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Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band

Louis Spohr: Louis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorLouis Spohr
titleLouis Spohr's Selbstbiographie. Erster Band
publisherGeorg H. Wigand
year1860
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Im Frühjahr 1809 sah ich mich durch die außergewöhnlichen Ausgaben, welche die Niederkunft und die darauf folgende Krankheit meiner Frau, wie der dadurch nöthig gewordene Umzug in eine zweite Wohnung außerhalb der Stadt verursacht hatten, so in meinen Finanzen bedrängt, daß ich ernstlich wünschen mußte, die Zusage baldiger Gehaltserhöhung, die mir bei meiner Anstellung gemacht worden war, zur Wahrheit werden zu sehen. Ich wandte mich daher mit einem Gesuche an den Herzog, welches aber, da dieser sich um Verwaltungs-Angelegenheiten nicht bekümmerte, ganz ohne Erfolg blieb und wahrscheinlich ungelesen bei Seite gelegt war. Der Intendant, Baron von Reibnitz, rieth mir daher, mich nun an den Geheimerath von Frankenberg zu wenden und diesem persönlich mein Gesuch um Gehaltszulage zu überreichen. Ich befolgte den Rath und pilgerte an einem schönen Frühlingsnachmittage nach dem Gute des Geheimerathes, welches, eine halbe Stunde von Gotha entfernt, an der Erfurter Straße lag. Ich traf ihn in seinem Garten unter einer großen Linde sitzend und mit seiner Tochter Schach spielend. Da ich dieses Spiel seit meiner frühesten Jugend kannte, übte und leidenschaftlich liebte, so wandte ich, nach kurzer Begrüßung der Spielenden, sogleich meine ganze Aufmerksamkeit der eben gespielten Partie zu. Als dies der Geheimerath bemerkte, ließ er für mich neben den Spieltisch einen Stuhl setzen und spielte ruhig weiter. Das Spiel stand bei meiner Ankunft schon sehr schlecht für die Tochter, und es dauerte daher auch nicht lange, so wurde sie vom Vater matt gesetzt. Ich hatte mir den Stand der Figuren wohl gemerkt, und es war mir dabei ein Ausweg eingefallen, wie dem Matt noch vorgebeugt werden konnte. Ich äußerte dies und sogleich wurde ich vom Geheimerath, der seines Sieges gewiß zu sein glaubte, aufgefordert, einen Versuch damit zu machen. Die Figuren wurden wieder aufgesetzt, wie sie bei meiner Ankunft standen und ich übernahm nun das Spiel der Tochter. Nach einigen gut combinirten Zügen gelang es mir, meinen König aus aller Gefahr zu befreien und ich operirte nun mit solchem Erfolg gegen meinen Gegner, daß dieser sich bald für besiegt erklären mußte. Der Geheimerath, obgleich ein wenig empfindlich über seine Niederlage, war doch auch sehr betroffen über den unerwarteten Ausgang des Spiels. Er reichte mir mit Freundlichkeit die Hand und sagte: »Sie sind ein tüchtiger Schachspieler und müssen mir öfter das Vergnügen machen, mit mir zu spielen.« Dies geschah, und da ich weltklug genug war, nicht zu viele Partien zu gewinnen, so setzte ich mich bei meinem neuen Gönner bald in große Gunst, und die Folge davon war, daß das Rescript über eine Zulage von zweihundert Thalern sehr bald ausgefertigt wurde.

*

Dorette hatte gegen die Mitte des Sommers durch den fortwährenden Genuß der freien Luft und durch häufige Spaziergänge, die nach und nach bis zu kleinen Ausflügen in die Umgegend ausgedehnt wurden, ihre frühere Kraft und Gesundheit wiedergewonnen und widmete sich nun mit erneuetem Eifer dem Studium ihres Instrumentes, um sich für die beabsichtigte zweite große Kunstreise würdig vorzubereiten. Da ich die Eigenthümlichkeit der Harfe, ihre Effecte und Das, was meine Frau insbesondere darauf zu leisten vermochte, nun immer genauer kennen lernte, schrieb ich in jener Zeit wieder eine große Sonate für Harfe und Violine ( Op. 115 bei Schuberth in Hamburg) und bemühte mich, das Ergebniß meiner Erfahrungen dabei in Anwendung zu bringen. Es gelang mir; die Harfenpartie dieser Sonate war bequemer zu spielen und zugleich brillanter, wie die der früheren. Dorette übte sie daher mit besonderer Vorliebe ein und spielte dieses neue Werk bald mit derselben Sicherheit, wie die vorhergehenden.

So nun von neuem zu einer Kunstreise gerüstet, fingen wir an zu überlegen, welche Richtung für dieselbe wohl die vortheilhafteste sein werde. Ich hatte von einem Reisenden, der eben aus Rußland zurückkehrte, erfahren, daß mein und meiner Frau Künstlerruf auch schon bis dahin gedrungen sei und daß man unserem Besuche in Petersburg bereits vergangenen Winter entgegen gesehen habe. Da ich überdies hoffen durfte, vom Hofe zu Weimar gewichtige Empfehlungen an den kaiserlichen Hof zu Petersburg zu erhalten, so schien mir eine Reise nach Rußland den meisten Erfolg zu versprechen. In eine so weite Entfernung von der Heimath wollte Dorette aber nicht einwilligen, weil sie die Trennung von ihren Kindern auf so lange Zeit nicht glaubte ertragen zu können. Als ich ihr aber vorstellte, daß, wenn wir überhaupt nach Rußland reisen wollten, dies jetzt, wo unsere Kinder in der sorgsamen Pflege der Großmutter uns noch wenig vermissen würden, leichter auszuführen sein werde, als später, so gab sie, wiewohl mit blutendem Herzen, endlich ihre Zustimmung. Da ich voraus wußte, daß auch die Herzogin in eine so lange Entfernung, als zu einer Reise nach Rußland erforderlich war, nicht einwilligen werde, so verschwieg ich für jetzt das Ziel unserer Reise und nannte als solches Breslau, wozu ich einen dreimonatlichen Urlaub erbat und erhielt. Von dort aus wollte ich dann um Verlängerung desselben zur Weiterreise nachsuchen.

Wir traten unsere Reise im Oktober 1809 an, spielten zuerst in Weimar und erhielten dort von der Großfürstin die gewünschte Empfehlung an ihren Bruder, den Kaiser Alexander, so wie noch andere an russische Große. Dann gaben wir in Leipzig Concert, worüber die Musikalische Zeitung folgenden kurzen Bericht enthält: »Herr Concertmeister Spohr mit seiner Gattin machte uns das Vergnügen, einen ganzen Abend mehrere seiner neuesten Compositionen und sich auf der Violine, sowie seine Gattin auf der Harfe hören zu lassen. Wir haben über diesen wahren Künstler und seine treffliche Gefährtin schon früher ausführlich und bestimmt gesprochen und können hier kurz sein. Beide haben während der Zeit, da wir sie nicht gehört, noch zum Bewunderen große Fortschritte gemacht, sowohl in der Fähigkeit, noch mehrere Mittel ihrer Kunst in die Gewalt zu bekommen, als auch dieselben zu den würdigsten, schönsten Zwecken zu verwenden. Und haben die Compositionen dieses Meisters sonst hier und allerwärts ungetheilten Beifall gefunden: so kann es den neuesten, welche wir jetzt hörten, noch weniger daran fehlen.«

*

Von unseren Concerten in Dresden und Bautzen weiß ich, da ich vergebens nach einem Berichte darüber gesucht habe, nichts weiter zu melden, als daß sie stattfanden und zwar am 1. und 7. November, wie ich aus einem Verzeichniß der Einnahmen auf dieser Reise, das sich zufällig erhalten hat, ersehe. Von den drei Concerten aber, welche wir am 18. November, 2. und 9. December in Breslau gaben, findet sich ein Bericht in der Musikalischen Zeitung, der von unserem Spiele sehr lobend spricht, an den Compositionen aber einiges zu tadeln findet. Es heißt: »Das Urtheil unserer Kunstfreunde über Herrn Spohr als Componist stimmt ganz mit dem überein, das Sie selbst früher über ihn gefällt haben. Er ist wirklich ein hochachtungswürdiger Tonsetzer. Eigen ist es aber doch, und vielleicht ihn nach und nach zur Einseitigkeit verführend, daß seine neueren Compositionen, soweit sie uns bekannt geworden sind, sämmtlich einen schwermüthigen Charakter haben. Selbst der Potpourri, welchen er zum Schluß des Concertes spielte, hatte etwas davon.«

Diese Bemerkung über die Melancholie meiner Compositionen, die hier zuerst auftaucht und bei Beurtheilung meiner Werke später so oft wiederholt worden ist, daß sie förmlich stereotyp wurde, ist für mich stets ein Räthsel geblieben, da mir meine Compositionen in ihrer großen Mehrzahl vollkommen eben so heiter zu sein scheinen, als die irgend eines anderen Componisten. Besonders sind die, welche ich damals in Breslau zu hören gab, mit Ausnahme zweier Sätze, sämmtlich so heiteren Charakters, daß ich mir die Veranlassung zu der obigen Bemerkung noch immer nicht zu erklären weiß. Denn nur die beiden ersten Allegro's der Concertante in H- und G-moll sind ernst, ersteres vielleicht auch etwas schwermüthig, die anderen Sätze aber sämmtlich heiter. Dieses gilt auch von der Concertante für zwei Violinen in A-dur, die ich mit Herrn Luge spielte, vom Anfang bis zu Ende; ja der dritte Satz ist sogar muthwillig scherzhaft. Auch die Harfencompositionen, sowie die Ouvertüre zu »Alruna« tragen keine Spur von Schwermuth an sich; wie kommt also der Berichterstatter zu seiner Bemerkung? – Da indessen Aehnliches bis in die neueste Zeit von meinen Compositionen behauptet worden ist, so daß Leute, denen ich nicht persönlich bekannt war, mich für einen Misanthropen oder Candidaten des Spleens hielten, während ich mich doch eines stets heiteren Sinnes zu erfreuen hatte; so muß wohl etwas Wahres daran sein, und ich glaube dies nun darin zu finden, daß man das vorherrschend Schwärmerische und Gefühlaufregende in meinen Compositionen, sowie meine Vorliebe für die Moll-Tonarten, als Ausbrüche von Melancholie genommen hat. Ist dem so, so kann ich es mir schon gefallen lassen, obgleich es mich früher stets ärgerte.

Von der Ouvertüre zu »Alruna« sagt jener Breslauer Berichterstatter, »sie sei nicht frei von Reminiscenzen.« Er hätte geradezu sagen können, sie sei der Ouvertüre der Zauberflöte ganz und gar nachgebildet; denn dies war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Bei meiner Verehrung für Mozart und der Bewunderung, die ich dieser Ouvertüre zollte, schien mir eine Nachbildung derselben etwas sehr Natürliches und Lobenswerthes, und ich hatte in jener Zeit der Entwickelung meines Compositionstalentes schon mehrere ähnliche Nachbildungen Mozart'scher Meisterwerke versucht, unter anderen die einer Arie voller Liebesklagen in Alruna nach der wundervollen Arie der Pamina: »Ach ich fühl's, es ist verschwunden.« Obwohl ich nun bald nach jener Zeit zu der Einsicht kam, daß der Componist auch in der Form seiner Musikstücke, sowie in der Entwickelung seiner musikalischen Ideen originell zu sein sich bestreben müsse, so hat sich doch eine Vorliebe für jene Nachbildung der Zauberflöten-Ouvertüre noch bis in die neueste Zeit bewahrt, und noch jetzt halte ich sie für eine meiner besten und wirksamsten Instrumental-Compositionen. Sie ist auch nicht so sclavisch nachgeahmt, daß sie nicht auch Einiges von eigener Erfindung enthielte, wie z. B. die auffallenden Modulationen in dem Einleitungs- Adagio und das zweite Fugenthema, womit die zweite Hälfte des Allegro beginnt und das dann mit dem Hauptthema recht glücklich verbunden ist. Auch die Instrumentirung, obwohl noch ganz in Mozart'scher Weise, hat doch schon einiges Eigentümliche.

In Breslau fanden wir einen alten Bekannten aus Gotha, den bisherigen Intendanten der Kapelle, Baron von Reibnitz, der seinen Abschied genommen und sich auf sein Gut in Schlesien zurückgezogen hatte. Für die Wintermonate war er zur Stadt gekommen und bekannt mit Allem, was in Breslau Musik trieb und liebte, führte er mich in die dortigen musikalischen Zirkel ein und war mir auch zu meinen Concerten sehr behülflich. Breslau, von jeher eine der musikalischsten Städte Deutschlands, hatte damals so viele stehende Concerte, daß fast an jedem Wochentage eins stattfand. Da nun auch noch täglich Theater war, so hielt es sehr schwer, einen passenden Tag für ein Extra-Concert zu finden und fast noch schwerer, ein zahlreiches und gutes Orchester zusammen zu bringen. Dieser Schwierigkeit wurde ich jedoch durch die Gefälligkeit des Domkapellmeisters Schnabel überhoben, der mir nicht nur zu jedem meiner drei Concerte ein gutes Orchester verschaffte, sondern auch jedesmal die Leitung übernahm. Der erfahrene Dirigent widmete meinen Compositionen eine besondere Theilnahme, die er bald auch auf den Componisten übertrug und die von diesem auf das herzlichste erwidert wurde. Wir gewannen uns sehr lieb und blieben bis zu Schnabel's frühem Tode in freundschaftlicher Verbindung.

Bald nach meiner Ankunft in Breslau, als ich mich eben anschickte, in Gotha die Verlängerung des Urlaubs zur Reise nach Rußland zu erwirken, erhielt ich durch Baron von Reibnitz ein Schreiben des Hofmarschalls Grafen Salisch in Gotha, der mir Folgendes mittheilte:

Die Herzogin habe zu ihrem großen Leidwesen aus Weimar die Nachricht erhalten, daß ich eine Reise nach Rußland beabsichtige und erst nach Jahresfrist zurückzukehren gedenke. Da sie mich, sowie auch meine Frau höchst ungern so lange bei den Hofconcerten vermissen werde, so erbiete sie sich, wenn ich die Reise aufgeben und baldigst nach Gotha zurückkehren wolle, meiner Frau als Entschädigung dafür eine Anstellung als Solospielerin bei den Hofconcerten und als Musiklehrerin der Prinzessin Der Herzogin Stieftochter, später mit dem Herzog von Coburg vermählt, Mutter des jetzt regierenden Herzogs und des Prinzen Albert, Gemahls der Königin von England. zu verschaffen. – Kaum hatte ich meiner Frau den Inhalt dieses Briefes mitgetheilt, so sah ich, wie die Hoffnung, ihre Kinder nun früher wiederzusehen, ihren Augen Freudenthränen entlockte. Dies rührte mich so sehr, daß mein Entschluß, die Reise aufzugeben, sogleich feststand. Ich knüpfte daher mit dem Grafen Salisch, dem nunmehrigen Intendanten der Gothaer Kapelle, Unterhandlungen an und als diese die Anstellung meiner Frau mit einem angemessenen Gehalt vom 1. Januar 1810 an sicher gestellt hatten, versprach ich meinerseits, nun möglichst bald nach Gotha zurückzukehren. Wir beeilten daher unsere Abreise von Breslau und gingen über Liegnitz nach Glogau, wo wir am 13. und 18. December sehr besuchte, von den dortigen Musikfreunden im voraus veranstaltete Concerte gaben, nach Berlin.

Von dem Concerte in Glogau erinnere ich mich noch eines höchst komischen Vorfalles. Es fand nämlich in einem Gebäude statt, das wohl einzig in seiner Art sein mochte; denn es enthielt im unteren Stocke die Fleischscharren, in der ersten Etage den Concertsaal und darüber endlich das Theater der Stadt. Da der Saal sehr niedrig und mit Menschen überfüllt war, so wurde es bald unerträglich heiß. Das Publikum verlangte daher das Oeffnen einer Fallthür, die sich an der Decke des Saales befand und im Parterre des Theaters aufgezogen werden konnte. Nun war aber der Schlüssel zum Theater, das den Winter über unbenutzt geblieben war, durchaus nicht aufzufinden, und man brachte daher eine Stange herbei, um die Fallthür aufzustoßen. Anfangs wollte sie nicht weichen; als jedoch mehrere Männer ihre Anstrengungen vereinten, sprang sie plötzlich auf, überschüttete aber in demselben Augenblick die darunter sitzenden Damen mit einer solchen Masse von Staub, Kirschkernen, Apfelschalen u. dgl., was sich seit Jahren im Parterre angehäuft hatte, daß diese nicht nur ganz damit bedeckt, sondern auch Orchester und Auditorium in eine solche Staubwolke eingehüllt wurden, daß im ersten Augenblick Niemand erkennen konnte, was denn eigentlich geschehen sei. Nachdem es wieder hell geworden war, suchten die Damen, so gut es gehen wollte, ihre Hälse und Kleider von dem Schmutze zu befreien; die Musiker putzten ihre Instrumente ab, und das Concert nahm seinen Fortgang.

Berlin fanden wir von Fremden sehr belebt und in festlicher Aufregung, weil man die Rückkehr des Hofes erwartete, der seit der unglücklichen Schlacht bei Jena fortwährend in Königsberg residirt hatte. Der Moment war zum Concertgeben günstig; auch hatten wir schon im ersten Concerte noch vor Ankunft des Hofes ein zahlreiches Auditorium. Ueber unsere Leistungen sagt der Berichterstatter der Musikal. Zeitung: »Gestern, am 4. Januar, gab der Gothaer Concertmeister, Herr Spohr, Concert im Theatersaal. Er spielte das von ihm componirte Violinconcert in G-moll mit spanischem Rondo, ein Potpourri für die Violine und mit seiner fertig und ausdrucksvoll spielenden Frau eine Sonate für Pedalharfe und Violine, ebenfalls von seiner Composition. Die Musikal. Zeitung hat schon mehrmals dieses talentvollen Virtuosen und neulich auch dieser Compositionen mit Ruhm gedacht. Auch hier lobte man Compositionen und Spiel. Besonders bewunderte man die Doppelgriffe, die Sprünge und Triller, welche Herr Spohr mit größter Fertigkeit ausführte und durch den seelenvollen Ausdruck seines Spiels, besonders im Adagio, nahm er alle Herzen für sich ein. Wir haben Hoffnung, dieses ehrenwerthe Künstlerpaar künftige Woche noch einmal zu hören.«

Am 10. fand der festliche Einzug des zurückkehrenden Hofes statt. Es war in der That eine ergreifende Scene, als der König an der Seite seiner Gemahlin im offenen Wagen langsam durch die vollgedrängten Straßen fuhr und von tausendstimmigem Zurufe und dem Wehen der Tücher aus allen Fenstern begrüßt wurde. Die Königin schien tief gerührt; denn es stahl sich eine Thräne nach der anderen aus ihren schönen Augen. Abends war die Stadt glänzend erleuchtet.

Am folgenden Tage gaben wir unser zweites Concert. Schon am frühen Morgen wurden wir mit Fragen bestürmt, ob der Hof es besuchen werde. Wir konnten darüber noch keine Auskunft geben; doch als die Königin gegen Mittag Billette holen ließ, verbreitete sich dies wie ein Lauffeuer durch die Stadt, und die Zuhörer strömten nun in solcher Menge herbei, daß sie der weite Saal kaum fassen konnte. Ich spielte, wie ich aus dem Bericht der Musikal. Zeitung ersehe, mein drittes Concert in C-dur und mit meinem Schüler Hildebrandt, der bei einem Verwandten in Berlin zum Besuch anwesend war, meine Concertante in A-dur. Die Genauigkeit unseres Zusammenspiels war noch die frühere und gewann uns auch hier, wie damals in Gotha, den lebhaftesten Beifall. Der Berichterstatter ist jedoch damit nicht ganz einverstanden, indem er sich, wie folgt, darüber äußert: »Beide Spieler waren in der Concertante nicht bloß einig, sondern wie Einer; und wenn das von der einen Seite Lob und sogar Bewunderung verdient, so wurde es doch auch etwas einförmig und einfarbig; man vermißte, und nicht gern, das Anziehende, welches aus der Vereinigung des Verschiedenen entspringt, wenn man durch die Vereinigung doch die Verschiedenheit noch hindurchblicken sieht, – statt eins zu werden, ward es einerlei.« – Das klingt sinnreich und hat doch wenig Sinn! Die beiden Solostimmen dieser Concertante sind in einer Weise geschrieben, daß ihre volle Wirkung nur durch das genaueste Zusammenspiel zu erreichen ist. Dies ist aber in höchster Potenz nur dann möglich, wenn beide Spieler dieselbe Schule und dieselbe Vortragsweise haben. Ja es ist sogar erforderlich, daß ihre Instrumente gleiche Stärke und möglichst gleiche Klangfarbe besitzen. Dies Alles fand sich bei mir und meinem Schüler vereinigt; daher die große Wirkung unseres Zusammenspiels. Später habe ich auf meinen Reisen innerhalb und außerhalb Deutschlands diese Concertante mit mehreren der berühmtesten Geiger meiner Zeit gespielt, die sämmtlich als Virtuosen höher standen, als mein Schüler Hildebrandt; eine gleiche Wirkung, wie bei meinem Zusammenspiel mit diesem, habe ich aber nie wieder erreichen können, da deren Schule und Vortragsweise von der meinigen zu verschieden waren.

Ich hatte anfangs die Absicht, von Berlin aus direct nach Gotha zurückzukehren, um meiner Zusage nachzukommen. Da ich aber von einem Hamburger Musikfreunde erfuhr, daß dort jetzt ein sehr günstiger Zeitpunkt sei, um Concerte zu geben, so bat ich in Gotha noch um einige Wochen Frist, um auch Hamburg vor meiner Rückkehr noch besuchen zu können. Sie wurde mir gewährt.

Hamburg war in jener Zeit von den Franzosen besetzt, die eine strenge Handelssperre gegen England verfügt hatten. Die dortigen damals noch sehr reichen Kaufleute hatten daher wenig zu thun und um so mehr Muße, sich mit Musik zu beschäftigen und Concerte zu besuchen. Da uns nun ein guter Künstlerruf voranging, so war schon unser erstes Concert, welches wir am 8. Februar im Apollosaal gaben, ein zahlreich besuchtes, und es trug uns, bei dem hohen Eintrittspreise von einem Hamburger Species, beinahe 400 Thaler ein. Da unser Spiel in diesem Concerte große Sensation machte, so steigerte sich die Einnahme beim zweiten am 21. Februar zu der großen Summe von 1015 Thaler. Zwischen beiden Concerten gaben wir am 14. auch eines in Lübeck, wohin wir von den dortigen Musikfreunden eingeladen waren und spielten dann zuletzt noch, gegen ein angemessenes Honorar, im Museum zu Altona.

Höchst zufrieden mit unseren Geschäften wollten wir nun abreisen. Da erschien der Sekretär des französischen Gouverneurs bei uns und forderte uns im Namen desselben auf, noch ein drittes Concert zu geben, weil er und seine Gesellschaft es versäumt hätten, uns zu hören. Da ich, in der Besorgniß, daß ein solches nicht sehr besucht sein werde, mit der Antwort zögerte, so setzte der Herr noch hinzu, er habe den Auftrag, für den Gouverneur und dessen Gesellschaft zweihundert Billette zu nehmen. Dadurch waren alle Bedenken beseitigt, und wir gaben am 3. März noch ein drittes Concert, welches abermals eine Einnahme von 510 Thaler abwarf.

In Hamburg machte ich damals zuerst die persönliche Bekanntschaft von Andreas Romberg und dem Musikdirektor Schwenke. Beide berühmten Künstler nahmen mich auf das Freundlichste auf und waren mir bei meinen Concerten möglichst behülflich. Romberg sorgte für ein gutes Orchester und übernahm die Leitung desselben, und Schwenke, der gefürchtete Kritiker, besorgte die Ankündigungen der Concerte in den Zeitungen. Da sein Ausspruch als die höchste Autorität galt, so trug die günstige Weise, auf welche er das Künstlerpaar beim Publikum einführte und dann später unsere Leistungen, sowie meine Compositionen beurtheilte, nicht wenig zu dem großen Erfolge bei, den wir in Hamburg fanden. Beide Künstler lebten in angenehmen Familienkreisen und hatten es gern, wenn ich und meine Frau zur Theestunde zu ihnen kamen. Dann wurde nur von Musik geplaudert und manches Belehrende und Ergötzliche vorgebracht. Romberg erzählte gern von seinem früheren Aufenthalte in Paris und wußte manches Pikante von den dortigen musikalischen Berühmtheiten zu berichten. Schwenke ergötzte durch seine geistreiche aber beißende Kritik, von der fast nichts verschont blieb. Ich konnte es mir daher hoch anrechnen, daß meine Kompositionen wie mein Spiel günstig von ihm beurtheilt wurden. Die Einzelnheiten, in die Schwenke dabei einging, waren für mich sehr belehrend, und ich freute mich daher jedesmal, wenn ich ihn bei den Musikpartien als Zuhörer fand. Man machte damals viel Quartettmusik in Hamburg, und Romberg hatte sein Quartett, dessen Zierde der Violoncellist Prell war, vortrefflich eingeübt. Es war daher ein Vergnügen, ihnen sich anzuschließen. Romberg spielte nur eigene Quartetten und trug sie, obwohl kein großer Virtuos auf seinem Instrumente, doch fertig und mit Geschmack vor. Nur wurde er nie recht warm dabei, was schon daraus hervorging, daß er während des Quartettspieles in Ruhe seine Pfeife rauchen konnte Auch Bernhard Romberg rauchte beständig beim Musiciren und ich hörte ihn einst bei sich in Gotha sein schwerstes Concert in Fis-moll vortragen, ohne daß ihm dabei die Pfeife ausging.. Ich spielte seine Lieblinge unter den Mozart'schen und Beethoven'schen Quartetten und erregte auch hier durch meine, sich dem jedesmaligen Charakter der Composition treu anschmiegende Vortragsweise große Sensation. Schwenke sprach sich geistreich darüber aus. Auf seinen Wunsch mußte ich auch zwei meiner eigenen Quartetten spielen. Ich that es ungern, da sie den Ansprüchen, die ich jetzt an diese Compositions-Gattung machte, nicht mehr entsprachen. Ich äußerte dies auch unverhohlen; doch gefielen sie und fanden sogar vor Schwenke's scharfer Kritik Gnade. Nur Romberg war anderer Ansicht. Er sagte zu mir mit naiver Offenherzigkeit: »Mit Ihren Quartetten ist es noch nichts; sie stehen den Orchestersachen weit nach!« So einverstanden ich damit war, so kränkte es mich doch, dieses Urtheil von einem Anderen aussprechen zu hören. Als ich daher einige Jahre nachher in Wien Quartetten geschrieben hatte, die mir meiner übrigen Compositionen würdiger zu sein schienen, so widmete ich sie Romberg, um ihm zu zeigen, daß ich nun Quartetten schreiben könne, »mit denen es etwas sei!«

Bei einer der Musikpartien, denen ich und meine Frau beiwohnten, gab ein komisches Mißverständniß viel zu lachen.

Ein reicher jüdischer Banquier, der mein Quartettspiel hatte rühmen hören, wollte seine Gesellschaft auch damit regaliren und lud mich also ein. Obgleich ich wußte, daß ich dort eine, für solch' edle Musik wenig empfängliche Gesellschaft finden würde, so durfte ich doch nicht ablehnen, da der reiche Mann zu jedem meiner Concerte vierzig Billette genommen hatte. Ich sagte also zu, jedoch unter der Bedingung, daß zu meiner Begleitung die besten Künstler Hamburgs eingeladen werden müßten. Dies wurde versprochen und wirklich fand ich auch, als ich in die glänzende Gesellschaft eintrat, nicht nur Romberg anwesend, sondern sah auch noch einen anderen ausgezeichneten Geiger. Ich war daher der Begleitung wegen ganz beruhigt. Als aber die Quartettmusik beginnen sollte, kam noch ein vierter Geiger mit seinem Instrumente herbei, und wir sahen nun mit Erstaunen, daß der Hausherr nur Geiger eingeladen hatte. Als guter Rechner wußte er nämlich, daß zu einem Quartett viere gehören, aber nicht, daß unter diesen auch ein Bratschist und ein Violoncellist sein müsse. Man rieth dem in seiner Verlegenheit Rathlosen, schnell zu Herrn Prell in's Theater zu schicken. Da dieses aber schon beendet war, so konnte nun trotz allen Schickens weder dieser, noch irgend ein anderer Violoncellist aufgetrieben werden und die Gesellschaft hätte ganz ohne Musik auseinandergehen müssen, wenn ich und meine Frau nicht eine unserer Sonaten vorgetragen hätten. War nun schon die Musikkenntniß dieses Mäcens der Kunst nicht sehr groß, so war es seine Delikatesse noch viel weniger. Denn als ich an diesem Abend Abschied von ihm nahm, holte er aus seinem Schreibtische vierzig Species und sagte, indem er sie mir hinreichte: »Ich höre, Sie geben ein drittes Concert; schicken Sie mir wieder vierzig Billets; ich habe zwar die anderen noch fast alle, will aber doch wieder neue nehmen.« Empört über die Unverschämtheit des reichen Juden, wies ich das Geld zurück und sagte: »Die früheren Billette gelten zwar im nächsten Concerte nicht; die Ihrigen sollen es aber doch. Sie brauchen also keine neuen.« Und so ließ ich ihn abermals verlegen und beschämt vor seiner Gesellschaft stehen und kehrte ihm den Rücken. Am Tage des Concertes kam aber doch ein Diener des Krösus und holte die vierzig Billette.

Bevor ich Hamburg verließ, wurde mir noch ein Antrag gemacht, der mir viele Freude gewährte. Der berühmte Schauspieldirector, Schauspieler und Schauspieldichter Schröder, der sich vor beinahe zehn Jahren in Ruhe gesetzt und damals sein Theater an andere Unternehmer verpachtet hatte, bekam plötzlich Lust, dasselbe, nach Ablauf der Pachtzeit, wieder selbst zu übernehmen. Die Hamburger Theaterfreunde jubelten, denn sie hofften davon ein neues Aufblühen ihrer, ehemals unter Schröder's Leitung so ausgezeichneten Bühne. Das neue Unternehmen sollte mit Anfang des Jahres 1811 beginnen und zuerst lauter Neues an Schauspielen und Opern bringen. Schröder selbst hatte dazu eine ganze Reihe von Schau- und Lustspielen gedichtet und auch vier Opernbücher erworben, die nun componirt werden sollten. Drei davon waren bereits an Winter in München, Andreas Romberg und den Musiklehrer Clasing in Hamburg vergeben; das vierte aber, »Der Zweikampf mit der Geliebten« von Schink, wurde mir zur Composition angetragen. Den Unterhändler machte ein früherer Bekannter von mir, der Schauspieler Schmit, ehemals bei der Magdeburger, jetzt bei der Hamburger Bühne angestellt.

So wenig ich bisher mit meinen dramatischen Arbeiten zufrieden gewesen war, so hatte doch die Lust, mich an solchen zu versuchen, nicht abgenommen. Ich nahm daher den Antrag an, ohne erst viel nach den Bedingungen zu fragen und ohne das mir bestimmte Opernbuch einer Prüfung zu unterwerfen. Die Bedingungen waren jedoch ganz annehmbar. Es wurde ein schriftlicher Vertrag darüber aufgenommen und von beiden Theilen unterzeichnet. Ich machte mich verbindlich, im Frühjahr 1811 meine Composition abzuliefern und im Laufe des Sommers dann nach Hamburg zu kommen, um die drei ersten Aufführungen der Oper zu leiten.

So mit der Aussicht auf eine interessante Arbeit kehrte ich gern nach dem stillen Gotha zurück. Nur quälte mich noch die Besorgniß, daß die Herzogin unser langes Ausbleiben übel vermerkt haben werde, und ich wurde darin noch mehr bestärkt, als wir bei unserem Antrittsbesuch von der Herzogin nicht angenommen wurden. Wir sahen sie daher erst im Hofconcerte wieder. Da ich wohl wußte, daß sie am sichersten zu versöhnen sei, wenn wir sogleich in diesem aufträten, so spielte ich mit meiner Frau eine meiner Sonaten und nach dieser die Lieblings-Variationen der Herzogin, die Rode'schen in G-dur. Dies verfehlte seine Wirkung nicht, denn nach beendetem Concerte trat die Herzogin zu uns, begrüßte uns auf das Freundlichste und ließ uns unsere Entschuldigungen nicht einmal zu Ende bringen. Beruhigt konnten wir nun das Glück, mit unsern Kindern wieder vereinigt zu sein, im ganzen Umfange genießen.

Sobald wir wieder eingewohnt waren, drängte es mich zur Composition der mitgebrachten Oper. Ich sah nun erst, bei näherer Prüfung des Buches, daß ich eben kein großes Loos gezogen hatte. Der an sich nicht uninteressante Stoff war in einer Weise bearbeitet, die mir wenig zusagen wollte. Ich fühlte die Nothwendigkeit, Abänderungen zu treffen und holte daher vor allem die Erlaubniß dazu von Herrn Schröder ein. Diese wurde mir gern gewährt, und ich änderte daher mit Hülfe eines jungen Dichters in Gotha, was mir nicht gefiel, sah aber später bei der Aufführung, daß ich noch manches Andere ebenfalls hätte ausmerzen müssen. Es fehlte mir aber damals noch zu sehr an der nöthigen Erfahrung in dramatischen Arbeiten.

Kaum war die Composition der ersten Nummern der Oper begonnen, als ich durch eine andere Arbeit wieder davon abgezogen wurde. Im Frühjahr kam nämlich der Cantor Bischoff aus Frankenhausen nach Gotha und trug mir die Leitung eines Musikfestes an, das er im Laufe des Sommers in der Kirche seines Ortes zu veranstalten gedachte. Bereits hatte er sich der Mitwirkung ausgezeichneter Sänger, sowie der vorzüglichsten Mitglieder der in der Nähe befindlichen Hofkapellen der thüringischen Residenzen versichert und zweifelte daher nicht an einem höchst glänzenden Erfolge. Als der jüngste der Directoren dieser Hofkapellen fühlte ich mich nicht wenig geschmeichelt, daß man mir die Leitung übertragen wollte und sagte daher mit Freuden zu, obgleich ich noch nie ein so großes Orchester und Gesangpersonal, wie dort vereinigt werden sollte, dirigirt hatte. Meine eben begonnene Arbeit mußte ich nun auf einige Zeit zurücklegen, da Hermstedt mich dringend bat, ihm noch ein neues Clarinett-Concert für das Fest zu schreiben. Obgleich ungern in meiner Arbeit unterbrochen, ließ ich mich doch bewegen und beendete es auch zeitig genug, daß Hermstedt es unter meiner Leitung noch einstudiren konnte. Dieses erste Frankenhäuser Musikfest, das damals in der Musikwelt großes Aufsehen erregte und Veranlassung wurde, daß sich an der Elbe, am Rheine, in Norddeutschland und in der Schweiz Vereine bildeten, um ähnliche Musikfeste zu veranstalten, hat in Herrn Gerber, dem Verfasser des Tonkünstler-Lexicons, einen so beredten Beschreiber gefunden, daß ich am besten zu thun glaube, wenn ich dessen Bericht (in der Musikalischen Zeitung, 12. Jahrgang, Nr. 47) größtentheils hier aufnehme:

»Am 20. und 21. Juni dieses Jahres feierte man der Tonkunst in der, vier Stunden von Sondershausen liegenden Schwarzburg-Rudolstädtischen Stadt Frankenhausen, durch Aufführung der Schöpfung von Haydn und eines großen Concerts ein Fest, eben so merkwürdig durch die so glücklich überwundenen mannichfachen Schwierigkeiten bei Veranstaltung des Ganzen, als durch den hohen Grad der Vortrefflichkeit, mit der hier auf Tausende von Zuhörern, von mehr als zwanzig Meilen im Umkreise, gewirkt wurde. Da hier von einer Landstadt Thüringens die Rede ist, in der sich das Musikpersonal einzig auf den Stadtmusikus nebst seinen Gehülfen und das etwaige Singchor beschränkt, so muß allerdings die Verwunderung über die Möglichkeit eines solchen Unternehmens hoch steigen ...

»Der Herr Cantor Bischoff zu Frankenhausen, ein junger, thätiger und für die Musik glühender Mann, der schon im Jahre 1804 mit Hülfe seiner Nachbarn und einiger Mitglieder der Herzoglich Gothaischen Kapelle, unter der Direction des Herrn Concertmeister Fischer aus Erfurt und Ernst aus Gotha, ›die Schöpfung‹ mit etwa achtzig Sängern und Instrumentalisten zur allgemeinen Zufriedenheit der Zuhörer in dasiger Hauptkirche aufgeführt hatte, fühlte sich dadurch aufgemuntert, dies große Kunstwerk noch einmal, nach der Idee seines großen Meisters, durch zweihundert Sänger und Instrumentalisten zu geben. Lange hinderten Hin- und Herzüge fremder Völker die Ausführung seines Vorhabens. Endlich wagte er es bei der gegenwärtig scheinbaren Ruhe in Deutschland, sein Vorhaben auszuführen. Er besuchte deswegen schon vor einiger Zeit Weimar, Rudolstadt, Gotha und Erfurt; in mehrere Städte wurden schriftliche Aufforderungen geschickt und aller Orten fanden seine Einladungen ein geneigtes Ohr, so daß sich am 19. Juni früh zur Probe bereits 101 Sänger und 106 Instrumentalisten, größtenteils aus Thüringen, eingefunden hatten, darunter zwanzig Künstler aus Gotha mit ihrem berühmten Direktor, Herrn Concertmeister Spohr.

»Die Mitwirkenden waren theils graduirte Tonkünstler und Kapellisten, theils ausgezeichnete Dilettanten und zum Theil Virtuosen vom ersten Range, ein Jeder mit seinem eigenen Instrumente, und die Meisten mit der Schöpfung schon vertraut ...

»Aus dieser Masse bildete sich nachstehendes Orchester: Director: Concertmeister Spohr; Sopransolo: Madame Scheidler aus Gotha; Tenorsolo: Kammersänger Methfessel aus Rudolstadt; Baßsolo: Kammersänger Strohmeyer aus Weimar; Orgel: Concertmeister Fischer und Professor Scheibner, Beide aus Erfurt; Flügel: Kapellmeister Krille aus Stollberg; Chordirector: Kantor Bischoff aus Frankenhausen; Choristen: Sopran 28, Alt 20, Tenor 20, Baß 30.«

Hier folgen die Namen sämmtlicher Musiker, und eine Beschreibung der Aufstellung des Orchesters. Dann fährt der Bericht fort:

»Diese schöne, zweckmäßige Stellung, wobei Jeder Platz genug um sich und den Direktor beständig vor Augen hatte, trug unstreitig nicht wenig zu der, nach einer einzigen Probe, gelungenen Aufführung so großer, zum Theil neuer und höchst schwieriger Kunstwerke, bei, wie besonders am zweiten Tage aufgeführt wurden. Dies waren:

»1) Eine große neue Ouvertüre für's ganze Orchester (auch mit Posaunen), von Spohr. 2) Eine große italienische Scene für den Baß, von Righini, welche Strohmeyer sang. 3) Ein neues, von Spohr für dies Fest geschriebenes großes Clarinetten-Concert, welches Musikdirector Hermstedt vortrug. Hierauf machte 4) Concertmeister Fischer auf der vollen Orgel eine kunstvolle Einleitung zum 5) letzten Chor aus Haydn's Jahreszeiten. Darauf folgte 6) ein Doppelconcert für zwei Violinen, ebenfalls von Spohr's origineller Arbeit, durch ihn selbst und Matthäi vorgetragen. 7) Ein großes Rondo, aus einem Concert D-dur, von Bernhard Romberg, durch Dotzauer kunstvoll ausgeführt, und 8) die Symphonie aus C-dur von Beethoven ...

»Herrn Spohr's Direction mit der Papierrolle, ohne alles Geräusch und ohne die geringste Grimasse, möchte man eine graziöse Direction nennen, wenn dies Wort, außer dem gefälligen Anstande, auch die Bestimmtheit und Wirksamkeit seiner Bewegungen auf die ganze, ihm und sich selbst fremde Masse, ausdrückte. Diesem glücklichen Talent des Herrn Spohr schreibe ich den größten Theil der Vortrefflichkeit und Präcision – der erschütternden Gewalt, sowie des sanften Anschmiegens dieses zahlreichen Orchesters an den Sänger, beim Vortrag der »Schöpfung« zu.

»Die für eine große Kirche geeignete, volltönende und doch auch biegsame Stimme der Madame Scheidler, der ausdrucksvolle Vortrag des in der Kunst erfahrenen Herrn Methfessel, die herrliche Baßstimme des Herrn Strohmeyer, unstreitig die schönste, die ich je gehört habe vom contra D bis zum eingestrichenen G, ... diese drei Solosänger, im Verein so vieler ausgezeichneter Virtuosen, an der Spitze jeder Stimme, wo Jeder freiwillig und mit Lust sang oder spielte, machen mir die Versicherung leicht, daß diese Aufführung der Schöpfung die kräftigste, ausdrucksvollste, mit einem Worte, gelungenste war, der ich je beigewohnt habe ...

»Die Ouvertüre, womit am folgenden Tage das Concert anhub, gehört im eigentlichen Verstande unter die Kunststücke im Moduliren. Fast mit jedem neuen Takte drängt ein Inganno das andere, so daß sie als eine zusammenhängende Reihe von Studien in der Modulation angesehen werden kann. Wahrscheinlich bezieht sich diese Unruhe, dieses Schwanken auf den Inhalt der »Alruna«, zu welchem Drama sie geschrieben sein soll. So gewiß aber diese Ouvertüre vor dem Theater von großem Effecte sein kann, so schien sie als Concertmusik doch den Eindruck nicht zu machen, den man von der Ausführung eines so braven und zahlreichen Orchesters erwarten durfte. Dieser Erfolg läßt sich nicht anders erklären, als daß, wie ununterbrochene und anhaltend getäuschte Hoffnungen das Gemüth in Unbehaglichkeit versetzen, so auch eine Musik, welche das Ohr bis zum Ende in seinen Erwartungen täuscht und nie befriedigt. Lauter krumme mitunter rauhe Wege, welche zu keinem Ziele, zu keiner Ruhe und zu weiter keinem Genusse führen und wodurch der Componist blos den Verstand des Zuhörers beschäftigt, ermüden dennoch zuletzt. Auch die Musik unserer Vorfahren vor 200 Jahren, ihre Madrigale und Motetten, bestanden aus lauter solchen krummen Wegen ohne Ruheplatz – aus lauter Modulationen und aufgehaltenen Schlußfällen. Aber unseren guten Alten fehlte es noch an den nöthigen Blumen, um ein Ruheplätzchen zu verschönern und interessant zu machen; d. h. es fehlte ihnen noch an melodischen Figuren, um den Zuhörer in einer Tonart auf angenehme Weise zu unterhalten. Wie leicht wäre dies aber dem trefflichen Spohr, der der schönen Blumen so viele hat! Der sogenannte Contrast in großen Musikwerken ist gar nicht zu verachten; um so weniger, je mehr er sich auf die menschliche Empfindungsweise gründet.

»Von der Wirkung der von Herrn Strohmeyer vorgetragenen großen Scene von Righini braucht hier um so weniger etwas beigebracht zu werden, da seinem schönen Vortrage schon oben volle Gerechtigkeit widerfahren ist. Auch Righini's schöner Gesang und vortreffliche Instrumentirung ist bekannt genug. Die Scene versetzte die ganze Versammlung in Enthusiasmus.

»Das von Hermstedt vorgetragene Clarinetten-Concert von Spohr aus Es ... gehört unstreitig zu den vollendetsten Kunstwerken dieser Art. Eine große und brillante Behandlung des concertirenden Instrumentes, verbunden mit einer ganz originellen Begleitung des Orchesters, wo gleichsam jede Stimme, selbst die Pauke, obligat ist, was aber deswegen ein um so geübteres und aufmerksameres Orchester erfordert, berechtigt zu dieser hohen Stelle. Besonders zeichnet sich der dritte, polonaisenartige Satz aus, wo man ungewiß bleibt, ob man mehr den Glanz der kunstvollen Soli's, oder die vortrefflich gearbeiteten Tuttisätze, bewundern soll – in welchen letzteren die Blasinstrumente mitunter in wahre thematische Kämpfe miteinander zu treten scheinen. Überdies gewinnt dies Kunstwerk noch besonders durch den heiteren Geist, der es durchaus beseelt. Die herrliche Ausführung dieses Concertes machte dem Componisten, dem Concertisten, sowie dem ganzen Orchester sehr viel Ehre; auch brachte sie Tausende von Händen der Zuhörer in die lebhafteste und anhaltende Bewegung.

»Hierauf überraschte Herr Concertmeister Fischer das Orchester, sowie das Auditorium nicht wenig, indem er mit der vollen Orgel einfiel, um das nun folgende Schlußchor, aus C-dur, einzuleiten. Diese neue Art von Musik, wovon in der Probe nichts gehört worden war, seine künstliche Verkettung der Stimmen, seine harmonischen Wendungen und seine meisterhaften Modulationen machten jedes Mitglied des Orchesters doppelt aufmerksam. Mehrere Minuten mochte er die Versammlung auf diese Weise unterhalten haben, als er auf der Dominante verweilte und, um die Erwartung auf den Eintritt des Chors um so mehr zu spannen, vermittelst einer Art von Orgelpunkt auf diesem Intervalle einen Schluß bildete. Nicht sobald bemerkte dies Herr Spohr, als er seine Papierrolle aufhob; und kaum war der letzte Orgelton verhallt, als das ganze Orchester mit dem ersten einzelnen Schlage, C, des Chores einfiel; welches C dann die Trompeten durch Zungenstöße, bis zum Ende des Taktes, allein fortzusetzen hatten. Dies geschah auf das pünktlichste. Allein über dem Orgelspiele hatte einer der Trompeter sein Einsatzstück zu wechseln vergessen, schlug also noch im Es an. Im Augenblick machte Herr Spohr eine Bewegung und das Orchester ließ vom zweiten Takte nichts weiter hören. Dagegen fiel Herr Fischer sogleich wieder mit der Orgel ein, setzte sein Präludium fort und schloß nun förmlich in dem Haupttone C-dur – als ob dieser Vorgang absichtlich so eingeleitet worden wäre. Da also hierbei kein Stillstand in der Musik stattfand, so daß außer dem Orchester schwerlich jemand dies Versehen bemerkt haben mag, so würde es allerdings verheimlicht werden können, wenn nicht zu fürchten wäre, daß erfahrene Künstler meine hier wiederholten Aeußerungen von lauter fehlerfreien und gelungenen Ausführungen durch ein zwanzig Meilen weit zusammen berufenes Orchester, nach einer einzigen Probe, als eine unserer jetzigen politischen Zeitungsnachrichten belächeln möchten.

»Nach einer Pause von etwa fünfzehn Minuten ergriff Herr Spohr seine Violine, an ihn schloß sich Herr Matthäi näher an, und nun gewährten uns diese beiden vortrefflichen Künstler durch die vollendete Ausführung eines Doppelconcertes von Herrn Spohr die beglückendsten Genüsse von immer wechselnder Bewunderung, Erstaunen und Freude. Oft schienen sie in offenbarer Fehde über den Vorzug in kunstvoller Ausführung, oft vereinigten sie sich wieder, indem sie gleichsam ganze harmonische Rouladen gemeinschaftlich über die Zuhörer herabströmten. Die Präcision und das Zusammentreffen der zu einander gehörigen Töne in der reißendsten Geschwindigkeit, war bewundernswürdig. Das darauf folgende ganz originelle Adagio dieses Meisterwerkes hub mit einem Trio von zwei Violoncellen, durch die Herren Preißing und Müller und einem Contrabasse, durch Herrn Wach aus Leipzig ausdrucksvoll vorgetragen, an. Als diese Drei ihr sanftes melodisches Spiel geendet hatten, ließ sich ein Quadro, in gezogenen und gebundenen Harmonieen, gleichsam als von einer Harmonika, nur mehr nach der Tiefe zu gehalten, hören. Es machte einen schauerlich süßen Eindruck. Jedermann sah sich nach den Bässen und Bratschen um, welche zu dieser himmlischen Harmonie beizutragen schienen: aber alle Arme ruhten und nur die Bogen der Herren Spohr und Matthäi waren in Bewegung. Und diese waren es auch einzig und allein, welche dies Quadro hören ließen – und zwar mit einer Reinheit, daß das Ohr beim Eintritte der Consonanzen nach Auflösung der Bindungen, öfters durch ein ganz besonders inniges Gefühl gereizt wurde. Nach einem zweiten ähnlichen Violoncelltrio trat das Quadro der beiden Concertstimmen wieder ein und wendete sich zum Schluß. Der letzte Satz entsprach vollkommen der Kunst und Schönheit des ersten.

»Hierauf näherte sich Herr Dotzauer dem vorderen Pulte und spielte wahrscheinlich wegen Kürze der noch übrigen Zeit nur ein Rondo, aber ein groß ausgeführtes, höchst schwieriges Rondo, aus einem Violoncellconcerte aus D-dur von Bernhard Romberg mit einer Fertigkeit, Rundung und Ausdauer in den anhaltenden Passagen und mit einer Leichtigkeit, Reinheit, einem Ausdruck und Silberton bei melodiösen Stellen in den höheren Octaven, daß er schon durch den Vortrag blos dieses Rondo seine große Herrschaft über sein Instrument aufs herrlichste beurkundete.

»Die Symphonie aus C-dur von Beethoven, unstreitig seine gefälligste und populärste, machte den Schluß. Sie wurde unverbesserlich mit Liebe, Feuer und höchster Präcision vorgetragen. Einen besonders süßen Genuß gewährte dabei das Chor der Bläser in dem Trio der Menuett. Das Ohr glaubte die Töne einer höchst reinen Harmonika zu hören. Ein allgemeines und anhaltendes Applaudissement bewies den Dank und die Zufriedenheit des Auditoriums mit der Wahl der aufgeführten Meisterwerke und mit der Ausführung der dazu vereinigten Künstler.

»Wenn oben von den glücklich überstandenen Schwierigkeiten des Herrn Unternehmers, sowohl in der Veranstaltung für die geistige als für die leibliche Unterhaltung seiner so zahlreichen Gäste die Rede war, so scheint es Pflicht zu sein, auch über letztere noch Einiges beizubringen. Sie war in solch einem kleinen Oertchen gewiß keine Kleinigkeit.

»Die hundert Choristen waren in verschiedene Gasthöfe vertheilt, wo sie Beköstigung und Nachtlager fanden. Die sämmtlichen Virtuosen, Sänger und Dilettanten hingegen fanden ihre Absteige- und Nachtquartiere in anständigen Privathäusern. Um aber diesen, aus so entfernten Gegenden versammelten, braven Musikfreunden den Genuß ihres Vereins aufs Möglichste zu erleichtern und zu verschönern, hatte Herr Bischoff sein unmittelbar hinter dem Hause liegendes Blumengärtchen aufgeopfert und es in einen Speisesaal umwandeln lassen. Der zu diesem Zweck errichtete Salon war mit jungem Grün ausgeschmückt, dessen Zweige der Gesellschaft freundlich entgegen winkten. In diesem Saal waren die Tafeln aufgestellt und wurde servirt. Es war eine Freude, mit anzusehen, wie sich hier so viele wackere, zu einem und demselben Zwecke vereinigte Künstler und Kunstfreunde zu Allem gemeinschaftlich zusammenfanden, zur beglückenden Arbeit auszogen, von dieser zum heitern Genuß sich wieder sammelten und namentlich auch mit unverkennbarer, herzlicher Teilnahme dem großen Vater Haydn, dem trefflichen Spohr und mehreren andern vorzüglichen Künstlern ihre Dankopfer bei vollen Gläsern darbrachten. Gewöhnlich wurde das Vergnügen an den Abendtafeln noch durch munteren und schönen Gesang erhöht. Es traten gute Stimmen zusammen, sangen Quartetten und Canons; Herr Methfessel ergriff die Guitarre und unterhielt die Gesellschaft mit angenehmen Liedern und rührenden Romanzen von seiner Composition; zur Abwechselung gab er auch ein paar komische Lieder und entwickelte in diesen seine lebhafte Phantasie, seinen Reichthum an Erfindung, Witz, Laune im Ausdrucke, sowie überhaupt seine Bekanntschaft im Reiche der Töne und der Harmonie. Ihm nahm dann der Herr Berg-Assessor Hachmeister aus Clausthal die Guitarre ab und ergötzte die Gesellschaft mit Volksliedern im thüringischen Dialect, voller Witz und Laune, welche den Zuhörer zwangen, die Leiden der Zeit zu belachen, er mochte wollen oder nicht.«

Ich und meine Frau machten in Frankenhausen unter den dort versammelten Künstlern und Kunstfreunden manche interessante Bekanntschaft, unter anderen auch die des Amtsraths Lüder in Catlenburg, der bis zu dieser Stunde einer meiner intimsten Freunde geblieben ist. Lüder wohnte damals in der Gegend von Bremen und war auf einer Geschäftsreise nach Berlin begriffen. Am Fuße des Harzes angelangt, erzählt ihm sein Postillon von dem in einigen Tagen bevorstehenden Musikfeste in Frankenhausen und weiß ihm die dort zu erwartenden Kunstgenüsse so anziehend zu schildern, daß Lüder sogleich vom Wege abbiegen und die Richtung nach Frankenhausen einschlagen läßt. Dort angekommen, ist es sein erstes Geschäft, mich aufzusuchen und um die Erlaubniß zu bitten, sämmtlichen Proben beiwohnen zu dürfen. Dies wurde nicht nur sehr gern gewährt, sondern ich lud auch den neuen Bekannten, an dessen brennendem Kunst-Enthusiasmus ich große Freude hatte, ein, den Zusammenkünften im Zelte Mittags und Abends beizuwohnen. Hier gestaltete sich in den Stunden zwischen den Proben und den Aufführungen ein so fröhliches, durch Kunstgenüsse und heitere Scherze gewürztes Zusammenleben, daß alle Theilnehmenden gewiß mit großer Befriedigung daran zurückgedacht haben werden. Besonders hatte sich an mich ein kleiner Zirkel gleichgesinnter Kunst-Enthusiasten angeschlossen, der sich bald so lieb gewann, daß er sich nach Beendigung des Festes nicht sogleich zu trennen vermochte und noch gemeinschaftlich einen Ausflug auf den Kyffhäuser veranstaltete. Auf dieser durch das schönste Wetter begünstigten Bergfahrt war es besonders der Sänger Methfessel aus Rudolstadt, der durch seine unerschöpfliche Laune die Gesellschaft fortwährend in der heitersten Stimmung erhielt. Noch erinnere ich mich mit großem Vergnügen einer von ihm improvisirten Kapuzinerpredigt, die er in der Kirche einer Klosterruine von der Kanzel herab hielt, in welche er die Hauptmomente des Musikfestes theils ernst, theils komisch zu verweben wußte. Auf der Spitze des Kyffhäusers wurde auch Kaiser Barbarossa von ihm angesungen und zu baldigem Erwachen und zur endlichen Befreiung Deutschlands ermahnt!

An den Fuß des Berges zurückgekehrt, mußten die neuen Freunde sich, wiewohl mit Widerstreben, trennen, und es kehrte ein Jeder höchst befriedigt in seine Heimath zurück.

Ich begann sogleich von neuem die Composition meiner Oper und beendigte sie im Laufe des Winters von 1810 auf 1811. Außer ihr finden sich im Verzeichniß noch folgende Arbeiten aus dieser Zeit: ein Violinconcert, später als zehntes bei Peters erschienen, eine Sonate für Harfe und Violine ( Op. 114 bei Schubert) und eine italienische Arie, alla Polacca, mit obligater Violine, welche nicht im Stich erschienen ist. Diese schrieb ich im Auftrage des Prinzen Friedrich von Gotha, des Bruders des Herzogs, der, mit einer wohlklingenden Tenorstimme begabt, öfter in Hofconcerten sang und sehr wünschte, dazu eine Arie mit Violinbegleitung von mir zu besitzen. Sie wurde denn auch oft genug vorgeführt, besonders wenn Fremde bei Hofe zu Besuch waren.

Der Prinz war ein liebenswürdiger und wohlwollender Mann, der sich viel mehr als sein Bruder für Musik interessirte und im Verein mit der Herzogin die Theilnahme für die Hofconcerte aufrecht erhielt. Leider war er mit einer unheilbaren Krankheit, dem Starrkrampfe, behaftet, der ihn alle vierzehn Tage, in späteren Jahren noch öfter befiel und für zwölf bis sechszehn Stunden niederwarf. Dann war er des Gebrauches aller seiner Glieder beraubt und nur die Sprachwerkzeuge und die Gesichtsmuskeln blieben vom Krampf verschont. Er lag dann während des schrecklichen Anfalles wie ein Todter unbeweglich im Bette; hatte es aber gern, wenn man ihn besuchte und unterhielt. Durch die öftere Wiederkehr war er so an diesen Zustand gewöhnt, daß er dabei ganz heiter sein konnte. Die Aerzte hielten ein milderes Klima für heilsam und schickten ihn deshalb nach Italien. Ich traf ihn auf meiner italienischen Reise im Jahre 1816 in Rom, und es wird dann öfter die Rede von ihm sein.

Im Frühjahre 1811 erschien der Kantor Bischoff abermals bei mir und lud mich ein, ein zweites großes Musikfest, welches er im Juli in Frankenhausen zu veranstalten gedenke, zu leiten. Er bat mich zugleich, im Concerte des zweiten Tages ein Violin-Concert vorzutragen und zur Eröffnung desselben eine große Symphonie zu schreiben. Obgleich ich mich in dieser Musikgattung noch nicht versucht hatte, sagte ich mit Freuden zu.

So war mir abermals zu einer interessanten Arbeit Veranlassung gegeben, und ich machte mich auch sogleich mit großer Begeisterung darüber her. Geschah es mir nun bisher, daß ich meine Erstlingsversuche in einer neuen Compositions-Gattung nach einiger Zeit nicht mehr leiden konnte, so machte doch diese Symphonie eine Ausnahme davon, indem sie mir auch noch in spätern Jahren gefiel. Da ich sie mit meinem Orchester, welches den Kern des Frankenhäuser Orchesters bildete, im voraus sehr sorgfältig eingeübt hatte, so wurde sie beim Musikfeste trotz dem, daß nur eine Probe stattfinden konnte, vortrefflich ausgeführt und fand, namentlich bei den Mitwirkenden, eine enthusiastische Aufnahme. Ich fühlte mich dadurch sehr beglückt, mehr noch als durch den Beifall, den ich als Solospieler erntete. Auch in Leipzig, wo die Symphonie im Gewandhaus-Concerte aufgeführt wurde, fand sie großen Beifall, wie ein Bericht der Musikalischen Zeitung darthut, in welchem es heißt: » Spohr's neue, noch ungedruckte Symphonie erregte die Theilnahme und Bewunderung aller ernsthaften Kunstfreunde. Wir stellen sie nicht nur weit höher, sowohl in Erfindung als in Ausarbeitung, als Alles, was wir von Orchestermusik dieses Meisters kennen, sondern gestehen auch, daß wir seit Jahren kaum ein neues Werk dieser Gattung gehört haben, welches so viele Neuheit und Eigenthümlichkeit, ohne Bizarrerie und Affektation, mit soviel Reichthum und Gründlichkeit ohne Künstelei und Schwulst, darlegte, als eben dieses. Man kann ihm ohne alles Bedenken voraussagen, es werde, ist es gedruckt, ein Lieblingsstück aller großen und sehr geschickten Orchester, aller ernsten und gebildeten Zuhörer werden; Beider aber bedarf es.«

Außer dieser Symphonie hatte ich auch noch für das Musikfest auf Hermstedt's unablässiges Drängen Variationen für Clarinette mit Orchesterbegleitung über Themen aus dem »Opferfest« geschrieben, die von demselben mit der gewohnten Virtuosität vorgetragen wurden. Auch diese Composition (bei Schlesinger in Berlin als Op. 80 gedruckt), die jene Themen mehr in freier Phantasie künstlich durchführt, als eigentlich variirt, fand bei den Musikern und Kennern großen Beifall.

Dem Musikfeste schloß sich am Nachmittage des zweiten Tages auch noch ein Familienfest des Unternehmers an. Es war ihm einige Wochen vorher ein Knabe geboren, dessen Taufe nun stattfand. Er hatte sämmtliche Mitwirkenden zu Gevatter gebeten, die sich, festlich geschmückt, jetzt am Altare der Kirche aufstellten. Ich hielt das Kind über die Taufe und gab ihm meinen Namen »Louis.« Als der Prediger an mich und die andern Gevattern die Frage stellte, ob wir für eine christliche Erziehung des Knaben Sorge tragen wollten, erschallte ein feierliches, wohl dreihundertstimmiges Ja. Ein von den Sängern vorgetragener Chor mit Orgelbegleitung schloß die heilige Handlung.

Meine Freude an diesem zweiten Feste wurde dadurch noch sehr gesteigert, daß sich unter den Zuhörern auch meine Eltern befanden und an dem geselligen Treiben im Zelte lebhaften Antheil nahmen. Der Unternehmer fand ebenfalls seine Rechnung, und so endigte dieses Fest wie das vorjährige zu allgemeiner Zufriedenheit.

Bald nach meiner Zurückkunft erhielt ich von Hamburg die Nachricht, daß meine Oper, die ich schon im Frühjahre eingesandt hatte, nun endlich vertheilt sei und in den ersten Tagen des November zur Aufführung kommen solle. Ich erbat daher einen vierwöchentlichen Urlaub für mich und meine Frau und reis'te mit ihr Mitte Oktober über Hannover, wo ich Concert zu geben gedachte, nach Hamburg ab. Ich befand mich, da dies die erste Oper von mir war, die zur Aufführung kommen sollte, in großer Spannung. Man denke sich daher meinen Schrecken, als ich in Hannover einen Brief vom Schauspieldirektor Schröder erhielt, der mir meldete, die Oper werde gar nicht zur Aufführung kommen, weil die erste Sängerin, Madame Becker, die Annahme ihrer Rolle verweigere und dazu nach den Theatergesetzen vollständig berechtigt sei.

Die Sache hing so zusammen. Ich hatte mich, bevor ich meine Arbeit begann, bei Herrn Schwenke nach dem Stimmumfang und der Fähigkeit der Hamburger Sänger zwar sorgfältig erkundigt und die Hauptpartieen der Oper danach eingerichtet. Da es mir aber noch an aller Erfahrung in diesen Dingen fehlte, so hatte ich versäumt, mir auch die Persönlichkeit der Sänger beschreiben zu lassen, und so war es geschehen, daß ich für Madame Becker, eine kleine, zarte Figur, die Partie der Donna Isabella geschrieben hatte, die in Männerkleidung ihren ungetreuen Geliebten am Hofe der Fürstin Mathilde aufsucht, und ihn zuletzt in Ritterrüstung zum Zweikampf auf Leben und Tod herausfordert. Madame Becker war, so lange als sie von der Oper nichts kannte, als ihre Partie, höchst zufrieden und begann das Einüben derselben mit großem Eifer. Sobald sie aber das Buch gelesen hatte, erklärte sie, die Rolle nicht übernehmen zu können, weil sie sich damit total lächerlich machen würde. Höchst ärgerlich über meinen Mißgriff, reiste ich nach Hamburg, um ihn wo möglich wieder gut zu machen und die Oper dennoch zur Aufführung zu bringen. Ich fand den alten Schröder sehr verstimmt und im höchsten Grade mißvergnügt über seine Theaterunternehmung. Er hatte aber auch alle Ursache dazu. Mehrere Mitglieder waren ausgeblieben, andere zu spät eingetroffen, und einige hatten den gehegten Erwartungen nicht entsprochen; seine neuen Schau- und Lustspiele hatten nicht recht angesprochen und das Haus leer gelassen. Von den vier Opern, die er componiren ließ, waren bereits zwei bei Seite gelegt, weil sie mißfallen hatten. Die von Winter componirte: »Die Pantoffeln«, hatte doch einige, wiewohl wenig besuchte Aufführungen erlebt; die von Clasing: »Welcher ist der Rechte?« war aber gleich nach der ersten Aufführung wieder vom Repertoire verschwunden, weil sie, trotz der angestrengten Bemühungen der zahlreichen Freunde Clasing's, total durchgefallen war.

Bei solchen Erfahrungen war es allerdings dem alten Griesgram kaum zu verdenken, daß er auch meiner Oper keinen Erfolg zutraute und das um so weniger, weil die beliebteste Sängerin seines Theaters nicht mitwirken konnte. Daß er aber das Honorar dafür auszahlen und sie sogleich, ohne einen Versuch damit gemacht zu haben, bei Seite legen wollte, empörte mich und ich protestirte auf das entschiedenste dagegen. Endlich erhielt ich nach vielen Bitten Schröder's Zustimmung, daß ich mit einer andern Sängerin, die bisher nur in kleinen Partien beschäftigt wurde, den Versuch machen durfte, ihr die von Madame Becker verweigerte Partie einzuüben. Ich fand bei dieser Sängerin, einer Madame Lichtenheld, viel guten Willen und glückliche Naturanlagen, und es gelang mir auch ganz gut damit, nachdem ich die schwierigsten Bravoursätze der Partie ihren Fähigkeiten angemessen vereinfacht hatte. So konnten denn endlich die Theaterproben beginnen, und nachdem Schröder eine davon angehört und sich davon überzeugt hatte, daß Madame Lichtenheld die Partie genügend würde geben können, wurde die erste Aufführung der Oper auf den 15. November angesetzt. Meine früheren Bekannten unter den Musikern, Romberg und Prell mit eingeschlossen, erboten sich sämmtlich, in den beiden von mir zu leitenden Aufführungen im Orchester mitzuwirken. Auch Hermstedt, der nach Hamburg gekommen war, um unter meinem Schutze Concert zu geben, schloß sich ihnen an und übernahm die erste Clarinettpartie, welche dankbare Soli's und concertirende Begleitung einer Sopran-Arie enthielt. Durch die Mitwirkung dieser ausgezeichneten Künstler wurde das Orchester bedeutend gehoben, und da die Sänger und der Chor ebenfalls gut eingeübt waren, so hatte ich schon in den Proben große Freude an der Genauigkeit, mit welcher meine Musik executirt wurde und daher die beste Hoffnung, daß die Oper gefallen werde. Doch trat ich am Tage der Aufführung nicht ohne neue Besorgniß an mein Pult, da mir zu Ohren gekommen war, daß Clasing's Freunde feindlich gegen mich auftreten würden, um den Fall der Oper ihres Freundes zu rächen. Nachdem jedoch die Musik begonnen hatte, dachte ich nur noch an diese und vergaß alles Uebrige um mich her. Auch zeigte mir schon der Beifall, mit dem die Ouvertüre aufgenommen wurde, daß die feindliche Partei nicht aufkommen würde; und so war es auch. Fast jede Nummer wurde beklatscht, und der Beifall steigerte sich gegen das Ende der Oper immer mehr. Beim Fallen des Vorhangs ertönte ein langanhaltender Beifallssturm, der nur dem Componisten galt.

Ich hätte nun recht glücklich sein können, war es aber gar nicht. Schon bei der ersten Probe hatte mir Einiges in meiner Musik mißfallen. Mit jeder folgenden Aufführung gesellte sich Neues hinzu, und noch ehe es zur Aufführung kam, war mir die Hälfte meiner Oper zuwider. Ich glaubte nun recht gut zu wissen, wie ich es hätte besser machen können und ärgerte mich, dieses nicht früher eingesehen zu haben. Ja, wäre mir mein Werk bei meiner Ankunft in Hamburg schon in diesem Lichte erschienen, so hätte ich gegen die Absicht Schröder's, es unaufgeführt bei Seite zu legen, nichts einzuwenden gehabt. So urtheilten meine musikalischen Freunde aber nicht; sie waren auch mit dieser Arbeit sehr zufrieden und wünschten mir Glück zu dem günstigen Erfolge. Schwenke schrieb eine ausführliche, sehr lobende Beurtheilung der Oper und wußte in dieser selbst die wohlbegründete Behauptung der Gegner, daß sie viele Reminiscenzen aus den Mozart'schen Opern enthalte, mit Geschick zu bekämpfen, indem er zwar zugab, daß die Form der Musikstücke, sowie die ganze Faktur an Mozart erinnere, dies aber zugleich als einen Vorzug geltend zu machen suchte. Hierdurch auf mich aufmerksam geworden, fühlte ich jedoch die Nothwendigkeit, mich davon frei zu machen und glaube dies auch schon in meiner nächsten dramatischen Arbeit, dem »Faust«, vollständig erreicht zu haben.

Schwenke hatte mit meiner Genehmigung schon längst einen Clavierauszug aus der Oper gemacht, der nun bei Böhm in Hamburg erschien und bald eine weite Verbreitung fand.

Von dem Concerte, welches ich im Verein mit meiner Frau und Hermstedt damals in Hamburg gab, erinnere ich mir nicht viel mehr, als daß Letzterer auch dort durch seine ausgebildete Virtuosität großes Aufsehen erregte. Eine deutlichere Erinnerung habe ich aber noch von einem Concerte in Altona, bei welchem wir, wie auch mehrere unserer Hamburger Freunde, mitwirkten und in welchem uns allerlei kleine Unfälle begegneten, die später Stoff zu vielen Neckereien gaben.

Dieses Concert war von einem reichen Altonaer Musikfreunde veranstaltet worden, der die Hamburger Mitwirkenden zu einem luxuriösen Essen einlud. Nachdem die Gesellschaft zwei Stunden getafelt und fleißig dem Champagner zugesprochen hatte, wurde sie so fröhlich und ausgelassen, daß Niemand mehr an das nun folgende Concert dachte. Der Schrecken war daher allgemein, als plötzlich ein Bote erschien und meldete, das zahlreich versammelte Publikum werde ungeduldig und verlange das Beginnen des Concertes. Man brach nun eiligst nach dem Concertsaale auf; doch war eigentlich Niemand mehr in der gehörigen Verfassung, um öffentlich auftreten zu können. Auffallend war dabei, daß die sonst Zaghaften nun die Muthigsten geworden waren. Das Altonaer Dilettanten-Orchester, dem die Hamburger Künstler als Kern und Stütze dienen sollten, war schon aufgestellt, und das Concert begann daher sogleich mit einer Ouvertüre von Romberg, die er selbst leitete. Er, dem man nicht mit Unrecht vorwarf, daß er die Tempi seiner Compositionen stets zu langsam nehme, übereilte das Allegro seiner Ouvertüre diesmal dermaßen, daß die armen Dilettanten gar nicht mitkommen konnten. Es fehlte daher nicht viel, so wäre schon in der Ouvertüre umgeworfen worden. Nun folgten wir, meine Frau und ich, mit einer Sonate für Harfe und Violine, die wir, wie immer, ohne Noten vortragen wollten. Als wir schon saßen, und ich eben zu beginnen dachte, flüsterte mir meine Frau, die sonst die Besonnenheit selbst war, ängstlich zu: »Um des Himmelswillen, Louis, ich kann mich nicht besinnen, welche Sonate wir spielen wollen, und wie sie anfängt!« Ich sang ihr den Anfang heimlich in's Ohr und brachte sie so wieder zu der nöthigen Ruhe und Besonnenheit. Unser Spiel ging nun auch ohne Unfall zu Ende und erwarb uns großen Beifall. Nun sollte Madame Becker eine Arie singen und war auch bereits von Romberg auf die Orchester-Erhöhung geführt worden, als sie, zum großen Erstaunen des Publikums, plötzlich wieder davonlief und im Nebenzimmer verschwand. Voller Besorgniß, daß sie krank geworden, eilte ihr Dorette nach. Doch kehrten Beide bald zurück und ich erfuhr nun von meiner Frau, daß der Sängerin in Folge des Diner's der Athem gefehlt, und sie daher erst die Kleider habe lockern müssen.

Nun folgte Hermstedt mit einer schweren Composition von mir. Er, der sonst beim öffentlichen Auftreten mit der ängstlichsten Vorsicht zu Werke ging, hatte heute im tollen Uebermuth des Champagner-Rausches ein neues noch nicht erprobtes Blatt dem Mundstück seiner Clarinette aufgeschraubt und rühmte sich dessen auch noch gegen mich, als ich das Orchester bestieg. Mir ahnte gleich nichts Gutes. Das Solo meiner Composition begann mit einem lang ausgehaltenen Tone, den Hermstedt kaum hörbar ansetzte und nach und nach zu enormer Kraft anwachsen ließ, womit er stets große Sensation machte. Auch diesmal begann er so, und das Publikum hörte dem Anwachsen des Tones mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er ihn aber zur höchsten Kraft steigern wollte, überschlug sich das Blatt und gab einen Mißton, ähnlich dem, wenn eine Gans aufschreit. Das Publikum lachte, und der nun plötzlich nüchtern gewordene Virtuos wurde leichenblaß vor Schrecken. Doch faßte er sich bald und trug nun alles Uebrige in gewohnter Vollendung vor, so daß ihm am Schluß enthusiastischer Beifall nicht fehlte.

Am schlimmsten erging es aber dem armen Schwenke. Ihm hatte das Diner die Hosenschnalle gesprengt, ohne daß er es bemerkt hatte. Als er nun bei einem Potpourri mit Quartettbegleitung, das ich zum Schluß des Concertes spielte, zur Uebernahme der Violapartie auf die Erhöhung des Orchesters getreten war, fühlte er bald nach Beginn der Musik, daß ihm durch die Bewegung der Bogenführung das Beinkleid zu sinken begann. Viel zu gewissenhafter Musiker, um von seinen Noten etwas auszulassen, wartete er ganz ruhig die Pausen ab, um das Beinkleid wieder heraufzuziehen. Seine Noth blieb dem Publikum nicht lange verborgen und erregte große Heiterkeit. Als ihn nun aber am Ende des Potpourris eine Sechzehntel-Bewegung dermaßen schüttelte, daß das Sinken des Beinkleids bedenkliche Fortschritte machte und ans Unanständige zu streifen drohte, da konnte das Publikum sich nicht mehr halten und brach in allgemeines Kichern aus. So wurde durch diese Störung meines Solovortrags auch ich mit in die allgemeine Calamität des Tages hineingezogen.

Bei der Rückkehr nach Gotha fand ich einen Brief von Bischoff vor, in welchem dieser mir mittheilte, er sei vom Gouverneur von Erfurt aufgefordert worden, dort im nächsten Sommer zur Feier des Napoleonstages, am 15. August, ein großes Musikfest zu veranstalten. Er sei auch bereits mit ihm über die Bedingungen einig geworden und bitte mich nun, die Leitung desselben zu übernehmen und für den ersten Tag ein neues Oratorium zu schreiben. Ich hatte mir längst gewünscht, mich auch einmal im Oratorienstyl versuchen zu können und ging gern auf diesen Vorschlag ein. Es war mir bereits von einem jungen Dichter in Erfurt der Text eines Oratoriums angetragen worden, in welchem ich großartige Momente für Composition gefunden hatte. Es hieß: »Das jüngste Gericht«.

Ich erlangte das Buch und machte mich sogleich an die Arbeit. Bald fühlte ich jedoch, daß es mir für den Oratorienstyl noch zu sehr an Gewandtheit im Contrapunkte und im Fugiren fehlte und unterbrach daher meine Arbeit, um erst die nöthigen Vorstudien dafür zu machen. Von einem meiner Schüler erborgte ich Marpurg's »Kunst der Fuge« und vertiefte mich sogleich in das eifrige unausgesetzte Studium dieses Werkes. Nachdem ich nach dieser Anleitung ein halbes Dutzend Fugen geschrieben hatte, von denen mir die letzteren ganz gut gerathen schienen, nahm ich die Composition meines Oratoriums wieder auf und vollendete es nun, ohne wieder davon abzulassen. Nach dem Verzeichnisse ist es im Januar 1812 begonnen und im Juni beendigt worden. Es würde daher zum Ausschreiben und Einüben desselben bis zur Aufführung an der nöthigen Zeit gefehlt haben, hätte ich nicht die beiden ersten Theile des Werkes schon früher, gleich nach ihrer Vollendung, an Bischoff eingesandt. Es konnten deshalb nicht nur die Chöre sorgfältig eingeübt werden, sondern ich fand auch die nöthige Zeit, um die Orchesterpartie mit meiner Kapelle, die wieder den Kern des großen Erfurter Orchesters bilden sollte, im voraus einzustudiren. So gelang es, trotzdem daß das Werk sehr schwer ist, nach einer einzigen gemeinschaftlichen Probe eine ziemlich gelungene Aufführung davon zu Stande zu bringen. Nur einer der Solosänger, der die Partie des Satanas sang, konnte nicht genügen. Ich hatte diese durch starke Instrumente gedeckte Partie auf Anrathen Bischoff's einem Dorfschulmeister bei Gotha übertragen, der in der ganzen Umgegend wegen seiner kolossalen Baßstimme berühmt war. An Kraft der Stimme, um ein ganzes Orchester zu überschreien, fehlte es ihm allerdings nicht, wohl aber an Schule und Musik, um die genannte Partie befriedigend vortragen zu können. Ich studirte sie ihm selbst ein und gab mir große Mühe, ihn ein wenig zuzustutzen, doch ohne großen Erfolg. Denn als es zum Treffen kam, hatte er alle Lehren und Ermahnungen völlig vergessen und legte mit seiner barbarischen Stimme dermaßen los, daß er die Zuhörer zuerst in Schrecken versetzte und dann zum Lachen reizte. Bei dem Uebertreiben seiner Stimme intonirte er überdies fast immer zu hoch und verdarb so noch mehrere der effektvollsten Momente des Oratoriums. Ich litt unendlich dabei, und die Freude an meinem Werke wurde mir sehr verbittert. Doch gefiel es demungeachtet allgemein und wurde in dem ausführlichen Berichte über das Musikfest in einem Thüringer Blatte höchst günstig beurtheilt. Eine andere Kritik, die in einem süddeutschen, wenn ich nicht irre, Frankfurter Blatte erschien, hatte aber Vieles an dem Werke auszusetzen und war überhaupt in einem bittern, gehässigen Tone geschrieben. Ich hatte viele Jahre den Hofrath André in Offenbach im Verdacht, diese boshafte Kritik geschrieben zu haben, da er in Gesellschaft zweier seiner Schüler, Arnold und Aloys Schmidt, dem Musikfeste beiwohnte. Was mich, trotzdem daß sich André mündlich beifällig über das Werk gegen mich geäußert hatte, auf diesen Verdacht führte, ist mir nicht mehr erinnerlich; André hat mir jedoch in späteren Jahren, als ich ihn darüber befragte, versichert, nicht der Verfasser zu sein. Ich selbst hielt das Werk damals nicht nur für das Beste, was ich bis dahin geschrieben hatte, sondern meinte auch, niemals etwas Schöneres gehört zu haben. Noch jetzt habe ich für einige Chöre und Fugen, sowie für die Partie des Satanas, eine solche Vorliebe, daß ich sie fast für das Großartigste erklären möchte, was ich je zu Stande gebracht habe. Ein Anderes ist es aber mit den übrigen Sätzen, besonders mit den Solopartien von Jesus und Maria. Diese sind ganz in dem damaligen Cantatenstyl geschrieben und mit Bravoursätzen und Coloraturen überladen. Ich fühlte auch bald nachher das Ungehörige dieses Styles und faßte in späteren Jahren wiederholt den Vorsatz, diese Solopartien umzuschreiben. Wenn ich aber damit beginnen wollte, schien es mir doch, als könne ich mich nicht mehr hineinfinden, und so unterblieb es. Das Werk, so wie es war, zu veröffentlichen, konnte ich mich nicht entschließen. So ist es denn in späteren Jahren völlig unbenutzt liegen geblieben.

Da die erwähnte Feier des Napoleons-Tages kurz vor dem russischen Feldzuge die letzte war, die in Erfurt, sowie überhaupt in Deutschland stattfand, so hat man es ominös finden wollen, daß der Hauptbestandtheil desselben »das jüngste Gericht« war.

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