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Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Zweiter Band
publisherGeorg H. Wigand.
year1861
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Neapel, den 1. Februar.

Neapel, ohne sich durch schöne Bauart auszuzeichnen, gehört doch durch seine Lage und manche Eigenthümlichkeiten zu den schönsten Städten der Welt. Kommt man von Rom, so vermißt man zwar den großen, durch das Studium der Antiken gebildeten und gereinigten Geschmack in den Gebäuden und anderen Werken der bildenden Kunst, der jene Stadt für ewige Zeiten zu der interessantesten für das Studium der Architekten, Bildhauer und Maler gemacht hat; man wird aber durch andere Vorzüge, die Rom abgehen, hinlänglich entschädigt. Die Stadt gewährt durch ihre amphitheatralische Lage einen sehr imposanten Anblick und gewinnt durch die flachen Dächer und die mit lackirten, bunten Ziegeln gedeckten Kuppeln und Thürme ein für einen Nordländer sehr ungewöhnliches orientalisches Ansehen. Sie ist überdies eine der lebhaftesten Städte der Welt, wenigstens eine der lärmendsten; denn obgleich Wien und Hamburg, die beiden volkreichsten Städte, die ich bis jetzt sah, verhältnißmäßig eben so viel Einwohner haben mögen, wie Neapel, so scheint dieses doch, theils durch die südliche Lebhaftigkeit, theils durch den Umstand, daß hier alle Stände mehr auf den Straßen müßig gehen, als zu Hause arbeiten, noch viel belebter, als jene Städte. Der Lärm auf den Straßen ist wirklich über alle Beschreibung groß, und man wird, bis man sich ein wenig daran gewöhnt hat, davon völlig betäubt. Alle Handwerker haben ihre Werkstätten auf der Straße: Schmiede, Schlosser, Kupferschmiede, Tischler, Schneider und Schuster – Alles sitzt vor den Häusern bunt durcheinander und arbeitet. Dazu das Rasseln der Wagen und Fiaker, die in den Hauptstraßen fast immer in zwei Reihen fahren, das wilde Geschrei der Verkäufer, die einer den anderen immer zu überbieten suchen, und endlich die Lebhaftigkeit der sich auf der Straße Begegnenden und Unterredenden, von denen ein Deutscher immer glaubt, daß sie sich heftig zanken, wenn sie doch nur vom Wetter oder unbedeutenden Stadt-Neuigkeiten reden. Auffallender wie in irgend einer Stadt der Welt ist aber auch der Contrast zwischen dem Luxus in den Equipagen und der Garderobe der Vornehmen, und dem Schmutz und der Blöße der ärmeren Klasse, besonders der sogenannten Lazzaroni. Diese sieht man mitten unter der eleganten Welt in ganzen Familien auf der Straße liegen und sich von den halbnackten Körpern das Ungeziefer absuchen. Einen ekelhafteren Anblick habe ich nie gehabt! Und doch gab es vor Murat's Regierung, der alle rüstigen Lazzaroni unter die Soldaten steckte, hier von diesem Gesindel eine noch weit größere Menge.

 

Den 3. Februar.

Gestern machten wir unseren ersten Ausflug. In Gesellschaft unserer schlesischen Landsleute, der Herren von Raumer, von Lattorf, Hagen und Kruse, fuhren wir zuerst nach Portici und besahen das Museum. In einer Reihe von Zimmern werden die in Herculanum und Pompeji gefundenen Gemälde und Zimmer-Verzierungen aufbewahrt, die man dort mit dem Gyps aus der Wand genommen und hier in Rahmen mit Glasthüren versehen aufgehängt hat. Die Farben haben sich auf den meisten vortrefflich gehalten, besonders ein sehr schönes Roth. Die Zimmer-Verzierungen, in Arabesken, kleinen Landschaften und Thierstücken bestehend, sind fast alle gut gemalt. Die aus Tempeln und öffentlichen Gebäuden genommenen größeren historischen Gemälde haben großen Kunstwerth und zeichnen sich durch Zeichnung und Colorit aus. Einige davon sind wunderbar gut erhalten und scheinen erst kürzlich gemalt zu sein. Außer diesen Gemälden bewahrt man noch in einem Zimmer allerhand Metall-Geräthe, einen Helm, sowie einige irdene Vasen und verschiedene Sorten von der glühenden Asche halb verbrannter Getreide-Arten, als Roggen, Gerste, türkischen Waizen, Bohnen u. dgl. m. auf. Man erkennt dieses Getreide sehr deutlich und wir fanden es in Größe und Gestalt völlig dem unserigen gleich. Alle übrigen Antiquitäten, die ehemals hier aufbewahrt wurden, sind jetzt in Neapel, und man ist willens, auch die Gemälde dorthin zu bringen.

Da das Wetter sehr schön war, so bekamen wir Lust, alsbald den Vesuv zu besteigen. Doch ist es für Frauen und Kinder fast unmöglich, die letzte steile Höhe zu erklimmen, und so kehrten denn Dorette und die Kinder in Gesellschaft von Herrn Kruse nach Neapel zurück. Wir Anderen mietheten uns Esel für den Hin- und Herweg zu dem äußerst geringen Preise von vier Carlini (etwa 11 gGr.) und machten uns sogleich Mittags zwölf Uhr auf den Weg. Anfangs geht es zwischen Weinbergen etwa anderthalb Stunden lang nur allmählig bergauf; doch wird der Weg schon beschwerlich, weil er sehr uneben und steinig ist. Wir sahen mehrere Weinberge statt der Hecken mit großen Aloe-Stauden eingefaßt. Nach anderthalb Stunden kamen wir an eine Ebene, die in grauser Verwüstung vor uns lag und bis an den Fuß des eigentlichen Vesuv reichte. Nirgends eine Spur von Vegetation, allenthalben nur aufeinander geschobene Lava-Massen! Unser Weg führte uns nun links quer hinüber zu einem Bergrücken, der wie eine Insel mitten aus dieser furchtbaren Wüstenei hervorragt. Auf diesem liegt die sogenannte Einsiedelei, ein aus zwei Stockwerken bestehendes Gebäude, wo wir uns mit Brod, Wein, Käse und Früchten erquickten und die herrliche, schon ziemlich ausgebreitete Aussicht genossen. Nach kurzer Ruhe machten wir uns in Gesellschaft von zehn Engländern, die wir hier vorfanden, wieder auf den Weg, der immer auf der Schärfe des Bergrückens bis an den Fuß des Kegels fortläuft. Dieser Theil des Weges ist der bequemste, immer zwischen niedrigem Gebüsche von süßen Kastanien, mit dem Blick auf die mit schwarzer Lava bedeckte Ebene. Nach einer halben Stunde gelangten wir zu der steilsten Anhöhe, an deren Fuß die Esel zurückbleiben müssen. Nun fängt ein saueres Stück Arbeit an. In tiefer Asche ohne festen Grund gleitet man bei jedem Schritte so weit wieder zurück, daß man oft kaum einen Zoll vorwärts zu kommen vermag; und dabei ist der Berg noch so steil, daß man auch die Hände zu Hülfe nehmen muß. Glücklicherweise läuft fast von der ganzen Höhe ein Lavaguß herab, der wie ein Felsenriff aus der Asche hervorragt. Hat man diesen erst erreicht, so geht es leichter, weil man nun wieder einen festen Boden hat. Sollte man immer wie im Anfang in der Asche waten, so würde man einen ganzen Tag allein zu dieser Anhöhe gebrauchen. Eine gute Stunde ging indessen doch darauf, obgleich wir mit frischen Kräften und mit der Begierde, bald oben zu sein, unsere Wanderung antraten. Oben angelangt, sahen wir wieder eine kleine Ebene vor uns, wo an vielen Stellen zwischen den Lava-Felsen ein weißer Schwefeldampf aufstieg. Der Boden war hier mehr oder weniger heiß und die Fußtritte klangen hohl. Nachdem wir schnell darüber weggeeilt waren, hatten wir noch eine, jedoch kleinere Anhöhe zu ersteigen und sahen dann in mäßiger Entfernung die beiden jetzt feuerspeienden Kegel vor uns. Wir setzten uns zwischen den Lava-Felsen auf den Boden und befanden uns da wie in einer geheizten Stube, indem eine große Hitze aus der Erde quoll, die uns aber sehr behaglich war. Nachdem wir einige Zeit hier geruht hatten, that Jemand aus der Gesellschaft die Frage, ob man nicht zwischen den beiden Kegeln hinauf bis dicht an den Krater vordringen könne? Alle Führer antworteten aber mit Nein und versicherten, es sei sehr gefährlich, sich noch mehr demselben zu nähern. So viel sahen wir wohl selbst, daß es nicht möglich sein würde, von unserem Standpunkte gerade hinaufzusteigen, weil wir sonst Gefahr gelaufen hätten, von dem Rauche des zur Linken gelegenen Kraters erstickt zu werden. Allein einen Weg links um die Krater herum zu finden und dann von der Windseite zu dem einen hinaufzusteigen, schien uns in dem Bereiche der Möglichkeit zu liegen, und so machten wir uns auch sämmtlich auf den Weg; nach einigen Einwendungen folgten auch die Führer. Wir waren aber kaum ein paar hundert Schritte gegangen, so warf der eine der Krater mit einem fürchterlichen Gekrach eine ungeheuere Menge glühender Steine aus, von denen einige nicht allzuweit von uns niederfielen. Dieses Ereigniß brachte schnell die ganze Caravane in's Stocken; nach einigem Bedenken machten sich indessen die Vordersten doch wieder auf den Weg und wir Uebrigen folgten. So gelangten wir nach einem mühevollen Wege hinter den linksgelegenen Krater und fingen von da an den Kegel zu ersteigen. Dies war aber die beschwerlichste Arbeit des ganzen Tages, weil wir jetzt, bis an die Knie in der Asche, eine sehr steile Anhöhe erklimmen mußten. Nach vieler Mühe sahen wir uns indessen doch endlich oben und standen nun auf dem schmalen Rande des Kraters, der wie ein Trichter, etwa zweihundert Fuß an der oberen Oeffnung im Durchmesser, gestaltet ist. Nachdem wir einige Minuten hier verweilt und den Ausbrüchen des anderen Kraters, der unter'm Winde vor uns lag, zugesehen hatten, wurde der, bei welchem wir standen, plötzlich ganz von Rauch befreit, und wir konnten nun in die grause Tiefe hinabschauen. Da sahen wir in dem Grunde des Trichters zwischen Felsenmassen große Schlünde, aus denen die Flammen hervorbrachen; doch da gleich wieder Rauch darauf folgte, so war dieser Blick nur von kurzer Dauer. Einer der Engländer bekam sogar Lust, in einem Augenblick, wo der Rauch von dem Krater, auf dessen Rande wir standen, nicht stark war, auch zu dem anderen hinüber zu laufen, um einen Blick in dessen Tiefe zu werfen. Er hatte aber kaum den Rand erreicht, so erfolgte ein glücklicherweise nicht sehr starker Ausbruch, vor dem er kaum noch Zeit genug hatte, sich wieder zu uns zu retten. In demselben Augenblicke fing auch ein dritter Krater hinter uns an zu lärmen, und nun war es hohe Zeit, uns aus dem Staube zu machen. Jener warf zwar nur Asche aus, wurde aber durch den Schrecken, den er uns eingejagt hatte, unser Erretter vom völligen Untergange; denn kaum waren wir wieder auf unserem alten Lagerplatze, so warf der bis jetzt sehr ruhige Krater, an dessen Rande wir gewesen waren, eine solche Menge glühender Steine aus, und zwar gerade nach der Seite hin, wo wir gestanden hatten, daß wir sämmtlich erschlagen und verschüttet worden wären, hätten wir uns noch fünf Minuten dort oben verweilt. Nachdem sich die verwegene Gesellschaft von ihrem starren Schrecken erholt hatte, mußten wir unseren Vorwitz eingestehen, trotz der Warnung der Führer uns so weit hinaufgewagt zu haben.

Wir lagerten nun wieder auf unserem warmen Platze und verzehrten die mitgebrachten Vorräthe. Es war ein schaueriger Gedanke, bei anbrechender Nacht, weit entfernt von allen lebenden Wesen, hier auf einer vielleicht nicht sehr dicken Kruste, die doch über kurz oder lang einmal einbrechen wird, über einem Feuermeer zu schweben, rund umgeben von der schrecklichsten Verwüstung. Mehrere aus der Gesellschaft machten die Bemerkung, daß es doch eine wahre Thorheit sei, sein Leben so dem Ungefähr anzuvertrauen, um eine eitele Neugierde zu befriedigen. Diese Betrachtungen hinderten indessen nicht, daß wir die mitgebrachten Eier, welche die Führer zu unseren Füßen in der heißen Asche kochten, mit vielem Appetit verzehrten und uns dazu einen Trunk Lacrymae Christi trefflich schmecken ließen.

So erwarteten wir die Nacht, sahen die Sonne in's Meer untertauchen und hinter den Kratern den Vollmond aufgehen, dessen gelbes Licht zu dem rothen Feuer derselben einen herrlichen Contrast bildete. Zu unserer Rechten erblickten wir zu gleicher Zeit den Wiederschein der aus einer Seiten-Oeffnung des Berges hervorbrechenden Lava, wohin man aber ohne große Gefahr nicht gelangen kann.

Um sieben Uhr machten wir uns auf den Rückweg, der anfangs, weil wir auf der Schattenseite des Berges hinabsteigen mußten, sehr beschwerlich und wegen der Dunkelheit auch gefährlich war. Als wir dann aber die steile Stelle erreicht hatten, brachten uns die Führer auf einen anderen Rückweg, wo wir in hoher Asche mit Riesenschritten hinabrutschten. Unten fanden wir unsere Esel, auf denen wir im herrlichsten Mondenscheine nach Portici zurückritten. Abends um zehn Uhr langten wir höchst vergnügt über den äußerst interessant verlebten Tag wieder in Neapel an.

 

Den 7. Februar.

Bei dem fortdauernd schönen Frühlingswetter machen wir täglich einen Spaziergang, um mit den nahen Umgebungen der Stadt bekannt zu werden. Der Lieblings-Spaziergang der Kinder ist zum Hafendamm, auf dem der Leuchtthurm steht, weil sie theils das bunte Leben im Hafen selbst, sowie der Anblick der verschiedenartigsten Schiffe, vom Kriegsschiff von hundert Kanonen an bis zur Fischerbarke herab, unendlich ergötzt, theils der Weg dahin das Treiben der niederen Volksklassen recht lebendig dem Auge vorüberführt. Vom St. Carlo-Theater bis zum Hafen ist nächst der Toledo-Straße das größte Gedränge; da befinden sich in geringer Entfernung alle die kleinen Winkel-Theater, die den ganzen Tag über spielen und zu deren Besuch auf einer Erhöhung ein paar Geiger und ein Hanswurst unaufhörlich einladen. Zwischen denselben stehen die Buden der Marktschreier, die hoch auf einem Tische ihren zahlreichen Zuhörern und Käufern ihre Medikamente anpreisen. Auf dem Hafendamme, wo es kein Wagengeräusch gibt, schlagen die Puppenspieler ihre ambulirenden Theater auf und die Improvisatoren unterhalten die Neapolitaner von den Heldenthaten ihrer Vorfahren. Zuweilen lies't ein solcher auch vor und erklärt nachher das Gelesene. Hier wimmelt es aber auch von unverschämten und ekelhaften Bettlern und verschmitzten Taschendieben, so daß man sich vor denselben nicht genug in Acht nehmen kann. Bei den ersten Spaziergängen dahin habe ich jedesmal mein Taschentuch eingebüßt. Erwartet man hier die Nacht, so gewährt der Vesuv mit seinem rothen Feuer im Contraste zu dem weißen Leuchten des Pharus einen herrlichen Anblick.

Das Ziel eines zweiten, eben so interessanten Spazierganges ist der königliche Garten an der Chiaja. Er zieht sich in einer beträchtlichen Länge dicht am Meere hin und besteht aus drei sehr breiten Alleen und kleinen englischen Anlagen zu beiden Seiten. Es zieren ihn viele schöne Statuen und Gruppen von Marmor; in der Mitte steht der berühmte Farnesische Stier, eine vortreffliche Antike von einem griechischen Meister, an beiden Seiten viele vortreffliche Copien antiker Meisterwerke, wie die des Apoll von Belvedere, des Sabinerraubs und anderer. Von elf Uhr an versammelt sich hier an schönen Tagen die beau monde, um zu schauen und sich beschauen zu lassen. Geht man an der Chiaja immer weiter, so kommt man bald auf die Straße, die durch die Pausilipp-Höhle nach Puzzuoli führt. Diese wenigstens tausend Schritt lange Durchfahrt quer durch einen beträchtlich hohen Berg ist wohl die merkwürdigste in ihrer Art; denn die durch Felsen gesprengten Passagen auf der Straße über den Simplon sind nur Kinderspiel gegen dieses Werk. Der Eingang auf dieser Seite zwischen himmelhohen Felsen ist besonders romantisch; schon von weitem hört man den Donner der durchfahrenden Wagen und man behauptet, daß in der Nacht, wenn hier Alles einsam ist, selbst die in den Straßen der Stadt fahrenden Wagen einen donnerähnlichen Wiederhall in diesem Felsenwege verursachen. Das Innere der Höhle ist Tag und Nacht mit vielen Laternen erleuchtet. Am Eingange und in der Mitte befinden sich Kapellen, bei welchen die Durchpassirenden um Almosen gebeten werden. Ueber dem Eingang hoch auf Felsen zeigt man eine kleine Höhle, wo der unsterbliche Dichter Virgil begraben sein soll.

Vor einigen Tagen bestiegen wir auch das Fort St. Elmo, von wo man eine köstliche Aussicht über die ganze Stadt und den weiten Meerbusen hat.

 

Den 12. Februar.

Gestern Abend sind wir von einer herrlichen Ausflucht nach den Inseln zurückgekommen. Am Sonntag Mittag fuhren wir in Gesellschaft unserer drei schlesischen Landsleute in einer eigens gemietheten Barke nach Ischia. Zuerst mußten wir das Vorgebirge Pausilippo umschiffen, dann lag Nisida und Procida ganz nahe, Cap Misèn etwas zurück und Ischia in weiterer Ferne in gerader Richtung vor uns. Diese Inseln und Vorgebirge mit ihren steilen, himmelanstrebenden Felsen am Meerbusen und mit ihrer üppigen Fruchtbarkeit im Inneren gewähren jeden Augenblick, je nachdem man sich wendet, neue Ansichten bald lieblichen, bald kühnen, großartigen Charakters. Procida besonders, einer der bevölkertsten Punkte des ganzen Erdbodens, gewährt vom Meer gesehen eine herrliche Ansicht, weil die ganze Insel nur eine große Stadt zu sein scheint. Da der Wind uns ziemlich heftig entgegen wehete, so kam die Nacht heran, ehe wir Ischia erreichen konnten. Der schöne Abend ließ uns aber die Verspätung nicht bedauern. Die Sterne leuchteten mit einem Glanze, wie sie in Deutschland wenigstens nie gesehen werden; besonders glänzte die Venus in einem so klaren Lichte, daß dieses auf dem Meere einen Schein warf, wie sonst der Mond und man recht deutlich einen Schatten bemerken konnte. Auch das Meer leuchtete bei jedem Ruderschlage gleich Tausenden von Johanniswürmchen. Gegen acht Uhr landeten wir endlich an der nördlichen Küste der Insel und fanden in dem schönen Hause eines Geistlichen ein bequemes Nachtlager.

Am anderen Morgen machten wir uns bald auf den Weg, um das Innere der Insel zu sehen und den Epomeo zu besteigen. Da es auf Ischia weder Wagen noch Fahrstraßen gibt, so setzten wir uns sämmtlich auf Esel, die uns bequem und sicher auf der steinigen und unebenen Straße forttrugen. Wir kamen durch sehr fleißig angebaute Ebenen nach der kleinen, aber lebhaften Stadt Ischia, am Ufer des Meeres; dann immer am Fuße des Epomeo zwischen Weinbergen an die entgegengesetzte Seite des Berges, wo er bequemer zu ersteigen ist. Nachdem wir auf schlechten Wegen bis zur Hälfte hinaufgekommen waren, wurde zur Erfrischung der Thiere eine Stunde Halt gemacht und dann die zweite noch beschwerlichere Hälfte zurückgelegt. Leider hatte sich aber unterdessen der Himmel umwölkt, und auf der Bergspitze angelangt, wurden wir in eine dichte Nebelwolke eingehüllt. Wir traten in eine geräumige, aus mehreren Zimmern, Gängen und einer Kapelle bestehende Eremitage; sie ist der bei Freiburg in der Schweiz ähnlich und eben so wie jene von zwei fleißigen Einsiedlern in Felsen gehauen. Hier erwarteten wir sehnsuchtsvoll, daß es sich aufklären würde, und hatten auch einigemale freie Blicke durch die Wolken auf die Fläche der Insel, die wie eine Landkarte in weiter Tiefe vor uns lag; allein die Fernsicht nach Neapel, Capri und Sorrento blieb uns verdeckt. Wir mußten uns endlich wieder auf den Weg machen, ohne von oben diese herrliche Aussicht, die vielleicht eine der schönsten der Welt ist, genossen zu haben, und glaubten schon unsere beschwerliche Tour ganz nutzlos, als sich plötzlich, nachdem wir wieder etwas niedriger unter der Wolkenlage angekommen waren, die ganze prachtvolle Ansicht der Inseln, Vorgebirge und Meerbusen mit dem rauchenden Vesuv im Hintergrunde unseren entzückten Augen darstellte. Lange blieben wir in diesen einzig herrlichen Anblick versunken und als dann endlich die scheidende Sonne zum Aufbruch mahnte, kehrten wir auf dem kürzesten, aber steilsten Wege, wo wir uns der Esel nicht bedienen konnten, zu unserem vorigen Nachtquartiere zurück. Der Epomeo, der vor 450 Jahren noch ein feuerspeiender Berg war, trägt auf dieser Seite, die noch viel wilder als die entgegengesetzte ist, Spuren ehemaliger vulkanischer Ausbrüche. Der Weg führte uns beinahe fortwährend über nun fast verwitterte Lava. Auf den Felsen sahen wir häufig Levkojen in der Blüthe, die hier und auch bei Neapel wild wachsen. Am Wege blüheten Veilchen und andere, bei uns nicht einheimische Blumen, so wie in den Gärten der Mandelbaum. Zuletzt kamen wir noch an einen Ort, wo sich warme Bäder befinden, die im Sommer von den Neapolitanern häufig besucht werden. Zu Hause erwartete uns eine reich besetzte Tafel, an der wir es uns nach all' den Beschwerden des Tages trefflich schmecken ließen. Besonders behagte uns ein feuriger weißer Ischia-Wein von 1811.

Am anderen Morgen um acht Uhr schifften wir uns wieder ein und landeten zuerst am Cap Misèn, wo wir den großen unterirdischen Behälter von süßem Wasser, aus dem die römische Flotte versorgt wurde, und die cento camere des Nero, wahrscheinlich Gefängnisse für Kriegsgefangene, besahen. Dann ließen wir uns quer über den Meerbusen nach Puzzuoli übersetzen und begannen dort eine neue Wanderung nach Alterthümern. Beim Hineinfahren in den Hafen waren wir an den noch stehenden Pfeilern und Bogen der Brücke des Caligula vorbei gekommen, die dieser über den Meerbusen schlagen wollte. Obgleich nur von Backsteinen erbaut, trotzen diese Ueberbleibsel, durch ihren vortrefflichen Kitt zusammen gehalten, nach so vielen Jahrhunderten, den ewig sich daran brechenden Wogen des Meeres.

Unser Cicerone führte uns zuerst nach der Solfatara, einem runden, flachen, ringsum mit Felsen umgebenen Felde, augenscheinlich ein ehemals eingestürzter Krater. Das unterirdische Feuer brennt aber noch fortwährend, denn an vielen Stellen dringt Rauch aus der Erde und setzt, wie auf dem Vesuv, Schwefel an. Der Boden ist an diesen Orten glühend heiß und die Fußtritte klingen hohl. Unser Führer warf einen großen Stein auf die Erde, wodurch der Boden weit im Umkreise erschüttert wurde und einen hohlen, sehr starken Ton von sich gab.

Von da gingen wir zu einem ebenfalls unterirdischen Wasserbehälter, der dem auf Cap Misèn ähnlich ist; dann sahen wir Ruinen von einem Amphitheater und mehreren Tempeln und gelangten zuletzt zu dem interessantesten Alterthum der ganzen Gegend – zu den wiederaufgegrabenen Ruinen des Serapis-Tempels nahe am Meere. Es ist über alle diese Alterthümer so viel geschrieben worden, daß es überflüssig wäre, hier etwas darüber zu sagen. Die Ruinen des Serapis-Tempels sind aber so merkwürdig und geben einen so anschaulichen Begriff von seiner ehemaligen Pracht und Größe, daß es ihretwegen schon allein der Mühe lohnt, eine Reise hierher gemacht zu haben. Gegen Abend kehrten wir in einem Wagen durch die Pausilipp-Höhle nach Neapel zurück.

 

Den 15. Februar.

Da ich jetzt einigemale das St. Carlo-Theater besucht habe, so getraue ich mir ein Urtheil darüber niederzuschreiben. Beim ersten Besuche ging es mir damit, wie mit der Peterskirche, es schien mir nicht so groß, als es wirklich ist, und ich mußte mir wiederholt versichern lassen, daß es um vier Schuh breiter und ich weiß nicht um wie viel länger sei, als das Mailänder, ehe ich daran glauben konnte. Als aber der Vorhang aufgezogen wurde und ich das Verhältniß der Menschen gegen die auf den Dekorationen gemalten Gegenstände sah, merkte ich wohl, daß ich hier ebenfalls durch die guten Verhältnisse der kolossalen Einzelnheiten getäuscht worden war. Hier zum ersten Male kamen mir die Pferde nicht unverhältnißmäßig groß gegen das Uebrige vor, und die Menschen, welche man in der äußersten Tiefe des Theaters sah, standen noch in richtigem Verhältnisse gegen die sie umgebenden Gegenstände. Für das Ballet und die Pantomime kenne ich daher kein passenderes Lokal, und es lassen sich hier militärische Evolutionen von Infanterie und Cavallerie, Gefechte, Seestürme u. dgl. geben, ohne ins Kleinliche und Lächerliche zu fallen; für die Oper ist das Haus aber zu groß. Obgleich die Sänger, Madame Colbran und die Herren Nozzari, Benedetti u. s. w. sehr starke Stimmen haben, so hört man doch nur die höchsten, mit Anstrengung herausgeschrieenen Töne; aller zarte Gesang geht durchaus verloren. Dies soll nun freilich vor dem Brande nicht der Fall und das Theater damals eben so sonor wie das Mailänder della Scala gewesen sein. Man schreibt diese nachtheilige Veränderung drei Ursachen zu: 1) ist das Proscenium um einige Schuh erweitert worden; 2) die Decke nicht mehr so gewölbt, wie ehemals, und 3) hemmen die hoch vorstehenden Stuccatur-Verzierungen den Ton und werfen ihn nicht zurück. Ist das Haus wirklich ehemals so sonor gewesen, so hat man es bei dem neuen Bau gewaltig verballhornt, und man thäte sehr gut, alle den unnöthigen Plunder von Verzierungen und Vergoldungen, der überdies gewaltig schwer und nicht im besten Geschmack ist, je eher je lieber hinauszuwerfen, um die ehemaligen Vorzüge wieder zu gewinnen.

Die erste Oper, die ich sah, war »Gabriele de Vergi«, vom Grafen Caraffa, der ehemals blos Dilettant war, jetzt aber, als ein unbemittelter, jüngerer Sohn der Familie, Künstler geworden ist und als solcher sein Brod zu gewinnen sucht. Die Oper hat mir sehr wohl gefallen, ohne mich gerade besonders anzuziehen. Der Styl ist gleich und würdevoll, das Orchester aber zu überladen und die Singstimmen sind zu sehr gedeckt. Die Aufführung war sehr präcis, sowohl von Seiten der Sänger, als auch des Orchesters. Letzteres ist unter der genauen, feurigen, nur etwas zu lauten Direktion des Herrn Festa sehr gut eingespielt, hat aber zu wenig Nüancen von piano und forte; besonders sind die Blas-Instrumente im piano immer zu stark. Von den Sängern läßt sich weiter nichts sagen, als daß sie gute, starke Stimmen haben. Ob sie sich aber durch guten Vortrag auszeichnen, kann man in diesem Theater nicht beurtheilen; denn entweder hört man sie schreien, oder man hört sie gar nicht. Nach der Oper gab man das von Duport in Scene gesetzte Ballet »Aschenbrödel« mit einem großen Aufwand in Dekorationen, Garderobe und Comparserie. Außer Duport und seiner Frau zeichnete sich noch der Tänzer Vestris aus. Die Musik war beinahe die nämliche, die wir bei demselben Ballet in Wien hatten; eine neu hinzugekommene Polonaise vom Grafen Gallenberg, dem hiesigen Ballet-Componisten, gefiel durch Originalität und Lieblichkeit.

Eine andere Oper, ebenfalls von einem Dilettanten, Herrn Carlo Saccenti, wurde vor acht Tagen gegeben, nachdem man länger als drei Monate daran studirt und probirt hatte. Der König, der den Componisten gewaltig protegirt, hatte sie zur Eröffnung des St. Carlo-Theaters bestimmt, und Mayer, den der Impressario hierher berufen hatte, um eine neue Oper für diesen Zweck zu schreiben, mußte mit der seinigen zurückstehen. Da man aber später sah, daß es unmöglich sein würde, sie zur bestimmten Zeit einzustudiren, so ließ man von Mayer noch in der Geschwindigkeit eine Cantate schreiben, mit welcher das Theater sodann am 12. Januar wirklich eröffnet wurde. Diese Cantate soll nach dem Urtheile der Kenner, obgleich sehr schnell geschrieben, doch viel schöne Musik haben; da aber der Text, der den Brand des Theaters zum Gegenstande hat, sich sehr wenig zur Composition eignete, mußte sie wohl etwas kalt gerathen. So konnte es nicht fehlen, daß bei der geringen Aufmerksamkeit des Publikums, welches durch die brillante Beleuchtung des Hauses und die Pracht und spanische Etikette, in welcher der Hof der Eröffnung des Theaters beigewohnt, zerstreut wurde, auch die Aufnahme der Cantate sehr kalt sein mußte. Eigentlich mißfallen hat sie aber nicht. Nachdem dieselbe in Scene gesetzt war, begann man von neuem, an der Oper von Saccenti zu studiren. Alles, was von diesen Proben in's Publikum kam, klang sehr widersprechend. Seine Freunde meinten, er habe ein Werk gemacht, das durch seine Originalität und Vortrefflichkeit eine gänzliche Reform in der Gesangs-Composition herbeiführen würde, die Sänger und Musiker hingegen, daß sie in ihrem Leben noch nichts Verrückteres, Langweiligeres und Inkorrekteres gesungen und gespielt hätten, als diese unglückliche Oper. Die Unparteiischen vermutheten, es würde die Wahrheit, wie gewöhnlich bei so verschiedenen Urtheilen, in der Mitte liegen; ich überzeugte mich aber bald in einigen Proben, denen ich beiwohnte, daß die Musiker in ihrem Urtheile vollkommen recht hatten. Man würde mit aller Mühe kaum etwas Tolleres von Musik zusammenbringen, wenn man auch mit Fleiß darauf ausginge, allen bis jetzt durch Erfahrung bewährten Regeln von Rhythmus, Periodenbau, Harmonie und Instrumentirung entgegenzuhandeln. Da war keine Spur von Gesang oder vernünftiger Fortführung einer Idee; alle drei Takte etwas anderes mit den incorrektesten Modulationen. Gleich in der Introduction kommen drei häßliche Quinten hintereinander vor. Auf Erinnern eines der Musiker hat sie der Componist sehr sinnreich mit dem Beispiele jenes englischen Matrosen vertheidigt, der angeklagt wurde, drei Weiber genommen zu haben, nach den Gesetzen aber freigesprochen werden mußte, weil in ihnen nur das Verbot, »zwei Weiber auf einmal zu nehmen« enthalten, von dreien aber nicht die Rede war; auf gleiche Weise, meint der Componist, sei es verboten, zwei Quinten auf einander folgen zu lassen, aber durch drei würde das Verbot aufgehoben.

Nach unzähligen Proben fand endlich in Gegenwart des Hofes und bei voll gedrängtem Hause die Aufführung statt. Trotz der hier herrschenden sehr steifen spanischen Etiquette, die z. B. befiehlt, daß beim Eintritt des Königs in die Loge der Vorhang aufgezogen werden muß, wodurch die armen Sänger in die Lage versetzt werden, sich während der ganzen Dauer der Ouvertüre beschauen lassen zu müssen, ohne sich in den Geist ihrer Rollen bewegen zu können; die ferner jede Aeußerung von Beifall oder Mißfallen verbietet; trotz dieses Zwanges, der ein unbefangenes Urtheil hemmt, wurde die Oper in optima forma ausgepfiffen; ein gleiches Schicksal hatte sie auch am folgenden Tage, ohne daß es auch nur einer von den Freunden des Componisten gewagt hätte, zu klatschen. Mit dieser zweiten Vorstellung, der auch ich beiwohnte, wurde die Oper auf ewige Zeiten begraben. Sie heißt »Aganadeca«, der Dichter Signore Vincenzio de Ritis. Die Dichtung nach Ossian soll nicht ohne Verdienst sein, und man bedauert, daß sie keinem besseren Componisten in die Hände gefallen sei. Dieser ist übrigens noch nicht zur Erkenntniß gelangt; er gibt der wenigen musikalischen Bildung des neapolitanischen Publikums die Schuld und will sein Werk nach Deutschland schicken. Apollo und die Musen mögen ihren Segen dazu geben!

 

Den 20. Februar.

Vorgestern ist der Carneval geschlossen worden und die Fasten haben begonnen. Nach dem Lärm der letzten Carnevals-Tage thut die nun eingetretene Stille recht wohl, obgleich die Abende auch ein wenig langweilig werden, da sämmtliche Theater auf vier Tage geschlossen sind. Im St. Carlo-Theater wird man statt der sonst gebräuchlichen Oratorien dieses Jahr Opern wie gewöhnlich geben, doch ohne Ballette, die in dieser Zeit ganz verboten sind. Im Theater Fiorentino sahen wir eine Oper von Guglielmi dem Sohne, » Paolo e Virgina«, die nicht ohne Beifall blieb. Sie hat viele recht artige Musikstücke, ohne daß sich indessen etwas besonders auszeichnete. Recht italienisch abgeschmackt ist aber die Musik zum dritten Akt, wo Paul während des Meersturmes eine Arie in der gewöhnlichen Form mit den eben so gewöhnlichen, faden Zwischenspielen singt und sich in Trillern und Passagen abarbeitet, während er weit gescheiter thäte, seiner Geliebten zu Hülfe zu eilen. Dieser Meersturm ohne eine passende Musik war daher das Lächerlichste, was ich je auf dem Theater gesehen habe und ließ gar keine Theilnahme an der Handlung bei dem Zuschauer aufkommen. Freilich war auch die Maschinerie auf diesem Theater gewaltig kleinlich und kindisch. Unter den Sängern zeichnen sich die Damen Chabran und Canonici sehr aus. Erstere hat eine schöne Sopranstimme, viel Geläufigkeit und gute Schule, Letztere dieselben Vorzüge bei einer kräftigen Contre-Altstimme. Besonders gut haben sie ihre Duetten zusammen einstudirt. In diesem Theater fanden wir bei vollem Hause und bei einer schon oft wiederholten Vorstellung zum erstenmale in Italien ein aufmerksames, ruhiges und empfängliches Publikum. Das Haus ist geräumig und hübsch dekorirt, die Scene aber sehr schmal und eng.

Den Schluß des Carnevals hatte ich mir weit lustiger gedacht, als ich ihn gefunden habe. Der ganze Spaß bestand darin, daß sich halb Neapel zu Wagen und zu Fuß, maskirt und unmaskirt, in der Straße Toledo zusammendrängte, dort auf- und abwogte und sich mit Gipskügelchen warf. Die Masken in den Wagen hatten hierzu ganze Körbe voll solcher Kügelchen, und Schaufeln, um sie bis zu den Balkonen hinaufzuschnellen. An der Linken waren sie mit einem Schilde von Blech bewaffnet, um die Würfe anderer Masken aufzufangen. Da die Kügelchen oft von ziemlich großem Korn waren und mit aller Kraft geworfen wurden, so fiel der Spaß für die unmaskirten Personen ziemlich derb aus und manche Dame mag wohl an Hals und Armen blaue Flecken davongetragen haben. Demungeachtet entstand nirgends Streit, da die Masken-Freiheit aller Unart zur Entschuldigung dient. Auf den Maskenbällen im St. Carlo-Theater soll es ziemlich langweilig gewesen sein; an Charakter-Masken hat es zwar nicht gefehlt, wohl aber an Witz und Geschick, um die Charaktere dem Costüm gemäß durchzuführen.

 

Den 26. Februar.

Ich habe zweimal das Conservatorium besucht. Das erstemal wohnte ich einem Uebungs-Concerte der Eleven bei, wo mehrere Ouvertüren oder erste Sätze von Symphonien von einem derselben, der zu gleicher Zeit auch erster Geiger ist, probirt wurden. Sie waren nicht ohne Phantasie geschrieben, in der Form und in der Instrumentirung aber ganz den Ouvertüren von Rossini nachgebildet, die doch gewiß nicht als Muster dienen sollten. Die Exekution war sehr mittelmäßig; es fehlt den jungen Leuten, besonders den Geigern und Violoncellisten, ganz an Schule; sie wissen weder wie sie die Geige, noch wie sie den Bogen halten sollen und spielen weder rein, noch deutlich. Es kann auch bei dem schlechten Unterrichte, den sie erhalten, nicht anders sein; der einzige hiesige Geiger, welcher eine gute Schule hat, Festa, ist nicht beim Conservatorium angestellt. Auch ist es sehr zu tadeln, daß die jungen Leute nicht unter Aufsicht und Anführung ihrer Lehrer ihre Uebungs-Concerte halten; ihrem ersten Geiger und Direktor, der selbst noch Schüler ist, fehlt es durchaus an Ruhe und Uebersicht. Er hudelt die Allegro-Tempi so, daß an gar keine Deutlichkeit zu denken ist. Unter den Blas-Instrumenten zeichnet sich ein Hornist, ein Knabe von elf Jahren, sehr vorteilhaft aus. Bei der zweiten Musik, der ich beiwohnte, traten auch ein paar Sänger auf, die aber weder gute Stimmen, noch gute Methode hatten. Alles was ich bis jetzt hörte, bleibt weit unter dem, was die Mailänder Eleven leisten. Herr Zingarelli, Direktor des hiesigen Conservatoriums und Lehrer der Theorie und des Gesanges, mag als Opern-Componist manche Verdienste haben; allgemein behauptet man aber, daß seit seiner Anstellung das Conservatorium sehr in Verfall gerathen sei. Daß er zum wenigsten nicht weiß, wie ein Orchester geführt und eine Symphonie executirt werden muß, beweis't er dadurch, daß er den Skandal so ruhig in seiner Gegenwart geschehen läßt. Von den Verdiensten unserer deutschen Componisten hat er sehr verkehrte Begriffe. Bei einem Besuche, den ich ihm machte, sprach er lange von Haydn und einigen anderen unserer Componisten sehr ehrenvoll, ohne auch nur ein einzigesmal Mozart's zu erwähnen; ich brachte also die Rede auf diesen, worauf er äußerte: »ja, auch dieser sei nicht ohne Anlagen gewesen, er habe nur zu kurze Zeit gelebt, um sie gehörig ausbilden zu können; wenn er noch zehn Jahre fortstudirt hätte, so würde er wohl einmal etwas Gutes haben schreiben können.«

 

Den 3. März.

Eine schon vor mehreren Jahren geschriebene Oper von Mayer ist wieder in Scene gesetzt worden. Sie heißt »Cora« und hat dasselbe Sujet, wie Kotzebue's »Sonnenjungfrau.« Die Musik hat zwar einige schöne Stellen, im Ganzen genommen jedoch die Erwartung, die ich von Mayer's Musik hatte, nicht befriedigt. Er ist denn doch auch gewaltig tief in die italienische Manier hineingerathen und verleugnet fast ganz den Deutschen. Seine Art, den Gesang zu führen und zu instrumentieren, ist rein italienisch. Verwundern darf man sich darüber freilich nicht, da er seit seinem vierzehnten Jahre in Italien lebt und nie für andere als italienische Zuhörer geschrieben hat. Ich glaube, daß er sich, seinem angeborenen Talent unbeschadet, blos dadurch über die Anderen emporgehoben hat, daß er sich von jeher alle vorzüglichen deutschen Werke zu verschaffen suchte, sie studirte und benutzte, und zwar letzteres wohl manchmal ein wenig zu sehr. Er wird in ganz Italien und besonders hier sehr geschätzt und geliebt und verdient es auch in jeder Hinsicht und ist als Mensch noch immer der rechtschaffene, schlichte und bescheidene Deutsche. Sein Vaterland liebt er sehr und scheint nur zu bedauern, daß ihn das Schicksal nicht seine Carrière als Componist in Deutschland machen ließ. In Bergamo, wo er Kapellmeister ist, will er sich jetzt ganz zur Ruhe begeben und sodann nur noch für seine Kirche schreiben. Er versicherte mir, daß ihn blos die Ehre, zur Eröffnung des St. Carlo-Theaters zu schreiben, habe bewegen können, sein Asyl noch einmal zu verlassen, daß aber die Oper: »Die Rache der Juno«, die er nun beendigt habe, sicher seine letzte Arbeit für das Theater sein solle. In der »Cora« ist das Lieblingsstück des Publikums der Schlußgesang, bestehend in einem Thema in drei Variationen im Style der früheren Pleyel'schen; einer der Sänger singt das Thema, Davide die erste Variation in Achteln, dann Nozzari die zweite in Triolen und zum Schlusse die Colbran die dritte in Sechszehnteln. Da es gut gesungen wird, so gefällt es dem Publikum sehr, und die Kritik muß schweigen.

 

Den 6. März.

Gestern Abend gab im Theater Fondo Herr Pio Chianchettino Concert. Er ist Neffe und Schüler von Dussek und spielte auch zwei Concerte von diesem Meister ganz in dessen Manier. Obgleich sein Spiel rein, deutlich und selbst ausdrucksvoll war, so bewährte sich doch auch hier wie überall die Erfahrung, daß das Pianoforte als Concert-Instrument die Zuhörer ganz kalt läßt, und dies in dem Maße mehr, als das Lokal größer ist. Es gefielen daher heute auch alle Gesangsstücke weit mehr, als die Concerte, obgleich Niemand etwas an seinem Spiel auszusetzen wußte. Mir selbst ging es ebenso; denn wiewohl ich das Piano sehr liebe, wenn ein ideenreicher Componist phantasirt, so läßt es mich als Concert-Instrument doch auch völlig kalt und ein Pianoforte-Concert kann meiner Meinung nur dann Effekt machen, wenn es wie die Mozart'schen geschrieben, wo das Piano nicht viel mehr bedacht ist, wie jedes andere Orchester-Instrument. Die Sänger Madame Chabran und die Herren Davide, Nozzari und Benedetti zeichneten sich sämmtlich aus und wurden lebhaft applaudirt. Die Vorzüge derselben lernt man erst recht kennen, wenn man sie in einem kleineren Lokale, als das St. Carlo-Theater ist, hört. Davide und Nozzari sind fast vollendete Sänger zu nennen; sie haben Beide sehr schöne Stimmen, Ersterer einen sehr hohen Tenor, Letzterer einen hohen Bariton, merkwürdige Geläufigkeit und viel wahren Ausdruck. Benedetti hat eine sehr schöne Baßstimme, singt aber etwas kalt.

 

Den 7. März.

Wir haben wieder einige etwas weitere, höchst interessante Spaziergänge gemacht. Das Ziel des einen war das Camaldulenser-Kloster, welches ungefähr zwei Stunden von dem Mittelpunkte der Stadt entfernt auf einer Anhöhe liegt. Bis an den Fuß des Berges fuhren wir; da der Fahrweg aber nicht weiter führt, so mußten wir die Höhe ersteigen. Die Aussicht aus dem Klostergarten ist vielleicht eine der reichsten und schönsten der Welt. Auf der einen Seite steht man Ischia, Capri, Procida, Risida und die Vorgebirge, die wir auf unserer neulichen Partie besuchten, vom blauen Spiegel des Meeres umflossen; auf der entgegengesetzten Seite Capua, Caserta und im Hintergrunde die beschneieten Gebirge; auf der nach Neapel einen Theil der Stadt selbst, den ganzen Meerbusen mit den gegenüberliegenden Küsten, und zur Linken den rauchenden Vesuv; auf der vierten Seite endlich die Küsten und vorspringenden Vorgebirge bei Gaëta bis nach Terracina. Da das Wetter uns sehr begünstigte, so war dies einer der herrlichsten Tage, die wir je im Genusse der schönen Natur verlebt haben. Die Mönche, deren wir einige zu Gesicht bekamen, schienen nicht mit uns in gleicher Laune zu sein; denn sie hatten alle ein finsteres Ansehen.

Einen kürzeren, aber nicht weniger interessanten Spaziergang machten wir auf der neuen Straße nach Rom, die unter Murat angefangen wurde, nach seiner Entthronung aber unvollendet liegen blieb. Sie führt über einen Berg, von dem man die wundervollste Ansicht der Stadt hat, und es ist sehr zu bedauern, daß sie nicht vollendet ist, weil dann doch der Reisende noch vor seinem Eintritt in Neapel eine würdige Idee von der Stadt bekommen hätte, während er jetzt auf der alten Straße, die sich durch eine enge Bergschlucht windet, nicht eher etwas von Neapel steht, als bis er den schmutzigsten und unansehnlichsten Theil der Stadt betreten hat, der ihn lange in Zweifel lassen wird, ob er sich auch wirklich in dem weltberühmten Neapel befinde.

Einen sehr vergnügten Tag haben wir auf der Villa des Banquier Heigelin zugebracht, die in der Nähe der Strada Nuova ebenfalls auf einem Berge liegt und von der man eine prachtvolle Aussicht genießt. Der alte Heigelin, ein liebenswürdiger, braver Deutscher, hat diese seine Schöpfung mit so viel Herrlichkeiten, als Grotten, Ruinen, Tempeln, Bassins u. s. w. ausgeschmückt, daß man auf einen so kleinen Raum wirklich nicht mehr zusammendrängen könnte. Obgleich nun das Ganze in der Anlage ein wenig kleinlich ist, so bietet es doch im Einzelnen viel Vorzügliches dar. Für uns Nordländer hatten namentlich die vielen fremden Gewächse, die meist schon in voller Blüthe standen, das größte Interesse.

 

Den 11. März.

Gestern Abend fand unsere Akademie statt. Da mir der Impressario der Hofbühnen, Barbaja, ein höchst eigennütziger Mensch, für die Theater zu viel Geld abforderte, für Fondo nämlich 100 neapolitanische Ducati und für St. Carlo gar 200, so nahm ich lieber seinen Vorschlag an, mein Concert im Redoutensaale des St. Carlo-Theaters zu geben, welchen er mir mit der Beleuchtung gratis anbot. Dieser scheinbar uneigennützige Vorschlag war übrigens ebenfalls auf seinen Vortheil berechnet, indem der Redoutensaal und die angrenzenden Zimmer das Lokal für die Hazard-Spiele sind, die er gepachtet hat und zu denen er durch mein Concert die angesehenste und reichste Gesellschaft der Stadt hinziehen wollte. Diesen Nutzen, der mir keinen Nachtheil brachte, konnte ich ihm wohl gönnen. Da der Saal nicht sehr groß ist, so setzte ich den Eintrittspreis, wie in Rom, auf einen Piaster und hatte ein zwar nicht größeres, aber weit empfänglicheres Publikum, als dort. Hierdurch begeistert und durch das sehr genaue Accompagnement unter Festa's Leitung auf's trefflichste unterstützt, so wie durch das für mein Instrument so vortheilhafte Lokal, spielte ich aber auch besser, als in allen übrigen Städten Italiens. Außer meinen Sachen wurde ein Duett von Mayer und ein Terzett von Cherubini von den Herren Davide, Nozzari und Benedetti gesungen. Es ergingen am Abende selbst von allen Seiten Aufforderungen an mich, ein zweites Concert im Theater zu geben.

 

Den 18. März.

Heute früh besuchten wir die Studii, d. h. das Gebäude, wo die Kunstschätze aus Pompeji und Herculanum und schon früher gemachte Sammlungen von Statuen und Gemälden aufbewahrt werden. Auch befindet sich die Bibliothek in eben demselben Gebäude. Da es unmöglich ist, in einem Tage Alles zu sehen, so wählten wir für heute die Statuen und die Bibliothek. Unter den ersteren sind sehr viel ausgezeichnete und durch Gipsabgüsse vervielfältigte, berühmte Statuen aus der Farnese'schen Sammlung, so wie die in Pompeji gefundenen zwei Statuen zu Pferde von vorzüglichem Kunstwerthe. In dem einen Zimmer befinden sich zwei Schränke voll antiker Bronzen, ebenfalls aus Pompeji und Herculanum, bestehend in Lampen, kleinen Hausgöttern und allerlei Hausgeräth. Diese Sachen sowohl, als auch die Statuen in Marmor sind vollkommen gut erhalten und scheinen kaum so viel Tage alt zu sein, wie sie Jahre haben; nur alles Eisen ist ganz von Rost zerfressen, wie z. B. die Griffe und Ringe an mehreren Gefäßen von Bronze.

Die Bibliothek befindet sich in einem sehr schönen, großen Saale und mehreren angrenzenden Zimmern. Auf dem Boden des Saales ist die Mittagslinie gezogen, und durch ein kleines Loch in der Wand fällt darauf der Mittagsstrahl. Wenn man an einem gewissen Punkte in die Hände klatscht, antwortet ein Echo mehr als dreißigmal sehr schnell hinter einander. Es entsteht wahrscheinlich durch die Fenster-Vertiefungen, die sich oben nahe an der Decke befinden.

Zuletzt besuchten wir die Zimmer, wo die Papyrus-Rollen aufbewahrt und aufgerollt werden. Sie sehen vollkommen wie Kohlen aus und man würde sie auch dafür halten, wenn man nicht auf dem Schnitt die über einander liegenden Blätter erkennen könnte. Ein völlig ausgerolltes Manuskript, auf Leinwand gezogen, hängt unter Glas und Rahmen an der Wand. Da das Papier ganz schwarz gebrannt ist, so sind die Buchstaben kaum zu erkennen, und man muß die Geduld, den Scharfsinn und die Sprachkenntniß Desjenigen bewunderen, der den Sinn zu enträthseln wußte. Man zeigte uns das gedruckte Werk, in welchem die Ausbeute dieses zuerst aufgerollten Manuskripts der gelehrten Welt mitgetheilt wurde. Es betrifft einen Traktat über Musik. Jede Seite ist in drei Columnen abgetheilt. Auf der ersten sieht man in Kupferstich eine genaue Abbildung des aufgerollten Papyrus mit allen Lücken und Rissen; auf der zweiten den Inhalt mit neugriechischen Buchstaben, in welcher das Fehlende mit rothen Lettern ergänzt ist, und auf der dritten eine lateinische Uebersetzung davon. Man rollt jetzt wieder ein Manuskript auf, scheint aber nicht sehr zu eilen, denn wir fanden nur einen einzigen Menschen damit beschäftigt. Die Verfahrungsart ist sehr einfach. Man klebt mit Gummi kleine Streifen einer feinen Haut dicht neben oder vielmehr halb auf einander auf die verkohlten Rollen und lös't dann das Papier nach und nach behutsam ab. Die Arbeit geht zwar langsam von statten, man hätte aber doch schon weit mehr aufrollen können. Besäße ein deutscher Fürst diese kostbaren Ueberbleibsel alter Gelehrsamkeit, so wären sie schon längst sämmtlich entziffert.

 

Den 22. März.

Da ich die Mühe scheute, ein zweites Concert zu arrangiren, so nahm ich gern einen Vorschlag des Impressario an, zweimal im St. Carlo-Theater zwischen den Akten der Oper für die Summe von 300 Ducati zu spielen. Vorgestern Abend fand dies zum erstenmale statt. Ich war sehr besorgt, daß die Violine das kolossale Haus nicht ausfüllen könne, wurde aber bald darüber beruhigt, da man mir bei der Probe sagte, selbst in den entferntesten Winkeln des Hauses würde jeder Ton deutlich gehört. Auf alle feineren Nuancen mußte ich indessen natürlicherweise verzichten. Obgleich das Haus sehr gefüllt war, so herrschte doch während ich spielte die größte Stille, und nach dem zweiten Musikstücke wurde ich herausgerufen.

Gestern Abend spielte ich im Casino nobile in einem sehr schönen Saale mein Concert in Form einer Gesangs-Scene und einen Potpourri, mit Begleitung des Pianoforte. Da das Lokal für Musik sehr vorteilhaft ist, so machten beide Sachen viel Wirkung auf die Zuhörer. Das Uebrige des Concertes, in Symphonien und Harmonie-Musik bestehend, war nicht von Bedeutung.

Ich habe vergessen, eines Concertes der Madame Paravicini zu erwähnen, dem wir im Teatro Nuovo am vorigen Mittwoch beiwohnten. Sie spielte in den Zwischenakten einer Comödie das erste Violin-Concert von Rode in D-moll, einen Potpourri von Kreutzer und zum Schlusse ein Adagio und Rondo von demselben. Ich bin es schon gewohnt, mein Instrument von Frauenzimmern mißhandeln zu hören, so arg wie von Madame Paravicini aber habe ich es noch nicht erlebt. Dies nahm mich um so mehr Wunder, da sie sich einigen Ruf erworben hat und voller Prätensionen ist; so hat sie z. B. hier erzählt, sie habe Rode in Wien gehört, er habe bei ihr aber nur Mitleid erregt. Hier war die Reihe nun an ihr, Mitleid zu erregen, wenn man es für Arroganz und Ungeschicklichkeit überhaupt haben kann. Sie hat eine sehr vorzügliche Violine von Stradivari und zieht im Gesange einen leidlichen Ton heraus; dies ist aber auch ihr ganzes Verdienst. Uebrigens spielt sie in schlechtem Geschmack mit überladenen und gehaltlosen Verzierungen und die Passagen undeutlich, unrein in der Intonation und überhudelt in den Bogenstrichen. Der Beifall war sehr lau und äußerte sich nur dann, wenn der Prinz Leopold, ihr Beschützer, zu klatschen anfing. Weit interessanter, als das Spiel der Paravicini, war die Comödie, die vortrefflich gegeben wurde. Besonders zeichnete sich Herr de Marini aus, der überhaupt einer der vorzüglichsten jetzt lebenden Schauspieler ist. Das Theater ist zwar kleiner als Fiorentino und Fondo, aber ebenso hübsch.

Ich habe einigemale in Privat-Gesellschaften meine Quartetten und Quintetten zu hören gegeben, die mir sehr vorzüglich accompagnirt wurden, und zwar von den Herren Dauner und Sohn, dem jungen, talentvollen Geiger Onario, dem ich einige meiner Sachen einstudirt habe, und dem ausgezeichneten Violoncellisten Fenzi, der ehemals in Cassel war. Sie gefielen sehr und Mayer versicherte, er habe nie einen größeren musikalischen Kunstgenuß gehabt. Das zweitemal machten wir sie bei der Marquise Douglas, die selbst sehr gut Piano spielt und ehemals auch vorzüglich gesungen haben soll. Sie und ihr Mann sind die ersten Engländer, bei denen ich wahren Sinn für Musik gefunden habe.

 

Den 23. März.

Beim Durchblättern dieses Tagebuches bemerke ich, daß ich auch zweier Aufführungen von Messen, die der Fürst Esterhazy aus Wien auf seine Kosten geben ließ, zu erwähnen vergessen habe. Die erste, vom alten Umlauf in Wien, zeichnete sich durch nichts Besonderes aus; die zweite aber von Haydn, in D-Moll, welche mit vieler Feierlichkeit und großem militärischen Pompe am Geburtstage des Kaisers gegeben wurde, gewährte großen Kunstgenuß. Die Damen Chabran und Canonici und die Herren Nozzari und Benedetti sangen die Solopartien ganz vorzüglich, und Chor und Orchester zeichneten sich ebenfalls sehr aus. Unglücklicherweise wurden fast alle Tempi auf ausdrückliches Verlangen des Fürsten gar zu schnell genommen und dadurch vieles verdorben.

 

Mailand, den 22. April.

Durch die Menge von Geschäften in den letzten Tagen unseres Aufenthaltes in Neapel und die eilige, fast ohne Aufenthalt fortgesetzte Rückreise vom Schreiben abgehalten, bin ich sehr in Rückstand gekommen und habe daher Vieles, selbst von Neapel noch, nachzuholen.

Mayer's neue Oper wurde endlich vierzehn Tage vor Ostern, nachdem man sie nochmals umgetauft hatte, in Scene gesetzt, mißfiel aber gänzlich, so daß sie nur drittehalb Vorstellungen erlebte und wahrscheinlich auf ewig ruht. Am dritten Abend gab man nämlich nur noch den ersten Akt und dazu noch einen Akt von Paer's »Sargino.« Das Sujet und die Musik von Mayer's Oper sind beide gleich uninteressant und langweilig. Letzterer fehlt es besonders an allem Leben und Feuer; sie ist so alltäglich und in die Länge gezogen, daß man sie, ohne einzuschlafen, kaum anhören kann. Bei der Generalprobe ist dies mir, dem Grafen Gallenberg und noch mehreren Anderen wirklich begegnet. Mayer scheint sich erschöpft zu haben, was bei der ungeheuern Menge von Opern, die er geschrieben hat, kein Wunder ist. Es ist wirklich hohe Zeit für ihn, als Opern-Componist abzutreten, um den einmal erworbenen Ruhm nicht wieder einzubüßen, und er hätte vielleicht recht gut gethan, den letzten Ruf nach Neapel nicht anzunehmen. Am Abende nach der ersten Vorstellung seiner Oper reis'te er nach Bergamo ab.

Die Ankunft der Madame Catalani setzte um diese Zeit alle Musikfreunde Neapels in große Bewegung. Sie benutzte auch sogleich diesen Enthusiasmus und kündigte wenige Tage nachher eine Akademie im Theater Fiorentino zu siebenfach erhöheten Preisen an. Am Tage vor dem Concerte erhielt ich nur noch mit Mühe und weil ich sie früher bestellt hatte, zwei Billets ins Parterre, das Stück zu 22 Carlini. Nie ist wohl ein Publikum in einer gespannteren Erwartung gewesen, als das neapolitanische an diesem Abende. Auch meine Frau und ich, die wir uns seit Jahren darnach gesehnt hatten, diese bewunderte Sängerin zu hören, konnten kaum den Augenblick ihres Auftretens erwarten. Endlich erschien sie und eine Todtenstille verbreitete sich im Hause. Sie trat mit einem etwas kalten und prätentiösen Air vor und grüßte weder den Hof, noch das Publikum, was sichtlich eine unangenehme Sensation machte. Vielleicht hatte sie erwartet, mit einem Applaudissement empfangen zu werden, was aber in Neapel nicht Sitte ist, und so mochte sie verstimmt sein. Als sie aber nach ihrem ersten Gesange sehr stürmischen Beifall fand, wurde sie freundlicher und blieb es den übrigen Abend. Sie sang viermal, zwei Arien von Pucitta, ombra adorata von Zingarelli (oder, wie die Neapolitaner behaupten, von Crescentini, dessen Namen auch auf dem Zettel stand) und Variationen über das tausendmal variirte » Nel cor non più mi sento.« Die Arien von Pucitta waren höchst erbärmlich; das berühmte ombra adorata kann nur schön gefunden werden, wenn man nicht an den Text denkt; die Variationen waren alltäglich, wurden aber pikant durch die Art ihres Vortrags. Sie gewährte uns durch ihre immer reine Intonation, durch die Vollendung, mit der sie alle Arten von Gesangs-Verzierungen und Passagen macht, und durch ihre eigenthümliche und besondere Art zu singen, großes Vergnügen; das Ideal einer vollendeten Sängerin, das wir in ihr zu finden erwarteten, erreicht sie aber nicht. Ihre Stimme, die den beträchtlichen Umfang von

bis

hat, ist in der Tiefe und Mitte noch voll und kräftig, der Uebergang zur Kopfstimme bei

aber sehr merklich, und drei bis vier Töne in dieser Gegend sind viel schwächer, als die tieferen und höchsten, daher sie auch alle Passagen, die in diesen Tönen vorkommen, nur mit halber Stimme macht, um die Ungleichheit zu verbergen. Auch fehlt ihrer Stimme der jugendliche Klang, was indessen bei einer Sängerin in einem Alter von vierzig Jahren nicht verwundern darf. Ihr Triller ist von besonderer Schönheit; sie macht ihn gleich rein sowohl auf dem halben, als ganzen Tone. Eine besondere Art von Lauf durch die halben Töne, eigentlich die enharmonische Scala, weil jeder Ton zweimal vorkam, wurde als etwas ihr ganz Eigenthümliches sehr bewundert. Ich habe ihn aber mehr merkwürdig, als schön gefunden; denn er klang mir fast wie das Heulen des Sturmes im Schornstein. Eine andere Art von Gesangs-Verzierung, welche an und für sich gewöhnlich ist, machte sie aber auf eine Art, die ihr großen Reiz verlieh. Sie würde sich in Noten ungefähr so ausdrücken lassen:

wobei aber noch zu bemerken ist, daß sie bei jeder Sechszehntel-Pause Athem schöpfte, wodurch diese Stelle etwas sehr Leidenschaftliches bekam. Unter den Variationen war eine mit synkopirten Noten, die durch ihren besonderen Vortrag auch etwas sehr Eigenthümliches und Interessantes erhielt, und eine andere in Triolen legato machte sie in höchster Vollendung. Was wir an ihrem Gesang aber hauptsächlich vermißten, war Seele. Im Recitativ singt sie ohne Ausdruck, ich möchte sagen nachlässig, und im Adagio läßt sie kalt. Wir waren auch nicht einmal ergriffen, sondern hatten nur das Gefühl von Freude, das man immer hat, wenn man mechanische Schwierigkeiten mit Leichtigkeit besiegen hört oder sieht. Und so war allen Zuhörern in unserer Nähe zu Muthe.

Einiger unangenehmer und störender Angewohnheiten, die sie aber schwerlich mehr ablegen wird, muß ich noch erwähnen. Dahin gehört, daß sie erstlich bei Passagen, besonders wenn sie dieselben stark macht, jeden Ton, ich möchte sagen, herauskauet, wodurch ein Stocktauber, wenn er sie singen sähe, in Stand gesetzt werden würde, Achtel von Sechzehntheilen und hinauf- und herablaufende Passagen von einander zu unterscheiden. Im Triller hauptsächlich ist die Bewegung des Unterkinns, an dem man jeden Schlag abzählen könnte, sehr auffallend und entstellend. Zweitens geräth ihr ganzer Körper bei leidenschaftlichen Stellen in eine südliche, aber höchst unweibliche Beweglichkeit, an der ein Tauber ebenfalls die Figuren, die sie eben singt, mit Sicherheit zu entnehmen vermöchte.

Einige Tage später hörten wir sie noch einmal in der Probe zu ihrem zweiten Concerte, wo sie fünfmal sang und dieselben Vorzüge entwickelte, aber ebenfalls nicht ein einzigesmal durch gefühlvollen Vortrag ergriff. Sie kam mir hier weit anspruchsloser und liebenswürdiger vor; auch war sie sehr artig gegen das Orchester und die Personen, die sich zum Zuhören hereingedrängt hatten, so daß ich um so leichter glaube, was man mir versicherte, daß ihr prätensiöses Air bei ihrem öffentlichen Auftreten mehr Verlegenheit als Stolz sei und daher komme, weil sie ihre Furcht damit bemänteln wolle. Ein junger Mensch, der während ihres Concertes hinter den Coulissen gestanden hat, versicherte, sie habe bei ihrem ersten Hinaustreten am ganzen Körper gezittert und vor Beklemmung kaum athmen können. Hier in Mailand hat sie, wie man mir sagt, nicht allgemein gefallen; auch waren die letzten Concerte weit weniger besucht, als die ersten. Ein Theil des Publikums war auf Seiten der Grassini, die wir hier nun auch gehört haben, von der ich aber erst später sprechen werde. Die Anbeter der Letzteren hatten der Catalani einen boshaften Streich gespielt, indem sie die ihr nachtheiligen Beurtheilungen in der Musikalischen Zeitung von Hamburg und Leipzig in's Italienische übersetzt beim ersten Concerte am Eingange ausbieten ließen. Die Catalani selbst, in der Erwartung, darin ein Sonett oder etwas der Art zu ihrem Lobe zu finden, kaufte auch ein Exemplar davon.

Am Tage nach dem ersten Concerte der Catalani in Neapel wurde im St. Carlo-Theater Rossini's » Elisabetta« gegeben, in welcher die Colbran ihre Hauptrolle hat. Da Jedermann wußte, daß es bei ihr darauf abgesehen war, mit der Catalani zu wetteifern, so war das Haus ungewöhnlich stark besucht, sowohl von Anhängern, als auch von Widersachern der Colbran. Letztere hatten am Abend vorher das Concert der Catalani die Exequien der Colbran genannt, und man war daher sehr gespannt auf den Erfolg des heutigen Abends. Gleich bei ihrem ersten Auftreten wurde sie mit einem Pfeifen-Concert, aber auch zugleich mit einem heftigen Applaudissement empfangen. Da sie aber diesmal wirklich ganz vorzüglich sang und spielte, so wurden der Klatscher immer mehr und der Pfeifer weniger, und am Ende wurde sie fast einstimmig herausgerufen. Sie steht der Catalani in Stimme und allem Mechanischen weit nach, singt aber mit wahrem Gefühl und spielt mit vieler Leidenschaft. Die Composition dieser Oper gehört unter die vorzüglichsten von Rossini, hat aber neben den Vorzügen auch alle Schwächen der anderen. – Man unterhielt sich im Theater über einen lächerlichen Zug vornehmer Großthuerei der Catalani, welche einige Abende früher, als sie das Theater zum erstenmale besuchte, ihren Sekretär während des Zwischenaktes auf das Theater schickte und der Colbran und den übrigen Sängern sagen ließ, »sie sei vollkommen mit ihren Leistungen zufrieden!«

 

Freiburg im Breisgau, den 20. Juni 1817.

Vor unserer Abreise von Neapel widmeten wir dem Besuche Pompeji's noch einen ganzen Tag. Wir waren so glücklich, dazu einen heiteren, ziemlich warmen Tag zu treffen, im Laufe des Monat März eine wahre Seltenheit! Während von Mitte Januar bis Ende Februar das schönste Frühlingswetter fast ununterbrochen gewesen war, wurde es Anfangs März plötzlich wieder Winter. In den Thälern fiel ein kalter Regen mit Sturm und auf den Bergen ein so hoher Schnee, daß man sie nicht mehr besteigen konnte. Auf dem Vesuv soll er drei bis vier Schuh hoch gelegen haben. Der März ist aber gewöhnlich sehr kalt und der eigentliche Wintermonat der Neapolitaner.

Die Ruinen von Pompeji, welche dadurch, daß sie fast 2000 Jahre mit einer leichten, trockenen Asche bedeckt waren, weit besser erhalten sind, als alle freistehenden Ueberbleibsel aus jener Zeit, haben auch auf uns einen tiefen, ja wirklich schauerigen Eindruck gemacht. Während man durch die Ruinen des Colosseums und anderer antiker Prachtgebäude in Rom einen Begriff von dem Kunstgeschmacke, dem Reichthum und der Prachtliebe der Alten bekommt, wird man hier durch die Ansicht von einfachen, kleinen Privathäusern, die fast eben so unversehrt wie am Tage der unglücklichen Katastrophe sind, mit ihrem bürgerlichen Leben und Treiben bekannt gemacht und kann sich durch den Augenschein von manchen, unserer Lebensweise fremden Gebräuchen, die uns die alten Schriftsteller beschreiben, unterrichten. Betritt man das Innere eines solchen Hauses, was wahrscheinlich einem Wohlhabenden aus dem Mittelstande gehört haben mag, so findet man eine Reihe kleiner, niedlicher Zimmer, alle so al fresco gemalt, wie die aus der Wand geschnittenen Gemälde aus Herculanum, die in Portici aufbewahrt werden. Die Ausgänge dieser Zimmer, die selten Fensteröffnungen, sondern nur eine Thür haben, wodurch Luft und Licht hineindrang, gehen in den Hof, der durch eine verdeckte, überbauete Gallerie eingefaßt ist. In der Mitte des Hofes befindet sich ein Springbrunnen, neben diesem, ehemals wahrscheinlich im Schatten von Bäumen, ein runder Eßtisch von Marmor, umgeben von Marmorbänken zum Liegen bei Tisch, mit Erhöhungen für den Ellenbogen, und an einer Seite des Hofes ein oder auch mehrere geschmackvoll dekorirte Bäder. Alle diese Häuser hatten nur ein Stockwerk und waren viel kleiner als unsere Wohngebäude. Ewig schade ist es, daß man die dort gefundenen Gerätschaften nicht auf ihrem Platze lassen konnte! Man hätte sich sonst einen ganz deutlichen Begriff von der Lebensweise der ehemaligen Bewohner dieser merkwürdigen Stadt machen können. Das Pflaster in den Straßen ist noch ganz wie damals, und man sieht sowohl die Eindrücke von den Wagen, als auch die Spuren der Fußgänger auf den Straßen. Ueber den Läden findet man noch mit griechischer Schrift, mit dem Pinsel auf die Wand gemalt, die Waaren bezeichnet, die da zu Kauf standen; auch an einer Straßenecke eine Ankündigung aus jener Zeit. In den Läden, wo Oel verkauft wurde, sieht man noch jetzt kolossale, irdene Krüge in die vordere Wand eingemauert, aus denen beim Verkauf geschöpft wurde. Eben solche hohe Krüge, nur mit sehr engem Halse, findet man auch in mehreren sehr gut erhaltenen Kellern, in welchen der Wein aufbewahrt wurde. In einem derselben wurde das Gerippe einer Frau gefunden, und zwar so von Asche umgeben, daß man die Formen ihres Körpers daran erkennen konnte. Ein Stück dieser Form, in welchem ihre Brust abgedrückt ist, wird in Portici aufbewahrt. In ihrer Hand fand man einen großen, ledernen Beutel mit Münzen.

Am besten erhalten ist die sogenannte Gräberstraße, wo man auf beiden Seiten fast nur Grabmäler erblickt, die bald in ägyptischer Pyramiden-Form, bald im römischen Style gebaut sind. In diesen Grabmälern hat man Vasen gefunden, in denen die Asche und Gebeine der verbrannten Todten aufbewahrt wurden. Die Inschriften an diesen Grabmälern sind bald griechisch, bald lateinisch und fangen sehr oft mit dem Anruf an: » Siste viator, Wanderer, stehe still« u. s. w., was hier in einer belebten Straße sehr an seinem Platze war, auf unseren gewöhnlich sehr abgelegenen Kirchhöfen aber, wo man dies nachgeahmt hat, ziemlich unpassend erscheint.

Was man in Pompeji an öffentlichen Gebäuden, als Theatern, Tempeln u. s. w. bewundert, ist zwar nicht von der Größe, Pracht und Schönheit der in Rom, Puzzuoli und anderen Gegenden, übertrifft aber doch Alles an Bedeutung, was man in neueren Zeiten in einer Provinzialstadt zu sehen bekommt. Wo fände man jetzt wohl in einer solchen einen großen Circus zu öffentlichen Spielen und sogar zwei Theater! Von den letzteren war das eine überbaut und diente wahrscheinlich zur Comödie; das andere, mit einer Bühne, dem Orchester und einem runden, sehr hohen Amphitheater, kann uns einen Begriff von dem Lokale geben, wo die römischen Schauspieler, zur Verstärkung des Schalls mit Masken versehen, ihre Tragödien vor einem Publikum von 10-15,000 Zuschauern aufführten. Aber auch die Tempel, deren prächtigster jetzt eben aus dem Schutte aufgegraben wird, geben von der Prachtliebe und dem guten Geschmacke der Alten in der Baukunst einen anschaulichen Begriff.

Die Weinberge und Ländereien, die über dem noch unaufgegrabenen Theile der Stadt liegen, sind bereits von dem vorigen Könige von Neapel angekauft worden. Würde daher mit Eifer fortgearbeitet, woran aber bei der jetzigen Regierung, die all' dergleichen sehr schläfrig betreibt, wohl zu zweifeln ist, so könnte in wenigen Jahren die ganze, so höchst interessante Stadt offen daliegen und von dem hohen Rande, der sie umgibt, mit einem Blicke übersehen werden. Jetzt sind die verschiedenen bereits aufgegrabenen Theile noch durch lange Strecken, auf denen geackert und geerntet wird, wie durch Berge, die man übersteigen muß, getrennt, und man ist sehr überrascht, wenn man nach einem Gange über ein solches Feld wieder einen neuen Theil der Stadt in der Tiefe liegen sieht, der mit den Weinreben, Bäumen, Feldern und Bauernhütten auf der Höhe so seltsam contrastirt.

Am Tage vor unserer Abreise aus Neapel besuchten wir auch noch einmal die Studii und betrachteten die große Sammlung etrurischer Vasen von den mannigfaltigsten Formen und erfreuten uns dann ebenwohl an der reichen, herrlichen Gemälde-Sammlung, worin uns die aus Sicilien kürzlich zurückgebrachten Bilder von Raphael besonders entzückten.

Am 29. März traten wir unsere Rückreise nach Rom an. Der Morgen der Abreise war sehr stürmisch und unangenehm für mich; denn erstlich hatte ich einen Streit mit dem Betturino, der uns als fünfte Person einen schmutzigen, übel riechenden Kapuziner in den Wagen setzen wollte, bis wir ihn nach vielem Hin- und Herreden in das Cabriolet complimentirten, und dann sollte meine Familie am Thore nicht passiren, weil ihrer in dem neuen neapolitanischen Passe, den man nehmen muß, um wieder zum Lande hinauszukommen, nicht erwähnt war. Ich zeigte vergebens meinen alten Paß vor, worin Frau und Kinder aufgeführt waren. Erst auf mein Versprechen, alsbald zurückzukehren um für uns einen anderen Paß zu holen, ließ man mich von der Stelle. Ich kehrte daher zum Minister zurück, während Frau und Kinder unbehindert weiter reis'ten. Dort fand ich Alles noch im tiefen Schlafe; doch mit guten Worten und dem bei Italienern noch weit wirksameren Gelde brachte ich es bald dahin, daß man mir einen neuen Paß ausfertigte. Mit diesem warf ich mich in eine Carriole und jagte meiner Familie nach, die ich auf halbem Wege nach Capua erreichte und dadurch aus einer großen Besorgniß um mich riß. Unter die Plackereien, von denen der Reisende in Italien beinahe aufgerieben wird, gehört auch die Strenge bezüglich der Pässe, die oft ins Lächerliche geht. Wir erlebten später den Fall, daß ein Reisender diesseits Parma an der lombardischen Grenze wieder nach Livorno zurückgeschickt wurde, weil sein Paß vom dortigen österreichischen Consul nicht unterschrieben war.

In einem zweiten Wagen, der den unserigen begleitete, fuhr ein Engländer, der eine besondere Geschicklichkeit hatte, die schönen Ansichten in wenig Minuten aufzunehmen. Er bediente sich dazu einer Maschine, die ihm die Landschaft im Kleinen auf's Papier warf. Zwischen Velletri und Albano, wo wir einen Theil des Weges zu Fuße machten, um die ganz herrliche Landschaft und die milde Luft besser genießen zu können, sahen wir seinem Verfahren zu, was besonders den Kindern unendliche Freude machte. Er zeigte uns nachher die Sammlung seiner Ansichten, deren er allein von der Gegend von Neapel mehr als zweihundert hatte, und gab mir seine Adresse: Major Cockburn in Woolwich, neun Meilen von London.

Unser Einzug in Rom erfüllte uns mit neuem Staunen über die Ueberreste altrömischer Baukunst, die wir nun seit drei Monaten nicht gesehen hatten. Auch ergötzten uns die naiven Bemerkungen des Kapuziners, der zum erstenmal auf's feste Land kam und in allen Dingen so höchst unerfahren war. Seinen Schmutz abgerechnet, war er als ein gutmüthiger, kindlicher Mensch wohl zu ertragen. Er war voll ungeduldiger Erwartung, den Papst funktioniren zu sehen. Wie verschieden doch die Wünsche und Neigungen der Menschen sind! Ihm war wahrscheinlich so zu Muthe, wie uns am Tage vor dem Concerte der berühmten Catalani. Ich wünsche ihm von Herzen, daß er befriedigter nach seinem Kloster zurückreisen möge, als wir aus dem Concerte nach Hause kamen.

Mit Mühe fanden wir in einem Privathause ein schlechtes Zimmer, für welches wir demungeachtet täglich einen halben Piaster zahlen mußten. Alle Fremden aus ganz Italien hatten sich für die Zeit der heiligen Woche zusammengedrängt, wozu noch die Pilger und Frommen aus der halben Welt kommen, die hier Ablaß für ihre Sünden holen. Es war ein Leben in den Straßen, daß wir beim Einfahren oft stille halten mußten.

Unsere Zimmer hatten einen Ausgang nach der Tiber über eine hölzerne Gallerie. Von ihr konnten wir den Lauf des Flusses verfolgen, von der Porta Romana an bis zur Brücke vor der Engelsburg. Die stille, im Abendroth und Mondlicht glänzende Gegend jenseits der Tiber contrastirte auffallend mit dem Gewühle, das sich über die Brücke hin- und herdrängte und dann in den Straßen verlor, die von der Engelsburg nach der Peterskirche führen. Ueber alle die Häuser und Paläste, die zwischen uns und der Peterskirche lagen, ragte diese stolz und majestätisch hervor und erfüllte uns mit Bewunderung über ihren Riesenbau. Wie ermüdet wir auch waren, so konnten wir uns doch von diesem herrlichen Anblicke nicht sobald losreißen und standen noch spät bei dem milden Abende auf unserem Balkon. Als wir uns dann endlich zur Ruhe legten, so riefen wir uns noch zu: »Morgen, morgen also werden wir das berühmte Miserere hören!«

 

Aachen, den 10. August 1817.

Hier finde ich endlich wieder einige Augenblicke Zeit, um in meiner Erzählung von unserer Rückreise aus Italien fortzufahren.

Am 3. April Abends hörten wir endlich das lang ersehnte Miserere in der Sixtinischen Kapelle. Man hatte uns gesagt, daß die Frauen Eintrittskarten haben und die Männer in Schuhen erscheinen müßten. Eine Karte war für Dorette jedoch nicht mehr zu bekommen, und so mußte ich mich entschließen, allein hinzugehen. Als ich aber unter der Schweizer-Garde am Eingange der Kirche einen Bekannten erblickte, dessen Gunst ich mir früher durch ein Geschenk für die Begleitung auf die Kuppel der Peterskirche erworben hatte, so fragte ich ihn, ob er meiner Frau nicht auch ohne Billet in die Kapelle verhelfen könne, und auf seine Versicherung, daß er sein möglichstes thun wolle, eilte ich schnell, sie zu holen. Nach einigem Hin- und Herreden mit den übrigen Schweizern kamen wir auch glücklich hinein, obgleich mehrere englische Damen von Stande, die ohne Billets kamen, abgewiesen wurden. Die Schweizer können nämlich die Engländer und Franzosen nicht leiden und begünstigen die Deutschen bei solchen Gelegenheiten weit mehr, und besonders wenn man sie mit einigen Worten »Schwizerdütsch« anreden kann.

Wir kamen noch zeitig genug und bedauerten nur, nicht bei einander bleiben zu können, um uns den Eindruck, den die Musik auf uns machen würde, sogleich mitzutheilen.

Vor dem Anfange des Gesanges wurden neunzehn Psalmen abwechselnd von hohen und tiefen Stimmen auf dieselbe Art im unisono abgebetet, die uns schon um Weihnachten so viel Langeweile gemacht hatte, und acht oder neun davon hatten wir noch zu überstehen! Nach einem jeden, der etwa fünf lange Minuten dauert, wird eins von den Lichtern ausgelöscht, die auf einem kolossalen, pyramidenförmigen Armleuchter vor dem Hochaltare brennen. Wie sehr wünscht man, daß auch das letzte erlöschen möge! Endlich kommt der ersehnte Augenblick und es tritt nach und nach eine Stille ein, welche die Erwartung auf Das, was nun folgt, nicht wenig steigert. Dieser Spannung, der feierlichen Dämmerung in der nur noch vom letzten Schein der Abendröthe matt erleuchteten Kirche und der Ruhe, die das Ohr nach dem rohen Abbrüllen der Psalmen nun endlich empfindet, war es wohl zuzuschreiben, daß der erste langgetragene Accord von C-moll solch' einen wohlthuenden Eindruck auf mich machte, daß es mir Musik aus einer anderen Welt zu sein schien. Doch nur zu bald wurde man erinnert, daß man eine irdische, und zwar eine von Italienern gesungene, höre; denn gleich im zweiten Takte wurde das Ohr von fürchterlichen Quintenfolgen zerrissen! Der Satz heißt ohne Zweifel so:

wurde von den Sängern aber auf folgende barbarische Art verziert vorgetragen:

Ich würde es keinem Anderen, ja meinen eigenen Ohren nicht geglaubt haben, daß man so in der Sixtini'schen Kapelle singen könne, wenn ich dieselbe Stelle später nicht noch einmal wiederholt gehört hätte. Ist das vielleicht die geheimnißvolle Art, diese alten Compositionen vorzutragen, von der man erzählt, daß sie nur immer diesem Sängerchor bekannt gewesen sei und sich durch Tradition fortgeerbt habe? Doch nein! So barbarisch können nur neuere Italiener singen, die wohl Sinn für Melodie haben, in allem aber, was Harmonie heißt, im höchsten Grade unwissend sind.

Als indessen dieses erste Miserere verschmerzt war, wurde ich bald wieder angezogen. Diese einfachen Harmonie-Folgen, fast nur aus Dreiklängen bestehend, dieses Mischen und Tragen der Stimmen, bald zum brausendsten forte anwachsend, bald im leisesten pianissimo verhallend; dieses ewig lange Aushalten einzelner Töne, welches nur einer Castraten-Lunge in dem Grade möglich ist, und dann hauptsächlich das zarte Einsetzen eines Accordes, wenn von anderen Stimmen der vorhergehende noch schwach und verklingend ausgehalten wird, geben dieser Musik bei allen Mängeln etwas so Eigenthümliches, daß man sich unwiderstehlich davon angezogen fühlt. Ich kann nun wohl begreifen, daß dieselbe in früheren Zeiten, als der Sängerchor noch besser war, auf Fremde, die noch nie eine reine Vokal-Musik und Castraten-Stimmen gehört hatten, einen ungeheueren Eindruck machen mußte. Auch jetzt könnte sie noch von hinreißender Wirkung sein, wenn die Sänger nur einen kenntnißreicheren Direktor hätten. So singen sie aber gewöhnlich nicht einmal rein.

An diesem ersten Tage wurden zwei Compositionen, von Allegri und Baini, gegeben, und eine jede derselben einmal wiederholt. Zwischen jedem dieser zehn nicht sehr langen Sätze wurde von den Cardinälen, Bischöfen und anderen Geistlichen ein halblautes Gebet gesprochen, welches, dem fernen Rollen des Donners ähnlich, einen guten Effect hervorbrachte. Am Ende der Funktion machten aber die Diener durch Scharren und Treten auf die Fußbänke ein für musikalische Ohren sehr unangenehmes Geräusch, welches auf eine störende Art den Eindruck der Musik, dem man sich gern länger überlassen hätte, wieder verwischte. Dieses Gepolter soll, wie man mir sagte, das Erdbeben vorstellen!

Am zweiten Abende richtete ich es so ein, daß ich erst beim Anfange des eigentlichen Gesanges, bei dem Verlöschen des letzten Lichtes, in die Kapelle trat. Das Gedränge war so groß, daß ich nahe am Eingange stehen bleiben mußte, von Engländern umgeben, die während der Musik überlaut mit einander sprachen und sich sogar durch kein Ruhegebieten darin stören ließen. Ueberdies sangen die Sänger viel nachlässiger, als Tags zuvor, und öfters recht falsch, so daß ich froh war, als mit dem Erdbeben der Funktion ein Ende gemacht wurde. Zu den zwei Compositionen von gestern waren noch drei neue hinzugekommen, weshalb jede nur einmal wiederholt zu werden brauchte. Im Uebrigen war Alles gerade wie das erstemal.

Späterhin habe ich die bei Kühnel in Leipzig erschienene Miserere-Sammlung gesehen, aber keins von denjenigen vorgefunden, die wir in Rom gehört haben. Die Bibliothek der Sixtinischen Kapelle wird aber auch wohl so reich an solchen Compositionen sein, daß man mehrere Jahre hinter einander immer andere zur Aufführung wählen kann.

Beide Abende sahen wir nach dem Miserere die Kreuz-Beleuchtung in der Peterskirche. Beim Hereintreten durch den Haupt-Eingang, wo man das erleuchtete Kreuz in der weitesten Entfernung sieht, macht sie einen imposanten Eindruck, so bald man sich aber nähert, verliert sie sehr. Die Wirkung würde weit größer sein, wenn alle übrigen Lichter in der Kirche ausgelöscht wären. So brennen aber nicht allein Hunderte von Lampen rund um den Eingang in die unterirdische Kapelle, sondern noch unzählige andere Lichter in allen Räumen der Kirche. Man sieht daher die blendende Erleuchtung am Kreuze keine reinen Schlagschatten werfen. Auch das Pantheon wird an diesem Abend erleuchtet, was von herrlicher Wirkung sein soll. Leider kamen wir erst, als die Lichter schon wieder ausgelöscht waren.

Am Abende vorher führte mich der Prinz Friedrich in eine Gesellschaft, wo von Dilettanten der fünfzigste Psalm oder das Miserere von Marcello recht gut gesungen wurde. Da aber die Orchester-Begleitung, wie immer in Rom, sehr schlecht und die Composition durchaus monoton war, so wurde es mir bald langweilig und ich war froh, als es zu Ende war.

Sonnabends Vormittag machten wir einen weiten Spaziergang nach St. Paul, um die herrlichen, antiken Säulen in der übrigens häßlichen Kirche zu sehen. Auf dem Rückwege sahen wir die Pyramide des Cestius und den »Scherbenberg.« Mittags trafen wir im Speisehause »zum Hermelin« mit einem deutschen Zeichner, Herrn Rösel, zusammen, der uns leicht beredete, mit ihm noch einen zweiten Spaziergang zu machen. Zuerst zeigte er uns einen gewölbten, altrömischen, unterirdischen Kanal, die cloaca maxima glaub' ich, dann gingen wir nach einer kleinen, unbedeutenden Kirche, die aber schöne Alterthümer hat, um dort den griechischen Gottesdienst, der nur an diesem Tage gehalten wird, zu sehen; das Gedränge war aber so groß, daß wir nicht hinein konnten. Hierauf sahen wir den Tempel der Vesta und erstiegen zuletzt den Monte Aventino, wo uns unser Begleiter vor eine Gartenthür führte und durch das Schlüsselloch eine der überraschendsten Aussichten zeigte. Durch einen langen, überwachsenen Bogengang erblickt man nämlich die Kuppel der Peterskirche, von der untergehenden Sonne prächtig vergoldet. Wir ließen uns dann den Garten öffnen, um eine sehr große und schöne Palme, die gerade in der Blüthe stand, anzustaunen.

Helles Glockengeläute und Kanonensalven von der Engelsburg erinnerten uns am anderen Morgen, daß es erster Ostertag war, und mahnten uns zum schnellen Ankleiden, um die feierlichen Funktionen in der Peterskirche nicht zu versäumen. Doch hätte uns das fürchterliche Gedränge auf der Brücke fast vermocht, wieder umzukehren. Förmlich getragen kamen wir endlich auf die andere Seite der Tiber und eilten nun in eine weniger angefüllte Seitenstraße, die uns auch auf den Platz vor der Kirche führte. Hier fanden wir schon viele tausend Menschen, worunter Pilger mit ihren Muschelhüten, aus allen Gegenden der Welt versammelt, die ungeduldig auf den Moment warteten, wo der h. Vater den Segen vom Altan herab ertheilt. Bis dahin war es aber noch lange Zeit, und wir machten deshalb vorher erst noch einen Gang durch die Kirche, wo wir Alles wie um Weihnachten aufgeputzt fanden, und zogen, da wir doch von der Ceremonie wenig sehen konnten, es vor, bei dem schönen Wetter lieber einen Spaziergang ins Freie zu machen. Gegen zwölf Uhr waren wir wieder zurück und fanden das Volk schon in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Der Altan über dem Haupt-Eingange der Kirche war mit rothem Sammet decorirt und zum Schutz gegen die Sonne ein kolossales Zelt darüber ausgespannt. Auf dem Säulengange linker Hand war eine Loge für die ausgezeichneten Fremden errichtet. Zuerst erschienen auf dem Balkon Pagen mit Kerzen, dann kamen die Cardinäle und zuletzt der Papst auf einem Sessel getragen und zu beiden Seiten die Fächer von weißen Straußfedern. Sobald er erschien, warf sich alles Volk auf die Kniee, und es trat eine feierliche Stille ein, während vorher das wildeste Geschrei getobt hatte. Dieser Moment hatte etwas sehr Ergreifendes. Der alte, blasse Mann erhob sich dann und ertheilte mit langsamer, würdevoller Handbewegung den Segen. Unterdessen wurden vom Balkon zwei Zettel herabgeworfen, wovon der eine, wie man mir sagte, die Verdammung aller Ketzer, und der andere Ablaß für alle anwesenden Rechtgläubigen enthält. Die Verdammungs-Bulle erreichte aber den Boden nicht, sondern flog, vom Winde getrieben, in ein offen stehendes Fenster, während der Ablaßzettel vom Volke, das sich darum balgte, aufgefangen wurde.

Auf dem Wege nach dem Speisehause gesellte sich Herr Kelle aus Stuttgart, den wir früher in Dresden gekannt hatten, zu uns. Er fragte uns unter Anderem, wie wir mit unserer Reise in Italien und dem, was wir gesehen hätten, zufrieden seien? Ich klagte ihm darauf, daß wir so Manches nicht den Erwartungen gemäß gefunden hätten, die von früheren Reisenden in uns rege gemacht wären. Er fand das sehr natürlich und meinte, das käme daher, weil keiner der Reisenden bei seiner Rückkehr gestehen wolle, daß er von seinen Vorgängern gleichsam in den April geschickt sei. Es fällt mir, fuhr er fort, die bekannte Anekdote dabei ein, wo ein Mensch ankündigte, er habe ein Pferd im Stalle, welches den Kopf da habe, wo bei anderen der Schwanz säße. Die Neugierigen fanden aber nichts als ein Pferd, welches mit dem Schwanze an die Krippe gebunden war, hüteten sich indessen wohl, es den Anderen vor der Thür zu verrathen – weil sie sich schämten. Die Anwendung ist leicht!

Nachmittags machten wir noch einen Spaziergang in die Villa Borghese und rüsteten uns dann zur Abreise, die auf den nächsten Morgen bestimmt war.

In Gesellschaft von zwei Stuttgartern und einem Münchener, mit dem wir gemeinsam einen Vetturino gedungen hatten, machten wir diesmal den weit interessanteren Rückweg über Perugia nach Florenz in sechs Tagreisen. Am zweiten Abend kamen wir nach Terni und beeilten uns, noch vor Sonnen-Untergang den berühmten Wasserfall zu besuchen, der zwei Stunden von da entfernt ist. Bis zum Fuße des Berges gingen wir, dann nahmen wir uns aber in dem daselbst sehr romantisch liegenden Dörfchen, zu dem bei dem milden Sonntags-Abend halb Terni gelustwandelt war, gesattelte Esel, die uns schnell und sicher hinauf bis zum Wasserfalle trugen. Die Aussicht von der Höhe des Berges, ehe man sich in das Thal wendet, wo der Wasserfall herabstürzt, ist reich und lieblich. Dann wird die Gegend, je mehr man sich diesem nähert, immer wilder und romantischer. Da die Sonne eben untergehen wollte, so hielten wir uns nicht lange auf und eilten so schnell als möglich, den Wasserfall noch vor Nacht zu erreichen, theils um das imposante Schauspiel noch in gehöriger Beleuchtung zu sehen, theils aber auch unserer Sicherheit wegen, da die Gegend eben nicht im besten Rufe steht. Mit dem letzten Blicke der Sonne erreichten wir den Felsen, der dem Sturz gegenüber aus der dunkeln, schäumenden Tiefe emporsteigt, und wohin man zur Bequemlichkeit der Besuchenden einen Pavillon mit Bänken erbaut hat. Der Anblick des majestätischen Schauspieles von diesem Standpunkte aus läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Wir waren Alle wie versteinert. Wenigstens hat eine Naturschönheit früher niemals, selbst nicht der erste Anblick der Alpenkette, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht. Nachdem wir wohl zehn Minuten hier verweilt und uns in dem Anblicke recht berauscht hatten, kehrten wir bei dem mildesten, schönsten Frühlings-Abend ohne Unfall und seelenvergnügt über den herrlichen Genuß nach Terni zurück.

Am vierten Tage der Reise wurde es auf einmal sehr kalt, so daß gegen Abend sogar Schnee fiel, der über Nacht liegen blieb. Als wir aber in das tiefe Thal hineinfuhren, in welchem Florenz liegt, fanden wir Alles in Blüthe. – Wir blieben nur einen Tag in Florenz, den wir aber recht benutzten. Vormittags besuchten wir den Dom, das Baptisterium und den Garten Boboli. Das Grabmal der Mediceer und den Palast Pitti konnten wir aber leider an dem Tage, da es Festtag war, nicht zu sehen bekommen. Nachmittags machten wir einen Spaziergang nach den Cascinen.

Am anderen Morgen, den 14. April, setzten wir die Reise nach Bologna ohne unsere bisherigen Reisegefährten, die noch länger in Florenz blieben, fort. Wir trafen auf den Apenninen sehr viel Schnee und kamen noch einmal ganz in den Winter. Im traurigen Bologna verweilten wir nur einen Tag. Der Wirth zum »Pellegrino« hatte uns eine etwas unverschämte Rechnung gemacht; ich applicirte daher ein Mittel, welches ich schon mehrmals erprobt hatte, ich zog ihm nämlich ein Drittel ab, was er sich nach einigem Hin- und Herreden auch gefallen lassen mußte. Ich habe dies nachher immer gethan und es besser gefunden, als das vorherige Accordiren, bei dem man doch immer noch geprellt wird.

Wir fuhren nun über Modena, Reggio, Parma, Piacenza nach Mailand. Da wir nirgends langen Aufenthalt machten, so weiß ich auch nichts von diesen Städten zu sagen, als daß wir allenthalben dasselbe Lumpen- und Bettlergesindel, dieselbe Prellerei der Wirthe und dieselbe Unreinlichkeit fanden. Auf dem Marktplatze in Piacenza betrachteten wir die zwei kolossalen Statuen von Bronze. Ob sie Kunstwerth haben, getraue ich mir nicht zu beurtheilen, da wir sie nur in der Abenddämmerung sahen.

In Mailand bezogen wir wieder die pension Suisse, die wegen ihrer Reinlichkeit und Billigkeit allen Reisenden zu empfehlen ist. Beim ersten Ausgange frappirte uns von neuem die Pracht und Schönheit des Aeußeren des Domes. Es ist doch ohne Zweifel das schönste Gebäude, welches wir je sahen, edler und reicher, als die Façade der Peterskirche.

Die berühmte Grassini, welcher Rode durch Nachahmen ihres Gesangs das ihm Eigenthümliche seiner Spielart, was von der Biotti'schen Schule abweicht, zu danken haben soll, hatte sechs Vorstellungen im Theater della Scala angekündigt. Da sie aber wenig besucht wurden, so kamen nur drei zu Stande; der letzten wohnten auch wir bei. Sie bestand aus abgerissenen Scenen aus den Horatiern und Curiatiern von Cimarosa und einigen anderen Arien, worunter auch ombra adorata war. Die Grassini, die in der Blüthe ihrer Jahre wohl sehr vorzüglich gewesen sein mag, ist jetzt schon ein wenig passirt. In dem, was ihr die Zeit nicht rauben konnte, ist sie indessen immer noch ganz ausgezeichnet, d. h. sie hat eine gute Schule und spielt und singt sehr leidenschaftlich, und zwar mit weit mehr Gefühl und Ausdruck, als die Catalani, steht dieser jedoch an Geläufigkeit der Kehle und hinsichtlich der Stimme bedeutend nach. – Wo es daher blos auf's Brilliren ankam, befriedigte sie nicht sehr, riß aber in leidenschaftlicher Recitation durch Wahrheit des Ausdrucks unwiderstehlich hin.

Das Theater della Scala fand ich auch diesmal für den Effekt der Musik vortrefflich. Ich kenne kein Lokal, wo sowohl die Stimmen, als auch das Orchester so edel und dabei so deutlich klingen, und es ist in akustischer Hinsicht daher dem St. Carlo-Theater unendlich vorzuziehen.

Da wir bei unserem früheren Auftreten im Theater so schlechte Geschäfte gemacht hatten, so probirten wir es diesesmal im Saale des Conservatoriums, setzten den Eintrittspreis auf drei Franken und gaben es des Theaters wegen am Vormittage. Lag es an dieser ungewöhnlichen Stunde oder war die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt, – genug, es war wieder sehr leer und warf nicht viel mehr als die Kosten ab.

In Gesellschaft von zwei Engländern, von denen der jüngste ziemlich liebenswürdig war, reis'ten wir am 2. Mai von Mailand ab, übernachteten in Arona, ergötzten uns am anderen Morgen von neuem an den himmlischen Umgebungen des Lago maggiore die wir nun auch im Schmuck des Frühlings sahen, und kamen gegen Abend im Dorfe Simpeln unter der Höhe des Simplon an. Hier wurden wir beim Abschiede aus Italien noch einmal auf gut Italienisch geprellt, indem wir z. B. für jede Tasse Kaffee zwei Franken bezahlen mußten.

Am anderen Morgen traten wir die in dieser Jahreszeit etwas beschwerliche Fahrt über die Höhe des Gebirgspasses an und kamen eine Stunde hinter Simpeln in die Schneeregion. Hier mußte der Wagen auseinander genommen werden; der Kasten wurde auf einen, die Räder auf einen andern und unser Gepäck auf einen dritten Schlitten gesetzt, und so ging der Zug mit vielen Vorspannpferden langsam weiter. Auf der Höhe, so lange der Schnee hart blieb, gab es nicht viel Aufenthalt, aber weiter unten, wo die Wärme schon beträchtlich war und der Schnee doch noch sehr hoch lag, kam der Zug jeden Augenblick in's Stocken. Bald sanken die Pferde bis an die Brust ein, bald klemmte sich der Wagen zwischen die haushohen Schneewände fest und mußte wieder losgearbeitet und bald der von Lawinen verschüttete Weg wieder aufgeräumt werden. Wir gingen daher voraus und kamen, zwar bis an die Kniee durchnäßt, aber doch zwei Stunden früher, im vierten Refuge, wo der Schnee aufhörte, an, und erholten uns bei einem einfachen Frühstücke von der beschwerlichen Promenade. Wir hörten viele Lawinen niederdonnern und waren in beständiger Besorgniß, daß es uns so gehen möchte, wie den Reisenden, die Tags vorher durchgekommen waren. Diese sahen in der Nähe eines Felsendurchganges eine fürchterliche Lawine auf sich losstürzen und hatten eben noch Zeit genug, sich in diesen zu flüchten. Zu ihrem Schrecken wurden beide Ausgänge verschüttet, so daß sie drei schrecklich lange Stunden eingesperrt blieben, bis sich die Wege-Aufseher zu ihnen hindurchgearbeitet hatten.

Nachdem der Wagen endlich angekommen war, fuhren wir noch bis Brieg, wo wir das dritte Nachtlager machten und zum erstenmale wieder unsere Muttersprache reden hörten, was uns recht freudig stimmte. Unsere vierte Tagereise ging bis Sion, wo man schon Französisch redet. Das Frühjahr fanden wir in Wallis im Vergleiche mit der anderen Seite noch weit zurück. Hier blühten kaum die Kirschbäume, die in Mailand und am Lago maggiore längst abgeblüht waren. So kamen wir von neuem ins Frühjahr, in welchem wir seit Anfang Februar beständig gelebt hatten.

Auf der fünften Tagreise kamen wir zu der berühmten Pissevache, die hart am Wege ist. Unsere Erwartungen wurden aber nicht ganz befriedigt; denn im Vergleiche zu dem Wasserfalle bei Terni kam uns dieser doch ziemlich kleinlich vor. Unser Nachtlager nahmen wir in Bex, einem reizend gelegenen Dörfchen, welches die Bewohner nicht ohne Grund un paradis terrestre nennen. Das Gasthaus dürfte mit den größten Hôtels der Hauptstädte wetteiferen.

Am sechsten Tage fuhren wir immer am See her über Bevay nach Lausanne. Diese gepriesene, im Sommer so häufig von Engländern besuchte und bewohnte Gegend habe ich wieder nicht so schön gefunden, als ich erwartete. Die Ansichten beim Thuner und noch mehr beim Züricher See sind viel mannigfaltiger; alle Schweizerseen aber bleiben, meiner Meinung nach, weit hinter dem Lago maggiore zurück. Am siebenten Tage kamen wir denn endlich in Genf an.

 

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