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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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18

Um sich die Arbeit zu erleichtern, schlug Inspektor Trainor sein Hauptquartier in Loubas Wohnung auf.

In dem großen Schlafzimmer, das von der Vorderseite bis zur Rückseite des Hauses reichte, richtete er sich auf der Couch ein Lager her.

Zwei Nächte verbrachte er dort. Und Tag und Nacht stellte er fast ununterbrochen seine Untersuchungen an. Er maß aus, kalkulierte, rekonstruierte, untersuchte jeden Zentimeter des Teppichs mit einem Vergrößerungsglas. Wo er nur den Schein eines Fingerabdruckes zu bemerken glaubte, ließ er die Stelle fotografieren.

An dem Sonntagnachmittag, der auf Franks Verhaftung folgte, saß er in Loubas geschnitztem Schreibtischstuhl und sortierte und las Briefe, die er in dem Schreibtisch gefunden hatte. Sein Assistent kehrte eben mit einem Packen Fotografien aus dem Polizeipräsidium zurück. Es waren Aufnahmen des Zimmers und Vergrößerungen solcher Gegenstände, die eine genauere Untersuchung notwendig erscheinen ließen.

»Hat man etwas auf dem Briefbogen, auf dem der Buchstabe R stand, gefunden?« war Trainors erste Frage, als der Beamte den Packen auf den Tisch legte.

»Sehr schwach den nassen Abdruck eines Handschuhfingers. Hier ist er.« Der Beamte zog eine Fotografie heraus und deutete darauf. »Die linke Ecke unten. Das ist unzweideutig ein Handschuh – und außerdem ein Lederhandschuh. Man kann die Fassung gerade noch sehen. Der Betreffende muß das Papier mit der linken Hand gehalten haben, während er schrieb.«

Trainor schüttelte den Kopf.

»Das ist allerdings ganz nutzlos und beweist nur, daß der Mörder Handschuhe trug. An einem nassen und kalten Abend wie an jenem Samstag wäre es merkwürdig gewesen, wenn er keine getragen hätte. Noch etwas?«

»Es scheint, als ob der Schreiber für die ersten beiden Zeilen eine Feder benutzt hat, die er gar nicht in die Tinte eintauchte – ohne daß er auf das Blatt sah und dies merkte«, sagte der Beamte. »Das war leicht feststellbar, denn er drückte hart auf; leider sind die Worte, die er schrieb, nicht zu entziffern. Nur aus zweien kann man etwas Ähnliches herauslesen wie ›tun‹ oder ›tin‹ und ›mica‹. Auf der fotografischen Aufnahme treten sie deutlich hervor, aber die vorhergehenden und die nachfolgenden Worte kann man nicht lesen.«

Der Inspektor untersuchte schweigend die Fotografien.

»Natürlich ist es auch möglich, daß der Bogen schon früher am Tag benutzt wurde. Ich vergaß, Miller danach zu fragen.«

Er drückte auf eine Klingel am Tisch, und der Diener trat ein.

»Nein, Sir, auf dem Schreibtisch befand sich am Nachmittag kein Bogen Briefpapier. Mr. Louba sagte mir noch morgens, ich solle Papier und Umschläge in dem kleinen Sekretär aufbewahren und beschwerte sich darüber, daß er darin nichts finden konnte. Ich öffnete ein neues Paket mit Schreibmaterial und füllte die Fächer ungefähr eine halbe Stunde, bevor Mr. Louba aus dem Club zurückkehrte. Bis zur Ankunft dieses Charlie ging ich mindestens ein dutzendmal in das Zimmer.«

»Na, da sind wir mit dem R zu Ende«, sagte Trainor. »Wie steht's mit der Truhe?«

»Fingerabdrücke an der Feder, die zum Öffnen gedrückt werden muß – rühren von Miller her ...«

»Ja, es war gedankenlos von mir, ihn dort hinlangen zu lassen«, warf Trainor ein.

»Aber an einer anderen Stelle deutliche Fingerspuren eines Fremden – schauen Sie her.«

Trainor prüfte die Fotografie mit höchstem Interesse.

»Das stimmt. Keine Handschuhe. Aber sie könnten auch von Louba sein ...« Er legte die Fotografien beiseite. »Wir werden uns später damit befassen. Der Leuchter?«

Der Beamte wies zwei weitere Abzüge vor.

»Kein Abdruck außer dem Mr. Browns – er fand ihn wohl.«

Der Inspektor sprang plötzlich auf.

»Setzen Sie sich mal auf meinen Platz«, sagte er. »Mir kommt es vor, als ob Louba am Schreibtisch saß, während er angegriffen wurde, und daß die Person, die nach ihm schlug, in der Nähe des Schreibsekretärs stand. Zweifelsohne kam der Schlag unerwartet.«

Er stellte sich an das kleine Schreibpult.

»Drehen Sie einmal den Kopf weg – so. Schauen Sie nach dem Kamin. Können Sie mich sehen?«

»Nun – ich kann gerade noch Ihre Hand sehen, die Sie nach dem Leuchter ausstrecken. Aber ich warte ja auch darauf. Nein, Inspektor, jetzt kann ich Sie nicht mehr sehen.«

Inspektor Trainor stellte den Leuchter wieder auf den Tisch.

»Louba hatte keine Ahnung, was ihm bevorstand. Der Schlag muß von der Stelle, an der ich jetzt stehe, geführt worden sein. Wahrscheinlich kam der Mörder durch diese Tür ... Louba muß in Richtung des Kamins geschaut haben. Behalten Sie einmal diese Stellung bei, Sergeant.«

Der Detektiv ging auf den Fußspitzen über den Teppich. Plötzlich legte er seinem Untergebenen die Hand auf die Schulter, und der Mann fuhr in die Höhe.

»Sie hörten mich nicht kommen, was ...?«

Er klingelte Miller.

»Miller, war diese Tür in der Mordnacht verschlossen?«

»Ich weiß nicht, Sir.«

»Von der Küche führen zwei Türen in das Speisezimmer, in das man durch diese Tür gelangt«, er deutete hinter sich in die Richtung, aus der er sich eben dem Sergeant genähert hatte. »Waren die Türen von der Küche in das Speisezimmer verschlossen?«

»Ich glaube nicht. Aber jeder, der auf diesem Weg hereingekommen wäre, hätte an Dr. Warden vorbeigemußt.«

»Sie vergessen den Dienstboteneingang«, entgegnete Trainor bedeutsam. »Zum Beispiel wäre es leicht möglich gewesen, daß Sie zurückgekommen wären, ohne daß Sie jemand gehört hätte. Sie sind ja auf dem gleichen Weg auch fortgegangen.«

Miller trat verlegen von einem Bein aufs andere.

»Ich bin ja gar nicht zurückgekommen – das heißt, als ich das zweitemal weggegangen war«, murrte er etwas nervös. »Ich habe mich doch mit meiner Braut getroffen.«

Trainor betrachtete ihn mit einem kalten, abschätzenden Blick.

»Wie ist der Name dieser Dame und ihre Adresse?«

Miller zögerte einen Augenblick.

»Miss Mary Cardew, Brierly Gardens hundertsechsundneunzig«, sagte er dann. »Sie arbeitet im Haushalt. Wahrscheinlich ist es ihr nicht sehr angenehm, wenn Sie Fragen an sie stellen.«

»Und für Sie könnte es unangenehm werden, wenn sie Ihre Darstellung nicht bestätigt.«

Miss Cardew war ein hübsches Mädchen, das einen ehrlichen Eindruck machte, und Trainor war schon vor der Unterredung mit ihr überzeugt, daß sie keine Ausflüchte gebrauchen werde. Sie hatte sich mit ihrem Bräutigam auf neun Uhr verabredet und kaum zwanzig Meter vom Haus entfernt gewartet.

»Wie lange waren Sie zusammen?«

»Er blieb kaum länger als eine Minute«, sagte das Mädchen. »Er schien mir sehr aufgeregt, und ich war ärgerlich darüber, daß ich warten mußte.«

»Sind Sie sicher, daß es nur eine Minute war?«

»Ein bis zwei Minuten, nicht länger. Er hatte es sehr eilig zurückzugehen.«

Der Detektiv biß sich auf die Lippen.

»Was für einen Eindruck machte er auf Sie, als Sie ihn um neun Uhr trafen – war er da aufgeregt oder ganz normal?«

»Er war ein bißchen aufgeregt. Er erzählte mir, daß mit Mr. Louba immer schwerer auszukommen sei, und er fragte mich auch, ob wir nicht in einem Monat heiraten könnten. Wir wollten das kleine Gasthaus, das er in Bath gekauft hat, gemeinsam führen.«

Trainor ging zurück nach Braymore House. Er wollte jetzt eine ganz bestimmte Theorie praktisch ausprobieren.

Wieder fragte er Miller:

»Sie waren eine Viertelstunde weg. Mit Miss Cardew waren Sie höchstens fünf Minuten von diesen fünfzehn zusammen. Etwa drei Minuten brauchten Sie, um zu ihr zu gelangen und hierher zurückzukommen. Wie erklären Sie die fehlenden sieben Minuten?«

»Ich traf den Diener aus dem ersten Stock und sprach mit ihm.«

»Worüber sprachen Sie mit ihm?«

»Über einen Herrn, einen gemeinsamen Bekannten.«

Die Antwort war so unwahrscheinlich, daß Trainor schon zu der Annahme neigte, Miller fange an zu erfinden. Jedoch der Diener aus dem ersten Stock bestätigte Millers Angaben.

Miller hatte in den vierzehn Jahren, die er bei Louba angestellt war, Geld zusammengespart. Die meisten Leute, die den Finanzmann aufsuchten, hatten ihm freiwillig Trinkgelder gegeben; und außerdem war sein Lohn reichlich bemessen gewesen. Ohne Zögern legte er sein Bankguthaben vor, und Trainor untersuchte es sorgfältig. Eine größere Summe war niemals eingezahlt worden. Stets waren kleinere Beträge in das Bankkonto geflossen, was man ohne weiteres feststellen konnte.

»Hm«, machte Trainor, als er zu Ende war.

Der Diener verfolgte die ganze Zeit über Trainors Untersuchung mit ängstlichem Gesichtsaasdruck, und als er ihm das Buch zurückgab, atmete er sichtlich erleichtert auf.

»Ist Mr. Leamington verhaftet worden, Sir?« fragte er.

Trainor nickte.

»Ich kann mir nicht denken, daß er der Täter gewesen ist, Mr. Trainor.«

»Er war nach seinen eigenen Angaben gestern abend in diesem Zimmer«, erwiderte Trainor, und Miller zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.

»Hier drin? Wie hat er denn das gemacht?«

»Er ist durch das Fenster hereingekommen. Es ist gewaltsam von außen geöffnet worden.«

Der Detektiv wußte ganz genau, daß die sehr sorgfältige Untersuchung kein Zeichen dafür ergeben hatte, daß das Fenster mit Gewalt aufgebrochen worden war.

Miller schüttelte energisch den Kopf.

»Das ist einfach unmöglich«, sagte er. »Ich sagte das schon gestern abend dem Sergeanten. Die Fenster waren zugeriegelt – mit zwei feststellbaren Riegeln, die am unteren Rahmen angebracht sind.«

Trainor brummte ungeduldig.

»Das haben Sie mir noch gar nicht mitgeteilt, Sergeant. Ich sah nur den gewöhnlichen Fensterriegel, und den konnte man leicht zurückschieben.«

Miller ging in das Schlafzimmer voraus und deutete auf zwei kleine, ziemlich versteckt angebrachte Riegel am Fensterrahmen, je einen auf jeder Seite. Mit Schrauben konnte man beide so feststellen, daß man sie nur zurückschieben konnte, wenn man vorher die Schrauben herausgedreht hatte. Trainor untersuchte die Stellen genau und stellte fest, daß jemand beide Schrauben ganz entfernt hatte.

»Ich habe sie selbst festgemacht, kurz bevor Mr. Louba nach Hause kam. Das tat ich immer«, erklärte Miller. »Wenigstens schließe ich das Fenster immer, bevor er hereinkommt, nur ziehe ich bei Tag die Schrauben nicht an. Die Schrauben machte ich immer erst fest, wenn er nachts endgültig nach Hause kam. Aber an dem Mordtag verschraubte ich das Fenster früher als gewöhnlich – ich tat es, während Mr. Louba im Bad war, und kurz bevor dieser Charlie eintraf. Es war so neblig draußen, daß ich mir sagte, Mr. Louba würde das Fenster doch nicht mehr öffnen. Ich zog die Schrauben auch besonders stark an, weil ich in diesen nebligen Nächten selbst immer Angst vor Einbrechern habe.«

Eine sofortige Untersuchung des Zimmers förderte keine Spur von den Schrauben zutage, bis Trainor das Laken wegzog, das über das blutbefleckte Bett ausgebreitet war. Mitten auf der seidenen Bettdecke lagen die Schrauben.

»Sie müssen unter dem Körper gelegen haben«, murmelte Trainor. »Ich war nicht da, als die Leiche weggebracht wurde. Haben Sie sie denn gesehen, Sergeant?«

»Nein, Inspektor. Tut mir leid – ich habe tatsächlich gar nicht darauf geachtet.«

Der Inspektor nahm die Schrauben mit in das andere Zimmer und legte sie auf ein Stück Schreibpapier. Sie waren nicht sehr groß.

»An denen werden wir keine Fingerabdrücke feststellen können«, ärgerte sich Trainor. »Trugen Sie Handschuhe, als Sie gestern abend ausgingen, Miller?«

»Ja.«

»Bringen Sie sie einmal her.«

Die Handschuhe waren aus grobem Leder.

»Ein Fremder kann die Schrauben doch eigentlich kaum entdeckt haben. Wie sie anzubringen waren, wußte doch sicher nur jemand, der mit der Wohnung vertraut ist, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt schon«, gab der andere zu. »Mr. Louba vergaß sie für gewöhnlich. Vor einigen Jahren hatte ich wegen der Schrauben sogar Unannehmlichkeiten. Mr. Louba wollte eine Frau möglichst rasch durch das Fenster herauslassen, und ich hatte die Schrauben so fest angezogen, daß er einen Riegel nicht aufbrachte. Es war an einem ebensolchen Abend wie gestern.«

»Eine Frau?«

»Ja, Herr Inspektor. Einer seiner Freunde kam zu Besuch. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war, aber jedenfalls wollte er die Dame so schnell wie möglich aus der Wohnung heraushaben.«

Leider konnte sich Miller nicht mehr an Einzelheiten erinnern, nur noch daran, daß sich Louba bei dem Versuch, das Fenster zu öffnen, die Hand verletzt hatte. Von dem Mädchen wußte er nicht mehr, als daß sie noch sehr jung und eine gute Freundin Mr. Loubas war. Sie besaß einen eigenen Schlüssel und pflegte zu kommen, wenn Miller Ausgang hatte.

»Sie ist die einzige seiner Freundinnen, von der ich weiß, daß er sich mit ihr besondere Mühe gab. Er pflegte alle seine Seidenstoffe und seine Raritäten herauszukramen, um sie ihr zu zeigen. Jedes Mal, wenn er sie erwartete, lag der ganze fremdartige Kram herum. Ich glaube, sie interessierte sich sehr für den Orient. An jenem Abend gab es allerhand Aufregung mit ihr ... Schließlich kletterte sie die Feuerleiter hinunter.«

»Hatte Mr. Louba sehr viele Damenbekanntschaften?«

»Hm – ein paar«, entgegnete Miller lakonisch.

Trainor legte die Schrauben vorsichtig in sein Etui.

»Wußte ›Charlie‹, wie man die Fenster öffnet und schließt?« fragte er.

»Möglich. Manchmal kommt es mir überhaupt so vor, als ob er früher schon einmal hier gewesen wäre. Tatsächlich habe ich ihn sogar schon mit der Geschichte verknüpft, die ich Ihnen eben erzählte. Eigentlich merkwürdig – ich entsinne mich seiner nicht besonders gut.«

»Die Dinge, an die Sie sich nicht erinnern können, würden gedruckt einen ganzen Bücherschrank füllen«, entgegnete Trainor gereizt.

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