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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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15

Trainor wollte gerade weiterreden, als ein so schrilles Klingeln durch das Haus schallte, daß alle erschrocken auffuhren.

»Was war das?« fragte Hurley Brown schnell.

»Die Einbrecherglocke, Sir«, keuchte Miller und deutete durch die offene Tür nach dem Schlafzimmerfenster.

Wieder schrillte die Klingel.

»Die Einbrecherglocke? Was meinen Sie damit?«

»Sie ist an der Feuerleiter angebracht ... Eine Alarmvorrichtung zum Schutz gegen Einbrecher. Wenn jemand das untere Stück der Leiter herunterzieht, was er tun muß, wenn er heraufklettern will, wird ein Kontakt hergestellt und der Alarm ausgelöst.«

Trainor rannte ins Schlafzimmer, riß die Balkontür auf und blickte von dem kleinen eisernen Balkon aus in den Hof hinunter. Undeutlich sah er eine Gestalt, die eben von den letzten Stufen der Leiter heruntersprang, einen Moment strauchelte und im nächsten Augenblick in der Dunkelheit verschwunden war.

Die andern waren ihm ins Schlafzimmer gefolgt. Trainor drehte sich um, und sie standen sich ratlos gegenüber.

»Merkwürdig, daß die Glocke nicht ging, als ich vorhin hinunterstieg«, murmelte er kopfschüttelnd.

Die Lösung des Rätsels brachte der Portier, der in diesem Augenblick ins Zimmer gestürzt kam.

»Ich habe vor zehn Minuten das untere Ende der Feuerleiter mit der Taschenlampe untersucht, Sir, weil ich daran dachte, daß vielleicht jemand auf diesem Weg in das Haus eingedrungen sein könnte. Zufällig leuchtete ich dabei an die Stelle, an der die Leitungen für die Alarmvorrichtung ein Stück weit offen liegen. Ein Draht war zerschnitten ...«

»Und Sie haben die Leitung gleich wieder geflickt?« nickte Trainor.

»Ich hielt das in Anbetracht der Umstände für besser«, antwortete der Portier. »Natürlich wollte ich es Ihnen noch melden.«

»Damit ist der Fall erledigt«, seufzte Brown. »Natürlich war der Draht noch zerschnitten, als Trainor das erste Mal hinunterstieg, und der Portier hat ihn geflickt, kurz bevor der Fremde hier heraufwollte. – Ich glaube nicht, Doktor, daß man uns hier jetzt noch weiter benötigt. Wir überlassen den Fall Inspektor Trainor. Rufen Sie den Polizeiarzt an, Inspektor?«

»Er ist krank«, antwortete der Beamte. »Statt dessen kommt Dr. Lane vom Paddington-Distrikt. – Was meinen Sie – ich halte Miller am besten unter Beobachtung?« fragte er mit gedämpfter Stimme Hurley Brown.

»Auf jeden Fall, Inspektor. Ich glaube zwar nicht, daß er etwas mit dem Morde zu tun hat, aber Sie könnten ihn immerhin beobachten lassen. Prüfen Sie auch genau nach, was er gestern abend gemacht hat und wo er sich aufhielt.«

Die beiden Herren verabschiedeten sich und überließen Trainor seiner Arbeit.

Dieser holte vor allen Dingen aus dem immer noch zitternden Miller eine möglichst genaue Beschreibung des Besuchers, der am Abend über den Lieferantenaufgang gekommen war, heraus. Die Morgenblätter des nächsten Tages, die die Geschichte des Verbrechens ihren Lesern auftischten, brachten die Personenbeschreibung des Verdächtigen folgendermaßen:

 

Unter Mordverdacht gesucht: Ein Mann, genannt ›Charlie‹, etwa 1,70 Meter groß, schmächtig. Er trug einen dunkelbraunen Anzug und einen beigen Mantel, dazu einen braunen Hut, schwarze Lackschuhe, gelbe Handschuhe und einen grauen Seidenschal. Alter ungefähr 32. Die Hautfarbe ist dunkel, der Mann geht etwas vornübergebeugt und hat eine heisere Stimme.

 

Um drei Uhr morgens kamen noch weitere Beamte der Mordkommission, die Inspektor Trainor halfen. Um fünf Uhr erschien der übermüdete Distriktsarzt, der nach kurzer Untersuchung die Überführung des Toten ins Leichenhaus anordnete.

Trainor, der die ganze Nacht damit beschäftigt gewesen war, die Papiere des Ermordeten zu sichten, übergab nun die Aufsicht einem Unterbeamten und fuhr in die Edwards Street 903. Er läutete an der Haustür, und gleich darauf öffnete ihm eine müde aussehende junge Dame.

»Sind Sie Miss Martin?« fragte Inspektor Trainor.

»Ja«, antwortete Beryl.

»Ich bin Polizeiinspektor und möchte mit Ihnen sprechen hier – ist mein Ausweis.«

Es kam ihm so vor, als hielte sich die junge Dame nur mit Mühe aufrecht.

»Kommen Sie herein«, sagte Beryl schwach.

Sie drehte jetzt erst das Licht in der Diele an, und er bemerkte, daß sie einen weitärmeligen Morgenrock trug. Anscheinend war sie eben aus dem Bett aufgestanden ... Aber sie mußte vollkommen wach gewesen sein, als er geläutet hatte. Die Schnelligkeit, mit der sie auf sein Klingeln hin die Tür geöffnet hatte, sprach dafür.

»Ich fürchte, ich habe eine schlechte Nachricht für Sie, Miss Martin«, sagte er, als sie ihn in das kleine Wohnzimmer geführt hatte.

»Betrifft es Mr. Louba?« fragte sie schnell.

Er nickte ernst.

»Ist er ...?«

»Er ist tot«, antwortete der Detektiv sachlich. »Ermordet.«

Sie stand von dem Stuhl auf, den sie sich an den Tisch herangezogen hatte, und starrte ihn stumm an.

»Tot!« wiederholte sie und legte die Hand vor die Augen. »Ist das wirklich wahr?«

»Es tut mir leid, Miss, aber es ist so, wie ich sage. Wann sahen Sie Mr. Louba das letzte Mal? Soviel ich weiß, sind Sie mit ihm verlobt?«

Sie stand da wie gelähmt. Erst nach einer Weile antwortete sie ihm mit gepreßter Stimme.

»Tot? Sind Sie sicher? Ja, ich bin mit Mr. Louba verlobt – das heißt, ich war es.«

»Kennen Sie diese Scheine?« Er nahm ein kleines Bündel Papiere aus der Tasche und legte sie auf den Tisch.

Sie nickte.

»Es sind Schuldscheine über eine sehr große Summe, Miss Martin. Würden Sie mir sagen, wie sie in Mr. Loubas Hände kamen?«

»Ich habe das Geld beim Bridgespielen verloren, und Mr. Louba legte es für mich aus«, erklärte sie stockend.

»War das, bevor Sie verlobt waren?«

Sie nickte wieder.

»Diese Schuldscheine sind doch der eigentliche Grund, warum Sie Loubas Antrag annahmen, wie?« fragte Trainor.

»Ja, ich glaube, so ähnlich war es wohl.«

»Wann hatten Sie die entscheidende Unterredung mit Mr. Louba, Miss Martin?«

Sie fuhr sich mit zitternder Hand über die Lippen.

»Gestern abend«, entgegnete sie, und der Schweiß trat ihr auf die Stirn.

»Sie waren vorher mit einem anderen Herrn verlobt, nicht wahr?«

»Nein, nein ... das stimmt nicht«, erwiderte sie mit verzweifeltem Trotz.

»Ich dachte immer, Sie wären mit Mr. Leamington verlobt gewesen?«

»Wir waren befreundet und standen uns sehr nahe«, sagte sie. »Aber wir waren nicht – wir waren nicht verlobt.«

»Wann verlobten Sie sich mit Mr. Louba?«

»Ich sagte es Ihnen doch schon, gestern abend!«

»Wann sahen Sie Mr. Leamington das letzte Mal?«

Eine lange Pause, in der Beryl krampfhaft nach einer Antwort suchte.

»Ebenfalls gestern abend«, sagte sie dann. »Er fuhr mich nach Hause.«

»Wußte Mr. Leamington, daß Sie Louba heiraten wollten?«

»Ja.«

»War er überrascht?«

Beryl schaute hilflos im Raum umher, als ob sie diesem Kreuzverhör entfliehen wolle.

»Ja, er war überrascht«, flüsterte sie.

»Sagten Sie ihm auch den Grund? Ich meine, erwähnten Sie die Schuldscheine?«

Er tippte auf das Bündel Papiere.

»Ich weiß es nicht mehr«, antwortete sie hastig. »Ich weiß es wirklich nicht mehr.«

»Hm, wurde Mr. Leamington nicht wütend? Sagte er etwas gegen Louba?«

»Kein einziges Wort, er war ganz ruhig«, beteuerte sie heftig.

»Das soll ich Ihnen glauben, Miss Martin?« Trainor ließ die Augen nicht von ihrem Gesicht. »Sahen Sie Mr. Leamington nicht noch einmal später – in der vergangenen Nacht?«

»Nein, nein! Ich schwöre Ihnen, daß ich ihn kein einziges Mal mehr sah.«

»Wie lange sind Sie schon zu Hause?«

»Seit zehn Uhr.«

»Stimmt das auch?« fragte er geduldig. »Der Polizist, der in Ihrer Straße Streifendienst hat, sagt, er hätte Sie viel später nach Hause kommen sehen.«

»Oh ... Es kann auch später gewesen sein«, gab sie zu. »Aber warum interessiert Sie denn das alles?« »Wo waren Sie heute abend, Miss Martin?«

»Ich war im Kino – im Apollo.«

»Allein?«

»Ja, ich gehe oft allein.«

Der Detektiv stand auf und steckte umständlich die Schuldscheine in seine Jackentasche.

»Glauben Sie nicht, es wäre besser für sie und für alle andern Beteiligten, wenn Sie mir alles erzählten, was Sie von dem Mord an Mr. Louba wissen?«

»Ich weiß nichts, gar nichts. Ich habe erst von Ihnen erfahren, was passiert ist.«

»Aber trotzdem warteten Sie auf mein Kommen«, sagte Trainor in einem Ton, der schärfer war, als er bisher geredet hatte.

»Niemanden erwartete ich«, flüsterte sie.

Ihr ängstliches Gesicht, ihre zitternden Hände sahen bejammernswert aus.

»Wenn ich Ihnen nun sage, daß Sie zwischen zehn und elf Uhr in der Nähe von Braymore House gesehen wurden, was dann? Antworten Sie, Miss Martin.«

Dies war nichts als ein Bluff Inspektor Trainors – genauso, wie der Polizeibeamte erfunden war, der sie angeblich nach Hause hatte kommen sehen. Trainor war ein erfahrener Kriminalist, und so wie die Dinge lagen, glaubte er auf der richtigen Spur zu sein.

Trotzdem überraschte ihn ihre Antwort.

»Sie sahen mich? Oh, warum ging ich nur hin ...? Warum nur ...«

»Sie gingen hin, weil Sie annahmen, daß Mr. Loubas Leben in Gefahr sei – in Gefahr durch Mr. Leamington. Und Sie wollten Mr. Leamington abfangen. Stimmt das?«

Sie gab es stumm zu.

»Und er kam?«

»Nein«, entgegnete sie mit einer letzten Willensanstrengung. Alle Kraft zusammenraffend, wiederholte sie energisch: »Er kam nicht, ich wartete bis ein Uhr, und dann ging ich nach Hause.«

Sie hielt seinem durchdringenden Blick ohne Wimpernzucken stand.

»Ich kann Sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, und ich kann Sie vorerst nichts weiter fragen«, sagte er achselzuckend und schritt zur Tür. »Aber ich fürchte, ich muß Sie bald wieder aufsuchen – vielleicht sogar sehr bald, Miss Martin.«

In seinem Ton lag etwas Drohendes, und das Mädchen verstand ihn vollkommen.

Sie ging hinter ihm her auf den Vorplatz. Dort schaute er sich, anscheinend zufällig, in seiner raschen, gründlichen Art nach allen Seiten um. Plötzlich langte er nach dem Griff eines Schirmes, der am Garderobenständer hing.

»Gehört der Schirm Ihnen?«

»Ja«, sagte sie überrascht.

»Hatten Sie ihn heute abend bei sich?«

Sie zauderte einen Moment.

»Ja«, gab sie dann zu.

»Der Vorplatz war dunkel, als Sie nach Hause kamen, nicht wahr?«

Sie nickte verwirrt.

»Bitte zeigen Sie mir die Handschuhe, die Sie bei sich hatten.«

»Dort – im Kasten am Garderobenständer. Es sind alte, graue Lederhandschuhe ...«

Er öffnete den Kasten und nahm die Handschuhe heraus. Während er sie genau betrachtete, lehnte sie sich, kalkweiß im Gesicht, an die Wand. Sie hatte im selben Moment wie Trainor gesehen, daß auf den Handschuhen eingetrocknete rote Flecken waren. Und als er den Schirm noch einmal unters Licht hielt, bemerkte sie schaudernd, daß auch der helle Griff rot gefärbt war.

»Merkwürdig«, sagte der Inspektor ruhig. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen – Sie haben doch nichts dagegen?«

Sie antwortete nichts, sondern stand noch immer stumm an die Wand gelehnt – sie stand noch da, als er sie schon lange verlassen hatte.

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