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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 34
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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33

Berrys Absicht war, von Louba die Zusage zu erhalten, daß er die Rente weiterzahlen würde, oder aber eine größere Pauschalsumme von ihm zu bekommen. Louba erklärte ihm geradeheraus, daß er kein Geld mehr für ihn habe und wahrscheinlich selbst bald aus England flüchten werde – mit allem Geld, das er nur zusammenraffen könne.

Berry glaubte dies zuerst nicht, aber Loubas Diener Miller bestätigte ihm dann die Sache. Die beiden unterhielten sich miteinander mit dem Erfolg, der Ihnen ja bekannt ist.

Hurley Brown war inzwischen längst wieder nach England zurückgekehrt und hatte einen Posten in Scotland Yard angenommen. Ich erzählte ihm, was ich von der ganzen Sache wußte, aber er äußerte seine Meinung dazu nicht. Er erwähnte nur, Emil Louba wisse vielleicht Näheres über das Verschwinden der beiden – ein Verdacht, den ich sofort mit aller Entschiedenheit zurückwies. Wie schon gesagt, ich hatte Louba trotz seiner vielen Schwächen und trotz seiner schlechten Kinderstube eigentlich immer ganz gern gehabt.

Jimmy und ich sprachen nur selten von Kate – ja, wir schienen uns immer fremder zu werden. Jeder war so mit seinen eigenen Interessen beschäftigt, daß wir bald nur noch ›Hurley Brown‹ und ›Warden‹ füreinander waren. Trotzdem hatten wir unsere gegenseitige Zuneigung nie verloren.

Wie seltsam sind doch die Zufälle, die manchmal die ganze Zukunft eines Menschen bestimmen ... Eine gleichgültige Redewendung Hurley Browns im Club erinnerte Louba daran, daß er sich nicht ganz wohl fühlte und daß er mich eigentlich konsultieren könne. Wir verabredeten einen Zeitpunkt ... Doch ich greife vor.

Die ganzen Jahre über war mir Kate nie aus dem Sinn gekommen. Kein Tag verging, an dem ich nicht morgens, mittags und abends an sie dachte. Immerhin tröstete ich mich damit, daß ihr langes Schweigen wohl nur bedeutete, daß sie glücklich sei. Tatsächlich war die Wunde fast vernarbt.

Ich entsinne mich, daß ich an Kate dachte, als ich damals zu Louba fuhr. Ebenso überlegte ich mir den Grund des seltsamen gegenseitigen Hasses, den Hurley Brown und Louba sich entgegenbrachten. Ich wußte, daß Jimmy es fertiggebracht hatte, Louba aus Malta zu verjagen. Es war Tatsache, daß Loubas Haus in Brand gesteckt worden war, kurz nachdem ihm Hurley Brown gedroht hatte. Man nimmt an, daß der Brand durch die wütenden Soldaten einer Kompanie gelegt wurde, deren junger Offizier durch seine Spielschulden an Louba in den Tod getrieben worden war. Miller ließ mich ein, und ich sah sofort an seinem Gesichtsausdruck, daß etwas nicht in Ordnung war. Später gab er auch zu, daß er einen Diebstahl geplant hatte und nun der Meinung war, Charles Berry käme ihm zuvor. Als er mir sagte, er wolle sich schnell mit seiner Braut treffen und würde in einer Viertelstunde wieder zurück sein, war ich einverstanden und blieb auf dem Vorplatz.

Der Lärm im Wohnzimmer wurde immer größer. Ohne eigentlich lauschen zu wollen, war ich gezwungen, fast jedes Wort mit anzuhören. Plötzlich hörte ich, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte, die Tür wurde aufgerissen, und Louba schrie in heller Wut:

›Hinaus mit Ihnen, und unterstehen Sie sich nicht, wieder herzukommen! Wenn ich Sie noch einmal sehe, dann verabreiche ich Ihnen einen Denkzettel, den Sie nicht vergessen werden – Mr. Charles Berry!‹

Charles Berry!

Ich sprang sofort auf.

›Was würden Sie für ein Gesicht machen, wenn ich zu dem alten Doktor ginge und ihm alles erzählte – was halten Sie davon?‹ hörte ich Berry sagen. Ich erkannte seine Stimme gleich wieder.

›Gehen Sie doch hin und sagen Sie es ihm! Aber sagen Sie ihm dann auch, was Sie gemacht haben! Erzählen Sie ihm nur, daß ich schon seit zehn Jahren den Unterhalt für Sie und Ihre Frau bezahle! Und jetzt marsch hinaus ... Ihrer Frau können Sie noch sagen, daß Sie mir keine Briefe mehr schreiben soll. Wenn ich noch einmal dieses Gewinsel lesen muß, besuche ich sie – und dann kann sie was erleben!‹

Ich stand immer noch wie zu Stein erstarrt da und zitterte an allen Gliedern. Dann hörte ich Berry auf einem andern Weg das Zimmer verlassen. Mit Mühe bekam ich mich wieder in die Gewalt, ging durch die halboffene Wohnzimmertür und stand vor Louba.

Er blickte erschrocken auf, als ich eintrat, und wurde so weiß wie eine Kalkwand.

›Wann – wann kamen Sie herein, Doktor?‹

›Eben im Moment‹, erwiderte ich.

›Haben Sie etwas gehört? Haben Sie jemand fortgehen sehen?‹ fragte er weiter.

›Nein‹, entgegnete ich fest.

Ich hatte mich wieder völlig gefaßt, nur die Hände konnte ich nicht stillhalten.

›Gut!‹ meinte Louba mit einem Seufzer der Erleichterung. ›Ich hatte ganz vergessen, daß Sie kommen wollten, Doktor. Wollen Sie mich gleich untersuchen?‹

›Ziehen Sie das Hemd aus‹, erwiderte ich mechanisch und setzte mich an den kleinen Schreibsekretär, während er Kragen und Krawatte ablegte.

Ich kannte das Rezept auswendig, das ich ihm hatte geben wollen. Ganz automatisch nahm ich ein Blatt Papier und fing an zu schreiben – ohne richtig hinzusehen und zu wissen, was ich schrieb. Ich hatte schon einen Teil des Rezeptes fertig, als ich merkte, daß die Feder ja trocken war. Ich legte sie hin und nahm das Stethoskop aus der Tasche. Meine Hände zitterten immer noch, und ich versuchte mit aller Kraft, sie ruhig zu halten.

Dann sah ich plötzlich den Brief. Er lag auf dem Boden zu meinen Füßen, und ich bückte mich danach und hob ihn auf. Louba hatte mir den Rücken zugedreht und konnte mich nicht sehen. Der Brief war von Kate – ich erkannte sofort ihre Handschrift. Und in dem Dutzend Zeilen, die sich mir unauslöschlich eingeprägt haben, las ich die volle Wahrheit über die bodenlose Schlechtigkeit dieses Menschen. Ich las sie so genau heraus, als sei mir alles von einem Schwurgericht unter Eid erklärt worden. Ich erfuhr die Kniffe, die er angewandt hatte, um sie fortzulocken; ich erfuhr die Rolle, die er Charles Berry zugeteilt hatte. Und ich erfuhr auch, in was für einer Hölle sie an der Seite dieses Verbrechers lebte.

Louba hatte sich die ganze Zeit über mit seiner Krawatte abgemüht, warf sie jetzt auf den Boden und wandte sich mir zu. Als ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, zögerte ich keine Sekunde – ich nahm den erstbesten Gegenstand, der mir in die Hand kam. Es war ein schwerer silberner Leuchter, und damit schlug ich ihn nieder. Ich war so schnell, daß ich schon zum zweitenmal zuschlug, bevor er noch auf den Boden fiel. Schon der erste Schlag muß aber tödlich gewesen sein.

Ich betrachtete den Leuchter. Er war mit Blut besudelt, und ich trug ihn hinaus ins Speisezimmer. Gott sei Dank hatte ich die Handschuhe anbehalten, brauchte also keine Angst wegen Fingerabdrücken zu haben. Dann ging ich zu Emil Louba zurück. Er war tot. Ich brauchte ihn gar nicht zu untersuchen, um das festzustellen. Im Bruchteil einer Sekunde war ich mir über die nächsten Schritte, die ich unternehmen mußte, klargeworden und ging in das Schlafzimmer hinüber. Dort machte ich das Fenster auf, das zur Feuerleiter führte, nahm seinen seidenen Morgenrock, zog ihn an und knöpfte ihn bis zum Hals hinauf zu.

Beim Öffnen des Fensters hatte ich eine der beiden Schrauben, die zur Befestigung der Riegel dienten, heruntergeworfen. Ich hob sie auf und warf sie zusammen mit der andern auf Loubas Bett – aus keinem anderen Grund, als um die Polizei irrezuführen. Als nächstes nahm ich Kates Brief, riß die Adresse ab und hielt an den Rest ein Streichholz. Dann warf ich das Blatt in den Kamin und wartete, bis es verbrannt war. Mühsam hob ich danach den Körper vom Boden auf, trug ihn in das Schlafzimmer und legte ihn aufs Bett. Als ich draußen im Korridor ein Geräusch zu hören glaubte, schlich ich in den Vorplatz hinaus und lauschte an der Tür. Dabei kamen Blutflecken von dem Morgenrock an die Türfüllung.

Nur vier Minuten von den fünfzehn, die Miller fortbleiben wollte, waren bis jetzt verstrichen. Ich zog den Morgenrock aus, ging ins Badezimmer, steckte dort meine Handschuhe in die Tasche, wusch meine Hände und trocknete sie an einem frischen Handtuch ab. Das Handtuch legte ich dann wieder zu den anderen in den Kasten. Dann betrachtete ich mich sorgfältig in einem großen Spiegel und untersuchte sogar meine Schuhe nach Blutflecken. Als ich mich überzeugt hatte, daß alles völlig in Ordnung war, ging ich wieder auf den Vorplatz und setzte mich dort hin. Ich zog ein Buch aus der Tasche und brachte es tatsächlich fertig zu lesen. Ich las auch, als Miller wieder nach Hause kam, und nachdem ich noch die Komödie gespielt hatte, an der Tür nach Louba zu rufen, machte ich mich auf den Weg zurück in meinen Club.

Sie werden fragen, was es für einen Sinn hatte, daß ich zum Beispiel das Fenster aufmachte. Nun, das ist doch klar. Ich wollte ganz einfach das Verbrechen Berry in die Schuhe schieben – nicht etwa weil ich mich fürchtete, die Konsequenzen selbst zu tragen, sondern weil ich seinen Tod wünschte. Als ich das Haus verließ, sah ich Sie, Frank Leamington, und ich hatte das scheußliche Gefühl, daß Sie irgendwie in dieses Verbrechen mit hineinstolpern würden. Eigentlich wollte ich deshalb umkehren und Sie warnen; aber das hätte gefährlich werden können, gefährlich für uns beide, und aus diesem Grund entschloß ich mich, sofort in den Club zu gehen. Mein Freund Clark hatte Gott sei Dank keine Zeit, und so verbrachte ich den größten Teil des Abends in Hurley Browns Gesellschaft.

Als ich Sie in das Rauchzimmer kommen und in dem Fahrplan blättern sah, erschrak ich noch einmal sehr. Ich wurde dadurch so aufgeregt, daß ich beschloß, wieder in Loubas Wohnung zurückzukehren. Miller war ja nicht zu Hause, und ich hatte eine gute Ausrede, wenn ich hineinging. Es war mir besonders darum zu tun, Spuren, die ich eventuell doch hinterlassen hatte, zu verwischen. Kennzeichnend für meine damalige Gemütsverfassung ist, daß ich aber das unvollendete Rezept nachher nicht bemerkte.

Über die Feuerleiter gelangte ich sehr leicht in die Wohnung. Miller war nicht da, und ich durchsuchte das Zimmer in Ruhe. Kates Briefe, die ich entdeckte, steckte ich ein. Und dann fiel mein Blick auf das Telefon, und ich hatte eine Idee. Ich rief mich selbst im Club an – Loubas Stimme war ja so leicht nachzuahmen. Das tat ich aus demselben Grund, aus dem ich betreffs der Zeit, zu der Louba starb, gelogen habe um das Verbrechen auf einen andern abzuwälzen.

Den Rest der Geschichte kennen Sie ja bis zu einem gewissen Punkt. Berrys Aufenthalt wurde ausfindig gemacht, aber die Polizei kam zu spät, um ihn noch in dem Hotel, in dem er gewohnt hatte, verhaften zu können. Das einzige Beweisstück, das ihr in die Hände fiel, war ein Brief Millers, in dem er Berry mitteilte, daß Louba eine größere Summe im Haus habe.

Ich war inzwischen schon auf der Deptforder Spur. Nachdem die Polizei mich nicht mehr brauchte, war ich dort hingefahren und hatte vorsichtig Nachforschungen angestellt. Das fiel mir in der damals besonders nebligen Nacht sehr leicht.

Als ich am folgenden Tag erfuhr, daß Berry und Kate aus dem Hotel ausgezogen waren, wußte ich sofort, wohin sie sich gewandt hatten. Danach beobachtete ich Nacht für Nacht das Haus in der Little Kirk Street in Deptford.

Am Montagmorgen, als ich in aller Frühe zur Stadt zurückkehrte und mein Arbeitszimmer betrat, fand ich dort zu meiner Überraschung Jim vor, der auf mich wartete.

›Wo waren Sie, Doktor?‹ fragte er mich in seiner bedächtigen Art.

›Ich war unterwegs – hatte einen Patienten zu besuchen‹, versetzte ich so gleichgültig wie möglich. Ohne Umschweife antwortete er mir darauf:

›Papa, du hast Emil Louba ermordet.‹

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