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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 29
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
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28

Von Freitag nacht bis Dienstag früh lag der Nebel wie eine graue, dichte Decke über London. In der Nähe von Deptford war er vielleicht noch etwas dichter, denn der Fluß ist nicht weit entfernt von dem Ort. Es war ein Wetter, wie es sich Mr. Charles Berry nur wünschen konnte. Er brauchte dabei wenigstens keine Angst zu haben, entdeckt zu werden, wenn er etwas spazierenging.

Für seine Frau, die er die ganze Zeit mit seinen Befürchtungen und seinen Beschuldigungen gequält hatte, war dieser Aufenthalt in Deptford bis jetzt eine noch größere Anstrengung gewesen als die vorhergehenden Jahre. Als ihr Mann den Wirt jetzt davon überzeugt hatte, daß es bei diesem Wetter für ihn gefahrlos wäre auszugehen, atmete sie erleichtert auf. Wenigstens ein paar Stunden Ruhe.

Auch Charles Berry wollte allein sein. Er wollte sie nicht mehr sehen. Er haßte sie – hatte sie immer gehaßt, mit ihrem verschlossenen Wesen und der überlegenen Haltung, die sie ihm gegenüber stets einnahm.

Einmal, vor langer Zeit, als er sie noch sehr gern gehabt hatte, war er von ihr so verächtlich behandelt worden, daß die Erinnerung daran heute seinen Haß immer von neuem anspornte. Und ausgerechnet jetzt war sie an ihn gekettet, wo Unabhängigkeit für ihn doch so dringend notwendig war. Er verfluchte sie und sein Geschick, als er so im Nebel umherstolperte.

Captain Brown würde ihn festnehmen lassen – er sah den Richter vor sich, die Geschworenenbank ... Er faßte sich entsetzt an den Kopf, wenn er daran dachte. Und das alles nur, weil er diese Frau geheiratet hatte ...

Zwei Männer und ein kleiner Junge, die vor ihm liefen, bogen vom Weg ab. Gedankenlos folgte er ihnen. Sehen konnte er nichts – der Nebel lag so schwer und drückend ... Er meinte fast zu ersticken und blind zu sein. Der Weg senkte sich jetzt steil, und er fragte einer Mann, der ihn überholte, wohin er ginge.

»Zum Fluß ... zum Fluß hinunter«, war die hastige Antwort.

»Was ist denn los dort unten?»

»Eine Frau ist ins Wasser gesprungen ... man fand einen Brief am Ufer«, erwiderte der Mann. »Die Polizei läßt den Fluß nach ihr absuchen.«

Berry zitterte und wäre beinahe umgekehrt. Aber irgend etwas zog ihn hin, und bald mischte er sich unter eine kleine Gruppe von Menschen, die um zwei Polizisten herumstanden. Einige Arbeiter stocherten mit langen Stangen in dem dunklen Wasser des in den Fluß mündenden Kanals.

Das unheimliche Schauspiel fesselte ihn, und er blieb stehen.

Wenn doch seine Frau Selbstmord verübt hätte! Aber sie würde den Mut dazu nie aufbringen. Aber wenn sie doch ... Und wenn sie dann auch einen Brief am Ufer zurückließ, einen Brief, der ihn vor jeder Anklage schützte, die man gegen ihn erheben konnte ...

Sein Atem ging immer schneller, je mehr diese Idee Form annahm. Aber wie konnte er sie überreden, den Brief zu schreiben – das war die Schwierigkeit.

Die Polizisten zogen etwas Schlaffes, Schweres auf die Uferbank, als er mit unsicheren Schritten zu ihrer Unterkunft zurückhastete.

Sie hatte seine Tritte schon auf der Treppe gehört und seufzte beklommen, als er zur Tür hereinkam. Zu ihrer Überraschung lächelte er sie geradezu verschmitzt an, und sein Benehmen war alles andere als unangenehm.

»Kate«, sagte er. »Ich schlenderte ein wenig durch den Ort und habe nachgedacht. Falls Hurley Brown mich festnehmen kann, wird er sämtliche Beweise, die er beibringen muß, fälschen – nur um mich hängen zu sehen! Ob ich den Mord begangen habe oder nicht, macht ihm gar nichts aus. Er wird mir eins auswischen wollen – und ich muß dafür baumeln. Und dann kommt alles heraus – merk dir das –, auch über dich.«

Er sprach so leichtfertig von ›baumeln‹, daß sie, die ihn doch ganz genau kannte, sofort wußte, daß er keinen Augenblick auch nur die Möglichkeit eines solchen Endes in ernsthafte Erwägung ziehen konnte.

»Als ich gerade über die Kanalbrücke ging, suchte die Polizei nach der Leiche einer Frau«, fuhr er fort. »Sie fiel gestern abend hinein und ertrank.«

Kate schauderte zusammen.

»Eine glückliche Frau!« murmelte sie, und es fiel ihm nicht leicht, seine angenommene Freundlichkeit beizubehalten.

»Wahrscheinlich ist sie glücklich«, sagte er so sanft wie möglich. »Aber ich habe da eine Idee. Angenommen, man findet diese Frau, sucht das Ufer ab und entdeckt dort ein schriftliches Geständnis, daß sie Louba ermordet hat? Kein schlechter Gedanke, was?«

»Man hätte sehr bald herausgefunden, daß sie den Mord gar nicht begangen haben kann.

»Oh, da irrst du dich aber ganz gewaltig«, entgegnete Berry schroff. »Ich habe mich über das Mädchen erkundigt. Stell dir vor – sie war in Braymore House beschäftigt. Was hältst du von einem solchen Zufall, Kate?«

Sie sah ihn ungläubig an.

»Das ist doch kaum möglich«, meinte sie dann. »Wie konntest du denn in so kurzer Zeit Erkundigungen einziehen?«

Er schaute sie bösartig an.

»Stelle nur weiter solche Fragen – ich werde dir dann schon die richtige Antwort geben«, fuhr es ihm heraus. Aber dann hielt er sich wieder zurück. »Ich habe herausgekriegt, daß sie dort beschäftigt war – das muß dir genügen«, brummte er. »Das Ganze ist ein vom Himmel gesandter Glücksfall, mit dem Geständnis kann mich niemand mehr verurteilen – und auch der wird frei, den sie am Sonntag geschnappt haben.«

»Ist wieder jemand verhaftet worden?«

»Was geht's dich an, wen sie verhaftet haben? Sag mir lieber, was du von meiner Idee hältst!«

»Sie mag ganz gut sein«, sagte die Frau ausweichend.

»Ich habe die Absicht, zum Fluß hinunterzugehen, jemandem den Brief zu geben und zu sagen, ich hätte ihn gefunden, und man solle ihn der Polizei bringen. Im Nebel würde mich niemand erkennen.«

Er ließ sie allein, damit sie sich den Vorschlag überlegen konnte, und ging zu ihrem Wirt hinunter.

»Willst du schon wieder ausgehen?« fragte ihn der Mann erschrocken. »Auf diese Weise erwischen sie dich doch noch, Charlie. Wenn du allein wärst, hättest du vielleicht eine Chance, aber mit deiner Frau ist es so gut wie sicher.«

»Genau dasselbe habe ich auch gedacht«, erklärte Berry. Er sprach ein wenig stockend. So kurz vor der Ausführung seines Planes, der ihm in seiner nackten, schauerlichen Brutalität erst jetzt recht zum Bewußtsein kam, war ihm doch etwas beklommen zumute. Nach Freds Warnung aber riß er sich doch wieder zusammen. »Sie ist eine Gefahr für mich, ja ... Ich schicke sie fort, zu Freunden aufs Land.«

»Wohin denn? Ich dachte, du hättest keine Freunde?« antwortete der andere mißtrauisch.

»Dafür hat sie selbst eine ganze Menge – noch dazu ziemlich vornehme Leute. Ich habe schon mit ihr darüber gesprochen, und sie ist selbst der Ansicht, daß sie fortgehen muß.«

»Und wann geht sie?«

Charles Berry fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Noch heute nacht«, sagte er tonlos, drehte sich kurz um und stieg die Treppe hinauf.

Vor der Tür ihres Zimmers blieb er eine Weile unentschlossen stehen und versuchte krampfhaft, sich für die Aufgabe, die ihm bevorstand, vorzubereiten.

»Ich war eben unten bei Fred und habe mit ihm gesprochen«, sagte Berry, nachdem er eingetreten war und die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Er hält den Plan für gut, Kate.«

Langsam ging er hinüber zum Kaminsims, nahm von dort einen Block billigen Schreibpapiers, ein Tintenfaß und eine Feder und setzte sich an den Tisch. Kurze Zeit kaute er an dem Federhalter herum und überlegte, dann begann er zu schreiben. Sie beobachtete neugierig, wie er, mit vielen Pausen, das Blatt mit seiner eckigen Handschrift bedeckte.

»So, das wird's tun«, sagte er und hielt den Briefbogen in die Höhe. »Hör mal zu.« Etwas unsicher las er vor:

 

»Ich gestehe, daß einzig und allein ich für den Tod Emil Loubas verantwortlich bin. Seit Jahren habe ich Geld von ihm erhalten, aber vor einem Monat weigerte er sich, mich noch weiter auszuhalten. Am Samstagabend ging ich nach Braymore House und gelangte durch den Lieferanteneingang in die Wohnung, für die ich einen Schlüssel hatte. Dort geriet ich mit Louba in Streit, schlug ihn mit einem silbernen Leuchter nieder und flüchtete dann über die Feuerleiter. Hiermit erkläre ich, daß außer mir niemand für den Mord verantwortlich zu machen ist. Jetzt bin ich am Ende. Möge Gott mir gnädig sein.«

 

»Der letzte Absatz klingt besonders gut, nicht wahr, Kate?« Er sah sie von der Seite her scharf an. Sie saß mit geschlossenen Augen da.

»Armer Kerl«, murmelte sie dann leise.

»Was heißt hier armer Kerl!« höhnte er. »Bin ich nicht auch ein armer Kerl? Los, Kate – schreib dies hier nach.«

»Ich?« fragte sie und starrte ihn an.

»Selbstverständlich – du. Es ist doch eine Frau, oder vielleicht nicht? Und deshalb muß auch die Schrift eine Frauenhandschrift sein.«

»Ich mag nicht«, entgegnete sie. »Deine schmutzige Arbeit habe ich dich immer allein machen lassen.«

»Du wirst das abschreiben, Kate – oder du wirst es bedauern, daß du es nicht getan hast! Ich weiß genau, an wen du jetzt denkst. Du denkst wieder mal an deinen Polizisten, das ist alles.«

Sie gab ihm gar keine Antwort, sondern streckte nur müde die Hand aus. Wort für Wort schrieb sie das Geständnis ab. Er wartete, bis sie fertig war. Das von ihm selbst geschriebene Original faltete er zusammen und steckte es in die Tasche, um es sobald wie möglich loszuwerden.

»Paß auf«, sagte er dann. »Nach ›Möge Gott mir gnädig sein‹ mußt du noch anfügen: ›Mein Mann weiß von allem nichts.‹«

»Ist die Frau denn verheiratet?« fragte sie.

»Jede anständige Frau ist verheiratet«, entgegnete Berry. »Deshalb bist du ja auch eine anständige Frau!« Er kicherte über diesen Witz. »Und jetzt los! Wart mal – schreib so: ›Mein Mann ist an allem unschuldig, und ich bitte ihn um Verzeihung für die schreckliche Tat, die ich jetzt begehen werde.‹«

Sie schrieb es, und er nahm ihr den Bogen aus der Hand.

»Gut so.« Seine Stimme zitterte, während er ihr auf die Schulter klopfte. »Verlaß dich nur immer auf den alten Charlie, der hilft schon weiter. Na, bevor eine Woche vergangen ist, haben wir England verlassen – für drei Pfennig Glück werden wir doch noch haben.«

Mit einem Kopfnicken ging er zur Tür hinaus. Bis zum Abend sah sie ihn nicht mehr. Als sie um sechs Uhr eine Tasse Tee trank, kam er zurück.

»Dichter Nebel draußen«, sagte er zur Begrüßung. »Aber das kann uns ja für einen kleinen Spaziergang gerade recht sein. Du solltest nicht immer herumhocken, Kate. Komm, wir machen einen kleinen Bummel.«

Mühselig stand sie auf, nahm ihren Mantel von einem Nagel an der Wand und zog ihn an.

Berry hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, das Gelände in der Nachbarschaft zu inspizieren. Je weiter die Zeit fortgeschritten war, desto ängstlicher war er geworden. Jetzt hatte er allmählich den letzten Grad von Kopflosigkeit erreicht, in dem ihm jede Methode, und war sie auch noch so schrecklich, gerechtfertigt erschien – wenn er nur damit seine eigene Sicherheit erkaufen konnte.

Er ging zu dem Wirt hinunter.

»Ich begleite meine Frau jetzt zum Bahnhof«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Du sagst ihr am besten nicht adieu, denn ich habe ihr versprochen, sie hierher zurückzubringen.«

»Sie scheint die Gegend recht gern zu haben, was?« spottete der Mann in der alten Strickjacke. »Sag mal, was hast du eigentlich mit ihr vor, Charlie? Du willst doch nicht etwa der Frau etwas tun? Wenn ich so etwas ahnte, würde ich dir gleich hier den Hals umdrehen.«

»Ihr etwas tun?« entgegnete der andere entrüstet. »Meiner eigenen Frau? Für wen hältst du mich eigentlich?«

Der Wirt schaute ihn unschlüssig an. Irgendwie spürte er die Gefahr, in der die Frau schwebte.

»Na schön«, sagte er schließlich. »Wenn du es nicht willst, werde ich mich nicht von ihr verabschieden. Aber wenn was passiert ...«

»Mach doch keine Geschichten, Fred«, sagte nun Berry eindringlich. »Tatsächlich ist meine Frau in einer ganz scheußlichen Klemme. Sie sind nämlich gar nicht hinter mir her – sondern hinter ihr! Deshalb möchte ich ja auch, daß sie fortgeht.«

Betroffen schaute ihn der andere an.

»Soll das etwa heißen, daß deine Frau diesen alten Gauner Louba ermordet hat?« fragte er ihn erschrocken.

»Du wirst es bald genug erfahren«, erwiderte Berry düster.

Fred stand noch immer bewegungslos im Zimmer, als kurze Zeit darauf die beiden an seiner Tür vorbeigingen. Gleich danach fiel die Haustür ins Schloß. Er setzte sich und dachte nach. Als er ein wenig später das obere Zimmer untersuchte, zeigte sich, daß der Koffer nicht gepackt war und daß auch sonst keine Spur davon zu bemerken war, daß die Frau eine längere Reise angetreten hatte. Er faßte einen Entschluß und lief in den Nebel hinaus zur Telefonzelle.

Dort schaute er ohne zu zögern im Telefonbuch nach und wählte dann die Nummer der Polizeiwache in Greenwich.

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