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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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26

Was Weldrake ausgesagt hatte, stimmte anscheinend genau. Nachforschungen ergaben keine Widersprüche, und nachdem Trainor verschiedene Angaben auf ihre Glaubwürdigkeit untersucht hatte, suchte der Detektiv Miss Martin auf.

»Ich will mich mit Ihnen gar nicht darüber unterhalten, daß Sie mir verschiedenes verschwiegen haben, Miss Martin«, begann er. »Ich glaube, ich kenne den Grund dafür. Aber ich hoffe, daß Sie wenigstens jetzt Rede und Antwort stehen.«

»Was – was habe ich Ihnen denn verschwiegen?« stammelte Beryl.

»Sie sagten mir zum Beispiel nichts davon, daß Weldrake Ihnen anbot, Frank Leamington bei sich aufzunehmen.«

Beryl errötete.

»Nein. Weil ... nun, ich wußte natürlich, daß es bestraft wird, wenn jemand einen Verbrecher oder einen Verdächtigen bei sich aufnimmt, und ich ... Sie können doch nicht verlangen, daß ich dem freundlichen kleinen Mann Unannehmlichkeiten gemacht hätte, nachdem er mir seine Hilfe angeboten hatte.«

»Vielleicht nicht. Aber wie soll denn die Polizei die Wahrheit ermitteln, wenn jeder sorgsam alles vor ihr verbirgt? Wußten Sie, daß dieser Mann Louba als den Mörder seines Sohnes betrachtet und ihm seit Jahren in der Hoffnung folgt, daß er eines Tages ermordet wird?«

»Woher sollte ich denn das wissen?« rief Beryl erschrocken. »Und doch ...«

»Nun, Miss Martin?«

»Ich erinnere mich eben daran, daß er an jenem Abend eine Menge unsinniges Zeug zusammenredete ... Ich dachte damals, er sei nicht ganz normal.«

»Und glauben Sie nicht, daß er wirklich ein wenig verrückt ist – wenigstens was diesen Punkt betrifft? Und daß er, falls er tatsächlich geistesgestört ist, vielleicht einen Mord verübt hat, dessen ihn normalerweise niemand für fähig halten würde?«

»Mein Gott, glauben Sie, daß er Louba ermordet hat? Das ist doch fast unmöglich!«

»Wir wissen nicht, wer ihn ermordet hat. Er wurde von hinten niedergeschlagen und hatte keine Zeit, sich zu verteidigen. Das wissen wir. Ob Weldrake, selbst in seinem Wahnsinn, Louba zu dem Bett schleifen konnte, auf dem wir ihn fanden, ist nicht leicht feststellbar. Verrückte haben bekanntlich in besonderen Fällen außerordentliche Kräfte. Außerdem war ja noch da Costa da. Möglich, daß Weldrake ihm geholfen und als Belohnung das Kästchen bekommen hat.«

»Also nehmen Sie wirklich an ...«

»Aber nicht im geringsten. Ich möchte Sie nur davon überzeugen, daß eventuell sogar dieser anscheinend harmlose Mann schuldig sein könnte. In diesem Fall würde es Mr. Leamington nur schaden, wenn Sie etwas verschweigen, was Sie über Weldrake wissen – ganz abgesehen von anderen Gesichtspunkten.«

»Es kam ja nur durch sein Anerbieten, Mr. Leamington zu helfen«, murmelte sie schuldbewußt.

»Schon das kann, für sich betrachtet, eine Spur sein. Sein Wunsch, niemand anders für das Verbrechen leiden zu lassen, wäre ganz natürlich, wenn er selbst der Täter ist – denn immerhin scheint Weldrake, abgesehen von seiner Verrücktheit, doch ein ganz anständiger Mensch zu sein. Kann ich mich jetzt auf Sie verlassen, daß Sie mir alles sagen, was Sie wissen? Vertrauen Sie mir ganz ... Ich werde niemandem Schwierigkeiten machen, ausgenommen denen, die es verdienen.«

»Sie können sich auf mich verlassen, Mr. Trainor«, antwortete sie und sah ihm offen ins Gesicht.

»Dann sagen Sie mir bitte alles, was Sie über den Mann wissen.«

»In der Nacht vor der Ermordung Loubas schaute er zu einem Fenster von Sir Marshleys Haus herein und beobachtete mich und Louba.«

»Ja, das hat er mir erzählt.«

»Dann sprach er mich vor Braymore House an.«

Sie erzählte ihm alles, was sie von dem Gespräch an diesem Abend noch in Erinnerung hatte, und auch das, was sie noch von der Unterhaltung mit ihm wußte, die sie mit ihm am folgenden Morgen geführt hatte.

»Seitdem ich ihn bei Franks Verhaftung entdeckte, habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, und da kam er aus Sir Harry Marshleys Haus.«

»Mr. Weldrake?«

»Ja.«

»War er dort häufiger?«

»Ich habe ihn nie dort gesehen. Warum hätte er sonst auch durch das Fenster schauen sollen?«

»Außerdem würde er ja nicht offen dort verkehren, wo Louba war«, überlegte Trainor halblaut. »Er kam also wirklich aus dem Haus? Er hat nicht nur wegen irgend etwas an der Tür nachgefragt?«

»Er kam dort heraus. Ich nehme fest an, daß er mit Sir Harry gesprochen hat, denn ich sah diesen an einem der Fenster stehen und ihm nachblicken. Und zwar blickte ihm Sir Harry äußerst interessiert nach.«

»Und Weldrake?«

»Er sah richtig vergnügt aus.«

Das war genug für Trainor. Er suchte sofort Sir Harry Marshley auf.

»Ich nehme an, Sie kommen wegen meines armen Freundes Louba«, sagte Sir Harry und bog die Karte des Detektivs zwischen den Fingern. »Eine böse Geschichte, eine sehr böse Geschichte. Ein guter Freund von mir – und ein großer Verlust für mich.«

Trainor dachte, Sir Harry hätte sich die letzte Äußerung eigentlich sparen können; er war auf der Hut.

»Wir sind momentan einem kleinen Mann auf der Spur, der über Loubas Leben sehr gut Bescheid weiß«, sagte er. »Ich habe erfahren, daß er Sie gestern morgen besucht hat.«

»Mich besucht? Was für ein Mann?«

»Er heißt Weldrake.«

Sir Harry schüttelte den Kopf.

»Kenne ich nicht, habe einen Mann dieses Namens nie empfangen«, sagte er. »Ich habe gestern morgen überhaupt keine Besuche gehabt. Bin viel zu niedergeschlagen.«

»Niedergeschlagen?«

»Diese Miss Martin versucht, meinen Namen mit der Angelegenheit in Verbindung zu bringen. Na, reden wir nicht darüber. Ich muß mich nur ärgern. Nein«, fuhr er fort und wärmte sich die Hände am Kamin. »Sie sind nicht richtig informiert worden. Weshalb sollte er denn hier gewesen sein?«

»Gerade das wollte ich von Ihnen wissen, Sir Harry«, entgegnete Trainor.

»Tut mir leid, aber ich kenne den Mann gar nicht«, behauptete Marshley. »Selbstverständlich würde ich Ihnen alles sagen, was ich weiß. Wer hat denn gesagt, daß er mich besucht hat?«

»Er selbst.«

Die List verfing allerdings nicht, denn Marshley wurde nunmehr nur noch vorsichtiger.

»Was soll das heißen? Dann ist er ein verdammter Lügner, Inspektor! Wie gesagt – ich kenne den Mann nicht, habe nie mit ihm gesprochen. Was will er nur damit bezwecken? Hat wohl angenommen, daß Sie auch hinter ihm her seien?« setzte er aufgeregt hinzu.

»Nun, bis gestern abend waren wir tatsächlich hinter ihm her.«

Sir Harry wandte sich seinem Besucher mit der Miene einer beleidigten Fürstlichkeit zu.

»Haben Sie eigentlich die Ansicht, ich wüßte etwas über die ganze Angelegenheit? Sind Sie etwa nur dazu hergekommen, um mir eine Falle zu stellen und mich zu einer unklugen Aussage zu veranlassen?« fragte er. »Das würde ich als eine Unverschämtheit betrachten, Inspektor!«

Trainor hob die Hand.

»Langsam, langsam, Sir Harry«, mahnte er. »Ich komme gerade von Miss Martin, die mir seinerzeit verschiedene Dinge verschwieg – zuerst, um ihren Verlobten zu schützen, danach, um diesen Mr. Weldrake nicht in Schwierigkeiten zu bringen, also nicht etwa, weil sie selbst etwas mit dem Mord zu tun hatte, sondern weil sie ganz sicher zu wissen glaubte, daß die beiden anderen nichts damit zu tun hatten. So wäre es ganz gut möglich, daß auch Sie etwas, was Sie über Weldrake wissen, aus reiner Menschenfreundlichkeit verheimlicht hätten.«

»Ah ... nun ... hm – das hat was für sich«, gab Sir Harry besänftigt zu. »Aber ich weiß trotzdem nichts von diesem Mann. Was sagte er, weshalb er zu mir gekommen sei?«

»Er hat Ihren Namen tatsächlich nicht einmal erwähnt, Sir Harry. Er weigerte sich, uns zu sagen, daß er einen Mann namens da Costa besucht hatte, bis er wußte, daß wir diesen da Costa aus seinem Versteck herausgetrieben hatten. Und deshalb, wiederhole ich, war es möglich, daß Sie vielleicht ihm gegenüber dieselbe Rücksicht übten.«

»Nichtdestoweniger sehr unangenehme Methoden, die Sie da anwenden«, erwiderte Sir Harry von oben herab. »Sagten Sie gerade, da Costa sei in die Sache verwickelt?«

»Ja, kennen Sie ihn?«

»Hm – dem Namen nach. Was hatte er denn damit zu tun?«

»Das wissen wir nicht«, sagte Trainor und stand auf. »Wir waren so geschickt, ihn heute morgen entkommen zu lassen.«

»Das heißt, er befindet sich in Freiheit, wie?«

»Bis jetzt noch. Hat Louba jemals von ihm gesprochen? Hat er jemals etwas davon gesagt, daß da Costa so nahe bei ihm wohnt?«

»Nicht eine Silbe«, erwiderte Sir Harry. »Denken Sie, daß er der Mörder sein könnte?«

Trainor zuckte die Schultern.

»Ich denke bald überhaupt nicht mehr«, murmelte er.

Er verließ das Haus mit gemischten Gefühlen; einesteils traute er Sir Harry in keiner Weise, andernteils bestand die Möglichkeit, daß sich Beryl in dem Haus geirrt hatte, aus dem sie Weldrake hatte herauskommen sehen. Vor allen Dingen wollte er nur noch hören, was Weldrake zu sagen haben würde.

Es war jetzt fünf Uhr nachmittags, und der Nebel lagerte schwerer denn je auf der Stadt. Leute huschten wie Schatten an Trainor vorüber.

Ungewiß, welche Richtung er einschlagen sollte, schaute er sich um. Ein Taxi war nirgends zu sehen. Also mußte er zur nächsten Bushaltestelle.

In diesem Augenblick ging ein korpulenter, großer Mann an ihm vorbei. Die Umrisse waren im Nebel nur verschwommen zu sehen, aber der massive Rücken fiel ihm sofort auf. Es war ein Mann ohne Mantel.

Zweifellos gab es in London noch mehr Menschen, die ohne Mantel herumliefen, aber keinesfalls wollte er eine Unterlassungssünde begehen. Vorsichtig schritt er hinterher.

Einige Meter weiter, vor Sir Marshleys Haus, machte der Mann halt. Trainor schmiegte sich an die Mauer und beobachtete ihn, wie er zögernd an Marshleys Haus hinaufschaute und dann weiterschlenderte. Um nicht entdeckt zu werden, durfte ihm der Detektiv nicht folgen, aber er behielt ihn im Auge. Nach einem forschenden Blick; drehte der Mann wieder um und ging auf die Haustür Sir Marshleys zu. Einen Augenblick später öffnete sich die Tür, und er verschwand im Innern. Dort ging er aber nicht weiter bis zu der eigentlichen Eingangstür von Marshleys Wohnung, sondern fuhr nur schnell mit der Hand nach dem Briefkasten und der Klingel. Dann drehte er sich hastig wieder um und eilte zurück auf die Straße.

Trainor hatte mittlerweile den Eingang scharf im Auge behalten und verfolgte den Mann jetzt bis zur nächsten Ecke und dann bis zur Rückseite von Marshleys Haus. Hier zog sich ein kleines verstecktes Sträßchen entlang.

Der Inspektor war jetzt sicher, da Costa gefunden zu haben, aber er war entschlossen, diesmal nicht zu voreilig zu sein. In dieser Dunkelheit war es genauso leicht, ungesehen zu bleiben, wie sich da Costa sicher fühlen konnte, nicht beobachtet zu werden.

Vor den Hoftoren der Rückfront standen einige große Bäume, und Trainor stellte sich hinter einen. Da Costa marschierte nervös auf und ab.

Nach einigen Augenblicken trat eine Gestalt aus einem der Hoftore, blieb davor stehen und schaute sich um. Da Costa kam zögernd näher. Sir Harry kam ihm ein Stück entgegen, und sie begrüßten sich.

Trainor konnte sehen, wie sie sich kurze Zeit unterhielten, dann führte Sir Harry seinen Besucher durch das Tor, aus dem er herausgekommen war. Der Inspektor folgte ihnen vorsichtig und hatte gerade noch Zeit zu beobachten, wie die beiden an den erleuchteten Küchenfenstern vorbeigingen und an der einen Seite des Hauses durch das Fenster eines dunklen Zimmers kletterten. Es war dasselbe Fenster – obgleich das Trainor nicht wissen konnte –, durch das Weldrake seinerzeit Beryl und Louba gesehen hatte und später wieder da Costa und Sir Harry bei ihrem ersten Zusammensein.

Der Detektiv rannte wieder zum Haupteingang. Er war aufgeregt, er fühlte, daß er endlich einen erheblichen Schritt vorwärtsgekommen war bei der Enträtselung dieses seltsamen Falles.

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