Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Louis Spohr >

Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band
publisherGeorg H. Wigand.
year1861
senderwww.gaga.net
created20170621
projectidfb1df4c4
Schließen

Navigation:

Es folgt nun eine trübe Periode in meinem Leben, an die ich noch jetzt mit Wehmuth zurückdenke. Meine Frau fühlte sich nämlich in Folge der Anstrengung, mit der sie sich auf der neuen Harfe eingeübt hatte und durch die wechselnden Eindrücke des Concert-Abends so angegriffen und leidend, daß ich sehr fürchtete, sie möchte zum drittenmale vom Nervenfieber heimgesucht werden. Es war daher die höchste Zeit, für ihre Zukunft einen ernsten Entschluß zu fassen. Schon nach dem zweiten Anfall in Darmstadt hatte ich sie, nachdem sie völlig wieder genesen war, zu überreden gesucht, ihrem nervenzerstörenden Instrumente zu entsagen, doch als ich bemerkte, wie sehr sie dieser Vorschlag betrübte, ihn sogleich wieder aufgegeben. Sie war zu sehr mit ganzer Seele Künstlerin und hatte das Instrument, dem sie so manchen Triumph verdankte; zu lieb gewonnen, um so leicht darauf verzichten zu können; auch war es ihr ein beglückender Gedanke gewesen, durch ihr Talent zum Erwerbe mit beizutragen. Doch nun, als sie sich nur zu sehr überzeugt hatte, daß ihre physische Kraft nicht ausreiche, das neue Instrument zu bewältigen, und eine Rückkehr zum alten sie auch nicht mehr befriedigen würde, nachdem von ihr die Vorzüge des neuen im Ton und in der Mechanik genau erkannt worden waren, nun wurde es mir viel leichter, sie für meinen Vorschlag zu gewinnen, besonders als ich ihr vorstellte, daß sie Künstlerin bleiben und ins künftige als Pianistin in meinen Concerten, wozu sie ja die nöthige Befähigung besitze, auftreten könne. Dies beruhigte sie sehr, obgleich sie sich sagen mußte, daß sie auf dem Pianoforte solche Erfolge wie auf der Harfe, auf der ihr wenigstens in Deutschland Niemand gleich kam, unmöglich zu erringen im Stande sein würde. Ich versprach ihr überdies, daß ich für sie, um ihren Vorträgen den Reiz der Neuheit zu geben, brillante Concertsätze schreiben werde, und da mir viel daran lag, mich nun auch einmal in Clavier-Compositionen zu versuchen, so machte ich mich sogleich an die Arbeit und vollendete auch noch vor der Abreise von London den ersten Satz des Clavier-Quintettes, Op. 52. Die Harfe schickte ich, um sie ihr aus den Augen zu bringen, zu Herrn Erard. Er nahm sie auch, als er von mir erfuhr, daß meine Frau aus Gesundheitsrücksichten dem Instrumente ganz entsagen müsse, bereitwillig zurück, ohne eine Entschädigung für den bisherigen Gebrauch annehmen zu wollen. Sie habe, so äußerte er sehr galant, nun erst wahren Werth bekommen, da sie von einer so berühmten Künstlerin eingespielt und bei ihrem letzten öffentlichen Vortrage gebraucht sei. Ich machte nun von neuem mit meiner Frau tägliche Spaziergänge in's Freie und hatte bald die Freude zu bemerken, daß sie sich nach und nach von ihrer Schwäche erholte. Der Gedanke, daß sie ihre Kinder bald wieder sehen werde, mochte übrigens wohl mächtig zu ihrer Kräftigung mitgewirkt haben. Auch ich sehnte mich nach den Meinigen zurück und machte daher, sobald das letzte der philharmonischen Concerte vorüber war, sogleich Anstalten zur Abreise.

Ich muß hier nachträglich noch des Musik-Instituts des Herrn Logier erwähnen, das ich mehrmals mit großem Interesse besucht habe, und worüber ich nachstehenden Bericht in die Leipziger Musikalische Zeitung vom August 1820 sandte: »Herr Logier, ein Deutscher von Geburt, aber seit fünfzehn Jahren in England, unterrichtet nach einer von ihm erfundenen Methode im Pianofortespiel und in der Harmonie, wobei es zunächst auffällt, daß er alle Kinder, oft dreißig bis vierzig, zugleich spielen läßt. Er hatte zu dem Behufe drei Bände Etüden geschrieben, die alle über ganz einfache Grundthemas gebaut sind und nach und nach bis zum schwersten fortschreiten. Während nun die Anfänger das Thema spielen, üben sich die Vorgeschrittenen zu gleicher Zeit in mehr oder weniger schweren Variationen. Man sollte glauben, daß dadurch ein Durcheinander entstehen müßte, aus dem der Lehrer nichts Deutliches mehr heraushören könnte; da aber die Kinder, welche dieselbe Etüde spielen, neben einander sitzen, so hört man, je nachdem man sich in einer Gegend des Saales befindet, entweder die eine oder die andere Etüde deutlich hervortreten. Auch läßt der Lehrer oft die Hälfte der Schüler, zuweilen alle bis auf einen aufhören, um die Fortschritte der Einzelnen zu prüfen. In den ersten Lektionen bedient er sich seines Chiroplasts, einer Maschine, wodurch den Kindern eine gute Haltung der Arme und Hände angewöhnt werden soll, welche dann, sobald dieselben so weit fortgeschritten sind, daß sie die Noten und Tasten kennen, erst von der einen und dann auch von der anderen Hand weggenommen wird, worauf sie erst den Daumen untersetzen und Scalen spielen lernen; aber dies Alles in den Etüden selbst, mit allen Kindern zugleich und immer im strengsten Zeitmaße. Sind sie daher zu einer neuen Uebung fortgeschritten, so gelingt es ihnen in der schnellen Bewegung, in der sie neben und um sich spielen hören, anfangs wohl kaum, nur einige Noten von jedem Takte herauszubringen; bald aber erobern sie deren immer mehr, und in kürzerer Zeit, als man wohl glauben sollte, geht die neue Etüde so gut, als die vorhergehende. Sodann ist sehr bemerkenswerth in der Lehrmethode des Herrn Logier, daß er seine Schüler von der ersten Lektion an mit dem Clavierspiele zugleich die Harmonie lehrt. Wie dies geschieht, ist mir unbekannt; auch ist dies sein Geheimniß, dessen Mittheilung ihm von jedem der Lehrer in England, der nach seiner Methode unterrichtet, mit hundert Guineen bezahlt werden muß. Das Resultat dieser Methode ist aber bei seinen Schülern auch staunenswerth; denn Kinder zwischen sieben und zehn Jahren, die noch nicht länger als vier Monate Unterricht haben, lösen die schwierigsten Aufgaben. Ich schrieb ihnen einen Dreiklang an die Tafel und bezeichnte die Tonart, in die sie nun moduliren sollten. Sogleich lief eins der kleinsten Mädchen an die Tafel, schrieb nach einigem Nachsinnen erst den bezifferten Baß und dann die oberen Stimmen hin. Diese Aufgabe wiederholte ich öfter und zwar mit allerlei erschwerenden Bedingungen, ließ sie in die entferntesten Tonarten ausweichen, wo enharmonische Verwechselungen nöthig wurden, und nie waren sie in Verlegenheit. Wußte sich die Eine nicht zu helfen, so trat gleich eine Andere hinzu, deren bezifferter Baß vielleicht wieder von einer Dritten verbessert wurde; und von all' ihrem Beginnen mußten sie dem Lehrer die Gründe sagen. Zuletzt schrieb ich ihnen eine einfache Oberstimme au die Tafel, wie sie mir eben einfiel und ließ eine Jede für sich auf ihren kleinen Tafeln die anderen drei Stimmen dazu setzen. Zugleich sagte ich ihnen, daß ich mir die Auflösung, die von dem Lehrer und mir als die beste anerkannt sein würde, abschreiben und als ein Andenken an sie in mein musikalisches Stammbuch aufnehmen wollte. Nun war Alles voller Leben und Thätigkeit, und schon nach einigen Minuten brachte mir eins der kleinsten Mädchen, die sich schon im Spiel und bei den früheren Aufgaben ausgezeichnet hatte, ihre Tafel zur Ansicht. Allein in der Eile war ihr im dritten Takt eine Octavenfortschreitung zwischen dem Basse und einer der Mittelstimmen entschlüpft. Kaum hatte ich sie darauf aufmerksam gemacht, als sie erröthend die Tafel zurücknahm und mit Thränen in den Augen schnell den Fehler verbesserte. Da nun ihre Auflösung unstreitig den besten Baß hatte, so schrieb sie der Lehrer in mein Stammbuch, und ich gebe sie mit diplomatischer Genauigkeit wieder:

Die Auflösungen der anderen Kinder waren mehr oder weniger gut, aber alle correkt, und die meisten in vier verschiedenen Schlüsseln niedergeschrieben. Auch spielte ein jedes die seinige rein und ohne Anstoß sogleich auf dem Pianoforte etc.«

Als ich unsere Abreise als nahe bevorstehend meinem alten Johanning ankündigte, traten dem guten, anhänglichen Menschen die Thränen in die Augen. Er hatte uns so lieb gewonnen, daß er sogar auf jede Vergütung für die uns geleisteten Dienste Verzicht leisten wollte und sich ernstlich weigerte, den von mir für ihn bestimmten Lohn anzunehmen. Als ich ihm diesen aber aufdrang, nahm er ihn zwar, stellte aber als Bedingung noch eine Bitte, die ihm nicht abgeschlagen werden dürfe. Ich forderte ihn auf, sie zu nennen, es dauerte aber lange, bis er in großer Verlegenheit endlich herausstotterte, er bitte, daß ich und meine Frau ihm die Ehre erzeigen möchten, den Tag vor der Abreise unser letztes Diner in London bei ihm einzunehmen. Als wir ohne Zögern zusagten, verklärte sich plötzlich sein ganzes Gesicht und er wußte nicht, wie er seine Dankbarkeit genug zu erkennen geben sollte. Am letzten Tage erschien er geputzt, wie wir ihn noch gar nicht gesehen hatten, in einem Galakleide seines verstorbenen Herrn, mit gepudertem Haar und in weißseidenen Strümpfen, während vor der Thür ein viersitziger Stadtwagen hielt, der uns nach seiner Villa bringen sollte und in welchem wir einen uns schon bekannten Künstler, den intimsten Freund seines verstorbenen Herrn, den er ebenfalls eingeladen hatte, bereits vorfanden. Als wir eingestiegen waren, weigerte sich Johanning, den vierten Platz im Wagen einzunehmen, und meinte, das schicke sich nicht, obgleich ich ihm auseinander setzte, er sei ja nun nicht mehr mein Diener, sondern für diesen Tag mein Wirth und Gastgeber. Er ließ sich aber nicht irre machen und nahm seinen gewöhnlichen Platz neben dem Kutscher ein. Unterwegs erzählte uns der Mitgeladene viel Rühmliches von Johanning, wie er mit unbeschreiblicher Liebe und Treue seinem Herrn zugethan gewesen sei und nach dessen Tode den größten Theil der Erbschaft dazu verwandt habe, ihm ein Denkmal in der Westminsterabtei errichten zu lassen, so daß wir uns von wahrer Hochachtung für unseren bisherigen Diener durchdrungen fühlten. Als wir angelangt waren, öffnete er den Wagenschlag und führte uns in sein Besitzthum ein. Es bestand in einem schmalen Häuschen mit daran stoßendem Gärtchen, Alles sehr nett und reinlich. Zuerst ging er mit uns eine Treppe hoch in das Empfangzimmer und verfehlte nicht, uns alsbald auf den Schellenzug neben dem Kamin aufmerksam zu machen, den er auch sofort hell erklingen ließ, obgleich er damit keinen Diener herbeirufen konnte, da er und seine Frau ihre eigenen Diener waren. Dann machten wir einen Gang durch das Gärtchen und traten zuletzt in das Speisezimmer ein, wo für drei Personen gedeckt war. Johanning weigerte sich abermals, neben uns am Tische Platz zu nehmen, diesmal freilich aus dem triftigen Grunde, weil wir dann ohne Bedienung sein würden. Darauf holte er aus der Küche die Speisen herbei und wartete als Wirth seinen Gästen auf, wobei man ihm die Freude aus den Augen leuchten sah. Das Diner war sehr gut zubereitet und wurde auf elegantem Geschirre aus der Erbschaft seines Herrn servirt. Aus dieser floß wohl auch sicher der gute Rheinwein, den er uns vorsetzte. Das Dessert, Erdbeeren und Kirschen, hatte sein Gärtchen geliefert, was er nicht unterließ, seinen Gästen anzukündigen. Hierauf führte er uns wieder in sein Empfangzimmer, wo wir auch Mrs. Johanning, die bisher in der Küche mit der Zubereitung der Speisen beschäftigt gewesen war, in vollem Sonntagsputze antrafen. Da endlich ließ sich, wiewohl nach nochmaligem Nöthigen, das gute, alte Paar bewegen, mit an dem Tische Platz zu nehmen, auf dem bereits der Kaffee aufgetragen war. Johanning schwelgte nun in völligem Entzücken und war eifrig bemüht, seiner Frau die Lobeserhebungen zu verdolmetschen, die wir über die Bewirthung geäußert hatten und noch äußerten. – Gegen Abend hielt wieder der Wagen vor der Thür, um uns zur Stadt zurückzubringen. Gerührt nahmen wir von den braven Leuten Abschied; Johanning ließ sich aber nicht abhalten, wieder seinen alten Platz neben dem Kutscher einzunehmen, um uns nach Haus zu begleiten und dort den Schlag zu öffnen. Ja, er war sogar am anderen Morgen wieder da, um bei der Abreise behülflich zu sein. Auf dem Posthofe fanden sich auch noch viele Freunde und Bekannten ein, um uns das letzte Lebewohl zu sagen.

*

Die Rückreise machten wir wieder über Dover und Calais, um unseren in Lille zurückgelassenen Wagen abzuholen. Die diesmalige Ueberfahrt fand bei ganz ruhiger See und schönem Wetter statt, so daß Niemand von den Reisenden seekrank wurde. Zwischen Calais und Lille hielt die Postkutsche auf einem so reizenden Punkte zu Mittag an, daß ich mich dessen noch jetzt, nach so langer Zeit, mit Vergnügen erinnere. Es war in dem Städtchen Cassel, welches in einer weiten Ebene hoch auf einem isolirten Bergkegel liegt. Bei dem schönen Wetter hatte man für die Postreisenden im Garten des Wirthshauses unter einer Weinlaube gedeckt, und während des Essens genossen wir von diesem behaglichen, kühlen Plätzchen aus eine weite Uebersicht über die herrliche Gegend. In Lille verlebten wir noch einige vergnügte Tage in Gesellschaft der Familie Vogel und unserer anderen dortigen Freunde, und setzten dann in unserem eigenen Wagen die Reise ohne weiteren Aufenthalt fort.

Unser Empfang in Gandersheim war in Folge der dort stattgehabten Angstscene und nach der ersten, längeren Trennung von den Kindern diesmal ein besonders herzlicher und freudiger, und wir fühlten uns jetzt, nach den vorausgegangenen Anstrengungen in der ländlichen Ruhe einmal wieder recht wohl und sorgenfrei. Dies war für mich die rechte Zeit zu neuen Arbeiten, und ich vollendete daher zuerst das in London begonnene Quintett für Pianoforte, Flöte, Clarinette, Horn und Fagott, womit meine Frau sich aus der bevorstehenden Winterreise als Pianofortespielerin in die Kunstwelt einführen sollte. Es war in der That auch hohe Zeit, sie durch das Einüben desselben künstlerisch zu beschäftigen; denn sie hatte, da sie sich wohl fühlte, die größte Lust, ihre Harfe wieder vorzunehmen. Mit Hülfe des neuen Quintetts und unterstützt von dem ärztlichen Rathe meines Vaters gelang es mir jedoch bald, sie davon abzubringen. Sie widmete sich nun dem Pianoforte mit großem Eifer und hatte binnen kurzem die Freude, ihre frühere technische Fertigkeit auf demselben wiederkehren zu sehen. Es gelang ihr daher auch schon nach einigen Wochen, das schwere, neue Concertstück zu ihrer und meiner Zufriedenheit vortragen zu können.

Um diese Zeit bekam ich Besuch von zwei musikalischen Freunden aus Hamburg, den Herren Fritz Schwenke und Wilhelm Grund, welcher letztere mir seinen jüngeren Bruder Eduard, der bereits ein tüchtiger Geiger war, als Schüler zuführte. Mit Hülfe der drei genannten gab ich nun den Gandersheimer Musikfreunden eine Quartettpartie, wie sie diese bis dahin nicht gekannt hatten und später auch wohl nicht wieder gehört habenwerden. Damit ich hierbei auch das neue Quintett zu Gehör bringen konnte, schrieb ich die Begleitung der vier Blas-Instrumente schnell für ein Streich-Quartett um und freute mich der guten Wirkung desselben auch in dieser Gestalt, sowie des sicheren und brillanten Spieles meiner Frau. Durch den Erfolg, den dieses fand, fühlte sie sich in ihren neuen Studien sehr ermuthigt und über das Aufgeben der Harfe einigermaßen getröstet. Um ihr immer neuen Stoff zum Ueben zu geben, schrieb ich auch noch zwei frühere Harfen-Compositionen für das Piano um, einen Potpourri und ein Rondo mit Violine, später als Op. 50 und 51 gestochen. Auch diese Compositionen wurden von uns auf das Sorgfältigste eingeübt und zu Vorträgen in Privat-Gesellschaften auf der nächsten Winterreise bestimmt. Nach der Abreise des Hamburger Besuches begann denn auch der Unterricht meines neuen Schülers. Er gewann durch sein Talent und seine Liebenswürdigkeit bald die Liebe der ganzen Spohr-schen Familie, vom alten Großvater an bis zur kleinen Therese, die er auf ächt Hamburgisch immer: »Du säute Deren« nannte. Da er auch fertiger Clavierspieler war, so übernahm er den Musikunterricht von Emilie und Ida und wußte sie, trotz seiner Jugend, zum fleißigen Ueben anzuhalten. Er selbst machte als Geiger bald so bedeutende Fortschritte, daß ich mit ihm die drei in der Schweiz geschriebenen, überaus schweren Violinduetten ( Op. 39) einübte, für die ich bisher keinen ebenbürtigen Mitspieler hatte auffinden können. Durch den genauen, reinen und feurigen Vortrag dieser fast immer vierstimmigen Duetten machten wir großes Aufsehen und es kamen die Musikfreunde aus der ganzen Umgegend herbei, um sie von uns zu hören. Auch in einem Concert in Hildesheim, das der dortige Musikdirektor Bischoff (der frühere Unternehmer der Frankenhäuser Musikfeste) veranstaltet hatte, trugen wir eins derselben mit großem Erfolge vor. Gegen den Herbst, als ich eben begonnen hatte, mir ein neues Violinconcert (das neunte D-moll, Op.55 bei André in Offenbach) für die Winterreise zu componiren, erhielt ich eine Einladung von Musikdirektor Rose in Quedlinburg, ein von demselben dort zu veranstaltendes Musikfest zu dirigiren. Ich nahm diese Einladung sehr gern an und beeilte mich nun, mein Concert zu vollenden, um es dort zum erstenmale vortragen zu können. Beim Einüben desselben war es mir eine große Hülfe, daß Eduard Grund mir am Piano aus der Partitur accompagniren konnte, eine Erleichterung, die ich früher nie gekannt hatte.

Das Musikfest fand am 13. und 14. Oktober 1820 statt und fiel zur vollen Zufriedenheit des Unternehmers und der zahlreichen Zuhörer aus. Am ersten Tage wurde auf meinen Vorschlag Schneider's »Weltgericht« gegeben, wobei der Componist desselben als Zuhörer anwesend war. Am zweiten Tage kam unter Anderem meine Londoner Symphonie zur Aufführung und wurde ebenso wie mein neues Violinconcert sehr beifällig aufgenommen. Ich fand in Quedlinburg viele meiner früheren Freunde und Bekannten aus Sondershausen, Gotha, Leipzig, Magdeburg, Halberstadt und Braunschweig versammelt und verlebte mit ihnen einige genußreiche Tage. Nach der Rückkehr von dieser vergnügten Ausflucht, auf der mich außer meiner Frau auch die Eltern und Eduard Grund begleitet hatten, war es nun aber Zeit, unsere Winterreise, deren Endpunkt Paris sein sollte, anzutreten. Es mußte daher von neuem von den Kindern und Eltern und dem vergnügten Zusammensein in Gandersheim geschieden werden. Auch Eduard Grund kehrte nach Hamburg zurück, mit der Absicht, im Frühjahre wiederzukommen, um seine Studien unter meiner Leitung fortzusetzen.

Wir nahmen unseren Weg nach Paris über Frankfurt, Heidelberg, Carlsruhe und Straßburg und gaben in allen diesen Städten Concerte. In Frankfurt, wo wir im Hause unseres Freundes Speyer wohnten, waren wir als Künstler in gutem Andenken geblieben; unser Concert im Saale des »Weidenbusch« war überfüllt, obgleich derselbe bequem achthundert Zuhörer fassen konnte. Mein neues Violinconcert, vom Orchester vortrefflich accompagnirt, machte große Sensation; selbst Hofrath André, der früher immer viel an meinen Compositionen auszusetzen fand, schien mit dieser neuen Arbeit vollkommen zufrieden zu sein, denn er quälte mich schon nach der Probe, es ihm in Verlag zu geben. Obgleich ich dies nun entschieden ablehnte, da mich ein Versprechen an meinen damaligen Verleger Peters in Leipzig band, ihm alle meine neuen Manuskripte zu überlassen, so begann doch André am Abend im Concerte von neuem in mich zu dringen und zwar mit solcher Zähigkeit, daß ich, um nur loszukommen und mich in Ruhe auf meinen Solo-Vortrag vorbereiten zu können, ihm endlich ein »Ja!« zurief. Diese Uebereilung sollte ich aber hart büßen, denn ob ich gleich Herrn Peters, um mich bei ihm zu entschuldigen, den Vorfall alsbald in aller Umständlichkeit berichtete, so mußte ich doch wegen meiner allzugroßen Nachgiebigkeit gegen Herrn André bittere Vorwürfe hören. Das neue, nun zum erstenmal mit den Blas-Instrumenten begleitete Clavier-Quintett machte ebenfalls große Sensation und Dorettens gediegenes Clavierspiel, von dem die Frankfurter Musikfreunde bis dahin gar nichts gewußt hatten, fand den lautesten und allgemeinsten Beifall. Ich freuete mich dieses Erfolges noch insbesondere, weil er am Besten geeignet war, meine Frau über das Aufgeben der Harfe zu trösten.

Von den übrigen zwischen Frankfurt und Paris gelegenen Städten und den gegebenen Concerten ist mir durchaus nichts mehr erinnerlich; von Heidelberg nur muß ich der Bekanntschaft mit Hofrath Thibaut, die ich damals dort machte, erwähnen. Dieser berühmte Jurist leitete einen von ihm gestifteten Gesangverein, ließ ihn aber mit Ausschluß aller neueren Kirchenmusik, nur altitalienische singen, von der er eine reiche und seltene Sammlung zusammengebracht hatte. Ich kannte bis dahin von dieser Musik weiter nichts, als was ich in der Sixtinischen Kapelle zu Rom gehört hatte und war daher dem Herrn Hofrath sehr dankbar, daß er mir gestattete, den Uebungen seines Vereines beizuwohnen, wodurch ich mehrere dieser alten Werke, die von demselben sorgfältig eingeübt waren, genau kennen lernte. Die Ansicht Thibaut's, daß diese Musik allein den Kirchenstyl repräsentire, und Alles übertreffe, was seit der Zeit geschrieben ist, kann ich zwar nicht theilen, indem mir das Requiem Mozart's, so unfertig es auch aus den Händen des darüber hingestorbenen Meisters hervorging, allein schon mehr werth ist, als Alles, was ich von früherer Kirchenmusik je gehört habe; doch machte der einfach-grandiose Styl jener Werke damals einen großen Eindruck auf mich, und ich erbat mir daher die Erlaubniß, die Partituren derselben durchstudiren zu dürfen. Nach einigem Zögern wurde mein Wunsch in der Weise erfüllt, daß ich zu bestimmten Stunden Thibaut's Musiksaal besuchen und die Werke am Piano durchgehen durfte; ein Mitnehmen derselben nach Hause wurde aber nicht gestattet. Ich benutzte diese Vergünstigung täglich und lernte dadurch die Stimmführung und die Harmoniefolge der alten Meister recht genau kennen. Es kam mir dabei die Lust an, mich auch einmal in einer vielstimmigen Kirchen-Musik alla Capella zu versuchen und ich führte dies im folgenden Sommer in Gandersheim durch die Composition der zehnstimmigen Messe, Op. 54, aus. Freilich war es mir nicht gegeben, mich in den einfachen Dreiklang- Fortschreitungen der alten Meister zu bewegen; im Gegentheil habe ich in der reichen Modulation der späteren Mozart'schen Weise für die Ausführbarkeit wohl des Guten zu viel gethan.

Ueber unseren Aufenthalt in Paris habe ich damals »Vier Briefe an einen Freund« in der Leipziger Musikalischen Zeitung, Jahrgang 1821, abdrucken lassen, die hier Platz finden mögen.

 

Erster Brief.

Paris, den 15. Dec. 1820.

Ich hoffe, mein geliebter Freund, Du wirst es mir hoch anrechnen, daß ich Dir schon acht Tage nach unserer Ankunft schreibe, jetzt, wo das viele Neue noch so auf mich einstürmt, daß es mir schwer wird, mich gehörig zu sammeln. Allein mein eigner Vortheil will, daß ich des Stoffes nicht zu viel sich anhäufen lasse, weil ich sonst mich wohl gar nicht mehr herauszufinden vermöchte.

Mit klopfendem Herzen fuhr ich durch die Barrière von Paris. Der Gedanke, daß mir nun die Freude zu Theil werden würde, die Künstler persönlich kennen zu lernen, deren Werke mich schon in meiner frühesten Kindheit begeistert hatten, erregte diese lebhafte Bewegung in mir. Ich versetzte mich in Gedanken in die Zeit meiner Knabenjahre zurück, wo Cherubini mein Idol war, dessen Werke ich in Braunschweig durch das damals dort bestehende französische Theater früher kennen zu lernen Gelegenheit fand, als selbst die Mozart'schen; ich erinnerte mich lebhaft der Abende, wo die » deux journées« zum erstenmale gegeben wurden, wie ich ganz trunken von dem gewaltigen Eindruck, den dieses Werk auf mich gemacht hatte, mir noch am Abend die Partitur geben ließ und die ganze Nacht darüber saß, und wie es hauptsächlich diese Oper war, die mir den ersten Impuls zur Komposition gab. Den Schöpfer derselben und noch mehrere andere Männer, deren Werke auf meine Ausbildung als Komponist und Geiger den entschiedensten Einfluß gehabt haben, sollte ich nun bald sehen.

Wir waren daher auch kaum unter Dach gekommen, als ich es mein erstes Geschäft sein ließ, mehrere dieser Künstler aufzusuchen. Von Allen wurde ich freundlich empfangen und zwischen mir und mehreren entspann sich bald ein freundschaftliches Verhältniß.

Von Cherubini war mir gesagt worden, er sei im Anfange gegen Fremde zurückhaltend, ja finster; ich fand ihn nicht so. Er empfing mich, ohne daß ich eine Empfehlung gebracht hätte, auf das Freundlichste und lud mich ein, meinen Besuch, so oft ich wollte, zu wiederholen.

Am Abend unserer Ankunft führte uns Kreutzer in die große Oper, wo ein Ballet mit lieblicher, charakteristischer Musik von ihm: » Le carnaval de Venise« gegeben wurde. Sängern und Tänzern der großen Oper merkt man es an, daß sie gewohnt sind, sich in einem größeren Lokale zu bewegen; sie tragen für diesen, im Vergleich mit dem verlassenen Opernhause, sehr beschränkten Raum viel zu grell auf. Mehrere große Opern, namentlich die Gluck'schen, können jetzt gar nicht gegeben werden, da man nicht einmal den nöthigen Platz für das ganze Orchester hat ausmitteln können. Daher hofft man sehnlichst auf die Vollendung des neuen Opernhauses, das aber doch, so thätig man auch daran arbeitet, vor Mitte des Sommers nicht fertig werden wird. Vor dem Ballet wurde die Oper: » Le Devin du village«, Text und Musik von Rousseau, gegeben. Soll man es loben oder tadeln, daß die Franzosen neben dem vielen Vorzüglichen, wodurch ihr Opern-Repertoire in den letzten zwanzig Jahren bereichert worden ist, noch immer die allerältesten Sachen geben, und ist es wohl ein Zeichen eines fortgeschrittenen, ausgebildeten Kunstgeschmacks, wenn man sie die ältesten Opern von Gretry in ihrer harmonischen Armuth und Incorrektheit mit eben dem Enthusiasmus oder wohl noch größerem aufnehmen sieht, als die Meisterwerke von Cherubini und Mehul? Mir scheint das nicht so! Wie lange ist es nicht schon her, daß die Opern von Hiller und Dittersdorf und Anderen jener Zeit von unseren Repertoiren verschwunden sind, obgleich diese ihrem innern musikalischen Werthe nach den meisten Gretry'schen weit vorzuziehen sind. Freilich ist es auf der anderen Seite wieder sehr niederschlagend, daß bei uns nur das Neue, es sei noch so fade und incorrekt, Eingang findet und manches vortreffliche Aeltere darüber zurückgelegt und vergessen wird. Doch kann man es dem Kunstgeschmack der Deutschen hoch anrechnen, daß die Mozart'schen Opern allein eine Ausnahme davon machen, und nun seit länger als dreißig Jahren fortwährend auf allen deutschen Theatern gegeben werden, weil es einen Beweis liefert, daß die deutsche Nation nun endlich von der unübertrefflichen Vollkommenheit dieser Meisterwerke durchdrungen sei und in dieser Ueberzeugung auch nicht irre werden wird, wenn gleich das süße, musikalische Gift, was uns so reichlich von jenseits der Alpen zufließt, noch so weit um sich greifen sollte.

Das Orchester der großen Oper zählt im Vergleich mit den übrigen Orchestern die meisten berühmten und ausgezeichneten Künstler, soll im Ensemble aber dem der italienischen Oper nachstehen. Ich kann darüber noch nicht urtheilen, da ich bis jetzt nur dieses gehört habe. In dem Ballet von Kreutzer, welches vom Orchester mit großer Genauigkeit gespielt wurde, erfreute mich ein Oboesolo, welches von Herrn Voigt meisterhaft vorgetragen wurde. Diesem Künstler ist es gelungen, seinem Instrumente eine vollkommene Gleichheit des Tons und der Intonation in dem ganzen Umfange von c bis zweigestrichen f zu geben, ein Bestreben, woran fast alle Oboisten scheitern. Sein Vortrag ist überdies voll Grazie und Geschmack.

Weniger als das erstemal habe ich mich vor einigen Tagen der großen Oper erbaut. Man gab » Les mystères d'Isis.« Nur zu gerecht sind die Klagen der Verehrer Mozart's über die Umgestaltung der herrlichen Zauberflöte in dieses Machwerk, welches bei seinem Erscheinen von den Franzosen selbst in » les misères d'ici« umgetauft wurde. Man schämt sich, daß es Deutsche waren, die sich so an dem unsterblichen Meister versündigten. Es ist nichts unangetastet geblieben, als die Ouvertüre; alles Uebrige ist durcheinander geworfen, verändert und verstümmelt. Die Oper fängt mit dem Schlußchor der Zauberflöte an; dann folgt der Marsch aus Titus, dann bald dieses, bald jenes Bruchstück aus anderen Mozart'schen Opern, sogar auch ein Stückchen einer Haydn'schen Symphonie, dazwischen dann Recitative von des Herrn Lachnith eigener Fabrik. Aerger aber als dieses ist es, daß die Bearbeiter vielen freundlichen, selbst komischen Stellen der Zauberflöte ernsten Text untergelegt haben, wodurch die Musik dieser Stellen nun zur Parodie des Textes und der Situation wird. So singt z. B. hier die Papagena die charakteristische Arie des Mohrs: »Alles fühlt der Liebe Freuden etc.« und das liebliche Terzett der drei Knaben: »Seid uns zum zweitenmal willkommen etc.« wird von den drei Damen gesungen. Aus dem Duett: »Bei Männern, welche Liebe fühlen etc.« ist ein Terzett geworden u. s. w. Am ärgsten ist es aber, daß man sich sogar Veränderungen in der Partitur erlaubt hat; so fehlt z. B. in der Arie: »In diesen heil'gen Hallen etc.« bei der Stelle: »So wandelt er an Freundes Hand etc.« der nachahmende Baß

der hier nicht allein der Harmonie wegen unentbehrlich, sondern auch auf das Wandeln deutend, so charakteristisch ist, ganz und gar, und die Bässe schlagen statt dessen nur das h einigemale an. Wie nüchtern und kahl diese in Deutschland so oft bewunderte Stelle nun klingt, kannst Du Dir leicht denken. Ferner haben die Bearbeiter in den Gesängen der drei Damen, wo bei Mozart die dritte Gesangstimme nur durch die Violinen verstärkt und gestützt wird, auch Violoncello und Contrebässe gesetzt, so daß der Baß bei diesen zarten nur dreistimmig gehaltenen Stellen in drei verschiedenen Octaven liegt, was einem gebildeten Ohr unerträglich klingt. Und so gibt es solcher Versündigungen noch mehrere. Man muß den Franzosen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie von jeher diese vandalische Verstümmelung eines großen Meisterwerks (die ihnen bei der Unbekanntschaft mit dem Original nicht einmal in ihrer ganzen Ausdehnung bekannt geworden ist) entschieden gemißbilligt haben; aber wie kommt es, daß die mystères demohngeachtet seit achtzehn bis zwanzig Jahren ruhig auf dem Repertoire bleiben, da doch hier das Publikum, wie ich das täglich sehe, so despotisch im Theater regiert und Alles durchzusetzen weiß, was es will!

Die Aufführung konnte mir als Deutschen nicht genügen. Selbst die Ouvertüre ging nicht so gut, als sie von einem so herrlichen Vereine vorzüglicher Künstler hätte gegeben werden können. Sie wurde zu schnell genommen und nach dem Ende zu noch mehr getrieben, so daß die Geiger zuletzt statt der Sechszehntheile nur Achtel spielen konnten. Die Sänger der großen Oper, die im deklamatorischen Gesange ihre großen Verdienste haben mögen, sind wenig geeignet, die zarten Gesänge der Zauberflöte befriedigend zu geben. Sie singen sie mit einer Derbheit, die alles Zarte davon abstreift. Die Ausstattung an Dekorationen, Garderobe und Tanz ist anständig, doch nicht so prächtig, als ich erwartet hatte. – Gestern besuchten wir die große Oper zum drittenmal und sahen » Clari«, ein großes Ballet in drei Aufzügen, Musik von Kreutzer. So wenig ich auch das Ballet liebe, und so wenig mir selbst das Pantomimische des Aufwandes von Kunstmitteln werth scheint, die hier daran verschwendet werden, so leugne ich doch nicht, daß das Pariser einigemal, bis man durch die Monotonie der mimischen Bewegungen und durch die noch größere der Tänze ermüdet ist, angenehm unterhalten kann. Allein selbst so vollkommen gegeben, wie hier, erscheint mir die Pantomime in der Armuth ihrer Zeichen, die immer erst einer gedruckten Erklärung bedürfen, neben dem recitirenden Schauspiel, wie ein Schattenriß neben einer Zeichnung. Man möge ihn noch so sehr herausputzen durch goldenen Grund, verzierte Umgebung (wie hier das Ballet durch Pracht der Dekorationen und Kleider), er gibt nur die Umrisse und das Leben fehlt. So möchte ich auch das Schauspiel neben der Oper einer Zeichnung neben dem Gemälde vergleichen. Durch den Gesang erhält die Dichtung erst das Colorit, und nur ihm, unterstützt von der Gewalt der Harmonie, gelingt es, die unnennbaren, blos geahnten Regungen der Seele auszudrücken, die die Sprache nur anzudeuten sich begnügen muß. Die Musik zu » Clari« ist sehr gelungen, und besonders im zweiten und dritten Akt von hinreißender Wirkung. Sie erleichtert durch richtiges Ausmalen der Leidenschaften das Verstehen der Handlung sehr, und enthält einen Schatz lieblicher Melodien, von denen zu bedauern ist, daß sie nicht einer Oper zu Theil geworden sind. Demoiselle Bigottini gab die Hauptrolle und entwickelte ein tiefes Studium des Mienen- und Geberden-Spieles. Daß sie den Ausdruck ihrer Gesichtszüge bei höchst leidenschaftlichen Situationen bis zur Grimasse steigert, mag wohl daran liegen, daß sie bisher immer in einem großen Lokale auftrat, wo der Entfernung wegen stark aufgetragen werden mußte. Vielleicht scheint es mir als Deutschen aber auch nur so, denn der Beifall war nie lärmender, als wenn sie (für mein Gefühl) die Grenze des Schönen und Graziösen überschritt.

Vor dem Ballet gab man » Le rossignol«, Oper in einem Akt, nach welcher die deutsche von Weigl componirte Oper: »Nachtigall und Rabe« bearbeitet worden ist. Die Musik der französischen ist unbedeutend und wurde mir nur interessant durch das von Herrn Tulou meisterhaft vorgetragene Flötensolo. Es ist unmöglich, einen schöneren Ton zu hören, als Herr Tulou seinem Instrumente zu entlocken weiß. Seitdem ich ihn hörte, kommt es mir nicht mehr so unpassend vor, wenn unsere Dichter den Wohllaut einer schönen Stimme dem Flötenton vergleichen.

 

Zweiter Brief.

Paris, den 21. December 1820.

Vierzehn Tage, sehr genußreich, sind seit Abgang meines ersten Briefes verflossen, und viel Schönes haben wir seitdem gesehen und gehört; doch muß ich mich für jetzt begnügen, Dir nur von dem zu schreiben, was in nächster Beziehung zu meiner Kunst steht. Ich habe nun vor Künstlern und Dilettanten, Kennern und Laien, als Geiger und Componist debütirt, zuerst bei Herrn Baudiot, erstem Violoncellisten der königlichen Kapelle, Tags darauf bei Kreutzer und seitdem noch in drei Gesellschaften. Bei den beiden ersten waren fast nur Künstler gegenwärtig, bei Kreutzer besonders fast alle ausgezeichneten Componisten und Geiger von Paris. Ich gab mehrere meiner Quartetten und Quintetten und am zweiten Tage mein Nonett zu hören. Die Componisten sagten mir viel Schönes über die Composition, die Geiger über mein Spiel. Von letztern waren Viotti, beide Kreutzer, Baillot, Lafont, Habeneck, Fontaine, Guerin und mehrere Andere, deren Namen in Deutschland nicht so bekannt sind, zugegen, und Du siehst wohl, daß es dasmal galt und daß ich mich zusammen nehmen mußte, um meinen Landsleuten Ehre zu machen. Die Partien der Blas-Instrumente meines Nonetts waren durch die fünf Künstler besetzt, von deren meisterhafter Execution der Reicha'schen Quintetten Du oft in den Berichten aus Paris gelesen haben wirst. Ich hatte die Freude, zwei dieser Quintetten von ihnen zu hören, behalte mir aber vor, Dir ausführlich darüber zu schreiben, wenn ich deren erst noch mehrere kennen werde. Auf allgemeines Verlangen der anwesenden Künstler mußten sie mein Nonett an demselben Abend noch einmal wiederholen; und hatten mich die Mitspielenden schon das erstemal durch die Fertigkeit, mit der sie dieses schwere Musikstück a prima vista lasen, in Erstaunen gesetzt, so befriedigten sie mich bei der Wiederholung noch weit mehr dadurch, daß sie nun in den Geist der Composition eindrangen und ihn wiedergaben.

Der junge Clavierspieler Herz, von dem Du ebenfalls in dem Pariser Musikalischen Allerlei gelesen haben wirst, spielte auch an jenem Abend zweimal, zuerst Variationen von sich, über ein Thema aus der Schweizerfamilie, dann die bekannten Variationen von Moscheles über den Alexander-Marsch. Die außerordentliche Fertigkeit dieses jungen Mannes setzt in Erstaunen; doch scheint auch bei ihm, wie bei allen hiesigen jungen Künstlern, die ich bis jetzt hörte, die technische Ausbildung der geistigen vorgeschritten zu sein; er würde doch wohl sonst in einer Gesellschaft, in der nur Künstler zugegen waren, etwas Anderes und Gediegeneres, als diese halsbrechenden Kunststücke zu hören gegeben haben. Es ist aber auffallend, wie Alles hier, Jung und Alt, nur darnach strebt, durch mechanische Fertigkeit zu glänzen, und Leute, in denen vielleicht der Keim zu etwas Besserem liegt, ganze Jahre, mit Aufbieten aller ihrer Kräfte dazu verwenden, ein einziges Musikstück, was als solches oft nicht den mindesten Werth hat, einzuüben, um dann öffentlich damit auftreten zu können. Daß bei solchem Verfahren der Geist getödtet werden müsse, und aus solchen Leuten nicht viel Besseres werden könne, als musikalische Automaten, ist leicht begreiflich.

Man hört daher auch in den hiesigen Musikgesellschaften selten oder nie ein ernstes, gediegenes Musikstück, etwa ein Quartett oder Quintett von unseren großen Meistern; jeder reitet nur sein Paradepferd vor; da gibt es nichts, als airs variés, rondos favoris, nocturnes und dergleichen Bagatellen mehr, und von den Sängern Romanzen und kleine Duetten, und wenn dies Alles auch noch so incorrekt und fade ist, es verfehlt seine Wirkung nie, wenn es nur recht glatt und süß vorgetragen wird. Arm an solchen niedlichen Kleinigkeiten, bin ich mit meiner ernsten, deutschen Musik übel daran und habe in solchen Musikgesellschaften nicht selten das Gefühl eines Menschen, der zu Leuten spricht, die seine Sprache nicht verstehen; denn wenn ich auch manchmal von diesem oder jenem Zuhörer das Lob, was er meinem Spiele zollt, mit auf die Komposition ausgedehnt höre, so darf ich darauf nicht stolz sein, da er gleich nachher die trivialsten Sachen mit denselben Lobsprüchen begleitet. Man erröthet, von solchen Kennern gelobt zu werden. Ebenso ist es auch in den Theatern; der große, tonangebende Haufen weiß durchaus das Schlechteste vom Besten nicht zu unterscheiden; er hört mit demselben Entzücken » le jugement de Midas« wie » les deux journées« oder » Joseph«.Man braucht nicht lange hier zu sein, um der schon öfter ausgesprochenen Meinung beizutreten, daß die Franzosen ein unmusikalisches Volk sind.

Selbst die hiesigen Künstler sind dieser Meinung und antworten mir oft, wenn ich in dieser Beziehung von Deutschland rede: »Ja, dort liebt und versteht man Musik, hier nicht.« So wird es auch erklärlich, wie in Paris eine herrliche Musik zu einem schlechten Theaterstück durchfallen und eine erbärmliche Musik zu einem guten großes Glück machen kann.

Dies hat mir nun auch schon alle Lust geraubt, für eins der hiesigen Theater zu schreiben, wie ich früher wohl sehr gewünscht habe; denn abgerechnet, daß ich hier wie ein junger Komponist von vorn anfangen müßte, da man von meinen Kompositionen bis auf einige Violinsachen noch wenig oder nichts kennt, abgerechnet ferner, daß ich mich durch tausend Kabalen, die sich gegen mich als Fremden doppelt furchtbar erheben würden, durchzuarbeiten hätte, bis ich mein Werk zur Aufführung bringen könnte, so wäre ich am Ende mit dem Bewußtsein, gute Musik geschrieben zu haben, doch des Erfolges noch nicht gewiß, der hier, wie gesagt, fast allein vom Stücke abhängt. Man sieht dies schon aus den Beurtheilungen neuer Opern in den hiesigen Journalen, wo vom Text seitenlang die Rede ist, und der Musik nur mit ein paar Worten im Vorbeigehen erwähnt wird.

Wäre es nicht so lukrativ, für die hiesigen Theater zu schreiben, so würde sich schon längst kein guter Componist mehr dazu hergegeben haben. So aber, bei dem bedeutenden Gewinn, den eine Oper, wenn sie gefällt, auf die ganze Lebenszeit einträgt, entstehen fast täglich neue Werke; Dichter und Componist sinnen unaufhörlich auf neue Effekte, versäumen darüber aber nicht, das Publikum durch die Journale monatelang zu bearbeiten, sorgen am Abend der Aufführung für eine gehörige Anzahl Klatscher im Parterre, um durch alles dies ihrem Werke eine brillante Aufnahme und sich durch diese oft wiederholte Aufführungen am Ende reiche Einnahmen zu verschaffen. Wäre in Deutschland auch nur halb so viel mit einer Oper zu gewinnen, so würden wir bald eben so reich an vorzüglichen Theater-Componisten sein, wie wir es jetzt an Instrumental-Componisten sind, und man würde dann nicht mehr nöthig haben, das Fremde auf unsere Bühnen zu verpflanzen, das der Kunstbildung der Deutschen größtentheils so unwürdig ist.

Daß wir nun nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalte die Theater alle und wiederholt besucht haben, versteht sich von selbst. Ich bin doppelt froh darüber, da sich jetzt bei vermehrter Bekanntschaft die Engagements für Mittag und Abend so gehäuft haben, daß wir in den nächsten vierzehn Tagen wohl nur wenige Abende dem Theater werden widmen können.

Vom Théâtre français, dem Odéon und den vier kleinen Theatern schreibe ich Dir nicht, weil sie in musikalischer Hinsicht nichts Bemerkenswerthes darbieten. In den beiden ersten hört man nur entr'actes, und in den vier andern fast nichts als Vaudevilles. Daß diese Gattung von Theaterstückchen (die, Apoll und den Musen sei es gedankt, bis jetzt noch in kein anderes Land verpflanzt worden ist) hier so sehr geliebt wird, daß vier Theater sie fast ausschließlich geben, beweist wohl am bündigsten, daß die Franzosen unmusikalisch sind; denn ärger kann die heilige Kunst nie und nirgends gemißbraucht werden, als in diesen Gesängen, die weder gesungen, noch gesprochen, sondern in Intervallen herausgepoltert werden, die mit der vorgeschriebenen Melodie und der sie begleitenden Harmonie im grellsten Widerspruche sind. Es sind auch alle Franzosen von Geschmack einverstanden, daß die Vaudevilles, die früher nur in einem Theater gegeben wurden, durch ihre Vermehrung den Sinn für wahre Musik immer mehr ersticken und daher auf die Kunstbildung sehr nachtheilig einwirken. Wir haben diese Theater jedes einmal besucht, um die berühmten Komiker Brunet, Pothier und Perlet kennen zu lernen, werden uns aber wohl zu keinem zweiten Besuche entschließen können, da der Genuß, den jene Künstler durch ihren Witz und ihre unerschöpfliche Laune gewähren, durch das Anhören so schlechter Musik zu theuer erkauft wird. Merkwürdig war mir in diesen Theatern die Geschicklichkeit der Orchester, mit der sie dem Sänger, der sich nicht im mindesten an den Takt und die Geltung der Noten bindet, zu folgen wissen. Dies ist aber auch ihr größtes Verdienst; im Uebrigen sind sie ziemlich mittelmäßig.

Das italienische Theater haben wir öfter besucht und manchen Kunstgenuß dort gehabt. Gestern sahen wir endlich denn auch »Don Juan«, nachdem er ziemlich lange ausgesetzt war. Das Haus war wieder, wie bei den früheren Aufführungen, überfüllt, und Hunderte von Menschen konnten schon eine halbe Stunde vor Anfang keinen Platz mehr finden. Ich wurde versucht zu glauben, die Pariser hätten nun endlich die klassische Vortrefflichkeit dieses Werkes begriffen und drängten sich in immer größerer Menge herbei, um es zu genießen; diese Meinung gab ich aber bald wieder auf, als ich sah, daß die herrlichsten Nummern der Oper, das erste Duett, das Quartett, das große Septett und so manches andere, ohne Eindruck auf sie zu machen, vorüberging, und nur zwei Nummern rauschenden Beifall erhielten, der überdies mehr den Sängern, als dem Componisten galt.

Diese zwei Nummern, die jedesmal da capo verlangt werden, waren das Duett zwischen Don Juan und Zerline: »Reich' mir die Hand mein Leben etc.« und die Arie von Don Juan: »Treibt der Champagner etc.«, ersteres, weil es Herrn Garcia an Tiefe fehlt, in b und letztere gar einen ganzen Ton höher, in c transponirt. Madame Fodor-Mainville, die wohl gewußt hat, daß die Gesangstücke der Zerline den Parisern mehr als alles Uebrige der Oper gefallen würden, wählte sich wohlweislich diese Rolle, und der Erfolg hat bewiesen, daß sie richtig calculirte. Was kümmert sie, daß die Oper nun ganz verkehrt besetzt worden ist, wenn ihr nur rauschender Beifall zu Theil wird. Diesen kann ihr der Kenner aber nur dann zollen, wenn er vergißt, daß sie die Rolle eines Bauernmädchens gibt, und wenn er ganz auf Wahrheit der Darstellung Verzicht leistet; denn sie schmückt die einfachen Gesänge ihrer Partie mit einer Menge hochtrabender Verzierungen aus, die, so herrlich sie sie auch ausführt, doch hier doppelt verwerflich sind, erstlich, weil sie in Mozart'sche Musik überhaupt nicht hinein gehören, und zweitens, weil sie dem Charakter der Rolle nicht angemessen sind. Diese abgerechnet, gewährt es freilich einen ungewohnten Genuß, diese Parthie, die in Deutschland gewöhnlich durch die dritte Sängerin besetzt ist, hier von der ersten und einer so ausgezeichneten singen zu hören. Herr Garcia als Don Juan thut des Guten auch zu viel. Wo es sich nur einigermaßen schicken will, ist er gleich mit einer ellenlangen Verzierung bei der Hand. Am unschicklichsten sind diese in dem Ständchen, wo die figurirte Mandolin-Begleitung auch die allereinfachste verbietet. Nichts desto weniger läuft er die kreuz und quer herum, und um dieses bequemer zu können, läßt er das Tempo recht langsam nehmen. Dafür singt er aber seine Arie: »Treibt der Champagner etc.« unvergleichlich, und ich gestehe, diese Arie noch nie so gut gehört zu haben. Es kommt ihm dabei die geläufige, italienische Zunge sehr zu statten, und anstatt daß unseren deutschen Sängern gewöhnlich der Athem dabei ausgeht, steigert sich bei ihm die Kraft bis zum Schluß.

Die übrigen Rollen sind mehr oder weniger gut besetzt, keine aber schlecht, und man muß es mit Dank anerkennen, daß Jeder sein Möglichstes thut, um dem Werke Ehre zu machen. Man kann auch mit der Aufführung sehr zufrieden sein, sobald man vergißt, zu welchen Ansprüchen man bei einem so berühmten Künstlerverein berechtigt ist. So viel wird einem Deutschen aber doch bald klar, daß diese Sänger, die nur italienische, besonders Rossini'sche Musik in höchster Vollendung geben, die Mozart'sche nicht mit gleicher Trefflichkeit executiren können; die Gattung ist gar zu verschieden. Der weichliche, süße Vortrag, der bei jener ganz am Platze ist, verwischt hier zu sehr den energischen Charakter, der dem Don Juan vor allen anderen Mozart'schen Opern eigen ist.

Das Orchester, das die Pariser immer das erste der Welt nennen, gab an diesem Abend doch einige Blößen. Erstlich fehlten die Blas-Instrumente zweimal recht auffallend, und zweitens schwankte es mehremale so, daß der Direktor zum Taktschlagen seine Zuflucht nehmen mußte. Ich bin von neuem in der Ueberzeugung bestärkt worden, daß ein Theater-Orchester, sei es auch noch so vortrefflich, wegen der weiten Entfernung der beiden äußersten Enden, nicht anders als durch unausgesetztes Taktgeben dirigirt werden sollte, und daß es nichts taugt, wenn er, wie Herr Grasset, durch Bewegungen des Körpers und der Geige fortwährend den Takt markirt. Im Uebrigen ist dies Orchester wegen der Discretion, mit der es den Gesang begleitet, mit Recht berühmt und könnte darin den übrigen Parisern, sowie manchen deutschen, zum Muster dienen.

Auch der Chor ist vortrefflich und war beim Schluß-Allegro des ersten Finale von besonders kräftiger, herrlicher Wirkung. Warum wurde aber auch hier, wie fast allenthalben, dieses Allegro wieder so unmäßig schnell genommen? Bedenken denn die Direktoren gar nicht, daß sie dadurch die Kraft nur lähmen, anstatt sie zu steigern, und daß die Triolen-Figuren der Geigen, die den breiten Massen erst Leben und Bewegung geben müssen, bei so rasend-schneller Bewegung gar nicht mehr deutlich und kräftig herausgebracht werden können und man am Ende statt des lebendigen Ganzen nur skelettirte Umrisse ohne Ausfüllung zu hören bekommt?!

Wenn man so einem herrlichen Musikstücke durch falsches Tempo seinen Effekt schmälern hört, wird von neuem der Wunsch rege, daß doch endlich die Bezeichnung der Tempi, auf Mälzel'sche oder Weber'sche Weise (oder besser noch auf beide zugleich) allgemein werden möchte. Freilich müßten die Direktoren sich dann auch gewissenhaft darnach richten und nicht, wie jetzt, ihrem eigenem Gefühl unbedingt folgen wollen.

 

Dritter Brief.

Paris, den 12. Januar 1821.

Mit erleichtertem Herzen melde ich Dir, mein geliebter Freund, daß mein öffentliches Debüt nun auch glücklich überstanden ist. Es bleibt für einen fremden Geiger immer ein gewagtes Unternehmen, in Paris aufzutreten, da die Pariser, in dem Wahn befangen, die ersten Geiger der Welt zu besitzen, es beinahe wie eine Arroganz betrachten, wenn ein Fremder sich Talent genug zutraut, einen Vergleich mit diesen aushalten zu können.

Ich darf mir daher wohl auf die brillante Aufnahme, die mir vorgestern zu Theil wurde, ein wenig zu gute thun, um so mehr, da ich den Zuhörern, etwa ein Dutzend ausgenommen, persönlich fremd war, und sich unter ihnen keine durch Freibillets erkaufte Klatscher befanden. Ich hatte mich aber auch sehr sorgfältig vorbereitet und wurde durch das sorgsame, von Herrn Habeneck geleitete Accompagnement gehörig unterstützt. Auch war ich nicht im mindesten befangen, was mir sonst, wenn ich in einem fremden Lande zum erstenmal auftrete, wohl geschieht, und was auch im vorigen Jahre in London der Fall war. Den Grund davon glaube ich in dem Umstande zu finden, daß ich hier vor dem öffentlichen Auftreten bereits vor allen ausgezeichneten Künstlern gespielt hatte, in London aber schon acht Tage nach unserer Ankunft, ohne von irgend Jemand vorher gehört worden zu sein, im philharmonischen Concert auftreten mußte.

Ehe ich in die Details des Concerts eingehe, muß ich Dir wohl erzählen, auf welche Weise ich es gab. Wenn es schon in jeder andern Stadt ein lästiges Geschäft ist, ein Concert zu arrangiren, so ist es vollends in dem weitläufigen Paris, wo täglich so viele Theater spielen, so vielerlei concurrirt und so manches Hinderniß zu beseitigen ist, eine wahrhaft herkulische Arbeit. Ich glaube auch, daß dies die Ursache sein mag, warum so viele Künstler, die nach Paris kommen, darauf Verzicht leisten, ein öffentliches Concert zu geben, das freilich auch außerdem, durch die enormen Kosten von beinahe 3000 Franken, immer ein gewagtes Unternehmen bleibt. Wenn mir nun schon an anderen Orten diese Geschäfte im höchsten Grade zuwider sind, so kannst Du Dir denken, wie ich mich hier davor fürchtete. Um diesen nun auszuweichen, kam ich auf die Idee, der Administration der großen Oper den Vorschlag zu thun, mit mir gemeinschaftlich zur Theilung der Kosten und der Einnahme eine Abend-Vorstellung zu geben, von der die erste Hälfte durch ein Concert, die zweite durch ein Ballet auszufüllen wäre. Wider Erwarten aller Derer, mit denen ich davon gesprochen hatte, wurde dieser Vorschlag angenommen.

Die Zustimmung des Ministers verzögerte sich aber so lange, daß das Concert nur drei Tage vorher angekündigt werden konnte, und diesem Umstande schreibe ich es zu, daß das Haus, obgleich gut besetzt, doch nicht so angefüllt war, als ich es bei diesem, für die Pariser ganz neuen und durch seine Neuheit anziehenden Arrangement erwartet hatte. Die Hälfte, die mir nach Abzug der Kosten zu Theil wurde, war daher freilich nicht sehr bedeutend; da ich indessen nicht darauf gerechnet hatte, hier viel zu gewinnen, so bereue ich dies Arrangement keineswegs, da es mich unendlicher Mühe überhoben, und mir doch Gelegenheit verschafft hat, öffentlich aufzutreten.

Ich gab von meinen Compositionen: die Ouvertüre aus »Alruna«, das neueste Violinconcert und den Potpourri über das Duett aus »Don Juan«. Dazwischen wurden eine Cavatine von Rossini, gesungen von Demoiselle Cinte, und ein Duett von ebendemselben, gesungen von den Herren Bordogni und Levasseur, eingeschoben. Die Ouvertüre war bei der Probe dreimal wiederholt worden und ging daher am Abend, wenn auch nicht so gut, wie das letztemal in der Probe, doch so, daß das Publikum der Execution seinen Beifall nicht versagen konnte. Im Concerte sowohl wie im Potpourri fehlten einige der Blas-Instrumente ein paarmal aus einer, den Franzosen ziemlich gewöhnlichen Nachlässigkeit im Pausiren; es wurde aber dadurch glücklicherweise nicht viel verdorben. Der Beifall des Publikums sprach sich in lebhaftem Applaudiren und Bravorufen unzweideutig aus. Nicht so günstig lautet heute die Kritik der meisten Journalisten. Ich muß Dir dies Räthsel lösen. Diese Herren sind es gewohnt, daß jeder öffentlich Auftretende, sei er Fremder oder Einheimischer, ihnen die Visite mache, sich ein günstiges Urtheil erbitte und einige Freibillets demüthigst überreiche. Fremde Künstler, um diesen unangenehmen Visiten zu entgehen, kleiden ihr Gesuch allenfalls auch wohl nur schriftlich ein und überschicken so die Freibillets; oder, was auch schon öfters geschehen ist, veranlassen ein ihnen gewogenes Haus, an das sie empfohlen sind, die Herren Journalisten zum Mittagsessen einzuladen, wo man ihnen dann am bequemsten zu verstehen geben kann, was man vor und nach dem Concert von sich gern gesagt haben möchte. Dies mag wohl dann und wann auch bei uns in Deutschland geschehen; doch glaube ich nicht, daß irgendwo die Kritik so feil sein kann, wie hier. Man hat mich versichert, daß die vorzüglichsten Künstler des Théâtre français, Demoiselle Mars und selbst Talma, bedeutende Summen jährlich an die Journalisten zahlen, um diese Herren immer beim Guten zu erhalten, und daß diese sich aus einer Geldverlegenheit nie sicherer heraushelfen können, als wenn sie irgend einen geachteten Künstler so lange angreifen, bis er sich gutwillig zu einem Geldtribut versteht. Wie aber eine solche käufliche Kritik noch im mindesten geachtet werden kann, begreife ich nicht. Genug, diese Supplikanten-Visiten hatte ich nicht gemacht, weil sie mir eines deutschen Künstlers unwürdig schienen, und glaubte, das Schlimmste, was daraus entstehen könnte, sei, daß die Journalisten meines Concerts gar nicht erwähnen würden. Da diese aber für ihre Person bei jeder Vorstellung der großen Oper freien Eintritt haben, so hatte ich mich darin doch geirrt. Sie reden alle davon; einige mit unbedingtem Lobe; die meisten hingegen mit einem Aber, wodurch das Lob mehr wie genug entkräftet wird. In allen diesen Berichten spricht sich aber die französische Eitelkeit recht selbstgefällig aus. Alle fangen damit an, ihre eigenen Künstler und ihre Kunstbildung über die aller andern Nationen zu erheben; sie meinen, das Land, welches die Herren Baillot, Lafont und Habeneck besitzt, brauche kein anderes, um seine Geiger zu beneiden; und wenn man hier demungeachtet das Spiel eines Fremden mit Enthusiasmus aufgenommen habe, so sei dies blos ein Beweis, wie gastfreundschaftlich die Franzosen überhaupt gegen Fremde seien. Diese Eitelkeit abgerechnet, sind die Berichte aber doch sehr widersprechend. In der » Quotidienne« hieß es z. B.: » Mr. Spohr aborde, avec une incroyable audace, les plus grandes difficultés, et l'on ne sait ce qui étonne le plus ou son audace ou la sûreté avec laquelle il exécute ces difficultés; « im » Journal des Débats« hingegen: » Le concert exécuté par Mr. Spohr n'est point surchargé de difficultés etc.« Ebenso verschiedener Meinung sind die Herren über den Werth oder Unwerth meiner Compositionen. Die meisten finden sie gut, ohne indessen zu sagen, warum; der » Courier des spectacles« aber, der mich überhaupt gewaltig mitnimmt, sagt davon: » C'est une espèce de pacotille d'harmonie et d'enharmonie germaniques que Mr. Spohr apporte, en contrebande, de je ne sais quelle contrée d'Allemagne.« Dafür ist aber Rossini sein Mann, von dem es weiter unten heißt: » Cet Orphée moderne a défrayé de chant le concert de Mr. Spohr et il lui suffit pour cela de prêter une petite aria et un petit duo bouffo.« Als Geiger habe ich indessen mehr Gnade vor seinen Augen gefunden; er sagt nämlich: » Mr. Spohr comme exécutant est un homme de mérite; il a deux qualités rares et précieuses, la pureté et la justesse,« schließt dann aber seine Phrase als ächter Franzose: » s'il reste quelque temps à Paris, il pourra perfectionner son goût et retourner ensuite, former celui des bons Allemands.« Wenn doch der gute Mann wüßte, was die bons Allemands von dem Kunstgeschmacke der Franzosen denken?!

Diese lächerliche Eitelkeit der Pariser äußert sich auch in ihren Gesprächen; spielt dieser oder jener ihrer Künstler etwas, so fragen sie gleich: »Nun, haben Sie in Deutschland wohl etwas Aehnliches aufzuweisen?« Oder stellen sie einen ihrer ausgezeichneten Künstler dem Fremden vor, so nennen sie ihn nicht etwa den ersten von Paris, sondern gleich den ersten der Welt, obgleich keine Nation das, was das Ausland Vorzügliches besitzt, weniger kennt, als sie in ihrer für ihre Eitelkeit so glücklichen Unwissenheit.

Daß ich Dir bis jetzt noch nichts von den Musiken in der Hofkapelle schrieb, wird Dich gewundert haben; ich zögerte aber absichtlich damit, um auch erst einige von Cherubini's Messen gehört zu haben. Lesueur und Cherubini, die beiden Hofkapellmeister, wechseln nämlich alle drei Monat in der Direktion ab; unsere Ankunft traf in das Semester von Lesueur, und das Cherubini's fing erst mit dem ersten Januar an. Die Kapellmeister dirigiren die Musik aber nicht selbst, sondern präsidiren nur in ihrer Hofkleidung an der Spitze des Sängerpersonals, ohne an der Aufführung thätigen Antheil zu nehmen. Der eigentliche Musikdirektor ist Plantade; Kreutzer Vorgeiger bei der ersten und Baillot bei der zweiten Violine. Das Orchester ist aus den vorzüglichsten Künstlern von Paris zusammengesetzt, der Chor kräftig und gut. Man macht von jeder Messe ein oder zwei Proben, und unter Plantade's sicherer und feuriger Direktion geht Alles sehr gut.

War ich gleich durch des Herrn Sievers Berichte schon vorbereitet, hier Musik zu hören, die sich im Styl von dem, was man bei uns in Deutschland Kirchenstyl nennt, sehr weit entfernt, so wurde ich doch durch den brillanten Theaterstyl in einer Messe von Plantade, die ich beim ersten Besuch der Kapelle am 17. vorigen Monats hörte, nicht wenig überrascht. Es ist darin auch nicht der leiseste Anklang von gebundenem Styl, keine Spur von kanonischer Führung der Stimmen, noch viel weniger von einer Fuge. Dies abgerechnet, recht hübsche Gedanken und gute Instrumentirung, die in einer komischen Oper ganz an ihrem Platze wären. Das Schluß-Allegro, wahrscheinlich über die Worte: Dona nobis pacem (gewiß weiß ich es nicht, da die Franzosen das Lateinische auf eine dem deutschen Ohr sehr unverständliche Weise aussprechen) war so ganz im Styl eines Opern-Finales (wie diese gewöhnlich mit drei oder viermal gesteigertem Tempo), daß ich beim Schluß, ganz den Ort vergessend, wo ich mich befand, erwartete, der Vorhang werde fallen und das Publikum applaudiren.

Am 24. December des Nachts 12 Uhr hörten wir die sogenannte messe de minuit, dasmal von Lesueur's Composition. Vorher mußten wir eine große Geduldsprobe bestehen, indem wir während zwei ziemlich langer Stunden, von zehn bis zwölf Uhr, nichts als Psalmen, auf die eintönigste Weise abgesungen, dann und wann mit barbarischem Zwischenspiele der Orgel unterbrochen, anzuhören bekamen. Um zwölf Uhr fing endlich die Messe an. Wieder der frivole Theaterstyl, wie in der von Plantade, in der feierlichen Mitternachtsstunde aber nur noch widerlicher. Was mich dabei am meisten wunderte, besonders von Lesueur, der hier in dem Rufe eines vorzüglichen Harmonikers steht und als Harmonielehrer, wenn ich nicht irre, im Conservatorium Unterricht ertheilt, nicht einmal vierstimmige Führung der Gesangsstimmen! Mag es auch in der Oper zuweilen von Wirkung sein, wenn man nur zweistimmig schreibt, die Soprane mit den Tenoren und die Alte mit den Bässen in Octaven gehen läßt, theils um den gewöhnlich schlechten Theaterchören die Execution zu erleichtern, theils um mehr materielle Kraft dadurch zu erreichen, so scheint es mir doch ganz barbarisch, dieses in der Kirche einzuführen, und ich möchte daher wohl wissen, was Herr Lesueur, der gewiß ein denkender Künstler ist, dabei beabsichtigt. An die Stelle des Offertoriums waren Variationen von Radermann für Harfe, Horn und Violoncell eingeschoben, vom Componisten und den Herren Dauprat und Baudiot vorgetragen. Du weißt, daß mir in Deutschland ein ernster Symphonien-Satz an dieser Stelle schon zu weltlich vorkam, kannst Dir daher leicht denken, welchen widrigen Eindruck diese galanten, französischen Harfen-Variationen in einer Messe um die Mitternachtsstunde auf mich machen mußten, und doch sah ich die Anwesenden andächtig beten. Wie gelingt es ihnen nur, bei solcher trivialen Musik einen frommen Gedanken zu fassen! Entweder ist diese für sie ohne alle Bedeutung, oder sie verstehen ihr Ohr gänzlich zu verschließen; denn sonst müßten sie unausbleiblich dadurch, wie ich, an das Ballet der großen Oper erinnert worden sein, wo diese drei Instrumente bei den üppigsten Tänzen auf gleiche Weise gebraucht werden. Die Harfe, obgleich in uralten Zeiten das Lieblings-Instrument eines frommen Königs, sollte schon deswegen aus der Kirche verbannt sein, weil sie zum gebundenen Styl, dem einzigen für die Kirche passenden, völlig untauglich ist.

Aber wirst Du es glauben, wenn ich Dir versichere, daß selbst der würdige Meister Cherubini sich durch das böse Beispiel hat fortreißen lassen und auch in seinen Messen der Theaterstyl oft vorherrschend ist. Zwar entschädigt er bei solchen Stellen durch vorzügliche, effektvolle Musik; aber wer kann diese genießen, wenn es ihm nicht gelingt, gänzlich zu vergessen, an welchem Orte er sie hört?

Es wäre auch weniger zu bedauern, daß Cherubini sich ebenfalls vom wahren Kirchenstyl entfernt, wenn er nicht in einzelnen Nummern zeigte, wie würdevoll er sich darin zu bewegen weiß. Mehrere einzelne Sätze seiner Messen, besonders die kunstreich durchgeführten Fugen, und vor allem sein pater noster (bis zum weltlichen Schluß), liefern die herrlichsten Belege dazu. Hat man es aber erst über sich gewonnen, an diesem, oft ausschweifenden Styl kein Aergerniß mehr zu nehmen, so kann man den höchsten Kunstgenuß finden. Durch reiche Erfindung, gewählte, oft ganz fremdartige Harmoniefolgen, und eine kluge, durch vieljährige Erfahrung geleitete Benutzung der materiellen Kunstmittel, weiß er so gewaltige Effekte hervorzubringen, daß man unwillkürlich mit fortgerissen wird, bald alles Klügeln vergißt und sich nur seinem Gefühle und dem Genusse überläßt. Was würde dieser Mann geleistet haben, wenn er, anstatt für Franzosen, immer für Deutsche geschrieben hätte! –

 

Vierter Brief.

Paris, den 30. Januar 1821.

Das Ende der zwei Monate, die ich für unseren Aufenthalt in Paris bestimmt habe, nahet heran. Da ich nicht weiß, ob es uns je vergönnt sein wird, wieder hierher zu kommen, so beeilen wir uns, die von uns noch nicht gesehenen Merkwürdigkeiten aufzusuchen und machen fast täglich Ausflüge in und außerhalb Paris. Um unsere ganze Zeit ausschließlich dazu verwenden zu können, habe ich auch darauf Verzicht geleistet, vor unserer Abreise noch eine Soirée zu geben, wozu ich früher schon einige Anstalten getroffen hatte. Die vierzehn Tage, die ich dem Arrangement einer solchen fast ausschließlich hätte widmen müssen, kann ich nun vergnügter und unabhängiger leben. Schwerer ist es mir geworden, auf ein zweites öffentliches Concert Verzicht leisten zu müssen, von dem ich bei dem Beifall, den das erste erhielt, einen glücklichen Erfolg mit Zuversicht erwarten durfte. Allein es war kein freier Tag in diesem Monate mehr zu bekommen; von den drei noch übrigen Sonntagen (an einem Wochentage gibt die Administration das Theater nicht, weil da entweder große, oder italienische Oper gegeben wird) war der erste zu nahe, der zweite, als Todestag Ludwig XVI. nicht zu erhalten und der dritte bereits von Herrn Lafont zu einem Concerte belegt. Unseren Aufenthalt bis über die Mitte des folgenden Monats auszudehnen, haben wir auch keine Lust, denn wir sind des geräuschvollen Lebens und des immerwährenden Nachtschwärmens herzlich müde und sehnen uns sehr nach einem ruhigen Aufenthalte.

In Privatgesellschaften habe ich aber in der letzten Zeit desto öfter gespielt und mit Freuden gesehen, wie hauptsächlich von Künstlern meine Kompositionen bei jeder Wiederholung mit immer größerem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Dies gilt besonders von einem neuen Quintett für Pianoforte, Flöte, Clarinette, Horn und Fagott, welches ich für meine Frau geschrieben habe und womit sie, seit sie auf den Rath der Aerzte der Harfe ganz entsagt hat, einigemale aufgetreten ist. Den Hauptzweck meiner Hierherkunft, mich den hiesigen, ausgezeichneten Künstlern bekannt zu machen und mich ihnen näher zu befreunden, habe ich also vollkommen erreicht; ich kann überhaupt die Theilnahme und zuvorkommende Gefälligkeit der meisten unter ihnen nicht genug rühmen; sie haben wiederholt versucht, mich zu einem längeren Aufenthalte zu bereden und sich für den Fall, daß ich dann ein zweites Concert geben wollte, nicht allein anheischig gemacht, mir die lästigen Geschäfte des Arrangements abzunehmen, sondern auch versprochen, mir das beste Orchester von Paris zusammenzubringen, ohne daß es mich einen Sou kosten sollte. Dieses Erbieten, obgleich ich nicht in den Fall kommen werde, Gebrauch davon zu machen, hat mich doch sehr gefreut.

Einen anderen, nicht weniger wichtigen Zweck meiner Hierherkunft habe ich erreicht, indem ich Gelegenheit gefunden habe, die vorzüglichsten der hiesigen, jetzt anwesenden Geiger zu hören. Baillot gab mir auf mein Bitten eine Soirée bei sich, Lafont hörte ich in seinem Concert und den jüngern Kreutzer und Habeneck in Matinéen, die zu dem Zwecke veranstaltet waren. Fragst Du mich nun, welcher von diesen vier Geigern mir am besten gefallen habe, so nenne ich Dir, wenn von bloßer Execution die Rede ist, unbedenklich Lafont. Er vereinigt in seinem Spiel schönen Ton, höchste Reinheit, Kraft und Grazie und würde ein ganz vollkommner Geiger sein, wenn er mit diesen vorzüglichen Eigenschaften auch noch ein tiefes Gefühl verbände und sich das, der französischen Schule eigene Herausheben der letzten Note einer Phrase nicht so sehr angewöhnt hätte. Gefühl aber, ohne welches man weder ein gutes Adagio erfinden, noch es gut vortragen kann, scheint ihm, wie fast allen Franzosen, zu fehlen; denn obgleich er seine langsamen Sätze mit vielen eleganten und niedlichen Verzierungen auszustatten weiß, so bleibt und läßt er doch dabei ziemlich kalt. Das Adagio scheint überhaupt hier, sowohl vom Künstler, wie vom Publikum, als der unwichtigste Satz eines Concertes betrachtet zu werden, und wird wohl nur beibehalten, weil es die beiden schnellen Sätze gut von einander scheidet und deren Effekt erhöht.

Dieser Gleichgültigkeit dafür, sowie überhaupt der Unempfindlichkeit der Franzosen für Alles, was das Gefühl anregt, schreibe ich es auch zu, daß mein Adagio und die Weise, wie ich es vortrage, hier weniger Eindruck machte, als die brillanten Allegro-Sätze. Verwöhnt durch den Beifall, den Deutsche, Italiener, Holländer und Engländer meinem Vortrage desselben insbesondere geschenkt haben, fühlte ich mich im Anfang gekränkt, es von den Franzosen so wenig beachtet zu sehen. Seitdem ich aber bemerkt habe, wie selten ihnen ihre Künstler ein ernstes Adagio zu hören geben und wie wenig daher ihr Sinn dafür geweckt ist, bin ich darüber beruhigt. Das Herausheben der letzten Note einer Periode, durch verstärkteren Druck und schnelles Hinausstoßen des Bogens, selbst dann, wenn diese Note auf einen schlechten Takttheil fällt, ist allen französischen Geigern mehr oder weniger eigen, bei keinem doch so auffallend, wie bei Lafont. Es ist mir unbegreiflich, wie diese unnatürliche Accentuation, die gerade so klingt, als wenn ein Redner die kurzen Endsilben besonders stark betonen wollte, entstanden sein mag. Hätte man beim Vortrag des Cantabile den menschlichen Gesang immer zum Vorbild genommen (wie nach meiner Ueberzeugung jeder Instrumentalist thun sollte), dann würde man auf solche Abwege nicht gerathen sein. Die Pariser sind nun aber an diese Unnatur schon so gewöhnt, daß ihnen das Spiel eines Fremden, der nicht eben so bizarr vorträgt, viel zu schlicht, oder, wie Herr Sievers sich ausdrückt, »viel zu schlankweg« vorkommt.

Daß Lafont's Virtuosität sich immer nur auf einige Musikstücke auf einmal beschränkt, und er Jahrelang dasselbe Concert übt, bevor er damit öffentlich auftritt, ist bekannt. Seitdem ich gehört habe, zu welcher vollkommenen Execution er es dadurch bringt, will ich dieses Aufbieten aller seiner Kräfte für den einzigen Zweck zwar nicht tadeln, doch fühle ich mich außer Stande, es nachzuahmen und begreife nicht einmal, wie man es über sich gewinnen kann, dasselbe Musikstück täglich vier bis sechs Stunden zu üben, noch weniger, wie man es anzufangen habe, daß man durch solch' mechanisches Treiben nicht endlich aller wahren Kunst gänzlich absterbe.

Baillot ist im Technischen seines Spiels fast ebenso vollendet, und seine Vielseitigkeit beweiset, daß er es sei, ohne zu jenem verzweifelnden Mittel seine Zuflucht nehmen zu müssen. Er spielt außer seinen eigenen Kompositionen auch fast alle anderen der älteren und neueren Zeit. Er gab uns an jenem Abend ein Quintett von Boccherini, ein Quartett von Haydn, und drei Compositionen von sich, ein Concert, ein air varié und ein Rondo zu hören. Alle diese Sachen spielte er vollkommen rein und mit dem seiner Manier eigenthümlichen Ausdruck. Dieser Ausdruck schien mir aber mehr ein erkünstelter, als natürlicher zu sein, sowie überhaupt sein Vortrag durch das scharfe Hervortreten der Mittel zum Ausdruck manierirt wird. Seine Bogenführung ist gewandt und an Nüancen reich, aber nicht so frei, wie die von Lafont, daher sein Ton nicht so schön wie der von diesem und die Mechanik des Auf- und Abstreichens des Bogens etwas zu hörbar. Seine Compositionen zeichnen sich vor denen fast aller anderen Pariser Geiger durch Correktheit aus; auch ist ihnen eine gewisse Originalität nicht abzusprechen; aber etwas Erkünsteltes, Manierirtes und Veraltetes im Styl macht, daß sie meistens kalt lassen. Es ist Dir bekannt, daß er die Quintetten von Boccherini oft und gern spielt. Ich war begierig, diese Quintetten, von denen ich etwa ein Dutzend kenne, von ihm zu hören, um zu sehen, ob es ihm durch die Weise, wie er sie vorträgt, gelingen könne, das Gehaltlose der Kompositionen vergessen zu machen. So gelungen aber auch dir Ausführung der von ihm gegebenen war, so fiel mir das oft Kindische der Melodien und die Magerkeit der fast immer nur dreistimmigen Harmonie nicht weniger unangenehm auf, als bei allen früher gehörten. Es ist kaum zu begreifen, wie ein gebildeter Künstler wie Baillot, dem unsere Schätze an Compositionen dieser Gattung bekannt sind, es über sich gewinnen kann, diese Quintetten, die nur mit Berücksichtigung der Zeit und Verhältnisse, in denen sie geschrieben wurden, ihr Verdienst haben, noch immer zu spielen. Daß sie hier aber eben so gern, wie ein Mozart'sches gehört werden, beweist von neuem, daß die Pariser das Gute vom Schlechten nicht zu unterscheiden wissen und in ihrer Kunstbildung um wenigstens fünfzig Jahre zurückgeblieben sind.

Von Habeneck hörte ich zwei airs variés seiner Komposition. Er ist ein brillanter Geiger, der viele Noten mit großer Geschwindigkeit und vieler Leichtigkeit spielt. Sein Ton und sein Bogenstrich sind aber etwas rauh.

Der junge Kreutzer, Bruder und Schüler des ältern, ließ mich ein neues, sehr brillantes und graziöses Trio seines Bruders hören. Die Weise, wie er es vortrug, vergegenwärtigte mir einigermaßen die Manier des ältern, und überzeugte mich, daß sie die gediegenste von allen der Pariser Geiger sei. Dem jungen Kreutzer fehlt es an physischer Kraft, er ist kränklich und darf oft Monate lang nicht spielen. Sein Ton ist daher etwas matt, im Uebrigen sein Spiel rein, feurig und voll Ausdruck.

Ich habe vor ein paar Tagen nun noch zwei und zwar ganz neue Quintetten von Reicha gehört, die er für die diesjährigen Matineen der fünf früher schon genannten Künstler geschrieben hat. Sie wurden in einer Probe gegeben, die mir nur veranstaltet schien, um unter den zahlreich Eingeladenen noch Subskribenten für die Matinéen zu fischen. Es wurde wenigstens eine Liste herum präsentirt. Es ist betrübt zu sehen, welche Wege die hiesigen Künstler einschlagen müssen, um Theilnehmer für ihre Unternehmungen zu finden. Während sich die Pariser zu sinnlichen Genüssen drängen, muß man sie zu geistigen fast mit den Haaren herbeiziehen. – Die Composition dieser zwei neuen Quintetten fand ich, wie die der früher bei Kreutzer gehörten, reich an interessanten Harmoniefolgen, durchaus correkt in der Stimmführung und effektvoll in Benutzung der, in Ton und Charakter so verschiedenen Blas-Instrumente, dagegen aber in der Form oft mangelhaft. Herr Reicha ist zu wenig haushälterisch mit seinen Ideen und gibt oft schon im Anfange seiner Musikstücke vier bis fünf Themen, deren jedes in der Tonika schließt. Weniger reich, wäre hier reicher. Auch sind seine Perioden oft schlecht verbunden und klingen, als wenn er die eine gestern, die andere heute niedergeschrieben hätte. Doch sind die Menuetten und Scherzi, als kurze Musikstücke, diesem Tadel weniger unterworfen und einige unter ihnen in Form und Gehalt wahre Meisterstücke. Deutsche Gründlichkeit und Tüchtigkeit sind auch dieses Meisters schönste Zierden. Die Ausführung war in den geschwinden Sätzen wieder bewundernswürdig genau, etwas weniger befriedigend in den langsamen.

Vom Feydeau habe ich Dir, glaube ich, noch nichts geschrieben. Wir haben dies Theater viel weniger, als die andern Opern-Theater besucht, weil der Zufall wollte, daß an Abenden, wo wir frei waren, gewöhnlich Stücke gegeben wurden, die uns wenig interessirten. Doch haben wir der ersten Vorstellung von Mehul's »Joseph« beigewohnt, der nach langer Ruhe wieder in Scene gesetzt wurde. Es schien aber nicht, als wenn das Publikum dies der Direktion großen Dank wüßte, denn die Aufnahme war ziemlich kalt. Als Beleg für meine Behauptung, daß die Franzosen nur Antheil am Stück nehmen und die Vorzüglichkeit der Musik wenig zu würdigen wissen, galt es mir, daß die Tiraden im Dialog weit mehr beklatscht wurden, als die Gesangstücke. Den Sängern gelang es nur dann, Beifall zu erringen, wenn sie im Uebermaß eines erkünstelten Gefühls, statt zu singen, zu schluchzen anfingen. Bei den Musikstücken der Oper, z. B. dem ersten Chor der Brüder, rührte sich keine Hand. Mehrere Tempi wurden ganz anders als in Deutschland genommen, aber nicht zum Vortheil der Musik, z. B. der herrliche Morgengesang der Israeliten hinter der Scene so schnell, daß er alles Feierliche verlor. Auch war eine schreiende Geige, die dem Sopran zur Stütze diente, viel zu vorlaut dabei. Das Orchester spielte gut, und zeichnete sich hauptsächlich durch ein zartes piano aus.

Seit vier Wochen ist Moscheles hier. Er erregt durch sein äußerst brillantes Spiel große Sensation und weiß Künstler und Dilettanten für sich zu gewinnen, ersten durch den Vortrag seiner geistreichen Compositionen, letztere hauptsächlich durch seine freien Phantasien, in denen er sich dem Pariser Geschmack, so weit es ihm sein Deutschthum erlaubt, zu nähern weiß. Auch die Brüder Bohrer sind heute von einer Reise in die Provinzen zurückgekommen, werden aber nur wenige Tage hier verweilen und dann eine neue Reise über München nach Wien antreten. Ich bedaure, diese Künstler, mit denen ich seit zehn Jahren nicht zusammentraf, nicht auch noch hören zu können. Sie wollten mich bereden, eine Reise von hier aus in die südlichen Provinzen zu machen, wo ihrer Versicherung nach Etwas zu gewinnen sei. Ich habe aber nicht die mindeste Lust dazu. Die schlechten Orchester in den Provinzialstädten, der verdorbene Geschmack und das unangenehme Unterhandeln wegen Verminderung der Abgaben an Theater und Arme würden mir eine solche Reise zu sehr verbittern. In einigen Tagen werden wir über Nancy und Straßburg nach Deutschland zurückkehren und Dich daher bald wieder im lieben Vaterlande begrüßen.

Bis dahin lebe wohl!

*

Diesen Briefen über meinen Aufenthalt in Paris habe ich nur noch Weniges aus der Erinnerung hinzuzufügen. Bei den häufigen Gelegenheiten, die ich in Privat-Gesellschaften fand, vor Cherubini zu spielen, hatte ich keinen sehnlicheren Wunsch, als diesem von mir so hochverehrten Meister alle meine bis dahin geschriebenen Quartetten und Quintetten, so weit ich sie würdig hielt von ihm gehört zu werden, nach und nach vorzuführen und ihn um sein Urtheil darüber zu bitten. Allein dies gelang mir nur mit sehr wenigen, denn als Cherubini das erste Quartett (es war Nr. 1 der in Frankfurt geschriebenen Op. 45 angehört hatte, und ich nun ein zweites auslegen wollte, protestirte er, und sagte: »Ihre Musik wie überhaupt die Form und der Styl dieser Musikgattung ist mir noch so fremd, daß ich mich nicht gleich hineinfinden und gehörig folgen kann; es würde mir daher sehr lieb sein, wenn Sie das eben gespielte Quartett sogleich noch einmal wiederholten!« Ich war sehr erstaunt über diese Aeußerung und begriff sie erst, als ich später erfuhr, daß Cherubini die deutschen Meisterwerke dieser Gattung von Mozart und Beethoven noch gar nicht kenne und höchstens einmal ein Haydn'sches Quartett in den Soiréen Baillot's gehört habe. Da auch die übrigen Zuhörer in den Wunsch Cherubini'S einstimmten, so willfahrte ich um so lieber, als bei der ersten Execution Einiges noch nicht ganz gut zusammen gegangen war. Er sprach sich nun sehr günstig über meine Composition aus, lobte die Form, die thematische Bearbeitung, den reichen Harmoniewechsel und besonders das fugato im letzten Satze. Weil ihm aber Manches noch immer nicht ganz klar geworden war, so bat er um eine zweite Wiederholung, sobald wir uns aufs neue treffen würden. Ich hoffte, er würde nicht weiter daran denken und legte deshalb bei der nächsten Musikpartie ein anderes Quartett auf. Doch ehe ich noch beginnen konnte, erneuerte Cherubini sein Verlangen, und so mußte ich also dasselbe Quartett zum drittenmale spielen. Ebenso ging es auch mit Nr. 2 von Op. 45, nur daß er sich mit noch entschiedenerem Lobe darüber aussprach und namentlich vom Adagio sagte: »Es sei das schönste von allen, die er jemals gehört habe.« In gleichem Maße gefiel ihm auch mein Pianoforte-Quintett mit der concertirenden Begleitung der Blas-Instrumente, und es mußte deshalb sehr oft wiederholt werden. Das erstemal spielte meine Frau die Pianopartie; als sich dann aber später Moscheles die Erlaubniß ausbat, sie einüben und einmal vortragen zu dürfen, so wagte sie in Paris nicht mehr, sie ihm nachzuspielen. Er blieb daher im Besitz und drang immer mehr in den Geist der Composition ein. Besonders waren es die beiden Allegro-Sätze, die er mit weit mehr Energie und Bravour vortrug, wodurch sie allerdings an Wirkung sehr gewannen. Da nun auch die Blas-Instrumente vom Reichaschen Quintett vortrefflich waren, so erinnere ich mich nicht, dieses Quintett je vollendeter als damals gehört zu haben, obgleich ich es in neuerer Zeit von vielen berühmten Clavier-Virtuosen habe spielen hören. Bei den ewigen Wiederholungen meiner Quartetten fand ich in Paris keine Gelegenheit, auch nur eins meiner beiden ersten, damals schon existirenden Quintetten für Streich-Instrumente vorzutragen. Ich fand dafür aber ein sehr empfängliches Auditorium auf der Rückreise in Straßburg, wohin der Sinn für Quartettmusik bereits mehr aus dem benachbarten Deutschland gedrungen war. Besonders war es das Quintett in G-dur mit dem melancholisch-lustigen Finale, welches bald der Liebling der dortigen Musikfreunde wurde, und auf ihre Bitte den Schluß jeder Quartettpartie bildete. In Carlsruhe, wo ich bei früheren Besuchen schon viel Quartett gespielt hatte, besonders im Hause des kunstsinnigen Herrn von Eichthal, wurde mir der diesmalige Aufenthalt dadurch sehr getrübt, daß ich meinen Jugendfreund Feska lebensgefährlich krank fand, der dann auch bald darauf seinem unheilbaren Uebel erlag.

 

* * *

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.