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Louba der Spieler

Edgar Wallace: Louba der Spieler - Kapitel 15
Quellenangabe
pfad/wallacee/louba/louba.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleLouba der Spieler
publisherGoldmann Verlag
translatorCarl Wehner
editorFriedrich A. Hofschuster
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun12. Auflage
isbn3442001633
year1982
created20111028
projectida7c69ec8
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14

Dr. Warden hatte Hurley Brown den Inhalt des Telefongesprächs mitgeteilt, und innerhalb von zehn Minuten waren die beiden in Braymore House. Im Treppenhaus trafen sie auf zwei Polizisten, die sich mit dem Hausmeister und dem leichenblassen, zitternden Miller unterhielten.

»Gott sei Dank, daß Sie kommen, Herr Doktor«, rief der Diener. »Als ich nach Hause kam, klopfte ich noch einmal bei Mr. Louba, um ihn zu fragen, ob er noch etwas von mir brauche. Er antwortete nicht, und ich dachte, er wäre vielleicht ausgegangen. Zufälligerweise drückte ich dann aber doch auf die Türklinke – die Tür gab nach, ich ging in das Zimmer, knipste das Licht an, und sah über der Lehne eines Stuhls den Morgenrock Mr. Loubas – er war voller roter Flecken. Erschrocken rannte ich in das Schlafzimmer. Auf dem Bett lag der Herr ... voller Blut ... Ich war so entsetzt, daß ich sofort zum Portier rannte und die Polizei anrief.«

»Das war ganz in Ordnung. Beruhigen Sie sich jetzt«, sagte Hurley Brown zu dem verstörten Miller. »Einer von Ihnen«, wandte er sich dann an die Beamten, »kommt mit hinauf, der andere bleibt am besten hier. Ich bin Kommissar Brown von Scotland Yard.«

Während sie im Aufzug hinauffuhren, fragte Hurley Brown den Diener, wann er in die Wohnung zurückgekehrt sei.

»Um halb elf, Sir. Es schlug gerade halb auf der Uhr, als ich zur Türe hereinkam.«

»Um neun Uhr fünfzig war er bestimmt noch am Leben. Um halb elf hörten Sie keinen Laut mehr ...«, murmelte Brown nachdenklich, als sie die Wohnung betraten.

Gleich darauf standen sie in dem großen, luxuriös ausgestatteten Herrenzimmer. Tiefe Ledersessel standen umher, der Boden war mit einem prachtvollen türkischen Teppich bedeckt, der ein Vermögen gekostet haben mußte.

»Hier, Herr Kommissar!« Der Polizist deutete auf einen Morgenrock, der über einem Stuhl hing. Brown hielt das Kleidungsstück hoch – Miller hatte recht gehabt, die Vorderseite und die Ärmel waren voller nasser roter Flecken.

»Nicht anrühren«, sagte Brown und legte ihn vorsichtig wieder über den Stuhl. »Vorsichtig, Doktor. Auf dem Fußboden ist noch mehr Blut.«

An der einen Wand war ein großer Kamin. Der Rost war leer bis auf einige schwarze Aschenhäufchen. Links davon befand sich eine Tür, auf die Miller mit zitternden Händen deutete.

»Dort ist das Schlafzimmer«, sagte er.

Hurley Brown stieß die angelehnte Tür auf und ging hinein.

Die Deckenbeleuchtung brannte noch. Auf dem Bett lag lang ausgestreckt Louba. Der Doktor schritt auf ihn zu, aber er brauchte ihn nicht sehr genau zu untersuchen, der Kopf des Mannes war schrecklich zugerichtet. »Das Fenster ist offen«, sagte Hurley Brown. Er durchquerte das Zimmer und blickte hinaus. »Aha, eine Feuerleiter ... Sergeant, gehen Sie hinunter zu Ihrem Kameraden und sagen Sie ihm, er soll den Garten sorgfältig absuchen. Der Mann, der den Mord beging, nahm sicher diesen Weg. Nur so konnte er ungesehen in die Wohnung gelangen – ohne am Portier vorbei zu müssen und ohne einen Wohnungsschlüssel zu benötigen.«

Er ging zum Telefon und wählte eine Nummer. Gleich darauf kehrte er in das Schlafzimmer zurück.

»Ich habe eben Scotland Yard angerufen und lasse einen unserer besten Männer kommen – Inspektor Trainor. Diesen Fall möchte ich nicht gerne selbst bearbeiten. Seit meiner Militärzeit auf Malta habe ich ein Vorurteil gegen Louba ... Besser, jemand anders nimmt die Sache in die Hand. – Sie sahen niemand, als Sie das letztemal hier waren, Doktor?«

Dr. Warden erinnerte sich der flüchtigen Begegnung im Nebel, schüttelte aber den Kopf.

»Niemand außer dem Portier.«

»Wie lange ist Louba schon tot, Warden?«

Der Doktor schaute die Leiche nachdenklich an.

»Seit einer Stunde – vielleicht sogar weniger als eine Stunde«, sagte er. »Er wurde mit einem sehr schweren Gegenstand niedergeschlagen.«

»Vielleicht finden wir das Ding«, brummte Brown.

Sie brauchten nicht lange zu suchen.

Ein schwerer Silberleuchter lag in der Ecke des Speisezimmers. Er war verbogen und blutbefleckt – ohne Zweifel die Mordwaffe.

Bald danach kam Inspektor Trainor an, ein kleiner, drahtiger Mann mit energischem Gesicht, der sofort die weitere Untersuchung in die Hand nahm. Wie ein gut dressierter Hund ging er von Zimmer zu Zimmer, betrachtete genauestens jedes Möbelstück, zog die Vorhänge zurück und kletterte schließlich durch das offenstehende Fenster hinaus und die Feuerleiter hinunter.

»Nichts zu finden«, murmelte er nach seiner Rückkehr. Er betrachtete den Toten und biß sich auf die Lippen.

»Auf diesem Bett wurde er nicht ermordet«, erklärte er dann bestimmt. »Die Blutflecken führen ganz deutlich vom Wohnzimmer hier herein. Jemand muß ihn getragen oder geschleift haben, und dieser Jemand war ein ziemlich starker Mann ... Noch etwas Merkwürdiges – haben Sie bemerkt, Herr Kommissar, daß der Ermordete keine Krawatte umhat? Sie liegt im Wohnzimmer im Papierkorb.«

»Habe nichts gesehen«, sagte Brown kurz.

»Auch das Telefon ist ziemlich wichtig«, fuhr Trainor fort. »Es müßte Fingerabdrücke aufweisen. Wer hat es zuletzt angefaßt?«

»Ich fürchte, das war ich«, entgegnete Hurley Brown. »Warum?«

»Weil das Telefon nach der Ermordung Loubas vom Schreibtisch heruntergenommen wurde. Die Schnur, die ziemlich lang ist, muß dem Mann, der den Körper transportierte, im Weg gewesen sein. Louba wurde rechts vom Schreibtisch niedergeschlagen ... Die Blutspur führte ohne Unterbrechung zwischen dem Schreibtisch und dem Fenster durch – hätte die Telefonschnur dort gelegen, müßte man an ihr bestimmt auch Blut sehen, da sie wegen ihrer Länge auf dem Teppich mehrere Schleifen bildet.«

»Dieser Schluß scheint mir etwas voreilig zu sein«, meinte der Doktor ziemlich skeptisch. »Halten Sie ihn nicht auch für etwas zu konstruiert? Übrigens, warum wurde dem Toten wohl der Morgenrock ausgezogen?«

Trainor antwortete nicht. Er betrachtete gerade eine große Truhe, die in einer Ecke stand. Neben ihr lagen ein Stück Seidentapete und ein golddurchwirktes orientalisches Gewand am Boden.

»Was ist das?« fragte er Miller. »Lag das immer so herum?«

»Nein, Herr Inspektor«, erwiderte Miller. »Die Tapete lag sonst immer über dem Deckel der Truhe, damit die Politur nicht beschädigt wird, und das Gewand lag, soviel ich weiß, in der Truhe drin.«

»War sie immer verschlossen?« fragte Trainor und versuchte vergeblich, den schweren Deckel hochzuheben. »Wo ist das Schloß?«

»Es ist nur ein Schnappschloß da, Sir, das durch eine Feder geöffnet wird. Sehen Sie, so ...«

Miller drückte eine der Holzverzierungen, die an der Truhe angebracht waren, zur Seite, und hob den Deckel an.

Im Innern lag ein Durcheinander von Raritäten, dazwischen ein Stück Tapete und ein Streifen feiner Stickerei. »Das lag immer obenauf!« rief Miller. »Jemand hat alles durcheinandergebracht.«

»Und das Gewand? Sind Sie sicher, daß es auch in der Truhe war?«

»In der letzten Zeit war es ganz bestimmt dort. Früher zog es der Herr manchmal an, aber jetzt habe ich es beim Aufräumen schon lange nicht mehr gesehen.«

»Sie könnten nicht genau angeben, was alles in der Truhe aufbewahrt wurde?« fragte Hurley Brown.

»Nein, Sir, ich habe ein paar von diesen Sachen schon gesehen, aber ich weiß nicht, ob etwas fehlt.«

»Schade«, murmelte Trainor und kramte in der Truhe herum. »Einige dieser Sachen scheinen ziemlich wertvoll zu sein. Falls es sich um einen Diebstahl handelt und falls wir die fehlenden Stücke feststellen könnten ... hm.«

Er blickte im Zimmer umher.

»Was halten Sie davon, Mr. Brown?« fragte er dann und deutete auf einen kleinen Schreibtisch am Fenster. »Rühren Sie es nicht an«, setzte er hinzu. »Vielleicht findet man einen Fingerabdruck.«

Auf der grünen Schreibunterlage lag ein Blatt von Loubas vornehmem Briefpapier, ein einzelner Buchstabe stand darauf – der Buchstabe R.

»Derjenige, der das schrieb, wurde unterbrochen«, sagte Trainor. »Schauen Sie nur, wie zittrig die Schrift ist und wie unvermittelt sie abbricht.«

»Haben Sie eine Vermutung?« fragte Brown.

Aber Trainor war nicht dazu aufgelegt, seine Theorie, wenn er eine hatte, zu entwickeln.

»Es ist möglich, daß der Betreffende sich nach dem Tod Loubas hinsetzte, um irgendeine Botschaft aufzuschreiben, und daß ihm dann doch die Nerven versagten. Daß die Niederschrift nach der Mordtat erfolgte, halte ich durch die Aufregung des Schreibers für bewiesen.«

»Louba kann es wohl nicht selbst noch geschrieben haben?«

Dr. Warden schüttelte entschieden verneinend den Kopf.

»Ganz ausgeschlossen«, sagte er mit Nachdruck. »Der Tod muß nach dem Schlag so gut wie sofort eingetreten sein.«

Trainor untersuchte den Schreibtisch ein zweites Mal und zog den dazugehörigen Stuhl heran.

»Er saß hier und hatte anscheinend den Morgenrock angezogen. Das erscheint ganz plausibel, denn es ist eine kühle Nacht, und er hatte kein Feuer.«

»Das erinnert mich daran, daß ich etwas auf dem Kaminrost bemerkte, als ich hereinkam«, entgegnete Brown, und Trainor machte sich sofort auf die Suche.

»Tatsächlich«, frohlockte er. »Ein verkohltes Stück Papier ... Moment...«

Behutsam schob der Inspektor ein Blatt Papier, das er von Loubas Schreibtisch nahm, unter das Häufchen halbverbrannter Asche und trug es, wie es war, auf den Tisch. Ein anscheinend von einem Notizblock abgerissenes Blatt war noch deutlich zu erkennen. Es war zwar völlig verkohlt, gegen das stumpfe Schwarz des verbrannten Papiers hoben sich aber deutlich mehrere Reihen hellerer Schriftzüge ab.

»Man kann es noch lesen«, sagte Trainor. »Nur hier ist eine Ecke abgerissen, falls sie nicht im Feuer ganz zerfallen ist.«

Er untersuchte die übrige Asche sorgfältig.

»Ich glaube, daß die Ecke schon vorher abgerissen wurde wahrscheinlich stand die Adresse darauf.«

»Die Adresse?« wiederholte Hurley Brown nachdenklich. »Sie meinen den Absender – die Adresse des Briefschreibers?«

»Ganz richtig. Würden Sie sich bitte notieren, was ich entziffere?« sagte Trainor und beugte sich über das halbverkohlte Papier.

»›Nur Du bist imstande, mich zu retten. Du weißt, was ich für ein Leben führe mit ... ‹ Jemand, dessen Namen ich nicht lesen kann. ... ›und Du weißt auch, was Du mir schuldig bist, Emil, Du weißt ... ‹« Die Unterschrift lautet ... Ich kann es nicht genau lesen – es sieht aus wie ein K, es kann aber auch ein R sein oder ein B. Ich würde eine Menge Geld drum geben, wenn ich die Adresse hätte.«

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