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Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band
publisherGeorg H. Wigand
year1860
correctorJosef Muehlgassner
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An einem schönen Frühlingsabende kam ich mit den Meinigen in Carolath an. Da wir in der Nähe des Schlosses einen kleinen Fluß auf einer Fähre zu passiren hatten, so war unsere Ankunft im voraus bemerkt worden. Wir fanden daher bei unserer Einfahrt in den Schloßhof bereits die ganze fürstliche Familie am Fuße der Treppe versammelt und wurden von ihr auf das Freundlichste bewillkommnet. Der Fürst selbst führte uns zu den für uns bestimmten Zimmern. Nachdem wir uns umgekleidet hatten, wurden wir zur Abendtafel gerufen. Der Fürst, ein etwas ceremoniöser, aber freundlicher und wohlwollender Mann von etwa achtundfünfzig bis sechzig Jahren, empfing uns am Eingange des Speisesaales und stellte uns den übrigen Tischgenossen vor. Es waren die Fürstin, seine zweite Gemahlin, deren Schwester, eine für Poesie und Musik schwärmende Dame, seine beiden Töchter erster Ehe, liebenswürdige Mädchen von 15 und 17 Jahren und deren Hofmeister, Herr Kartscher, ein feingebildeter junger Mann. Die Unterhaltung bei Tische war, die etwas alterthümliche Förmlichkeit des Fürsten abgerechnet, zwanglos und lebhaft und zeigte mir, daß ich mich in einem gebildeten und für alles Schöne empfänglichen Zirkel befand. Auch Dorette war mit der Unterhaltung ihrer Nachbarn, des Fürsten und dessen Schwägerin, sehr zufrieden, und die Kinder, deren sich die jungen Damen freundlichst angenommen hatten, fühlten sich vollends sehr glücklich. Die ganze Familie sah daher einem vergnügten Aufenthalt auf dem Schlosse entgegen.

Am anderen Tage begann sogleich die Hausordnung, die für die ganze Dauer unseres Dortseins mit wenigen Ausnahmen unverändert blieb. Vormittags, während Dorette den Prinzessinnen Unterricht ertheilte, der ältesten auf der Harfe, der jüngsten auf dem Piano, gab auch ich meinen Kindern den ersten Musik-Unterricht. Nachher durften sie den Stunden beiwohnen, die der Hauslehrer den Prinzessinnen gab, und er war freundlich genug, seinen Unterricht, so viel es sich thun ließ, dem Fassungsvermögen der Kinder anzupassen. Unterdessen beschäftigten meine Frau und ich uns mit unseren eigenen Musikstudien oder ich componirte. Da die fürstliche Familie den Liedergesang sehr liebte, so gab mir dies Veranlassung, zwei Hefte Lieder zu schreiben, wozu mir die Schwester der Fürstin aus ihrer großen Gedichtsammlung die Texte lieferte. Es befanden sich darunter auch einige Gedichte von Herrn Kartscher. Beide Hefte sind in Leipzig bei Peters als Op. 37 und 41 erschienen.

Waren dann die Arbeiten und Studien des Vormittags beendigt, so mußte zur Mittagstafel noch eine sorgfältige Toilette gemacht werden, da die fürstliche Familie dabei stets en parure erschien. Der Rest des Tages wurde der Geselligkeit und dem Vergnügen gewidmet. War das Wetter schön, so wurde der Kaffee im Schloßgarten eingenommen und gegen Abend ein Ausflug zu Wagen in die Umgegend gemacht. Sehr häufig war eine dem Fürsten gehörende Meierei unser Ziel, und es wurde dort, oder auch im Walde daneben ein ländliches Abendbrod servirt. War das Wetter trübe oder kam Besuch aus der Umgegend, so wurde Abends musicirt. Anfangs bestanden diese Musikpartien blos in dem, was ich und meine Frau auf Violine, Harfe und Piano zu hören gaben. Nachdem aber Herr von Reibnitz als Gast auf dem Schlosse angekommen war, wurde auch ein Versuch mit Quartettmusik gemacht. Der alte Kammerdiener des Fürsten, der in seiner Jugend Violoncell gespielt hatte, mußte sein Instrument wieder hervorsuchen, der Schulmeister des Ortes die Bratsche und Herr von Reibnitz die zweite Violine übernehmen. Ich hatte leider keine anderen Quartetten bei mir, als meine eigenen, die für solche Mitspieler allerdings nicht geschrieben waren. Der erste Versuch fiel daher auch sehr entmuthigend aus. Da die Anderen aber großen Eifer zeigten, so ließ auch ich es nicht an Geduld und Ausdauer fehlen und brachte es mit Hülfe vieler Proben endlich doch dahin, daß ich zwei meiner Quartetten der Gesellschaft zu hören geben konnte. Diese war in Kunstgenüssen nicht so sehr verwöhnt und nahm daher die Vorträge mit großem Beifall auf. Auch eine Polonaise, die ich damals schrieb ( Op. 40, bei Peters) gefiel sehr und wurde bald ein oft begehrtes Lieblingsstück der Gesellschaft, vielleicht nur, weil man sie hatte entstehen sehen.

Nachdem in solcher, wenn auch etwas einförmigen, doch genußreichen Weise ich und die Meinigen die zwei ersten Monate unseres Aufenthaltes in Carolath verlebt hatten, verkündigte eines Mittags der Fürst mit einiger Feierlichkeit: er werde, genöthigt sein, seine lieben Gäste auf einen Tag zu verlassen, da er wie jedes Jahr, so auch in diesem, am 24. Juni eine Reise nach Glogau machen müsse, um dem Johannisfeste der Freimaurer beizuwohnen. Hierduch wurde ich veranlaßt, mich ihm, nach aufgehobener Tafel, als Freimaurer zu erkennen zu geben, worauf der Fürst, freudig überrascht, mich sogleich zur Mitreise einlud. Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich schon in Gotha Freimaurer geworden war, nach einem Jahre dort den zweiten Grad des Ordens und wieder ein Jahr später auf einer Reise, in Berlin, den dritten, den Meistergrad, erhalten hatte. Da ich nun aber, weil in Oesterreich die Maurerei verboten war, seit drittehalb Jahren keine Loge besucht hatte, so sehnte ich mich, einmal wieder einer Brüderversammlung beizuwohnen. Es kam mir daher die Einladung des Fürsten zur Mitreise nach Glogau sehr gelegen.

Nun wurden glänzende Voranstalten gemacht. Der große Reisewagen mit dem fürstlichen Wappen wurde aus der Remise gezogen und abgestäubt, ein Jäger und ein anderer Diener in die Festlivree gesteckt und der Fürst selbst erschien zum erstenmal in der Staatsuniform, mit dem Sterne auf der Brust. Früh am 24. fuhren wir ab. Im Logenlokal angelangt, wurde der Fürst durch eine Deputation bewillkommnet, und auch sein Gast, nachdem er sich legitimirt hatte, freundlichst von den Brüdern begrüßt. Nach der Arbeitsloge folgte eine glänzende Tafelloge, bei welcher ich mich den musikalischen Brüdern anschloß, ihren Gesang leitete und auch selbst mit meiner kräftigen Baßstimme einige Maurergesänge sowie die »Heiligen Hallen«, aus der Zauberflöte vortrug. Ich fand unter den musikalischen Brüdern mehrere Bekannte von meiner früheren Reise durch Schlesien, die eifrigst bemüht waren, mich durch Aufmerksamkeiten zu ehren.

Auch der Meister vom Stuhl hieß den »berühmten Künstler« im Kreise der Brüder willkommen und dankte dem Fürsten, ihn eingeführt zu haben. Dieser schien sehr froh, daß er mit seinem Gaste Ehre eingelegt hatte, denn er verdoppelte nach der Rückkehr nach Carolath seine, ohnehin schon großen Artigkeiten gegen mich und meine Familie, so daß wir oft dadurch in Verlegenheit gesetzt wurden.

Nach einem weiteren, höchst vergnügten Aufenthalt von sechs bis acht Wochen, setzten wir unsere Reise über Dresden und Leipzig nach Gotha fort. Hier, nach einer fast dreijährigen Abwesenheit in die Heimath zurückgekehrt, fühlte sich Dorette so glücklich, daß ich nicht daran denken durfte, sobald wieder abzureisen. Ich ließ mich daher auf einige Monate daselbst häuslich nieder, und machte nur einige kleine Ausflüge in die Umgegend. Der erste war zu meinen Eltern nach Gandersheim, wohin mein Vater inzwischen als Land-Physikus versetzt war, und von da nach Hannover, wo ich Concert gab. Der zweite nach Frankenhausen, wo Bischoff wieder ein Musikfest veranstaltet hatte.

Hier beginnt eins meiner Tagebücher, welche ich ohne Unterbrechung bis zur Rückkehr aus Italien fortgesetzt habe. Der Titel heißt: »Flüchtige Bemerkungen, auf einer musikalischen Reise«, und das Buch beginnt:

 

Frankenhausen, den 19. Oktober 1815.

... »In Hannover machten wir die interessante Bekanntschaft des Geigers und die höchst uninteressante des Menschen Kiesewetter. Als Geiger zeichnet er sich durch ein kräftiges, sehr reines und selbst gefühlvolles Spiel aus, ohne jedoch, wie es mir scheint, wahres Gefühl für die Schönheiten der Kunst zu besitzen, als Mensch ist er der aufgeblasenste Windbeutel, der mir bis jetzt vorgekommen ist! Er dirigirte in unserm Concerte am 11. Oktober, aber ohne Sicherheit und Uebersicht.

Nach einer Pause von drei Jahren haben sich die Künstler Thüringens abermals hier versammelt, um nach dem schnell beendigten Kriege die nun vollendete Befreiung Deutschlands am Jahrestage der Leipziger Völkerschlacht auf eine der Tonkunst würdige Weise zu feiern. Heute, am ersten Tage des Musikfestes, fand die Aufführung meiner Cantate, » das befreite Deutschland« und die des (Gottfried) Weber'schen » Te Deum« statt. Da es mir als Componist nicht zusteht, das eigene Werk zu beurteilen, so sei hier nur von dessen Aufführung die Rede. Die Besetzung der Solopartien war nicht durchaus gut, weshalb die Arien und Ensemblestücke den wenigsten Effekt machten. Der Chor und das Orchester aber waren vortrefflich, daher die Ouvertüre und sämmtliche Chöre eine große Wirkung hervorbrachten. Am meisten gefielen: der Doppelchor der fliehenden Franzosen und der sie verfolgenden Russen, das darauf folgende Dankgebet des deutschen Volkes und der Schlußchor mit der Fuge. Ich machte von neuem die Erfahrung, daß in einem großen Raume und bei starker Besetzung die einfachsten Sachen, wenn sie anders in einem edlen, würdevollen Style geschrieben sind, die größte Wirkung hervorbringen, daß dagegen reiche Figuren in der Instrumentirung und schnell wechselnde Harmonienfolgen dort nicht an ihrem Platze sind.

Das Te Deum von G. Weber hat meinen Erwartungen, die durch günstige Recensionen in öffentlichen Blättern sehr gesteigert waren, nicht ganz entsprochen. Es verräth zu sehr, daß es nicht im Moment der Begeisterung, sondern mit kalter Spekulation geschaffen ist. Gleich der Anfang ist gesucht und als Einleitung zu einem Te Deum gewiß sehr unpassend. Wozu dieser lange Paukenwirbel, der wie ein heranrollender Donner klingt? Und nun vollends die folgende Fanfare von vier Trompeten und Posaunen, der ähnlich, womit die Cavallerie auf die Parade zieht?«

 

Den 20. Oktober.

»Am zweiten Tage fand ein Concert gemischten Inhaltes in folgender Ordnung statt: Symphonie von Mozart ( C-dur,) bei feuriger und genauer Execution von hinreißender Wirkung! Ich überzeugte mich heute, daß in einem großen Lokale und bei kräftiger Besetzung die vier Themen der Schlußfuge, da wo sie zum Schlusse zusammentreten, von einem geübten Ohr recht gut verstanden werden können. Schien mir bisher diese Stelle mehr künstlich als effektvoll, so kam ich heute von diesem Irrthum zurück. 2) Violinconcert ( E-moll) von mir. Ich machte heute wieder die Erfahrung, daß dem großen Haufen die Virtuosität weit mehr gilt, als das Compositionstalent. Alles schien entzückt von meinem Spiel und nur sehr Wenige erwähnten auch der Composition. 3) Italienische Arie mit Chor von Paer, vorgetragen von Herrn Strohmeyer. Diese Arie aus einem Oratorium » La Religione« ist in einem so unkirchlichen Style geschrieben, daß man sie mit verändertem Texte recht gut in eine Opera buffa einlegen könnte. Während die personifizirte Religion (die wohl auch schicklicher Sopran statt Baß sänge) sich in den gewöhnlichsten Opernmelodien, Rouladen und halsbrechenden Sprüngen ergeht, schreit der Chor dann und wann unisono und fortissime Santa! Santa! dazwischen, wie eine Räuberbande dem Reisenden das »Steh, das Leben oder die Börse!« zurufen würde. Da die Arie Hrn. Strohmeyer Gelegenheit darbot, seine schöne und kräftige Stimme, so wie seine Kehlfertigkeit zu hören zu geben, so fand sie großen Beifall. 4) Adagio und Potpourri für Clarinette von mir, vorgetragen von Herrn Hermstedt, ebenfalls sehr beifällig aufgenommen. Ich fand jedoch, und mehrere andere Musiker waren derselben Ansicht, daß Hermstedt, der im Technischen immer noch Fortschritte macht, seinen Geschmack nicht in gleicher Weise ausbildet. Sein Vortrag hat etwas Manierirtes, was an Caricatur streift. 5) Patriotischer Gesang nach der Melodie des » God save the king« mit Orchester und Orgelbegleitung von Methfessel. Das Publikum, an welches Texte ausgetheilt waren, stimmte mit ein.«

Der arme Bischoff fand bei diesem dritten Frankenhäuser Musikfeste seine Rechnung nicht. Die Veranlassung zu dem entstandenen Deficit war wohl die Einquartierung russischer Truppen in der Umgegend, wodurch die Stadt- und Landbewohner vom Besuche des Festes abgehalten wurden. Da Bischoff nicht in der Lage war, das Deficit aus eigenen Mitteln decken zu können, so beschlossen die anwesenden Musiker auf meinen Vorschlag, die Kosten ihrer Hin- und Zurückreise selbst zu übernehmen und die dazu nöthige Summe durch ein in der Heimath zu gebendes Concert aufzubringen. Ich gab ein solches am 28. Oktober in Gotha, wobei mich Andreas Romberg, seit zwei Jahren Concertmeister daselbst, freundlichst unterstützte.

 

Gotha, den 29. Oktober.

Das Zusammenleben mit Andreas Romberg, dem gebildeten und denkenden Künstler, hat mir wieder viele genußreiche Stunden verschafft. Aber von neuem fand ich, daß er seine Compositionen unbeschreiblich kalt und trocken vorträgt, als wenn er die Schönheiten, die sie enthalten, selbst nicht fühle! Er spielte mehrere seiner Quartetten, die mir längst werth geworden sind, weil ich sie oft von Anderen gehört und selbst gespielt habe; aber der Geist, der sich in ihnen so deutlich ausspricht, daß ihn ein jeder der Geiger, von welchen ich sie bisher hörte, richtig auffaßte, scheint ihm selbst unbekannt geblieben zu sein, denn in seinem Vortrage war auch keine Spur davon zu entdecken! Auch war es mir auffallend, daß sich seine Vorliebe gerade zu solchen hinneigte, die mir die schwächsten zu sein schienen. Noch mehr wunderte ich mich aber, daß er die Tempi seiner Kompositionen meinem Gefühle nach oft falsch nimmt und dadurch ihrer Wirkung sehr schadet; denn ich fand die Allegro's fast immer zu langsam und die Adagio's zu schnell.

 

Meiningen, den 31. Oktober.

Heute gaben wir hier Concert, welchem die Herzogin sowie ihr ganzer Hofstaat beiwohnten. Herr Wassermann, einer der geschicktesten meiner früheren Schüler, spielte mit mir meine Concertante.

 

Würzburg, den 10. November.

Ich machte hier die Bekanntschaft von zwei namhaften Künstlern, die der Herren Fröhlich und Witt. Ersterer, Professor an der Universität, liest Aesthetik und ist ein vielseitig gebildeter Künstler, so wie ein eifriger Mitarbeiter an der Musikalischen Zeitung. Als Recensent scheint er ziemlich gewissenhaft zu Werke zu gehen, doch bemerkte ich, daß auch er, wie viele andere Recensenten, Urtheile über Werke niederschreibt, von denen ihm nicht die Partitur zur Einsicht vorliegt. Wer es weiß, wie schwer es selbst mit Hülfe der Partitur hält, ein Werk durch bloßes Lesen kennen zu lernen, den muß es sehr wundern, daß diese Herren ein solches übersehen wollen, indem sie die einzelnen Stimmen neben einander legen und abwechselnd hineinblicken. Bei einem vielstimmigen Werke reicht nicht einmal das Lesen der Partitur hin, um ein sicheres Urtheil fällen zu können; man muß es auch, und zwar gut ausgeführt, gehört haben! ...

Witt ist Kapellmeister der ehemaligen großherzoglichen Hofkapelle, die, so wie auch das Sängerpersonal der Schloßkirche, nach dem Anfall des Großherzogthums an Bayern, noch wie früher fortbesoldet wird und bis jetzt vollzählig geblieben ist. Sie ist sehr gut eingespielt und accompagnirte mir in unserem am 7. November gegebenen Concerte ganz zu meiner Zufriedenheit. Großen Genuß gewährte mir auch die Aufführung einer Haydn'schen Messe in der Schloßkirche, die unter Witt's Leitung vortrefflich executirt wurde. Herr Witt ließ mich am Piano sein Oratorium, »die vier Menschenalter« hören. Da er schlecht spielte und wo möglich noch schlechter sang, so wäre es voreilig, nach dem, was ich hörte und in der Partitur nachlas, die Wirkung beurtheilen zu wollen, die das Werk bei einer Aufführung machen kann. Doch kam es mir ziemlich gewöhnlich, hin und wieder fast trivial vor. Indessen zeigten die Fugen und einige andere im strengen Style geschriebene Nummern von großer Gewandtheit im Contrapunkt.

 

Nürnberg, den 16. November.

Die Musik scheint in der alten Reichsstadt wenig cultivirt zu werden; denn das Orchester ist hier auffallend schlecht. In unserem gestrigen Concerte fehlte es zwar weder an zahlreichen Zuhörern, noch an Beifall bei unseren Vorträgen, aber Alles, was das Orchester begleitete, wurde von diesem total verdorben.

Zur Ergänzung des Tagebuchs führe ich hier noch an, daß sich mir in Nürnberg der junge etwa vierzehnjährige Molique vorstellte und mich bat, ihm während meines Aufenthalts Unterricht zu geben, dem ich gern willfahrte, weil der Knabe schon damals Ausgezeichnetes für seine Jahre leistete. Da Molique sich seit jener Zeit durch fleißiges Studium meiner Violincompositionen immer mehr in meiner Spielweise ausbildete und sich daher Schüler Spohr's nannte, so habe ich dieses Umstandes noch nachträglich erwähnt.

 

München, den 12. December 1815.

Unser hiesiger Aufenthalt war reich an Kunstgenüssen. Schon den Tag nach unserer Ankunft hörten wir ein interessantes Concert, das erste der zwölf Winterconcerte, welche die königliche Kapelle jedes Jahr für ihre Rechnung gibt. Diese Concerte werden sehr besucht und verdienen es in hohem Grade. Das Orchester besteht aus der einfachen Harmonie, zwölf ersten, zwölf zweiten Violinen, acht Violen, zehn Violoncellen und sechs Contrabässen. Geigen und Bässe sind vortrefflich und die Blasinstrumente bis auf die Hörner ebenfalls. Man gibt in jedem Concerte eine ganze Symphonie (welches um so mehr zu loben ist, da es leider immer seltener wird, und dadurch das Publikum immer mehr den Sinn für diese edelste Gattung der Instrumental-Musik verliert); sodann eine Ouvertüre, zwei Gesang- und zwei Concertstücke. Da die Münchener Kapelle noch immer ihren alten Ruf als eine der ersten der Welt behauptet, so war meine Erwartung sehr gespannt; dennoch wurde sie durch die Ausführung der Beethoven'schen Symphonie in C-moll, womit dieses erste Concert eröffnet wurde, noch weit übertroffen. Es ist wohl kaum möglich, daß sie mit mehr Feuer, mehr Kraft und dabei größerer Zartheit, so wie überhaupt genauerer Beobachtung aller Nüancen von Stärke und Schwäche ausgeführt werden kann! Sie machte daher auch mehr Wirkung, als ich ihr zutraute, obgleich ich sie schon oft, und selbst unter der Leitung des Componisten in Wien, gehört habe. Dennoch fand ich nicht Ursache, mein früheres Urtheil über sie zurückzunehmen. Bei vielen einzelnen Schönheiten bildet sie doch kein klassisches Ganze. Namentlich fehlt sogleich dem Thema des ersten Satzes die Würde, die der Anfang einer Symphonie, meinem Gefühl nach, doch nothwendig haben muß. Dies bei Seite gesetzt, ist das kurze, leicht faßliche Thema allerdings zur thematischen Durchführung sehr geeignet und vom Componisten mit den übrigen Hauptideen des ersten Satzes auch sinnreich und zu schönem Effekt verbunden. Das Adagio in as ist theilweise sehr schön, doch wiederholen sich dieselben Gänge und Modulationen, obgleich immer reicher figurirt gar zu oft und werden dadurch zuletzt ermüdend. Das Scherzo ist höchst originell und von einer ächt romantischen Färbung, das Trio aber mit den polternden Baßläufen für meinen Geschmack gar zu barock. Der letzte Satz mit seinem nichtssagenden Lärm, befriedigt am wenigsten; die Wiederkehr des Scherzo darin ist jedoch eine so glückliche Idee, daß man den Componisten darum beneiden muß. Sie ist von hinreißender Wirkung! Wie schade, daß der wiederkehrende Lärm diesen Eindruck so bald verwischt!

In diesem ersten Concerte hörten wir auch noch Herrn Rovelli, einen jungen, erst kürzlich engagirten Geiger, ein Concert von Lafond in C-moll vortrefflich und mit allgemeinem Beifall executiren. Dieser junge Künstler, Schüler von Kreutzer, verbindet mit den Vorzügen der Pariser Schule auch das, was den Eleven gewöhnlich abgeht, Gefühl und eigenen Geschmack. Die Vorzüge jener Schule bestehen in einer sorgfältigen Ausbildung des Technischen, worüber aber die eigentliche Kunstbildung sehr oft vernachlässigt wird. Bei Herrn Rovelli ist dies jedoch nicht der Fall; denn er lies't gut vom Blatt und weiß zu begleiten, wie ich später bei meinen Quartetten die Erfahrung machte.

Madame Bamberger aus Würzburg, von deren schönen Altstimme und guten Schule ich schon dort so viel Rühmliches gehört hatte, sang auch in diesem Concerte, schien aber ängstlich, woher es wahrscheinlich kam, daß sie so oft Athem schöpfte und die Töne so wenig trug.

Im zweiten Abonnements-Concerte hörten wir Herrn Flad, der ein Oboeconcert sehr ausgezeichnet vortrug. Er hat einen schönen Ton und geschmackvollen Vortrag. Herr Legrand dagegen, der das Romberg'sche Violoncell-Concert in E-moll spielte, scheint mir schon bergab zu gehen, denn es fehlt seinem Spiel sowohl Ausdauer als sichere und reine Intonation. Eine Ouvertüre aus Romeo und Julie, von Steibelt, erhebt sich nicht über das Gewöhnliche.

Im dritten Abonnements-Concert wurde meine Symphonie in Es-dur unter der feurigen und umsichtigen Direktion des Herrn Concertmeister Maralt ganz vortrefflich gegeben und machte hier noch mehr Wirkung als in Frankenhausen, wo ich sie vor vier Jahren zum erstenmal hörte. Herr Musikdirektor Fränzl spielte sein altes Violinconcert in C-dur mit Janitscharen-Musik. Die Composition desselben ist in dem süßlich-faden Geschmack der Pleyel'schen Epoche und kann jetzt unmöglich noch gefallen. Eben so veraltet ist auch sein Spiel, von dessen früheren Vorzügen nur noch das Feuer übrig geblieben ist, das ihn aber jetzt oft zur Undeutlichkeit und unreinen Intonation fortreißt. Obgleich dies auch heute der Fall war, so wurde ihm doch wie rasend applaudirt. Dies hätte einem Fremden von dem Geschmack der Münchener leicht einen übeln Begriff beibringen können, hätte man nicht gesehen, wie eine kleine Anzahl seiner persönlichen Freunde das Publikum durch heftiges Klatschen und Bravo-Schreien mit fortzureißen wußte. So sehr man es nun auch einem Künstler, der früher excellirte, gönnen kann, wenn er auch in späteren Jahren noch Beifall findet, so wird ihn dies doch gar zu leicht verleiten, den Zeitpunkt zu überschreiten, wo er aufhören sollte, öffentlich aufzutreten.

Im vierten Abonnements-Concerte spielte ich mit Herrn Rovelli meine Concertante, um der Forderung zu genügen, nach welcher jeder fremde Künstler, der von der Kapelle bei seinem Concerte unterstützt sein will, verpflichtet ist, in einem der Abonnements-Concerte aufzutreten. Noch nie hörte ich meine Concertante besser. Herr Rovelli hatte seine Stimme auf das Genaueste eingeübt und spielte meisterhaft. Eben so gut wurde begleitet. Eine besonders schöne Wirkung machte das Adagio mit den drei obligaten Violoncells.

Vogler's berühmte Ouvertüre zu »Castor und Pollux« entsprach nicht meiner Erwartung. Sie fängt zwar feurig und kräftig an, erlahmt aber gegen das Ende, und selbst dieser Anfang wirkt nur durch den Lärm der Blechinstrumente.

Am dritten December spielten wir bei der Königin im Cabinet, wo außer ihr und dem Könige nur noch einige wenige Auserwählte des Hofes zugegen waren. – Beide Monarchen schienen großes Interesse an unserem Spiele zu nehmen, denn sie überhäuften uns mit Artigkeiten. Außer uns spielte noch Madame Dulcken, eine ausgezeichnete Virtuosin, mit ihrer Tochter und Schülerin ein Rondeau von Steibelt für zwei Pianoforte.

Am sechsten war unser öffentliches Concert im Redoutensaale, welches die Königin ebenfalls mit ihrer Gegenwart beehrte, eine Auszeichnung, die seit mehreren Jahren keinem fremden Künstler zu Theil wurde. Es war mir eine große Freude, meine Compositionen einmal wieder so gut vorgetragen zu hören.

Im Museum fand ich die Musikalische Zeitung und in dieser einen Bericht über das letzte Frankenhäuser Musikfest, der auch eine Beurtheilung meiner Cantate: »Das befreite Deutschland«, enthält. Diese bringt so viel Seichtes und Falsches über dieses Werk, daß ich große Lust hätte, darauf zu antworten, hätte ich mir nicht, seit meinem Wiener Federkriege mit Mosel, fest vorgenommen, nie wieder eine Antikritik zu schreiben.

 

Würzburg, den 26. Dezember.

Auf der Reise von München hierher haben wir binnen zehn Tagen wie im Fluge vier Concerte in vier verschiedenen Städten gegeben, die, im voraus arrangirt und zahlreich besucht, eine reiche Erndte abwarfen; am 16. in Nürnberg, am 18. in Erlangen, am 22. in Bamberg und gestern, am ersten Weihnachtstage, hier. Es war aber auch eine arge Anstrengung, besonders für Dorette, das ewige Aus- und Einpacken, Probiren und Concertiren! Nun wollen wir uns ein wenig Ruhe gönnen. – Vorgestern gab ich Herrn Professor Fröhlich die drei Wiener Quartetten, die Romberg dedicirt sind, zu hören, hauptsächlich in der Absicht, damit er sie in der Musik-Zeitung recensire. Sie gingen gut zusammen und verfehlten daher eines vorteilhaften Eindruckes auf die Zuhörer nicht.

 

Frankfurt a. M., den 11 Januar 1816.

Unser hiesiger Aufenthalt war sehr arm an Kunstgenüssen. In der langen Zeit kein einziges Concert außer dem unserigen, nicht eine Privatmusik! Während wir vor acht Jahren bei unserem ersten Hiersein kaum die Zeit fanden, allen Aufforderungen zu Musikpartien Genüge zu leisten, fällt es jetzt keinem der Frankfurter Musikfreunde (wenn's deren überhaupt noch gibt) ein, unsere Talente auch nur ein einziges Mal dazu in Anspruch zu nehmen.

Auch das Theater bot nicht viel Erfreuliches dar, und nur eine einzige, für uns neue Oper, nämlich »Carlo Fioras«, von Fränzl, wurde gegeben. – Madame Graff bewährte sich in dieser Oper und als Gräfin in Figaro's Hochzeit als eine Sängerin von vortrefflicher Schule, mit Gefühl und Geschmack begabt. Das übrige Gesangpersonal ist unbedeutend, das Orchester aber vortrefflich und seines alten Ruhmes würdig.

Am zwölften gaben wir Concert im rothen Hause. Madame Graff sang die große Scene aus »Faust« ganz vortrefflich. Das Orchester accompagnirte mit Liebe und großer Genauigkeit.

Einen an Musik sehr reichen Tag brachten wir bei André in Offenbach zu. Ich fand ihn auf einem neuen Steckenpferde, das er mit noch größerm Selbstgefallen herumtummelt, wie seine früheren. Es heißt: Deklamation! Er hat die feste Ueberzeugung und äußert sie auch mit edler Offenherzigkeit, daß außer ihm noch kein Componist, von Mozart an bis Bornhard, es verstanden hat, ein Lied richtig zu deklamiren, und, wie es sich gehört, in Musik zu setzen. Er hat sich deshalb der verwaisten Kunstgattung erbarmt und eine Menge Musterlieder geschrieben! – Er hatte von meinen neuen Liedern gehört und bat mich, sie zu singen. Aber schon nach dem zweiten fand er einen Vorwand, zu den seinigen überzugehen. Fräulein von Goldner, seine Schülerin, sang sie und zwar hinreißend schön. Es ist nicht zu leugnen, daß sie richtig deklamirt und mehrere von ihnen in neuer und interessanter Weise aufgefaßt sind. Werden sie nun überdies noch so meisterhaft vorgetragen, wie dies von Fräulein von Goldner geschieht, so ist die Wirkung allerdings groß. Ich gestand ihm das gern zu, verhehlte ihm aber auch nicht, was ich daran auszusetzen fand. Dies ist vornehmlich, daß er der richtigen Deklamation sehr oft Form, Rhythmus und Melodie aufgeopfert hat. Um den Fehler vieler Lieder-Componisten, die sich zu streng an den Rhythmus der Dichtung binden, zu vermeiden, ist er in den entgegengesetzten gefallen. Er wechselt in mehreren dieser Lieder, um nur jeder Sylbe die ihr gebührende Dauer und ihren Accent zu verschaffen, mehrere Male die Taktart und zerstört dadurch sowohl den Rhythmus, als die Melodie. So kann der Zuhörer nicht folgen und fühlt sich unbefriedigt. Ferner hatte ich auszustellen, daß die Clavierbegleitung bei den meisten dieser Lieder zu obligat ist und die Aufmerksamkeit vom Gesange abzieht. Einige klingen wie selbstständige Clavier-Phantasien, denen der Gesang angepaßt ist.

Die Selbstgefälligkeit, mit der André diese Lieder zu hören gab, war völlig unerträglich. Er holte z. B. ein altes Lied von Schulze: »O selig, wer liebt«, herbei, sang es karikirt, um es ins Lächerliche zu ziehen und ließ dann von Fräulein von Goldner das seinige über denselben Text vortragen. »Aha«, sagte Jemand aus der Gesellschaft, »Sie zeigen uns erst den Schatten, damit das Licht nachher um so größere Wirkung macht!«

Mich verdroß diese Mißhandlung eines alten würdigen Componisten so sehr, daß ich mich nicht enthalten konnte zu sagen:

»Lieber André, Sie scheinen zu vergessen, daß es Ihrem Liede eben nicht zur Ehre gereicht, wenn es erst einer Folie bedarf; daß dieses Schulze'sche Lied vor länger als fünfundzwanzig Jahren componirt ist, wo die Ansichten über Liedercomposition von den jetzigen sehr verschieden waren; daß die Melodie, die uns jetzt veraltet vorkommt, damals neu war, und daß Sie für Ihren Zweck am Ende doch keine glückliche Wahl getroffen haben, da dieses Lied bei aller Einfachheit der Form und Melodie, dennoch richtig deklamirt ist und in der Wiederholung des: O selig, wer liebt, am Ende jeder Strophe etwas Tiefempfundenes enthält, weshalb es sehr zweifelhaft ist, ob unsere Lieder nach fünfundzwanzig Jahren noch so viel Vergnügen gewähren werden, wie es dieses Lied, wenn es gut gesungen wird, noch immer vermag.«

André schien doch etwas beschämt und äußerte sich von da an viel bescheidener. Ich wollte ihm nun, wie er gewünscht hatte, einige meiner Wiener Quartetten und Quintetten zu hören geben; es wurde aber so schlecht accompagnirt, daß ich bald davon abstand und es bei dem ersten bewenden ließ.

Nach Tische gab uns Herr Aloys Schmitt in einer freien Phantasie auf dem Piano »eine Seefahrt mit Sturm«. Obgleich diese von Wölffl zuerst versuchte Spielerei nicht übel war, so hätte ich doch von einem so ausgebildeten Clavier-Virtuosen lieber etwas Gediegeneres und Solideres zu hören gewünscht.

Abends führte uns André zu Herrn Ewald, einem großen Musikfreunde, bei dem sich die Offenbacher Sing-Akademie versammelt hatte, um ihm drei von ihr sorgfältig eingeübte Compositionen zu hören zu geben. Es waren: »Die drei Worte«, von Schiller, in Musik gesetzt von Aloys Schmitt, ein patriotischer Chor von André und »die Bürgschaft«, von Schiller, ebenfalls von Aloys Schmitt componirt, alles mit Clavierbegleitung. Der Chor zählte ungefähr achtundvierzig Stimmen und die Ausführung war sehr gelungen. Zu bedauern war nur, daß das Lokal nicht geräumiger war. Die Musik zu den »drei Worten« gefiel mir sehr. Sie verräth ein großes Talent für solche Gesangs-Compositionen. Auch das Gedicht eignet sich recht gut dazu. Weniger das zweite: »Die Bürgschaft.« In diesem hat der Componist die redend eingeführten Personen unter die verschiedenen Solostimmen vertheilt; es klingt aber sehr sonderbar, von diesen auch das singen zu hören, was der Dichter erzählt. Ebenso willkürlich ist dem Chor sein Antheil am Texte zugetheilt. Zu leugnen ist aber nicht, daß einige Eintritte desselben von außerordentlicher Wirkung sind, wie z. B. der, wo es heißt: »Und unendlicher Regen gießet herab«, und später, wo der erschöpfte Wanderer das Rieseln einer Quelle hört. Das ganze Gedicht ist überhaupt mit vieler Phantasie aufgefaßt und wiedergegeben, nur leidet die Musik an Formlosigkeit durch zu häufiges Wechseln des Tempo's und der Taktart. Auch ist das Wiederholen einzelner Worte, die für sich keinen Sinn geben, sehr zu tadeln und klingt oft wahrhaft komisch. Die vierhändige Clavierbegleitung ist so reich an Figuren, Passagen und Modulationen, daß sie sich ohne bedeutende Vereinfachung nicht für's Orchester umschreiben ließe. Der Chor von André zeichnete sich durch nichts aus. Zum Schlusse ließ uns Herr Hasemann vom Frankfurter Orchester, der als Violoncellist mir am Morgen mein Quartett und zwar weit besser als die Uebrigen accompagnirt hatte, noch seine Virtuosität auf der Baßposaune bewundern. Er blies Variationen über das bekannte Lied: »Mich fliehen alle Freuden«. Es macht jedoch auf den Zuhörer von Geschmack einen unangenehmen Eindruck, wenn ein Instrument, seinem Charakter zuwider, zu etwas gezwungen wird, was ihm nicht natürlich ist.«

 

Darmstadt, den 9.Februar.

Durch eine Krankheit meiner guten Dorette zu einem beinahe vierwöchentlichen Aufenthalte gezwungen, habe ich Zeit genug gehabt, die hiesigen Musikzustände kennen zu lernen. Viel Erfreuliches läßt sich davon nicht sagen. Der Großherzog liebt die Musik zwar sehr und verwendet große Summen darauf; diese Liebe ist aber einseitig, egoistisch und beschränkt sich nur auf Theatermusik. Er findet nämlich seine Freude daran, in den Opernproben den Musikdirektor und Regisseur in eigener Person zu machen; er dirigirt daher nicht nur das Orchester an einem auf dem Theater befindlichen Pulte, sondern ordnet auch alles auf der Bühne an. Da er sich in beiden Posten für unfehlbar hält und weder dem Kapellmeister noch dem Regisseur die geringste Einwendung gegen seine Anordnungen gestattet, so ist es natürlich, daß viele Mißgriffe geschehen. Denn obgleich er unter den Großherzögen wohl der beste Operndirektor sein mag, so ist damit doch noch nicht gesagt, daß er ein guter sei! Er beweist dies schon in der Wahl der Werke, die er auf seinem Theater geben läßt. Da er es so reich dotirt hat, daß die Regie auf den Geschmack des Publikums behufs der Einnahme keine Rücksicht zu nehmen braucht, so könnte sie ein Repertoir von lauter gediegenen und werthvollen Werken schaffen, ließe er ihr nur die Auswahl. So trifft er diese aber selbst und es wird daher nicht nur viel Mittelmäßiges gegeben, sondern auch manches Vortreffliche ganz ausgeschlossen, wie z. B. die Cherubinischen Opern, weil sie der Großherzog nicht leiden kann. Allenfalls läßt er »den Wasserträger« noch passiren, doch auch nur den ersten Akt. Auch die Mozart'schen Opern scheinen ihm nicht mehr zu behagen; denn als vor einigen Tagen einmal wieder der »Don Juan« an die Reihe kam, nachdem dreißig Abende vorher nichts als die »Athalie« von Poißl probirt worden war, und das Orchester von der tödtlichen Langenweile befreit, die ihm jene Oper gemacht hatte, das erste Finale mit großer Begeisterung executirte, äußerte er laut gegen den Kapellmeister gewendet: »Nach der Poißl'schen Oper will der »Don Juan« doch nicht mehr schmecken!« –

Das Sologesang-Personal könnte bei den großen Gehalten, die der Großherzog zahlt, ein viel besseres sein, als es, mit wenigen Ausnahmen, wirklich ist; man behauptet aber, er wolle nur mittelmäßige Talente, damit sie sich um so williger seinen Anordnungen fügen. Der Chor (dreißig Frauen und dreißig Männer) ist sehr ausgezeichnet. Auch das Orchester ist sehr zahlreich und zählt mehrere sehr tüchtige Künstler unter seinen Mitgliedern; doch ist auch viel Mittelgut darunter. Ans das Ensemble desselben und besonders auf das pianissimo thut sich der Großherzog viel zu gut; doch bleibt in Bezug auf reine Intonation und auf Deutlichkeit noch manches zu wünschen übrig. Kein Orchester der Welt ist so geplagt wie dieses; denn sämmtliche Mitglieder desselben müssen jeden Abend, den Gott werden läßt, von sechs bis neun oder zehn Uhr im Theater zubringen. Jeden Sonntag ist Oper, an zwei anderen Tagen jeder Woche Schauspiel; an den vier übrigen Tagen hält der Großherzog seine Opernproben. Nur wenn er durch Krankheit verhindert ist, fallen sie aus. Dann werden auch keine Opern gegeben. Unlängst war er wegen eines Uebels am Bein genöthigt, mehrere Wochen das Zimmer zu hüten; in dieser Zeit durfte weder eine Probe gehalten, noch eine Oper gegeben werden. Er schien zu glauben oder wollte es glauben machen, daß ohne ihn nichts einstudirt werden könne.

Es gewährt einen seltsamen Anblick, den alten, schon ganz krumm gewachsenen Herrn in Uniform mit dem Stern auf der Brust hinter dem Pulte den Takt geben zu sehen, oder wie er den Chor und die Statisten ordnet, bald dieses, bald jenes zu erinnern hat, oder dem Orchester piano oder forte zuruft. Verstände er dies nun Alles, so würde es keinen besseren Operndirektor geben; denn er hat nicht nur viel Eifer und Ausdauer, sondern auch in seiner Eigenschaft als Großherzog die nöthige Autorität. So reicht seine Partiturkenntniß aber nicht weiter, als um allenfalls die Violinstimme nachlesen zu können, und da er in seiner Jugend einmal Violine gespielt hat, so quält er die armen Geiger ewig mit seinen Erinnerungen, ohne daß dadurch etwas gebessert wird! Unterdessen können die Sänger so falsch oder geschmacklos singen, wie sie wollen, oder die Blasinstrumente können einen Takt vor oder nach sein, – er merkt es nicht!

Eben so ist es mit seinen Anordnungen auf dem Theater, doch da kann der Regisseur unbemerkt noch nachhelfen, während dem Kapellmeister auch nicht die kleinste Rüge der vorfallenden Fehler gestattet ist. Daß daher die Opern trotz der vielen Proben dennoch nicht gut gehen und in der Regel um so schlechter, je mehr Proben stattgefunden haben, findet seine Erklärung in Obigem, sowie darin, daß Sänger und Orchester am Ende vor Abspannung und Ueberdruß nicht mehr Acht geben können. So ging es auch mit der Oper »Athalie« von Poißl, die während unserer Anwesenheit jeden freien Abend probirt wurde und bei deren endlicher Aufführung nach 30 Theaterproben doch noch Fehler, sowohl auf dem Theater, als im Orchester vorfielen.

Von der Musik dieser Oper läßt sich nicht viel Rühmliches sagen. Sie ist zu gewöhnlich, zu oft schon dagewesen. Mehrere Musikstücke sind den allgemein bewunderten von Mozart und Cherubini nachgebildet, ohne daß dadurch etwas Anderes gewonnen wäre, als daß sie an jene erinnern, so z. B. der Priestermarsch, der mit seinen einzelnen Paukenschlägen ganz dem der Zauberflöte während der »Feuer- und Wasserprobe« gleicht. Ebenso das Schluß-Allegro des ersten Aktes, welches auffallende Reminiscenzen aus dem Finale des »Don Juan« enthält, u. dgl. m. Der erste Akt wird noch durch den Umstand besonders langweilig, daß so viel langsame Tempi und Gebete unmittelbar auf einander folgen, so wie es denn überhaupt der Oper an Leben und Bewegung fehlt.

Der Großherzog, der die Musik dieser Oper sehr schön findet, vielleicht nur, weil sie ein Baron gemacht hat, erlebte den Verdruß, zu sehen, daß sie das Publikum sehr langweilte, was auch selbst in der Nähe seiner Loge laut geäußert wurde. Dies brachte ihn so auf, daß er ganz laut sagte: »Allen Leuten, die diese herrliche Oper nicht begreifen, sollte man die Thüren des Theaters verschließen!« Wenn es wahr ist, was man sich hier erzählt, daß er seine Hofdiener und Offiziere zum Theaterbesuche zwingt, indem er ihnen vom Gehalte den Betrag für das Theater-Abonnement ohne weiteres abziehen läßt, so könnte er seine Drohung leicht wahr machen, indem er sie von dieser Frohnde befreite!

Da uns der Großherzog zu einem öffentlichen Concerte die Mitwirkung der Kapelle verweigerte, weil er sie, wie es in der Antwort auf mein Gesuch hieß, keinen Abend im Theater entbehren könne, so waren wir schon im Begriffe abzureisen, ohne in Darmstadt gespielt zu haben, als uns die Direktion des Casino den Antrag machte, in ihrem Lokal aufzutreten, wofür sie uns ein Honorar von zwanzig Karolinen offerirte. Dies nahmen wir an. Ich spielte mit Dorette eine Sonate, zwei Concertsätze mit Clavierbegleitung, und Dorette schloß mit der Phantasie in C-moll. Wir hatten ein sehr empfängliches Publikum. Den Geigern des Orchesters, die mich gern gehört hätten, und Herrn Backofen, dem früheren Lehrer meiner Frau, den ihre jetzige Virtuosität in hohem Grade interessirt haben würde, war es aber nicht gestattet, unter den Zuhörern zu sein; denn der Großherzog hatte Abends vorher bei der Probe im Theater gesagt: »Daß mir morgen Abend ja Niemand fehlt!«

 

Heidelberg, den 11. Februar.

Trotz der großen Kälte, die seit voriger Nacht herrscht, haben wir heute Nachmittag den Schloßberg erstiegen, um die wunderschöne Ruine des Schlosses von neuem zu bewundern. Ich habe mich gefreut, daß man sie seit acht Jahren nicht weiter hat verfallen lassen, daß man vielmehr Sorge trägt, sie so, wie sie jetzt ist, zu erhalten. Die Aussicht über die Stadt nach Mannheim und in das Neckarthal ist selbst im Winter entzückend schön!

 

Carlsruhe, den 26. Februar.

Unser hiesiger Aufenthalt hatte dadurch, daß wir alte Bekannte vorfanden, viel Angenehmes. Auch bot er manchen Kunstgenuß. Gute Orchestermusik hörten wir zwar nicht; denn die Kapelle ist, obgleich in neuerer Zeit mehrere ausgezeichnete Künstler engagirt wurden, noch immer sehr mittelmäßig. Einige gute Mitglieder können die Schwächen der Uebrigen nicht verdecken. Dagegen hörten wir zwei gute Sängerinnen; Demoiselle Bahrenfels und Madame Gervais. Erstere sang am 21., als wir bei der Großherzogin im Cabinet spielten, eine Arie und einige Tage früher die Sopran-Soli in Romberg's »Glocke«, die von einer Dilettanten-Gesellschaft im Museum recht gut gegeben wurde. Demoiselle Bahrenfels besitzt eine schöne Stimme, guten Geschmack und viel Geläufigkeit, überladet aber ihren Gesang zu sehr mit Verzierungen. Madame Gervais, die auch ausgezeichnete Schauspielerin ist, hörte ich in Weigl's artiger Oper: »Adrian van Ostade«, wo sie besonders eine Cavatine sehr schön vortrug. Dann hörten wir sie in unserem Concerte am 24. die große Scene aus »Faust« mit allgemeinem Beifalle singen. Sie hat ebenfalls eine schöne Stimme, gute Schule, viel Gefühl und große Geläufigkeit, verziert aber auch zu viel und am unrechten Ort und detonirt dann und wann ...

Meine Quartetten und Quintetten gab ich viermal zu hören, zweimal bei Herrn von Eichthal und einmal bei den Herren Freidorf und Brandt. Sie wurden mir von den Herren Fesca, Viala, Bönlein und von Dusch vortrefflich accompagnirt. Fesca spielte auch ein neues Quintett seiner Composition, das sehr viel Neues und Schönes enthielt. Im letzten Satze war jedoch manches gar zu gesucht.

 

Straßburg, den 6. März.

Es drängt mich zuerst von dem zu reden, was jedem Reisenden noch vor seiner Ueberfahrt über den Rhein in die Augen fällt, – ich meine den Münster! Weit jenseits Kehl sahen wir seine kolossale und doch zierliche Gestalt schon hoch in die Lüfte ragen. Er ist so oft und gut, (am poetischsten wohl in Baggesen's Reise) beschrieben worden, daß ich mich nicht daran versuchen werde. Aber das muß ich aussprechen, daß früher nie Etwas so sehr das Gefühl des Erhabenen und Heiligen in mir erweckt hat, als dieser wundervolle Bau! Welch' edle Form, welche Zierlichkeit, welcher Reichthum in der Ausschmückung und welch' imposante Größe sind da vereinigt! Man hat Alles, was zur Zeit der Revolution von den Bilderstürmern am Münster beschädigt wurde, wieder hergestellt, und die neuen Bildsäulen, die man an die Stelle der zertrümmerten setzte, haben mehr Kunstwerth, als die alten, die damals verschont geblieben. Ueberhaupt wird das Gebäude sehr sorgfältig erhalten und es sind für dessen äußere Reparaturen allein jährlich 20,000 Franken ausgesetzt. Solche Sorgfalt ist bei diesem Bau wegen seiner Zierlichkeit aber auch doppelt nothwendig, da die geringste Beschädigung leicht größere und gefährlichere nach sich ziehen könnte; denn selbst der gigantische Thurm hat nicht einmal eine rundumlaufende Grundmauer, sondern ist auf Pfeiler gesetzt, zwischen welchen tief im Grunde ein schiffbarer Kanal hindurchfließt. Auf halber Höhe, da wo der Bau sich in zwei Hälften trennt, von denen leider nur die eine vollendet wurde, ist nun vollends Alles so luftig, zierlich und durchsichtig, daß hier, wo immer ein Pfeiler den andern trägt, die geringste Beschädigung, würde sie nicht alsbald ausgebessert, leicht den Einsturz des ganzen Thurmes herbeiführen könnte.

Nachdem wir den kühnen Riesenbau lange genug bewundert hatten, erregte der Telegraph, der auf dem Kirchendache seine Arme emporstreckt, unsere Aufmerksamkeit. Es wurde gerade telegraphirt und die Leichtigkeit und Schnelligkeit der Bewegungen ergötzte uns sehr. Da wir den Mechanismus kennen zu lernen wünschten, so stiegen wir hinauf, kamen aber erst oben an, als eben aufgehört wurde und sahen nur noch die Depesche in den sonderbaren Zeichen naß auf dem Papiere stehen. Ich hätte gern gewußt, ob diese Zeichen, deren es höchstens vierundzwanzig sein können, die Buchstaben oder einzelne Worte oder ganze Sätze bedeuteten und richtete deshalb einige Fragen an den Telegraphisten. Er gab aber wenig Auskunft, entweder weil er nicht durfte oder selbst nichts wußte, was das Wahrscheinlichste ist, da nur der Direktor den Schlüssel zu den Zeichen besitzen soll. Nach seiner Behauptung bedeutet jedes Zeichen ein Wort. Dies ist aber sehr unwahrscheinlich, da man mit vierundzwanzig Wörtern doch nicht ausreichen würde, auch wenn das dazwischen Fehlende größtentheils errathen werden könnte. Daß ihm übrigens die Bedeutung von einem oder einigen Zeichen bekannt sein müsse, bewies er dadurch, daß er um uns den Mechanismus zeigen zu können, das signe d'attention machte, wodurch angefragt wird, ob im Laufe des Tages noch eine Depesche zu erwarten sei, und daher jeder Telegraphist auf seinem Posten bleiben müsse. Dieses Zeichen wurde sogleich vom nächsten Telegraphen abgenommen, wie wir durch das in der Wand befindliche Fernglas sehen konnten und dann ebenfalls vom folgenden, der auch noch, obwohl weniger deutlich, zu erkennen war. Nach sieben oder acht Minuten kam aus Paris die Antwort zurück: »Es muß Jeder auf seinem Posten bleiben.« Dieses Zeichen nahm nun auch unser Telegraph ab, und dann standen sie alle wieder in Ruhe. Der Mechanismus ist sehr einfach. Drei große Räder im Zimmer des Telegraphisten, über welche aus Messingdraht geflochtene Schnüre laufen, setzen die drei Gelenke des Telegraphen in Bewegung. Kleinere, an den großen befestigte Räder bewegen einen kleineren Telegraphen im Innern des Zimmers, an welchem der Maschinist sieht, ob die Zeichen oben auf dem Dache richtig gemacht werden. Ein dritter mäßig großer Telegraph, der außerhalb des Zimmers gegen die Wohnung des Direktors gerichtet ist, dient dazu, diesem die Zeichen, die aus Paris ankommen, sogleich mitzutheilen. Das Ganze ist sehr sinnreich und macht dem menschlichen Verstande alle Ehre. Die Telegraphisten haben einen beschwerlichen Dienst. Sie müssen vom ersten Morgengrauen an bis zum Anbruche der Nacht auf ihrem Posten sein. Die geringste Nachlässigkeit wird ohne weiteres mit Dienstentlassung bestraft.

Ich lernte in Straßburg drei ausgezeichnete Künstler und viele passionirte Musikfreunde kennen. Erstere sind: Herr Spindler, Kapellmeister am Münster, Nachfolger von Pleyel, der diese Stelle früher bekleidete, Herr Berg, Pianofortespieler und Componist und Herr Kuttner, ebenfalls Pianist und Sänger. Von Spindler's Kirchen-Compositionen wird besonders ein Requiem sehr gelobt, von seinen dramatischen Arbeiten eine Oper: »Das Waisenhaus.« Spindler schickte die Partitur und das Buch dieser Oper, welches letztere ebenfalls sein Eigenthum war, an die Direktion des Wiener Hoftheaters. Sie wurde nicht angenommen und unter dem Vorwande zurückgeschickt, daß die Gesangpartien nicht für das dortige Personal paßten. Man hatte aber vom Buche diebischer Weise eine Abschrift genommen, und Weigl componirte es nun ebenfalls noch einmal. Da ihm kurz vorher seine »Schweizerfamilie« großen Ruhm verschafft hatte, so verbreitete sich dieses neue Werk bald über alle deutschen Theater, während Spindler's Komposition bis jetzt nur in Straßburg gegeben worden ist. Es wurde ihm jedoch die Genugthuung zu Theil, daß die Weigl'sche Composition, die im vorigen Jahre von einer deutschen Opern-Gesellschaft hier gegeben wurde, bei weitem nicht so gefiel wie die seinige. Spindler ist ein unterrichteter und dabei äußerst bescheidener Künstler. Unter den passionirten Musikfreunden steht Herr Advokat Lobstein oben an. Er ist Direktor eines gut eingerichteten Liebhaber-Concertes. Das stark besetzte Orchester desselben besteht größtenteils aus Dilettanten, und Compositionen, die nicht zu schwer sind und die sie oft genug probirt haben, gehen nicht übel. Da in Frankreich noch aus der Revolutionszeit ein Gesetz besteht, nach welchem jeder Concertgebende, wenn er sein Concert affichirt und eine Kasse macht, den fünften Theil der Einnahme an die Theater-Direktion des Ortes abgeben muß, so machte mir Herr Lobstein den Vorschlag, ein Concert im Lokal und am Tage des Liebhaber-Concertes zu geben, wodurch ich der Abgabe entging. Das Concert wurde nur unter der Hand bekannt gemacht, war aber demungeachtet so besucht, daß über hundert Menschen in dem nicht kleinen Saale keinen Platz mehr finden konnten. Dies, sowie der enthusiastische Beifall, den unser Spiel fand, veranlaßt mich, noch ein zweites öffentliches Concert zu geben, nachdem ich mich vorher mit der Theater-Direktion über eine fixe Abgabe von achtzig Franken verständigt hatte; es war jedoch, wahrscheinlich wegen des zu drei Franken erhöhten Eintrittspreises, nicht ganz so zahlreich besucht, wie das erste. Das Orchester war in beiden Concerten dasselbe, halb aus Dilettanten und halb aus Künstlern zusammengesetzt; die Saiten-Instrumente ziemlich gut, die Blas-Instrumente größtentheils sehr schlecht. Da nun in meinen Compositionen letztere viel beschäftigt sind, so wurden sie auch arg mißhandelt. Meine Quartetten und Quintetten, die ich häufig in Privat-Gesellschaften spielte, wurden mir dagegen sehr gut accompagnirt. Besonders zeichneten sich dabei die Herren Baxmann, (erster Violoncellist des Theater-Orchesters) und Nani (Violinist) vorteilhaft aus. Obgleich die Straßburger in der Musikbildung den Bewohnern der größeren deutschen Städte bedeutend nachstehen und von unserer neuesten Musik und deren Geist noch wenig kennen und wissen, so scheinen sie doch meine Compositionen sehr zu goutiren. Mein hiesiger Aufenthalt diente daher dazu, daß meine Compositionen, von denen hier nur wenige gekannt waren, nun häufig verlangt und von den Musikhändlern verschrieben werden.

Während unserer Anwesenheit in Straßburg gaben die Herren Berg und Kuttner gemeinschaftlich ein öffentliches Concert, in welchem sie sich Beide als sehr fertige Clavierspieler zeigten, Herr Berg aber auch als talentvoller Componist. Es wurde von ihm eine Ouvertüre, ein Clavier-Concert und Variationen für zwei Pianoforte gegeben. Besonders gefiel mir das Allegro der Ouvertüre wegen seines natürlichen Flusses und der guten Durchführung des Thema's. Herr Berg ist aber doch nicht frei von der Krankheit aller modernen Componisten, die immer nur nach Effekten jagen und darüber versäumen, ihre Ideen gehörig durchzuführen.

Wir besuchten einigemale das Theater und fanden die Oper, mit Ausnahme der ersten Sängerin, Madame Dufay, sehr schlecht, das Lustspiel und Vaudeville aber sehr gut. Ich überzeugte mich von neuem, wie sehr die Franzosen in den beiden letzten Gattungen den Deutschen überlegen sind. Die hiesige Truppe, die allgemein für sehr mittelmäßig gilt, gibt ihr Lustspiel mit einer Rundung und Genauigkeit, wie man es nur sehr selten auf den besten deutschen Theatern findet.

 

Münster, bei Colmar, den 26. März.

Seit beinahe vierzehn Tagen sind wir hier in einer kleinen Fabrikstadt in den Vogesen bei einem reichen Fabrikbesitzer, Herrn Jacques Hartmann zu Besuch. Unser Wirth, der ein leidenschaftlicher Musikfreund ist, war von Herrn Kapellmeister Brandt in Carlsruhe benachrichtigt worden, daß wir auf unserer Reise Colmar passiren würden. Von Straßburg aus hatte er den Tag der Durchreise erfahren; er verlegte uns daher den Weg und zwang uns mit freundlicher Gewalt, ihm nach Münster in sein Haus zu folgen. Dort mit Anbruch der Nacht angelangt, wurden wir von seiner Familie auf das Herzlichste bewillkommnet und sogleich durch den Garten in einen hell erleuchteten Concertsaal geführt, der ringsum mit den Namen unserer großen Componisten geschmückt war, unter welchen, wahrscheinlich seit heute, der meinige auch ein bescheidenes Plätzchen gefunden hatte. Die Kapelle des Herrn Hartmann war schon aufgestellt und empfing uns bei unserem Eintritt mit einer gar nicht schlecht executirten Ouvertüre. Das Orchester besteht aus der Familie des Herrn Hartmann und aus einem Theile der in seiner Kattun-Fabrik angestellten Beamten, Künstler und Arbeiter. Da er, so viel es sich thun läßt, nur solche annimmt, die musikalisch sind, so ist es ihm geglückt, fast ein vollständig besetztes Orchester zusammenzubringen, das nicht zu schwere Compositionen, die es fleißig eingeübt hat, ganz erträglich executirt. Von dem Vorspieler des Orchesters, einem Beamten der Fabrik, erwarb ich damals eine Geige von Lupot in Paris. Ich war von dem vollen und kräftigen Ton dieses Instrumentes, das damals erst dreißig Jahre alt war, so frappirt, daß ich dem Besitzer sogleich einen Tausch mit einer italienischen Geige, die ich in Braunschweig gekauft und auf meinen ersten Reisen gespielt hatte, antrug, der gern eingegangen wurde. Ich gewann die Geige bald so lieb, daß ich sie meiner bisherigen Concertgeige, einer alten deutschen von Buchstetter, vorzog und von nun an auf allen meinen Reisen spielte. – – – – –
Erst im Jahre 1822, nachdem bereits meine Kunstreisen als Geiger aufgehört hatten, erkaufte ich von Madame Schlick in Gotha mein jetziges Instrument, eine Stradivari, und überließ, von dem Concertmeister Matthaei in Leipzig dringend gebeten, diesem die Geige von Lupot, die im Laufe der Jahre sehr gut geworden und zu großer Berühmtheit gelangt war. Dieser spielte sie bis zu seinem Tode, wo sie dann in den Besitz des Concertmeisters Ullrich kam.
Herr Hartmann selbst ist Virtuos auf dem Fagott und besitzt schönen Ton und viel Fertigkeit. Seine Schwester und seine Tochter spielen Pianoforte. Letztere, ein Kind von acht Jahren, ist der Glanzpunkt dieses Dilettanten-Orchesters. Sie spielt bereits sehr schwere Compositionen mit bewunderungswerther Fertigkeit und Genauigkeit. Mehr noch wie dieses überraschte mich ihr feines musikalisches Gehör, womit sie, (vom Piano entfernt), die Intervallen der verwickeltsten und vollgriffigsten, dissonirenden Accorde, die man ihr anschlägt, erkennt, und die Töne, woraus diese bestehen, in ihrer Folge nennt. Aus diesem Kinde wird gewiß einst, wenn es gut geleitet wird, eine ausgezeichnete Künstlerin werden. Leider ist sie noch vor ihrer vollständigen Entwicklung jung gestorben. Nachdem die Familie sich producirt hatte, gaben auch wir eins unserer Duette zu hören und hatten ein sehr dankbares und begeistertes Auditorium.

Herr Hartmann läßt nicht leicht einen ausgezeichneten Künstler durch das Elsaß passiren, ohne ihn aufzufangen und hat deshalb schon viele von ihnen bei sich gesehen, unter Anderen Rudolpho, Kreutzer, Durand, Turner, Bärmann und die Gebrüder Schunke. Gewiß waren Alle eben so zufrieden mit ihrem Aufenthalte in seinem Hause, wie wir; denn es gibt keinen artigeren und zuvorkommenderen Wirth, als Herrn Hartmann. Von den beiden zuerstgenannten Künstlern erzählte er mir folgendes, was sie hinlänglich characterisirt. Kreutzer gab zu Straßburg im Theater ein sehr besuchtes Concert. Nach dem ersten Theile ließ er sich die Einnahme auszahlen und verspielte sie sogleich am Roulette im Foyer bis aus den letzten Sous. Nun wurde er zum zweiten Theile des Concerts gerufen und mußte nachträglich verdienen, was bereits verspielt war. Durand machte es noch ärger! Herr Hartmann hatte für ihn ein Concert in Mühlhausen arrangirt und begleitete ihn selbst dahin. Durand verlor sich sogleich in ein Bierhaus, und es hielt schwer, ihn von da wegzubringen, um die Probe zu halten. Bei dieser vermißte er seinen Bogen, den er zu Colmar vergessen hatte. Er erklärte, ihn holen zu müssen, weil er sonst am Abend nicht spielen könne. Herr Hartmann gab ihm seinen Wagen und ermahnte Ihn zu baldiger Wiederkehr. Die Zeit des Concertes rückte heran, aber Durand war noch nicht zurück. Das Publikum versammelte sich, die Musiker stimmten ein, – doch der Concertgeber fehlte immer noch! Nachdem eine halbe Stunde gewartet war und das Auditorium bereits unruhig wurde, ließ Herr Hartmann die Ouvertüre spielen. Da Durand aber noch nicht erschien, so mußte er endlich vortreten und die Abwesenheit des Concertgebers verkünden. Höchst unwillig auf diesen verließ das Publikum den Saal. Spät am Abend kehrte der Kutscher mit dem vergeblich Erwarteten zurück und erzählte seinem Herrn, daß er ihn mehrere Stunden lang in allen Kaffee- und Wirthshäusern Colmar's vergeblich gesucht und endlich in einem Bierhause gefunden habe, wo er im lustigen Verkehr mit anderen Gästen das Concert total vergessen hatte.

Vor drei Tagen gaben wir in Colmar ein sehr besuchtes Concert, welches Herr Hartmann durch seine dortigen musikalischen Freunde im voraus hatte arrangiren lassen. Da das Orchester, welches fast ganz aus Dilettanten bestand, sehr schlecht war, so mußte ich darauf verzichten, eigene Compositionen vorzutragen und im Accompagnement leichtere von Rode und Kreutzer wählen. Nach der Sonate, welche ich mit meiner Frau vortrug, wurde uns aus einer Loge ein Lorbeerkranz zugeworfen, an welchem das folgende Gedicht befestigt war:

Couple savant dans I'art heureux
Qui fit placer au rang des Dieux
L'antique chantre de la Grèce
D'un instrument melodieux
Et de la harpe enchanteresse
Quand les accords delicieux.
Nous causant une double ivresse,
Faut-il, que les tristes apprêts
D'un depart qui nous désespère,
Mêlent d'inutiles regrets
Aux charmes que Votre art opère!
Ah! près de nous il faut rester!
Quelle raison pour s'en défendre?
A nos voeux, si Spohr vent se rendre,
Il pourra, j'ose l'attester,
Se lasser de nous enchanter
Jamais nous lasser de l'entendre.


Par E. C. (outerèt), habitant de Colmar.

Im zweiten Theile des Concertes ließ sich auch Herr Hartmann mit Variationen für das Fagott von Brandt hören. Er schien sehr befangen, blies aber doch recht gut. Die Einnahme war für eine so kleine Stadt sehr bedeutend. Den Tag nach dem Concerte aßen wir zu Mittag beim General Frimont, Commandeur der österreichischen Truppen im Elsaß. Wir lernten unseren Wirth als einen höchst artigen und jovialen Mann kennen. Er hat sich durch Gerechtigkeitsliebe, strenge Mannszucht und zuvorkommend-artiges Wesen die Liebe der Colmarer in hohem Grade erworben. – Abends kehrten wir hierher zurück.

Gestern erhielt ich von Musik-Direktor Tollmann in Basel, dem Herr Hartmann im voraus unsere Ankunft meldete, die Nachricht, daß er ein Concert für uns schon auf nächsten Sonntag den 31. arrangirt habe. Wir müssen daher von unserem, lieben Wirthe und den Seinigen scheiden. Doch haben wir versprechen müssen, wo möglich im Sommer noch einmal hieher zurückzukehren.

Die Kattunfabrik des Herrn Hartmann haben wir, von ihm geführt, mehreremale besehen. Sie ist sehr bedeutend und liefert Waaren, die hinsichtlich ihrer geschmackvollen Muster selbst den englischen vorgezogen werden. Sie beschäftigt über tausend Menschen und unter diesen ausgezeichnete Künstler als Zeichner und Kupferstecher. Es werden alle Sorten Kattune verfertigt, ordinäre mit Handdruck, feine mit Walzendruck und Möbelkattune, sowie Tapeten mit großen und kleinen Kupferstichen verziert. Letztere hauptsächlich für Ost-Indien und China. An den Kupferplatten zu dieser Gattung arbeiten die Künstler oft Jahre lang. Die Bilder sind größtentheils Copien berühmter Gemälde. Der Mechanismus, womit die Kupferplatten auf Zeuge abgedruckt werden, ist ein Geheimniß der Hartmann'schen Fabrik, das den Fremden nicht gezeigt wird. Bei uns, als ungefährlich, wurde eine Ausnahme gemacht. Auch eine künstliche Maschine zum Farbenreiben wurde hier erfunden, und ist bis jetzt die einzige ihrer Art. Das an Fabriken so reiche Elsaß ist mit der neuen Regierung, die für Belebung der Industrie nichts thut, sehr unzufrieden und hängt noch mit ganzer Seele an dem verbannten Kaiser. Es erklärt sich dies leicht, wenn man weiß, daß in der glänzenden Zeit des Kaiserreichs die Fabriken hiesiger Gegend in einem außerordentlichen Flor waren, der hauptsächlich durch die Continental-Sperre, welche die englischen Waaren vom Festlande abhielt, veranlaßt wurde. Die Hartmann'sche Fabrik beschäftigte damals mehr als 3000 Menschen. Jetzt, wo wieder ganz Europa mit englischen Fabrikaten überschwemmt ist, haben die hiesigen Fabriken ihre Arbeiten bedeutend einschränken müssen. Man äußert aber auch seine Unzufriedenheit mit der jetzigen Regierung unverhohlen und sagt ganz laut, daß nur der günstige Zeitpunkt abgewartet würde, um das jetzige Joch wieder abzuschütteln. Wahr ist es, daß viel Gemeinnütziges, wie Kanal- und Straßen-Bauten, Preisvertheilungen zur Beförderung der Industrie, Kunstanstalten, z. B. das Conservatorium der Musik zu Paris, als verhaßte Ueberbleibsel der Revolution und Kaiserregierung, theils beschränkt, theils unterdrückt worden sind. Dies hat viel böses Blut gesetzt und die neue Regierung sehr verhaßt gemacht. Man würde es daher ganz gern sehen, wenn sich das Gerücht bestätigte, daß das Elsaß an Oesterreich abgetreten werden soll.

 

Basel, den 2. April.

Herr Tollmann, ein guter Geiger und Direktor, dabei der gefälligste und dienstfertigste Mensch, der mir je im Leben vorgekommen ist, hatte bereits mit Hülfe des hiesigen Musikvereins Alles zu unserem Concerte arrangirt. Es war nur noch beim regierenden Bürgermeister die Genehmigung einzuholen, daß der Eintrittspreis bis zu einem halben Laubthaler erhöht werden durfte. Diese wurde sogleich ertheilt. Herr Tollmann führte mich zu den Vorstehern des Musikvereins, die ich als artige und gebildete Leute kennen lernte. Sie widerlegten siegreich das Gerücht, welches im Elsaß coursirt, der Baseler sei kalt und unhöflich, gewohnt, den Besuch von Fremden vor der Thüre abzufertigen. Ich wurde von Allen, die ich besuchte, mit Artigkeit und selbst mit Auszeichnung aufgenommen. Da das Orchester mit Ausnahme von vier oder fünf Künstlern nur aus Dilettanten besteht, so war das Accompagnement meiner Solo-Piecen besonders von Seiten der Blas-Instrumente fürchterlich. Wie ist der arme Tollmann zu beklagen, der solche Musik das ganze Jahr anhören muß! Und doch sollen, wie er behauptet, die Orchester in den übrigen Schweizer-Städten noch schlechter sein. Ist dem so, so steht es um die Musik in der Schweiz noch erbärmlicher, wie im Elsaß. Die guten Leute hier ergötzen sich noch an Compositionen, die man in Deutschland schon zur Zeit der Pleyel'schen Epoche ungenießbar fand. Mozart, Haydn und Beethoven kennen die Meisten kaum dem Namen nach. Aber Freude haben sie an der Musik und das Beste ist, sie sind leicht zu befriedigen. Denn so schlecht auch alle Orchestersätze in unserem Concerte executirt wurden, die Leute waren doch zufrieden und fanden, das Orchester habe sich diesmal besonders ausgezeichnet. Selbst eine Bravour-Arie von Wenzel Müller, die ein Dilettant jämmerlich herausquälte, fanden sie köstlich. Die Einnahme war bei wenigen Kosten sehr bedeutend.

 

Zürich, den 10. April.

Auf dem Wege von Basel hierher haben wir, wie jeder Reisende, der aus Deutschland kommt, nun hinlänglich die Erfahrung gemacht, daß man in der Schweiz zwar bequemer, aber auch noch einmal so theuer reise, wie dort. Man findet hier in jedem Wirthshause, selbst in denen der kleinsten Dörfer, ein vollständiges und gut zubereitetes Mittags- oder Abendessen; der Preis dafür ist aber auch durch die ganze Schweiz ein halber Laubthaler für jede Person. Ebenso sind alle übrigen Bedürfnisse zwar gut, aber auch sehr theuer. Mit dem Fuhrwesen ist's fast noch schlimmer. Die kurze Strecke von Basel hierher abgerechnet, gibt es nirgends in der Schweiz Extrapost, und man ist daher genöthigt, entweder mit der Diligence oder mit Miethpferden zu reisen. Beides ist sehr theuer. Zwei Miethpferde kosten für den Tag drei Laubthaler, und es müssen die Tage, wo sie zurückgehen, mitbezahlt werden.

Auch hier existirt ein Musikverein. Diese Vereine in den Schweizer-Städten sind eine große Wohlthat für den reisenden Künstler, denn sie übernehmen sehr willfährig das Arrangement seines Concertes. Das unserige fand schon am vierten Tage nach der Ankunft statt; wir hatten außer unserem Spiele nichts dabei zu thun. Das Accompagnement war freilich auch wieder sehr schlecht, und ich litt um so mehr dabei, da ich mich unglücklicherweise hatte bereden lassen, ein Concert eigener Composition zu wählen. Bei der Probe brachte ich es durch unzähliges Wiederholen der schwierigsten Stellen zwar dahin, daß es wie Musik klang; am Abend war das Orchester aber so consternirt, daß es Alles wieder über den Haufen warf! Zum Glück schien das Auditorium davon nichts zu merken, denn es äußerte seine große Zufriedenheit über Alles, was es hörte.

Die Einnahme war noch brillanter, als in Basel.

Es leben hier zwei Künstler, die auch in Deutschland gekannt sind. Der eine, Herr Nägeli, Besitzer einer Musikhandlung, Componist des in ganz Deutschland gesungenen Liedes: »Freut euch des Lebens!« hat sich in neuerer Zeit durch seine Gesanglehre nach Pestalozzi'schen Grundsätzen einen Namen gemacht. Er mag als Theoretiker und musikalischer Schriftsteller große Verdienste besitzen, im praktischen Theile der Tonkunst und in der Geschmacksbildung scheint er es aber nicht weit gebracht zu haben; denn drei seiner Schülerinnen, die er uns als seine besten bezeichnete, von denen die eine eine Arie, die beiden anderen ein Duett in unserem Concerte vortrugen, sangen mit schlechter Methode und sehr geschmacklos.

Der andere Künstler ist Herr Liste, der hier für einen vorzüglichen Clavierspieler und Lehrer gilt, er ist durch Clavier-Compositionen bekannt. Er brachte mir drei- und vierstimmige Männergesänge zur Ansicht, die mir in Melodie, Harmonie und Stimmführung sehr gefielen.

Zürich hat eine reizende Lage. Aus unserem Zimmer, im Gasthofe »zum Raben« können wir einen großen Theil des See's übersehen. Das Ankommen und Abgehen der Schiffe gibt diesem Theile der Stadt sehr viel Leben.

 

Bern, den 20. April.

Wir haben bei sehr schönem Wetter eine äußerst angenehme Reise hierher gemacht. Auf einer Anhöhe, eine Stunde von hier, erblickten wir zum erstenmale, seit wir die Schweiz betreten, die ganze herrliche Alpenkette völlig rein und in ihrer ganzen Majestät. Wir begrüßten sie mit Jubel! Wie sehnen wir uns, diesen Gebirgen noch näher zu kommen! –

Die Berner Musikgesellschaft nahm sich ebenfalls des Arrangements unseres Concertes thätigst an und überhob mich aller lästigen Geschäfte. Der Besuch desselben war wieder zahlreicher, als er hier je bei einem Concerte eines fremden Künstlers stattfand; die Einnahme wegen des hier gebräuchlichen niederen Eintrittspreises aber nicht so bedeutend, wie in Zürich. Das Orchester ist hier wo möglich noch schlechter, als in Basel und Zürich, und das Publikum noch ungebildeter, mit Ausnahme sehr Weniger. An der Spitze des Orchesters steht ein Bruder von Carl Maria von Weber, der, wie man mir sagt, ein guter Theoretiker sein soll. Als Geiger und Direktor ist er sehr schwach. Unter den Dilettanten und Mitgliedern der Musikgesellschaft zeichnen sich durch ihren gebildeteren Geschmack für Tonkunst besonders aus: die Professoren Meißner und Jahn und der Statthalter Herrmann. Der erstgenannte ist Kapellmeister der Gesellschaft und ein ganz guter Violoncellist.

Da die Jahreszeit schon zu weit vorgerückt ist, um mit Erfolg in den übrigen Schweizer-Städten noch Concerte geben zu können, so wollen wir die Reise dahin für jetzt aufgeben und uns gleich in einer schönen Gegend des Berner Oberlandes zur Ruhe begeben, deren Dorette zu völliger Wiederherstellung ihrer Gesundheit so dringend bedarf. Unsere hiesigen Bekannten empfahlen uns dazu ein Dorf in der Nähe von Thun. Wir machten gestern in Eduard's Eduard Henke, wie erwähnt, der jüngste Bruder meiner Mutter, damals Professor an der Universität Bern; später zu Halle. Gesellschaft eine Fahrt dahin und fanden Alles unseren Wünschen so angemessen, daß wir schon übermorgen ganz hinziehen werden. Das Dorf heißt Thierachern und liegt auf dem schönsten Punkte der Erde, den wir bis jetzt sahen. Wir mietheten im Wirthshause zwei Zimmer und werden, vermöge eines mit dem Wirthe abgeschlossenen Contraktes, für diese, eine Remise für unseren Wagen, sowie für Frühstück und Mittagsessen zusammen wöchentlich zwei Karolinen bezahlen. Wir Alle sind voller Sehnsucht nach diesem Paradiese und freuen uns auf die dortige ländliche Ruhe. Ich denke sie hauptsächlich dazu zu benutzen, um mir neue Violin-Compositionen mit recht einfacher, leichter Begleitung für Italien zu schreiben, weil dort die Orchester nach allen Nachrichten noch schlechter sein sollen, als die der Provinzial-Städte Frankreichs. Eduard hat versprochen, uns oft zu besuchen und dann mit uns Partien in die himmlische Umgegend zu machen.

Bern, die schönste der Schweizer-Städte von allen, die wir bisher sahen, liegt auf einer mäßigen Anhöhe, im Mittelpunkt eines länglichen, engen Thales. Die Aar, ein reißender, klarer Gebirgsstrom, umfließt sie auf drei Seiten. Die Berge, die sie umgeben, sind nicht so hoch, um die Aussicht von der Stadt nach den Alpen zu verdecken. Besonders ausgedehnt und hinreißend schön ist diese von der Plateform, einem geräumigen, viereckigen, mit Kastanien und Ruhebänken besetzten Platze neben der Hauptkirche. Sowie man sich auf die Mauer lehnt, die ihn auf der Südseite einfaßt, erblickt man tief unter sich zwischen Felsen die schäumende Aar, über ihr im Mittelgrunde lachende Wiesen, mit Gebüsch bewachsene Anhöhen und reiche mit Obstbäumen umgebene Dörfer, und im Hintergründe die majestätische Alpenlette mit ihren ewig beschneieten Gipfeln! Die Berner sind aber auch nicht wenig stolz aus diesen Platz und es ist gewöhnlich ihre erste Frage an die Fremden: »Waren Sie schon auf der Plateform?«

Die Häuser der Stadt sind sämmtlich massiv gebaut und haben nach der Straße offene Bogengänge, unter denen man die ganze Stadt trockenen Fußes durchwandern kann. Unter diesen Bogengängen befinden sich die Gewölbe der Kaufleute und Handwerker.

 

Thierachern, den 26. April.

Seit drei Tagen sind wir hier in unserem herrlichen Dörfchen und genießen so recht in vollen Zügen die ersten Frühlingstage in dieser über alle Beschreibung reizenden Gegend. An Arbeit wird noch nicht gedacht, denn schon am frühen Morgen drängt es uns in's Freie. Wir haben bereits wohl eine Meile im Umfange unser Dörfchen umkreist und immer neue Schönheiten entdeckt. Als Führer dient uns eine Spezialkarte der Schweiz, die ich in Bern kaufte und auf welcher sich alles Merkwürdige aufgezeichnet findet. Die Lage unserer Wohnung ist über alle Begriffe schön; sie liegt auf einer Anhöhe, von der man die Gegend nach allen Seiten überblicken kann. Unsere Zimmer führen auf einen langen offenen Altan, der die ganze Breite des Hauses einnimmt und vom Hauptdache überdeckt ist. Man nennt hier diese offenen Gänge, die sich fast an allen Häusern befinden, Lauben. Auf dieser Laube, wo wir bei den bisherigen schönen Tagen jeden Morgen unser Frühstück einnahmen, haben wir die ausgedehnteste Aussicht über Wiesen und Gebüsch nach Thun und seinem alterthümlichen Schlosse; dann rechts über den See bis zur Alpenkette mit den weißen Spitzen der Jungfrau, des Eiger und Schreckhorn. Noch weiter rechts grün bebuschte Anhöhen mit von Fruchtbäumen umgebenen Dörfern, und dahinter die furchtbare Felsenkette vom Niesen bis zum Stockhorn. Und fast jeden Tag bieten diese Gebirge neue von den früheren verschiedene Ansichten dar. Bald sind die vorderen Berge mit einer schweren Wolkenmasse bedeckt und die Hinteren schauen in einer Höhe, wo man sich gar nichts Festes mehr denken kann, majestätisch darüber her; bald stehen die vorderen in Klarheit da, und nur die höchsten Spitzen sind in Wolken eingehüllt. Ganz entzückend ist aber der Anblick dieser mit Schnee bedeckten Berge am Abende, kurz nach Untergang der Sonne. Wenn das Thal schon ganz in Dunkel gehüllt ist und die Lichter von Thun über den See herüberschimmern, glänzen sie noch immer im schönsten Rosenlichte, das sich, wenn die Dunkelheit zunimmt, in eben so schönes Blau verwandelt. Es ist ein Anblick, von dem man sich gar nicht losreißen kann!

 

Den 16. Mai.

Wir haben nun angefangen, unsere Zeit zwischen Vergnügen und Arbeit zu theilen. Vormittags, während ich componire, gibt Dorette den Kindern Unterricht im Rechnen, Schreiben, Geographie u. s. w.; Nachmittags unterrichte ich dieselben im Clavierspiel und Gesange. Dann geht es rasch hinaus in's Freie. Erlaubt das Wetter einen weiten Ausflug, so nehmen wir unser frugales Abendessen in irgend einem Dorfwirthshause oder bei einem Küher (so nennt man hier die Hirten) ein und kehren erst spät am Abende zurück. Ist das Wetter nicht zuverlässig, so gehen wir, mit Schirmen bewaffnet, wenigstens bis Thun, erkundigen uns auf der Post nach Briefen aus der Heimath, holen uns für Regentage Unterhaltung aus der Leihbibliothek und kaufen unsere kleinen Bedürfnisse ein. Die tägliche Bewegung in der herrlichen, reinen, balsamischen Luft stärkt unseren Körper, erheitert unseren Geist und macht uns froh und glücklich. In solcher Stimmung arbeitet es sich auch leicht und schnell, und schon liegen mehrere Arbeiten vollendet vor mir, nämlich ein Violinconcert in Form einer Gesangs-Scene und ein Duett für zwei Violinen.

Einer musikalischen Naturmerkwürdigkeit, die wir auf unseren Spaziergängen bemerkten, muß ich doch erwähnen. Es gibt hier Kukucke, die nicht wie die unserigen ihren Namen in einem Terzenfall absingen, sondern noch ein drittes »kuk« dazwischen flicken und sich folgendermaßen vernehmen lassen:

Ob dies eine von der unserigen verschiedene Art ist, habe ich nicht erfahren können, wohl aber, daß es jedes Jahr hier solcher Kukuckuke gibt.

Noch etwas anderes, was mich als Musiker noch mehr interessirt, habe ich hier wahrgenommen. Der Knecht aus unserem Hause und einige Mägde aus der Nachbarschaft, die jeden Sonntag Abend vor unserm Fenster ihre Sing-Akademie halten, intoniren in ihren Liedern ganz so, wie ein Blechinstrument die Töne gibt, wenn die stopfende Hand nicht nachhilft, nämlich die Terze ein wenig zu hoch, die Quarte noch höher und die kleine Septime bedeutend zu tief. Es ergibt sich daraus, daß diese Intonation dem menschlichen Ohr natürlich ist, wenn es nicht von Jugend auf an das temperirte Tonsystem gewöhnt ist. Diesen Natursängern würde unsere Tonleiter eben so falsch klingen, wie uns die ihrige. Es ist aber doch höchst merkwürdig und fast beunruhigend, daß wir von der uns von der Natur gegebenen Tonleiter abweichen mußten, um unseren jetzigen Reichthum der Harmonie zu gewinnen. Denn ohne unser temperirtes Tonsystem würden wir auf die nächsten Tonarten beschränkt sein und den enharmonischen Verwechselungen (dem haut goût der modernen Harmonie) ganz entsagen müssen. Und doch scheint sich mir die Musik, durch dies Abweichen von der Natur, erst zur eigentlichen Kunst zu erheben, während alle anderen Künste sich begnügen müssen, die Natur zu kopiren, und selbst dann, wenn sie idealisiren, der Natur doch alles Einzelne nachbilden müssen. Die Lieder dieser Natursänger haben manches Eigenthümliche, und wenn ich erst den hiesigen Dialekt, der viel Aehnlichkeit mit dem Allemannischen hat, besser verstehen lerne, werde ich versuchen, einige davon aufzuschreiben.

 

Den 4. Juni.

Gestern sind wir von dem ersten größeren Ausfluge, auf dem wir, von schönem Wetter begünstigt, recht viel Genuß hatten, vergnügt zurückgekehrt. Wir waren in Kandersteg, einem hoch im Gebirge gelegenen kleinen Dorfe, sieben bis acht Stunden von hier entfernt. Ich hatte dazu unseres Wirthes einspänniges Rietwägeli gemiethet und machte selbst den Kutscher. Die Karte war wieder unser Führer. Unser Weg ging zuerst am rechten Ufer des Thuner See's entlang bis Spiez. Hinter Gwatt überschritten wir die Kander auf einer überbauten hölzernen Brücke, die sich hoch und kühn über den breiten und reißenden Strom in einem einzigen Bogen höchst kunstreich wölbt. Man hat vor etwa hundert Jahren die Kander in den See geleitet und dadurch das schöne Thal von Glütsch bis Thierachern, welches wegen der Ueberschwemmungen in jedem Frühjahre wüst und unbebaut lag, in herrliche Wiesen und fruchtbare Felder umgestaltet. Es war dies aber eine Riesen-Arbeit, da man einen hohen Berg durchstechen mußte. Von der Mitte der Brücke sieht man aus schwindelnder Höhe hinab auf die über Felsen schäumende Kander und zugleich an thurmhohen Ufern hinauf. Von Spiez dreht sich der Weg rechts um den majestätischen Niesen und führt durch ein fruchtbares und reich angebautes Thal nach Frutigen, einem lebhaften Flecken. Hier öffnet sich ein zweites Thal, aus welchem die Kander hervorbricht. In diesem düsteren, furchtbaren Felsenthale, das oft kaum breit genug für das Bett des Flusses und den Weg ist, beginnt nun das Steigen. Auf beiden Seiten himmelanstrebende Felsen, die an vielen Stellen so über den Weg hängen, daß es ganz finster und schaurig wird. Dazu das Gebrause der über Felsen herabrauschenden Kander und der vielen Wasserfälle, die sich auf beiden Seiten des Thales oft von einer Höhe von mehr als hundert Fuß herabstürzen. Sobald wir nach und nach höher kamen, kehrten wir auch immer mehr in den Frühling zurück. Die Kirschbäume, die bei Thierachern schon vor vier Wochen blühten, standen jetzt hier in der ersten Blüthe. Weiter hinauf hörten aber alle Fruchtbäume auf, und nachdem wir den letzten steilen Berg vor Kandersteg überschritten hatten, sahen wir nur noch verkümmerte Tannen. Das Dorf, aus kleinen, hölzernen Hütten bestehend, die, ohne von Gärten und Bäumen umgeben zu sein, weit von einander zwischen den Felsenblöcken liegen, gewährt einen traurigen Anblick. Der Schnee, der hier neun Monate liegt, war kaum geschmolzen, und die Wiesen, auf welchen mageres Vieh nach Futter suchte, hatten noch die traurig-gelbe Farbe des Winters. Auf allen den himmelanstrebenden Felsen, die das Thal von Kandersteg umgeben, lag noch hoher Schnee, aus welchem unzählige kleine Bäche hervorquollen und schäumend herabstürzten. Von hier aus steigt der Weg nur noch drei Stunden bis zur Gemmi und führt dann steil hinab zum Leuker Bad, dessen heiße Quellen im Spätsommer sehr besucht sind. Da in Kandersteg die Fahrstraße aufhört, so müssen sich die Badegäste, die nicht gut zu Fuß sind, von Trägern oder auf Maulthieren hinüberschaffen lassen, und mit diesem mühevollen Geschäft ernähren sich auf kümmerliche Weise die meisten Bewohner des Dörfchens.

Wir übernachteten in Kandersteg und kehrten am folgenden Tage zurück. Eine angenehme Empfindung war es, so nach und nach aus dem Winter wieder in den Frühling und Sommer zurückzukehren.

 

Den 1. Juli.

Vor einigen Tagen habe ich fünf neue Werke zum Stich an Herrn Peters in Leipzig geschickt. Es sind zwei Sammlungen Lieder, drei Duetten für zwei Violinen, das siebente Violin-Concert und eine große Polonaise für Violine mit Orchester, 37. – 41. Werk. Die Duetten und ein Lied sind neu; die anderen Lieder, die ich schon im vorigen Sommer in Carolath schrieb, habe ich zum Theil umgearbeitet und die Polonaise neu instrumentirt.

Nach reiflicher Ueberlegung haben wir beschlossen, die Reise in Italien ohne unseren Wagen zu machen, da man dort ohnehin am wohlfeilsten und sichersten mit einem Vetturino fährt. Die nächste Veranlassung zu diesem Entschlusse war die Besorgniß, daß die erneuete Anstrengung auf dem nervenangreifenden Instrumente die Gesundheit meiner guten Dorette von neuem zerrütten konnte und ihr und uns dadurch der langersehnte Genuß der herrlichen Reise verbittert werden würde. Da wir also die Harfe und einen Theil unseres Gepäckes bis zu unserer Wiederkehr in Verwahrung bei unserem Wirthe zurücklassen werden, so bedürfen wir auch des Wagens nicht und ersparen zugleich den weiten Umweg auf der Fahrstraße bis zum Genfer See und durch die ganze Länge des Wallis-Thales. Damit Dorette aber als Künstlerin nicht ganz in Unthätigkeit versinke, werde ich mehreres für Violine und Pianoforte theils neu schreiben, theils aus älteren Sachen arrangiren, was wir dann in Italien, wo es sogar an einem guten Quartett-Accompagnement fehlen soll, sowohl in Privatzirkeln wie auch öffentlich vortragen können. Als Vorbereitungen zur nächsten Winterreise kann ich auch noch einer Verbesserung an meiner neu erworbenen Geige erwähnen. Durch vielfältige Versuche mit Stimme und Steg habe ich es endlich dahin gebracht, daß sie aus der Quinte, wo sie bisher hart und spröde war, nun eben so zart anspricht, wie auf den anderen Saiten. Diese Veränderung des Instrumentes ist nicht ohne Einfluß auf den Styl der neuen Violin-Compositionen, sowie auf meine Vortragsweise geblieben! So gewiß ist es, daß das Instrument auf die Methode des Spielers in gleicher Weise Einfluß übt, wie die Stimme auf die des Sängers. Indem man sich bemüht, dir Schwäche des Instrumentes zu verdecken und seine Vorzüge hervorzuheben, wird man vorzugsweise das ausführen, was das Instrument am leichtesten hergibt, und so wird sich die ganze Spielweise nach und nach der Eigentümlichkeit des Instrumentes unterordnen und anpassen. Man kann daher aus den Compositionen eines Virtuosen nicht blos die Eigenheiten seines Spieles, sondern auch die seines Instrumentes erkennen.

 

Den 1. August.

Wir haben wieder einige weitere Excursionen in die Umgegend gemacht. Zuerst waren wir vor vierzehn Tagen in Bern, um beim Professor Jahn, der uns in Gesellschaft seiner Frau und Eduard's einigemal hier besucht hat, den erbetenen Gegenbesuch zu machen. Wir verlebten einen höchst vergnügten Tag mit unseren Berner Freunden. Schon seit einem Monat hofften wir auf beständiges Wetter, um einen Ausflug über den See zu machen; bei der naßkalten Witterung dieses Sommers gab es aber bisher nicht drei völlig helle Tage hinter einander. Endlich schien es sich bessern zu wollen! Die Berge, die wir seit langer Zeit nicht mehr ganz unverhüllt gesehen hatten, traten am Freitag Abend in majestätischer Klarheit hervor. Am Sonnabend blieb der Horizont völlig klar. Da nun auch der hohe Stand des Barometers auf dauernd gutes Wetter schließen ließ, so wurde beschlossen, am folgenden Morgen früh die Reise anzutreten. Ein heiterer Himmel erfüllte uns beim Erwachen mit den schönsten Erwartungen, und unter dem Jubel der Kinder bestiegen wir unser Rietwägeli. In Thun miethete ich bis Neuhaus ein Extraschiff, welches uns über die ganze Länge des Sees führte. Diese Fahrt an dem schönen, stillen Sonntagsmorgen, gewährte unendlichen Genuß. So auf dem grünen durchsichtigen Wasserspiegel dahin zu schweben, an den üppig bewachsenen Ufern entlang, im Hintergrunde die majestätische Alpenkette, deren beschneiete Gipfel in unergründlicher Tiefe des See's erzitterten, das feierliche Geläute der Glocken, die zum Gottesdienste riefen, alles war entzückend und stimmte uns zur reinsten Freude. In Neuhaus, wo wir nach einer dreistündigen Fahrt landeten, nahm uns sogleich einer der dort haltenden Miethkutscher in Beschlag. Wir ließen uns von ihm nach Lauterbrunn fahren. Der Weg führt über das kleine, ärmliche Städtchen Untersee, um einen vorspringenden Berg in ein tiefes Thal, dem von Frutigen nach Kandersteg ähnlich, doch nicht völlig so wild und öde. Fast am Ende dieses Thales, nachdem es sich nach und nach ziemlich hoch erhoben hat, liegt Lauterbrunn. Sobald wir uns um die letzte vorspringende Felsenwand herumgebogen hatten, lag der Staubbach in seiner ganzen Herrlichkeit vor uns. Das Wasser stürzt von einer ungeheuren Höhe an einer senkrechten Felsenwand herab und zerstiebt so ganz in Staub, daß man eher eine Masse feinen Schuttes, als Wasser zu sehen glaubt. Die Umgebung dieses Naturwunders ist seiner würdig. Im Hintergrunde des Thales Felsenwände, über die ebenfalls kleine Wasserbäche herabstürzen; über ihnen ein grünlicher Gletscher und neben diesem lang hingestreckt die Wengern Alp, über welche die Jungfrau majestätisch herüberragt. Wir waren so glücklich dies ganze, herrliche, erhabene Bild bei unserer Ankunft noch bei heiterem Wetter überschauen zu können. Bald nachher trübte sich aber zu unserem Leidwesen der Himmel, und schon während wir im Wirthshause unser Mittagsessen einnahmen, fiel Hagel und Regen in Strömen herab. Gegen Abend klärte es sich wieder etwas auf. Wir beeilten uns daher, einen Spaziergang durch's Dorf nach dem Wasserfalle zu machen, fanden aber, daß unser früherer Standpunkt zur Seite günstiger war, als der dicht vor ihm. Lästig war uns das viele Betteln unter allerlei Vorwand. Der Eine bot kleine Erz- und Quarzstücke, der Andere Krystalle zum Verkauf an. Zwei erwachsene Mädchen hatten sich an den Weg gestellt und heulten ein Duett, wofür sie ein Geschenk in Anspruch nahmen. Bald trieb uns der wieder beginnende Regen in's Wirthshaus zurück, aus dessen Fenstern wir den Wasserfall noch in einer dritten Ansicht genossen.

 

Den 12. August.

Soeben kehren wir von Freiburg zurück, wo wir dem Schweizer Musikfeste beiwohnten. Herr Nägeli, der Präsident der Schweizer Musik-Gesellschaft, lud uns schon in Zürich dazu ein und trug mir die Direktion desselben an, die ich auch gern acceptirte. Er hatte aber damals nicht bedacht, daß die Statuten der Gesellschaft ausdrücklich verbieten, daß ein Fremder und Nicht-Mitglied des Vereins die Direktion führe. Wir erhielten daher von dem Kapellmeister der Gesellschaft (das ist hier in der Schweiz nicht Der, der die Musik leitet, sondern Der, welcher die Correspondenz führt, die Logis besorgt, die Orchester-Erhöhung aufschlagen und die Eintrittskarten drucken läßt) zwar eine freundliche Einladung, dem Feste beizuwohnen, von der Direktion war aber nicht die Rede. Statt dessen bat er mich, bei der Violine mitzuwirken. Da ich aber auf mündliche und schriftliche Anfragen, ob ich das diesjährige Musikfest dirigiren werde, immer mit Ja geantwortet und dies sich weiter verbreitet hatte, so konnte ich nun nicht gut eine untergeordnete Rolle bei dem Feste übernehmen. Ich lehnte daher die Mitwirkung ab, schrieb aber, daß wir als Zuhörer dem Feste beiwohnen würden. Am 6. fuhren wir auf unserem Rietwägeli bei hellem, freundlichen Wetter hinüber. Bei unserer Ankunft in Freiburg wurden wir, obgleich ich die Mitwirkung abgelehnt hatte, doch ebenso wie die Mitglieder der Gesellschaft in einem Privathause einlogirt und fanden dort Eintrittskarten zu allen Proben und Aufführungen sowie zu einem bal paré, auch Textbücher zur »Schöpfung«, französisch und deutsch, und für mich eine Einladung zu den Sitzungen der Gesellschaft ... Da das Wetter sehr schön war, so beschlossen wir mit den Kindern einen Spaziergang nach der berühmten Eremitage zu machen, die eine Stunde von Freiburg entfernt in einem engen, wilden Felsenthale an der Saane liegt. Es war dies die Wohnung eines frommen Klausners, die er sich vor vielen Jahren in dieser einsamen Gegend in den Sandstein-Felsen gehauen hatte. Sie besteht jetzt, nachdem sie sein Sohn und Nachfolger erweitert hat, aus einer Kapelle mit einem Glockenthurme, der 86 Fuß hoch durch den Felsen gehauen ist, fünf oder sechs Zimmern, einer Küche mit einem Rauchfang, der dieselbe Höhe, wie der Thurm hat und mehreren Verbindungsgängen. Sämmtliche Räume in recht gefälligen, architektonischen Verhältnissen sind durch Aushöhlen des kolossalen, senkrechten Felsens gewonnen und haben nirgends, selbst nicht in den Fensteröffnungen, Stützen von Mauerwerk. Man muß nicht nur die enorme Geduld und Ausdauer der beiden Erbauer, sondern auch ihre Geschicklichkeit und ihren Sinn für schöne Verhältnisse bewundern.

Die Kapelle ist noch jetzt recht hübsch verziert, und in dem Thurme ertönen noch zuweilen die Glocken, um die Frommen der Umgegend zur Messe zu rufen. Die übrigen Räume hat sich nach dem Tode des letzten Klausners eine arme Bauernfamilie zugeeignet, welche in ihnen zu allen Jahreszeiten eine gesunde und bequeme Wohnung besitzt.

Wir aßen in einem nah gelegenen Wirthshause zu Mittag und kehrten gegen Abend zur Stadt zurück. Hier erfuhren wir, daß während unserer Abwesenheit eine Deputation der Musikgesellschaft in unserer Wohnung war, um mir anzukündigen, daß ich am anderen Morgen in der zweiten Sitzung zum Ehrenmitglied aufgenommen werden würde. Zugleich hatten die Herren nochmals gebeten, daß ich bei der Violine vorspielen wolle. Ich war froh, daß meine Abwesenheit mich der Unannehmlichkeit überhoben hatte, abschlägig antworten zu müssen. Um nicht von neuem bestürmt zu werden, schlich ich mich heimlich in die Kirche und hörte, hinter einem Pfeiler versteckt, der Probe zu. Es ging sehr schlecht und ich freute mich daher, nicht dabei zu sein. Schon nach der ersten Abtheilung mußte ich mich, um nicht gesehen zu werden, entfernen.

Als ich am anderen Morgen in der Sitzung erschien, wurde ich mit Beifall empfangen. Der Präsident kündigte mir an, daß die Anwesenden mich einstimmig zum Ehrenmitgliede ihrer Gesellschaft ernannt hätten, fügte manches Schmeichelhafte für mich hinzu und erwähnte auch auf ehrende Art unserer Musikfeste in Frankenhausen. Ich dankte ihm und der Gesellschaft mit einigen Worten und nahm dann den mir angewiesenen Platz ein. Man war eben in der Wahl des Präsidenten und der übrigen Beamten für nächstes Jahr begriffen und bestimmte dann nach einigen Debatten Zürich zum Versammlungsort der nächsten Zusammenkunft.

Nachmittags drei Uhr fand die Aufführung der »Schöpfung« statt. Das Lokal war für die Wirkung der Musik überaus günstig, auch das Orchester sehr gut aufgestellt, doch leider auf der, der Orgel entgegengesetzten Seite, so daß diese nicht benutzt werden konnte. Das mitwirkende Personal, das bei früheren Zusammenkünften aus mindestens dreihundertfünfzig Personen zusammengesetzt war, zählte diesmal kaum zweihundert, und da die größere Hälfte den Chor bildete, so war das Orchester, namentlich bei den Chören, viel zu schwach, so daß man es öfter gar nicht hörte. Da es überdies auch recht schlecht war, so gingen besonders das Chaos und die accompagnirten Recitative höchst erbärmlich. Die Geiger intonirten unerträglich falsch und die Bläser, besonders die Hörner und Trompeten, brachten zuweilen Töne hervor, die allgemeines Gelächter erregten. Tollmann dirigirte mit Festigkeit und Umsicht, nahm aber leider viele Tempi total falsch, fast alle Arien zu langsam und die Chöre zu schnell. Am meisten vergriff er die Stelle nach dem Chaos: »Und der Geist Gottes u. s. w.«, die er völlig wie ein Allegro nahm. Der Chor war gut eingeübt und sang kräftig und rein. Er bestand ausschließlich aus Deutsch-Singenden. Unter den Solosängern waren aber zwei aus der französischen Schweiz, die in ihrer Muttersprache sangen, was sich komisch genug ausnahm, besonders im Duett, zwischen Adam und Eva, wo Letztere die Zärtlichkeiten ihres deutschen Adams französisch erwiederte. Den Zuhörern aus Freiburg fiel dies aber gar nicht auf, da in ihrer Stadt sich die Grenzscheide beider Sprachen befindet, und auf der einen Seite der Saane französisch, auf der andern deutsch gepredigt wird. Sämmtliche Einwohner verstehen und sprechen daher auch beide Sprachen. – Die Eva wurde von Madame Segni aus Lausanne gesungen, die eine sehr schöne Stimme besitzt, leider aber auch die für ein deutsches Ohr so unerträgliche Vortragsweise. Unter den deutschen Sängern waren auch einige gute Stimmen. Das zahlreich versammelte Publikum nahm die Musik ziemlich lau auf, und es war von dem Enthusiasmus, der uns in Frankenhausen so belebte, hier keine Spur zu erblicken.

Am neunten war Probe zum Concert. Da man es früher in einem kleineren Saale hatte geben wollen, diesen aber für die anwesenden Zuhörer unzureichend fand, so fehlte es nun an ausgeschriebenen Stimmen für das ganze Orchester. Es war daher bedeutend schwächer besetzt, als Tags zuvor, und man hörte die Unreinheit und die Stümperhaftigkeit desselben noch viel mehr. Wie konnte es bei einem ganz aus Dilettanten und besonders Schweizer-Dilettanten zusammengesetzten Orchester aber auch anders sein? Die leichtesten Sätze mußten sechs bis acht mal wiederholt werden, bevor sie nur leidlich gingen. Ich bewunderte fortwährend die unermüdliche Geduld des guten Tollmann, der aber auch, man muß es gestehen, ganz zum Direktor eines Schweizer Dilettanten-Orchesters geboren ist. – Um drei Uhr begann das merkwürdige Concert sogleich auf eine ohrzerreißende Weise mit der Ouvertüre aus »Iphigenie von Gluck.« Die Trompeten stimmten einen Viertelton zu hoch und wurden demungeachtet zu dem mageren Orchester aus Leibeskräften geblasen. Hätte die Ouvertüre noch etwas länger gedauert, so wäre jetzt schon ein großer Theil der Zuhörer zur Kirche hinausgelaufen. Nun folgte eine lange Reihe von Dilettanten, theils Sänger, theils Instrumentalisten mit ihren Solo-Vorträgen. Einige darunter waren recht gut, namentlich zeichnete sich ein Herr aus Yverdun aus, der ein Harfen-Concert von Bochsa mit Fertigkeit und Geschmack vortrug. Auch Madame Segni, die Eva des vorigen Tages, sang diesmal, und zwar italienisch, recht gut. Ein Herr, dessen Namen ich eben so wenig weiß, wie die der übrigen Auftretenden, weil kein Programm ausgegeben wurde, blies auf einer Clarinette, die in Ton und Gestalt dem Bassethorn ähnlich ist, Variationen mit schönem Ton und vieler Fertigkeit. Im zweiten Theile des Concertes, den wir nicht abwarteten, da wir schon jetzt bis zum Ekel übersättigt waren, sollen sich noch ein Prediger aus Luzern in einem Flöten-Concert und der gute Tollmann in einem Violin-Rondo ausgezeichnet haben. Leider wußten wir nicht, daß Letzterer spielen würde, sonst hätten wir doch das Ende abgewartet. Dies waren also die Produktionen des in Deutschland so berühmten Schweizer-Musikvereins. Kapellmeister Conradin Kreutzer aus Stuttgart und seine Frau, eine Züricherin, deren Bekanntschaft wir hier gemacht hatten, saßen bei den Aufführungen neben uns, und es war uns angenehm, mit ihnen unsere Urtheile über das Gehörte austauschen zu können. Doch mußten wir dabei sehr über unsere Mienen wachen; denn wir wurden fortwährend von den Umsitzenden beobachtet, die den Eindruck, den ihre Musik auf uns mache, in unseren Zügen lesen wollten. Wurden wir nun um unser Urtheil befragt, was nicht selten und immer mit hervortretendem Nationalstolze geschah, so hielten wir uns vorsichtig in der Mitte zwischen Wahrheit und Schmeichelei, und kamen so, ohne Anstoß zu geben, glücklich durch.

Kreutzer vertraute mir, daß er nicht nach Stuttgart zurückkehren werde, weil ihm die dortige Despotie völlig unerträglich geworden sei. In gleicher Lage befänden sich dort meine früheren Bekannten aus Wien, Romberg und Kraft; auch sie sehnten sich weg und bewürben sich um andere Anstellungen. – Mit Kreutzer und seiner Frau verlebten wir die meiste Zeit unseres Aufenthaltes in Freiburg. Wir aßen Mittags und Abends zusammen und machten bei dem fortwährend schönen Wetter häufige Spaziergänge in die reizende Umgegend. Zwar hatte die Gesellschaft auch einen Vereinigungspunkt im Schützenhause, wo die meisten Mitglieder aßen; da aber die Frauenzimmer ausgeschlossen waren, weil die Gesellschaft unverheirathete geistliche Herren unter sich hatte, so besuchten wir diesen Ort nicht ein einziges mal. Es soll dort aber auch ganz an der Geselligkeit und Heiterkeit gefehlt haben, die unsere Frankenhäuser Mahlzeiten so sehr würzten. – Der Ball, der am 8. in demselben Lokale stattfand, hatte auch nichts Anziehendes für uns, da wir sämmtlich nicht tanzten. Wir saßen unterdessen traulich zusammen beim Theetisch und unterhielten uns über früher Erlebtes. Kreutzer war eigentlich nur in der Absicht gekommen, um zum Schluß des Musikfestes ein Concert für seine Rechnung zu geben, da man ihm in Zürich gesagt hatte, die Gesellschaft werde in diesem Jahre nur eine Aufführung veranstalten. Er schien bei mir eine gleiche Absicht vorauszusetzen, denn er schlug mir vor, gemeinsame Sache zu machen. Ich hatte aber nicht daran gedacht, hier zu concertiren und nicht einmal meine Geige mitgebracht. Aber auch sein Concert kam nicht zu Stande, da die Gesellschaft selbst ein zweites gab, und so hatten wir keine Gelegenheit, das Spiel und die Compositionen dieses berühmten Künstlers zu hören.

Am 10. früh reis'ten wir ab, brachten den Nachmittag und Abend sehr vergnügt in Bern in Eduard's und Jahn's Gesellschaft zu und kehrten am 11. Vormittags hierher zurück.

Reise nach Mailand.

In Eduard's Gesellschaft, der seine Ferien zu einem kleinen Ausfluge nach Ober-Italien benutzen will, traten wir Sonntags den 2. September unsere Reise an. Um ein Uhr kamen wir nach Kandersteg, wo ich sogleich vier Pferde mit eben so viel Führern nahm, um uns über die Gemmi zu bringen. Auf dreien ritten Dorette, Emilie und Ida, das vierte trug unser Gepäck. Eduard und ich zogen es vor, zu Fuß zu gehen. Eine Viertelstunde diesseits Kandersteg beginnt das Steigen und dauert ununterbrochen ziemlich steil wohl drittehalb Stunden. Dann führt der Weg um das Gemmihorn eine Strecke gerade aus, bis er sich eine Viertelstunde von Schwaribach von neuem erhebt. – Das Wetter war bisher recht freundlich gewesen; hier aber erreichte uns ein Hagelschauer, der sich bald in Regen auflöste und uns tüchtig durchnäßte. Da es überdies schon ziemlich spät war und wir die größere und beschwerlichere Hälfte des Weges noch vor uns hatten, so beredeten uns die Führer leicht, in Schwaribach zu übernachten. Dies ist freilich nur ein rohes Blockhaus und hat mit den Hotels in den Thälern der Schweiz nichts gemein, als daß man hier so gut wie dort übertheuert wird. Da uns jedoch eins der beiden bewohnbaren Zimmer allein eingeräumt wurde, und wir darin außer einer reinlichen Streu für uns Männer ein großes Bett für Dorette und die Kinder fanden, so verbrachten wir doch die Nacht ganz erträglich. Etwas schauerlich war uns freilich zu Muthe, als wir uns vor dem Einschlafen erinnerten, daß die Mordgeschichte in Werner's »Vierundzwanzigstem Februar« hier vor sich geht.

In der Nacht war Schnee gefallen und es war daher bei unserem Aufbruch am anderen Morgen bitter kalt. Ich schickte deshalb drei Pferde zurück und ließ Dorette und die Kinder ebenfalls zu Fuß gehen, da ohnehin das Hinabsteigen in das Leuker Bad nicht zu Pferde geschehen kann. Bei Schwaribach hört alle Vegetation auf, und selbst die schöne Alpenrose wird nicht mehr gefunden. Der Weg erhebt sich bis zum Daubensee nochmals sehr steil, führt dann an diesem, der zur Hälfte mit Eis bedeckt war, eine halbe Stunde lang durch ein ödes Thal hin, in welchem Grabesstille herrschte, zur letzten Steigung, die, weil sie über Schnee- und Eisfelder führte, die beschwerlichste von allen war. Oben angekommen war uns leider nur ein einziger Blick in den sich zu unseren Füßen öffnenden Abgrund vergönnt; denn einige Minuten später umhüllte uns ein Nebel, der kaum einige Schritte weit sehen ließ. Wir mußten nun blindlings dem Packpferde und dessen Führer folgen und uns ganz aneinander schließen. Der Weg führte unerhört steil zwischen Felsenklüften, ja einigemale zwischen senkrechten Felsenwänden hinab, in die ein schmaler Pfad gesprengt ist. Da wo er sich wendet, hängt der Hals des Pferdes über dem Abgrunde, und der Führer muß es an einem an der Ladung befestigten Strick oder gar am Schwanze mit aller Kraft halten, damit es nicht das Uebergewicht bekomme und hinabstürze. Hier ist der Blick in die Tiefe, den uns der dichte Nebel verhüllte, so schwindelerregend, daß viele Kranke, die zum Leuker Bad wollen, nicht den Muth haben, hinunter zu steigen, und vorziehen, nachdem sie schon das Ziel ihrer Reise im Auge haben, noch einen ungeheueren Umweg von vielleicht zwanzig Meilen über Bern, Freiburg, Lausanne und durch das Wallisthal zu machen.

Nachdem wir länger als eine Stunde bergab gestiegen waren und noch keine andere Vegetation gefunden hatten, als dann und wann ein in Felsspalten aufblühendes Veilchen, kamen wir plötzlich in eine Region, wo der Nebel aufhörte und uns nun ein überraschender Blick tief unter uns auf das Leuker Bad vergönnt war. Hier rasteten wir einen Augenblick, um uns von der höchst ermüdenden Anstrengung des so steilen Hinabsteigens ein wenig zu erholen. Doch bedurfte es noch vieler solcher Ruhepunkte, ehe wir das Bad um elf Uhr erreichten. Die Kinder allein waren nicht ermüdet und uns immer voraus.

Während wir uns in dem großen und gut eingerichteten Wirthshause erquickten, ließ ich andere Pferde holen, und neubelebt setzten wir um zwei Uhr unsere Reise fort, Eduard und ich zu Fuß, Dorette und die Kinder reitend. Vorher besichtigten wir noch die Schwefelquelle, die vor dem Wirthshause kochend heiß aus der Erde quillt.

In Leuk war zur sofortigen Weiterreise durchaus kein Fuhrwerk aufzutreiben. Wir waren daher genöthigt, in dem schlechten Wirthshause, wohin uns unsere Führer gebracht hatten, zu übernachten. Dienstags früh, den 4., setzten wir mit zwei Einspännern unsere Reise bis Brieg fort, wo wir um Mittag ankamen. Das Wallisthal ist sehr schmal und wenig angebaut. Man sieht viele sumpfige Wiesen und nur wenige Mais- und Kartoffelfelder. In Brieg beginnt Napoleon's berühmte Simplonstraße, ein Riesenwerk, das nicht genug bewundert werden kann. Hier nahmen wir ein zweispänniges Fuhrwerk bis Domo d'Ossola. Die Straße ist in den Bergschluchten so künstlich hin und her geführt, daß sie sich nie mehr als fünf Zoll auf die Klafter erhebt, und daß schwer beladene Wagen ohne zu hemmen hinabfahren können. Besonders merkwürdig sind mehrere kolossale Brücken, die über tiefe Thäler und Felsenklüfte führen, so wie die Strecken des Weges, die durch den Felsen gesprengt sind und unterirdischen Gallerien gleichen. Einige davon sind so lang, daß sie das von beiden Seiten einfallende Licht nicht vollständig zu erleuchten vermag. Alle Stunde findet man ein Haus, in welches man sich bei plötzlich eintretendem ungestümen Wetter flüchten kann. Im dritten dieser Häuser ist die Post, im sechsten das Zollhaus, wo wir einige Laubthaler für Wegegeld bezahlen mußten. So ansehnlich diese Abgabe auch ist, so reicht sie doch nicht aus, um die Straße in gutem Stande zu erhalten, und man fürchtet, daß sie nach und nach verfallen werde. Was man schon jetzt im Auslande von diesem Verfall erzählt, ist jedoch ungegründet; denn wir fanden sie, einige von Lawinen weggerissene und noch nicht wieder hergestellte Barrieren abgerechnet, in gutem Zustande. Auf der höchsten Höhe hat man den Bau eines kolossalen Hauses begonnen, in dem viertausend Mann Truppen würden übernachten können, wenn es vollendet wäre. Der Bau ist aber seit Napoleons Sturz liegen geblieben und wird nun bald in Trümmer zerfallen. Weiter unten liegt das alte Hospiz, wo arme Reisende unentgeltlich verpflegt werden. Der Simplonpaß ist zwar nicht so hoch, wie der über die Gemmi, doch hört auch hier alle Vegetation auf, und selbst im Dorfe Simpeln, wo wir übernachteten, fanden wir es noch sehr winterlich.

Mittwoch der 5. September 1816 war der glückliche Tag, wo mein seit der frühesten Kindheit gehegter Wunsch, das Land zu sehen, »wo die Citronen blühen«, endlich in Erfüllung gehen sollte. Nachdem wir noch zwei Stunden bergab gefahren waren, kamen wir an die lombardische Grenze und fanden uns bald mitten in den Süden versetzt. Nun sahen wir Wälder von süßen Kastanien und in den Gärten Feigen, Mandeln und prächtige Festons von Weinreben, die von einem Baum zum andern gezogen waren und voll der herrlichsten Trauben hingen. Mit jedem Schritte bergab nahm die Wärme zu; anfangs wohlthuend, doch bald recht lästig. Um Mittag kamen wir nach Domo d'Ossola, einer kleinen, aber hübschen Stadt. Hier wurden wir im Hôtel des Capello verde zum erstenmale auf gut italienisch geprellt und an die Vorsicht gemahnt, mit dem Wirthe im voraus über den Preis für die Bewirthung übereinzukommen. Nachmittags fuhren wir noch bis Laveno, welches dicht am Ufer des herrlichen Lago maggiore, den berühmten Inseln gegenüber liegt. Hier hatten wir zwar den Preis für unser Nachtlager im voraus bedungen, mußten aber doch, wie wir später erfuhren, die Hälfte zu viel bezahlen. Am 6. früh besuchten wir die so oft und enthusiastisch geschilderten Borromäischen Inseln, Isola Madre und Isola bella. Es ging uns aber damit wie mit anderen von exaltirten Reisenden gepriesenen Orten, sie befriedigten unsere überspannten Erwartungen nicht. Am besten gefiel es uns noch auf Isola Madre, wo wir zum erstenmale die kräftige südliche Vegetation an uralten, majestätischen Lorbeer-, Citronen-, Pomeranzen- und Feigenbäumen, sowie an anderen südlichen Gewächsen bewundern konnten. Freilich müssen diese Gewächse hier noch, so gut wie bei uns, im Winter bedeckt werden, um sie gegen den Frost zu schützen; ihr Wuchs ist aber doch viel kräftiger und die Früchte sind viel saftiger und größer, als die unserer Gewächshäuser. Auf Isola bella befindet sich ein großer, nicht ganz vollendeter und jetzt schon im Verfall begriffener Palast, der einige schöne Säle und in diesen mehrere vorzügliche Gemälde enthält. Den übrigen Raum der Insel nimmt die berühmte Gartenanlage ein, die sich vom Ufer des See's in zehn Terrassen erhebt. Das Innere wird durch Mauerwerk gestützt, das sich von Terrasse zu Terrasse in immer höheren Bogen wölbt. Die Anlage ist kolossal, aber in schlechtem altfranzösischen Style. Besonders abstoßend und das Auge beleidigend sind die vielen schlechten Statuen auf den Gängen und an den Treppen. Die Terrassen sind mit Blumenbeeten und vielen noch südlicheren Gewächsen geschmückt, die in den Gewölben überwintert werden. Alles stand im herrlichsten Flor und hauchte uns unbekannte Wohlgerüche entgegen. Von der Höhe der Anlage hat man eine weite, entzückende Aussicht nach den jenseitigen Ufern des See's, nach Palanza, Intra, Laveno und den schön geformten Bergen, welche die Aussicht begrenzen. So weit das Auge reichte, war Alles mit dem reinsten und dunkelsten Blau überwölbt und so hell erleuchtet, daß man die entferntesten Gegenstände deutlich erkennen konnte. Dies und die milde balsamische Luft gaben uns hauptsächlich das Gefühl, ein südliches Klima betreten zu haben. Bevor wir die Insel verließen, führte uns der Gärtner noch zu einer historischen Merkwürdigkeit, zu dem Namenszuge Napoleon's, den dieser kurz vor der Schlacht von Marengo in einen Lorbeerbaum eingeschnitten hatte.

Dasselbe Boot, das uns zu den Inseln brachte, führte uns noch sechs Stunden weiter zu dem am Ende des See's gelegenen kleinen Städtchen Sesto Calende. Auf dieser Fahrt hatten wir noch manche herrliche Ansicht der reizenden Ufer. Besonders gut nahmen sich Belgirate, Arona und die kolossale Statue von St. Carlo Borromeo aus. In Sesto Calende fanden wir schon ganz den italienischen Schmutz und die einem deutschen Gaumen so widrige Oelkocherei. Am 7. machten wir dann mit einem Mailändischen Kutscher die letzte Tagereise bis Mailand durch flache, uninteressante Gegenden und kehrten in einer Pensione Suizzera ein, die uns wegen der deutschen Reinlichkeit empfohlen worden war.

 

Mailand, den 9. September.

Das Erste was wir gestern von Mailands Merkwürdigkeiten besahen, war der Dom. Dieses prächtige Gebäude, an welchem nun beinahe fünfhundert Jahre fast ununterbrochen gearbeitet wird und welches doch immer noch nicht vollendet ist, kommt im Style und der Architektur dem Straßburger Münster am nächsten, ist in der Form aber doch sehr verschieden von jenem. Es hat die Gestalt eines länglichen Kreuzes; da, wo die beiden Linien zusammenlaufen, steht der Hochaltar und über ihm wölbt sich eine majestätische Kuppel, auf welcher der zierliche Thurm in Form einer Pyramide erbaut ist, die auf ihrer Spitze eine kolossale bronzene Statue der h. Jungfrau trägt. Unzählige andere, gothisch durchbrochene und mit Nischen und Statuen verzierte Pyramiden ruhen theils auf den Pfeilern der äußeren Mauern, theils auf dem mit Marmorplatten belegten Dache und erheben sich immer mehr, je mehr sie sich dem Thurme nähern. Auf der Spitze einer jeden derselben prangt die Statue irgend eines Heiligen. Der ganze Bau vom Grunde an bis zur höchsten Spitze ist von weißem, polirten Marmor, welcher bei Baveno am Lago Maggiore gebrochen und auf dem Ticino-Kanal hierher gebracht wird. Während Napoleon's Regierung ist mit großem Eifer gearbeitet worden und nicht nur die Façade des Haupteinganges (die nur bis zur Höhe der Thür geführt war), sondern auch alle Pyramiden der äußeren Mauer vollendet worden. Auf den ersten Blick und von unten angesehen, scheint das Gebäude jetzt vollendet; steigt man aber auf das Dach und den Thurm, so sieht man, wie viel noch fehlt.

Die Pfeiler und Nischen sind im gothischen, die Thüren und Fenster im römischen Style, und die Statuen griechisch bekleidet. Alle Bildhauerarbeiten, deren es an kleinen und größeren Statuen, an Haut- und Bas-Reliefs, an Arabesken und anderen Verzierungen eine ungeheure Menge an diesem prachtvollen Bau gibt, sind von berühmten Meistern, und es scheint mir, daß die neuen Arbeiten die alten noch an Schönheit und Correktheit übertreffen.

Das Innere der Kirche ist wegen der gemalten Fenster etwas finster, aber deswegen und bei der imposanten Größe und Höhe nur um so mehr zur Erregung religiöser Gefühle geeignet. Unter den vielen, im Inneren der Kirche befindlichen Statuen wird die von Carl Borromeo am meisten geschätzt. Sie soll dadurch einen großen Kunstwerth besitzen, daß an ihr alle Muskeln, Sehnen, Adern und hervorstechenden Knochen zu sehen sind. Von der Gallerie des Thurmes hat man eine weite Aussicht, gegen Norden von den Schweizer-Alpen und gegen Süden von den Apenninen begrenzt ...

Abends besuchten wir das Theater della Scala, wo man » la statua di bronza«, eine Oper semiseria von Soliva, einem jungen Componisten, Eleven des hiesigen Conservatoriums, gab. Die Größe und Schönheit des Hauses überraschte uns bei unserem Eintritte. Es ist nach dem St. Carlo-Theater in Neapel das größte in Italien und hat ein großes Parterre und sechs Reihen Logen über einander, faßt aber doch nur, weil man sehr verschwenderisch mit dem Platze umgegangen ist, etwas über 3000 Menschen. Der Eintrittspreis ist auf allen Plätzen derselbe: nämlich zwei Lire di Milano. Das Orchester ist sehr stark besetzt, vierundzwanzig Violinen, acht Contrebässe, eben so viel Violoncell's, alle gewöhnlichen Blas-Instrumente, Posaunen, Baßhorn, türkische Musik u. s. w., und für das große Lokal dennoch kaum stark genug. Die Ausführung übertraf sehr meine Erwartung; sie war rein, kräftig, präcis und dabei sehr ruhig. Herr Rolla, ein durch seine Compositionen auch im Auslande bekannter Künstler, dirigirte bei der ersten Geige. Außer ihm ist weiter keine Leitung, weder am Piano, noch mit dem Taktirstabe, sondern blos noch ein Souffleur mit der Partitur, der den Sängern den Text soufflirt und den Choristen nötigenfalls den Takt gibt. Die Composition der Oper ist mehr im deutschen, als im italienischen Geschmacke, und man hörte sehr deutlich, daß der junge Componist sich mehr unsere deutschen Tonsetzer, besonders Mozart, zum Vorbilde genommen hat, als seine Landsleute. Die Orchesterpartie ist nicht so untergeordnet, wie gewöhnlich in italienischen Opern, sondern recht hervorstechend gearbeitet; zuweilen ist sie es sogar zu sehr und deckt den Gesang. Es ist daher zu verwundern, daß die Oper so sehr gefallen hat, indem man diesen Genre immer noch nicht sehr liebt. Freilich haben die gut gearbeiteten Ensemble-Stücke und Finale das Glück der Oper nicht gemacht, sondern einige kleine, unbedeutende Cantabile's, die von den Sängern gut vorgetragen wurden. Diese waren es auch heute allein, was mit Aufmerksamkeit angehört wurde. Während der kräftigen Ouvertüre, mehreren sehr ausdrucksvoll accompagnirten Recitativen und allen Ensemble-Stücken war ein Lärm, daß man kaum etwas von der Musik hörte. In den meisten Logen wurde in Karten gespielt und im ganzen Hause überlaut gesprochen. Es läßt sich für einen Fremden, der gern aufmerksam zuhören möchte, nichts Unausstehlicheres denken, als diesen infamen Lärm; indessen ist von solchen Leuten, die dieselbe Oper vielleicht dreißig bis vierzig mal sehen und die das Theater nur der Gesellschaft wegen besuchen, keine Aufmerksamkeit zu erwarten, und es ist schon viel, daß sie nur einige Nummern ruhig anhören. Zugleich kenne ich aber auch nichts Undankbareres, als für ein solches Publikum zu schreiben, und man erstaunt, daß sich gute Componisten noch dazu hergeben. Nach dem ersten Akte der Oper wurde ein großes, ernstes Ballet gegeben, welches durch Kunstfertigkeit mehrerer Tänzer und Tänzerinnen und durch die Pracht der Dekorationen und Costüme sich ebenfalls zu einem imposanten Schauspiel erhob. Da es beinahe eine Stunde dauerte, so hatte man die erste Hälfte der Oper ganz vergessen. Nach dem zweiten Akte der Oper wurde noch ein komisches, nicht viel kürzeres Ballet gegeben, so daß die ganze Vorstellung von acht bis zwölf Uhr dauerte. Welche Arbeit für die armen Musiker!

 

Den 14. September.

Gestern Abend besuchten wir ein Concert, welches ein Professore di Oboa, Ferlendis aus Venedig, gab. Er trat mit einem Concerte von eigener Arbeit auf. Composition und Spiel waren gleich erbärmlich. Man kann sich keinen schlechteren Ton und keine größere Geschmacklosigkeit im Vortrage der Passagen und des Gesanges denken, als dieser Professor di Oboa, besitzt. In Deutschland wäre er sicher ausgepfiffen worden; hier wurde er von den Freibillets nothdürftig beklatscht. Im zweiten Theil blies Luigi Beloli ein Horn-Concert von eigener Composition. Diese erhob sich zwar nicht über das Mittelmäßige, die Ausführung war aber sehr vorzüglich. Beloli besitzt einen wunderschönen Ton, viel Fertigkeit und einen gebildeten Geschmack. Um uns von der abscheulichen Oboe den guten Eindruck nicht verwischen zu lassen, warteten wir das Uebrige des Concertes nicht ab.

 

Den 16. September.

Daß die Italiener eine sehr musikalische Nation sind, sieht man daran, daß ihre Bettler immer singend oder spielend Almosen erbitten. Da sind Gesellschaften von vier bis fünf solcher Musiker, die des Abends vor den Kaffeehäusern eine gar nicht üble Musik machen, gewöhnlich von einer prächtig geputzten Sängerin begleitet, die auch nachher einsammelt; oder es sind drei Sänger, die mit Begleitung einer Guitarre dreistimmige Sachen und kleine Canon recht gut singen; oder auch solche, die einzeln ihr Heil versuchen, blinde Geiger oder Flötenbläser, oder Sänger, die entweder gar kein Accompagnement haben, oder sich mit dem Tambourin begleiten; sogar alle, die etwas zum Verkaufe herumtragen, bieten ihre Waaren singend aus. Gestern stieß uns noch ein närrisches Subjekt der ersteren Art auf. Er hatte sich von einem Peitschenstiele, von dessen einem Ende zum anderen er eine Saite gezogen hatte, ein merkwürdiges Instrument gemacht. Oben war die Saite durch eine Kugel von Pappe gezogen, aus deren Oeffnung ein großes Bouquet gemachter Blumen als Verzierung des Ganzen hervorragte. In der rechten Hand hatte er einen Violinbogen, mit welchem er den einzigen Ton, den sein Instrument hat, hervorbrachte. Das bewunderungswürdige Talent dieses Künstlers bestand darin, daß er in einer sich immer wiederholenden Melodie, zu deren Grundton sein Instrument die Quinte gab und die folglich nie in der Tonika, sondern immer in der Dominante schloß, allen Vorübergehenden oder vor der Thür Sitzenden die artigsten Complimente improvisirte, wofür ihm dann die Geschmeichelten selten Geschenke versagten, welche er in seinem Hute einsammelte, ohne jedoch den Gesang zu unterbrechen. In diesem recitativartigen Gesange, bei welchem sein Instrument die Stelle des Orchesters vertrat, lobte er bald die Gestalt, bald den Anzug der Vorübergehenden, und an dem wohlgefälligen Lächeln der Gelobten und an ihrer Freigebigkeit sah man, daß er ihre schwache Seite recht gut zu treffen wußte.

Heute Mittag haben wir wieder einem Concerte beigewohnt, welches die Società del Giardino gab. Es sangen die beiden Damen Marcolini und Fabré ein Duett von Rossini. Erstere ist eine in Italien berühmte Altistin, die eine schöne Stimme und viel Geläufigkeit besitzt; sie singt aber immer etwas zu tief, wodurch mir ihr Gesang sehr verleidet wurde. Signora Fabré ist die Prima donna vom großen Theater, die eine besonders schöne Höhe und einen gebildeten Vortrag hat. Obgleich beide Sängerinnen hinsichtlich der Stimme und der Kunstfertigkeit auf gleicher Höhe stehen, so trug der Sopran doch auch hier den Sieg über den Alt davon, wie denn eine Viola nie neben einer Violine gefallen kann. Im zweiten Theile wurde noch ein Duett von Paccini, eine Cavatine von Bonfichi und ein Rondo von Paer gesungen. Alles wurde auf dieselbe Art und mit den schon tausendmal gehörten Verzierungen verbrämt vorgetragen, mochte es komisch oder ernst sein. Die Compositionen waren fast durchgehends fade und ohne inneren Zusammenhang, und der Gesang oft durch nichtssagende Figuren in den Instrumenten gestört und verdeckt.

 

Den 17. September.

So eben haben wir die hiesige Mosaik-Fabrik gesehen. Die bedeutendste Arbeit, an der schon zwölf Jahre unaufhörlich gearbeitet wird, ist Leonardo da Vinci's Abendmahl, welches in derselben Größe wie das Original (die Figuren in Lebensgröße) in Mosaik copirt wird. Man hat es in zwölf Stücke getheilt, wovon ein jedes etwa drei Ellen in der Länge und eben so viel in der Breite hat. Sämmtliche Stücke sind nun vollendet, aber erst einige polirt; diese (aber nur vom Plafond) hatten viel Glanz; die mit den Figuren waren etwas matt in den Farben, wenigstens gegen die gute Copie des Gemäldes, nach welcher man gearbeitet hatte; vielleicht gewinnen sie aber noch an Leben, wenn erst die Politur vollendet sein wird. Buonaparte hatte dieses Werk bestellt, welches nun auf Kosten des österreichischen Kaisers vollendet wird. Da täglich acht Dukaten an die Arbeiter gezahlt werden, so kostet es bis jetzt schon an Arbeitslohn 34,960 Dukaten. Außer dieser kolossalen Arbeit sahen wir im Magazin viele kleine Mosaiken von ausgezeichneter Schönheit zum Verkauf ausgestellt.

 

Den 19. September.

Heute wohnten wir dem Concerte im Conservatorium bei, zu welchem uns der Graf Saurau Billets gegeben hatte.

Was ich von der inneren Einrichtung des Conservatoriums habe erfahren können, ist Folgendes: Die Professoren, deren vier für den Gesang, einer für Violine, einer für Violoncell, einer für Contrebaß und noch einige andere für die Blas-Instrumente angestellt sind, beziehen ihren Gehalt von der Regierung. Diese zahlt auch Wohnung und Kost für zwölf Eleven, sechs Knaben und sechs Mädchen. Alle Uebrigen, von denen einige im Conservatorium wohnen, andere aber nur die Lehrstunden besuchen, müssen für Alles bezahlen. Die Mailänder sollen der Anstalt sehr entgegen sein; sie hat in diesem Augenblick auch kaum dreißig Eleven.

 

Den 22. September.

Ich besuchte heute auf einen Augenblick eine Art von Uebungs-Concert, wo die hiesigen Dilettanten unter Rolla's Direktion Symphonien, besonders von deutschen Meistern, executiren. Die Saiten-Instrumente sind größtenteils mit Dilettanten besetzt, die Blas-Instrumente aus dem Theater della Scala. Man hatte bereits die alte Symphonie aus D-dur von Mozart und einige Ouvertüren von italienischen Meistern gemacht und war eben beschäftigt, eine von den großen Haydn'schen Symphonien ( B-dur) einzuüben. Man gab sie zwar ziemlich genau, aber ohne piano und forte und überhaupt etwas roh. Indessen ist die Anstalt, die überdies in ganz Italien die einzige ist, sehr zu loben, weil durch sie die hiesigen Musikfreunde doch Gelegenheit finden, mit unseren herrlichen Instrumental-Compositionen bekannt zu werden. Wenn ich nicht irre, so findet dieses wöchentliche Uebungs-Concert im Hause eines Herrn Motto statt, der auch eine schöne Sammlung vorzüglicher Violinen besitzen soll. Ueberhaupt existiren hier viele vorzügliche Instrumente. Ein Herr Caroli besitzt zwei sehr schöne Stradivari, Rolla ebenfalls eine von großer Schönheit; ein Graf Gozio de Solence hat in seiner zahlreichen Sammlung von vorzüglichen Geigen unter vielen anderen von Amati, Guarneri und Guardagnini auch vier Stradivari, auf denen noch gar nicht gespielt ist und die, obgleich sehr alt, aussehen, als ob sie eben erst fertig geworden wären. Zwei von diesen Geigen sind aus dem letzten Lebensjahre des Künstlers, von 1773, wo er ein Greis von dreiundneunzig Jahren war. Man sieht es den Geigen aber auch gleich an, daß sie ein zitternder Greis mit unsicheren Händen geschnitzt hat; die beiden anderen sind aber aus der besten Zeit des Künstlers, von 1743 und 1744, und von großer Schönheit. Der Ton ist voll und stark, aber doch noch neu und hölzern, und sie müssen wenigstens, um vorzüglich zu sein, zehn Jahre gespielt werden.

 

Den 28. September.

Gestern Abend fand unser Concert im Theater della Scala statt. Das Orchester blieb auf seinem gewöhnlichen Platze; die Sängerin aber, Dorette und ich nahmen bei unseren Produktionen den Platz unter dem Proscenium ein, zwischen der Gardine, die herabgelassen blieb, und dem Orchester. Das Haus, obgleich vortheilhaft für Musik, verlangt doch bei seiner gewaltigen Größe einen sehr kräftigen Ton und ein großes, einfaches Spiel. Auch ist es schwer, mit einem Geigenton da zu genügen, wo man immer nur Stimmen zu hören gewohnt ist. Diese Betrachtung und die Ungewißheit, ob die Art meines Spieles und meine Composition auch den Italienern gefallen würde, machte mich bei diesem ersten Debüt in einem Lande, wo man mich noch nicht kennt, etwas furchtsam; da ich indessen schon nach den ersten Takten bemerkte, daß mein Spiel Eingang fand, so schwand diese Furcht bald, und ich spielte nun völlig unbefangen. Auch hatte ich die Freude zu sehen, daß ich in dem neuen, in der Schweiz geschriebenen Concerte, welches die Form einer Gesangs-Scene hat, den Geschmack der Italiener sehr glücklich getroffen habe und daß besonders alle Gesangstellen mit großem Enthusiasmus aufgenommen wurden. Dieser lärmende Beifall, so erfreulich und aufmunternd er auch für den Solospieler ist, bleibt doch für den Componisten ein gewaltiges Aergerniß. Es wird dadurch aller Zusammenhang gestört, die fleißig gearbeiteten Tutti bleiben völlig unbeachtet und man hört den Solospieler in einem fremden Tone wieder anfangen, ohne daß man weiß, wie das Orchester dahin modulirt hat. – Außer dem Concerte spielte ich mit Dorette den neuen Potpourri für Piano und Violine und einen zweiten mit Begleitung des Orchesters. Letzteren mußte ich auf allgemeines Verlangen wiederholen. Das Orchester, dasselbe wie in der Oper, accompagnirte mir mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme. Besonders aber gab sich Rolla große Mühe. Meine Ouvertüre aus »Alruna« wurde zu Anfang des zweiten Theiles zwar kräftig, aber nicht ohne Fehler executirt. Das Orchester ist an zu viele Proben gewöhnt, als daß es etwas nach einer einzigen ganz fehlerfrei ausführen könnte. Madame Castiglioni, Contre-Altistin, für den nächsten Carneval als Supplement nach Venedig engagirt, sang im zweiten Theil eine Arie mit schöner Stimme und guter Schule und wurde mit allgemeinem Beifalle belohnt. Es hatte mir unendlich viel Mühe gemacht, diese beiden Gesangstücke zu erhalten, weil die Sänger vom großen Theater, von denen einige gern gesungen hätten, die Erlaubniß dazu von dem Impresario nicht bekommen konnten, und alle übrigen Sänger von Bedeutung, die sich hier aufhalten, entweder auch schon Skripturen gemacht hatten, oder es nicht wagen wollten, auf der Scala aufzutreten. Die Impresarien verlangten anfangs den fünften Theil der Einnahme für die Bewilligung des Theaters; durch Vermittelung des Gouverneur, Grafen Saurau, wurde diese Abgabe mir aber erlassen.

Nach dem Concerte wurde ich von allen Seiten aufgefordert, ein zweites zu geben; da aber nächsten Freitag, dem einzigen freien Tage in jeder Woche, des Kaisers Namenstag ist, an welchem der Gouverneur eine große Festivität gibt und wir nicht Lust haben, unseren Aufenthalt noch um vierzehn Tage zu verlängern, so will ich dieses zweite Concert lieber bis zu meiner Rückkehr versparen und jetzt gleich nach Venedig gehen. Das erste hat mir übrigens nicht viel mehr als die Concert-Unkosten, die sich auf fünfzig Dukaten belaufen, eingetragen.

Vor einigen Tagen besuchten wir die Bildergallerie in der Arena; das Lokal ist das schönste, was wir je sahen. Es besteht aus drei großen Salons, die das Licht von oben erhalten, einer langen Gallerie und zwei Kabinetten. In der Gallerie befinden sich Gemälde al fresco, die man in den Kirchen zu Mailand gesammelt, mit der Wand herausgenommen und hier in die Mauer wieder eingesetzt hat. Es sind darunter einige von hohem Kunstwerthe, von denen man auch schon Copien und Kupferstiche besitzt. In den Sälen hat man die Gemälde nach ihrer Zeitfolge geordnet und unter einem jeden den Meister angegeben. In dem ersten befinden sich die aus der ältesten, in dem mittleren die aus der späteren und in dem dritten Saale die aus der neuesten Zeit. Doch sind, so viel ich weiß, keine Werke noch lebender Künstler aufgehängt. In den Kabinetten hat man die kleineren Gemälde ausgestellt. Vor allen verdient ein Raphael, der zwar aus seiner früheren Zeit, als er noch im Styl seines Meisters arbeitete, aber doch von unendlicher Schönheit ist, den ersten Preis. Es ist dies die Verlobung der h. Jungfrau mit Joseph. In der Mitte steht der Rabbi in ernster, würdevoller Stellung, der sie einsegnet, ihm zur Linken Joseph, eine männliche Figur mit dunkelem Haar und Bart, mit Freundlichkeit der Jungfrau den Ring an den Finger schiebend, und zur Rechten die Holdselige, in jungfräulicher Scham sanft erröthend. Unter den anderen Figuren zeichnet sich noch ein Jüngling aus, der vor dem Knie einen Stab zerbricht. Die Zeichner bewundern die Verkürzung der gebückten Stellung. Anfangs fallen die scharfen Umrisse der Figuren unangenehm auf; so wie man sich aber durch längeres Anschauen ein wenig daran gewöhnt hat, wird man von dem hohen Ausdruck in Gesicht und Stellung unwiderstehlich hingerissen. Von besonderer Schönheit sind auf diesem wie auf allen Raphaelschen Gemälden Hände und Füße.

 

Venedig, den 5. Oktober.

Montag den 30. September traten wir in Gesellschaft von zwei liebenswürdigen polnischen Grafen, deren Bekanntschaft wir in Mailand gemacht hatten, und eines Malers, der von einer Reise nach Sicilien eben zurückkam, unsere Reise hierher an. Ich hatte für mich und meine Familie einen Vetturino bis Padua für sieben Louisd'or gedungen, für welchen Preis er auch Abendessen und Nachtlager bezahlen mußte ...

Der Weg nach Brescia bietet wenig Abwechselung dar. Brescia ist eine alte Stadt, in der nicht viel Sehenswerthes ist; sie liegt aber in einer reizenden Gegend am Abhange eines mit Landhäusern und Weinstöcken bedeckten Berges. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt, in der uns nichts Merkwürdiges aufstieß, als ein Weinstock, der die Façaden von fünf Häusern bis unter das Dach bedeckte und allenthalben voll der schönsten Trauben hing. Einer der Polen, Graf Zozymola, hatte unter der Zeit einen Besuch bei Signora Mulonatti abgestattet, einer der vorzüglichsten jetzt lebenden Contre-Altistinnen, deren Bekanntschaft er in Florenz, wo sie vor einigen Monaten sang, gemacht hatte. Sie ruht jetzt bei ihrem Cavaliere servente, einem Grafen Secchi, der ein herrliches Haus in Brescia und ein noch schöneres Landgut in der Umgegend besitzt, von den Beschwerden der letzten Monate aus und wird während des Carnevals hier in Venedig für ein Honorar von 10,000 Franken und ein Benefice wieder von neuem auftreten. Ihr Anbeter, ein Mann von großem Vermögen und vielen Kenntnissen, hat sein ganzes Leben dem Dienste seiner Donna gewidmet, während seine beiden älteren Brüder sich als Generale in französischen Diensten großen Ruhm erworben haben. Er begleitet sie seit zehn Jahren allenthalben hin, wo sie singt, besorgt ihre Geschäfte und huldigt allen ihren Launen. Seine einzige etwas ernstere Beschäftigung ist, ihre Geschichte zu schreiben, d. h. ihre Triumphe über andere Sängerinnen und ihre Liebesaventüren. Einmal im Jahre liefert sie ihm die schriftlichen Daten zu letzteren, das sind die Originale der erhaltenen Liebesbriefe, und ob er gleich sehr eifersüchtig ist, so bringt sie dennoch den guten Narren dahin, daß er diese Briefe selbst copirt und mit den gehörigen Erläuterungen in ihre Geschichte einträgt. Sie hat auch einen Mann und von ihm zwei Kinder, die sie sehr lieben soll. Dieser Mann spielt nun vollends eine erbärmliche Figur; er hält sich immer in einer gewissen Entfernung und harret mit gespannter Aufmerksamkeit der Winke seiner Gebieterin. Graf Secchi hat bis diesen Augenblick weder Rom, noch Neapel gesehen, weil seine Dame in diesen Städten noch nicht gesungen hat und ihm schwerlich die Erlaubniß ertheilen würde, ohne sie dorthin zu reisen.

Zwischen Brescia und Verona führt der Weg einige Stunden am Garda-See her, dessen schön bewachsene, mit Landhäusern reich besetzte und von Bergen eingeschlossene Ufer die schönsten Ansichten darbieten, welche uns für die Einförmigkeit der vorigen Tagereisen reichlich entschädigten. Am äußersten Ende des See's, noch halb im Wasser, liegt Peschiera, eine kleine, unansehnliche Stadt von einigen Häusern, aber mit großen, weit ausgedehnten Festungswerken. Von da bis Verona ist der Weg wieder sehr einförmig. Bei unserer Ankunft erfuhren wir, daß eine Harfen- und Clavier-Virtuosin aus Neapel im Theater Concert geben würde, und nahmen uns vor, dieses zu besuchen. Durch die Langsamkeit der Aufwärter, die unser Abendessen eine Stunde später brachten, als wir es bestellt hatten, wurden wir aber daran verhindert. Abends um elf Uhr beim herrlichen Mondenschein besuchten wir noch die Arena, von allen Denkmalen ehemaliger römischer Größe das am besten erhaltene ... Wir stiegen bis zum höchsten Sitze, der in der Höhe schon den größten Gebäuden der Stadt gleichkommt, und hatten da einen herrlichen Ueberblick über das ganze kolossale Werk. Wir dachten uns die gewaltige Steinmasse mit den alten Römern besetzt, wie sie den Siegern unten Beifall zujauchzen, und verloren uns in Betrachtungen über die Hinfälligkeit aller Erdengröße und in Vergleichungen zwischen dem ehemaligen kräftigen Volke und den jetzigen Bewohnern dieses herrlichen Landes. An der einen Seite des Ovals sieht man noch die Gefängnisse, wo die Verbrecher aufbewahrt wurden, die man den wilden Thieren vorwarf. Auch existirt noch die Vorrichtung, durch welche binnen wenig Minuten der Circus unter Wasser gesetzt werden kann, um Kämpfe und Wettrennen in Böten zu halten. Bei der Anwesenheit des österreichischen Kaisers hat man dem Volke das Schauspiel eines Wettrennens zu Fuß und zu Pferd erneuert. Auch haben wir etwas Aehnliches in Mailand gesehen, von dem ich zu reden vergessen habe. Napoleon hat nämlich auf dem Foro Buonaparte einen Circus auf römische Art bauen lassen, dessen äußere Wand auch aus einer Mauer mit mehreren Aufgängen besteht; die Sitze im Inneren sind aber nur von Rasen; es sind deren etwa zwölf, und doch haben 25-30,000 Menschen Platz. An der einen breiten Seite steht ein schönes Gebäude mit einer prächtigen Colonnade nach dem Inneren zugekehrt, von wo in der Breite des Gebäudes steinerne Sitze bis zum Circus hinablaufen. In dieser modernen Arena, die auch unter Wasser gesetzt werden kann, wurden dem Volke zur Zeit der Krönung Napoleon's zum Könige von Italien, bei freiem Eintritte, die ehemaligen römischen Spiele aufgewärmt. Eine dritte, aber verminderte Auflage für Geld fand an dem Tage vor unserer Abreise statt. Zuerst traten achtzehn Wettläufer in römischem Costüm auf, die auf ein gegebenes Trompetenzeichen ziemlich schwerfällig nach dem Ziele liefen. Der Sieger erhielt eine Fahne, an der oben ein Lorbeerkranz hing. Den beiden, die nach ihm zuerst angekommen waren, wurden ebenfalls Siegeszeichen zuerkannt. Dann versuchten zwölf Reiter ihr Heil. Mehrere fielen schon beim ersten Chock von den Pferden, und alle ritten so erbärmlich, daß sie nur Gelächter und Mitleiden erregten. Nachdem die Sieger ebenfalls beschenkt waren, kamen die Curse zu Wagen, die aber ein neues und interessantes Schauspiel darboten. Die sechs Wagenführer hatten kleine zweiräderige römische Wagen, wie man sie auf alten Münzen abgebildet sieht, bestiegen, und jagten mit ihren Pferden, deren zwei vor jeden Wagen gespannt waren, auf ein gegebenes Zeichen im gestreckten Galopp davon; am Ende der Bahn beim Umkehren überstürzte sich einer mit sammt den Pferden ein paarmal, doch ohne Schaden zu nehmen. Die anderen umkreis'ten die Bahn dreimal, und die Sieger erhielten ebenfalls ihre Ehrenzeichen. Nun begann der große Triumphzug. Dreißig bis vierzig Oboisten in römischem Costüm mit türkischer Musik, einen Marsch aus der Oper »Johann von Paris« blasend, eröffneten ihn. Dann kamen die Wettläufer mit Lanzen in den Händen, und endlich ein großer, mit vier Ochsen bespannter römischer Triumphwagen mit sämmtlichen Siegern. Man hatte die schön geputzten Ochsen auf römische Art neben einander gespannt; die guten Thiere waren aber nicht daran gewöhnt und wollten nicht vom Fleck; endlich sah man sich genöthigt, sie so zu spannen, wie sie es vor ihrem Mistwagen gewohnt waren, und nun ging es herrlich. Hinter ihnen kamen die unglücklichen Reiter und Wagenlenker, die den Zug beschlossen. Das Costüm aller dieser Leute und Thiere war gut gewählt, und wenn man nicht rund im Cirkel die moderne beau monde und zwischen den Wettrennern dann und wann einen dreieckigen Hut, der ihre Spiele anordnete, gesehen und die türkische Musik mit dem Marsch aus der »Aline« gehört hätte, so konnte man wohl Augenblicke lang sich einbilden, da unten die alten Römer zu sehen. So sorgten aber diese verkleideten Soldaten und Fiaker mit ihren erbärmlichen Pferden schon ohne das durch ihre Ungeschicklichkeit dafür, daß eine solche Täuschung nicht stattfinden konnte.

Am 3. früh mußten wir uns von unseren lieben Reisegefährten trennen, die nun auf einer anderen Straße durch Tyrol nach München ihre Reise fortsetzten. Wir übernachteten in Vicenza, einem abscheulich schmutzigen Neste; unsere Fenster gingen auf eine einsame Straße, in welcher Schmutzhaufen der ekelhaftesten Art die Luft so verpesteten, daß es kaum auszuhalten war. Dergleichen trifft man übrigens auch in den größten Städten und auf den prächtigsten Plätzen. Besteigt man eine einsame Treppe, oft von schönstem Marmor in den größten Palästen, so muß man sich ja genau in der Mitte halten, weil man sich sonst beschmutzen würde, und selbst dem Mailänder Dom kann man sich auf verschiedenen Seiten gar nicht nähern, weil hohe Haufen von Unrath es verhindern. Dieses Uebermaß von Unreinlichkeit, in der die Italiener fast allen anderen Nationen den Rang streitig machen, herrscht auch in den meisten Zimmern und Küchen. Ein Holländer müßte, dächt' ich, hier verzweifeln!

Am 4. Mittags kamen wir nach dem alten, unansehnlichen Padua, wo wir bis Abends 8 Uhr verweilten. Dann setzten wir unsere Reise auf der Diligence zu Wasser fort. Beim Einsteigen in die Barke that ich, vorn unsicheren Mondlichte getäuscht, einen Fehltritt und fiel ins Wasser; im Fallen ergriff ich aber glücklicherweise den Bord der Barke und wurde sogleich wieder hinaufgezogen. Den Schrecken und die Mühe des Umkleidens abgerechnet, war dieser Fall von keinen übeln Folgen. Die Barke ist für vierundzwanzig bis dreißig Personen sehr bequem eingerichtet und geht, von einem Pferde im stärksten Trabe gezogen, sehr schnell. Die letzte Hälfte des Kanales ist auf beiden Seiten mit den prächtigsten Landhäusern und Gärten wie übersäet, die jetzt von den reichen Venetianern bewohnt werden. Besonders zeichnet sich der Palast des ehemaligen Vicekönigs aus, in dem der Gouverneur Graf Goes während der schönsten Jahreszeit wohnt. Wir bedauerten sehr, diese reiche Gegend in der Nacht passiren zu müssen; aber selbst beim Mondenscheine gewährt sie schon einen herrlichen Anblick. Früh um fünf Uhr, wie noch alles todt in Venedig war, kamen wir an und traten in der Albergo della Scale ab.

 

Venedig, den 10. Oktober.

So wenig Venedig im Ganzen genommen meinen Erwartungen entsprochen hat, so sehr bin ich doch durch die Schönheit einzelner Gegenden der Stadt überrascht worden. Besonders imponirt der Markusplatz. Die tausendjährige, im orientalischen Style erbaute Markuskirche mit ihren fünf Kuppeln, ihren unzähligen Statuen und herrlichen, im Goldgrunde glänzenden Mosaikgemälden, der kolossale Glockenthurm mit seiner Pyramide, der weithin in's adriatische Meer den Schiffern zum Merkzeichen dient, die drei herrlichen, fast im gleichen Style erbauten großen Gebäude, die den Platz auf drei Seiten einschließen, das rege Leben unter den Arkaden, die reichen Kaufgewölbe und die geschmackvoll dekorirten Kaffeehäuser, in und vor denen man von Morgens 8 Uhr bis tief in die Nacht die elegante faullenzende Welt beiderlei Geschlechts versammelt sieht; die vielen sich da ewig umhertreibenden Musikanten, Taschenspieler, Improvisatoren, Guckkastenträger; das Heer der Bettler, die in den abschreckendsten Gestalten voller Schmutz und Ungeziefer zwischen den reichgekleideten Spaziergängern herumkriechen und diese bis in's Innere der Kaffeehäuser verfolgen; das sich durchkreuzende Geschrei der vielen Verkäufer von Erfrischungen und der Ausrufer, die bald Regierungs-Decrete ablesen, bald die in den verschiedenen Theatern am Abende zu gebenden Stücke ankündigen: dies Alles zusammengenommen bildet ein so buntes Gemälde, daß der Fremde sich wochenlang daran ergötzen kann.

Geht man dann auf den zweiten Platz, der bei der Kirche mit dem ersten zusammenhängt, auf der Ostseite vom ehemaligen Dogenpalaste und auf der Westseite von der Fortsetzung eines der drei großen Gebäude eingeschlossen wird, so eröffnet sich ein neues, von dem vorigen ganz verschiedenes Schauspiel. Vor sich hat man den Hafen, der mit Gondeln, Barken und kleineren und größeren Handelsschiffen wie übersäet ist; zur Linken den mit prächtigen Gebäuden und Kirchen eingefaßten Quai, der sich bis zum Giardino publico hinzieht, gegenüber das auf einer kleinen Insel liegende Kloster, in dessen schöner Kirche der letzte Papst erwählt wurde, und zur Rechten, jenseits des großen Canals, die mit einer majestätischen Kuppel gezierte Kirche von San Giorgio Maggiore, umgeben von anderen prächtigen Gebäuden. Hat das Auge sich an diesen Gegenständen gesättigt, so wird es von den näheren Umgebungen angezogen, von dem bunten Menschen-Gewühl auf den steinernen, hochgewölbten Brücken, die über die vielen Canäle führen, welche von hier aus die Stadt durchschneiden; von dem Ein- und Ausladen der größeren Schiffe, dem Einsteigen der eleganten und nicht eleganten Welt in Gondeln und Barken zu Spazierfahrten oder Geschäftsreisen; von den sonderbar gestalteten Fischen und Muschelthieren, die hier zum Verkauf aufgeschichtet sind, und von vielen anderen auffallenden Dingen, die einer Seestadt eigen. Hat man dies Alles gesehen, so kehrt man gern auf den Markusplatz zurück und findet da wieder neue Gegenstände zu bewundern. Betrachtet man die Kirche nun genauer, so ziehen zuerst die vier kolossalen Pferde von Bronze über dem Haupteingange den Blick auf sich, weniger ihres Kunstwerthes wegen, denn sie sind eben nicht von den schönsten Verhältnissen, sondern um ihres Alters und ihrer Schicksale willen. Von den Venetianern bei der Eroberung von Constantinopel erbeutet, wurden sie als Siegestrophäen über dem Haupteingange der Markuskirche aufgestellt und behaupteten ruhig diesen Platz, bis sie die Franzosen nach der Eroberung von Italien mit nach Paris nahmen. Von dort kamen sie nebst allen anderen aus Italien entführten Kunstschätzen nach der Eroberung von Paris durch die Alliirten wieder hierher zurück und wurden unter dem Jubel von ganz Venedig wieder auf ihren alten Platz gestellt. Außer diesen Pferden befinden sich an der Markuskirche aber noch viele andere Siegesdenkmale der Venetianer: Statuen, Basreliefs, Arabesken, Säulen und Capitäler aus Griechenland, Aegypten und den Raubstaaten, und es ist an diesem Gebäude zu bewundern, daß es, aus so vielen in dem verschiedensten Geschmacke gearbeiteten Einzelnheiten zusammengesetzt, doch ein so schönes harmonisches Ganze ausmacht. Vor der Kirche sind drei hohe, roth angestrichene Mastbäume aufgepflanzt, die an Festtagen mit langen, bis auf die Erde reichenden, seidenen Wimpeln prangen; die aus Bronze gegossenen Fußgestelle sind mit schönen Basreliefs verziert.

Auf dem zweiten Platze nahe am Wasser stehen zwei kolossale Säulen aus ägyptischem Granit, jede Säule aus einem einzigen Steine gehauen. Die eine trägt einen aus Erz gegossenen geflügelten Löwen, der auch mit in Paris war, die andere auf einem Krokodile den Schutzpatron des h. Theodor.

Das Innere der Markuskirche ist nicht weniger prächtig, als das Aeußere. Wände, Nischen und Kuppeln sind ganz mit Mosaikgemälden bedeckt, unter denen zwar einige von geringem Kunstwerthe sind; bei den meisten ist aber Composition, Zeichnung und Colorit sehr vorzüglich und alle haben einen ächten Goldgrund, der trotz seines hohen Alters noch wie neu glänzt. Man wird aber auch hier bald von ganzen Rotten von Bettlern umringt, die so kläglich über Hunger schreien und so ekelerregend aussehen, daß man Gott dankt, wenn man sich, mit Aufopferung einiger Kupfermünzen, in's Freie gerettet hat. Man kann überhaupt keine Minute in irgend einer Gegend der Stadt gehen, ohne von Bettlern angesprochen zu werden, und es sollen deren an 25,000 hier Hunger leiden. Denn hungern müssen sie, weil die Venetianer sehr selten einem Armen etwas geben, und die Fremden es auch bald überdrüssig werden, immer die Hand in der Tasche zu haben. Jetzt leben die Armen zwar sehr wohlfeil von gekochten oder vielmehr gebratenen Kürbissen, die an allen Straßenecken feilgeboten werden und wovon ein handgroßes Stück einen Centesimo kostet.

Entfernt man sich vom Platze, so findet man wenig Erfreuliches mehr. Denn da man in Venedig weder reitet noch fährt, so sind die Straßen so eng, daß oft nicht zwei Menschen nebeneinander gehen können. In dem lebhaftesten Theile der Stadt, ohnweit vom Ponte rialto, ist daher das Gedränge auch so groß, daß man sich kaum durcharbeiten kann. Bei der Unreinlichkeit der Italiener, die allen Unrath in die Kanäle schütten, bei dem pestilenzialischen Gestank der halbverfaulten Seefische und Schalthiere und den ekelhaften Ausdünstungen der Werkstätten der meisten Handwerker ist es sehr natürlich, daß man in diesen engen Straßen das ganze Jahr lang nicht ein einzigesmal reine Luft einathmet.

Statt der Wagen bedient man sich hier der Gondeln, die man zu einem billigen Preise haben kann. Sie haben alle ein Verdeck von schwarzem Tuche, welches ihnen ein trauriges Ansehen gibt. Zur Zeit der Republik herrschte ein solcher Luxus in Verzierung der Gondeln, daß die Regierung es nöthig fand, die noch jetzt übliche Bedeckung vorzuschreiben. Die Gondoliere sind im Ruderen und Lenken sehr geschickt, und wenn auch das Gedränge in den Canälen noch so groß ist, so fahren sie doch in größter Geschwindigkeit an einander vorbei, ohne anzustoßen. Nimmt man ihrer zwei, so fährt man so schnell, wie ein Pferd Trab laufen kann. Da die Häuser außer der Hauptthür nach dem Wasser hin auch einen Ausgang nach der Straße haben, so kann man zwar auch zu Lande allenthalben hinkommen; doch muß man wegen der Brücken so viele Umwege machen, daß man zu Wasser noch einmal so schnell an Ort und Stelle kommt.

 

Den 12. Oktober.

Heute genossen wir bei hellem Wetter die einzig herrliche Aussicht vom Markusthurme, den man aus einem schneckenförmigen Aufgange ohne Treppenstufen sehr bequem ersteigen kann. Der Anblick ist wirklich hinreißend! Auf der einen Seite sieht man über die gewaltige Häusermasse nach dem festen Lande, in der Ferne die Schneegebirge von Friaul, auf der anderen Seite den Hafen mit seinem mannigfaltigen Leben, die Inseln bedeckt mit schönen Kirchen und Gebäuden und im Hintergrunde die offene See. Ich erinnere mich nicht, je eine so schöne Thurmaussicht gehabt zu haben, es wäre denn die vom Thurme der Michaeliskirche in Hamburg.

Um vier Uhr besuchten wir die zum Findelhause gehörige Kirche, wo von den weiblichen Findlingen eine Messe gegeben wurde. Das Orchester und der Chor waren ausschließlich von jungen Mädchen besetzt; eine alte Musiklehrerin schlug den Takt, eine andere accompagnirte auf der Orgel. Es gab da mehr zu sehen als zu hören, denn Composition und Ausführung waren gleich schlecht. Die Mädchen hinter den Geigen, Flöten und Hörnern nahmen sich sonderbar genug aus; die Contrabassistin konnte man leider nicht sehen, weil sie hinter einem Gitter versteckt war. Unter den Stimmen gab es einige gute und eine besonders merkwürdige, die bis zum dreimal gestrichenen g sang; der Vortrag aber war von Allen abscheulich.

Wir haben die Bekanntschaft mehrerer Musikfreunde gemacht, der beiden Grafen Tomasini und der Herren Contin, Filigran und mehrerer Anderer, deren Namen ich nicht weiß. Die beiden Ersteren sind mir im Arrangement meines Concertes sehr behülflich und wenn ich bei der für die Geschäfte so schlechten Jahreszeit, wo sich alle Personen von Bedeutung aus dem Lande befinden, ein erträgliches Concert mache, so habe ich es ihnen zu danken.

Heute besuchte uns auch ein deutscher Künstler, Herr Aiblinger, ein Münchener und Schüler von Winter, der aber schon seit sechszehn Jahren in Venedig wohnt. Er ist Clavierspieler und Componist und scheint viel wahren Sinn für seine Kunst zu haben. Wenigstens klagte er uns fast mit thränenden Augen, daß ihm in diesem Lande alle Möglichkeit genommen sei, mit seinen deutschen Kunstverwandten gleichen Schritt in der Kunst zu halten, weil ihm fast nie das Glück werde, ein bedeutendes deutsches Werk zu hören, und daß ihm bei seinem Enthusiasmus für Musik fast das Herz zerspringe, durch seine Verhältnisse an eine Stadt gebunden zu sein, wo man seit sechszehn Jahren immer dasselbe Wasser wiederkaue, während die Deutschen inzwischen so manches classische Werk hätten entstehen sehen. Er kennt unsere neuere gute Musik nur höchst unvollkommen aus Clavier-Auszügen, die er sich mit vieler Mühe und großem Kostenaufwande zu verschaffen gewußt hat. Ich habe später von seinen Arbeiten gesehen, die es sehr bedauern lassen, daß er in dieses Sibirien der Kunst verschlagen worden ist. Um mir einen Begriff davon zu geben, wie wenig hier Kunst und Künstler, selbst bei Herren, die sich gern das Ansehen von Mäcenen geben möchten, gewürdigt werden, erzählte er mir eine Anecdote, die Bärmann aus München, der mit der Harles vorigen Winter hier war, mit einem derselben passirt ist. Graf Herizo nämlich, ein sehr reicher Cavalier, der im Winter wöchentlich einmal Akademien bei sich gibt und dazu oft zweihundert Zuhörer einladet, ließ Bärmann durch einen Dritten ersuchen, in einer derselben zu spielen. Letzterer hatte nun bereits selbst eine öffentliche Akademie angekündigt und lehnte in der Voraussicht, daß es ihm schaden würde, wenn er sich an einem anderen Orte zuvor hören ließe, die Einladung ab, versprach aber, nach seiner Akademie dort zu blasen. Am Tage derselben gab aber Graf Herizo eins seiner gewöhnlichen großen Concerte, in welchem »die Schöpfung«, ich glaube zum erstenmale in Venedig, aufgeführt wurde, und Bärmann hatte so wenig Zuhörer, daß er zu den Concert-Unkosten noch vierzig Francs zulegen mußte. Acht Tage später wiederholte Graf Herizo demungeachtet seine Einladung an Bärmann, wofür dieser jetzt aber ein Honorar von zwölf Louisd'or verlangte. Nach manchen Debatten wurde solches zwar zugestanden, Bärmann erfuhr jedoch zugleich, daß man sich vorgenommen habe, ihm einen Possen zu spielen. Um dem auszuweichen, sagte er von neuem schriftlich ab und machte mit der Harles eine Lustreise auf das feste Land. Nach seiner Zurückkunft kam ein Freund des Grafen Herizo, fragte nach der Ursache, warum er nicht habe blasen wollen und versicherte, als er sie erfahren, auf Ehre, daß dem nicht so sei und Bärmann nicht das Geringste zu befürchten habe, worauf dieser also seine Zusage für das nächste Concert gab. Er wurde mit vieler Artigkeit vom Grafen Herizo empfangen und die Musik begann. Nach einer Stunde, als schon sechs Musikstücke gemacht waren, wurde Bärmann begierig zu erfahren, wann denn die Reihe an ihn kommen würde; er bat sich daher von seinem Nachbar ein Programm aus und fand ganz am Ende sämmtlicher Musikstücke, die wenigstens noch zwei Stunden dauern mußten, folgende Worte: »Wenn es die Zeit erlaubt, wird auch Herr Bärmann ein Concert blasen.« Man denke sich seine Wuth! Graf Herizo würde ihm am Ende des Concertes laut gesagt haben: »Heute haben wir keine Zeit Sie zu hören, vielleicht ein andermal!« und so wäre er auch um das Honorar geprellt gewesen. Bärmann schlich sich nun sogleich fort, hatte aber dabei noch das Unglück, die beiden Ausgänge zu verwechseln und statt auf die Straße, gerade in den Canal zu laufen. Glücklicherweise kamen ihm die dort haltenden Gondoliere zu Hülfe und zogen ihn alsbald wieder heraus. Halb todt vor Aerger und Erkältung kam er nach Hause. Am anderen Morgen wurde er vom Grafen Herizo vor die Polizei gefordert. Der Polizeidirektor hatte indessen, nachdem ihm die Sache von Bärmann auseinander gesetzt war, Muth genug, diesem Recht zu geben und dem Grasen Herizo seine Unart zu verweisen. Bärmann hielt es unter solchen Umständen jedoch für gerathen, seine Abreise zu beschleunigen, weil einige verdächtige Kerle sich nach seinen nächtlichen Ausgängen erkundigt hatten. Auch der Harles ging es übel. In der ersten Oper gefiel sie zwar ziemlich und nur ihre schlechte Aussprache tadelte man; bei der ersten Vorstellung der zweiten Oper wurde sie aber gleich bei ihrer ersten Scene durch lautes Reden, Räuspern und Lachen der Zuschauer so decontenancirt, daß sie mitten in ihrer Arie davonlief und wie todt hinter den Coulissen niederfiel. Sie bekam einen geschwollenen Hals und konnte während des Winters nie wieder etwas anderes als die parlanten Recitative singen. Alle Ensemblestücke und beide Finale wurden ohne sie gesungen und doch mußte sie sich, da sie kein Supplement hatte, jeden Abend dem Publicum zur Schau stellen. Zu loben ist es, daß die Impressarien ihr keine Chikanen machten und sie vertragsmäßig bezahlten.

 

Den 15. Oktober.

Es gibt hier zwei Dilettanten-Concerte. Das eine unter der Direktion des Grafen Tomasini findet alle vierzehn Tage in dem Saale des Theaters Fenice statt. In dem, welchem ich beigewohnt habe, sang Therese Sessi, die ehemals in Wien engagirt war, zwei Arien, ein Duett und ein Quartett mit vielem Beifall in ihrer alten Manier, die sich weder gebessert, noch verschlimmert hat. Außer ihr erregte noch ein Dilettant, der mehrere Buffosachen in der ächt italienischen, etwas karikirten Manier sang, die Aufmerksamkeit der Zuhörer. Alles klebrige, besonders Composition und Ausführung der Ouvertüre, war wie gewöhnlich in Italien höchst erbärmlich.

Das andere ist ein bloßes Uebungs-Concert und findet alle acht Tage unter der Direktion von Herrn Contin statt. Das Orchester mit Ausnahme einiger Blas-Instrumente und der Bassisten besteht aus lauter Dilettanten und man executirt größtenteils Symphonien und Ouvertüren von deutschen Meistern. An ein eigentliches Studium dieser Werke ist aber nicht zu denken; man ist froh, wenn man sie, ohne stecken geblieben zu sein, heruntergerissen hat. An dem Tage, wo ich gegenwärtig war, wurde erst eine uralte Symphonie von Krommer gemacht, worauf die aus Es-dur von Andreas Romberg folgte. Zum Beschluß ersuchte man mich, die zweite von Beethoven in D-dur zu dirigiren, was ich nicht ablehnen konnte. Ich hatte aber meine liebe Noth; denn man war ganz andere tempi gewohnt, als ich nahm und schien gar nicht zu wissen, daß es Nüancen von Stärke und Schwäche in der Musik gibt, denn Alles arbeitete, strich und blies beständig aus Leibeskräften, so daß mir die Ohren noch die ganze Nacht von dem höllischen Lärm wehe thaten. Das Gute hat indessen dieses Uebungs-Concert, daß die Venetianischen Musikfreunde mehrere unserer classischen Instrumental-Compositionen, wie die Ouvertüre aus »Don Juan« und der »Zauberflöte«, die sie bis jetzt noch nicht kennen lernten, zu hören bekommen und, wenn auch nur dunkel, fühlen lernen, daß die Deutschen in dieser Gattung von Composition ihnen ungeheuer überlegen sind. Sie sagen dies zwar selbst, glauben es aber nicht recht und gestehen es nur ein, um nachher desto ungenirter ihre Ueberlegenheit im Gesange und der Gesang-Composition (!!) herausstreichen zu können. Die Selbstzufriedenheit der Italiener bei ihrer Geistesarmuth ist überhaupt unerträglich; habe ich ihnen etwas von meinen Sachen vorgespielt, so glauben sie mich nicht glücklicher machen zu können, als wenn sie mir versichern, es sei im ächt italienischen Geschmacke.

 

Den 16. Oktober.

Heute Vormittag besuchten wir in Gesellschaft von drei Schlesiern den ehemaligen Palast des Dogen. Zuerst erregte die sogenannte goldene Stiege unsere Aufmerksamkeit. Bis zum ersten Stocke führt sie außerhalb des Gebäudes, ist von herrlichem Marmor und mit kolossalen Statuen von schönen Verhältnissen geziert; bis zu dem zweiten und dritten Stocke führt sie im Inneren, ist da an den Seiten mit Basreliefs in Marmor, an der Decke mit vergoldeter Stuccatur und kleinen Fresco-Gemälden und in den Nischen mit schönen Statuen reich ausgestattet. Dann sahen wir eine ganze Reihe von Sälen und Zimmern, die wahrhaft grandios verziert waren, die Wände in Oel und die Decken von den besten Meistern gemalt, und dazwischen die reichsten und schönsten Sculptur-Verzierungen, die ich je gesehen. Die Gegenstände dieser Gemälde sind fast ausschließlich Momente aus der venetianischen Geschichte, Danksagungen der Dogen an die h. Jungfrau für erhaltene Siege, oder Ueberreichung der Schlüssel einer von den Venetianern belagerten Festung u. dgl. m. So geschmacklos bei den meisten dieser Gemälde die Zusammenstellung der himmlischen und irdischen Personen auch sein mag, so vortrefflich ist doch die Ausführung und Gruppirung im Einzelnen, besonders bei denen von Paul Veronese. Ueberhaupt gibt es meiner Ansicht nach keine passendere und würdevollere Verzierung eines fürstlichen Palastes als diese, wo mit den Thaten der Nation zugleich der Name des geschickten vaterländischen Künstlers verewigt wird. Wie wenig Sinn hat man in unserer Zeit für diese Art von Patriotismus! Wo ist auf Veranstaltung eines Fürsten bis jetzt etwas von den neuesten Heldenthaten der Deutschen gemalt worden? und wie sehr bedürften doch die jetzigen Künstler einer solchen Aufmunterung und Unterstützung! Und doch rede ich hier nur von Malern und Bildhauern; Dichter und Musiker hätte man ebenfalls auffordern sollen, die Thaten der Deutschen Nation zu verewigen.

Zuletzt sahen wir den großen Bibliotheksaal, der einen wahren Schatz von Gemälden und antiken Statuen enthält. Von der Gallerie dieses Saales hat man eine entzückende Aussicht über den Hafen. – Um einen Vergleich zwischen der ehemaligen Art, Paläste zu verzieren und der neueren machen zu können, ließen wir uns die Zimmer im Gouvernements-Gebäude zeigen, die sich der frühere Vicekönig hatte einrichten lassen. Wir fanden sie zwar niedlich und bequem, aber welch' ein Unterschied zwischen der ernsten Pracht jenes alten Palastes und der faden Zierlichkeit von diesem neuen! Anstatt der Basreliefs von Marmor und der reich vergoldeten Stuccatur-Verzierungen in jenem fanden wir hier gemalte, statt der Gemälde von berühmten Meistern, Arabesken von Schmierern hingesudelt, und sogar Tapeten von Papier oder Seide.

 

Den 17. Oktober.

Gestern ist Paganini von Triest wieder hierher zurückgekommen und hat also, wie es scheint, sein Projekt, nach Wien z« gehen, vor der Hand aufgegeben. Heute früh kam er zu mir, und so lernte ich denn endlich diesen Wundermann persönlich kennen, von dem mir, seit ich in Italien bin, fast jeden Tag vorerzählt wurde. So wie er, hat noch nie ein Instrumentalist die Italiener entzückt, und ob sie gleich die Instrumental-Akademien nicht sehr lieben, so hat er doch deren in Mailand mehr als ein Dutzend und hier ebenfalls fünf gegeben.. Erkundigt man sich nun näher, womit er denn eigentlich sein Publikum bezaubere, so hört man von den Nicht-Musikalischen die übertriebensten Lobsprüche, daß er ein wahrer Hexenmeister sei und Töne auf der Violine hervorbringe, die man früher auf diesem Instrumente nie gehört habe. Die Kenner hingegen meinen, daß ihm zwar eine große Gewandtheit in der linken Hand, in Doppelgriffen und allen Arten von Passagen nicht abzusprechen sei, daß ihn aber gerade das, was den großen Haufen entzücke, zum Charlatan erniedrige und für seine Mängel, – einen großen Ton, einen langen Bogenstrich und einen geschmackvollen Vortrag des Gesanges, – nicht zu entschädigen vermöge. Das aber, womit er das italienische Publikum hinreißt und wodurch er sich den Namen des »Unerreichbaren«, den man sogar unter sein Portrait setzt, erworben hat, besteht nach genauer Erkundigung in einer Reihe von Herrlichkeiten, welche in den finsteren Zeiten des guten Geschmackes der weiland so berühmte Scheller in kleinen Städten, auch wohl Residenzen, Deutschlands zum Besten gab, und die damals eben so sehr von unseren Landsleuten bewundert wurden, nämlich in Flageolet-Tönen, in Variationen aus einer Saite, wobei er, um noch mehr zu imponiren, die drei übrigen Saiten von der Geige herabzieht, in einer gewissen Art pizzicato von der linken Hand ohne Hülfe der rechten oder des Bogens hervorgebracht, und in manchen der Geige unnatürlichen Tönen, als Fagott-Ton, Stimme eines alten Weibes u. dgl. m. Da ich den Wundermann Scheller, dessen Wahlspruch war: »Ein Gott! Ein Scheller!« nie gehört habe; so möchte ich wohl Gelegenheit haben, Paganini in seiner eigentlichen Manier zu hören, um so mehr, da ich voraussetze, daß ein so sehr bewunderter Künstler auch reellere Verdienste besitzen müsse, als die, von welchen die Rede war. Die Veranlassung zu seiner jetzigen Virtuosität soll eine vierjährige Gefangenschaft gewesen sein, zu der er verurtheilt wurde, weil er seine Frau im Jähzorn erdrosselte. So erzählt man wenigstens ganz laut in Mailand und auch hier. Da er sich, bei ganz vernachlässigter Erziehung, weder mit Schreiben, noch mit Lectüre zu unterhalten wußte, so lehrte ihn die Langeweile alle die Kunststückchen ausdenken und einüben, wodurch er jetzt Italien in Erstaunen setzt. Er hat sich durch sein ungefälliges und unartiges Betragen mehrere der hiesigen Musikfreunde zu Gegnern gemacht und diese erheben mich, nachdem ich ihnen bei mir etwas vorgespielt habe, bei jeder Gelegenheit auf Kosten Paganini's, um ihm weh zu thun, was nicht allein sehr ungerecht ist, indem man zwei Künstler von so ganz verschiedener Manier nie in Parallele setzen soll, sondern auch nachtheilig für mich, weil es alle Anhänger und Bewunderer Paganini's zu meinen Gegnern macht. Seine Widersacher haben einen Brief in die Zeitungen einrücken lassen, in welchem sie sagen, daß ich ihnen durch mein Spiel die Manier ihrer Veteranen im Violinspiel, Pugnani und Tartini, zurückgerufen habe, deren große und würdevolle Art die Violine zu behandeln in Italien ganz verloren gegangen sei und der kleinlichen und kindischen Manier ihrer heutigen Virtuosen habe Platz machen müssen, während die Deutschen und Franzosen diese edle, einfache Spielweise dem Geschmacke der neuesten Zeit anzupassen gewußt hätten. Dieser Brief, der ohne mein Wissen in die heutige Zeitung eingerückt ist, wird sicher eher nachtheilig als vortheilhaft für mich beim Publikum wirken, denn die Venetianer sind nun einmal der festen Ueberzeugung, daß Paganini nicht einmal zu erreichen, viel weniger zu übertreffen sei.

 

Den 19. Oktober.

Gestern fand unser Concert statt und war besuchter, als ich gehofft hatte, da Alles, was nur die Kosten eines Land-Aufenthaltes aufbringen kann, oder durch sehr dringende Geschäfte nicht an die Stadt gebunden ist, sich auswärts befindet, und ich von allen meinen vielen Adreßbriefen nur den einzigen an den Gouverneur, Grafen Goes, bis jetzt habe abgeben können. Es lohnt sich übrigens nicht der Mühe, Empfehlungsbriefe an Italiener zu überbringen; denn sie nutzen zu gar nichts. Ein frostiges Erbieten zu Diensten, die sie nicht leisten wollen, ist Alles, was man davon hat. Doch ich muß wieder auf das Concert zurückkommen. Es war im Theater St. Luca, nach Fenice dem größten und schönsten in Venedig. Der Besitzer, Herr von Vendremi, hat es mir unter der Bedingung überlassen, daß ich ihm von dem Verkaufe der Logen, die nicht Eigenthümern gehören, zwei Drittel abgeben solle. Es existirt nämlich in ganz. Italien der sonderbare Gebrauch, daß die Logen auf immer, so lange das Haus steht, an Partikuliers verkauft werden, wobei sich der Eigentümer des Hauses aller Rechte auf dieselben begibt. Doch müssen diese Logenbesitzer ihren Eintrittspreis am Eingange eben so gut bezahlen wie jeder Andere. Dieser ist für das ganze Haus derselbe und immer ein sehr geringer; mit den Logen, die dem Besitzer des Theaters bleiben, wird dann Wucher getrieben, und sie werden bei sehr besuchten Vorstellungen zuweilen mit mehreren Carolinen bezahlt. Gestern waren von den Logen nur wenige genommen, so daß Herr von Vendremi nicht viel gewonnen hat. An der Kälte des Publikums beim Anfang meines Spieles merkte ich sogleich, daß man gegen mich eingenommen sein müsse; nach und nach thauete es aber doch auf und am Ende des Concertes war der Beifall so allgemein, daß ich wiederholt hervorgerufen wurde. Alles Folgende, was ich spielte, fand nun weit leichter Eingang und wurde eben so rauschend wie in Mailand beklatscht.

Heute ist denn auch ein sehr günstiger Bericht über das gestrige Concert in der Zeitung erschienen, in welchem zwar in Beziehung auf jenen Brief gesagt wird, daß es ungerecht und einseitig sei, eine Manier über die andere erheben zu wollen und daß in der Kunst kein Monopol für irgend ein Genre existiren dürfe, in welchem man aber auch von mir unter anderem sagt, »daß ich die italienische Lieblichkeit mit aller Tiefe des Studiums, welche unserer Nation eigen sei, verbinde, und daß man mir den ersten Rang unter den jetzt lebenden Geigern einräumen müsse«, Lobsprüche also, mit welchen der eitelste Künstler zufrieden sein könnte.

 

Den 20. Oktober.

Heute früh war Paganini bei mir, um mir viel Schmus über das Concert zu sagen. Ich bat ihn sehr dringend, mir doch nun auch einmal etwas vorzuspielen, und mehrere Musikfreunde, die eben bei nur waren, vereinigten ihre Bitten mit der meinigen. Er schlug es uns aber geradezu ab und entschuldigte sich mit einem Sturze, dessen Folgen er noch in den Armen spüre. Nachher, als wir allein waren und ich nochmals in ihn drang, sagte er mir, seine Spielart sei für das große Publikum berechnet und verfehle bei diesem nie seine Wirkung; wenn er mir aber etwas spielen solle, so müsse er auf eine andere Art spielen und dazu sei er jetzt viel zu wenig im Zuge; wir würden uns aber wahrscheinlich in Rom oder Neapel treffen, dann wolle er sich nicht länger weigeren. Ich werde also wahrscheinlich von hier abreisen müssen, ohne den Wundermann gehört zu haben.

Heute früh hatten wir beim Ausgange ganz unvermuthet die Freude, Meyerbeer und seine ganze Familie anzutreffen. Er ist jetzt von einer Reise durch Sicilien zurückgekommen, um seinen Eltern, die ihn in fünf Jahren nicht gesehen hatten, ein Rendezvous zu geben, und wird auch von hier über Florenz und Rom nach Neapel zurückkehren, um bei Eröffnung des neuen St. Carlo-Theaters gegenwärtig zu sein. Es war mir ein wahrer Genuß, mich wieder einmal mit einem gebildeten deutschen Künstler über Gegenstände der Kunst unterhalten zu können. Sein Bruder gab mir die erfreuliche Nachricht, daß meine Oper »Faust« in Prag gegeben worden sei. Sie hatten auf ihrer Durchreise einer Probe beigewohnt. Ich sehe nun mit Sehnsucht näheren Nachrichten über die Aufführung entgegen.

Im Theater St. Moise wohnten wir der ersten Aufführung der alten Oper »Don Papirio« bei, die vom Sänger-Personal und Orchester mit vieler Genauigkeit eingeübt war. Die erste Sängerin, Madame Marchesini, schon etwas passirt, zeichnete sich an diesem Abend durch guten Vortrag und gewandtes Spiel sehr vorteilhaft aus. Auch der Buffo, dessen Namen ich nicht weiß, war sehr ergötzlich.

 

Bologna, den 25. Oktober.

Montag Abends spät reis'ten wir mit dem »Courier« von Venedig ab. Da der Wind sehr günstig war, so machten wir die erste Hälfte der Wasserreise bis dahin, wo man aus den Lagunen in den Canal einfährt, sehr schnell. Zweimal mußten wir eine kleine Strecke der offenen See passiren, den großen und den kleinen Hafen von Chiozza nämlich, wo denn bei der heftig tobenden See unsere Barke so gewaltige Bewegungen machte, daß Dorette und die Kinder förmlich seekrank wurden. Ich entging diesem Uebel nur dadurch, daß ich mich auf das Verdeck an die freie Luft setzte. Als wir dann in den Kanal und später in den Po eingelaufen waren, wo die Barke von Pferden gezogen wurde, ging es langsam und ruhig genug, so daß sich auch die Patienten bald erholten.

Da man mir hier sagt, daß die Reichen der Stadt noch auf dem Lande und selbst in der vorteilhaftesten Jahreszeit kaum die Concert-Unkosten zu gewinnen sind, so werden wir darauf Verzicht leisten, hier Concert zu geben und morgen früh mit dem Vetturino unsere Reise nach Florenz fortsetzen.

 

Florenz, den 28. Oktober.

Die Reise hierher über die Apenninen war bei sehr schönem Wetter äußerst angenehm. Die Berge, obgleich bedeutend hoch, sind doch fast bis zu ihrer Spitze bewachsen und die Bäume und Gebüsche prangen jetzt in ihrem Herbstkleide mit den schönsten Farben. Einen höchst reizenden Anblick gewährt das Thal, in welchem Florenz liegt. Man glaubt in das Paradies hinabzusteigen, wenn man alle die herrlichen Gärten und Landhäuser von oben übersieht.

 

Den 2. November.

Florenz entspricht nicht ganz den Erwartungen, die von exaltirten Reisebeschreibern erregt werden. Man nennt Dresden das deutsche Florenz, ehrt es aber dadurch nicht sehr. Die Lage von Dresden sowohl, als die Stadt selbst, sind ungleich schöner. Der Arno ist ein schmutziger, unansehnlicher Fluß und kann sich mit der majestätischen Elbe gar nicht vergleichen. Die vier Brücken, die darüber führen und beide Theile der Stadt verbinden, sind zwar fest und gut, aber weder so lang, noch so elegant wie die Dresdener. Auch hat Florenz weder so schöne Gebäude, noch so schöne Plätze, wie Dresden und übertrifft dieses nur im Reichthum an allen Arten von Kunstwerken. Deren gibt es aber auch so viele hier, daß man kaum Zeit genug finden kann, sie alle zu sehen. Auf dem Platze vor dem alten Palaste stehen mehrere Gruppen kolossaler Statuen in Marmor und Bronze von den berühmtesten älteren Meistern, die diesen übrigens unansehnlichen und unregelmäßigen Platz für den Kunstkenner zu einem der interessantesten der Welt machen. Eine Gruppe in Marmor, den Raub einer Sabinerin vorstellend, hat uns besonders entzückt. Von diesem Platze hat man nicht weit zu der Kathedrale, einem kolossalen Gebäude mit einer Kuppel, die in Hinsicht auf Umfang und Höhe der auf der Peterskirche in Rom wenig nachgeben soll. Das Aeußere derselben ist ein wenig bunt und nicht sehr geschmackvoll; die Wände sind mit Marmortafeln von verschiedenen Farben belegt, die allerlei Muster bilden. Neben der Kirche steht ein sehr hoher viereckiger Glockenthurm, der auf dieselbe Art verziert ist. Noch gehört dazu eine, zwar von ihr abgesonderte, aber in demselben Style erbaute Taufkapelle mit einer ebenfalls ziemlich hohen Kuppel. An dieser befinden sich die berühmten Thüren von Bronze, von denen Michel Angelo gesagt hat, sie verdienten am Eingänge in die Wohnung der Seligen zu stehen, denn für jedes irdische Gebäude wären sie zu schön. Es sind deren drei, und davon zwei in gleichem Styl gearbeitet und verziert. Die einzelne aber ist die bei weitem schönste und hat weit größere Basreliefs als die beiden anderen. Man kann in der ganzen Welt nichts Schöneres in Gruppirung, Zeichnung, Perspective, Zartheit und Reinheit der Ausarbeitung sehen, als diese Basreliefs.

In einer anderen Kirche sahen wir eine Reihe von Grabmälern, unter denen uns die von Michel Angelo, Nardini und Alfieri besonders interessirten. Auf dem Grabmale des Ersteren befindet sich seine von ihm selbst gearbeitete Büste so wie drei weibliche Figuren (von einem seiner Schüler), welche die drei Künste personificiren, in denen er excellirte: Baukunst, Malerei und Bildhauerkunst, seinen Tod betrauernd. Wie sehr ehrt es die Künstler, die sich solche prächtige Ehrendenkmale verdienten, und wie sehr auch ihre Zeitgenossen, die sie ihnen setzten! Wo findet man etwas dem Aehnliches in Deutschland? Wo haben Mozart und Haydn ihre Ehrensäulen? Man weiß in Wien nicht einmal, wo sie begraben liegen.

Am Tage unserer Ankunft und seitdem fast jeden Abend besuchten wir das Theater in der Via della Pergola. Man gibt jetzt eine Oper von Rossini, » L'Italiana in Algeri« und ein großes Ballet. Rossini ist jetzt der Lieblings-Componist der Italiener und mehrere seiner Opern, z. B. »Tancred«, » Il Turco in Italia« so wie die obige sind fast in allen italienischen Städten mit ausgezeichnetem Beifall gegeben worden. Ich war daher froh, nachdem ich in Mailand und Venedig seine Kompositionen schon so vielfältig hatte loben hören, endlich selbst etwas von ihm zu vernehmen. Diese Oper hat aber nicht ganz meine Erwartungen befriedigt; erstlich fehlt ihr, was aller anderen italienischen Musik fehlt, Reinheit des Styles, Charakteristik der Personen und vernünftige Berechnung der Länge und Kürze der Musik für die Scene. Diese unerläßlichen Eigenschaften für eine Oper, die man klassisch nennen will, hatte ich übrigens gar nicht erwartet, weil man sie in einer italienischen Oper gar nicht vermißt. Man ist ja schon daran gewöhnt, dieselbe Person bald im tragischen, bald im komischen Style singen und von einer Bäuerin dieselben pompösen Gesang-Verzierungen zu hören, wie von einer Königin oder Heldin, bei der leidenschaftlichsten Situation eine der spielenden Personen allein viertelstundenlang singen zu hören, während die anderen im Hintergrunde spazieren gehen, oder, halb in den Coulissen, mit ihren Bekannten reden und scherzen. Wohl habe ich aber Eigenschaften erwartet, die Rossini's Arbeit vor der seiner Collegen auszeichnen würden, Neuheit der Ideen nämlich, Reinheit der Harmonie etc.; aber auch hiervon habe ich nicht viel gefunden. Was den Italienern in Rossini's Opern neu erscheint, ist es uns nicht, indem es größtenteils in Deutschland schon längst bekannte Ideen und Modulationen sind, z. B. der Vorhalt im Basse beim Anfang des beliebten Duettes im ersten Akte:

den mir die Musiker in Florenz als etwas ganz Neues, von Rossini Erfundenes vorrühmten. In Mailand, wo ich dasselbe Duett in einem Concerte hörte, hatte man es wahrscheinlich zu hart gefunden und den fünften und sechsten Takt so geändert:

Oder auch folgende Modulation im Finale des ersten Aktes:

Reinheit der Harmoni sucht man bei ihm auch eben so vergebens, wie bei allen anderen neueren italienischen Componisten, und Quintenfolgen, wie diese, habe ich mehrere gehört:

In Beobachtung des Rhythmus und in voller Benutzung des Orchesters zeichnet er sich aber vor seinen Landsleuten aus. Die Instrumentirung ist indessen im Vergleich mit der unserigen, von Mozart zuerst eingeführten, noch immer sehr mangelhaft und die Italiener kleben da immer noch zu sehr am Alten. Die Bratschen und Fagotte gehen fast durch die ganze Oper col Basso und die Clarinetten und Oboen im Unisono. Da in den meisten italienischen Orchestern bei sechs bis acht Contrabässen nur ein einziges, gewöhnlich nicht einmal vorzügliches Violoncell ist, so kennt man die seit Mozart übliche Benutzung der Violoncelle zu Mittelstimmen, die, gut angebracht, eine so herrliche Wirkung macht, hier noch gar nicht; auch weiß man aus den Blas-Instrumenten bei weitem den Effekt nicht zu ziehen, wie in Deutschland. Am meisten hat es mich aber gewundert, in diesen Opern zuweilen einen sehr holprichten Gesang zu hören, da ein fließender und für die Stimme dankbarer und gut berechneter Gesang die einzige lobenswerthe Eigenschaft der neueren italienischen Opern-Musik ist und für alle übrigen Schwächen, und Fehler einigermaßen entschädigen muß. Die beiden folgenden Stellen sind mir am meisten aufgefallen, die erste in einer Arie der Prima Donna, die zweite im ersten Finale, wo sie mehrmals wiederkehrt.

Beide Stellen sind neben dem, daß sie unsangbar sind, auch gewaltig fade, und die zweite besonders ist bei der ziemlich langsamen Bewegung und da sie öfters wiederkehrt, völlig unerträglich.

Unter den Sängern dieser Oper zeichnet sich nur die Prima Donna, Madame Georgi, aus. Sie hat eine volle, kräftige Stimme von seltenem Umfange, von bis .

Ihre Partie ist für einen Contre-Alt geschrieben und sie kann daher ihre Höhe nur in Verzierungen zu hören geben; ob sie gleich Kraft genug in der Tiefe besitzt, so würde ihr eine tiefe Sopran-Partie doch noch mehr zusagen. Sie hat ebenfalls, wie fast alle Sänger, die wir bis jetzt in Italien gehört haben, die Untugend, zu viel zu coloriren und weiß aus ihrer herrlichen Stimme nicht den gehörigen Vortheil zu ziehen. Da sie überdies, wie man es recht deutlich hört, nichts aus sich selbst nimmt, sondern alles ihr einstudirt werden muß, so bekommt man ihre Verzierungen, die sich Note für Note jeden Abend wiederholen, bald so überdrüssig, daß man sie ohne Widerwillen nicht mehr hören kann. Sie war ehemals blos Dilettantin und singt jetzt erst auf dem dritten Theater; dafür aber ist sie schon eine recht gewandte Schauspielerin.

Das Ballet, welches jeden Abend zwischen den beiden Akten der Oper gegeben wird, ist das prächtigste von allen, welche ich bis jetzt sah. Es heißt, glaube ich, »Die Zerstörung des occidentalischen Reiches« und zeichnet sich dadurch vorzüglich aus, daß immer große Massen von Menschen in Thätigkeit sind und die kühnsten und überraschendsten Gruppen bilden. Es ist mit einer außerordentlichen Genauigkeit einstudirt und wird auch jeden Abend mit derselben Präcision gegeben. Zuletzt kommt ein Cavallerie-Gefecht vor, was indessen immer ein wenig steif und linkisch aussieht.

 

Den 8. November.

Gestern Abend fand unser Concert im Theater della Pergola statt. Der Großherzog, dem ich einen Brief von seinem Bruder Rudolph gebracht habe und der mich einigemale sehr gnädig bei sich empfangen hat, beehrte es in Gesellschaft seiner ganzen Familie mit seiner Gegenwart. Das zwar nur kleine, aber auserwählte Publikum war sehr animirt und ließ sich durch die Gegenwart des Großherzogs, der wie gewöhnlich mit einem Applaudissement empfangen wurde, nicht abhalten, auch mir seinen Beifall laut zu erkennen zu geben. Die Musik machte sich in dem großen sonoren Theater sehr gut; das Accompagnement war aber nicht das beste. – Heute sind eine Menge Aufforderungen an mich gelangt, in nächster Woche ein zweites Concert zu geben, von dem man mir einen besseren Erfolg verspricht. Ich will den Versuch wagen, obgleich der Großherzog, der morgen seinem Bruder Rainer bis Pisa entgegen reis't, nicht hier sein wird. Das gestrige Concert hat mir, das Geschenk vom Großherzog abgerechnet, nicht mehr als die Abendunkosten eingetragen, da diese wie immer bedeutend waren, der Eintrittspreis nur drei Paoli betrug und ich auch wieder nicht über eine einzige Loge disponiren konnte. Ein sehr vortheilhafter Bericht über mein Concert ist heute Nachmittag in der Zeitung erschienen.

 

Den 12. November.

Da wir jetzt mehreremale die Gallerie besucht und alles darin Enthaltene mit Aufmerksamkeit betrachtet haben, so will ich auch einige Worte, nicht über die darin sich befindenden einzig herrlichen Kunstwerke, denn die sind schon oft und vortrefflich geschildert worden, sondern über den Eindruck niederschreiben, den dieselben auf mich gemacht haben. Zuerst muß ich die in Italien gar nicht gewöhnliche Humanität loben, mit der die Gallerie dem Publicum geöffnet ist. Man findet am Eingange in vier bis fünf Sprachen angeschlagen, daß es den Aufsehern der Gallerie bei Verlust ihres Amtes verboten ist, das geringste Geschenk anzunehmen. Ob sie dieses nun gleichwohl nicht allzu streng befolgen, so ist man doch vor aller zudringlichen Bettelei, von der man in Italien überall verfolgt wird, an diesem durch die Kunst geheiligten Orte völlig sicher und kann sich dem Genusse ruhig hingeben.

Ich habe mir zu meiner Nach-Erinnerung das Lokal aufgezeichnet und die Plätze bemerkt, wo die Kunstwerke stehen, die den größten Eindruck auf mich gemacht haben. Da ich mich nie weder eines Führers noch eines Buches bediene, um die Merkwürdigkeiten einer Stadt aufzufinden (ich mag mir nicht vorschreiben lassen, was ich bewundern soll, und mich nicht des Vergnügens berauben, die durch den Ruf mir bekannten Kunstwerke in einer Gallerie selbst aufzufinden), so ist es leicht möglich, daß ich mich in mancherlei geirrt habe. Am ersten Tage besah ich lange und aufmerksam die Kunstwerke, die in der Gallerie selbst befindlich sind, ehe die Zimmer, in welchen sich das Auserwählte befindet, geöffnet wurden. Ich bin noch jetzt darüber froh, da ich später, nachdem ich das Vollendetste der Kunst gesehen hatte, mich nie mehr bei den in der Gallerie aufgestellten Kunstwerken verweilen mochte. Eine Ausnahme hiervon macht die Gruppe des Laokoon, die ich immer mit erneuetem Genuß gesehen habe. Als nun das Heiligthum der Kunst geöffnet wurde, erblickten wir zuerst die berühmte Mediceische Venus, deren vollendete, über alles reizende Formen durch einen hinter ihr hängenden großen rothsammetnen Vorhang noch mehr gehoben werden. Mit ihr in derselben Rotunde befindet sich das Höchste, was bis jetzt durch Meißel und Pinsel hervorgebracht ist, der Apoll von Belvedere Es ist der Apollino. Diesen Irrthum hat Spohr selbst später berichtigt. und der Johannes, von Raphael. Es gewährt einen ganz eigenen Genuß, in diesen drei Kunstwerken das höchste Ideal menschlicher Schönheit bewundern zu können. Nach wiederholtem Betrachten und langem Schwanken hat bei mir aber doch der Johannes den Preis davon getragen. Etwas Reizenderes und zugleich Edleres wie die ganze Gestalt dieses Jünglings kann sich die lebhafteste Einbildungskraft nicht denken. Ein wenig hat zu dem Siege auch wohl der Umstand beigetragen, daß der Apoll sowohl wie die Venus in dreiviertel Lebensgröße sind, eine Proportion, die mir nicht ganz glücklich gewählt zu sein scheint, da den Figuren, so nahe an der wahren Größe, immer etwas zu fehlen scheint, was, wenn sie kleiner wären, nicht der Fall sein würde. Der Apoll hat doch eine, wohl ein wenig zu weibische Schönheit, was nicht von mir allein, sondern auch von meiner Frau und mehreren anderen Anwesenden bemerkt wurde. In diesem Zimmer befinden sich noch eine Menge anderer Meisterwerke, unter denen mir ein Kopf von Raphael, die Venus von Titian und eine Fechtergruppe in Marmor den meisten Genuß gewährt haben. Von den in den Seitenzimmern nach den Schulen geordneten Gemälden hat mir ein weiblicher Kopf von Carlo Dolce am meisten gefallen; doch kehrt man nach kurzem Verweilen immer wieder zu den Perlen der ganzen Sammlung zurück.

Auf der anderen Seite des Gebäudes befindet sich in zwei Zimmern die Sammlung der Bronzen, unter denen der berühmte auffliegende Merkur die meiste Bewunderung erregt. In einem anderen Saale ist eine Sammlung von Nioben, unter denen auch herrliche Kunstwerke sind. Außerdem sahen wir noch unzählige Portraits von berühmten Meistern, größtenteils von ihnen selbst gemalt.

 

Den 13. November.

Hinter der Residenz des Großherzogs befindet sich ein großer Garten, den man, ich weiß nicht warum, Boboli nennt. Er ist am Sonntage und Donnerstage für Jedermann offen. Am vorigen Sonntage, wo wir ihn zum zweitenmale besuchten, hörten wir nachher in der Hof-Kapelle die Messe. Der Großherzog, der eine Sammlung von drei- bis vierhundert Messen von den berühmtesten Meistern aller Zeiten besitzt, hatte diesmal eine von Michael Haydn zur Aufführung gegeben; sie wurde ziemlich genau executirt, doch war man genöthigt, ein sehr einfaches Solo für Tenor-Posaune auf der Bratsche zu spielen. Die Musiker fragten mich nachher, ob wir in Deutschland Posaunisten hätten, die solche Soli vortragen könnten!

Auf dem Rückwege machte uns unser Lohnbedienter auf den in bedeutender Höhe geführten bedeckten Gang aufmerksam, der von der Residenz durch mehrere Straßen bis an das Wasser, dann über eine der Arno-Brücken quer über den Fluß und noch durch einige Straßen bis zum Regierungs-Gebäude führt, in welchem sich auch die Gallerie befindet. Der Großherzog bedient sich dieses wenigstens eine Viertelstunde langen Ganges, um trockenen Fußes die Geheimeraths-Versammlungen zu besuchen.

 

Den 15. November.

Unser gestriges Concert war nicht besuchter, als das erste und hat uns folglich nichts eingetragen. Ich habe mich nun überzeugt, daß für einen Instrumentalisten auch unter den günstigsten Umständen, wenigstens in Florenz, nichts zu gewinnen ist, und zwar 1) weil die Italiener die Instrumental-Musik zu wenig achten und lieben und 2) der Eintrittspreis im Verhältnis mit den bedeutenden Unkosten viel zu gering ist. Als etwas Merkwürdiges muß ich mir notiren, daß ein Theil des Orchesters, namentlich alle Geiger, keine Bezahlung genommen haben, was von Leuten, die von ihrem täglichen Gewinne leben müssen, und besonders von Italienern, die sich Alles, wo möglich dreidoppelt, bezahlen lassen, allerdings zu verwunderen ist. Uebrigens wurde mein Spiel gestern mit noch größerem Beifalle aufgenommen, als das erstemal. Madame Georgi sang die beliebte in ganz Italien nachgesungene Cavatine aus »Tankred« von Rossini mit folgendem Thema sehr vorzüglich:

Zu tadeln war wieder, daß sie das Thema bei seiner Wiederkehr so verzierte, daß vom ursprünglichen Gesange nichts zu erkennen war. Herr Sbigoli, erster Tenorist am Theater della Pergola, der auch schon im ersten Concerte mitgewirkt hatte, sang wieder zwei Arien mit guter Schule und vieler Anstrengung, aber wenig Stimme. Er ließ sich ebenfalls, wie die Sänger in Venedig und Mailand, die in meinen Concerten gesungen haben, bezahlen, begnügte sich aber mit der sehr mäßigen Summe von einem Carolin für jedes Concert.

Wir machten heute Nachmittag noch zu guterletzt eine Wanderung an die Porta Romana, um dort das durch seine Entstehung merkwürdige Fresco-Gemälde zu sehen, welches sich an einem kleinen, unansehnlichen Hause befindet. Man erzählt davon Folgendes: Die Medicis hatten die berühmtesten Maler der damaligen Zeit aus Rom verschrieben, um die Kapelle, glaube ich, al fresco malen zu lassen. Die Florentiner Maler erfuhren dies erst den Tag vor der Ankunft der Fremden, und eifersüchtig über den Vorzug, den jene erhielten, beschlossen sie, ihnen wenigstens zu zeigen, daß sie eben so tüchtig zu der Arbeit gewesen wären, wozu jene berufen waren. Sie vereinigten sich daher und malten in einer einzigen Nacht beim Scheine der Lichter dieses große Fresco-Gemälde, wovon jetzt zwar nur noch wenige Spuren da sind, die aber doch hinlänglich die Vortrefflichkeit der Arbeit bezeugen können. Da das Haus, in welchem sich dieses Gemälde befindet, so gelegen ist, daß es durchaus den ersten Blick des zum Thore Hereinkommenden auf sich ziehen muß, so bemerkten die fremden Maler auch sogleich das vor wenigen Stunden erst fertig gewordene Kunstwerk, und da damals die Bescheidenheit unter den Künstlern noch nicht so selten war wie heutigen Tages, so kehrten sie auf der Stelle wieder um und ließen den Medicis sagen: sie begriffen nicht, warum man sie verschrieben habe, da es in Florenz Künstler gebe, die in einer einzigen Nacht ein so. vorzügliches Kunstwerk zu Stande bringen könnten, wie sie gesehen hätten. Man übertrug nun natürlicherweise die Arbeit den Florentinern.

Wir haben unsere Abreise auf morgen festgesetzt. Einiges Merkwürdige, wie z. B. das Grab der Medicis, welches wir noch nicht sehen konnten, müssen wir bis zu unserer Zurückkunft verschieben.

 

Rom, den 22. November.

Gestern Abend sind wir endlich nach einer langen und unangenehmen Reise in der ehemaligen Hauptstadt der Welt angekommen. Unangenehm war die Reise 1) durch die Langsamkeit unseres Vetturino, der außer uns, die wir das Innere seines Wagens für zwölf Louisd'or inclusive Nachtlager und Abendessen gemiethet hatten, noch in dem sogenannten Cabriolet drei andere Reisende aufgeladen hatte, folglich nur Schritt fahren konnte; 2) durch die rauhe Witterung und die für Italien bedeutende Kälte, gegen die man in den Nachtquartieren so wenig Schutz findet, weil Fenster und Thüren immer handbreit offen stehen, die Fußböden von Stein und die gewöhnlich sehr hohen Zimmer durch ein Kaminfeuer nicht zu erwärmen sind; 3) durch die Aermlichkeit und Unsauberkeit dieser Nachtquartiere selbst und 4) durch die uninteressanten und öden Gegenden, durch welche die Straße führt. Man hat die Wahl zwischen zwei Wegen. Der eine längere, aber interessantere, über Perugia hat sieben, der kürzere über Siena sechs Tagereisen. Wir haben den letzteren gemacht. Bis Siena ist er nicht ohne Interesse, auch ist es eine reinliche und hübsche Stadt, die überdies den Ruf hat, daß man dort das reinste Italienisch spricht. Von da an führt der Weg aber durch lauter öde Gegenden. Man sieht weder Häuser noch Bäume, nur dann und wann die traurigen Denkmale römischer Justiz, das sind: lange Pfähle mit daran hängenden Armen und Beinen von Räubern und Mördern. Wie in einem Lande, wo der Boden ungedüngt zwei Ernten gibt, die eine von Korn, die andere von türkischem Weizen, die Menschen durch Hungersnoth zu Räubereien gezwungen werden können, ist unbegreiflich; und doch ist dem so. So lange Ueberfluß an Getreide ist, sind alle Straßen sicher, sobald der Hunger wüthet, hilft die strengste Mannszucht nichts. Unter französischer Regierung war es bei Galeerenstrafe verboten, ein Messer bei sich zu tragen; zog Jemand bei einem Streite wider seinen Gegner ein Messer, so wurde er als Mörder betrachtet und ohne Gnade aufgehängt. Durch solche Maßregeln wurde die öffentliche Sicherheit bald hergestellt und lange Zeit hörte man nichts von Mordthaten. Jetzt, wo zwar jene Verbote noch fortdauern, über ihre Befolgung aber nicht streng gewacht wird, fängt die Unsicherheit schon wieder an; selbst in den einsamen Straßen der Stadt darf man es nicht wagen, allein zu gehen.

Ehe wir in ein Wirthshaus fahren durften, mußten wir auf die Douane, wo unsere Koffer und übrigen Gepäcke auf das Genaueste visitirt wurden. Für meine Violine, obgleich sie alt und zu meinem eigenen Gebrauche ist, mußte ich eine Abgabe von sieben Paoli zahlen.

 

Den 5. Dezember.

Dies ist die erste Musik, die wir in Rom gehört haben und seitdem so oft wieder hörten, daß ich sie leicht habe aufschreiben können. In der Zeit des Advents, wo alle öffentliche Musik verboten ist, die Theater geschlossen werden und eine wahre Todtenstille herrscht, kommen ganze Züge von Dudelsack-Virtuosen aus dem Neapolitanischen, spielen erst vor allen Heiligenbildern und sammeln sich dann in den Häusern und auf den Straßen einen Zehrpfennig. Gewöhnlich sind sie zu zweien, wovon der eine den Dudelsack und der andere die Schalmei spielt. Die Musik ist bis auf einige unbedeutende Abweichungen von allen dieselbe und es soll ihr eine uralte heilige Melodie zu Grunde liegen. So wie sie jetzt von den Leuten ausgeführt wird, klingt sie ziemlich profan. In einer gewissen Entfernung angehört, macht sie sich indessen doch nicht übel; die Partie des Dudelsackes gibt ungefähr den Effekt, als wenn drei Clarinetten geblasen werden, die der Schalmei klingt wie eine etwas derbe Oboë. Auffallend ist die reine Stimmung sowohl des Dudelsackes an sich, wie auch zu der Schalmei. Wo man jetzt auch geht, in welcher Gegend der Stadt es auch sei, hört man die obige Musik.

Am vorigen Sonntag führte mich der Prinz Friedrich von Gotha in die berühmte Sixtini'sche Kapelle, wo ich zum erstenmale den Papst, umgeben von allen Cardinälen, im höchsten kirchlichen Prunke sah und seinen berühmten Sängerchor hörte. Bin ich anders organisirt wie andere Reisende, oder sind durch Reisebeschreibungen meine Erwartungen immer zu hoch gespannt, mich hat weder die Musik, noch das Lokal, noch die kirchliche Ceremonie erfreut und ergriffen. Der Sängerchor bestand etwa aus dreißig Personen, die sich ziemlich derb und ungeschlacht zu vernehmen gaben. Die Soprane, größtenteils schon ziemlich alte Männer, sangen recht oft falsch, überhaupt war die Intonation nichts weniger als rein. Den Anfang machten uralte zweistimmige Melodien, die von den Sängern mehr deklamatorisch herausgestoßen als gesungen wurden. Hierauf folgten dann vierstimmige, im gebundenen Style geschriebene und mit kanonischen Eintritten versehene Sachen, deren Compositionen mir sehr würdevoll, im ächten alten Kirchenstyle und für das Lokal wohl berechnet schienen. Die Ausführung war zwar richtig, aber wie gesagt zu derb und nicht besser, als man sie von unseren meisten deutschen Sing-Chören in ähnlicher Weise hören könnte. Es wechselten drei- und vierstimmige Soli mit den Chören ab; einigemal hörte man auch das, durch nach und nach eintretende Stimmen bewirkte crescendo und das auf die entgegengesetzte Art hervorgebrachte diminuendo, welches bei dem berühmten Miserere am Charfreitag eine so hinreißende Wirkung hervorbringen soll. Auch heute war es nicht ohne Wirkung; man kann dies aber ebenfalls von jedem gut eingesungenen Chor mit gleichem Erfolge hören. Das Lokal ist allerdings für einfachen, langsamen Kirchengesang äußerst vorteilhaft, indem es dort sehr schallt und die Stimmen recht in einander fließen; ich kenne aber in Deutschland mehrere Kirchen, z. B. die Schloß-Kapelle in Würzburg und die katholische Kirche in Dresden, wo die Musik noch besser klingt. Auch habe ich mich von neuem überzeugt, daß Vokal- und Instrumental-Musik vereint auch in der Kirche weit effektvoller ist, als reine Vokal-Musik, die immer etwas monoton bleibt und wegen ihrer beschränkten Grenzen ermüdend wird. In der päpstlichen Kapelle ist aber nie Instrumental-Musik, als der kirchlichen Etiquette zuwider. Was endlich die Ceremonien betrifft, die, den Berichten der Reise-Beschreibungen nach, am Charfreitage so herzerhebend und den Effekt der Musik unendlich verstärkend sein sollen, so war dies am Sonntag durchaus nicht der Fall; im Gegentheil fiel manches vor, was einem unbefangenen Zuschauer lächerlich vorkommen mußte, z. B. das wie auf ein Kommandowort oft wiederholte Abnehmen der kleinen rothen Käppchen der Cardinäle, die täppische Ungeschicklichkeit von mehreren ihrer Diener beim Nachtragen der langen violetten Schleppen und beim Zureichen und Wiederabnehmen der Käppchen u. dgl. m. Auch hat es mich jedesmal empört, wenn ich sah, daß die Messe lesenden Geistlichen und der Prediger, ehe er die Kanzel bestieg, sich vor dem Papste niederwarfen und ihm den rothen Pantoffel küßten, wo jedesmal vorher zwei Diener, auf ein Knie niedergelassen, ihm den großen Mantel auseinanderbreiteten und den Priesterrock aufhoben, so daß er den Fuß zum Kusse aufheben konnte. Auch reichte ihm keiner seiner Diener irgend etwas, z. B. das Schnupftuch, ohne vorher niederzuknien. Heißt das nicht die Menschheit entwürdigen!

Das berühmte jüngste Gericht von Michel Angelo und alle übrigen Fresko-Gemälde, womit die Kapelle ausgeschmückt ist, haben schon sehr gelitten und sind vom Rauche geschwärzt worden. Doch sieht man von ersterem, welches die ganze Wand hinter dem Altar einnimmt, noch immer genug, um die ungeheuere Composition und den Meisterpinsel des Künstlers in der Ausführung bewundern zu können.

Nach der Messe wurde vom Papste im Gefolge aller Cardinäle das Sakrament in die Paulinen-Kapelle gebracht, welche, von unzähligen Lichtern erleuchtet, auf den ersten Blick einen imposanten Eindruck machte. Da wir früher dort waren, so hörten wir den Gesang des Sänger-Chores, der dem Zuge voran ging, nach und nach immer näher kommen, was ein schönes crescendo bildete. Ein stilles Gebet, wobei Alles auf den Knieen lag, beschloß hier die Ceremonie.

Es existiren in Rom zwei Privat-Musiken. Die eine, eine Art von Sing-Akademie, findet jeden Donnerstag im Hause ihres Stifters, des Gesang- und Clavier-Lehrers Sirletti, statt. Es versammeln sich bei ihm etwa dreißig bis fünfunddreißig Sänger, größtentheils Dilettanten, unter denen einige sehr schöne Stimmen sind, wie z. B. die von Madame Vera (geb. Häser) und von Signore Moncade, Tenorist. Wir waren bis jetzt zweimal dort. Am ersten Tage gab man uns Deutschen zu Ehren Mozart's Requiem, und zwar recht kräftig und rein; besonders gut wurden alle Soli und das Quartett gesungen. Madame Vera mit ihrem herrlichen, sonoren Organ, mit ihrer festen Intonation und ihrem schönen Tragen der Stimme, sang ihre Partie ganz untadelhaft. Besonders rein und gut wurde auch die große, sehr schwierige Fuge gesungen. Das einzige Störende bei dieser Aufführung, die mir außerdem großen Genuß gewährt haben würde, war Herrn Sirletti's Clavier-Accompagnement aus der Partitur. Ich hätte es wohl nicht besser erwarten sollen; denn wo wollte ein italienischer Gesang- und Clavier-Meister die Harmonie-Kenntniß hernehmen, um eine Mozart'sche Partitur übersehen und richtig spielen zu können? Da man mir aber im voraus seine tiefen (!) Kenntnisse der Harmonie gerühmt hatte, so erwartete ich es doch etwas besser. Er griff mitunter so barbarische Harmonien, daß Mozart, wenn er sie gehört hätte, sich noch im Grabe umgewendet haben würde. Nach dem Requiem sang man ein mir unbekanntes Stück von Händel und zum Schlusse das Halleluja; letzteres besonders kräftig und rein.

Am vorigen Donnerstag wurden zwei- und dreistimmige Psalmen von Marcello gesungen. Diese Psalmen, welche die Italiener als klassische Meisterwerke betrachten, von denen vor einigen Jahren eine Pracht-Ausgabe mit langen Commentaren über die Schönheiten jedes einzelnen Psalms herausgekommen ist, haben mir zwar recht gut gefallen, so etwas Ausgezeichnetes fand ich aber nicht daran; ich bin im Gegentheil überzeugt, ob ich gleich die deutschen Werke dieser Gattung nicht sehr kenne, daß wir Compositionen der Art von Bach und Anderen besitzen, die diesen bei weitem vorzuziehen sind. Sie scheinen mir besonders in der Form vernachlässigt, entfernen sich oft lange von der Haupt-Tonart und schließen sogleich nach der Wiederkehr in die Tonika sehr unbefriedigend. Die dreistimmigen fangen gewöhnlich mit Sopran und Tenor an, und bei der Wiederholung tritt dann erst der Baß ein; diese dritte Stimme war aber nie wesentlich und klang immer wie ein Orchester-Grundbaß; doch waren einige darunter, wo die Stimmen canonisch geführt sind, und diese zeichneten sich auch sehr aus. Im Ganzen war aber die Stimmführung und Modulation sehr monoton und dieselben Eintritte und Vorhalte kehrten in allen wieder. Auch bei diesen Psalmen war das Accompagnement von Herrn Sirletti wieder sehr störend, und besonders unangenehm fiel mir eine unreine Vollgriffigkeit auf, die bei diesen einfachen, dreistimmigen Sachen doppelt am unrechten Platze war. Dabei hat er, wie alle Italiener, die ich bisher accompagniren hörte, die verwünschte Mode, die Baßnoten in der rechten Hand zu verdoppeln, was bei einigen Accorden, z. B. 6/5-Accord, auf dem Leittone völlig unerträglich klingt. Daß auf diese Art bei dem Auflösen überdies Oktaven entstehen müssen, scheint die Herren nicht sehr zu kümmern und ihre Ohren nicht zu beleidigen. Unangenehm fiel es mir auch auf, daß einige anwesende Deutsche sich so entzückt stellten; wozu sollen diese Grimassen? Die Italiener könnten wahrhaftig glauben, wir hätten in Deutschland so etwas Gutes noch nicht gehört. Wann werden doch die Deutschen einmal aufhören, die blinden Bewunderer und Affen der Fremden zu sein!

Die zweite Privat-Musik findet jeden Montag bei Signor Ruffini, Besitzer der großen Darmsaiten-Fabrik, statt. Es werden da Opern vor einem Auditorium von 200-250 Personen ebenfalls von Dilettanten als Concert aufgeführt. Die Sänger stehen auf einer kleinen Erhöhung, das aus vier Violinen, Viola, Violoncell, Contrabaß, zwei Clarinetten, zwei Hörnern und einem Fagott bestehende Orchester ist rund herum auf ebenem Boden placirt. Am vergangenen Montag, wo der Prinz Friedrich uns dort einführte, wurde eine alte Opera buffa, von Paisiello gegeben. Die Wahl war für eine Concert-Musik eben nicht die beste. Eine komische Opern-Musik kann nur in der Scene, mit der dazu gehörigen Handlung verbunden, den beabsichtigten Effekt machen; diese schien mir aber auch noch außerdem ziemlich gehaltlos und fade. Die Ausführung war von Seiten der Sänger und des Orchesters gleich schlecht, nur Herr Moncade mit seiner schönen Tenorstimme zeichnete sich aus. Zwischen beiden Akten blies ein Dilettant das erste Allegro eines Clarinett-Concertes mit vieler Fertigkeit und ziemlich gutem Ton, aber höchst geschmacklosem Vortrage. Er bestätigte von neuem die schon früher von mir gemachte Bemerkung, daß die italienischen Virtuosen und Dilettanten ihr ganzes Bestreben dahin gerichtet sein lassen, sich mechanische Fertigkeit zu erwerben, daß sie sich aber in Hinsicht eines geschmackvollen Vortrages sehr wenig nach den guten Mustern bilden, die ihnen ihre besseren Sänger sein könnten, während unsere deutschen Instrumentalisten gewöhnlich einen sehr gebildeten und gefühlvollen Vortrag besitzen, den sie ohne jene Vorbilder aus sich selbst schöpfen müssen.

 

Den 7. Dezember.

Da sich uns in Rom eben so wenig wie in den anderen italienischen Städten große Musil-Kunstgenüsse darbieten (sogar hier im Augenblick noch weniger, weil alle Theater geschlossen sind), so müssen wir uns auch, gleich allen anderen Reisenden, an die Erzeugnisse der Baukunst, Malerei und Bildnerei aus der früheren blühenden Zeit italienischer Kunst halten. Von diesen gibt es nun freilich hier einen Reichthum wie in keiner anderen Stadt der Welt. Wohin man geht, in den Straßen, auf den Plätzen, in den Palästen, Kirchen und Gärten, allenthalben sieht man Säulen, Obelisken, Statuen, Basreliefs und Gemälde. Zuerst durchwanderten wir die Straßen, um die Ueberbleibsel altrömischer Baukunst kennen zu lernen. Das ehrwürdige Pantheon, das Forum Romanum mit seinen Triumphbögen und Säulen, und besonders das Colosseum haben uns mit Erstaunen, Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt. Dann bestiegen wir das Capitol, sahen den Tarpejischen Felsen und tausend andere durch die Römische Geschichte interessant gewordene Plätze und Gegenstände.

Am folgenden Tage kamen wir zu des unsterblichen Michel Angelo Meisterwerke, der Peterskirche. Mehrere Reisende, deren Erwartungen von diesem Riesengebäude bei eigener Ansicht nicht befriedigt worden waren, hatten die meinige sehr herabgestimmt, und daher kam es vielleicht, daß es auf mich einen gewaltigen Eindruck machte. Schon der Vorplatz mit den im Halbzirkel geführten Säulengängen, dem Obelisken und den zwei colossalen Springbrunnen imponirt gewaltig. Betritt man dann aber das Innere der Kirche, so wird man von Erstaunen und Bewunderung über die Pracht der Ausschmückung hingerissen. Ohne überladen zu sein, enthält sie einen Reichthum von Mosaik-Gemälden, Statuen und Basreliefs, daß man wochenlang zu thun hat, um alle einzelnen Kunstwerke zu sehen. Da alle diese Sachen im schönsten Verhältnisse zu einander stehen und colossal wie der ganze Bau sind, so täuscht man sich im ersten Augenblicke gewaltig über die Größe der Kirche. Betrachtet man dann aber die einzelnen Gegenstände genauer und findet z. B., daß die Engelchen, die das Weihwasser-Becken halten, in der Nähe gesehen größer sind, als der längste preußische Grenadier, so findet man die Angaben der Baukünstler, die sie ausgemessen haben, glaublicher, nach welchen z. B. der Straßburger Münster recht bequem in der Kuppel stehen könnte, ohne mit der Spitze des Thurmes höher, als in die Laterne zu reichen. Indessen muß man doch das Innere der Kuppel selbst ersteigen, um sich von der Richtigkeit der anderen Angaben zu überzeugen, daß z. B. die Feder des h. Petrus acht Fuß lang sei, daß vier Menschen bequem neben einander auf dem Gesimse herumgehen können u. dgl. m.

Aus der Kirche gingen wir ins Vatikanische Museum. Der Reichthum der darin befindlichen Kunstschätze und Alterthümer und die Größe und Pracht des Lokales übersteigt alle, auch die gespanntesten Erwartungen. Zuerst betritt man eine lange Gallerie, in welcher aus beiden Seiten in die Mauer altrömische Inschriften und Gedenksteine eingesetzt sind, welche wenig Interesse für uns hatten. Dann kamen wir in eine zweite Gallerie, in welcher sich eine unzählige Menge von Statuen, Köpfen und Bruchstücken befinden. Nun betraten wir das berühmte Belvedere, wo rings um einen runden, offenen Hof, in dessen Mitte sich ein Springbrunnen befindet, eine Menge von Nischen, Zimmern und Sälen mit das Kostbarste enthalten, was die alte und neue Kunst hervorgebracht hat. Zuerst sahen wir in einer der Nischen den berühmten Apoll von Belvedere, dessen Gestalt noch immer als das höchste Ideal einer kräftigen, männlichen Schönheit betrachtet wird. Durch einen Irrthum, der mir wohl zu verzeihen ist, da ich, wie schon gesagt, mich nie eines Führers noch Buches bediene, hatte ich in der Gallerie zu Florenz jene etwas zu weibische Figur für den allgemein bewunderten Apoll von Belvedere genommen. Jene Statue, die auch von ausgezeichneter Kunstschönheit ist, wird, wie ich nun belehrt worden bin, der Apollino genannt. In einer zweiten Nische sahen wir die berühmte Gruppe von Laokoon und seinen Söhnen, in einer dritten drei Meisterwerke von Canova: einen Perseus und zwei römische Fechter. Der Perseus ist eine wunderschöne Figur, aber augenscheinlich dem Apoll nachgebildet; denn der Kopf so wie die Haltung des Körpers und des Mantels gleichen jenem auffallend. Der eine der Kämpfer soll mehr einem englischen Boxer, als einem römischen Fechter ähnlich sehen; so urtheilen wenigstens die Schüler und Anhänger Thorwaldsen's, welche überhaupt Canova die allerdings tadelnswerthe Eitelkeit nicht verzeihen können, daß er seine Werke, als die einzigen modernen, in ein Museum von Antiken aufgestellt hat. Urtheilt man aber ohne persönliche Rücksichten, so muß man eingestehen, daß er, besonders im Perseus, ein herrliches Kunstwerk geschaffen hat, und daß es Hunderte von Antiken im Museum gibt, die diesem an Kunstschönheit nicht gleichkommen.

In einem der Zimmer findet man eine Menge Thiere, einzeln und in Gruppen, von Marmor und anderen noch kostbarern und seltenern Steinarten von der vollendetsten Arbeit. Ich wüßte unter all' dem Vortrefflichen nichts Einzelnes herauszuheben, ohne dem Uebrigen zu nahe zu treten. In anderen Zimmern gibt es Vasen von ungeheurer Größe, aus ägyptischem Granit und Porphyr, Schalen, Brunnen und Sarkophage mit Basreliefs, Arabesken und anderen Verzierungen, sowie Statuen in allen Größen. Ein zweirädriger römischer Wagen, wie sie bei Wettrennen gebräuchlich waren, mit zwei unvergleichlich schönen Pferden, hat uns besonders gefallen. Die Pracht der Säle, Rotunden, Zimmer und Treppen geht über Alles, was wir bis jetzt sahen. Der Fußboden besteht fast nur aus antiker Mosaik und die Decken sind mit den herrlichsten Fresko-Gemälden geziert.

Aus dem Belvedere führen zwei prächtige Treppen eine Etage höher wieder in eine lange Gallerie. Dann betritt man die Zimmer, in welchen die nach Raphael'schen Zeichnungen gewirkten Tapeten aufgehängt sind. Auf diesen soll nun freilich nicht blos das Colorit schlecht sein, wie gewöhnlich auf Tapeten, sondern auch die Zeichnung verfehlt, so daß sie von den Kunstkennern wenig geschätzt werden. Aus der Composition und ganzen Anordnung leuchtet indessen doch Raphael's Geist hervor.

Nun kommen die berühmten Stanzen von Raphael, die von Malern und Kunstkennern für das Kostbarste und Schönste nicht blos in Rom, sondern in der ganzen Welt gehalten werden. Eins dieser Zimmer hat er ganz allein vollendet; in den anderen rühren nur einzelne Figuren von ihm selbst her; das Uebrige haben seine Schüler und Freunde nach seinen Zeichnungen und unter seiner Aufsicht gemalt. Die Gemälde sind weit besser erhalten, als z. B. die in der Sixtinischen Kapelle und können bei der Sorgfalt, mit der man sie jetzt bewahrt, noch Jahrhunderte lang die Bewunderung der Kenner auf sich ziehen. Es ist indessen doch ein betrübender Gedanke, daß beinahe das Vollendetste, was der Raphael'sche Geist und Pinsel geschaffen hat, hier auf der Wand klebt und mit dem Ruin der Mauer zu Grunde gehen muß. Es ist daher zu loben, daß diese Gemälde so häufig kopirt und in Kupfer gestochen werden, damit doch etwas übrig bleibt, wenn das Original einmal ganz vernichtet ist. Doch darf dies nicht auf eine Art geschehen, wie zur Zeit der französischen Regierung von den jungen Pariser Akademikern, die ihr Papier, um die Contouren durchzuzeichnen, mit Wachs auf die Wand geklebt oder gar aufgenagelt haben, wodurch besonders von der einen Wand eine Menge Kalk abgesprungen ist. Jetzt sind eiserne Barrièren gezogen, so daß man sich den Wänden nicht mehr nahen kann.

Der Ausgang aus diesen Zimmern führt in die Raphael-schen Logen, unter welchen man freie Säulen- und Bogen-Gänge am Aeußeren des Gebäudes versteht. Der vom Meister selbst dekorirte ist jetzt mit Glasfenstern verschlossen, um ihn gegen die zerstörenden Einwirkungen der Witterung zu schützen, die übrigen aber sind offen. In der Raphael'schen Loge sind auch nur vier kleine Gemälde von ihm selbst; alles Uebrige ist nach seinen Zeichnungen von Anderen gemalt. Am Ende der Gallerie steht in einer Nische Raphael's Büste, die aber nicht ganz ähnlich sein soll.

 

Den 9. December.

Bei einem zweiten Besuche, den wir gestern dem Museum machten, sahen wir auch das Zimmer, in welchem sich die berühmten Oelgemälde von Raphael befinden. Das vorzüglichste davon ist wohl ohne Zweifel die Transfiguration, über die schon so viel geschrieben und gestritten ist. Die Kunstkenner sind nicht einig unter sich, ob sie die Composition eine gelungene oder verfehlte nennen sollen. Einige behaupten, sie bestehe aus zwei abgesonderten Gruppen, die gar nicht zusammen paßten, andere dagegen sagen, Alles sei im schönsten Einverständniß. Wir überließen uns dem Genuß, ohne uns um den Streit der Aesthetiker, der von ein paar Anwesenden erneuert wurde, zu bekümmeren. Es ist höchst interessant, hier drei Raphael'sche Gemälde aus verschiedenen Zeiten bei einander zu sehen. Das älteste, aus seiner Jugendzeit, hängt neben einem Gemälde seines Lehrers Perugino und ist auch ganz in dessen Manier mit den harten Umrissen und der ängstlichen, fast symmetrischen Gruppirung gemalt. Das aus der mittleren Zeit (eine Madonna mit dem Kinde und einige andere Figuren, der Dresdener in der Gruppirung sehr ähnlich) zeigt schon den eigenen Geist, der sich von den Formen des Lehrers losgemacht hat. Im dritten, der »Transfiguration«, seinem letzten bedeutenden Werke, bewundern wir den zur Vollendung gereiften Künstler.

 

Den 12. December.

Da wir ein paar Zimmer bewohnen, die gar nicht geheizt werden können, so haben wir in den letzten acht Tagen, wo beständig die Tramontana (Nordwind) wehete, ziemlich viel von der Kalte gelitten, obgleich es in Rom nur einigemale gereift, bis jetzt aber noch nicht Eis gefroren und eben so wenig geschneiet hat. Heute früh beim Aufstehen fanden wir aber, daß unsere Fenster außerhalb geschwitzt hatten, und beim Oeffnen derselben quoll uns eine laue, feuchte Luft entgegen; die Windfahnen belehrten uns, daß der Sirocco (Südwind) wehe. Nun umwölkte es sich aber auch bald und heute Nachmittag regnet es bereits. Die Tramontana hingegen bringt gewöhnlich das hellste, beständigste Wetter. Da Rom sehr feucht und schmutzig ist, so sehnt man sich bald nach diesem zurück und erträgt lieber ein wenig Kälte, als die ungesunde Feuchtigkeit. Sie soll besonders im Frühjahre, wenn es anfängt warm zu werden, völlig unerträglich sein und gefährliche Fieber erzeugen, besonders jenseits der Tiber, in der Gegend des Vatikans, wo schon mancher Fremde, der diese Gegend der Stadt wegen Wohlfeilheit der Quartiere bewohnte, sein Grab gefunden hat. Ueberhaupt soll Rom in den heißen Monaten sehr ungesund sein wegen der die Lust verpestenden Ausdünstungen der Gestorbenen, die man hier nach alter Sitte in den Gewölben der Kirche beisetzt. So oft nun ein solches Gewölbe geöffnet wird, was fast jeden Tag einmal geschieht, dringt ein Gestank heraus, dem die Lebenden im Inneren ihrer Paläste nicht einmal entfliehen können. Zur Zeit der französischen Herrschaft wurden die Todten außerhalb der Stadt begraben, kaum kehrte aber die päpstliche Regierung zurück, so hörte diese wohlthätige Einrichtung wieder auf. Jetzt werden die Gestorbenen oft schon acht bis zehn Stunden nach ihrem Verscheiden (denn länger als vierundzwanzig Stunden darf ein Todter hier nicht unbegraben bleiben) auf eine Bahre gelegt, mit unbedecktem Kopfe, Brust und Füßen am Tage über die Straße in die Kirche getragen, dort vor dem Altare niedergesetzt und für sie, wenn nämlich die Hinterlassenschaft dazu hinreicht, eine Todtenmesse gelesen, und dann werden sie ohne Sarg durch eine über den Gewölben befindliche Oeffnung hineingestürzt. Daß auf diese Art mancher Scheintodte mitbegraben werden muß, läßt sich leicht denken. Wirklich hat sich vor einigen Jahren ein solcher Fall ereignet. Ein armer Mann, den man wenige Stunden nach seinem scheinbaren Ableben ins Gewölbe hinabstürzte, erwachte von dem Falle und verlebte unter halb verwes'ten Leichen zwei schreckliche Tage. Dann wurde glücklicherweise der Haupt-Eingang zum Gewölbe geöffnet, um dieses auszuräumen, und der arme Teufel war gerettet und lebt in diesem Augenblicke noch.

In keiner Stadt der Welt, glaube ich, gibt es einen grelleren Abstich zwischen der luxuriösesten Pracht und dem hülflosesten Elend, als hier. Auf den Marmortreppen der Paläste, unter den Statuen, für die Tausende bezahlt sind, an den Altären der Kirchen, die mit goldenen Zierrathen und Geräthen überladen sind, überall sieht man halbverhungerte Bettler liegen, die nach Brod winseln und an Kohlstrünken oder Citronenschalen nagen, die sie aus dem Kehricht aufgesucht haben. Anfangs hielt ich dies für einen Kunstgriff, nur die Fremden zum Mitleid zu bewegen; später habe ich mich aber überzeugt, daß viele Arme sich tagelang mit solcher schrecklichen Kost erhalten müssen, wenn sie nicht Hungers sterben wollen. Die Römer, von Jugend auf an den Anblick dieses Elends gewöhnt, geben höchst selten ein Almosen (allenfalls in die Bettelbüchse eines wohlgenährten Mönches, der für sein Kloster einsammelt), und die Fremden werden auch bald hartherzig, wenn sie sehen, daß sie, sobald sie einem Armen etwas geben, sogleich von zwanzig anderen bestürmt werden. Zwar gibt es manche darunter, die nur aus Faulheit betteln, aber auch viele, die wirklich ganz untüchtig zum Erwerbe sind. Auch in diesem Stücke lobe ich mir mein deutsches Vaterland, wo jeder Arme doch wenigstens Kartoffeln und Brot hat und der Fall, daß ein solcher mitten unter seinen reichen Mitmenschen vor Hunger umgekommen wäre, unerhört ist.

 

Den 19. December.

Gestern Abend fand unser Concert statt. Da man mir die Erlaubniß verweigerte, in der Zeit des Advents ein öffentliches Concert im Theater zu geben, so war ich genöthigt, dasselbe in einem Privathause ohne öffentliche Ankündigung zu veranstalten. Der Prinz Piombino bewilligte mir dazu einen Saal im Palast Ruspoli und der Graf Apponyi, österreichischer Gesandter, verschaffte mir eine bedeutende Anzahl Subscribenten, so daß dies das erste Concert in Italien war, welches mir einen ziemlich bedeutenden Gewinn gebracht hat. Der Eintrittspreis war ein Piaster (beinahe ein Laubthaler), das Orchester aus den besten Musikern Roms zusammengesetzt, war demungeachtet das schlechteste von allen, die mir bis jetzt in Italien accompagnirt haben. Die Unwissenheit, Geschmacklosigkeit und dummdreiste Arroganz dieser Menschen geht über alle Beschreibung. Nüancen von piano und forte kennen sie gar nicht; das möchte noch hingehen, aber jeder Einzelne macht Verzierungen, wie's ihm einfällt, Doppelschläge fast auf jeden Ton, so daß ihr Ensemble mehr dem Lärm gleicht, wenn ein Orchester präludirt und einstimmt, als einer harmonischen Musik. Zwar verbat ich mir zu wiederholtenmalen jede Note, die nicht in den Stimmen steht; es ist ihnen aber das Verzieren so zur anderen Natur geworden, daß sie es gar nicht lassen können. Der erste Hornist z B. blies einmal im Tutti statt der einfachen Cadenz

folgendes

Die Clarinetten blasen vielleicht zu gleicher Zeit

statt

und nun denke man sich die Figuren der Geigen, die der Componist vorgeschrieben hat, so kann man sich einen Begriff von dem verworrenen Lärm machen, den ein solches Orchester für Musik ausgibt. Dabei sind sie so wenig musikalisch und so ungeübt im Notenlesen, daß wir ein paarmal beinahe umgeworfen hätten. Auch hier wieder gefiel mein Concert in Form einer Gesangs-Scene am meisten und man machte mir weit mehr Lobeserhebungen über die Art, wie ich den Gesang vortrug, als über die Besiegung von großen Schwierigkeiten. Ein Tenorist aus der päpstlichen Kapelle, für den ich nur mit großer Mühe die Erlaubniß zum Mitwirken erlangen konnte, sang ein Duett mit Demoiselle Funk aus Dresden und eine sehr schöne Arie von Rossini, das Beste von diesem Componisten, was ich bis jetzt hörte.

 

Den 20. December.

Gestern Abend wohnte ich einer kleinen Privat-Musik beim Grafen Apponyi bei. Es wurde vor wenig Zuhörern viel gute Gesang-Musik am Piano gemacht. Am ausgezeichnetsten waren ein Duett aus einer Passion von Paisiello, von der Häser und der Gräfin Apponyi hinreißend schön gesungen, eine Arie von Zingarelli mit Chor, für die Häser geschrieben und von ihr in höchster Vollendung vorgetragen, und ein Duett von Rossini, von der Gräfin und Herrn Moncade gesungen. Die Häser sang mit so viel Gefühl und mit einer solchen Reinheit, wie ich sie früher nie gehört habe. Ihre herrliche, klangreiche Stimme, die in einem Lokale, wo es schallt, fast zu grell klingt, besonders in den höchsten Tönen, machte gestern in einem Zimmer, wo Tapeten und Teppiche den Schall dämpften, eine herrliche Wirkung. Es stehen ihr alle Nüancen vom zartesten Hauche bis zur größten Stärke zu Gebot, und sie weiß sie meisterlich zu nützen. Ihre ehemals in Dresden bewunderte Geläufigkeit der Kehle hat sich zwar verloren, doch ist ihr noch genug davon geblieben, um alle Gesang-Verzierungen mit Leichtigkeit und Eleganz machen zu können. Das einzige, was ich bei ihrem Gesange vermisse, ist der in neueren Zeiten so sehr vernachlässigte Triller. Moncade ist ein Sänger mit schöner, kräftiger Bruststimme und geschmackvollem, wenn auch nicht sehr gefühlvollem Vortrag. Außer diesen sangen noch der Prinz Friedrich von Gotha eine Arie und ein Bassist ein paar Buffonaden.

Sirletti's Musikpartien habe ich auch zweimal wieder besucht. Vor acht Tagen wurden einige Sätze aus dem Requiem und das Halleluja wiederholt; die übrige Zeit war aber ganz den Psalmen von Marcello gewidmet. In Hinsicht dieser letzteren finde ich mein früheres Urtheil immer mehr bestätigt. In der Pracht-Ausgabe dieser Psalmen steht auch eine Lebensbeschreibung Marcello's, in welcher die Veranlassung angegeben wird, warum er von der Theater-Composition, der er früher ausschließlich ergeben war, auf einmal zur Kirchen-Composition überging. Er hatte nämlich beim Besuch einer abgelegenen Kirche in Venedig das Unglück, durch eine schlecht bedeckte Oeffnung in ein unterirdisches Todten-Gewölbe zu fallen und mußte da lange verweilen, bis sein Hülferufen gehört wurde. Dieser Unfall stimmte ihn so ernst, daß er von da an nur religiöse Musik schreiben wollte.

Auch Ruffini's Musiken habe ich wieder besucht und eine tragische Oper von einem jungen, frühe gestorbenen Componisten gehört, die von vielem angeborenen Talent, aber auch gänzlichem Mangel an Studium zeugte. Die Sänger thaten sich in dieser Oper mehr wie in der früher gegebenen hervor, das Orchester war aber eben so unerträglich. Ich saß neben dem ehemals so ausgezeichneten Sänger Crescentini (der aber jetzt seine Stimme ganz verloren haben soll, obgleich er kaum fünfzig Jahre alt sein wird) und hatte die Freude, sein Urtheil über den jetzigen Musikzustand Italiens ganz mit dem meinigen übereinstimmend zu finden. Sein Gespräch verrieth den vorurtheilsfreien, gebildeten Künstler. Er klagte mir, daß in der neueren Zeit die gute Gesangschule, das einzige, wodurch sich die Italiener ausgezeichnet hätten, immer seltener werde, und daß er besonders bei seiner letzten Zurückkunft nach Italien (ich glaube er war in Paris) einen so verdorbenen, frivolen Geschmack vorgefunden habe, daß keine Spur die ehemalige, einfach große Methode seiner Zeit mehr verrathe. Auch ihm, der in Deutschland und in Frankreich viel gute Musik gehört hat, ist die Fadheit und Incorrektheit der neueren italienischen Musik ein Gräuel.

 

Den 23. December.

Jetzt, da wir uns dem Feste nähern, wird die Bettelei, von der man hier immer schon geplagt ist, ins Große getrieben. Wo man sich sehen läßt, wird Jedem ein glückliches Fest gewünscht, und man muß den Beutel ziehen. Diese Bettelei kommt zwar um Neujahr auch in Deutschland vor, doch bei weitem nicht so allgemein wie hier. So kommen z. B. die Bedienten aller der Herrschaften, bei denen man sich nur ein einzigesmal hat blicken lassen, und betteln; ja sogar außer dieser Zeit werden die Fremden von ihnen in Contribution gesetzt. Hat man dem Herrn Visite gemacht, so kommt der Bediente am anderen Morgen und bittet um ein Geschenk. Da man nicht unter drei Paoli geben kann, so ist es ein theurer Spaß, viel Adreßbriefe hier abzugeben. Die armen Teufel sind freilich sehr schlecht bezahlt und müssen zu solcher Bettelei ihre Zuflucht nehmen, wenn sie nicht verhungern wollen.

Gestern ist Meyerbeer mit seiner Mutter hier angekommen. Er hat in Florenz einen Brief von C. M. von Weber erhalten und mir aus demselben die erfreuliche Nachricht mitgetheilt, daß meine Oper »Faust« in Prag bereits zweimal mit ausgezeichnetem Beifalle gegeben worden ist.

 

Den 25. December.

Gestern Abend wohnten wir einer Funktion in der Sixtinischen Kapelle als Vorbereitung zum heutigen Feste bei. Ich hatte mir viel Wirkung davon versprochen, fand mich aber sehr getäuscht. Die Erleuchtung machte nicht den geringsten Effekt, weil die Kapelle bald so mit Lichterdunst erfüllt war, daß man nicht zehn Schritte weit deutlich sehen konnte. Statt der vierstimmigen Gesänge, auf die ich gehofft hatte, recitirte der Sängerchor nur eine ewig lange Litanei von Gebeten im Unisono ohne alle Melodie etwa so:

Dies fast ohne Unterbrechung anderthalb Stunden anzuhören, war die größte musikalische Pönitenz, die ich je habe erleiden müssen. Endlich während eines stillen Gebetes erfrischte uns ein vierstimmiger Sologesang, bei dem sich wieder die herrliche Sopran-Stimme von neulich auszeichnete. Gleich darauf ging es aber von neuem los, und nun zogen wir vor, uns lieber mit der größten Anstrengung durch's Gedränge hindurchzuarbeiten, als dies länger anzuhören.

Heute früh sahen wir endlich das Oberhaupt der katholischen Kirche im höchsten kirchlichen Pomp die Messe in der Peterskirche lesen. Der Hochaltar unter der Kuppel, von seiner gewöhnlichen Hülle entkleidet, strotzte von Gold und Edelsteinen; die Geistlichen und Cardinäle in die reichsten Goldstoffe gekleidet, die Leibwache in ihrer glänzenden Uniform, die Schweizer-Garde in hellpolirten, altdeutschen Harnischen, mit einem Worte, Alles, was den Papst umgab, trug dazu bei, diese Funktion zu dem glänzendsten Schauspiele zu machen, was je in einer Kirche aufgeführt worden ist. Denn mehr als ein Schauspiel war es den Umstehenden nicht; keine Spur von Rührung oder Erhebung unter all' den vielen tausend Zuschauern! Den Anschein eines zur Belustigung aufgeführten Schauspieles gewann es auch noch dadurch, daß für die anwesenden hohen Herrschaften: den König von Spanien, die Königin von Etrurien, die Prinzen von Preußen und Gotha und Andere, eine reich decorirte Loge erbaut war, und daß sich auf Amphitheatern die elegante Welt von Rom im höchsten Staate präsentirte. Einen sonderbaren Contrast mit dieser Pracht bildete der in Lumpen und Schmutz eingehüllte Janhagel, der sich bis an den Hochaltar vorgedrängt hatte. Da sich die Funktion sehr in die Länge zog, und das, was die Sänger dabei sangen, weder sehr interessant war, noch auch bei dem Lärm in der Kirche deutlich gehört werden konnte, so zogen wir es vor, bei dem milden, hellen Wetter lieber einen Spaziergang zu machen, kehrten aber noch zeitig genug in die Kirche zurück, um die Prozession, den Schluß der ganzen Handlung, zu sehen. Voraus ging eine Abtheilung der Leibwache, hinter dieser wurde der Cardinalshut auf einem Schwerte getragen; dann kamen die Cardinäle, und endlich der Papst auf einem reich verzierten Tragsessel oder Throne von acht Geistlichen getragen; ihm zu beiden Seiten zwei große Fächer von weißen Straußfedern; dann alle Geistlichen und zuletzt die übrige Leib- und Schweizer-Wache. Der Papst, dieser ehrwürdige 75jährige Greis, dem man die Erschöpfung vom Fasten und der langen, ermüdenden Funktion auf seinem blassen, rührenden Gesicht sehr deutlich ansah, ertheilte während dieser Prozession mit kraftloser Handbewegung dem Volke den Segen. Dieses zeigte dabei aber keine Spur von Devotion; Niemand knieete; Alles lachte und lärmte während der ganzen Funktion. Der Zug ging durch eine Seiten-Kapelle in den Vatikan. Die ungeheuere Größe der Kirche konnte man heute bei der unzähligen Menschenmenge erst recht bemerken. Es dauerte eine halbe Stunde, bis die Menschen durch drei große Thore ausgeströmt waren.

 

Den 27. December.

Gestern endlich wurden die Theater wieder eröffnet, nachdem sie ein halbes Jahr geschlossen waren. Im Theater Argentino, dem größten und schönsten, gab man Rossini's »Tancred«, im Theater Valle eine neue Opera buffa von Signore Pietro Romano: » Il quiproquo.« Da »Tancred« eine alte Oper ist, von der die erste Aufführung nicht mehr Interesse hat, als die folgenden, so überredete mich Meyerbeer leicht, mit ihm in's Theater Valle zu gehen, während meine Frau und die Kinder mit Madame Beer das Theater Argentino besuchten. Vor der Oper wurde eine Farce in Prosa gegeben, die unseren »Proberollen« nachgebildet war. Dann kam der erste Akt der Oper, dessen Text wir bald als eine Bearbeitung des » Nouveau seigneur de village« erkannten. Das Sujet, obgleich ein wenig in die Länge gezogen, war weder so albern, noch so langweilig, wie gewöhnlich die der italienischen Opern. Desto fader und gewöhnlicher ist aber die Musik. Herr Romano hat den jetzt so sehr beliebten Rossini zum Vorbild genommen und so copirt oder vielmehr abgeschrieben, daß das Parterre alle Augenblick » bravo, Rossini!« rief. Dabei ist seine Musik so incorrekt, daß ein an reine Harmonie gewöhntes Ohr sie nicht ohne Ekel hören kann. Das hat ihr zwar hier nichts geschadet, desto mehr aber der Mangel an Feuer und Lärm, welch' letzteren die Italiener eben so sehr wie die Franzosen und Deutschen lieben. Nur ein einzigesmal nach einem Duett rief ihm das Parterre das beglückende » bravo, Maestro!« zu, wofür er sich dann auch gleich sehr demüthig bedankte. Alles Uebrige wurde aber gleichgültig angehört, und beim Schlusse der Oper äußerte sich weder Beifall, noch Mißfallen. Die Sänger waren noch sehr unsicher und pudelten ohne Aufhören. Madame Georgi, die Prima Donna, im vorigen Carneval der Liebling des Publikums, gefiel gestern eben nicht sehr und hatte den Aerger zu sehen, daß die Seconda Donna, die übrigens nicht schlecht sang, nach ihrer Arie im zweiten Akte herausgerufen wurde, welche Ehre ihr den ganzen Abend nicht widerfahren war. Sie gab ihren Aerger darüber dadurch zu erkennen, daß sie den Rest ihrer Partie nun ganz gleichgültig und mit halber Stimme sang, schadete dadurch aber dem letzten Finale sehr und war vielleicht Veranlassung, daß die Oper so kalt ausging und daß man heute in der Stadt sagt, sie habe mißfallen. Das Orchester, größtentheils aus den Professoren (!) bestehend, die ich in meinem Concerte hatte, spielte roh, unrein und ohne alle Nüancen.

Heute früh war wieder eine kleine Privat-Musik beim Grafen Apponyi. Es wurden fast nur Sachen aus Rossini's Opern gesungen, Von welchen mir ein Terzett aus »Elisabeth«, wenn ich nicht irre, wegen der guten Stimmführung am meisten gefiel. Je mehr ich von Rossini's Compositionen höre, desto mehr bin ich geneigt, theilweise in das allgemeine Urtheil mit einzustimmen, das ihn für den ausgezeichnetsten der neueren italienischen Componisten und für einen Reformator des Geschmackes im Opernstyle ausgibt. Mayer ist indessen billigerweise wohl auszunehmen und hat, wenn auch nicht so viel Phantasie wie Rossini, doch sicher mehr Kenntnisse und ästhetisches Gefühl. Daß es Letzterem an Kenntniß der Harmonie, an Charakter-Zeichnung, an Sinn zur Unterscheidung des ernsten und komischen Styles und des Schicklichen für die Sinne fehlt, bemerkte ich schon in Florenz nach Anhörung der » Italia in Algeri.« Indessen hat Rossini einiges ganz Neue erfunden, was aber, weil es neu, deswegen noch nicht gut ist, z. B. sein blumiger Gesang, wie ihn Meyerbeer sehr charakteristisch nennt, der eigentlich nichts anderes ist, als die bisher auf einen Vokal gesungenen Passagen mit untergelegten Sylben, wie in einer Arie aus der » Italiana«:

oder in einem Duett zwischen Tenor und Baß in derselben Oper, wo die zweite Gesangstimme sehr unsangbar und mehr einem Orchesterbaß, als einem Gesangbaß ähnlich ist: Da ich den Text nicht weiß, so habe ich die Sylben mit Punkten beigefügt.

So oft solche süße Sächelchen von den Sängern gut vorgetragen werden, wie heute besonders von Moncade, bricht das Auditorium in lautes Entzücken aus, weshalb auch die italienische Musik immer mehr in einen bloßen Ohrenkitzel ausartet und Sänger und Componist immer mehr verlernen auf das Herz zu wirken; so wie ich denn ohne Uebertreibung behaupten kann, daß ich von all den Compositionen, die wir bisher in Italien gehört haben, auch nicht ein einzigesmal ergriffen worden bin, eine oder zwei Stellen in der » Testa di bronzo« abgerechnet, und daß mich von allen Sängern, die wir bis jetzt hörten, die Häser allein in einem Duett aus der alten Passion von Paisiello auf einige Sekunden gerührt hat. Ebenfalls neu, von Rossini zuerst gebraucht, ist auch die Art, wie er die parlanten Stellen in der Opera buffa, die man bisher gewöhnlich auf einen Ton, oder doch nur auf ganz nahe liegenden Intervallen schrieb, solchen Gesangstellen unterlegt, die man bis jetzt nur legato vorzutragen pflegte, wie z. B. im Anfange des obigen Duettes:

So bekannt auch dieser Anfang ist (er ähnelt dem Anfang eines Finale in einem Haydn'schen Quartett aus Es-dur):

so ist die Art, ihm auf diese Weise den Text unterzulegen, doch völlig neu; ob aber gut, ist noch die Frage; mir klang er wenigstes immer wie travestirt, als wenn man z. B. aus einem singenden Instrumente einen Gesang, der einen gefühlvollen Vortrag erlaubt, zum Scherze so karikirt vorträgt, daß er Lachen statt Rührung erregt. Wenigstens würde kein Instrumentalist von Geschmack den obigen Gesang staccato vortragen.

Noch etwas Rossini Eigenthümliches sind folgende und ähnliche crescendo-Passagen, die fast in allen seinen Musikstücken verkommen und das italienische Publikum immer zum Entzücken hinreißen, z. B. in der Ouvertüre aus der » Italiana«:

Auf ähnliche Art geht es noch eine Weile fort, bis endlich auch das Publikum mit dem stärksten forte in ein wüthendes Händeklatschen und Bravo-Rufen losbricht. Denn einem solchen crescendo kann es so wenig widerstehen, daß auch die unglücklichen Nachahmer von Rossini, wie z. B. Herr Romano, in der vorgestrigen Oper sich damit einen stürmischen Beifall zu erzwingen wissen. Daß solche Stellen oft sehr unrein und widrig durch durchgehende Noten sind, brauche ich nicht erst zu erinnern; finden sich doch sogar in der berühmten, in ganz Italien bewunderten Cavatine aus »Tancred«, die heute auch gesungen wurde, gleich in den ersten Takten die abscheulichsten Oktaven zwischen dem Baß und der zweiten Oboe, die ich je gehört habe.

Das endliche Resultat meines Urtheils über Rossini wäre also, daß es ihm zwar keineswegs an Erfindung und Geist fehle und er mit diesen Eigenschaften, wenn er in Deutschland wissenschaftlich ausgebildet und durch Mozart's classische Meisterwerke auf den einzig richtigen Weg geleitet würde, leicht einer der vorzüglichsten Gesang-Komponisten unserer Zeit hätte werden können, daß er aber, so wie er jetzt schreibt, die italienische Musik um keinen Schritt weiter, sondern wohl eher zurückbringen wird. Um neu zu sein, entfernt sich Rossini immer mehr von dem einfach großen Gesange der älteren Zeit und bedenkt nicht, daß er die Stimme ganz ihres Reizes und Vorzugs beraubt und wahrhaft herabwürdigt, wenn er sie zu Passagen und Rouladen zwingt, die jeder mittelmäßige Instrumentalist viel reiner und besonders zusammenhängender machen kann, weil er nicht nöthig hat, allemal auf der dritten oder vierten Note eine Sylbe auszusprechen. Mit seinem blumigen Gesange, so sehr derselbe auch gefällt, ist er also auf dem Wege, allem eigentlichen Gesange, der ohne das schon sehr selten in Italien ist, den Garaus zu machen, wobei ihm der verächtliche Troß der Nachahmer, die hier so gut wie in Deutschland ihr Unwesen treiben, aus allen Kräften beisteht.

 

Den 29. December.

Gestern Abend hörte ich denn auch in Gesellschaft Meyerbeer's den »Tancred« im Theater Argentino. Eine erbärmlichere Vorstellung habe ich kaum je erlebt. Die Sänger sind bis auf die älteste Paris höchst mittelmäßig; die Prima Donna, die jüngere Paris, ist noch ganz Anfängerin, der Bassist unter aller Kritik, das Orchester schlechter, als in der kleinsten deutschen Provinzialstadt, mit einem Worte, es ist ein zusammengelaufenes Volk, wie man es in ganz Italien nicht schlechter hätte auftreiben können. Gnade Gott dem Componisten, dessen Werk in solche Hände fällt! Sie entstellen es so, daß man es gar nicht wieder erkennen kann. Die einzige Person, die sich auszeichnete, ist die älteste Paris, die in der Rolle des »Tancred« eine kräftige, gesunde Contre-Altstimme und einen gebildeten Vortrag zeigte. Es wäre ungerecht, die Composition nach einer solchen Vorstellung beurtheilen zu wollen, um so mehr, da man viele Nummern weggelassen und dafür andere eingelegt hatte. Das Ballet, welches man zwischen beiden Akten gab, war des Uebrigen vollkommen würdig: ein seriöses Ballet, von lauter Grotesk-Tänzern aufgeführt! Doch waren unter diesen einige Männer, die sich durch Kraft, Gewandtheit und Sicherheit in Sprüngen allerlei Art sehr auszeichneten.

Wir haben seit acht Tagen wieder viel Interessantes gesehen: das Capitolini'sche Museum, in welchem der sterbende Fechter und mehrere ägyptische Statuen – letztere weniger durch Kunstschönheit als Sonderbarkeit bemerkenswert!) – uns am meisten gefielen; die Bildergallerie im Palast Doria, die unter vielen anderen ausgezeichneten Gemälden auch vier himmlische Landschaften von Claude Lorrain besitzt; eine andere im Palast Colonna, wo ein wunderschöner Kopf von Raphael hängt; die schön und reich verzierten Kirchen von St. Maria maggiore und St. Giovanni Laterano u. s. w. Vor dem Portale der letzteren hat man eine ausgedehnte Aussicht nach der Gegend von Albano, welche durch die antiken Wasserleitungen, die das Auge meilenweit verfolgen kann, und durch andere Ueberbleibsel altrömischer Baukunst etwas sehr Romantisches erhält.

Am Sonnabend bestiegen wir bei heiterem Wetter die Kuppel der Peterskirche. Zuerst geht es in einem schneckenförmigen Gange ohne Stufen bis auf das Dach der Kirche. Dort angelangt, glaubt man sich wieder in den Straßen einer Stadt; denn der Boden ist gepflastert und eine Menge Häuser, von denen einige sogar bewohnt sind, und die vielen kleinen und größeren Kuppeln hindern den Blick in die Ferne. Geht man dann freilich bis zu den kolossalen Statuen, die über dem Portale der Kirche stehen, so sieht man, auf welcher Höhe man sich schon befindet. Das Pflaster auf dem Platze vor der Kirche gleicht einer feinen Mosaik, und die Menschen, die darauf herumkriechen, kleinen Puppen. Betrachtet man die Kuppel von hier aus, so gleicht sie einem selbstständigen ungeheuern Gebäude; man hat auch von der ersten inneren Gallerie sehr hoch zu steigen, bis man zur zweiten gelangt, wo dann erst die Wölbung der Kuppel anfängt. Der Blick von diesen Gallerien, besonders von der zweiten, in die Kirche hinunter ist ganz einzig und wirklich schaurig. Die hundert Lampen, die gerade unter der Kuppel am Eingange der unterirdischen Kapelle brennen, fließen wie in eine Flamme zusammen, und die Menschen erscheinen wie wandelnde schwarze Punkte. Von der zweiten Gallerie steigt man dann zwischen der inneren und äußeren Kuppel auf hölzernen Treppen bis zur Laterne, von wo man noch einmal einen schwindelerregenden Blick in die Tiefe der Kirche hat. Hier geht es wieder auf steinernen Wendeltreppen bis in ein ziemlich geräumiges Zimmer, welches in der Spitze der Laterne angelegt ist, und dann zuletzt noch auf einer eisernen Leiter durch den Stiel zum Knopf, in welchem zwölf bis sechszehn Personen bequem Platz haben. Wagehälse können auch noch auf einer Leiter außerhalb desselben bis zum Kreuze steigen; wir begnügten uns aber bis in den Knopf gewesen zu sein. Die Aussicht von den äußeren Gallerien ist über alle Beschreibung prächtig und mannigfaltig. Unten das stolze Rom mit seinen unzähligen Palästen, Ruinen, Säulen und Obelisken; rund umher die Villen mit den majestätischen Pinien; in weiteren Umkreisen die Berge bei Tivoli und Albano, über welche Schneegebirge hervorragen, und ganz im Hintergrunde gegen Westen das mittelländische Meer, welches sich zu der Tageszeit, in der wir den Thurm bestiegen, wie ein feuriger Streifen am Himmel präsentirte. Nachdem wir lange diese entzückende Aussicht genossen hatten, stiegen wir wieder hinab und fanden, daß uns zwei Stunden sehr schnell im Besteigen der Kuppel vergangen waren.

Auch die große Säule auf Piazza Colonna haben wir erstiegen und von ihrer Spitze, die weit über alle Häuser hinwegragt, eine der schönsten Uebersichten von Rom und seinen nahen Umgebungen genossen.

 

Den 30. December.

Daß es den Italienern auch in der neueren Zeit nicht an glücklichen Anlagen für das Studium der schönen Künste fehle, ja, daß sie darin im Ganzen genommen die nordischen Nationen übertreffen, davon habe ich mich überzeugt. Fast alle ihre Sänger haben ein glückliches Ohr für Intonation und die Gabe, das Melodiöse gleich nachzusingen, ungeachtet nur sehr wenige davon, selbst unter den Theater-Sängern, das, was wir Musik nennen, besitzen, ja die Meisten kaum einmal die Noten kennen. In der letzten Musik bei Apponyi sollte ein Canon von Cherubini gesungen werden. Man forderte auch Moncade dazu auf, von dem man mir gesagt hatte, er gehöre ebenfalls zu den Sängern, welche die Noten nicht kennen, obgleich er früher sogar Theater-Sänger war. Da er sich willig dazu hergab, etwas zu singen, was er nicht kennen konnte, so glaubte ich schon, jene Beschuldigung sei falsch. Auch ging anfangs Alles sehr gut. Die Gräfin trug den langsamen, aus acht Takten bestehenden Gesang zuerst vor und Moncade wiederholte ihn mit all' den kleinen Verzierungen, die sie gemacht hatte, Note für Note. Als sodann aber seine zweite Stimme anfing, konnte er nicht weiter, ließ sich indessen nicht irre machen, und sang frischweg nach dem Gehöre, was denn freilich einigemal nicht sehr Cherubinisch klang. Als nun aber auch der dritte Sänger, der ebenfalls keine Musik hatte, nach seinem ersten einfachen Gesange beim Eintritt in die zweite Stimme selbst zu componiren anfing, wurde die Confusion und Disharmonie so groß, daß man aufhören mußte. Beide Sänger äußerten, ohne verlegen darüber zu sein, sie hätten gehofft, es würde gehen; ähnlich wie jener Engländer, welcher, da man ihn fragte, ob er Violine spiele, zur Antwort gab: »Es ist sehr möglich, ich habe es noch nicht versucht!«

Auch gibt es hier nicht selten unter dem rohen Haufen des Volkes ausgezeichnete Genies für bildende Kunst, die frühzeitig durch das Anschauen der öffentlichen Kunstwerke geweckt werden. So erregt schon seit einem Jahre und länger ein Straßenjunge die Aufmerksamkeit der hiesigen Maler durch sein außerordentliches Talent für ihre Kunst. Dieser Knabe, ohne je den geringsten Unterricht gehabt zu haben, zeichnet mit Kohle auf die weißen Wände der Häuser große historische Entwürfe, und es ist fast keine Straße hier, wo man nicht von seinen Kunstwerken sehen kann. Bald wählt er Madonnen oder Legenden, bald römische Triumphzüge zum Gegenstand. Nirgends hat er aber etwas Vorhandenes copirt oder sich selbst wiederholt; immer schafft seine Phantasie etwas Neues. Einige unter diesen Zeichnungen verdienen wegen des Reichthums der Composition von oft mehr als dreißig bis vierzig Figuren und der Correctheit der Zeichnung große Bewunderung. Am merkwürdigsten scheint mir aber die Sicherheit, mit der er seine Ideen entwirft. Da sieht man keine doppelte Striche in den Contouren oder etwas Weggewischtes; alles steht sogleich ganz rein da. Wenn er zeichnet, ist er immer von einer Menge Menschen umgeben, die seiner Geschicklichkeit mit Vergnügen zusehen; er ist aber so vertieft in sein Werk, daß er auf die umstehenden Zuschauer und ihre Bemerkungen nicht achtet. Man hat mir erzählt, daß Canova diesen Knaben zu sich genommen hatte, um sein Talent auszubilden; diese geordnete Lebensart gefiel ihm aber nicht, und er entfloh bald wieder.

 

Den 1. Januar 1817.

Das neue Jahr fängt sehr unangenehm für uns an. Heute früh wurde Emilie plötzlich krank. Der Arzt glaubt, sie werde das Scharlachfieber bekommen; sollte dies der Fall sein, so werden wir unsere Abreise nach Neapel, die auf den 7. festgesetzt war, noch wenigstens um vierzehn Tage verschieben müssen. Zu der Unannehmlichkeit, hier noch länger zwecklos und in Unruhe zu verweilen, kommt auch noch, daß wir nun unsere Landsleute, mit denen wir die Reise gemeinschaftlich machen wollten, allein reisen lassen und die am 12. d. M. stattfindende Eröffnung des St. Carlo-Theaters in Neapel versäumen müssen. Als Entschädigung für letzteres werden wir indessen die neue Oper von Rossini, die er für das Theater Valle schreibt, hören und das Debüt der Madame Schönberger im Theater Argentino noch hier erleben.

 

Den 8. Januar.

Nicht allein Emilie, auch Ida ist vom Scharlachfieber angesteckt worden, und die Abreise kann nun sicher vor dem 20. nicht stattfinden. Beide Kinder waren einige Tage recht krank und meine gute Dorette hat viel Unruhe und Besorgniß gehabt. Ich habe mich dadurch aufgeheitert und unterhalten, daß ich einige Räthsel-Kanons erfand und nun angefangen habe, mir ein neues Solo-Quartett zu schreiben.

Ich hätte so gern Rossini's Bekanntschaft gemacht; vor Beendigung seiner Oper ist aber nicht daran zu denken. Der Impressario, bei dem er wohnt, läßt ihn weder ausgehen, noch Besuch zu ihm hinein, damit er seine Arbeit nicht vernachlässige. Sollte seine Oper nicht vor unserer Abreise noch in Scene gehen, so werde ich ihn wahrscheinlich gar nicht zu sehen bekommen.

 

Den 18. Januar.

Die Kinder sind früher wieder hergestellt, als wir gehofft hatten, und wir haben übermorgen zu unserer Abreise nach Neapel bestimmt.

Am vorigen Donnerstag war ich wieder bei Sirletti und gestern in der Morgenmusik beim Grafen Apponyi; an beiden Orten wurde aber nichts aufgeführt, was einer besonderen Erwähnung werth wäre, mit Ausnahme eines schönen Quartetts von Mayer und eines Duetts aus einer komischen Oper von Fioravanti. Mayer zeichnet sich doch durch Gewissenhaftigkeit in der Harmonie, durch Regelmäßigkeit des Rhythmus und eine gute Stimmenführung in mehrstimmigen Sachen vor allen neueren Italienern sehr vorteilhaft aus. Das Duett von Fioravanti war mir deswegen merkwürdig, weil es ebenfalls mit dem neueren sogenannten blumigen Gesange ausgeschmückt ist, woraus ich sehe, daß Rossini nicht der erste und einzige ist, der sich dessen bedient. Ich fange überdies an, günstiger von ihm zu urtheilen, sobald er sich nicht über die Grenzen der komischen Oper hinaus wagt und seine Musik so graziös ausgeführt wird, wie von der Gräfin Apponyi und Moncade.

Am 20. Januar reis'ten wir von Rom ab. Die Campagna di Roma ist hier zwar eben so wenig angebaut, wie auf jener Seite; der Weg bis Albano hat aber dadurch viel Interesse, daß man allenthalben auf Alterthümer stößt. Besonders geben die häufigen Ueberreste von drei oder vier altrömischen Wasserleitungen der Gegend ein sehr romantisches Ansehen. Eine der Wasserleitungen, die am wenigsten beschädigt war, ist in späteren Zeiten ausgebessert worden und dient noch jetzt dazu, Rom von dieser Seite her mit Wasser zu versehen.

Während unser Vetturino in Albano fütterte, erstieg ich den Berg, auf dessen Anhöhe der Albaner See sich befindet. Die Aussicht über denselben nach Rom hin ist entzückend schön. In der Tiefe zu seinen Füßen hat man den See mit den hohen, steilen, reich mit Buschwerk und Bäumen bewachsenen Ufern; auf der rechten Seite ein langes Gebäude, dessen Bestimmung ich nicht kenne; links auf dem hohen, scharfen Ufer sieht man Castel Gandolfo liegen und in weiter Entfernung die Häusermasse von Rom. Die Form des See's und seine hohen, steilen Ufer zeigen deutlich, daß er durch das Einstürzen eines ausgebrannten Kraters entstanden ist.

Der Weg von Albano bis zu dem kleinen, schmutzigen Städtchen Velletri, wo wir unser erstes Nachtquartier nahmen, bietet viel Abwechslung dar.

Am zweiten Tage kamen wir durch die pontinischen Sümpfe, die sich von Velletri bis Terracina vierundvierzig Miglien weit erstrecken. So traurig und öde, wie wir sie erwarteten, fanden wir sie nicht, weil man doch immer den Blick auf's Gebirge zur Linken hat und hin und wieder sogar einigen Anbau findet. Auch beleben die häufigen Heerden von Ochsen, Büffeln, Schweinen und in trockenen Gegenden auch von Schafen die einförmige Ebene einigermaßen. Häuser sieht man aber sehr selten und die Bewohner haben immer ein bleiches, ungesundes Aussehen. In der heißen Jahreszeit sind die Ausdünstungen der Sümpfe selbst für schnell Durchreisende sehr gefährlich, besonders wenn man sich dem Schlafe überläßt, zu welchem man durch die Einförmigkeit des Weges sehr gereizt wird. Erst vorigen Sommer hat ein junges Mädchen, die der Versuchung zu schlafen nicht widerstehen konnte, hier den Tod eingeathmet und ist schon drei Tage nach ihrer Ankunft in Neapel von einem bösartigen Fieber hingerafft worden. Aehnliche Fälle sind im Sommer gar nichts Seltenes.

In Torre a tre ponti, einem einzelnen Wirthshause, wo die Bewohner alle wie eben aus dem Grabe erstanden aussahen, machten wir Mittag und bekamen delikates Fleisch und Braten von wilden Enten und Gänsen, deren es ungeheuere Schwärme in den unangebauten Gegenden der Sümpfe gibt.

Terracina, wohin wir mit Anbruch der Nacht kamen, hat eine äußerst reizende Lage. Die Stadt liegt hoch auf wilden Felsen; wir blieben aber unten dicht am Meere in einem sehr vorzüglichen Gasthause. Aus unseren Fenstern hatten wir den Blick auf's Meer und genossen am anderen Morgen den einzig herrlichen Anblick der aufgehenden Sonne. Dicht unter unseren Fenstern rauschte die Brandung, ungeachtet der Wind den Tag über nicht heftig gewesen war. Die Luft war so mild, wie nach einem warmen Sommertage in Deutschland, und wir sahen noch spät bei Mondenschein den Fischern zu, die kühn durch die Brandung schifften, um ihre Netze auszuwerfen.

Am anderen Morgen hatten wir die wegen Räuber gefährlichste Strecke der ganzen Reise zu passiren. Zwischen Terracina und Fondi fährt man nämlich in einer wenig bewohnten Gegend fast immer zwischen lauter halbhohem Gebüsch, wo sich das Räubergesindel leicht verstecken und aus dem Hinterhalte die Reisenden und ihre Escorte niederschießen konnte. Hier wurden denn auch die meisten Räubereien begangen und erst kürzlich wieder Reisende angefallen. Nun hat aber die Regierung endlich ernstliche Maßregeln ergriffen. Wir fanden einige hundert Bauern beschäftigt, alle Büsche zu beiden Seiten des Weges abzuhauen und zu verbrennen. Es begegneten uns starke Abtheilungen Soldaten, die das Gesindel in ihren Schlupfwinkeln aufsuchen sollen. Man hat sie auch schon zu zwanzig bis dreißig eingebracht und nach kurzem Prozeß aufgehängt. Diesseits der neapolitanischen Grenze fanden wir alle Viertelstunde ein Piquet von zehn Soldaten, die am Wege bivouakiren und während der Nacht Patrouillen ausschicken.

In Fondi, einem ärmlichen, schmutzigen Neste, wo wir von Bettlern beinahe zerrissen wurden, sahen wir die ersten großen Citronen-, Pomeranzen- und Orangen-Gärten. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt und ergötzten uns an dem Anblick der herrlichen Bäume, die ganz voll der schönsten Früchte hingen. In den Gärten und auf dem Markte sahen wir frisches Gemüse: Blumenkohl, Savoyen-Kohl, Möhren u. s. w. Um Mittag aber war die Hitze so groß, daß wir den Schatten suchen mußten.

Die Nacht blieben wir in Molo di Gaëta, einem ebenfalls dicht am Meere liegenden Städtchen. Aus den Fenstern unseres Wirthshauses sahen wir Abends die Fischer bei Fackelschein auf den Fang ausfahren. Zwischen Molo und St. Agata fanden wir manche immergrüne Gewächse, die man selbst im nördlichen Italien nicht kennt, und auf den Felsen mehrere Arten Aloe, die man bei uns in den Gewächshäusern zieht. Andere, auch bei uns einheimische Gebüsche hatten schon ihr erstes Grün getrieben. Am Wege dufteten Veilchen und in den Feldern die Blüthe von Feldbohnen.

Capua, wo wir unser letztes Nachtquartier nahmen, ist eine hübsche Stadt mit schönen Gebäuden. Wir aßen Abends mit ein paar österreichischen Offizieren, die unter anderem erzählten, daß man auch in Capua die Menschen nicht begrabe, sondern in eine, eine Viertelstunde von der Stadt entfernte Höhle stürze, die unergründlich tief sei und auf ihrem Grund mit dem Meere zusammenhängen müsse, indem man nach langer Zeit das Hineingeworfene ins Wasser fallen höre.

Der Weg von Capua nach Neapel ist der uninteressanteste der ganzen Reise. Man sieht zu beiden Seiten des Weges nichts anderes, als hohe Maulbeerbäume mit Weinranken, beide jetzt ohne Blätter. Nachmittags um zwei Uhr kamen wir endlich in dem langersehnten Neapel an und fanden ein von unseren deutschen Landsleuten für uns bestelltes Logis zu unserer Aufnahme bereit.

 

Ende des ersten Bandes.

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