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Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band
publisherGeorg H. Wigand
year1860
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Inzwischen hatte sich in meiner Stellung zum Theater an der Wien und zu dessen Besitzer manches geändert. Mit dem Grafen Palffy hatte ich mich förmlich überworfen. Die Veranlassung dazu war folgende: Eines Abends, als ich in das Orchester trat, sah ich auf Seyfried's Platze den dritten Kapellmeister des Theaters, Herrn Buchwieser, den Vater der ersten Sängerin. Ich machte ihm bemerklich, daß nur mir die Leitung der Oper zustehe, wenn Seyfried abgehalten sei, und bat ihn deshalb, sich zu entfernen. Dieser weigerte sich mit der Bemerkung, daß der Graf selbst ihn aufgefordert habe, die Oper zu dirigiren und zwar auf den Wunsch seiner Tochter, die unter seiner Leitung am liebsten singe. Da alle meine Gegenbemerkungen nichts fruchteten und ich es unter meiner Würde hielt, unter einem so obscuren Dirigenten bei der Geige vorzuspielen, so verließ ich das Orchester und kehrte nach Haus zurück. Am anderen Morgen beklagte ich mich schriftlich beim Grafen über diesen Eingriff in meine contractlich zugesicherten Rechte und verwahrte mich gegen jede Wiederholung desselben.

Der Graf, aufgehetzt von der Prima Donna, die es sehr übel genommen hatte, daß ich nicht unter der Leitung ihres Vaters vorspielen wollte, antwortete statt mit Entschuldigungen, die ich erwarten durfte, mit Grobheiten, welche ich meinerseits mit derberen erwiderte. Der Graf und seine Creaturen suchten mir von nun an allen möglichen Verdruß zu bereiten, was mir meine Stellung sehr verleidete. Dazu kam noch, daß Palffy, seit es ihm geglückt war, die beiden Hoftheater in Pacht zu bekommen, sein eigenes Theater sehr zurücksetzte. Er nahm ihm die besten Sänger und den besten Theil des Chors weg, um sie dem Personal des Kärnthnerthor-Theaters einzuverleiben, so daß an der Wien von da an fast nur noch Spektakel-Stücke und Volks-Opern gegeben wurden. Da ich nicht verpflichtet war, bei diesen mitzuwirken, so hatte ich fast gar nichts mehr im Theater zu thun. Ich konnte daher mit Gewißheit voraussehen, daß ich nach Ablauf meines Vertrags entlassen werden würde. Da nun, nachdem Napoleon besiegt und nach Elba verbannt war, ein allgemeiner europäischer Friede in Aussicht stand, und ich daher große Lust bekam, die schon längst projektirte Kunstreise durch ganz Europa baldmöglichst anzutreten, so schlug ich dem Grafen vor, unseren Vertrag nach Ablauf des zweiten Jahres aufzulösen und verlangte als Entschädigung die Hälfte meines Gehaltes für das dritte Jahr in einer Summe. Jener ging gern darauf ein und so schieden wir in Frieden.

Ich beeilte mich, alle Anstalten zu treffen, um meine Reise mit dem Frühjahre beginnen zu können. Sie sollte zunächst durch Deutschland und die Schweiz nach Italien führen, wohin mich meine Sehnsucht schon längst zog. Da ich die Absicht hatte, meine Kinder mitzunehmen, weil ich voraussah, daß die Mutter auf so lange sich nicht werde von ihnen trennen können ohne in Sehnsucht zu vergehen, so mußte ich vor allem für einen größeren Reisewagen sorgen, der uns sämmtlich nebst den Instrumenten aufnehmen konnte. Eine schwierige Aufgabe dabei war, ihn so leicht zu bauen, daß er mit drei Postpferden gefahren werden konnte. Ich besprach mich darüber mit dem genialen Maschinisten am Theater an der Wien, Herrn Langhans, später Ober-Baudirektor in Berlin, der das Ergebniß unserer Ueberlegung in einer Zeichnung zusammenfaßte, nach welcher der Wagen alsdann gebaut wurde. Er hatte ein festes Dach, auf dem der mit Leder überzogene Harfenkasten und eine Kleiderwasche Platz fanden. Der Violinkasten wurde in einen Behälter unter dem Kutschersitze geschoben, so daß der sämmtliche Raum im Innern des Wagens für die Reisenden blieb.

In meinem Verhältnisse zu Herrn von Tost war ebenfalls eine bedenkliche Veränderung vorgegangen. Ich hatte ihm nach Ausgleichung unserer früheren Rechnung, die durch Ablieferung der Cantate »das befreite Deutschland« bewirkt war, nun schon wieder vier Manuscripte, das Octett, zwei Quartetten und ein zweites Quintett eingehändigt, ohne dafür das festgesetzte Honorar empfangen zu haben. Ich dachte mir bei dieser Zahlungs-Zögerung anfangs nichts arges. Als sich aber plötzlich in der Stadt das Gerücht verbreitete, der reiche Herr von Tost habe große Verluste erlitten und stehe nun im Begriff zu falliren, als er sich bei mir nicht mehr blicken ließ, ja sogar bei einer Musikpartie, wo ich eines seiner Manuscripte vortrug, fehlte und nur die Musikmappe schickte, da wurde die Sache doch bedenklich. Ich trug ihm daher selbst die Mappe wieder hin, um bei dieser Gelegenheit wo möglich mit ihm ins Klare zu kommen. Den sonst so jovialen Mann fand ich sehr niedergebeugt. Ohne Rückhalt gestand er mir seine bedrängte Lage. Es sei ihm besonders schmerzlich, sagte er, seinen Verpflichtungen gegen mich nicht nachkommen zu können; er wolle mir aber, da ohnehin seine Pläne für die Zukunft gestört, wo nicht gänzlich vernichtet seien, sogleich vor Ablauf der bedungenen Zeit, alle meine Manuscripte zurückgeben, damit ich sie alsbald an einen Verleger verkaufen könne. Für die Verluste, die ich dabei erleide, wolle er mir als Entschädigung einen Wechsel auf hundert Dukaten ausstellen, den er, sobald sich seine Lage nur ein wenig günstiger gestaltet habe, gewissenhaft einlösen werde. Hierauf holte er sämmtliche Manuskripte herbei und händigte sie mir ein. Ich, der ich der Ansicht war, Herr von Tost habe den kurzen Besitz derselben überreichlich durch die kostbare Einrichtung, die er für mich eingekauft und zu so geringen Preisen angerechnet hatte, vergütet, war durch die Rückgabe meiner Manuskripte vollkommen befriedigt und verzichtete auf jede weitere Entschädigung. Da ich indessen bemerkte, daß Herr von Tost sich dadurch gekränkt fühlte, so nahm ich den Wechsel, wohl wissend, daß bei meiner bevorstehenden Abreise von Wien an eine demnächstige Einlösung desselben nicht zu denken sein würde.

Ich verkaufte nun die sämmtlichen Tost'schen Manuscripte an zwei Wiener Verleger und erhielt, da sie durch die häufigen Aufführungen sehr in Ruf gekommen waren, ansehnliche Honorare.

Zu Anfang des Jahres 1815 schrieb ich noch ein Quartett in C-dur (Nr. 2 des Op. 29) und ein neues Violin-Concert (das siebente, Op. 38) so wie Variationen, die ungedruckt geblieben sind, zum Gebrauche für die bevorstehende Reise; die beiden letzteren Compositionen trug ich auch in meinem Abschieds-Concert am 19. Februar 1815 vor. Ueber dieses letzte Concert, welches ich in Wien gab, berichtete die Musikalische Zeitung sehr anerkennend. Hinsichtlich des neuesten Violin-Concertes ( E-moll, C-dur, E-dur) wird bemerkt: »Sehr schwer für die Solostimme sowohl als für die Accompagnirenden. Eine herrliche, gediegene Composition; schöner fließender Gesang, überraschende Modulationen, voll kühner, kanonischer Imitationen, eine immer neue, reizende, glücklich berechnete Instrumentirung. Vorzüglich hinreißend ist das schmelzende Adagio.« Zum Schlusse heißt es: »Ueber die Verdienste dieses Meisterkünstlers ist hier und wohl auch in ganz Deutschland nur eine Stimme. Wir erinnern uns noch mit lebhaftem Vergnügen des Triumphes, welchen er vor zwei Jahren über seinen Rivalen, den großen Rode, errang. Gegenwärtig verläßt er uns, um eine große Künstlerreise anzutreten. Sein erster Ausflug ist nach Prag, wo seine neue Oper »Faust« bereits einstudirt wird ... Möge es ihm, der sich durch sein Talent und seinen offenen, männlichen Charakter ein würdiges Denkmal in unseren Herzen gesetzt hat, immer und überall wohlergehen!«

Ich hatte damals wirklich die Absicht, zuerst nach Prag zu gehen, um der Aufführung meiner Oper, die Carl Maria von Weber bereits einstudirte, beizuwohnen. Später gab ich jedoch diesen Plan auf. Ich erhielt nämlich von meinem ehemaligen Intendanten, dem Baron von Reibnitz in Breslau, einen Brief, in welchem dieser im Namen einer ihm befreundeten Familie, der des Fürsten von Carolath, anfragte, ob ich wohl geneigt sei, die Sommermonate bei ihr auf ihrer Herrschaft Carolath in Schlesien zuzubringen? Die Fürstin wünsche, daß ihre beiden Töchter, deren eine Harfe, die andere Pianoforte spiele, von meiner Frau in der Musik unterrichtet würden. Man werde bemüht sein, mir und meiner Familie den Aufenthalt auf ihrem reizend gelegenen Schlosse so angenehm als möglich zu machen. Er, der Baron, sei auch eingeladen und werde sich unendlich freuen, wenn ich die Einladung annehme, um einmal wieder mit mir zusammen sein zu können.

Weil das Frühjahr und der Sommer nun ohnehin wenig geeignete Jahreszeiten sind, um Concerte zu geben und Dorette und die Kinder sich von dem Aufenthalte in Carolath viel Vergnügen versprachen, so sagte ich gern zu. Ich beeilte daher die Voranstalten zu unserer Abreise, um noch vor der schönen Jahreszeit einige Concerte in Breslau und der Umgegend geben zu können. Das nächste war der Verkauf unserer Möbeln und Hausgeräthe, der sehr schnell von statten ging, weil sich sogleich nach der Ankündigung eine Menge Käufer einstellten. Da unsere Einrichtung höchst elegant und dabei fast noch neu war, so überboten sich die Käufer und wir lösten daher eine Summe, die weit über unsere Erwartung ging. Diese sowie meine Wiener Ersparnisse, die noch in Papiergeld vorlagen, trug ich nun zu einem Banquier und setzte sie in Geld um. Kaum war dies geschehen, so wurde ganz Wien durch die Nachricht alarmirt, Napoleon sei von Elba entflohen, in Frankreich gelandet und mit Jubel begrüßt worden. Die Course fielen plötzlich so tief, daß wenn ich noch einen Tag länger mit dem Auswechseln meines Papiergeldes gewartet hätte, ich dadurch einen Verlust von mehr als fünfzig Dukaten erlitten haben würde.

Als ich den ersten Gedanken zu meiner großen Reise durch Europa faßte, kam mir auch der, ein Album anzulegen, auf dessen Blätter ich Compositionen aller der Künstler, deren Bekanntschaft ich machen würde, einsammeln wollte. Ich begann sogleich mit den Wienern und erhielt auch von sämmtlichen dortigen Componisten meiner Bekanntschaft kleine, eigenhändig geschriebene und größtentheils für mein Album eigens gefertigte Arbeiten. Der werthvollste Beitrag ist mir der von Beethoven. Es ist ein dreistimmiger Canon über die Worte aus Schillers »Jungfrau von Orleans«: »Kurz ist der Schmerz, und ewig währt die Freude.« Bemerkenswerth ist: 1) daß Beethoven, dessen Schrift, Noten wie Text, in der Regel fast unleserlich waren, dieses Blatt mit besonderer Geduld geschrieben haben muß; denn es ist sauber vom Anfange bis zum Ende, was um so mehr sagen will, da er sogar die Notenlinien selbst und zwar aus freier Hand, ohne Rostral, gezogen hat; 2) daß sodann nach dem Eintritte der dritten Stimme ein Takt fehlt, den ich habe ergänzen müssen. Das Blatt schließt mit dem Wunsche:

 

»Mögten Sie doch, lieber Spohr, überall, wo Sie wahre Kunst und wahre Künstler finden, gerne meiner gedenken, Ihres Freundes

Ludwig van Beethoven.
Wien, am 3. März 1815.«

 

Ich habe für dieses Album auf allen meinen späteren Reisen Beiträge erhalten und besitze daher eine höchst interessante Sammlung kleiner Compositionen von deutschen, italienischen, französischen, englischen und holländischen Künstlern Wir geben als Anlage des Buches eine Auswahl dieser Blätter als Faksimiles..

*

Im Begriffe, von Wien zu scheiden, glaube ich nun noch einiges dort Erlebte nachholen zu müssen, was zu erzählen ich bisher keine Veranlassung fand. Zuerst in Bezug aus meinen Orchesterdienst. Dieser wurde mir einigemale dadurch sehr lästig, daß dieselbe Vorstellung an zwanzig bis dreißig Abenden hinter einander wiederholt wurde. Es geschah dies nicht nur mit zwei Mozart'schen Opern, dem »Don Juan« und der »Zauberflöte«, die während meines Engagements neu besetzt und höchst glänzend ausgestattet wieder in Scene gingen, sondern auch ein Ballet, in welchem ich mehrere Violinsoli vorzutragen hatte, erlebte zur Zeit des Congresses eine zahllose Menge von Wiederholungen. Wie es hieß, erinnere ich mir nicht mehr, wohl aber, daß die vom Grafen Palffy aus Paris verschriebenen berühmten Tänzer, Duport und die Damen Bigottini und Petitaimée darin tanzten. An sich spielte ich nun zwar diese Soli nicht ungern, da das Publikum stets aufmerksam zuhörte und mir reichen Beifall spendete; ärgerlich war es mir aber, daß ich meine Tempi nach den Schritten der Tänzer abmessen mußte und daß ich meine Fermaten und Cadenzen nicht beliebig ausdehnen durfte, weil die Tänzer nicht im Stande waren, so lange in ihren Gruppirungen zu verharren. Es setzte daher manchen Wortwechsel mit dem Balletmeister, bis ich mich endlich fügen lernte. Die Monotonie meines Dienstes suchte ich mir dadurch einigermaßen zu versüßen, daß ich meine Soli immer reicher verzierte und ausschmückte. Besonders war dies mit dem Troubadour aus »Johann von Paris« der Fall, der einem pas de trois in jenem Ballete untergelegt war. Es waren, wie in der Oper, drei Strophen, deren erste das Horn, die zweite das Violoncell und die dritte die Violine vorzutragen hatte. Ich verzierte meine Strophe anfangs sehr singbar. Als ich aber bemerkte, daß mir die Prima Donna, Demoiselle Buchwieser, bei der nächsten Ausführung der Oper meine Verzierungen, die sie sich gut gemerkt hatte, nachsang und damit großes Glück machte, so ärgerte mich dies, weil ich die Sängerin nicht leiden mochte, und ich verzierte daher von nun an in einer Weise, die sie mit der Kehle nicht nachahmen konnte.

Außer den genannten beiden Mozart'schen Opern erlebte aber auch noch eine dritte, eine neue Volks-Oper mit Musik von Hummel, durch einen sonderbaren Zufall, wie er wohl kein zweitesmal vorkommen wird, eine lange Reihe von täglichen Aufführungen. Sie hieß »die Prinzessin Eselshaut« und war von Seiten der Dichtung ein so erbärmliches Machwerk, daß sie trotz der hübschen Musik, die auch in fünf bis sechs Nummern großen Beifall fand, am Ende einstimmig und ohne allen Widerspruch ausgepfiffen wurde. Damit war sie nun nach Wiener Herkommen begraben. Hummel, der dirigirte, hatte sich auch schon gegen mich, der ihm zu Ehren vorspielte, ganz resignirt geäußert: »Wieder eine total verlorene Arbeit!« Als nun aber am folgenden Abend ein anderes Stück angesetzt werden sollte, wollte sich ein solches wegen Krankheit mehrerer Mitglieder bei Oper und Schauspiel, durchaus nicht auffinden lassen und man war daher zu einer Wiederholung der Oper genöthigt, selbst auf die Gefahr hin, dadurch Skandal im Theater zu erregen. Es wurde aber an jenem Abend, eben des erwarteten Skandals wegen, ungeheuer voll und man Pfiff das Stück nach jedem Akt und am Schlusse von neuem aus. Die Musikstücke fanden aber noch mehr Beifall als das erstemal, und der Componist wurde sogar am Ende, nachdem das Pfeifen verklungen war, mit Applaus herausgerufen. Da die Krankheiten fortdauerten, so mußte noch ein dritter Versuch gemacht werden, der ungefähr wie der vorige ablief. Doch war die Opposition gegen das Stück schon geringer und die Musik gewann sich immer mehr Freunde. So konnte man ruhig fortfahren und es fanden sich auch an den folgenden Abenden wieder neue Zuhörer in genügender Anzahl ein. Am Ende wurde es Mode, hinein zu gehen, auf das Stück zu schimpfen und die Musik zu loben. Hummel benutzte das schnell und gab einen Clavier-Auszug der beliebtesten Nummern heraus, der reißend abging. So war es doch keine verlorene Arbeit, wie er am ersten Abend gefürchtet hatte!

Nicht so glücklich war Pixis mit seiner Oper »der Zauberspruch«. Sie erlag dem schlechten Buche, ohne daß die Musik sie über Wasser zu halten vermochte, obgleich sie doch auch manche gelungene Nummer enthielt. Sie gab zu einem ächten Wiener Witze Veranlassung. Ein Freund des Componisten, welcher der ersten Aufführung nicht hatte beiwohnen können, fragte einen Anderen, der dort gewesen war: »Nun wie ist's mit der Oper von Pixis?« – »Nix is!« war die Antwort.

Noch eines Wiener Erlebnisses kann ich hier erwähnen, weil es zu denen gehört, die einen tiefen Eindruck hinterlassen und deshalb dem Gedächtnisse nicht so leicht entschwinden. Es war eine ungewöhnlich große Ueberschwemmung, wie sie dort vielleicht nur einmal in jedem Jahrhundert vorkommt, veranlaßt durch das Austreten des kleinen Flüßchens, »die Wien«, an deren Ufer meine Wohnung lag. Sie wurde damals so groß, weil auch die Donau zugleich aus ihren Ufern trat und das Wasser der Wien nun keinen Ausfluß mehr fand. Den Beginn der Ueberschwemmung hatte ich nicht bemerkt, weil ich bei einer Probe im Theater beschäftigt war. Nach deren Beendigung fand ich die Straße, die zu meiner Wohnung führte aber schon überschwemmte und ich erkannte, daß ich mich beeilen müsse, um noch durchwaten zu können. Demungeachtet holte ich erst meinen Geigenkasten aus dem Orchester, weil ich voraussah, daß auch dieses unter Wasser gesetzt werden würde. Nun war die Fluth schon so gestiegen, daß mir das Wasser an einigen Stellen bis über die Knie reichte. Meine Familie und noch mehr die anderen Hausbewohner fand ich in der größten Bestürzung. Mein Hauswirth, der Tischler, flüchtete mit den Seinigen bereits in die Höhe durch meine Etage auf den Boden und suchte dort seine Sachen im Trocknen zu bergen. Seine Eile that Noth; denn das Wasser stieg so reißend schnell, daß es nach einigen Stunden fast bis zum ersten Stock reichte. Nun hatten die erschrockenen Bewohner der Vorstadt einen Anblick, wie sie ihn noch nicht erlebt hatten. Die brausenden Wogen führten in buntester Mischung die verschiedenartigsten Gegenstände herbei: Ackergeräth, Wagen mit Heu oder Holz beladen, Trümmer von Ställen, todtes Vieh, ja sogar eine Wiege mit einem schreienden Kinde, welches jedoch glücklich in einem Kahn gerettet wurde. Die Hausbesitzer, mit langen Stangen bewaffnet, waren bemüht, die vorbeischwimmenden Gegenstände fern zu halten, damit sie die Wände der Häuser nicht beschädigten; andere suchten dagegen mit Haken die Möbeln oder andere Hausgeräthe herbeizuziehen, um sie aufzufischen und zu den Fenstern herein zu bergen. Einige Stunden später, als solche Gegenstände nicht mehr vorbeiflossen, erschienen dann Kähne mit Lebensmitteln beladen, die in den überschwemmten Straßen guten Absatz fanden. Andere brachten gegen Abend die Beamten und Geschäftsleute aus der Stadt in ihre Wohnungen zu den ängstlich harrenden Familien. Da der Regen in Strömen herabfloß, so erhielt sich die Überschwemmung fortwährend in gleicher Höhe und es war bis zum Anbruch der Nacht noch kein Sinken des Wassers zu bemerken. So lange es hell blieb, war die Scene ganz unterhaltend; als aber die Nacht hereinbrach, wurde sie schauerlich. Das Tosen des Wassers und das Heulen des Sturmes ließen zu keiner Ruhe kommen; auch war es nicht rathsam sich niederzulegen, da man nicht wissen konnte, was noch geschehen werde. Ich bettete daher meine Kinder angezogen neben mich auf mein Canapee. Da nun auch Dorette neben ihnen bald eingeschlafen war, so setzte ich mich an meine Arbeit, eine neue Gesangs-Composition, um dem Schlafe besser widerstehen zu können. Es gelang mir auch ganz gut. Doch hatte mich der Eifer im Schaffen einigemal an's Clavier geführt, was meine Wirthsleute, die über mir auf dem Boden die halbe Nacht auf den Knieen lagen und beteten, sehr übel nahmen. »Dieser Lutherische Ketzer wird uns durch sein unchristliches Singen und Spielen in noch größeres Unglück stürzen!« hatte die Frau heulend geklagt, wie das Kindermädchen am anderen Morgen erzählte. Doch die Nacht verging ohne weiteren Unfall, und bei Anbruch des Tages war das Wasser schon bedeutend gefallen. Indessen dauerte es noch bis zum Abend, bevor es so weit abfloß, daß man wieder zu Fuß durch die Straßen gehen konnte. Das Theater an der Wien mußte aber acht Tage geschlossen bleiben, weil man so lange gebrauchte, um alle Spuren der Überschwemmung zu tilgen.

*

Nach einem wehmüthigen Abschiede von dem lieben Wien, wo wir so glückliche Tage verlebt hatten, trat ich mit meiner Familie die große Reise am 8. März 1815 an. Mein Bruder Ferdinand, dessen Engagement beim Theater an der Wien noch ein Jahr dauerte, blieb allein zurück. Nach Ablauf desselben fand er in der Berliner Kapelle eine Anstellung.

Unser erster Aufenthalt war in Brünn, wo wir Concert gaben. Wie es ausfiel, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber, daß ich mit der Orchester-Begleitung sehr unzufrieden war. In dieser Hinsicht war ich freilich durch mein vortreffliches Orchester in Wien sehr verwöhnt worden.

Von Brünn gingen wir nach Breslau, wo wir im April ebenfalls zwei Concerte gaben; doch ohne zahlreichen Besuch. Die Verstimmung über den neu ausbrechenden Krieg und über die großen Opfer, die jeder Einzelne für die neuen Rüstungen darbringen mußte, war freilich damals so allgemein, daß es wohl nie einen ungünstigeren Zeitpunkt für Concert-Unternehmungen gegeben haben mag. In einer so musikalischen Stadt, wie Breslau von jeher war, fehlte es aber auch in jener kriegerischen Zeit nicht an eifrigen Musikfreunden, denen es Lebensbedürfniß war, Musik zu hören. Ich wurde daher häufig in Privatzirkel eingeladen, wo ich Gelegenheit fand, meine Wiener Compositionen aus der Tost'schen Mappe vorzutragen. Dieselben fanden großen Anklang, besonders die beiden Quintetten, die ich daher sehr oft wiederholen mußte. Auch schrieb ich auf den Wunsch meines Freundes, des Domkapellmeister Schnabel, ein Offertorium für eine Solo-Sopranstimme und Chor mit obligater Violine und Orchester, welches, wie das Verzeichniß meiner Compositionen besagt, am 16. April im Dom aufgeführt wurde, und bei welchem ich die Violinpartie übernahm. Da ich die Original-Partitur dort zurückließ und sie seit jener Zeit nie wiedergesehen habe, so vermag ich nicht zu sagen, ob die Composition Werth hat. Wahrscheinlich befindet sie sich noch in der Dom-Bibliothek.

* * *

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