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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 35
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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34

Als ich das alte vertrauliche ›Papa‹ und das ›Du‹ wieder von ihm hörte – so hatte er mich in längst vergangener Zeit zusammen mit Kate manchmal genannt – wäre ich beinahe zusammengebrochen.

›Warum sagst du das, Jimmy?‹ fragte ich.

›Kein anderer Mensch kann ihn getötet haben‹, versetzte er. ›Kein Mensch war allein in der Wohnung außer Miller und dir. Kein Mensch hatte eine wirklich ernsthafte Veranlassung dazu, ihn zu ermorden, außer dir – denn Louba nahm dir Kate fort.‹

›Woher weißt du das?‹ fragte ich.

›Die Erkenntnis kam mir wie eine Erleuchtung. Du hast durch einen Zufall alles erfahren und schlugst Louba im Affekt sofort nieder. – Wo ist Kate jetzt?‹

Bevor ich antwortete, setzte ich mich in einen Sessel und stopfte mir meine Pfeife. Dies war eine Krise – und ein guter Arzt wird dadurch nicht schlechter, daß er sich einen schwierigen Fall erst einmal gründlich überlegt.

›Das kann ich dir nicht sagen‹, erklärte ich dann so ruhig wie möglich. ›Sie ist mit Berry in London, soviel weiß ich.‹

›Berry heißt der Mann, der früher dein Assistent war. Ich erkannte den Namen sofort. Das stimmt doch?‹

Ich nickte.

›Und sie lief natürlich nicht mit ihm davon, sondern Louba nahm sie mit. Berry war nur das Aushängeschild.‹

Eine lange, lange Zeit paffte ich stumm vor mich hin. Dann faßte ich einen Entschluß und erzählte ihm alles – alles, was ich wußte, alles, was ich getan hatte – alles, was passiert war.

›Verdammt, ich wünschte nur, ich wäre es gewesen‹, knirschte er. ›Ich wünschte, ich hätte ihn einmal in den Händen gehabt, bevor er starb.‹

›Ein Glück, daß du es nicht warst‹, sagte ich. ›Um mich ist es nicht allzu schade. Ich bin schon ein alter Mann und habe mit dem Leben mehr oder weniger abgeschlossen. Mit dem Bewußtsein, daß ich die Welt von einem großen Schurken befreit habe, werde ich ruhig sterben.‹

›Niemand wird sterben‹, sagte er energisch. ›Wir müssen Kate finden und sie fortschaffen. Was diesen Kerl, ihren – Gatten betrifft ...‹

Ich hatte inzwischen alle Briefe, die Kate an Louba gerichtet hatte, längst gelesen und konnte ihm deshalb genaue Auskunft über ihre traurigen Lebensumstände geben.

›Wir müssen versuchen, sie wegzubekommen‹, sagte er wiederum, diesmal mit äußerster Entschlossenheit. ›Ich weiß nur noch nicht, was wir mit ihrem Mann machen sollen. Wenn er verhaftet wird, kommt die ganze Sache heraus.‹

›Gar nicht nötig, daß er verhaftet wird‹, sagte ich und fühlte mich so freudig entschlossen wie noch niemals in meinem Leben. ›Ich werde ihn töten.‹

Er starrte mich erschrocken an.

›Du bist ja verrückt‹, murmelte er.

›Ich werde ihn töten!‹ beharrte ich. ›Für all das, was er Kate angetan hat, werde ich ihn töten – und du darfst dich in keiner Weise hineinmischen. Das einzige, was ich möchte, Jim, ist ein Ort, wohin ich sie bringen kann – und eine bessere Zukunft für sie.‹

Er holte tief Luft.

›Was die Zukunft betrifft, so brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Ich werde meinen Abschied nehmen.‹

›Jim‹, sagte ich, ›verschaffe dir Pässe für dich und Kate. Übermorgen fährt ein Schiff aus Cherbourg nach Südamerika ab. Mach so viel Geld flüssig, wie du nur kannst, und nimm Kate mit dir. Ich komme nach, wenn ich am Leben bleibe.‹

Wir besprachen alles ganz genau. Ich nehme an, er glaube damals immer noch nicht so recht, daß ich wirklich die Absicht hatte, den Mann zu töten, denn beim Abschied sagte er:

›Es ist gar nicht notwendig, daß du das Risiko übernimmst. Wir holen Kate einfach weg und schlagen ihm so ein Schnippchen.‹

›Damit er plaudert?‹ fragte ich ihn. ›Damit er alles, was er über die hübsche Nichte Dr. Wardens weiß, erzählt und von dem Mord seine eigene Darstellung geben kann? Damit er sagt, er wisse, daß Captain Brown ... Nein, tu du deine Sache – ich übernehme die meine.‹

*

An jenem Tag konnte man nicht nur sagen, daß es in London neblig war. Zutreffender ist, daß man kaum die Hand vor den Augen sehen konnte. Gegen abend bezog ich meinen Posten vor dem Haus in der Little Kirk Street. In der Tasche hatte ich eine Browning-Pistole mit einem Schalldämpfer. Mein Plan war, Berry zu verfolgen, wenn er aus dem Haus kam, ihm eine Strecke weit nachzugehen und ihn im Nebel niederzuschießen. Dann wollte ich zu dem Haus zurückkehren und Kate holen. Aber er hatte seine eigenen Absichten. Mittlerweile hatte er beschlossen, das Mädchen umzubringen, hatte sie sogar veranlaßt, ein Geständnis zu schreiben, das sie nachher in die Tasche stecken mußte und von dem ich damals natürlich nichts ahnte. Das Original, nach dem sie es abschreiben mußte und das er fortzuwerfen vergessen hatte, fand sich bekanntlich in seiner eigenen Tasche. Ich sah die beiden herauskommen und folgte ihnen. Obwohl ich Gummisohlen an den Schuhen hatte, muß Kate mehr geahnt als gehört haben, daß sie verfolgt wurden.

Einmal kam der Mann ein Stück zurück, aber ich hatte mich flach gegen eine Mauer gedrückt, und er bemerkte mich nicht.

Was Charles Berry vorhatte, konnte ich nun schon erraten. Das Gespräch der beiden war aufschlußreich genug für mich gewesen. Deshalb verringerte ich den Abstand zwischen uns immer mehr und war nun ein stummer Beobachter dessen, was jetzt folgte.

Als Berry sie packte und zu dem Flußufer zog, war ich dicht hinter ihnen. In diesem Augenblick entschloß ich mich zu handeln – ich schoß zweimal auf ihn. Schon der erste Schuß muß ihn getötet haben. Kate wankte auf mich zu, und als sie meine Stimme hörte, erkannte sie mich sofort.

Es ist nicht mehr allzuviel zu berichten. An einem Ort, den wir vorher vereinbart hatten, traf ich Jimmy und ließ die beiden davonziehen. Ich ging weiter meiner normalen Beschäftigung in Devonshire Street nach – Sie, lieber Leamington, wollte ich erst in Freiheit sehen, bevor ich die erste Gelegenheit wahrnahm, England für immer zu verlassen.

Kate ist verheiratet und ist unaussprechlich glücklich. Jimmy, ihr Mann, sitzt mir mit ruhigem, zufriedenem Gesicht gegenüber. Sie würden es ihm nicht ansehen, daß er einmal ein höherer Beamter Scotland Yards war.

Das ist die ganze Geschichte, mein lieber Frank. Niemand als Sie und Ihre Frau darf sie erfahren. Als wir uns kurz vor Ihrer Hochzeit voneinander verabschiedeten, versprach ich Ihnen, noch zeitig genug zur Trauung von meinem Urlaub wieder zurück zu sein. Das war ein Versprechen, das ich damals schon nicht zu halten gedachte. Nun, ich glaube, Sie verstehen jetzt, warum. Ich wünsche Ihnen zusammen mit Ihrer lieben Frau ein langes und glückliches Leben – und behalten Sie Ihren alten Doktor in gutem Andenken.«

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