um bei nicht allzu glänzenden Gesangeskräften dennoch zu wiederholten Malen die schwierige Passionsmusik von Bach am Charfreitag zu würdiger öffentlicher Aufführung zu bringen, – wer das Alles mit erlebte, dem konnte es wohl nicht zweifelhaft bleiben, daß der seinen Ablehnungsgründen entnommene Mangel an Interesse keinenfalls auf die ihm größtentheils längst bekannten hochgeschätzten Meisterwerke selbst bezogen werden durfte, sondern nur auf den eignen Besitz jener umfangreichen Partituren, zu deren Studium er, nachdem er bereits in's Greisenalter getreten, allerdings nicht mehr geneigt sein mochte.

Im Sommer 1857 benutzte Spohr seine Ferienzeit zu einer Reise nach Holland, das seiner Erinnerung von früheren Besuchen her noch in freundlichstem Lichte vorschwebte, daher er längst gewünscht hatte, in Gesellschaft seiner Frau das ihr noch fremde, durch so manche Eigenthümlichkeit ausgezeichnete Land einmal wieder zu bereisen. So wenig er dabei in solcher Jahreszeit auf irgend welche musikalische Genüsse gerechnet hatte, so sehr war er erfreut, gleich am ersten Abend bei Verhulst in Rotterdam in einem zahlreichen Kreise von Künstlern und Kunstfreunden mehrere Quartette von seiner und Verhulst's Composition vortragen zu hören, wobei der ihm von früher befreundete Geiger Tours die erste Stimme mit großer Virtuosität ausführte. Von Rotterdam aus begleitete die Reisenden auf ihrer weiteren Fahrt durch Holland ein ehemaliger Spohr'scher Schüler, Musikdirektor Böhm aus Dortrecht, der seine von Jugend auf bewiesene wahrhaft rührende Anhänglichkeit an den verehrten Meister auf's Neue dadurch bethätigte, daß er nicht müde wurde, demselben jegliche Sorge und Beschwerde des Reisens im fremden Land zu erleichtern und auf sich zu nehmen. Den Anordnungen des trefflichen Reisemarschalls, wie Spohr ihn scherzhaft zu nennen pflegte, willig folgend, konnten die Reisenden nun in verhältnißmäßig kurzer Frist sich der reichen Sehenswürdigkeiten in den bedeutenderen Städten Hollands erfreuen, worauf dann noch von Amsterdam aus eine weitere Fahrt nach dem jenseits des »V« gelegenen Theil von Nordholland unternommen wurde. Die Fremdartigkeit der ganzen Gegend, die von zahllosen Kanälen und Seen durchschnittenen Wiesen mit weidendem Vieh, die vielen Hunderte von zierlich bemalten Windmühlen, der lachend blaue Himmel, und das leichte Dahinrollen auf prächtiger, gleich einem Parketboden glatt gepflasterten Chaussee, kurz die ganze reizende Fahrt, so wie deren interessante Zielpunkte, die berühmten Orte: Saardam und Broek, gewährten eine Reihe der anmuthigsten Bilder, die jegliche Erwartungen übertrafen und insbesondere Spohr in die heiterste Stimmung versetzten.

Bis Utrecht geleitete der treue Begleiter Böhm die Reisenden zurück, sie dort abermals in guten Händen im gastlichen Hause eines dankbaren Spohr'schen Schülers, des Musikdirektors Kufferath zurücklassend, der ihnen einige höchst vergnügte Tage bereitete. Da die an prächtigen Landsitzen und weiten Parkanlagen reiche Umgegend von Utrecht Veranlassung zu genußreichen Spazierfahrten mit der Familie darbot, und auch die musikalischen Huldigungen für Spohr – ein schnell arrangirtes Orgelconcert des Domorganisten Nieuvenhuisen, so wie am Abend eine großartige Fackelmusik – nicht ausblieben, so reihten sich die Eindrücke auch dieser Tage freundlich den vorhergegangenen an.

Auf der Rückreise verweilte Spohr noch einen Tag in Cöln, wo Kapellmeister Hiller schnell ihm zu Ehren ein glänzendes Diner mit darauf folgenden höchst interessanten Musikvorträgen in seinem Hause veranstaltete. Hiller selbst spielte mit großer Bravour eine von ihm neuerlich componirte Claviersonate von enormer Schwierigkeit; auch gab auf Spohr's ausdrücklichen Wunsch der junge Componist Max Bruch, der kurz zuvor durch seine Preisarbeit das Stipendium der Frankfurter Mozartsstiftung erlangt hatte, einige Nummern aus der von ihm componirten komischen Oper: »Scherz, List und Rache« zu hören, die allgemeine Zustimmung, insonderheit aber auch Spohr's lebhaften Beifall fanden. Noch am späten Abend folgte dann eine musikalische Ueberraschung, indem der berühmte Cölner Männergesangverein sich in aller Stille im Gasthof versammelte und, seine schönsten Lieder vor der Thüre des geehrten Gastes anstimmend, denselben durch meisterhaften Gesang so wie durch eine mit begeisterten Akklamationen begleitete, ehrende Anrede des Professors Bischof hoch erfreute.

So kehrte denn Spohr in jeder Hinsicht befriedigt von der Reise nach Cassel zurück, wo er neu gekräftigt und erfrischt sich mit gewohntem Eifer und Interesse seinen, durch die Theilung mit dem jungen thätigen Kollegen wesentlich verringerten Berufsgeschäften widmete. Schon damals tauchte indessen hier und da das Gerücht auf, man gehe damit um, ihn in Ruhestand zu versetzen; als er aber von befreundeter Seite hierauf aufmerksam gemacht und ihm an Hand gegeben wurde, ob er nicht lieber zuvorkommen und seine Pensionirung selbst beantragen wolle, so erwiderte er mit großer Entschiedenheit: es geböten ihm Pflicht und Neigung, seine Berufsgeschäfte beizubehalten, so lange er dieselben genügend erfüllen könne. So blieb denn Alles beim Alten, bis ihm am 14. November wider Wunsch und Erwarten nachstehendes kurfürstliches Rescript zuging:

»Nachdem Wir den General-Musikdirektor und Hof-Kapellmeister bei Unserem Hoftheater Dr. Louis Spohr wegen vorgerückten Alters in den Ruhestand allergnädigst versetzt, ihm auch vom 1. künftigen Monats an eine jährliche Pension von 1500 Thaler aus Unserer Hofkasse bewilligt haben, so hat Unser Ober-Hofmarschall-Amt hiernach das Weitere zu verfügen. Cassel, den 12. November 1857. Friedrich Wilhelm

So schmerzlich nun auch Spohr hiervon berührt wurde, so wußte er mit der ihm eigenen Seelengröße sich über diesen Eindruck zu erheben und der Sache alsbald ihre guten Seiten abzugewinnen, in welchem Sinne er sich damals vielfach in Briefen an auswärtige Freunde aussprach, u. A. bei Beantwortung eines von Kapellmeister Bott bald nachher in andern Angelegenheiten an ihn gerichteten Schreibens, worin er sagte: »Daß ich vom Kurfürsten, ohne mein Verlangen, in den Ruhestand versetzt worden bin, und daß er mich, trotzdem ich mir meinen Gehalt auf Lebenszeit ausbedungen hatte, mit 1500 Thaler pensionirt hat, scheinst Du noch nicht erfahren zu haben. Es steht jedoch bereits, so wie auch die Beschreibung der Festivität, mit der ich zum letzten Mal die Jessonda im Theater dirigirte, in allen Zeitungen. Anfangs war es mir fatal, weil ich mich zum Dirigiren der wenigen Opern, die zuletzt noch meinen Antheil bildeten, noch vollkommen rüstig fühle. Bald aber lernte ich meine jetzige Freiheit erkennen und würdigen, und fühle mich nun sehr froh, in jedem Augenblick auf die Eisenbahn gehen und hinfliegen zu können, wohin ich will! Auch habe ich mir den Gehaltsabzug gefallen lassen, weil ich erfuhr, daß ich ohne einen neuen Proceß nicht die Auszahlung des vollen Gehalts würde erwirken können und weil es meinem Gefühle widerstrebte, ohne alle Geschäfte von meiner Seite den vollen Gehalt annehmen zu sollen, da ich auch mit Dreiviertel, mit Hülfe meines Ersparten, sehr gut auskommen kann!« etc.

Sobald Spohr sein Pensionirungs-Rescript erhalten hatte, war es nun seine nächste Sorge, wie es mit dem in den nächsten Tagen bevorstehenden Abonnements-Concert, zu welchem er bereits mehrere Proben gemacht hatte, gehalten werden solle, und er fragte am folgenden Morgen beim Hofmarschall v. Heeringen deshalb an, woraus er nachstehendes verbindliches Antwortschreiben erhielt: »Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich, im Verfolg unserer heutigen Unterredung ergebenst in Kenntniß zu setzen, daß, Ihrem Wunsche entsprechend, gar nichts im Wege stehet, wenn sich das nächste Concert noch Ihres Direktoriums zu erfreuen haben wird, daß ich jedoch diese Gelegenheit als einen letzten Abschied von Ihrem so ruhmreich geführten Amte nicht zu betrachten bitte, vielmehr ich dringend hoffe, daß Sie meinem Ersuchen, noch einmal zu diesem Zwecke Ihre schöne Jessonda uns vorzuführen, entsprechen werden. Der ich stets mit aufrichtigster Hochachtung verbleibe Ew. Hochwohlgeboren ganz ergebenster v. Heeringen

Konnte nun Spohr unter den obwaltenden Umständen auch nicht so freudigen Mache-, wie sonst, zum Dirigirpult treten, so ging doch unter seiner Leitung das Concert trefflich von Statten, worauf dann wenige Tage nachher, am 22. November, die Aufführung der »Jessonda« und eine damit verbundene solenne Abschiedsfeierlichkeit folgte, die freilich bei so unerwünschter Veranlassung allgemein wohl vorherrschend schmerzliche Empfindungen hervorrufen mußte. Auch mochte Spohr sich gern den trüben Eindrücken und Aufregungen dieser Tage bald entziehen wollen, denn schon am folgenden Morgen benutzte er die neu gewonnene Freiheit zu einem Ausflug nach Catlenburg zu seinem Freund Lüder, und es mußte daher eine ihm noch zugedachte feierliche Abschiedsserenade der Hofkapelle bis nach seiner Rückkehr aufgeschoben werden, wo dann am Abend die sonst gewohnte trauliche Stille seines Gartens durch die lebensfrischen Klänge seines trefflich ausgeführten Notturno's, und durch das donnernde »Hoch« der bereits zuvor in lautlosem Schwelgen versammelten Zuhörermenge in überraschender Weise unterbrochen wurde.

So hatte denn für Cassel Spohr's eigne Mitwirkung bei Oper und Concerten ihr Ende erreicht! Daß er dennoch, insonderheit den letzteren, nach wie vor sein wärmstes Interesse bewahrte, davon zeugen seine Berichte an auswärtige Freunde; so schrieb er unterm 22. December an Amtsrath Lüder: »Seit wir bei Ihnen waren, haben wir hier das zweite Abonnements-Concert gehabt! Es war dies das erste Concert in Cassel, welches ganz ohne meine Mitwirkung stattfand und welchem ich von Anfang bis zu Ende als Zuhörer beiwohnte. Es brachte sorgfältig eingeübte Musik: die beiden Finale aus »Zemire und Azor« und aus »Euryanthe«; von Instrumental-Musik die Mozart'sche C-dur-Symphonie mit der Fuge (Jupiter genannt). Von Concertsachen das Beethoven'sche Violinconcert mit den Joachimschen Cadenzen, und ein Concertstück von Moscheles für zwei Pianoforte, » Hommage à Haendel« genannt, von den Herren Reiß und Tivendell sehr genau und effektvoll gespielt. Den Anfang des Concertes machte eine Ouvertüre zu »Rosamunde« von Schubert, eine Jugendarbeit von ihm, die aber recht ansprechend ist, und mir noch ganz neu war. Reiß hat sich wieder, sowohl durch das Arrangement, wie auch durch das sorgfältige Einüben der Musik viel Ehre erworben.« Weiter wird dann in demselben Briefe berichtet: »Auch zwei Quartettparthien haben wir wieder gehabt, und ich freue mich, Ihnen melden zu können, daß es mit dem Geigen noch immer geht, nur muß ich mich allerdings einige Tage vorher vorbereiten, was in früheren Jahren nicht nöthig war!« Diese Quartett-Abende im Kreise weniger befreundeter Familien gereichten Spohr stets zu großer Freude. Alljährlich beim Herannahen des Winters war er zeitig darauf bedacht, sie wieder einzurichten, und pflegte meist im eignen Hause das Kränzchen alsdann zu eröffnen, so weh es ihm auch that, wenn oftmals durch den Tod inzwischen Lücken in dem Mitglieder-Kreise entstanden waren, worunter er namentlich zwei seiner ältesten und treuesten Freunde, O. G. Direktor v. Schmerfeld und O. Hofmarschall v. d. Malsburg, die in den beiden letzten Jahren abgerufen waren, lange schmerzlich vermißte..

Der in dieser Zeit nochmals sich mächtig regende Drang zum Componiren einerseits, und die Sorge, dennoch nichts wirklich Gutes und Neues mehr hervorbringen zu können, andererseits brachten manchen peinlichen Kampf in Spohr's Innerm hervor, – bis er eines Morgens mit freudiger Miene zu seiner Frau in's Zimmer trat, ihr zu verkünden, daß er nun den richtigen Ausweg gefunden habe: ein Requiem wolle er schreiben, wozu schon die schönsten Ideen in seiner Seele auftauchten; er hoffe, dasselbe noch zu vollenden, und seinen zahlreichen Werken als würdigen Schlußstein anreihen zu können. In froher Begeisterung ging er nun gleich an die Arbeit, und schrieb die ersten Sätze binnen wenigen Tagen, dann aber sollte ihm auch diese Freude, so wie die noch kurz zuvor gerühmte am eignen Quartettspielen gestört werden, indem er am zweiten Weihnachtstag das Unglück hatte, bei seinem täglich gewohnten Weg nach dem Lesemuseum in der Abenddämmerung durch einen Fall auf der am Eingang befindlichen steinernen Treppe den linken Arm zu brechen. Die Heilung ging zwar über alles Verhoffen schnell und glücklich von Statten, und als er nach mehrmonatlicher Unterbrechung in gespannter Erwartung des Erfolgs die Geige wieder zur Hand nahm, um derselben die ersten Töne zu entlocken, so schien zunächst der Versuch auch ganz befriedigend auszufallen; bei den mit großer Ausdauer längere Zeit hindurch fortgesetzten täglichen Uebungen gewann er jedoch bald die leidige Ueberzeugung, daß der Arm die erforderliche Kraft und Elasticität nicht wieder erlangen werde, worauf er dann, als er auch hierin sich selbst nicht mehr zu genügen vermochte, abermals um eines seiner köstlichsten Lebenselemente ärmer geworden, trauernd die geliebte Geige zur Ruhe legte!

Inzwischen bot sich jedoch anderwärts mehrfach erwünschte Veranlassung für Spohr, seinen musikalischen Interessen nachzukommen und sich der Ausführung seiner größeren Werke zu erfreuen. So folgte er, kaum vom Armbruch wiederhergestellt, einer Einladung nach Magdeburg, zu der am Charfreitag stattfindenden Aufführung seines Passions-Oratoriums: »des Heilands letzte Stunden«, worüber er dann äußerst befriedigt an Amtsr. Lüder berichtete: »Orchester, Chöre und Sologesang waren gleich trefflich eingeübt und machten in der für den Klang sehr vortheilhaft gebauten Ulrichskirche einen wirklich himmlischen Effekt. Besonders waren die Solostimmen, die größtentheils dem ( Seebachschen) Gesangverein angehörten, herrliche, wohlklingende und kräftige Dilettantenstimmen, die sich, von ihrem Director Mühling angeleitet, ganz in den Geist der Composition hineingedacht hatten, und mich in der That ganz überraschten und entzückten! Auch die Begleitung der Soloinstrumente bei der großen Arie der Maria im zweiten Theil war vortrefflich, da man den Harfenisten Grimm aus Berlin hatte kommen lassen, und die übrigen Soloinstrumente, Violine, Violoncell und Horn, zufällig bei dem Magdeburger Theater-Orchester durch Virtuosen besetzt sind.« etc.

In einem ähnlich berichtenden Briefe an Hauptmann vom 6. April, wo Spohr auch seiner weiteren Reisepläne erwähnt, äußert er dann ferner: »Ob diese Ausflüge alle wirklich stattfinden werden, ist noch nicht entschieden; wohl aber, daß ich für den Rest meines Lebens auf solche Kunstgenüsse beschränkt bin, da ich nun die Ueberzeugung gewonnen habe, daß ich keine neuen größeren Werke mehr zu Stande bringen kann, denn leider ist auch mein letzter Versuch der Art mißglückt, und mein Requiem ein Fragment geblieben; allein da die Sätze bis zum Lacrimosa dies illa, in welchem ich hängen geblieben bin, mir recht gut gefallen und manches neu und gut Erfundene zu haben scheinen, so werde ich es doch nicht vernichten, da ich später lieber einmal wieder ansetzen, und einen Versuch, es fertig zu bringen, machen will.«

Dieser Versuch, dem Spohr kurz nachher noch einen halben Tag in willenskräftiger Ausdauer widmete, blieb dennoch ohne Erfolg, und brachte ihn schließlich zu dem in schmerzlicher Ergebung ausgesprochenen Entschluß: das Componiren nun gänzlich aufzugeben, da er sich außer Stande fände, die ihm immer noch vorschwebenden musikalischen Gedanken zu klarer Gestaltung zu bringen. Am Schlusse des erwähnten Briefes heißt es noch: »Für Ihre freundlichen Glückwünsche zu meinem Geburtstage danke ich herzlichst! Trotz meiner jetzigen Verstimmung über meine künstlerische Impotenz habe ich ihn noch ganz leidlich vergnügt verbracht. Dies war wohl eine Folge der glücklich vollbrachten Reise.«

Kaum drei Wochen später begab sich Spohr denn auch schon wieder voll froher Erwartung auf die Reise, und zwar diesmal nach Bremen, wo Musikdirektor Engel in seinem neuerdings gegründeten Gesangverein es sich zur Aufgabe gestellt hatte, gleich bei dessen erster öffentlicher Aufführung Spohr's Oratorium: »der Fall Babylon's« zu Gehör zu bringen, eine große Aufgabe, die dann in so würdiger Weise gelöst wurde, daß Spohr selbst sich auf's Höchste davon überrascht und ergriffen fühlte. Außer den trefflich eingeübten und mit dem Ausdruck wahrer Begeisterung ausgeführten Chören war es namentlich auch die Parthie des Chrus, welche durch die klangreiche Stimme und den ausdrucksvollen Vortrag des Hoffängers Degele aus Hannover zu vollster Geltung gebracht wurde. Die begeisterte Stimmung, von welcher schon während der Aufführung Mitwirkende und Zuhörer sichtlich beseelt waren, fand ihren Ausdruck dann in Trinksprüchen und Reden auf Spohr und sein eben vernommenes Werk sowohl während des unmittelbar nachfolgenden Festmahls, wie auch bei dem Tags darauf für ihn veranstalteten Feste des dortigen Künstlervereins, dessen Feier mit einem ihn besonders erfreuenden Festgruß begann, worin nach der poetisch ausgeführten Aufzählung seiner größeren Werke nachstehende ansprechende Zeilen folgten:

»Wer schaut auf einen solchen seltnen Reichthum
Mit Staunen nicht und mit Bewund'rung hin?
Wem füllt mit Ehrfurcht sich die Seele nicht,
Wenn mannigfache Bildung, edle Sitte,
Wenn treue, feste, männliche Gesinnung,
Die oft genug im Leben sich erprobte,
Sich eng noch solcher Schöpferkraft vereint?

Und dieser Meister, der so Großes schuf,
Der schon so oft mit seinen mächt'gen Klängen
Uns hinriß, weilt in unsrer Mitte heute,
Wir sehen ihn zu unsrer Freud' und Rührung
Noch geistesfrisch und kräftig unter uns,
Und neigen demuthsvoll vor ihm das Haupt.

»Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht; nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.«
Mit diesem Spruch des Dichters, dessen Säugen
Du Deiner Töne Zauber oft gesellt,
Begrüßen wir mit tiefbewegter Brust

In unsrer Künstlerhalle Dich, o Spohr!
Nun ward sie erst ein rechtes Heiligthum
Der Kunst, der Iren wir unsern Dienst gelobten,
Und wir betreten sie mit größrer Andacht,
Seit Du durch Deine Gegenwart sie weihtest« etc.

Dem »Festgruß« folgte in trefflicher Ausführung Spohr's Quartett E-moll und sein Doppelquartett D-moll, worauf dann ein glänzendes Souper den Schlußstein des festlichen Abends, so wie des in allen Richtungen hochbefriedigenden Bremer Aufenthaltes bildete.

Für Anfang Juli hatte Spohr eine Einladung nach Prag, wo das fünfzigjährige Jubiläum des dortigen Conservatoriums durch drei große Musikaufführungen – darunter auch seine Oper »Jessonda« – verherrlicht werden sollte. Nach der am ersten Morgen vorausgegangenen kirchlichen Feier folgte Abends ein großes Concert im Theater. Dasselbe begann mit einer neuen Symphonie von Kittl, dem Direktor des Conservatoriums, welche, gleichwie die übrigen Ensemblestücke, von den im Institute befindlichen Zöglingen ausgeführt wurde, während zu den Solovorträgen sich auswärtige, ebenfalls dort ausgebildete Künstler, u. A. die berühmten Geiger Dreyschock und Laub, eingefunden hatten. Zum zweiten Abend hatte man, wie es in dem darüber berichtenden »Tagesboten aus Böhmen« hieß, »nicht nur um den anwesenden berühmten Tonmeister zu ehren, sondern um den Abend jedem wahren Kunstfreunde zu einem wahren Festabend zu machen, »Jessonda« von Dr. Louis Spohr zur Festvorstellung gewählt, und Prag hatte diesmal die Freude, den geistig noch frischen Greis sein Werk selbst leiten zu sehen« ... »Als Spohr an das mit Lorbeer umzogene, und mit einem solchen Kranze gezierte Pult trat, empfing ihn der donnernde Jubel des massenhaft gefüllten, mit allen Notabilitäten der Kunst besetzten Hauses. Bei jedem schönen Momente, deren die reizende Jessonda, das noch nicht übertroffene Muster der deutschen lyrischen Oper, eine ununterbrochene Perlenkette ist, galt die freudige Acclamation erst dem Meister, dann den Sängern. Nach dem zweiten Act rief der Enthusiasmus den greisen Tondichter auf die Bühne, ebenso nach dem letzten Acte, wo ein neuer prachtvoller Lorbeerkranz dem Gefeierten zuflog ... Die Leitung des verehrten Meisters Spohr hat noch volle Rüstigkeit und Aufmerksamkeit für jedes Detail, sein Taktschlag ausgeprägte Eigenthümlichkeit« etc. Das für den dritten Abend veranstaltete » concert spirituel«, dessen Hauptnummer die neunte Symphonie von Beethoven bildete, machte den Beschluß der eigentlichen musikalischen Feier; doch kam bei dem am folgenden Tage stattfindenden großen Festmahl noch eine Reihe auserlesener Musikstücke zur Ausführung, wobei man die Gelegenheit wahrnahm, sowohl durch den mit lauten Acclamationen aufgenommenen Vortrag der Jessonda-Ouvertüre, wie auch in jeder sonst erdenklichen Weise Spohr, dem Nestor der zahlreich versammelten Kunstjünger, gleichsam als König des Festes zu huldigen. Nicht minder als all solche Auszeichnung erfreute ihn aber die mit freundlicher Zuvorkommenheit an ihn gesandte Einladung zum Besuch des durch Mozart's längeres Verweilen geweiheten Landhauses in der Nähe von Prag, wohin der gegenwärtige Besitzer, Herr Popelka, ihn selbst begleitete um ihn in die auch von Spohr als wahres Heiligthum betrachteten Räume, wo Mozart seinen »Don Juan« componirte, einzuführen.

Weniger glücklich erging es Spohr auf der Rückreise hinsichtlich der Erfüllung eines langgehegten Lieblingswunsches. Seit Jahren hatte er nämlich vergebens danach gestrebt, die ihm nur im Clavierauszug bekannte Mozart'sche Oper: »Idomeneo«, deren Aufführung er in Cassel nicht durchzusetzen vermochte, auf auswärtigem Theater zu hören, und zu gleichem Zwecke auch jetzt schon im Beginn des Sommers, unabhängig von dem erst später zugesagten Besuch in Prag, eine Reise nach Dresden projectirt, da ihm – so äußerte er damals brieflich an seinen Freund Lüder – »bei der immer größeren Dürre auf dem modernen Opern-Repertoire eine noch unbekannte Oper von Mozart ein viel zu wichtiges Ereigniß für sein Kunstbedürfniß sei, als daß er nicht mit Freuden eine selbst noch weitere Reise darum machen sollte.« Lange zuvor hatte er deshalb an den ihm befreundeten Kapellmeister Reißiger geschrieben, und glaubte nun endlich vor oder nach dem Prager Musikfest seine Hoffnung in Dresden verwirklicht zu sehen. Leider konnte jedoch wegen Abwesenheit der Hauptsänger die Oper abermals nicht zu Stande kommen, und so reiste er, einstweilen auf den Herbst vertröstet, von dort ab, den Weg nach Alexandersbad einschlagend, wo er während eines achttägigen vergnügten Aufenthaltes sich nach den Anstrengungen der vorhergegangenen Reise erwünschter Ruhe und Erholung erfreute.

War nun auch Spohr höchst befriedigt und offenbar erfrischt von dieser abermals so schönen Reise heimgekehrt, so trat doch von da an immer häufiger jene trübe, nachdenkliche Stimmung bei ihm hervor, die früher seinem Wesen durchaus fremd gewesen. Er pflegte dann wohl zu seiner Frau, die vergeblich Alles aufbot, ihn zu erheitern, nach langem ernsten Schweigen zu sagen: er sei dies Leben müde, da er nichts mehr wirken könne, er habe ausgenossen, was das Erdenleben eben zu bieten vermöge, und namentlich eine so weit verbreitete Anerkennung und Liebe für seine Musik erlebt, wie er es kaum je hätte hoffen können, – nun wünsche er sehnlich sein Ende herbei, ehe Altersbeschwerden ihn völlig niederdrückten. Dennoch fühlte er sich immer wieder freudig angeregt durch die Aufforderungen zu neuen Reisen und Kunstgenüssen, wozu sich noch für den Herbst verschiedene eingefunden hatten, z. B. für September nach Wiesbaden zum mittelrheinischen Musikfest und für den Oktober nach Leipzig zu Aufführungen seiner eignen und anderer ihn besonders interessirender Werke im Gewandhaus-Concert, im Conservatorium und in der Kirche, – wo er dann wirklich an beiden Orten den zahlreichen Musikaufführungen mit ausdauernder Theilnahme und Freude folgte, und daneben die in ausgedehntester Weise ihm dargebrachten Huldigungen mit froher Genugthuung hinnahm. Hatte auch sein sehnliches Verlangen, bei Gelegenheit dieser Leipziger Reise nun endlich auch in Dresden den »Idomeneo« zu hören, abermals nicht erfüllt werden können, so war ihm dagegen eine große Freude durch die Zuvorkommenheit der Frankfurter Theater-Intendanz bereitet, die nämlich auf seinen desfalls geäußerten Wunsch sogleich für den Tag seiner Durchreise von Wiesbaden die Oper »Medea« von Cherubini ansetzte, deren klassisch schöne Musik ihm dann einen hohen Genuß gewährte.

Da mit den abnehmenden Tagen und dem trüben Winterwetter die Schlaflosigkeit und Nervenaufregung während der langen Nächte, die auch in Leipzig ihn störend heimgesucht, von da an langsam aber bemerklich zunahm, und am Tage meist Abspannung und Mißbehagen zur Folge hatte, so wollte keine rechte Heiterkeit mehr bei ihm einkehren. – Kurz nach dem Besuch in Leipzig, wo ihn die Orchestervorträge unter Rietz's trefflicher Leitung ganz besonders entzückt hatten, schrieb er an Hauptmann u. A.: »... Ich kann Ihnen nicht sagen, wie uns diesmal Alles, was wir von Musik in Leipzig hörten, gefallen hat ... Bei dem frommen Eindruck, den Ihre Motette am Sonntag auf uns machte, beneide ich Sie nicht wenig, daß Sie noch so rüstig fortarbeiten können, während ich mit allem Schaffen und Selbstmusiciren leider völlig am Ende bin! ... Gestern bekam ich vom musikalischen Kritiker Zellner aus Wien die Nachricht, daß daselbst eines meiner Oratorien aufgeführt werden soll, und er lud mich Namens der Unternehmer ein, die Direction desselben selbst zu übernehmen. Vor einer Reihe von Jahren hatte der österreichische Verein die Absicht, meinen »Fall Babylons« als Musikfest in der kaiserlichen Reitschule zu geben; damals war aber selbst mit Hülfe Metternichs der Urlaub für mich nicht auszuwirken. Jetzt, wo ich abkommen könnte, muß ich, da ich invalide bin und die Reise zu weit und beschwerlich ist, von Neuem verzichten. Ich werde daher ablehnen und mich mit kleineren Reisen in der guten Jahreszeit begnügen. Allein Kämpfe und Verstimmung sind bei solchen Gelegenheiten unausbleiblich! und so möchte man das Loos mehrerer persönlicher Bekannten beneiden, die in den letzten Tagen unerwartet gestorben sind ...« Mit eben so schmerzlichen Gefühlen und nicht ohne innere Kämpfe schrieb Spohr den Absagebrief auf die in jener Zeit an ihn ergehende Einladung zum 100jährigen Händelsfest in Königsberg, wo er auserkoren war, den herrlichen »Messias« und eines seiner eignen Werke zu dirigiren, und wo man beabsichtigte, »auf ihn, als einzig würdigen Repräsentanten des großen Händel, alle Liebe und Verehrung, die man Jenem nicht persönlich erweisen könne, – in aller Fülle und Wärme überströmen zu lassen«. – Zu den mannigfachen Ehrenbezeugungen, welche Spohr auch noch in diesem, seinem letzten Lebensjahre zu Theil wurden, gehörte auch die Ernennung zum Ehrenmitglied der kurz zuvor gestifteten » musical Society« in London. Eine bei dieser Veranlassung vorgenommene Zählung der schon vorhandenen Ehrendiplome ergab eine Anzahl von 38, worunter auch eins aus Newyork, aus Buenos-Ayres, aus Petersburg, aus Stockholm, zwei aus Rom und zwei aus Holland.

Da Spohr seit langen Jahren von der ganzen musikalischen Welt als oberste Autorität in Allem, was seine Kunst anging, anerkannt wurde, so verging selten ein Tag, wo nicht Anliegen, Anfragen und Bitten verschiedener Art, oft aus fernen Gegenden einliefen, die seine wahrhaft aufopfernde Gefälligkeit nie unberücksichtigt gelassen hatte, – die er aber nun, wenn auch schweren Herzens, mehr und mehr abwehrend, zurückweisen mußte. Einer Zuschrift jedoch mag hier erwähnt werden, die in besonders günstigem Moment eintreffend, noch einmal seine Lust zu einem letzten Compositionsversuch anfachte, der dann auch wirklich der allerletzte geblieben ist! Schon seit Jahren nämlich zu wiederholten Malen durch Herrn Chr. Schad, Herausgeber des deutschen Musen-Almanachs, in oftmals unwiderstehlichen Worten ersucht, kleine Lieder für denselben zu schreiben, hatte Spohr dann jedesmal die Freude, daß solche willig gewährte kleine Gaben mit ganz außergewöhnlichem Beifall aufgenommen wurden. Noch im Herbst 1857, da er schon mit Zagen an die von Herrn Schad dringend gewünschte Composition des alten Liedes: »die verschwiegene Nachtigall« von Walther v. d. Vogelweide ging, ward ihm in einem sehr poetischen Dankschreiben »die Bewunderung über die innige und sinnige musikalische Auffassung des schönen Liedes« ausgedrückt und hinzugefügt: »Eine große Genugthuung ist es für ein deutsches Gemüth, zwei Meister seiner Nation, trotzdem sie über sechshundert Jahre auseinanderliegen, in einer so edlen, einfachen, harmonischen Form von Wort und Ton den reichen Schatz ihres Innenlebens fassen zu sehen u. s. w. ...« Jetzt nun, October 1858, ein halbes Jahr nachdem er sein unvollendetes Requiem als letzten Compositionsversuch bei Seite gelegt, erhielt er ein abermaliges Schreiben, mit den Worten beginnend: »Ihre verschwiegene Nachtigall, die in den dichten Lauben des vorjährigen Musen-Almanachs ihr klangreiches Nest gebaut, hat gerade um ihrer beredten Verschwiegenheit willen den lautesten Beifall bei der deutschen Nation gefunden. Wer auch noch wüßte seelenvollere Klänge anzuheben, wer bewegte ein deutsches Herz tiefer und reiner, als der liebe, treffliche Meister Spohr! Kein Wunder, wenn ich auch heuer wieder bei Ihnen anklopfe. Ich komme ja im Namen und im Auftrag von mehr als achtzig der besten deutschen Köpfe und Herzen, die mich als ihren Fahnenträger für eine edle, vaterländische Sache gutheißen ... Ich lege drei der schönsten Göthe'schen Lieder unmaßgeblich zur Auswahl vor und gebe mich der fröhlichen Zuversicht hin, das eine oder andere von Ihrer Meisterhand in melodisches Gewand gehüllt zu sehen ...« Und wirklich, schon am folgenden Morgen hörte seine Frau mit freudiger Rührung aus seinem Zimmer herübertönend die lang verstummten Klänge seines Claviers und seines immer noch so wohllautenden Gesanges. Nach wenig Stunden dann kam er in froher Bewegung, sie zu holen, um ihr das neue Lied: »Herz, mein Herz, was soll das geben« von Göthe, sogleich vorzusingen, nachdem es in der Hauptsache schon fertig war, nur der Rhythmus und der Schluß sich noch nicht recht gestalten wollte und ihm noch länger zu schaffen machte. Als seine Frau, erfreut über das lebensvolle, schöne Lied, doch dabei die Bemerkung nicht unterlassen konnte, daß es sehr auffallende Ähnlichkeit mit Beethovens Composition desselben Textes hätte, versicherte er, dieselbe nicht zu kennen, wenigstens durchaus keine Erinnerung davon zu haben, wünschte aber deren Herbeischaffung, um sich von der Ähnlichkeit selbst zu überzeugen. – Mit seinem eignen Liede war er nun ziemlich zufrieden und äußerte, gewiß mit Recht, daß es wohl ganz gute Wirkung machen werde, wenn nicht die Vortragenden, wie dies bei seinen Compositionen so oft geschähe, durch schleppendes Tempo es verdürben, eine Bemerkung, die deshalb charakteristisch ist, weil Spohr, so oft er auswärts oder nicht unter seiner eignen Leitung eingeübt seine Werke hörte, sich stets durch mancher zu langsam darin genommene Tempo, nicht leicht aber durch ein zu rasches unangenehm berührt fühlte. Als nun das neue Lied von seiner Nichte Emma Spohr, die, mit schöner Stimme begabt, solche Lieder in den Familienzirkeln vorzutragen pflegte, – unter seiner Aufsicht einstudirt ward, sang er selbst in lebendigster Bewegung und fast athemloser Hast die drei, ohne Zwischenspiel sich aneinander schließenden Strophen ihr vor, um sie zu gleichem Vortrag zu ermuntern. – Nach wenigen Wochen aber, da ihm das Manuskript wieder zu Gesicht kam, erklärte er mit trauriger Miene das Lied für eine werthlose Arbeit, und bereute, es für den Druck im Musen-Almanach abgeschickt zu haben!

Als charakteristisch für seinen noch immer nicht rastenden Drang nach nutzenstiftender Thätigkeit mag hier nur eines Umstandes erwähnt werden: Da er nach seinem Armbruch mit dem Aufgeben des eignen Violinspiels glaubte, auch als Lehrer seines Instruments nicht mehr genügen zu können, so hatte er damals seine letzten Violinschüler, unbemittelte junge Leute, die er aus Menschenliebe und Kunsteifer bis dahin noch unterrichtet, – verabschiedet. Nun aber, im December 1858, tritt er nochmals als lehrender Wohlthäter auf, worüber er in einem Brief an Hauptmann äußert: »Um in der Kunst doch noch einigermaßen thätig sein zu können, habe ich angefangen, einem jungen Mädchen, die sich zur Clavierlehrerin ausbilden will, gratis Clavierunterricht zu geben. Wenn es darauf ankommt, der Schülerin etwas vorzuspielen, muß ich freilich meine Frau oder Schwägerin zu Hülfe rufen« etc.

So war denn der diesmal besonders gefürchtete Winter, – sein letzter, – herbeigekommen! Nach einer schlaf- und ruhelosen, in höchst peinlicher Aufregung verbrachten Nacht nahm er am Neujahrsmorgen 1859 die Wünsche seiner Angehörigen und Freunde in ernster Schweigsamkeit an, – blickte aber immer noch hoffend auf einen »recht schönen Frühling und Sommer« hin, den er dann theils daheim bei seinen lieben Blumen, theils auf kleinen Reisen noch einmal möglichst vergnügt zu verleben gedachte. Zu solchen, von den Freunden stets als »kleine Triumphzüge« bezeichneten Reisen lagen längst wieder die lockendsten Einladungen von weit und breit her vor, von denen er freilich nur die leicht zu erreichenden noch annehmen konnte. Wenn er bei solchen Gelegenheiten in einem Anflug dankbarer Genugthuung wohl äußerte: »es kommt mir manchmal so vor, als wenn alle Welt nur darauf sänne, mir vor meinem Ende noch recht viel Freude zu bereiten,« so folgte leider der traurige Zusatz: »es weiß aber Niemand, wie elend ich mich fühle, und kann Niemand meine Leiden von mir nehmen.« – Mit fast krankhafter Ungeduld sah er nun zunächst dem Frühjahr entgegen, wo er auf die specielle Bitte des nunmehr zu Meiningen angestellten Hofkapellmeisters Jean I. Bott die Leitung eines daselbst zum Besten der Wittwen-Unterstützungskasse veranstalteten Concerts zugesagt hatte. Leicht und bequem ging dann in wenigen Stunden die Fahrt auf der kaum eröffneten Werrabahn von Statten, und beim Empfang auf dem Bahnhof zu Meiningen erfreute sich Spohr besonders des Wiedersehens seiner beiden Lieblingsschüler Grund und Bott, die mit dem Ausdruck inniger Herzensfreude den verehrten Meister empfingen, und auch während der folgenden Tage nicht müde wurden, demselben in aller Weise ihre dankbare Liebe thätig zu beweisen. Gleich am ersten Abend war zur weiteren feierlichen Bewillkommnung eine großartige Fackelmusik veranstaltet, wobei unter Bott's Leitung Spohr'sche Weisen, von vierstimmigem Männerchor und voller Harmoniemusik abwechselnd aufgeführt, erklangen und zum Schluß, im Augenblick des jubelnd erschallenden »Hoch«, plötzlich eine in rothem Feuer erglänzende Sonne emporflammte und die ganze Menschenmasse weithin, so wie den gegenüberliegenden schönen Park magisch beleuchtete. Bei der Concertprobe am folgenden Abend fand Spohr alle Musikstücke durch Bott so sicher und seinen Intentionen gemäß eingeübt, daß er mit freudiger Zuversicht der Aufführung am andern Abend entgegensehen konnte, um so mehr, da die beiden Kapellmeister Grund und Bott sich eine besondere Freude daraus machten, unter ihres Meisters Leitung die seit Jahren nicht mehr innegehabten Plätze als mitwirkende Geiger im Orchester einzunehmen und demselben so die kräftigste Stütze zu verleihen. Ueber den Verlauf des Concerts selbst berichtet das »Meininger Tageblatt« wie folgt: »Auf der Bühne war zwischen Palmen- und Lorbeergrün die kolossale Büste Spohr's aufgestellt, den Dirigentenpult hatten zarte Hände sinnreich mit Kränzen und Blumengewinden geschmückt. Das überfüllte Haus erwartete mit gespannter Miene den großen Moment, der den berühmten Altmeister einführen sollte. »»Er kommt!«« ... so flüsterte es durch die weiten Hallen und ein tausendstimmiges Jubelwillkomm begrüßte den Gefeierten. Wenige Minuten darauf hatte er den Stab zum Dirigiren ergriffen, – eine feierliche Stille trat ein, und einige Augenblicke nachher quollen die ersten Klänge von der Symphonie: »die Weihe der Töne« hervor. Alle Blicke waren auf den Nestor der Tonkunst gerichtet, der das Bild des Olympischen Jupiters – omnia supercilio moventis – uns vergegenwärtigte. Alle darstellenden Mitglieder fühlten die große Stunde und leisteten Vollkommenes. Dieselbe Ruhe, die überall aus den Werken dieses Tondichters spricht, zeigte er uns auch in seinem Dirigiren. Kein Takttheilchen ging verloren – allüberall war Dirigent, Kapelle und Künstler ein siegreiches Ganze, dem nach jeder Piece Triumphe zu Theil wurden. Der gefeierte Tondichter dirigirte neben seiner großartigen Symphonie noch fünf andere Werke von sich, und zwar mit so fester Hand, daß das überfüllte Haus von hoher Bewunderung tief ergriffen war.« ... Dieser Theil des Concerts, worin Spohr zum letzten Male den Dirigentenstab führte, enthielt u. A. auch dessen Concertante in H-moII, die vom Kapellmeister Bott und Concertmeister Müller meisterhaft vorgetragen, ihm ganz besondere Freude machte, und zum Schluß folgte in sinniger Wahl die Ouvertüre zum »Berggeist«, womit vor 34 Jahren zu Cassel die Festvorstellung zur Vermählung des Herzoglichen Paares eröffnet worden. Gleich wie damals, so schien auch jetzt das hohe Paar den Tönen des Meisters freudig zu lauschen, und bekundete ein warmes Interesse nicht nur durch die Anwesenheit in der Concertprobe und Aufführung, sondern außerdem noch durch die ausgesuchtesten Aufmerksamkeiten, so wie der Herzog auch das vor längeren Jahren an Spohr verliehene Ritterkreuz des Sächsisch-Ernestinischen Hausordens bei dieser Veranlassung gegen das Großkreuz desselben umtauschte. – Der letzte Abend in Meiningen wurde für Spohr noch durch ein großartiges Fest der Freimaurerloge verherrlicht, das ihm eben so große Genugthuung gewährte, wie auch ein vom Intendanten der Hofkapelle, Herrn v. Liliencron, an ihn gerichtetes herzliches Dankschreiben, aus welchem, da es Spohr's letztes Auftreten als Dirigent betrifft, hier einige bezeichnende Worte verewigt werden mögen: »Das bis auf den letzten Platz gefüllte Haus, die begeisterten Zurufe, die Blumen und Kränze haben es Ihnen gestern gezeigt, wie ergriffen wir Alle von Ihren Tönen, wie tief bewegt von dem Anblick des geliebten hochgefeierten Meisters wir gewesen sind. Wird der schöne Abend unvergeßlich in der Erinnerung aller Theilnehmenden bleiben, so wird der milde Zweck, dem das Concert galt, das Andenken Ihres Auftretens unter uns weit über uns selbst hinaus erhalten, und noch in späten Jahren, wenn Einer nachlies't, was am 12. April 1859 den Wittwen und Waisen der Meininger Kapelle geschenkt ward, wird es heißen: das war der Tag, an dem Spohr, der Meister, unter uns den Stab geführt.« etc.

Eine kurz nachher angetretene zweite Reise führte Spohr nach der freundlichen kleinen Residenzstadt Detmold, wo ihm abermals von einem dankbaren Schüler, Kapellmeister Kiel, und dessen kunstsinnigem Fürsten in ganz ähnlicher Weise, wie in Meiningen, ein paar schöne Fest- und Ehrentage bereitet waren. Die ihm angetragene eigne Leitung eines großen, nur aus seinen Compositionen zusammengesetzten Concertes hatte er entschieden abgelehnt, und konnte nun als Zuhörer um so ungestörter sich dem Genuß seiner in wohlgelungener Ausführung ihm vorgeführten Musik hingeben, wobei ihm zwei Nummern insbesondere zur großen Freude gereichten: die von seinen früheren Schülern, Kapellmeister Kiel und Concertmeister Bargheer in trefflichem Zusammenspiel vorgetragene A-moll-Concertante und die Symphonie: »die Jahreszeiten« – ein Glanzpunkt der Detmolder Hofkapelle – die er auf vorhergegangene Anfrage selbst vorzugsweise ausgewählt hatte.

Nach einer in Kunst- und Naturgenüssen froh verlebten Woche abermals nach Cassel zurückkehrend, konnte leider Spohr sich nicht länger verhehlen, daß selbst diese kleinen Reisen für ihn nunmehr gar manche Beschwerde, namentlich noch vermehrte nächtliche Aufregung zur Folge hatten. Dennoch ging bald seine Sehnsucht wieder hinaus ins Weite und zwar vorzugsweise nach seinem lieben Alexandersbad, wo er von einem längeren Aufenthalt in der herrlichen Luft und Gegend noch einmal Verbesserung seines Zustandes und namentlich Wiedererlangung des nächtlichen Schlafes zuversichtlich hoffte. Bestärkt in diesem Glauben durch die Zustimmung seines fortwährend in wärmster Theilnahme um ihn sorgenden Arztes Dr. Ad. Harnier Sohn des zwei Jahre zuvor verstorbenen Geh. O. Medicinalrathes, – und Bruder des Obergerichts-Anwalts Dr. Rich. Harnier, der in seinem Fache ebenwohl Spohr's besonderes Vertrauen genoß, und auch den bekannten Urlaubsprozeß in den Jahren 1852-55 für ihn durchgekämpft hatte. trat er Anfangs Juli wohlgemuth mit seiner Frau die Reise an, und zwar auf dem nächsten Weg über Hildburghausen, wo er zu übernachten gedachte. Da die Kunde hiervon im Voraus dorthin gedrungen war, so wurde er zu seiner Ueberraschung nicht nur am Bahnhof von Musikdirektor Mahr mit einer Equipage erwartet, die ihn dem Gasthof zuführen sollte, sondern auf dem Wege bis dahin von jungen Mädchen mit Blumen und Kränzen im Wagen förmlich überschüttet. In dem ebenfalls festlich bekränzten Salon des Gasthofes ward er dann von den Musikfreunden der Stadt begrüßt, Abends ihm ein Ständchen des Gesangvereins, und am andern Morgen früh ein zweites der Gymnasiasten, mit ergreifendem Choralgesang beginnend, dargebracht. – Am folgenden Tag in der Wasserheilanstalt zu Alexandersbad in ähnlicher Weise festlich und herzlich empfangen – verlebte er daselbst noch einmal unter der sorgenden Obhut des ihm ebenfalls verwandten Arztes, Dr. Th. Pfeiffer, recht gemüthlich heitere Tage und ruhigere, erträgliche Nächte. Als nach einigen Wochen eine bei der ganzen Kurgesellschaft sehr beliebte Familie aus Dessau ihre Heimreise antreten wollte, wurden auf Spohr's Vorschlag und unter seiner Leitung von dem musikalischen Theil der Anwesenden einige passende vierstimmige Lieder zur Abschiedsfeier eingeübt, die dann am Morgen der Abreise in der grandiosen Vorhalle des Hauses vorgetragen, von ihm dirigirt und durch seine ausdrucksvolle Baßstimme – die da zum letzten Mal für dieses Leben erklang – unterstützt, alle Gemüther mit tiefster Rührung durchdrangen.

Als Spohr dann bald darauf an die eigne Abreise denken mußte, um Ende Juli sein Oratorium: »die letzten Dinge« in Würzburg zu hören, ward ihm eine Abschiedsfeier veranstaltet, die eben so sinnvoll als großartig arrangirt, ihm eine wahre innige Freude gewährte, – denn nach einem ihn begrüßenden ergreifenden Chorgesang kam diesmal Euterpe selbst (in wahrhaft klassischer Schönheit durch eine junge Dame aus Augsburg dargestellt) vom Olymp herab, um nach einer höchst ehrenden poetischen Ansprache ihm den Lorbeer auf's Haupt zu setzen, – und als endlich der Moment des Scheidens herbeikam, hatten Garten, Feld und Wald der ganzen herrlichen Gegend ihre schönsten Spenden liefern müssen, um von vielen liebevollen Händen mannichfach verbunden, seinen Reisewagen reich zu schmücken, und die dankbarste Erinnerung an manches Lieblingsplätzchen noch lange wach zu erhalten. – In Würzburg ebenfalls feierlich und ehrenvoll empfangen, hatte Spohr dort namentlich den Bemühungen des Directors am königl. Musik-Institut, Herrn Bratsch, einige genußreiche Tage zu verdanken. Die größte Befriedigung gewährte ihm die Aufführung seiner »letzten Dinge« im großen Saale des Instituts, in dessen Mittelpunkt er, auf schön bekränztem Sessel thronend, mit wehmuthsvoller Freude seinen eignen Tönen lauschte, deren Eindruck, gehoben durch den unschuldsvoll reinen Klang der meist ganz jugendlichen Stimmen ein wahrhaft heilig ergreifender war. Als aber am Schlusse nach kurzen Momenten stiller Rührung der laute Beifallsjubel ausbrach, als Pauken und Trompeten schmetterten, um ihn zu feiern, Gedichte, Dankreden, Kränze und Blumen sich über ihn ergossen, – da war seine Kraft fast erschöpft; und wie er dann mühsam durch die Tausende, die noch auf der Straße stehend, mit entblößten Häuptern ihm ehrfurchtsvoll nachblickten, zu seinem Wagen geführt ward, – da mochte er wohl schon ahnend fühlen, daß dieses sein letzter derartiger Triumph gewesen war. Der allzugroßen Aufregung folgte zunächst völlige Erschöpfung, – und dann eine schreckliche Nacht, deren qualvolle Ruhelosigkeit im folgenden Nachtquartier zu Frankfurt sich wiederholte, und zwar dergestalt, daß er nun auch seine letzte und größte Freude, die am Reisen, für die Zukunft bedroht sah! –

Im September erlebte Spohr in Cassel noch ein frohes Familienfest, die Hochzeit seiner ältesten Enkelin Mathilde Wolff mit dem Freiherrn Reinhard v. Dalwigk. – Die von Pfarrer Falckenheiner gehaltene schöne Trauungsrede sprach ihrem ganzen Inhalt nach ihm sehr zu Herzen, und froh überraschte es ihn, wie darin auch seiner als Großvater gedacht wurde, als »des ehrwürdigen herrlichen Meisters, in welchem der vor 100 Jahren geschiedene Tondichter des Messias gleichsam neue herrlichere Gestalt gewonnen hat,« – und wie der Redner weiter sagte: »Wie sind doch in den erschütternden Klängen seines »Fall von Babylon«, seiner »letzten Dinge«, heiliger Glaube und heitere Kunst so innig vermählt! Feiert doch seine Tonkunst, durch die überall ein ernster, fast wehmüthiger Zug hindurchgeht, erst mit den Formen geistlicher Dichtung verbunden, ihre wahre Ehe mit dem Wort.« Obwohl übrigens still, ja scheinbar theilnahmslos, ruhte Spohr nicht eher, bis er dem Redner noch während des Hochzeitsmahles seine Freude über diese Auffassung seiner Musik ausgesprochen, – denn nichts war ihm lieber, als wenn gerade Geistliche (wie das häufig geschah) von seinen Tonwerken einen Rückschluß auf seine Gemüthsart und Religiosität, machten. Seine Kunst war ihm ja auch heilig wie die Religion, und Musik bei ihm eng verbunden mit Glaube, Liebe, Hoffnung. Von der Fortdauer der Seele war er fest überzeugt, doch äußerte er öfters noch in seinen letzten Jahren: er könne sich keine Seligkeit im bloßen Anschauen und Anbeten Gottes denken, es müsse vielmehr der Geist auch jenseits fort streben und wirken können, – auch müsse es jedenfalls dort Musik geben, obwohl sie anders als die unsrige sein werde. Wenn dann seine Frau aus vollem Herzen ihm antwortete: »ja, wohl anders, aber nicht schöner als die deinige kann sie sein«, – dann flog ein Lächeln froher Befriedigung und seliger Hoffnung über sein Antlitz; und wer ein solches Lächeln in seinen zu dieser Zeit meist schwermüthigen Zügen gesehen hat, der wird es nimmer vergessen können! – – Die Freude an guter Musik blieb ihm bis an sein Ende, weshalb er niemals ein Concert versäumte, und auch das Theater häufig besuchte, wo dann vor Allem die seinem Herzen so befreundeten Klänge der Mozart'schen Opern ihn immer von Neuem mit jugendfrischem Entzücken erfüllten. – Zu Hause beschäftigte er sich nunmehr den größten Theil des Tages mit Lesen; doch waren es nicht mehr wie früher die politischen Zeitungen und wissenschaftlich belehrende Werke, die sein Interesse erregten und fesselten, – jetzt waren es vielmehr gemüthvolle Unterhaltungsschriften, einfache, zum Herzen sprechende Novellen u. dgl., die ihn momentan seinen unbehaglichen Zustand vergessen ließen. – Dazwischen ließ er sich oft und gern von seiner Frau etwas vorspielen, wozu er vorzugsweise die Claviermusik von Bach und Mendelssohn zu proponiren pflegte, ohne jedoch darum den Erzeugnissen der neueren Componisten sein Interesse zu entziehen.

Eine freundliche Diversion in seinem immer farbloser sich gestaltenden Alltagsleben gewährte ihm in den ersten Tagen des Oktober ein Besuch, den er der Prinzessin Anna, Gemahlin des hessischen Thronfolgers Prinz Friedrich, auf die an ihn ergangene Bitte, während ihres mehrtägigen Aufenthaltes zu Cassel im Schloß Bellevue abstattete. Freudig angeregt erzählte er bei seiner Rückkehr von der liebenswürdigen Zuvorkommenheit der Prinzessin, die sich, in Rücksicht auf Spohr's größere Bequemlichkeit, mit Gemahl und Kind – dem fünfjährigen Prinzen Wilhelm – zu seinem Empfang in ein Zimmer gleicher Erde begeben hatte, wo dann nach längerer anziehender Unterhaltung mit dem fürstlichen Paare, schließlich in gewinnender Freundlichkeit die Bitte an ihn gerichtet ward, sich zum Andenken mit einigen Zeilen in das Album der Prinzessin einzuzeichnen. Auch diesen Wunsch gern erfüllend, schrieb er (am 7. Oktober), obwohl mit schwacher zitternder Hand, dennoch in gewohnter Bereitwilligkeit eine vorzugsweise erbetene Stelle des bekannten Duetts aus Jessonda in das ihm in's Haus geschickte kostbare Album.

Sonntag, den 16. Oktober, zeigte sich eine, anfangs kaum bemerkbare Veränderung bei ihm: ein lange nicht gesehener Ausdruck ruhiger Zufriedenheit lag in seinen Zügen; trotz der vorausgegangenen ruhelosen Nacht, der offenbar fortdauernden körperlichen Beschwerden und zunehmenden Schwäche, kam keine Klage mehr über seine Lippen, doch war er noch stiller als sonst, und beantwortete jede Anrede zwar freundlich, aber so kurz wie möglich. Mittags nach Tische stand er lange in der offenen Hausthür, sinnend in die herbstlich bunte Blumenfülle seines Gartens hinausschauend, – antwortete aber auf den Vorschlag seiner Frau, draußen in der Laube den Kaffee einzunehmen, »er wünsche, daß dies heute in seinem Zimmer geschähe, und sie dann mit ihrer Schwester ihm etwas vorspielen möchte«, – was natürlich mit Freuden alsbald ausgeführt ward. Nachdem er dann einige vierhändig arrangirte Symphonieen, – anscheinend wie in halbem Traume, aber aus mancher eingeworfenen Bemerkung zu schließen, dennoch mit Aufmerksamkeit, angehört hatte, – erbat er sich zum Schluß noch sein neuestes Quintett ( Op. 144, G-moll), dessen vierhändiger Clavierauszug ihm erst kürzlich bekannt geworden, und dem er nun mit vollem Interesse und sichtlicher Befriedigung lauschte. Nach dem letzten Satz fragte er: »Wie lange mag es wohl her sein, daß ich das geschrieben habe?« und als seine Frau, der die Jahrszahl nicht gleich gegenwärtig war, erwiederte, es möchten wohl 3-4 Jahre sein, – da sagte er seufzend: »Also da habe ich das noch zu Stande gebracht? und jetzt kann ich doch gar nichts mehr!« Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Sessel, um sich zu dem täglichen Abendgang nach dem Lesemuseum zu rüsten, den er auch trotz aller Schwäche und einiger Abmahnung seiner Frau, dennoch, langsam von dieser hingeleitet, ausführte. Da jedoch bange Sorge um ihn ihr zu Hause keine Ruhe ließ, so sandte sie den, in aufopfernder Treue ihm ergebenen Diener viel früher, als derselbe zum Abholen bestellt war, schon hin, um nach ihm zu sehen, worauf er sich sofort im Zustand äußerster Erschöpfung nach Hause, und bald nach seinem frugalen Souper zu Bette bringen ließ. Nach dem gewohnten Abendkuß sagte er dann zu seiner Frau: »er hoffe bei der großen Müdigkeit endlich einmal eine gute Nacht zu haben«, – und fiel gleich darauf in sanften Schlummer, von dem er erst am andern Morgen mit heiterer Miene wieder erwachte. Die ersehnte Ruhe hatte er gefunden, kein irdisches Leiden empfand er mehr, das zeigte der Friede in seinem Antlitz von nun an bis zum letzten Athemzuge! Aufstehen wollte er nicht, auch nicht frühstücken, bat aber seine Frau, sich zu ihm an's Bett zu setzen, ergriff ihre Hand und küßte sie voll Zärtlichkeit, mit einem Ausdruck in seinen liebevollen Augen, der ihr mehr sagte, als tausend Worte vermocht hätten. Bald nachher kam sein getreuer Arzt, und erkannte alsbald, daß jetzt eine höhere Macht die oft ersehnte Ruhe gewährt hatte. Die Familie ward auf die nahende herzzerreißende Trennung vorbereitet, – Kinder und Enkel, nahe und ferne Freunde eilten herbei, Jeder wollte so lange wie möglich das verehrte Antlitz schauen. Jeder gern noch einen Blick seiner freundlichen treuen Augen erhaschen! – So lag er, umgeben von Allen, die im Leben ihm am nächsten standen, in stillem Frieden da, von Tag zu Tag bewußtloser, vielleicht mit dem Geist schon höheren Welten angehörend, – bis Sonnabend den 22. Abends ½10 Uhr seine müden Augen sich für immer schlossen! – –

Die frommen Töne, die einst in heiliger Begeisterung seiner reinen Seele entquollen – denen er selbst noch vor wenig Wochen in stiller Andacht gelauscht, – sie klangen trauernd nun an seinem Grabe, und schmerzvoll, doch tröstlich zugleich hallt' es nah und fern in allen Herzen wieder:

»Selig sind die Todten, die in dem Herrn sterben, von nun an in Ewigkeit. Sie ruhen von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach!«

 

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