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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel.
Die Petroleumquellen

»Nein, danke, Joicey«, sagte Graf Mansar schon das drittemal, und der dicke, nett aussehende junge Mann, mit dem er sprach, begann mit enttäuschtem Gesicht eine große Karte zusammenzurollen.

Es war eine interessante Karte, mit rosafarbenen und grünen Parallelogrammen und Rhomboiden. Er hatte sich ganz heiser geredet, in dem Bestreben, seinen ehemaligen Kameraden zu überreden, in seinen Plan einzuwilligen.

»Es mag sein, daß alles stimmt,« meinte Mansar und warf eine Zigarette in die ausgestreckte Hand des hochwohllöblichen Felix Joicey, »und ich weiß, daß, sofern Sie beteiligt sind, kein Zweifel darüber sein kann. Es gibt ja eine Menge Petroleumquellen in Rumänien – obwohl es mir nicht bekannt ist, daß gerade in der Döbnitzgegend eine Quelle quillt – und es ist sehr gut möglich, daß ein Vermögen darin steckt.«

»Ein Vermögen! Ein halbes Dutzend mindestens!« rief der begeisterte Herr Joicey, und Lord Mansar nickte.

»Aktien will ich gern nehmen, das kann ich Ihnen versprechen,« sagte er, »aber zu den Direktoren will ich nicht gehören. Um ganz offen zu sein, Joicey, ich kann die ganze Bande, die die Sache in Bewegung setzt, nicht ausstehen – sie gehören zu den Menschen, die keinen geraden Weg einschlagen können, und nicht einmal, wenn sie aus einer Pistole herausgeschossen würden!«

»Meggison ist kein schlechter Kerl«, warf Joicey ein.

»Meggison ist nicht so schlimm wie Glion, aber das will nicht viel sagen. Und wenn Sie mir einen Sitz im Direktorium der Bank von England anböten, würde ich ihn, wenn einer von den beiden Kerlen ein Guthaben dort hätte, nicht annehmen.«

Herr Joicey zündete sich eine Zigarette an; sein Gesicht drückte lebhaften Kummer aus. Er hatte früher mit Lord Mansar zusammen bei der Garde gedient, gab jedoch später die militärische Laufbahn auf, ging zur Börse, wo er auch ganz gut verdiente.

»Ich bin ziemlich stark bei dieser Sache beteiligt«, meinte er und zog nachdenklich an seiner Zigarette. »Zwar glaube ich nicht, daß Sie viel riskieren würden – wir brauchen nur einen gutklingenden Namen auf der Liste der Direktoren, um dem kleinen Mann zu imponieren. – Wir müssen die Aktien schon auf den Markt werfen, denn wir brauchen eine Menge Kapital.«

Mansar machte eine bedauernde Geste, das heißt, eine Grimasse, die in allen Sprachen so viel bedeutet, wie: »Es tut mir unendlich leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen.« Doch plötzlich lächelte er und rief leise: »Himmeldonnerwetter!«

»Was ist denn?«

»Kennen Sie den Marquis von Pelborough?«

Herr Joicey dachte nach. Er kannte zwar die meisten Marquis und keine geringe Anzahl von Herzögen, aber mit dem Marquis von Pelborough war er nicht bekannt.

»Meinen Sie vielleicht den Versicherungsangestellten, dessen Onkel ein Anrecht auf eine erloschene Pairschaft zu haben behauptete?« fragte er, sich plötzlich auf dieses Ereignis besinnend.

Mansar nickte.

»Ja, den meine ich. Er hat vorübergehend im Auswärtigen Amt gearbeitet, aber das scheint jetzt aufzuhören. Vielleicht könnte ich ihn überreden, einer Ihrer Direktoren zu werden. Tausend Pfund jährlich, sagten Sie, nicht wahr?«

»Er sieht allerdings jung aus,« gab Seine Lordschaft zu, »aber er ist nicht dumm. Er ist der beste Amateurboxer seines Gewichts in ganz England.«

Er wußte, daß er damit eine weiche Stelle bei dem früheren Schwergewichtlermeister traf.

»Ob ich ihn vielleicht dann doch kenne?« sagte Joicey nachdenklich. »Der beste Leichtgewichtler ist ein junger Mensch, den ich einmal auf dem Polytechnikum boxen sah. Er schlug den jungen Herberts, den Mittelgewichtler aus Eton. ›Bubi‹ nannten sie ihn.«

Lord Mansars Augen leuchteten.

»Das ist er! Nun, also los, Felix, machen Sie ihn zu einem Ihrer Direktoren! Glion wird Ihnen um den Hals fallen, wenn Sie ihm einen waschechten Marquis für sein Direktorium verschaffen!«

»Ich werde es mir überlegen«, meinte Joicey. –

Als Mansar sich abends gerade zum Abendessen anzog, wurde ihm telephoniert, daß die Gründer der neuen Gesellschaft seinen Vorschlag angenommen hätten. Diese Nachricht bereitete ihm eine doppelte Freude, da sie ihm die Gelegenheit bot, in der Doughtystraße vorzusprechen und diese Neuigkeit persönlich mitzuteilen. Es war nicht der Gedanke an Bubi, der ihn seufzen ließ!

Der Marquis von Pelborough saß in Hemdsärmeln und spielte Domino mit Frau Phibbs, als Lord Mansar an der Tür der Doughtystraße klingelte. Bubi sprang eilig auf, um seinen Rock zu suchen. Gwenda saß in ihrem Zimmer und beantwortete einen Brief, den sie von ihrem letzten Theaterdirektor bekommen hatte, in welchem er sie bat, ihre alte Rolle wieder zu spielen. Gwendas Bruder, dieser schwache, skrupellose Erpresser, der sie ihr ganzes Leben lang verfolgt und sie mindestens aus drei guten Engagements gejagt hatte, war nun glücklich auf Nimmerwiedersehen nach Kanada abgereist. Mit seinem Fortgang war eine schwere Last von ihrer Seele genommen, eine Last, die sie heimlich mit sich herumgetragen hatte, solange sie sich erinnern konnte.

Es klopfte an ihre Tür, und Frau Phibbs trat ein.

»Lord Mansar?« rief Gwenda entsetzt. Daß der Besuch zu so später Stunde kam, war nicht der Hauptgrund ihrer Bestürzung. In letzter Zeit hatten sich Lord Mansars Aufmerksamkeiten in auffallender Weise vermehrt, und obwohl sie nicht an seiner Aufrichtigkeit oder Ehrenhaftigkeit zweifelte, war es ihr sehr schmerzlich, daß ein Mann, den sie sonst ganz gut leiden konnte, durchaus in nähere Beziehungen zu ihr treten wollte.

»Da ich gerade unterwegs war,« begann seine Lordschaft, sich entschuldigend, »dachte ich, Sie würden mir nicht böse sein, wenn ich schnell heraufkäme, um Ihnen eine Nachricht selbst zu bringen.«

»Bubi hat Ihnen auch etwas Neues zu erzählen, aber leider nichts Gutes,« sagte sie bekümmert, »seine Vertretung auf dem Auswärtigen Amt hört nun bald auf.«

Mansar nickte.

»Ich weiß,« sagte er, »Sir John erzählte es mir vor einigen Tagen. Er ist aber sehr zufrieden mit Ihnen, Pelborough.«

»Hoffentlich«, meinte Bubi etwas zweifelhaft. »Ich machte mir schon Gedanken, ob der Brief, den ich nach Madrid brachte ...«

»Aber, er ist außerordentlich zufrieden, wirklich,« sagte Mansar lächelnd, »jedoch der Herr, den Sie vertreten, kommt in allernächster Zeit aus Ägypten zurück. Sie sind für die nächste Stelle, die frei wird, vorgemerkt, und ich glaube, Sie könnten dann auf eine dauernde rechnen. Nun glaube ich, Ihnen etwas Besseres vorschlagen zu können.« Darauf erzählte er kurz von seiner Unterhaltung mit Joicey.

»Und sie sind übereingekommen, Sie zu einem ihrer Direktoren zu ernennen, Pelborough. Ich bin der Meinung, daß das eine vortreffliche Stellung für Sie ist!«

Bubis Gesicht drückte keine große Begeisterung aus.

»Ich finde es entsetzlich,« meinte er kopfschüttelnd, »denn ich habe keine Ahnung, worin die Pflichten eines Direktors bestehen und weiß außerdem absolut nichts von Petroleum. Mir scheint, ich soll eine Art Staffagedirektor darstellen.«

Lord Mansar sah verblüfft aus.

»Sie sind ein drolliger Kauz, Pelborough. Ich hätte nie gedacht, daß Sie wissen, was ein ›Staffagedirektor‹ ist!«

Bubi lächelte bescheiden.

»Man hört so vieles in der Großstadt«, sagte er, wie um seine Kenntnisse zu entschuldigen. »Aber wenn Sie meinen, Lord Mansar, daß ich mich nicht blamieren werde und daß ich mir dieses Anerbieten nicht entgehen lassen sollte, so bin ich Ihnen sehr dankbar für den Vorschlag.«

Mansar schien ein wenig enttäuscht. Viele Menschen täuschten sich in Bubi, da sie, durch seine Naivität irregeführt, ihn für etwas beschränkt hielten. – Er verursachte ihnen dieselbe Empfindung wie das moderne Kind seinen Eltern, denn Bubi ließ sich nicht durch die Mechanik der Lebensspielzeuge imponieren oder blenden, er ging den Dingen auf den Grund, und durch die bunte glänzende Hülle erblickte er die Feder, die das Ganze bewegte. Nichts wirkt verletzender als diese Art, die Sachen aufzufassen, und man kann Lord Mansar verstehen, wenn er etwas verschnupft über die Ruhe war, mit welcher Bubi die Nachricht von dieser vorzüglichen Stellung entgegennahm.

In Wirklichkeit war Bubi zu erschrocken, um den Wert dieses Vorschlages zu empfinden und zu überwältigt durch den Gedanken, an der Spitze ihm so völlig unbekannter Geschäfte zu stehen, um begeistert zu sein. Gwenda begleitete ihren Gast zur Haustür hinunter. – Sie war sich bewußt, wie enttäuschend Bubis kummervolles Gesicht auf Mansar gewirkt hatte.

»Es ist rührend von Ihnen, so an Lord Pelborough zu denken, halten Sie ihn bitte nicht für undankbar. Er fühlt sich nur von allen diesen Plänen, die Sie für ihn machen, so bedrückt, daß er ...«

»Ja, ja, ich weiß, ich verstehe«, erwiderte Lord Mansar lachend. »Ich vergesse immer, daß diese Stellungen, die ich mit so leichtem Herzen annehmen würde, eben, weil ich sie nicht nötig habe, etwas erdrückend auf einen solchen Menschen wie Bubi wirken müssen. – Aber für etwaige Dienste, die ich ihm vielleicht geleistet habe, bin ich reichlich belohnt«, fügte er bedeutungsvoll hinzu.

Er nahm ihre Hand und hielt sie so lange in der seinen, daß sie sie ihm sanft entziehen mußte. Eine peinliche Stille trat ein, während sie beide im Hausflur standen. Schließlich platzte Lord Mansar heraus: »Würden Sie mich für sehr unhöflich halten, wenn ich Sie etwas frage?«

»Ich kann Sie mir nicht unhöflich vorstellen«, sagte sie lächelnd.

»Ist Ihr Herr Gemahl tot?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Sind Sie geschieden?«

Wieder schüttelte sie den Kopf.

»Besteht auch keine Aussicht, daß Sie sich scheiden lassen?«

»Nein, Lord Mansar«, erwiderte sie ruhig.

Er hielt ihr die Hand hin. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er.

Als Gwenda die Treppe wieder hinaufging, kam sie sich sehr schlecht vor.

Am nächsten Morgen um zehn Uhr wurde Bubi Herrn Glion vorgestellt. Der Ort der Zusammenkunft war ein großes, öde aussehendes Zimmer, dessen einzige Möbel aus einem langen Tisch und einem halben Dutzend Mahagonistühlen bestanden. An den weißgestrichenen Wänden hingen vier große Landkarten in eichenen Rahmen; diese, zusammen mit dem Teppich, bildeten die Ausstattung des Raumes, mit Ausnahme vielleicht des Herrn Bertram Glion selber, dessen Gegenwart allein genügte, um ein Zimmer zu schmücken. Er war ein enorm dicker Mann, dessen Rundlichkeit durch seine Schwäche für leuchtende Westen noch mehr hervortrat, – diese waren meistens aus phantastisch bestickter Seide.

Herr Glion erzählte seinen Freunden mit sichtlichem Stolz, daß er die Zeichnungen für diese Westen selbst entwarf, ein großmütiges Eingeständnis, das wenigstens andere vor dem Verdacht, einen so schlechten Geschmack zu besitzen, schützte. Sein Gesicht war sehr breit und sehr rot, zuweilen sogar purpurfarben und wirkte noch leuchtender dadurch, daß die Natur ihn mit schneeweißen Augenbrauen und einem kleinen weißen Schnurrbart ausgestattet hatte. –

Herr Glion war ein sehr reicher Mann, der sein Vermögen auf das Vertrauen von zahlreichen Aktionären aufgebaut hatte; diese waren folglich sehr arm.

Das Verhältnis zwischen Herrn Glion und seinen Aktionären ist am besten mit einem Stundenglas zu vergleichen. Steht das Stundenglas in seiner richtigen Lage, ist nur an einem Ende Platz für den Sand. Herrn Glions Auffassung war folgende: Entweder war Platz auf der Welt für reiche Aktionäre oder für reiche Gründer von Aktiengesellschaften. Nur eine von diesen beiden Klassen könnte ein Vermögen erwerben, und Herr Glion war fest entschlossen, daß es die Gründer sein sollten. –

Er saß in einem großen, bequemen, ausgepolsterten Sessel am untersten Ende des Tisches, und rechts von ihm, in einem etwas weniger behaglichen Stuhl, befand sich sein Freund und Teilhaber, John Meggison. Meggison konnte man als einen Gentleman, der ein wenig an Glanz und Farbe verloren hat, bezeichnen. Fast alle seine früheren vornehmen Allüren waren leicht verblaßt. Er war ein schweigsamer Mann, mit einem langen Gesicht, der einen Kneifer trug und gewählt sprach. Sein müder, matter Ausdruck hatte vielleicht darin seinen Grund, daß er so viele Jahre mit dem vergeblichen Bemühen verbracht hatte, sein Ehrgefühl den Erfordernissen von Herrn Glions Geschäft anzupassen. –

Als Bubi eintrat, schob Glion seinen Sessel zurück und erhob sich keuchend.

»Lord Pelborough, nicht wahr? Ja.« Er sah Bubi an und sagte noch einmal »Ja«.

Herr Meggison sah Bubi ebenfalls an und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Mit dieser Geste wollte er seinem Teilhaber andeuten, daß Bubi ihm nicht geeignet erschien. Es gehörte zu Herrn Glions Illusionen, daß er sehr viel Menschenkenntnis besaß.

»Ja«, wiederholte Herr Glion. »Nehmen Sie Platz, Lord Pelborough.«

Fünf Minuten später watschelte Herr Glion, mit einem langen Stab bewaffnet, im Zimmer umher und erklärte Bubi mit Hilfe der Landkarten und Zeichnungen die Möglichkeiten der Döbnitzer Petroleumquellen. Bald darauf erschien Herr Joicey und ersetzte seinen Mangel an Kenntnissen und Erfahrung durch Begeisterung. Mittags saßen alle vier Direktoren der Döbnitzer Petroleumgesellschaft um einen Tisch in Herrn Glions Wohnung.

Als Bubi nachmittags nach Hause kam, und seinen Zylinder an den Kleiderriegel hing, sah er so zerstreut, so unglücklich und niedergeschlagen aus, daß Gwenda ganz erschrocken war.

»Sind Sie enttäuscht, Bubi?« fragte sie.

Bubi rieb sich die Nase und sah sie ratlos an.

»Wie?« fragte er zusammenfahrend. »Entschuldigen Sie, Gwenda. Ob ich enttäuscht bin? Nein, höchstens über mich selbst. Es ist ein so riesiges Unternehmen. Eine Million Pfund werden in dieses Geschäft gesteckt, und mein Name wird auf dem Prospekt sein. Dabei habe ich nichts weiter zu tun, als einmal im Monat im Bureau zu erscheinen.«

Sie schüttelte ihn sanft an der Schulter.

»Sie gute Seele, es gibt Hunderte von Menschen, die wer weiß was darum geben würden, eine solche Stellung zu bekommen.«

»Es mag sein«, sagte Bubi zweifelnd. »Aber, Gwenda, verstehen Sie etwas von Petroleum?«

»Ob ich etwas davon verstehe?« fragte sie verwundert, »Nein, natürlich nicht, aber man braucht keine Autorität in Petroleum zu sein, um Direktor einer Petroleumgesellschaft zu werden.«

»Vielleicht haben Sie recht«, sagte Bubi.

Bubi hatte ein Abonnement für eine Leihbibliothek und kehrte am nächsten Tage mit einem Haufen Bücher unter dem Arm nach Hause zurück. Gwenda las die Titel und merkte zu ihrer Verwunderung, daß sie alle von Petroleum handelten. Jetzt begann sie Bubi zu verstehen und die Überzeugung zu gewinnen, daß eine sehr starke Willenskraft und ein ausgeprägtes Zielbewußtsein hinter seiner äußeren scheinbaren Hilflosigkeit und Weltfremdheit steckte. Derselbe Mut, der ihn beim Boxkampf immer wieder in den Ring zurücktrieb, obwohl er wußte, daß sein Gegner ihm überlegen war, gab ihm jetzt die Zähigkeit, drei Tage und drei Nächte in der Stille seines Zimmers auszuharren, um einen Verdacht, den ein zwischen Glion und seinem Teilhaber ausgetauschter Blick in ihm erweckt hatte, zu bestätigen. –

Bubi hatte ihn beim Mittagessen aufgefangen, als Herr Joicey Betrachtungen über die Dividende, die diese unergründeten Petroleumquellen ergeben würden, anstellte. Es war zwar nur ein ganz flüchtiger Blick, aber er hatte genügt.

Eine Woche verging, und Bubi war mit seinem Studium der Bücher über Petroleum zu Ende. Er gab sie zurück und holte sich dafür den einzigen geologischen Bericht von Rumänien, der aufzutreiben war. Es war ein kleines, in deutscher Sprache geschriebenes Buch, und Bubi saß drei weitere Tage über einem deutsch-englischen Wörterbuch zusammengekauert und zerbrach sich den Kopf über die seltsamen gotischen Buchstaben, während er sich sorgfältig Notizen in seiner großen Handschrift machte. –

Der Prospekt wurde, wie Mansar sich ausdrückte, mit unziemlicher Hast herausgebracht, und bei der ersten Sitzung des Direktoriums, bei welcher Bubi auch assistierte, erklärte Glion, daß die Beiträge »hereinströmten«. Glion, der die Geburt und das Verscheiden von vielen Gesellschaften miterlebt und große Erfahrungen auf dem Gebiete von »Staffagedirektoren« hatte, kochte vor Wut, als er nach der Sitzung in sein prachtvolles Haus auf dem Hans-Crescent-Platz zurückfuhr.

»Was ist das für ein Trottel, den man mir auf den Hals geschickt hat!« schnauzte er den sanften Meggison an. »Der Mensch ist ein ganz verfluchter Schafskopf. Verdammt nochmal, am liebsten möchte ich ihn aus dem Direktorium hinauswerfen!«

»Er ist jung«, murmelte Herr Meggison.

»Zum Teufel mit seiner Jugend!« schrie Herr Glion. »Für Geschäfte, die wir sonst in zehn Minuten erledigt hätten, hat er uns mit seinen ewigen Fragen bis sechs Uhr aufgehalten! Haben Sie gemerkt, wie er darauf bestand, den Bericht des Ingenieurs zu lesen? Hörten Sie nicht auch, was er von dem Kaufpreis sagte und wie er wissen wollte, wer das Geld bekäme?«

»Er ist sehr jung«, murmelte Herr Meggison.

»Jung!« platzte der kugelrunde Herr Glion heraus. »Er hat Joicey verstimmt, und ich hatte mich darauf verlassen, daß Joicey die Aktien an den Markt bringt.«

In diesem Augenblick ging Herr Joicey, dessen Begeisterung inzwischen eine wesentliche Abkühlung erfahren hatte, mit einem düsteren Bubi am Themseufer entlang. Bubi hatte seinen Zylinder nach hinten geschoben und die Hände tief in die Hosentaschen gesteckt. –

»Sie scheinen verteufelt viel von Petroleum zu verstehen!« sagte Joicey ärgerlich, denn keiner mag in seinem ruhigen Optimismus gestört werden. »Woher wissen Sie das alles?«

»Ich habe viel darüber gelesen«, antwortete Bubi.

»Ach, aus Büchern!« rief Joicey verächtlich.

»Ja,« meinte Bubi, »aus Büchern. Sie wissen doch auch nur aus Büchern, daß es ein Land gibt, das Rumänien heißt, denn Sie sind ja nie dort gewesen, nicht wahr?«

Herr Joicey gab diese Tatsache zu, und nachdem sie eine Weile schweigend weitergegangen waren, bemerkte er: »Sie haben Glion sehr verstimmt.«

»So?« sagte Bubi gleichgültig. »Das ist der dicke Mann mit dem roten Gesicht, nicht wahr?«

»Ja, und zwar von wegen dem Kaufpreis,« antwortete dieses Produkt eines großen Gymnasiums, »über den Sie immer wieder Schwierigkeiten machten. Fünftausend Pfund ist doch keine zu hohe Summe, wenn das Land so viel Quellen hat, wie ich denke.«

Bubi brummte etwas Unverständliches. Schließlich sagte er: »Und wer bekommt das ganze Geld?«

»Das ›Petroleumsyndikat des Südens‹«, antwortete Herr Joicey verlegen, denn er wußte, daß das ›Petroleumsyndikat des Südens‹ nur ein anderer Name für Herrn Glion und Herrn Meggison war. –

Sie trennten sich dort, wo die elektrischen Bahnen in einen dunklen Tunnel hineintauchen und nachher die steile Southampton-Row-Straße hinaufklettern. Beim Abschied ließ er die Bombe, die er bis dahin aufgespart hatte, fallen. –

»Ich bin der Meinung, daß gar keine Petroleumquellen auf dem in Frage kommenden Gebiet vorhanden sind«, sagte er. »Adieu, Herr Joicey.«

Der junge Mann starrte sprachlos hinter ihm her.

Ein zweiter Bericht, der vierzehn Tage später von dem Ingenieur, der mit der Beaufsichtigung der Bohrarbeiten betraut war, kam, wurde philosophisch von Herrn Glion aufgenommen.

»Der einzige Rat, den ich ihm geben kann, meine Herren,« sagte er, »ist, daß er ein zweites Bohrloch treibt. Es ist natürlich eine große Enttäuschung, eine sehr große.« Er strich sich mit einer müden Geste über die Stirn. »Zum Schluß werden andere den Lohn unserer Arbeit ernten«, fügte er resigniert hinzu. »Vielleicht dauert es einen oder zwei Monate, ehe wir auf eine Petroleumquelle stoßen, aber früher oder später werden wir mit unseren Vermutungen glänzend gerechtfertigt dastehen. Nun wollen wir zum nächsten Punkt auf der Tagesordnung übergehen.«

»Einen Moment!« warf Bubi ein. »Auf dem Prospekt steht –«

»Eine Diskussion über den Prospekt steht nicht auf der Geschäftsordnung«, erklärte Herr Glion in seiner Eigenschaft als Vorsitzender. »Wir wollen nun die weiteren Geschäfte besprechen.«

Am nächsten Tage bekam Bubi ein Telegramm, das die Bitte enthielt, Herrn Glion, der erkrankt war, aufzusuchen. Als Beweis, daß dieser sogar sehr schwer erkrankt war, lag er im Bett, und zwar mit einem leuchtenden Pyjama bekleidet, dessen Dessin er wahrscheinlich in den freien Minuten entworfen hatte, in denen er nicht mit Zeichnungen für Westen beschäftigt war.

»Mein Arzt hat mir dringend geraten, sofort alle meine Arbeiten aufzugeben«, begrüßte er Bubi. »Nehmen Sie bitte Platz, Lord Pelborough. Lassen Sie sich etwas Tee bringen, oder wollen Sie lieber einen Whisky mit Soda?«

Bubi lehnte beides dankend ab.

Herr Glion verdankte einen guten Teil seines Erfolges seiner Menschenkenntnis. Während sein weißer Schnurrbart bei seinen beredten Ausführungen auf und ab wackelte, hörte Bubi ihm interessiert zu.

»Ich bin schon ein bißchen zu alt für solche Sachen, Pelborough«, sagte er. »Ich stehe auf dem Gipfel meiner Laufbahn und muß die wunderbarste Gelegenheit, die je einem Finanzier zugefallen ist, aufgeben! Die Jahre sind es, die mich zum Kapitulieren gebracht haben! Diese neue Gesellschaft erfordert die Leitung junger Menschen, voll Lebenskraft und Lebensmut! Sie verstehen mich, nicht wahr?«

Bubi nickte und wartete gespannt auf das, was kommen würde.

»Ich habe die Angelegenheit mit Meggison besprochen,« fuhr Herr Glion fort, »und wir haben beschlossen, beiseite zu stehen und Euch jungen Leuten die Führung dieser neuen Gesellschaft zu überlassen.«

»Aber – – – aber – – –« stammelte Bubi.

»Einen Augenblick.« Herr Glion erhob würdig die Hand. »Es handelt sich nicht etwa um einen Gefallen, den ich Ihnen erweisen will, mein Freund. O nein, ich muß für mein Prestige sorgen. Die Menschen beobachten die Verheerungen, die die – hm – die Jahre bei mir anrichten, und schmunzeln darüber. Sie denken, ich werde zusammenbrechen, aber sie wissen eben nicht, daß ich rechts und links von mir« – er gestikulierte graziös erst nach dem Fenster und dann nach einer Ecke, wo ein Louis-XVI.-Schränkchen stand – »zwei junge Genies habe, die die Döbnitzer Petroleumquellen zum Triumph und Sieg führen werden!«

Dann teilte er Bubi die Grundzüge seines Planes mit, während dieser mit offenem Munde zuhörte.

Herr Glion hatte hunderttausend Aktien. Bubi besaß genau die erforderlichen fünfhundert, die man ihm zur Verfügung stellte, als er in den Aufsichtsrat gewählt wurde. Herr Glion würde Bubi seine Aktien zu dem nominellen Preis von, »sagen wir einem Schilling – oder auch einem halben Schilling«, übertragen.

Der »Kranke« hatte Bubis Gesicht beobachtet, als er diesen Vorschlag machte und bedauerte sofort lebhaft, daß er nicht zweiundeinhalb Schilling gefordert hatte. –

Joicey sollte erster Direktor oder Leiter und Bubi Vorsitzender sein. Es ist zweifelhaft, ob Bubi auf diesen Vorschlag eingegangen wäre, wenn er den scharfen Artikel gelesen hätte, den eine führende Börsenzeitung in der Morgenausgabe gebracht hatte. Joicey hatte ihn jedoch gelesen und war höchst entrüstet. Er erhielt ein dringendes Telegramm von Bubi, der ihn um eine Unterredung bat. Die Zusammenkunft fand wieder in dem öden Sitzungssaal in der Queen-Victoria-Straße statt, und Joiceys Optimismus trug den Sieg davon. Am nächsten Tage wurden ihnen die zweihunderttausend Aktien von Herrn Glion und dem philanthropischen Herrn Meggison überwiesen, und Bubi und Joicey, die nun das Direktorium darstellten, genehmigten den Rücktritt des früheren Präsidenten und ersten Direktors.

Von diesem Augenblick an begannen die Widerwärtigkeiten. Monatelang nachher konnte Bubi nie eine Börsenzeitung sehen, ohne zu schaudern. In einer Nacht war er eine Berühmtheit geworden, aber leider im schlechten Sinn. Ein unbeeinflußter Bericht über die Döbnitzer Quellen war inzwischen nach London gelangt, und dieser war weniger beruhigend als der des Ingenieurs. Jede Post brachte unzählige verzweifelte Briefe der Aktionäre, die fünfzehn Schilling für jede Aktie bezahlt hatten, und Bubi behauptete, er würde schneeweiß werden, wenn nicht etwas geschah. –

Eine inoffizielle Versammlung wurde in dem kleinen Wohnzimmer in der Doughtystraße abgehalten, bei welcher zu Gwendas Erstaunen Lord Mansar erschien.

»Ich habe den ganzen Tag versucht, Sie zu sprechen, Bubi. Sie können sich nicht denken, wie ich mich ärgere, daß ich Sie in diesen Schwindel hineingeritten habe.«

Herr Joicey, der verhärmter als gewöhnlich aussah, denn er hatte seit drei Nächten nicht geschlafen, legte die Zeitungsausschnitte, die er eben gelesen, stöhnend hin. –

»Sie hatten aber damals recht, Mansar!« sagte er. »Die verdammten Gauner! Schön haben Sie uns eingeseift!«

»Ich werde dem Direktorium beitreten«, begann Mansar.

»Auf keinen Fall«, sagte Bubi ruhig. »Wir sind durch unsere eigene Dummheit in diese Sache hineingeschliddert, nun müssen wir sehen, wie wir wieder herauskommen. Mich berührt es ja nicht, weil –«

»Doch, Sie berührt es sogar am meisten«, erwiderte Mansar ruhig. »Es war Ihr Debüt, und ich hoffte, es würde ein gutes sein, und nun wurde es dadurch, daß Sie in Beziehungen zu diesen Schwindlern getreten sind, das denkbar schlechteste. Ich bin außer mir, daß es durch meine Schuld geschehen ist.«

»Hat denn die Gesellschaft gar keine Mittel?« fragte Gwenda, die mit am Tisch saß.

»Darin liegt eben der Betrug!« sagte Joicey wütend. »Es sind über hundertfünfzigtausend Pfund auf der Bank, über die Pelborough und ich volles Verfügungsrecht haben. Gerade dieses Guthaben auf der Bank war der Köder. Das Geschäft machte einen so sicheren, kreditfähigen Eindruck, daß wir nicht zögerten, nicht wahr, Pelborough?«

Bubi schwieg. Er hatte eigentlich ganz beträchtlich gezögert, aber sich schließlich doch von seinem optimistischen Gefährten überreden lassen.

»Ich dachte, das Kapital betrug eine Million«, warf Gwenda ein.

Mansar erklärte ihr die Geheimnisse der Hochfinanz, – wie zum Beispiel Aktien überwiesen werden, anstatt bar bezahlt zu werden, und wiederum Barbeträge an die Verkäufer ausgehändigt werden. –

»Na, Herr Glion hat sein Schäfchen im Trockenen, so viel steht fest«, meinte Bubi. »Ob wir es nicht zurückbekommen könnten?«

Joicey lachte.

»Könnte man ein Stück Zucker, das zehn Minuten in einer Tasse heißem Tee gelegen hat, zurückbekommen?« fragte er. »Könnte man den Tropfen Tinte, den man auf ein Löschblatt fallen ließ, zurückbekommen? Ebenso unwahrscheinlich ist es, daß man jemals etwas aus Glions Klauen zurückerhält! Der Schuft ist nicht einmal versicherungsfähig; sonst könnte man ihn versichern und dann umbringen!«

»Nein, er wäre kein guter Kunde für eine Versicherungsgesellschaft«, meinte Bubi kopfschüttelnd, dem seine frühere Tätigkeit dabei einfiel. »Ich glaube, er würde unter Verzeichnis › H‹ fallen.« –

Bedeutend befriedigender waren die kleinen Unterhaltungen, die Herr Glion mit seinem Kumpan hatte. Diese fanden in einem mit Rosenholz getäfelten Zimmer statt. An silbernen Armen hingen Wandlampen, und ein gedämpftes Licht fiel durch Glocken aus venezianischem Glas. Herrn Glions Zimmer waren von einem erstklassigen Innendekorateur eingerichtet worden, denn er war klug genug, seinen eignen Geschmack hier nicht geltend zu machen, den er nur in seinen Westen, die bereits ganz London kannte, zum Ausdruck brachte. –

»Sie scheinen schön in der Tinte zu sitzen«, meinte Herr Glion, während er an einem Glas Mosel nippte. »Haben Sie den Artikel von heute morgen in dem ›Finanzecho‹ gelesen?«

»Ja, man hat sich nicht gerade sehr zart über uns geäußert«, erwiderte der pedantische Meggison.

»Na, aber was sie erst über den jungen Pelborough bringen –!« Herr Glion schüttelte sich vor Lachen. »Da sieht man, mein Lieber, daß es nicht gut ist, überklug zu sein«, entgegnete er, als er sich noch ein Glas Wein eingoß. »Ich habe immer erfahren, daß, wenn man mit einem Menschen zu tun hat, der der Meinung ist, er versteht alles, man gewonnenes Spiel hat.«

Es klopfte in diesem Augenblick diskret an der Tür, und ein Diener trat mit einem silbernen Tablett in der Hand ein.

»Ein Telegramm?« sagte Herr Glion und setzte den Kneifer zurecht.

Darauf öffnete er die Depesche, die zwei Formulare ausfüllte.

Herr Meggison sah ihm beim Lesen zu und merkte, wie sein Gesicht erst Verwunderung und dann Vergnügen ausdrückte.

»Keine Antwort nötig«, sagte er dem wartenden Diener und lachte leise vor sich hin, aber bald wurde das Lachen derartig von Husten unterbrochen, daß sein Gefährte besorgt zu werden begann.

»Wenn man mit einem Menschen zu tun hat, der denkt, er versteht alles, hat man einen glücklichen Griff getan«, wiederholte Herr Glion, nachdem er sich etwas vom Lachen und Husten erholt hatte.

Er warf das Telegramm über den Tisch, Herrn Meggison zu, und dieser las:

»In zweihundertzwanzig Meter Tiefe sind wir auf Petroleum gestoßen, eine prachtvolle Quelle. Augenscheinlich liegen die Petroleumbrunnen hier sehr tief. – Die Aussichten sind sehr günstig. Die hiesigen Autoritäten wundern sich, daß wir überhaupt in dieser Gegend eine Quelle gefunden haben.«

Die Depesche war »Merrit« unterzeichnet.

»Was, zum Teufel, bedeutet das?« rief Herr Meggison, erstaunt. Diese Frage rief einen neuen Lachanfall bei seinem Freund hervor.

»Gleich werde ich Ihnen erklären, was es bedeutet –« begann er, als die Tür zum zweitenmal aufging, und der Diener eintrat.

»Sie werden von Lord Pelborough am Telephon gewünscht. Wollen Sie ihn sprechen?«

»Ja, Sie können umschalten«, erwiderte Herr Glion, der noch immer lachte.

Er blinzelte dem verblüfften Meggison zu.

»Viel Zeit hat der Bengel nicht verloren, was?« kicherte er. »Reichen Sie mir mal den Hörer, ja?«

Man hörte Bubis Stimme am Apparat.

»Ja, ja«, sagte Herr Glion gutmütig. »Und wie geht es Ihnen, mein lieber Pelborough? Ja, die Zeitungen habe ich gelesen ... Es tut mir außerordentlich leid ... Nein, ich habe mich aus dem Geschäftsleben vollständig zurückgezogen. Mein Gesundheitszustand erfordert es. Der Arzt hat mir verboten, mich überhaupt um Geschäfte zu kümmern ... Die Aktien zurückkaufen und die Direktion wieder übernehmen?! Auf keinen Fall. Warten Sie nur, mein Junge, in ein oder zwei Jahren werden Sie die schönsten Nachrichten aus Rumänien bekommen! Passen Sie auf, ob ich nicht recht habe!«

Wiederum blinzelte er Meggison zu und konnte ein paar Sekunden vor Lachen nicht weitersprechen.

»Aber natürlich haben Sie sie mir abgekauft, das stimmt alles ganz genau«, antwortete er auf eine besorgte Frage Bubis. »Daß Sie und Joicey sie noch nicht bezahlt haben, ändert gar nichts an der Tatsache, daß Sie sie erworben haben. Sie schulden uns genau fünftausend Pfund, die Summe für zweihunderttausend Aktien zu je einem Schilling. Nein, es eilt gar nicht mit dem Bezahlen.« Eine Weile hörte er schweigend zu. Nach Bubis Stimme zu urteilen, die bis zu Herrn Meggison drang, schien er Glion zu etwas zureden zu wollen, aber dieser schüttelte immer wieder den Kopf. –

»Es tut mir leid, aber es ist unmöglich. Gute Nacht«, sagte er schließlich und legte den Hörer auf.

»Das ist einer der durchsichtigsten Kniffe, die es gibt«, meinte er.

Das Telephon klingelte von neuem. Er zögerte einen Augenblick, dann griff er zum Hörer.

»Ach, Sie sind das wieder, Pelborough? ... Nein, Herr Meggison lehnt es auch ganz entschieden ab. Es geht ihm gesundheitlich ebenfalls gar nicht gut. Übrigens, Pelborough, wo ist eigentlich Joicey? In Rumänien? Was Sie sagen!« Er grinste ... »Danke, das ist alles, was ich wissen wollte.«

Er legte den Hörer wieder auf.

»Wie ich schon sagte, ist das einer der durchsichtigsten Kniffe, die ich kenne, und man hat ihn schon früher einmal bei mir versucht, aber ich bin nie darauf hereingefallen. Die Depesche war natürlich von Joicey, das ist klar.«

»Warum schickt er sie auch hierher und nicht nach dem Bureau. Daran sieht man schon, daß es eine Finte ist«, meinte Herr Meggison. –

»Das ist zwar noch nicht gesagt«, warf Glion ein. »Merrit hat einmal Anordnungen bekommen, alle Telegramme direkt hierherzuschicken. Nein, nein,« er hielt sein Glas gegen das Licht und betrachtete mit Wohlgefallen die wunderbare Bernsteinfarbe der Flüssigkeit, »nein,« wiederholte er, »solche Sperenzchen können sie mit einem so ausgekochten Kerl, wie ich es bin, nicht machen!«

Als Herr Glion am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam, war er noch immer in strahlender Laune, die den ganzen Tag hätte anhalten können, wenn sein Blick nicht zufällig in diesem Moment auf eine der letzten Nachrichten im Börsenblatt gefallen wäre.

»Wertvolle Petroleumfunde sind auf dem von der Döbnitzer Gesellschaft aufgekauften Land entdeckt worden.«

Diese Worte machten ihn stutzig und erschütterten den Glauben an seine Klugheit etwas. Am Nachmittag, als er im Klub erfuhr, daß die Döbnitzer Petroleumaktien schon zu siebzehn Schilling gehandelt wurden und ständig stiegen, wurde dieser Glaube völlig zerstört. –

Herr Glion besaß aber eine ganze Menge Genialität und Raffiniertheit. Bereits zehn Minuten, nachdem er diese vernichtenden Notierungen, die der Börsentelegraphenapparat übermittelte, gelesen hatte, stieg er aus einer Autodroschke vor dem Hause in der Viktoriastraße. Er ging in den Sitzungssaal der Petroleumgesellschaft hinauf.

Zuerst durchschritt er das Bureau, wo drei Schreiber eifrig beschäftigt waren, die von den Aktionären eben angekommenen Depeschen zu öffnen. Sie enthielten Nichtigkeitserklärungen ihrer Verkaufsorder, und endlich entdeckte Glion Bubi in feierlicher Einsamkeit in demselben luxuriösen Sessel sitzend, in welchem früher Herr Glion allein das Vorrecht gehabt hatte, zu thronen. Bubi begrüßte seinen Gast mit strahlender Herzlichkeit, und Herr Glion zwang sich zu einem Lächeln. –

»Nun also, mein Junge«, sagte er und bot Bubi seine dicke, rote Hand. »Sie sehen, ich habe mein Wort gehalten und bin gekommen.«

Das Lächeln erfror auf Bubis Gesicht.

»Ihr Wort gehalten?«

Herr Glion nickte und nahm Platz.

»Ja, das ich Ihnen telephonisch gab«, erklärte er. »Ich bin gekommen, um die Aktien zurückzukaufen, die Sie mir anboten. Es war übrigens sehr anständig von Ihnen, mein Junge. Ich verspreche Ihnen, daß Sie nichts dabei einbüßen sollen.«

»Dieses Versprechen habe ich mir selbst schon gegeben«, meinte Bubi liebenswürdig.

»Haben Sie die Überweisungen schon da?« fragte Herr Glion und suchte nach seiner Füllfeder.

»Nein, – denn ich habe nicht die Absicht, die Aktien zu verkaufen.«

Der kugelrunde Herr Glion bebte förmlich vor Verwunderung und Empörung.

»Was? Und das, nachdem wir übereingekommen sind, daß ich die Aktien wiederbekommen soll?!«

Bubi ging zur Tür und machte sie breit auf.

»Guten Abend, Herr Glion«, sagte er verbindlich.

Einer der größten Vorzüge Herrn Glions war seine Fähigkeit, seine Niederlagen anzuerkennen.

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