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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 28
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pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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27

Während Trainor noch vor der Haustür stand und sich überlegte, wo er Hilfe herbekommen konnte, ohne selbst seinen Posten zu verlassen, gingen zwei Jungen an ihm vorüber. Er konnte sie im Nebel kaum erkennen.

»Hallo!« rief er schnell, und die beiden blieben sofort stehen. Die Bürschchen machten einen ganz aufgeweckten Eindruck.

»Ich bin Detektiv ... Ihr wißt ja, so einer wie in den Romanen, und ihr könntet mir etwas helfen. Einer von euch muß auf die Rückseite dieses Hauses gehen. Wenn jemand das Haus durch das hintere Hoftor verlassen will, dann muß er mir das sofort melden. Und der andere soll, so schnell er kann, zum nächsten Polizeirevier rennen ... Weißt du, wo es ist? – Gut! Ungefähr fünf Minuten von hier. Nimm diesen Zettel mit und gib ihn dort ab.« Er schrieb etwas in sein Notizbuch. »Wenn du unterwegs einen Polizisten triffst, dann schick ihn hierher. Na, wollt ihr das tun?«

Die Jungen bejahten mit einer Selbstverständlichkeit, als gehörten die ihnen zugeteilten Aufgaben zu ihrem Tagespensum in der Schule. Ohne viel zu fragen begaben sie sich sofort ans Werk.

Trainor atmete erleichtert auf. Er war sehr zufrieden. Hinter einem Straßenbaum wartete er und beobachtete dabei Sir Harrys Wohnung.

Nach genau zwölf Minuten kehrte der eine Junge mit zwei Polizisten zurück; alle drei keuchten, denn sie waren im schnellsten Tempo von der Wache hierhergelaufen.

*

Sir Harry hatte inzwischen mit da Costa verabredet, daß sich dieser in sein Wochenendhäuschen nach Shoreham begeben solle und schaute gerade im Fahrplan nach. Da klingelte es.

»Ich gebe Ihnen einen meiner Mäntel und außerdem einen Handkoffer mit ein paar Sachen drin«, sagte er zu da Costa. »Am besten, Sie gehen jetzt in den Hinterhof, und ich werfe Ihnen die Sachen hinunter.«

Er hob den Kopf. An der Wohnungstür hörte man Stimmengewirr.

»Sie brauchen mich nicht anzumelden, danke sehr«, sagte Trainor und riß die Tür des Zimmers auf. »Ich erkläre Sir Harry persönlich, warum ich gekommen bin.«

»Entschuldigen Sie vielmals, Sir«, sagte das Dienstmädchen. »Dieser Herr ... Ich konnte ihn nicht aufhalten ...«

Sie stotterte, war dann still und blickte mit verlegenem Gesicht erst ihren Herrn und dann den Detektiv an.

»Ich freue mich ja so unendlich, Sie kennenzulernen, Mr. da Costa«, sagte Trainor und nickte dem Mädchen zu. »Es ist nicht Ihre Schuld«, beruhigte er sie und schloß hinter ihr die Tür.

Da Costas sonst so volles, blühendes Gesicht sah plötzlich bleich und gelblich aus; sein Lippen zuckten vor unverhohlener Furcht, als er aufstand und den Detektiv ansah. Er mühte sich ab, irgendein Wort hervorzubringen, war aber anscheinend wie gelähmt. Trotz seiner massiven Figur bot er einen erbärmlichen Anblick.

Sir Harrys Kinn war einen Augenblick herabgesunken, aber erstaunlich schnell bekam er sich jetzt wieder in die Gewalt. Trainor konnte ihn nur bewundern.

»Ah, Inspektor, Sie kommen ja wie gerufen!« rief er. »Ich wollte Sie gerade holen lassen. Ich glaube, das ist der Herr, den Sie suchen. Er versicherte mir zwar, daß er unschuldig sei, und ich glaube ihm das eigentlich auch – aber da ich wußte, daß Sie hinter ihm her sind, wäre mir natürlich keine andere Wahl geblieben, als Ihnen mitzuteilen, daß er hier ist.«

»Aber natürlich!« spottete Trainor, ohne sich die geringste Mühe zu geben, seine Verachtung zu verbergen. Als er da Costa anschaute, hätte er ihn fast bedauert. »Trotzdem weiß ich nicht recht«, setzte er boshaft hinzu, »ob ich Sie nicht ebenfalls bitten muß, mit uns zur Wache zu gehen.«

»Was ... ich?« Sir Harry schnappte nach Luft. »Ich versichere Ihnen, ich hatte keine Ahnung –«

»Was meinen Sie dazu, Mr. da Costa?« unterbrach ihn Trainor.

Da Costas Antwort war ein Satz nach dem Fenster.

»Da unten sind zwei meiner Leute«, rief Trainor und riß ihn zurück. »Gar keinen Zweck, da Costa, sie stehen vor dem Haus und hinter dem Haus.«

Stöhnend sank da Costa in einen Stuhl und rang die Hände.

»Ich schwöre, ich hatte nichts damit zu tun! Ich weiß nichts von der ganzen Sache – wirklich nicht!« jammerte er.

»Nun, ich bin wirklich sehr neugierig, was Sie mir zu sagen haben, Mr. da Costa«, meinte Trainor. »Würden Sie bitte mitkommen?« Er sah Sir Harry an. »Ich fürchte wirklich, ich muß auch Sie bitten, uns zu begleiten, Sir Harry. Sie werden zugeben, daß die eine oder andere Sache der Aufklärung bedarf.«

»Aber bester Inspektor, ich sagte Ihnen doch, ich wußte von nichts, bis er eben hierherkam! Er hat sich nicht einmal anmelden lassen. Bis er in dieses Zimmer kam, wußte ich nicht ...«

»Ich sah, wie er einen Zettel in Ihren Briefkasten steckte und hinter dem Haus wartete«, schnitt Trainor kurz seinen Redeschwall ab. »Ich sah ferner, wie Sie ihn durch das Fenster hereinlotsten.« Er deutete auf den aufgeschlagenen Fahrplan. »Außerdem schauten Sie ja gerade nach einem Zug für ihn.«

»Oh, der Teufel hole meine verdammte Gutmütigkeit!« ächzte Sir Harry. Er sah aus, als hätte er sich am liebsten die Haare ausgerauft, wenn er noch welche gehabt hätte. »Setzen Sie sich doch einen kleinen Moment, Inspektor, und lassen Sie sich alles in Ruhe erklären. Sie werden sehen, ich weiß wirklich von nichts – Sie können mich nicht mit zur Wache schleppen!«

»Auch gut, wollen mal sehen«, sagte Trainor und ließ sich in einen Sessel fallen. »Was haben Sie also zu sagen?«

»Ich hatte von Mr. da Costa nie etwas gehört, bis er kam und mir seine finanzielle Hilfe anbot – anstelle von Mr. Louba. Ich war natürlich empört über dieses Angebot eines völlig Fremden und warf ihn hinaus. Dann kam dieser Mr. Weldrake und fragte mich, ob ich nicht Mr. da Costa bei mir unterbringen könne, falls er ein Versteck brauche. Ich sagte, unter keinen Umständen – das heißt, unter keinen Umständen, falls er mich nicht völlig von seiner Unschuld überzeugen könne. Nun kam Mr. da Costa heute abend zu mir und hat mir alles so erklärt, daß ich ihn für ganz unschuldig halte. Selbstverständlich wollte ich Sie trotzdem informieren, aber ...«

»Das wissen wir schon«, knurrte Trainor. »Wann bot er Ihnen denn seine finanzielle Hilfe an?«

»Genau zu der Zeit, als Louba ermordet wurde«, rief da Costa dazwischen.

»Kennen Sie denn die Zeit? Wir kennen sie nicht.«

»Nun, eben an dem ganzen betreffenden Abend. Ich war nicht in Braymore House von sechs Uhr an bis sehr spät in der Nacht.«

»Waren Sie etwa die ganze Zeit über hier?«

»Nein, dann hätte ich mich ja nicht zu verstecken brauchen. Ich hatte doch nur deshalb Angst, weil ich den ganzen Abend allein war, mit Ausnahme der Unterredung mit Sir Harry.« »Warum denn Angst?«

»Weil ich so getan hatte, als ob ich aus London abgereist sei; weil ich außerdem früher mit Louba einen Streit gehabt hatte; und drittens, weil ich eine Wohnung über der seinigen bewohne. Sie sehen ja selbst, daß ich mit meiner Befürchtung recht hatte: Sie verdächtigen mich!«

»Warum taten Sie, als seien Sie abgereist?«

»Nun, ich übernahm einen großen Teil der Loubaschen Geschäftsinteressen – einen größeren Teil, als er selbst wußte. Deshalb kam ich auch hierher zu Sir Harry und bot ihm Geld an, denn ich wußte, daß Louba es nicht mehr lange machen konnte.«

»Warum nicht?«

»Weil er nahezu pleite war und Vorbereitungen traf, ins Ausland zu gehen.«

»Hätte Louba nicht alles, was er besaß, an Sie abstoßen können?«

»Ja, zu seinem Preis – einem sehr hohen Preis. Er hat mich von jeher übervorteilt.«

»Und deshalb haßten Sie ihn wohl auch?«

»Ich haßte ihn nie so sehr, daß ich ihn hätte ermorden können.«

»Haben Sie ihm jemals gedroht?«

Da Costa schaute den Inspektor verwirrt an. Alle seine früheren Prahlereien fielen ihm wieder ein.

»Ich drohte ihm nicht mehr, als er mir«, meinte er endlich. »Und meine Drohungen bedeuteten viel weniger. Wenn ich ihm jemals drohte, dann nur in gewissen zornigen Augenblicken. Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Wenn ich ihn je hätte umbringen wollen, dann bestimmt nicht hier in England. Vor Jahren, in einem ganz anderen Land, hätte ich viel bessere Gelegenheit dazu gehabt.«

»Sind Sie der Mann, auf den Weldrake so große Hoffnungen setzte?«

Da Costa fuhr hoch.

»Der Mensch hat mich doch nicht angeschwärzt, wie?« fragte er aufgeregt. »Wissen Sie, vor Jahren war er die Ursache, daß ein Lokal Loubas in Flammen aufging. Wenn ich zu der Zeit Drohungen ausstieß, die er sich gemerkt hat, dann tat ich das nur seinetwegen. Er muß meinen Worten viel zuviel Bedeutung beigelegt haben! Andere verwünschten damals Louba ebenfalls – wie zum Beispiel der Captain Hurley Brown.«

»Hurley Brown!«

Trainors Lippen preßten sich fest zusammen.

»Sagen Sie mir nun ganz genau, wie Ihre Beziehungen zu Weldrake waren.«

»Ich hatte eigentlich schon vollkommen vergessen, daß ich je mit ihm zusammengekommen war, bis er mir Mitteilungen durch den Briefkasten warf und danach auch Lebensmittel. Und ich brauchte dringend etwas zu essen. Dann teilte er mir mit, daß mir eventuell Sir Harry helfen würde, falls ich nicht flüchten könnte. Deshalb kam ich auch hierher, nachdem Sie mich heute morgen aus meiner Wohnung vertrieben hatten.«

»Wo waren Sie in der Mordnacht?«

»Ich ging spazieren. Da ich angeblich verreist war, konnte ich mich nur abends herauswagen, um Essen für den nächsten Tag einzukaufen und frische Luft zu schnappen.«

»Wo haben Sie das Perlenkästchen her, das Sie Weldrake gaben?«

Da Costa fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

»Das habe ich von Louba gekauft«, sagte er. »Aber ich kann das nicht beweisen, und deshalb wollte ich nicht, daß man das Kästchen bei mir finden würde.«

Trainor ließ einige Sekunden verstreichen.

»Sie machen die Sache nur noch schlimmer, wenn Sie nicht die volle Wahrheit sagen«, redete er ihm dann gut zu. »Noch vor fünf Minuten haben Sie gesagt, daß Sie zur Täuschung Loubas vorgegeben hätten, daß Sie abgereist seien. Jetzt wollen Sie mir aufbinden, daß Sie etwas von ihm gekauft haben.«

»Das war doch ... das war doch, bevor ich vorgab, abgereist zu sein.«

»Weldrake haben Sie aber gesagt, es sei am Mordtag gewesen.«

»Ausgeschlossen! Niemals! Es war ein paar Wochen vorher.«

Trainor stand auf.

»Es hat gar keinen Zweck, darauf zu warten, daß sich Ihre lebhafte Phantasie etwas beruhigt«, erklärte er. »Ich glaube, es ist besser, wir gehen.«

»Nein, Inspektor! So hören Sie doch! Ich will Ihnen alles sagen – alles!« schrie da Costa.

Da er sich einzubilden schien, daß ein Geständnis ihn vor der Verhaftung bewahren könnte, ließ ihn Trainor bei dem Glauben.

»Nun, wie Sie meinen...«, erwiderte er und setzte sich von neuem. »Aber merken Sie sich – nichts als die reine Wahrheit kann Sie retten, glauben Sie mir das.«

»Oh, dieser verdammte Mörder – wer er auch gewesen ist!« schrie da Costa wie von Sinnen und verkrampfte seine plumpen Hände ineinander. »Mich so ins Unglück hineinzureiten! Diese schrecklichen Tage und noch viel schrecklicheren Nächte. Ich hoffe, ich sehe den Kerl noch am Galgen baumeln!«

Dieser Ausbruch war so echt, daß ihm Trainor fast glaubte.

»Hatten Sie eine bestimmte Absicht, als Sie die Wohnung über der von Louba mieteten?« fragte er weiter.

»Ja, ich wollte das Kästchen haben.«

»Stehlen?«

»Nun, ich wußte ja, daß er es nicht verkaufen würde, falls er merkte, daß ich dahinter her war. Er hätte sofort erraten, daß es mehr wert ist, als es den Anschein hat. Deshalb beabsichtigte ich in der Tat, ihm das Kästchen einfach wegzunehmen. Es gehörte ja gar nicht ihm! Er selbst stahl es einem anderen. Zu guter Letzt schenkte er mir das Kästchen schließlich ... Jawohl, das tat er! Hier ist ein Zettel, den ich in dem Kasten fand.«

Er zog aus einer seiner Taschen die spöttischen Zeilen, die Louba nach seinem letzten Zusammentreffen mit da Costa geschrieben und in das Geheimfach im Boden des Kästchens gelegt hatte.

»Erzählen Sie von vorne«, sagte Trainor schroff.

»Gut – ich gebe zu, daß ich in seine Wohnung einstieg, wenn sich die Möglichkeit dazu bot. Er selbst duldete nicht, daß die Fenster geöffnet waren, wenn er zu Hause war; deshalb pflegte sein Diener das Zimmer nur zu lüften, wenn sich Louba in der Stadt aufhielt. Das war dann für mich die Gelegenheit, in die Wohnung einzudringen und zu suchen. Einmal entdeckte mich Louba außerhalb des Fensters auf der Feuerleiter und warf mir vor, ich hätte bei ihm einbrechen wollen. Das war aber, bevor ich vorgab, verreist zu sein. Ich konnte mich jedesmal nur ganz kurze Zeit in der Wohnung aufhalten und durfte auch kein Durcheinander machen, denn obgleich ich wußte, daß Louba mich nie der Polizei anzeigen würde, wollte ich doch vermeiden, daß er auf seiner Hut war. Was hatte ich nicht schon alles durchsucht, bis ich endlich an die Truhe dachte und herausbekam, wie man sie öffnet. An dem Tage, an dem mir dies gelungen war, wäre ich fast entdeckt worden. Miller kam nämlich herein und schloß das Fenster. Ich wußte, daß Louba bald zurückkommen würde, und wollte schleunigst durch das Fenster flüchten. Da hörte ich aber Louba schon auf dem Vorplatz und versteckte mich schnell hinter den Gardinen. Er bemerkte mich dort und wurde wütend... Ich forderte ihn daraufhin auf, doch die Polizei zu rufen, wenn er es wage. Ich erklärte ihm auch, daß ich etwas suchen und daß ich das Gesuchte auch bekommen würde.«

Er fing einen Blick von Trainor auf.

»Nicht einen Augenblick dachte ich an Gewalt!« rief er. »Aber nachdem ich den Kasten gefunden hatte, wußte ich ganz genau, daß es mir ein leichtes sein würde, ihn aus dem Zimmer herauszuholen.«

»Glaubten Sie im Ernst, daß Louba nach diesem Vorfall keine Vorsichtsmaßregeln anwenden würde?«

»Je nun, er tat es eben nicht«, murmelte da Costa. Seine Augen irrten unruhig umher. Dann faßte er sich wieder ein Herz. »Unerwarteterweise machte er mir das Kästchen schließlich zum Geschenk. Er hatte höchstwahrscheinlich erraten, daß ich dahinter her war, und deshalb schrieb er diesen Zettel und legte ihn unter den falschen Boden. Wahrscheinlich vermutete er, daß ich darunter etwas Wertvolles zu finden hoffte.«

»Wie lange hatte Louba den Kasten schon?«

»Seit Jahren. Der Mann, der ihn stahl, wurde verfolgt und gab ihn Louba zum Aufheben. Kurz darauf wurde er ermordet, und Louba behielt den Kasten.«

»Und Sie behaupten nun, Sie hätten sich all diese Mühe nur im Hinblick auf die Möglichkeit gemacht, daß Louba den doppelten Boden nicht entdeckt hatte?«

Widerstrebend gab da Costa sein Geheimnis preis.

»Der falsche Boden ist nur ein Kniff«, sagte er. »Eventuelle Diebe sollen dadurch irregeführt werden, weil jeder, der den doppelten Boden entdeckt, glaubt, er sei zu spät gekommen, und der darin verborgene Schatz sei schon herausgenommen. In Wirklichkeit ist das Kästchen aus purem, schwerem Gold, besetzt mit Edelsteinen von unerhörtem Wert – die Glasperlen und Ornamente verdecken das feste Leder, mit dem das Gold bezogen ist –, und zwar innen und außen. Die rauhe Oberfläche ermöglicht es, das darunterliegende Gold und die echten Steine zu kaschieren.«

Während er dies sagte, sank er immer mehr in sich zusammen.

»So viele Leute waren dahinter her!« lamentierte er. »Und das muß ich jetzt für den Erfolg bezahlen!«

Sir Harrys Augen traten fast aus den Höhlen. Trainor dagegen schaute immer nachdenklicher.

»Sie wissen, daß ich den Kasten habe?« fragte er.

»Das ist anzunehmen, wenn Sie Mr. Weldrake haben«, kam die mürrische Antwort.

»Und wann, sagen Sie, haben Sie den Kasten endlich bekommen?«

»Am Tage, nachdem ich festgestellt hatte, wie die Truhe zu öffnen ist – also an demselben Tag, an dem Louba ermordet wurde. Es kann nicht lange vor Loubas Heimkehr gewesen sein, als ich in dem Zimmer war, denn Miller schloß das Fenster sofort, nachdem ich den Raum verlassen hatte. Ich hatte es höchst eilig hinauszukommen. Den Deckel der Truhe ließ ich einfach fallen und nahm mir nicht einmal mehr Zeit, den Überzug wieder daraufzulegen. In meiner Wohnung lehnte ich mich aus dem Fenster hinaus um zu lauschen, da ich ja ein paar Sachen nicht in die Truhe zurückgelegt hatte und nun gerne gewußt hätte, ob Miller argwöhnte, daß jemand im Zimmer gewesen war. Auf diese Weise hörte ich ihn das Fenster schließen, was soviel bedeutete, als daß er Louba erwartete.«

»Und danach?«

»Ging ich fort. Ich kam zurück, als Sie jemanden die Feuerleiter hinab verfolgten. Ich hörte Sie sprechen und erfuhr dadurch, was vorgefallen war. Dabei wurde mir auch sofort klar, wie verdächtig es aussehen mußte, daß ich mich in meiner Wohnung versteckt gehalten hatte. Jetzt weiß ich, daß ich alles hätte erklären müssen. Ich besaß ja den Zettel Loubas als Beweis dafür, daß er mir das Kästchen gern überließ. Nur ... ich ... ich ...«

Seine Aufregung war ihm deutlich anzusehen. Im Grunde genommen war er ein ausgesprochener Prahlhans – von Tapferkeit keine Spur.

»Wie konnten Sie immer ausgehen, da doch alles annahm, daß Sie in Südfrankreich seien?«

»Es war ganz einfach, nachts die Lieferantentreppe hinunterzuschleichen ... bis dann der Mord geschah. Von da ab durfte ich es nicht mehr wagen.«

Sir Harry benutzte die Pause, die folgte, um zu sagen: »Sehen Sie! Man kann doch gar keinen Zweifel in da Costas Unschuld setzen. Ist es da verwunderlich, daß ich ihm geglaubt habe?«

Er hütete sich allerdings hinzuzusetzen, daß da Costa ihn keineswegs so weit ins Vertrauen gezogen hatte.

»Wenigstens brauche ich Sie jetzt nicht mehr aufzufordern, uns zu begleiten, Sir Harry«, sagte Trainor und stand auf. »Obgleich wir uns fraglos wegen der genauen Zeit, zu der Sie da Costa an dem bewußten Abend besucht hat, an Sie wenden müssen.«

»Aber selbstverständlich – ich stehe Ihnen völlig zur Verfügung«, entgegnete er mit einem bedauernden Seitenblick auf da Costa.

Hätte er nur die genaue Zeit gewußt, zu der Louba ermordet wurde! Dann wäre es ihm ein leichtes gewesen, den Besitzer so wertvoller Gegenstände, wie dieses Perlenkästchens, freizubekommen und ihn sich für alle Zeiten zu verpflichten.

»Und ich ... muß ich wirklich mit Ihnen gehen?« fragte da Costa flehend.

»Ich fürchte – ja«, erwiderte Trainor. »Aber wenn Sie die Wahrheit gesagt haben, dann können Sie der weiteren Untersuchung mit Ruhe entgegensehen.«

»Ich werde Ihnen einen Mantel leihen«, ließ sich Sir Harry aus dem Hintergrund vernehmen.

Aus Trainors Verhalten dem Gefangenen gegenüber schloß er, daß er dies Anerbieten machen konnte, ohne sich etwas zu vergeben. Im großen ganzen hatte er sich sehr gut aus der Schlinge gezogen – besser, als er erwartet hatte.

Tatsächlich war Trainor beinahe überzeugt von der Wahrheit, oder wenigstens von der teilweisen Wahrheit der Geschichte, die da Costa erzählt hatte. Die ausgesprochene Feigheit dieses Mannes machte sie mehr als wahrscheinlich. Aber Loubas Tod war damit immer noch nicht aufgeklärt!

Als der Detektiv schließlich sein Büro in Scotland Yard erreicht hatte und eben begann, sich die Aussagen da Costas noch einmal zu überlegen, läutete das Telefon. Er nahm den Hörer ab. »Ist dort der Beamte, der die Mordsache Louba bearbeitet?«

»Jawohl«, sagte Trainor rasch.

»Hier Inspektor Welsh vom R-Bezirk. Wir haben soeben Charles Berry gefunden, den Mann, den Sie wegen des Mordes an Louba suchen.«

»Gefunden – wo?«

»Auf einem kleinen Pfad am Flußufer in Deptford; er ist tot – erschossen. Wahrscheinlich liegt Selbstmord vor, denn wir fanden ...«

»Nun?« fragte Trainor, als der andere eine Pause machte.

»Wir fanden in seiner Tasche ein ausführliches Geständnis – es steht darin, daß er der Mann ist, der Emil Louba ermordet hat.«

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