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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 8
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
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Siebentes Kapitel.
Die ersten Depeschen

Mit Ausnahme der Sportnachrichten, speziell der Boxberichte, las der Marquis von Pelborough die Zeitungen nicht sehr gewissenhaft. In ganz England gab es wahrscheinlich keine größere Autorität über die relativen Vorzüge der Leicht- und Federgewichte als diesen sanften jungen Mann, von dem der große »Kid«-Steel so treffend sagte: »Dat Junge hat Füße wie eine Fee, aber eine Faust wie ein Dreschflegel!«

Gewöhnlich warf Bubi nur einen flüchtigen Blick auf den politischen Teil der Zeitungen, das heißt, auf jenen, der die Sorgen der Stunde brachte (»Nachrichten«, wie man das Wort in der Fleetstraße auffaßt, sind letzten Endes weiter nichts als Sorgen in irgendeiner Form), aber eines Morgens fiel ihm eine sensationelle Überschrift auf, der ein langer Bericht folgte, und er las:

»Als Nachspiel zu den von Inspektor Fuller vorgenommenen Verhaftungen einer Anzahl Männer, die vermutlich einer organisierten, internationalen Verbrecherbande angehören, ist ein großangelegter Schwindel aufgedeckt worden, dessen Zweck es war, französische und belgische Noten zu fälschen. –

Das Hauptquartier der Falschmünzer war Brüssel, und die dortige Polizei hat eine Anzahl Belege an das hiesige Auswärtige Amt geschickt, die keinen Zweifel an der Existenz dieses raffinierten Schwindels aufkommen lassen. Daß Herr Inspektor Fuller die Namen der Anführer ausfindig gemacht hat, gehört zu den wichtigsten seiner Entdeckungen.«

»Donnerwetter nicht noch mal!« rief Bubi, »wer mögen sie wohl sein?«

Allmählich begann sich Bubi mit dem Auswärtigen Amt solidarisch zu fühlen, und die Tatsache, daß das Gebäude schon die so stark verdächtigen Dokumente barg, erhöhte die Wichtigkeit der Nachrichten wesentlich in seinen Augen. Und dabei wußte er noch nicht, daß er die Verbrecher fast ebenso interessieren sollte, als sie ihn augenblicklich fesselten. –

Es gibt einiges im englischen öffentlichen Leben, das dem Ausländer stets ein unlösbares Rätsel bleiben wird. – Sehr wenige Menschen kennen den feinen Unterschied zwischen dem Ritterschlag des Ritterstandes und dem Adelsbrief der Baronetswürde. Jedoch haben die höheren und älteren Adelstitel ihre genaue, für jeden faßbare Bedeutung. – Ein Marquis ist in der ganzen Welt ein Marquis; soviel wußte sogar ein gewisser Monsieur Lilinfelt. –

In einer der Alleen des Botanischen Gartens, und nicht weit von der Pierrestraße, befindet sich ein hübsches kleines Hotel. Dort logierte recht komfortabel dieser selbe Monsieur August Lilinfelt. – Augenscheinlich hatte er keine Beschäftigung und stand auch nicht in Beziehung zu dem einen oder dem anderen Staatsdienst, den Präsident Lincoln einst so treffend »die Existenzmöglichkeit, die das Arbeiten nicht bedingt« nannte. –

Der obenerwähnte Herr Lilinfelt war also ein großer, breitschultriger Mann, mit einem buschigen Bart, der stets und ständig an dem Rockaufschlag seines unvermeidlichen Fracks einen roten Klecks trug, der im allgemeinen für den Leopoldsorden gehalten wurde. – In Wirklichkeit bedeutete dieser Fetzen nichts weiter, als daß er sich während einer Periode seines an Wechselfällen reichen Lebens einem Premierminister auf dem Balkan zu Dank verpflichtet hatte und dafür die niedrigste Klasse der geringsten Auszeichnungen, durch welche die bulgarische Regierung kleine Dienste zu belohnen pflegt, erhalten hatte. –

Eines Tages wurde ihm, als er in seinem komfortablen Salon saß, ein chiffriertes Telegramm aus London überreicht, und aus seinem Gesicht wich alle Farbe, und die großen Hände, die das Papier hielten, zitterten. Eine Stunde saß er da, strich sich den Bart und starrte die beunruhigende Botschaft an. Alsdann erhob er sich, telephonierte nach seinem gemieteten Auto und führ nach Brüssel. –

Vor dem mit Blumen geschmückten Eingang eines Cafés stieg er aus dem Wagen und, obgleich der Tag so warm war, daß jeder andere einen Tisch im Freien vorgezogen hätte, ging er mit großen Schritten in den etwas muffig riechenden Saal und setzte sich, nachdem er einen Schnaps bestellt hatte, in die entfernteste Ecke des Zimmers.

Einige Minuten später gesellte sich ein Monsieur Bilet, ein kleiner, magerer Mann mit einem borstigen Schnurrbart, zu ihm. Sie sprachen vom Wetter, dem ersten Rennen und der neuen Oper, solange sie der Kellner bediente; dann holte Monsieur Lilinfelt, ohne ein Wort, das Telegramm aus seiner Tasche und legte es auf den Tisch.

Monsieur Bilet las und begriff. –

»Scheinbar war Heinrich nicht damit zufrieden, volle zweitausend Franken wöchentlich zu verdienen,« sagte Monsieur Lilinfelt ruhig, »er muß sich mit den Amerikanern, von denen er uns schrieb, eingelassen haben.«

Monsieur Bilet nickte und drehte an seinem gesträubten Schnurrbart.

»Ich habe immer das Gefühl gehabt, daß Fertelot der zuverlässigere der beiden ist«, meinte er und klopfte auf die Kabeldepesche, deren Absender augenscheinlich jener Fertelot war. – »Was wollen wir nun tun?« fragte er. »Soll es Deutschland sein?«

Der bärtige Mann schüttelte den Kopf. –

»Wir haben noch Zeit; die Brüsseler Polizei wird erst dann handeln, wenn sie alle Dokumente in Händen hat.«

Um ohne Gefahr Gesetze zu übertreten, mußte man Monsieur Lilinfelts Ruhe und sein Verständnis für die Diplomatie haben.

»Und wenn sie sich telegraphisch benachrichtigen?«

Monsieur Lilinfelt strich sich den Bart und lächelte. –

»In diesem Fall, mein lieber Bilet, sind wir bereits unter polizeilicher Aufsicht, und die Bahnhöfe werden schon bewacht sein.«

Er sah sich nachlässig im Kreise um. Von seinem Platz aus konnte er durch die großen Fenster, die offen standen, die ganze Straße vor dem Café überblicken. –

»Nein,« sagte er, »wir müssen bleiben.« Er winkte einen Kellner, der ihn zu kennen schien, heran. »Philipp,« fragte er, »sind Depeschen für mich gekommen?«

»Ich werde nachsehen.«

Nach einigen Minuten kam er mit einem blauen Blatt Papier in der Hand zurück. –

»Sehen Sie, das dachte ich mir«, meinte Monsieur Lilinfelt, als der Kellner fort war. »Ich telegraphierte nämlich an Fertelot, er möchte mir hierher Nachricht senden.«

Er machte die Depesche auf.

»Alle Belege sollen mit Kurier an den Minister des Inneren entweder heute oder morgen geschickt werden«, las er. –

Lilinfelt steckte das Telegramm in die Tasche. –

»Fertelot ist ein Prachtkerl«, sagte er. »Ich stimme mit Ihnen überein, Bilet, daß wir den zu unserem Vertrauensmann hätten machen sollen. Henry ist ein Viech und ein Esel.«

Um ein Uhr nachts wurde er aus einem traumlosen Schlaf geweckt – Männer seiner Beschaffenheit sind aus Bequemlichkeit Fatalisten –, und als er das dritte Telegramm gelesen hatte, zog er sich an, verließ leise das Hotel und begab sich zu Monsieur Bilet, der in einem noch vornehmeren Hotel wohnte. –

Ein mitternächtlicher Besuch von Monsieur Lilinfelt war nichts Ungewöhnliches, und der Portier fuhr mit ihm im Fahrstuhl in die fünfte Etage. –

Monsieur Bilet ließ sich nicht leicht überreden, die Tür aufzumachen, aber schließlich tat er es und empfing, einen Revolver in der Hand, seinen Besuch.

»Ich muß vorsichtig sein«, erklärte er, als er die Tür hinter seinem Freund zuschloß und den Revolver unter sein Kopfkissen zurücklegte. »Was ist geschehen?«

»Lesen Sie das.«

Monsieur Bilet, der noch nicht völlig wach war, rieb sich die Augen und las mit unbeweglicher Miene folgendes Telegramm: »Der Kabinettskurier fährt morgen nachmittag nach Brüssel. – Der Marquis von Pelborough ist mit dieser Angelegenheit betraut worden.«

»Der Marquis von Pelborough?« sagte Monsieur Lilinfelt nachdenklich. »Die Regierung scheint diesen Depeschen große Wichtigkeit beizulegen, da sie ein Mitglied der Aristokratie mit ihrer Beförderung beauftragt hat.«

Die beiden sahen sich an. –

»Wer ist dieser Herr?«

Monsieur Lilinfelt zuckte die Achseln.

»Ein Aristokrat,« entgegnete er, »und die englische Aristokratie ist anders als die unserige, Jules. – Im Augenblick sind wir gesichert. – Ich besuchte meinen Freund auf dem Polizeipräsidium heute abend – – –«

»Gestern abend«, korrigierte Monsieur Bilet, der ein Pedant war. »Und?«

»Und aus seinem Wesen und seiner ganzen Art glaube ich mit Bestimmtheit schließen zu können, daß er noch kein Telegramm bekommen hat. Er sprach sogar mit mir über die Zeitungsberichte des Betruges«, meinte Herr Lilinfelt. »Wie Sie sich erinnern werden, waren die Einzelheiten über die in London vorgenommenen Verhaftungen in der ›Indépendance‹ zu lesen.«

Er setzte sich in den großen Lehnstuhl, der am Fußende des Bettes stand, und überlegte schweigend. –

»Es lohnt sich, es zu riskieren«, sagte er schließlich.

»Was zu riskieren?« fragte Monsieur Bilet ungeduldig. – »Mir scheint, unser Weg liegt klar vor uns. Ein Zug nach Köln fährt morgens ab, und von Köln aus könnten wir leicht nach Bayern durchkommen und von dort nach der Schweiz gelangen. – Es tut mir zwar leid, Ihnen so etwas zuzumuten, aber Sie werden Ihren Bart opfern müssen.«

Monsieur Lilinfelt erhob sich. –

»Ein Zug fährt auch morgens nach Ostende,« sagte er ruhig, »wo wir sechs tüchtige Freunde haben, die ebensowenig Lust haben, wie wir, ihr Leben in einem Zuchthaus zu beschließen, und glauben Sie mir, mein lieber Jules, Ihr Gerede von Bärten und der Schweiz ist Gewäsch, denn man würde uns dort finden und uns hierher zurückschleppen. – Wir können nur überführt werden, wenn meine Briefe an Henry nicht vernichtet sind, – ich vermute aber, daß sie es sind.« –

Sie sahen sich an. –

»Gut,« sagte Bilet nach einer Weile, »ich bin zu ihrer Verfügung.«

Auf dem Dampfer, der am folgenden Nachmittag von Dover nach Ostende abfuhr, befand sich eine sehr glückliche kleine Gesellschaft, die aus drei Personen bestand. – Bubi, der stolze Träger seiner ersten Depeschen, wäre nie von selbst auf die Idee gekommen, Gwenda Maynard und ihre Gesellschafterin einzuladen, ihn zu begleiten, aber als er in das Zimmer seines Chefs ging, um das hochwichtige Päckchen zu holen – dieses war mit so vielen Siegeln bedeckt, daß man sich wundern mußte, daß noch ein Plätzchen für die Adresse frei war –, hatte Sir John Welson ihm folgenden Vorschlag gemacht: »Sie brauchen sich nicht zurückzubeeilen, Lord Pelborough,« sagte er, »wir können Sie zwei oder drei Tage entbehren. Warum nehmen Sie nicht Ihre Schwester mit, die hübsche Dame, mit der ich Sie neulich die Piccadillystraße hinuntergehen sah?«

»Das war nicht meine Schwester, Herr Baron,« stammelte Bubi, der über und über rot geworden war, »und außerdem, wenn ich dienstlich – – –«

»Darüber können Sie ganz ruhig sein,« meinte Sir John lächelnd, »folgen Sie nur meinem Rat und nehmen Sie Ihre Schwester oder Tante, oder wer die Dame war, mit. Brüssel wird Ihnen sehr gefallen.« –

Es ist sonst nicht üblich, daß der Leiter einer staatlichen Behörde solche Ratschläge erteilt, aber Sir John Welson hatte durch Mansar Näheres über den jungen Mann erfahren. Er hatte zwar in den Zeitungen von dem Versicherungsangestellten, der einen hohen Titel, aber keine Mittel geerbt hatte, gelesen, aber nur so nebenbei, jetzt jedoch begann er sich für Bubi zu interessieren. –

Eine diplomatische Laufbahn kam natürlich nicht in Frage für ihn, und die Möglichkeiten, die das Auswärtige Amt bot, waren sehr gering. – Sir John zerbrach sich den Kopf darüber, was man für den mittellosen Marquis tun könnte, und nicht nur er, sondern auch Sir Johns Chef, der Minister des Äußern, der von der Angelegenheit gehört hatte. Bubi wußte nicht, daß er das Thema einer inoffiziellen Beratung bei einer Kabinettssitzung bildete, als die Fragen, die auf der Tagesordnung standen, erledigt waren, und die Mitglieder noch zusammen plauderten, ehe sie sich trennten. –

In vollkommener Unkenntnis sowohl seiner zunehmenden Berühmtheit als auch des Kopfzerbrechens, dessen Ursache er war, ging Bubi, seine Aktenmappe unter dem Arm, in die nächste öffentliche Fernsprechstelle und ließ sich mit dem Haus in der Doughtystraße verbinden. – In seiner Wohnung war zwar kein Telephon, aber seine Unterbewohner hatten es ihm freundlichst gestattet, ihren Apparat nötigenfalls zu benutzen. – Glücklicherweise war Gwenda zu Hause, und sie hörte Bubis Vorschläge mit Erstaunen an. –

»Nach Brüssel fahren?« rief sie. »Aber das geht nicht, Bubi! Wie soll ich mich auch so schnell fertigmachen? Außerdem ...«

»Ich möchte gern, daß Frau Phibbs mitkommt«, fuhr Bubi eifrig fort. »Sir John sagte mir, ich könnte Sie mitnehmen, – daß es eine so gute Gelegenheit wäre ...«

Schließlich gab Gwenda nach, und es wurde schleunigst gepackt und hin und her gelaufen, bis alle Vorbereitungen getroffen waren, die das Erscheinen der glücklichen kleinen Gesellschaft zu dreien an Bord der »Prinzessin Clementine« zur Folge hatten.

Frau Phibbs konnte sich allen Lebenslagen anpassen; man hätte denken können, daß sie seit Jahren gewöhnt wäre, Vorbereitungen für solche Ausflüge zu treffen. – Aber Gwenda merkte man die Aufregung an. Wie ein Kind freute sie sich auf diese Reise; denn es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie über das Meer fuhr.

»Wie herrlich ist es, Bubi!« rief sie, »es kommt mir alles wie ein Traum vor!«

Bubi strahlte. – Er sah so drollig aus in seinem Zylinder und seinem Frack – von denen er nicht zu trennen war –, daß er einen Gegenstand der Neugierde für die anderen Passagiere bildete. Gwenda hatte es nicht weiter beanstandet, daß er eine Seereise in einem solchen Anzug machte, weil sie die unklare Vorstellung hatte, daß dieser die übliche Kleidung von Staatsbeamten, wenn sie dienstlich reisten, wäre. –

Kaum je zuvor hatte wohl ein königlicher Kabinettskurier, mit den Zeichen seines Amts, – einer silbernen Kette und einem silbernen Windhund geschmückt, – den letzteren hatte er in seine Westentasche gesteckt –, eine so glückliche kleine Gesellschaft begleitet. –

Ihr gesamtes Vermögen betrug fünfundzwanzig Pfund; Bubi erschien es eine enorme Summe.

Seine Augen waren auf das Meer gerichtet, und sein Herz war von stillem Glück erfüllt, denn er hatte die Empfindung, daß er endlich auf dem Wege war, Großes zu leisten. – Die Zukunft enthielt zwar immer noch Sorgen genug. In dem Chaos von Ungewißheit war etwas Ungreifbares, das ihm stets auswich, sobald er es zu fassen geglaubt hatte, und dieses quälte ihn am meisten. –

»Was sind das für Depeschen, die Sie – – – – –« begann Gwenda, aber hielt plötzlich inne. »Ach, entschuldigen Sie! Ich darf ja nicht danach fragen.«

Bubi strahlte weiter. Er hegte keine Zweifel über den Inhalt dieses wichtigen Päckchens. –

»Ich weiß es zwar nicht ganz bestimmt, Gwenda«, sagte er leise, damit der Südwestwind, den sie im Rücken hatten, nicht etwa das Geheimnis den ahnungslosen Verbrechern hinübertrage. »Ich glaube, es hat etwas mit der Geldfälschung zu tun.«

Sie nickte, denn sie hatte die Zeitungsberichte von den Verhaftungen gelesen. –

Eine Stunde später kamen sie in Ostende an. Bubis diplomatisches Visum ersparte ihnen alle Zollformalitäten. –

»Der Zug nach Brüssel, Mylord,« sagte ein unterwürfiger Beamter, »steht dort drüben, links. Er fährt in einer halben Stunde ab.« –

»Ich danke Ihnen«, entgegnete Bubi, den der Anblick von soviel goldenen Tressen etwas überwältigte.

Nachdem er Gwenda und Frau Phibbs in einem Eisenbahnabteil untergebracht, und das Handgepäck verstaut hatte, ging er nach dem Büfett, um eine Tasse Tee zu holen. – Als er gerade versuchte, sich einen Weg durch die Menge, die vor dem Büfett stand, zu bahnen, merkte er, wie jemand ihn leicht an der Schulter berührte. – Er drehte sich um und sah sich einem elegant gekleideten jungen Mann gegenüber, der ihn verbindlich grüßte. –

»Ich bitte um Verzeihung, Mylord«, sagte der Fremde, der tadellos englisch sprach. »Sie sind Lord Pelborough, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Bubi verwundert.

»Der Finanzminister hat mich beauftragt, Sie bei Ihrer Ankunft zu empfangen. Ich bin Baron von Ried.«

»Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen«, erwiderte Bubi verlegen. »Wenn Sie mir vielleicht sagen könnten, wo ich schnell etwas Tee bekommen könnte ...«

Der junge Mann lächelte.

»Machen Sie sich bitte darüber keine Sorgen«, sagte er. »Wir haben ein Frühstück für Sie im ›Hotel Splendide‹ bestellt.«

»In Ostende?« fragte Bubi erstaunt.

»Ja, der Herr Minister befindet sich augenblicklich in Ostende, und er bat mich, Sie abzufangen. – Es liegt ihm viel daran, ohne Zeitverlust in den Besitz der Ihnen anvertrauten Depeschen zu kommen.«

Bubi kratzte sich das Kinn.

»Na, dann ist es ja gut, daß ich Sie getroffen habe«, meinte er. »Es sind Bekannte von mir hier; wenn es Ihnen recht ist, werde ich sie erst benachrichtigen.«

»Ach, das erübrigt sich, denn wir haben sie schon von der Sachlage in Kenntnis gesetzt. Sie sind bereits nach dem ›Hotel Splendide‹ vorausgefahren.«

Bubi sah den Fremden zweifelnd an.

»Ich glaube, Sie irren sich«, sagte er und ging mit dem anderen an den Eisenbahnwagen zurück, wo er Gwenda gelassen hatte. Zu seinem Erstaunen war sie fort und nicht nur sie, sondern auch Frau Phibbs und das Gepäck.

»Sehen Sie, daß ich recht hatte?« sagte der Baron mit verbindlichem Lächeln.

»Ja«, erwiderte Bubi und atmete erleichtert auf.

Seine Aktenmappe mit dem kostbaren Inhalt an sich drückend, stieg Bubi in die Autodroschke und fuhr schnell mit seinem Begleiter zuerst durch die schlecht gepflasterten, holperigen Straßen, die in der Nähe des Bahnhofs lagen und weiter über den glatten Asphalt der gepflegteren des Stadtinneren von Ostende.

»Ist das nicht das ›Hotel Splendide‹?« fragte Bubi. Er glaubte, den Namen auf einem großen weißen Gebäude gelesen zu haben.

»Ach nein, das ist das ›Hotel Splendide‹ von Ostende, wir haben unser Quartier in dem ›Hotel Splendide‹ in Mariakerke genommen«, erklärte der andere. »Unser Hotel sieht nicht so großartig aus.«

Der Chauffeur war in die Straße eingebogen, die an der Rennbahn vorbei nach Nieuport führt. – Bald darauf hielt er vor einem einsamen Gebäude. –

Das Haus sah nicht wie ein »Hotel Splendide« aus, sondern, was es auch in Wirklichkeit war, – wie ein eilig und schlecht repariertes Gebäude, welches während des Krieges von britischen Maschinengewehren arg beschädigt worden war.

Bubi stieg aus und betrachtete erstaunt das wenig verlockend aussehende Haus.

»Wollen Mylord diesen Weg bitte nehmen«, sagte der Herr Baron, und Bubi folgte ihm, nach einigem Zögern, in einen unordentlichen Korridor. – Sofort wurde die Haustür hinter ihm zugeschlagen, und der Baron machte eine zweite Tür auf. –

»Gehen Sie bitte hier herein!«

»Halt«, sagte Bubi ruhig. »Was haben Sie eigentlich vor?«

»Wollen Sie bitte hier hereingehen«, wiederholte der andere, und seine Stimme klang nicht mehr verbindlich.

»Nein, ich ziehe vor, hinauszugehen«, entgegnete Bubi und machte kehrt. –

Im nächsten Augenblick hatte sich der Mann auf ihn gestürzt und die Arme um ihn geworfen, aber keiner verstand es besser als Bubi, einen unerwarteten Angriff abzuschlagen. Er schüttelte den verblüfften Gegner von sich ab, erteilte ihm ein oder zwei tüchtige Faustschläge, so daß der Baron zu Boden stürzte; aber ehe Bubi die Tür erreichen konnte, wurde er von vier Männern überfallen, die in dem Augenblick ins Zimmer gelaufen kamen, sich auf ihn warfen und ihn überwältigten. –

Inzwischen hatte Gwenda auch Abenteuer erlebt. – Kaum hatte Bubi den Eisenbahnwagen verlassen, als ein liebenswürdiger Herr mit einem großen Schnurrbart eintrat, den Hut abnahm, und im untertänigsten Ton von der Welt fragte: »Madame begleiten den Herrn Marquis von Pelborough, nicht wahr?«

»Jawohl«, erwiderte Gwenda erstaunt.

»Der Herr Marquis ist dem Herrn Finanzminister begegnet und ist mit ihm nach dem ›Hotel Splendide‹ gefahren. Der Herr beauftragte mich, Madame zu benachrichtigen und Madame zu bitten, ihm nachzukommen.«

»Ach, er kommt nicht hierher zurück?« fragte Gwenda zweifelnd.

»Nein, Madame.«

Monsieur Bilet hatte den Ehering auf Gwendas Hand gesehen.

Er winkte einen Gepäckträger heran.

»Tragen Sie das Gepäck von Madame nach dem Auto«, sagte er. –

Gwenda war ratlos. Sie überlegte, daß, wenn Bubi wirklich den Minister getroffen hatte, ihre Gegenwart nur stören würde; es war also nicht ausgeschlossen, daß er darum vorausgefahren war, aber es sah Bubi nicht ähnlich, so fortzugehen, ohne sie vorher persönlich zu benachrichtigen. –

Sie stieg aus dem Abteil und war schon im Auto unterwegs, um Bubi nachzufahren, als dieser zusammen mit dem Baron sie in dem Eisenbahnwagen vergeblich suchte. –

Der Mann mit dem großen Schnurrbart gab dem Chauffeur Anweisungen, und die Autodroschke fuhr in der Richtung nach Knocke, also in der entgegengesetzten von Ostende. –

Glücklicherweise hatte Gwenda sehr viel Ortssinn. Als der Dampfer in den Hafen hineinfuhr, war es ihr aufgefallen, daß Ostende südlich davon lag, und ein Passagier hatte ihr die Hotels an der Küste gezeigt. – Um das »Hotel Splendide« zu erreichen, hätten sie also nach rechts und nicht nach links fahren müssen. –

Sie klopfte an das Fenster, und der Chauffeur blieb stehen. –

»Wohin fahren Sie uns?« fragte sie. –

»Nach Knocke, Madame«, antwortete er. –

»Ich will aber nach dem ›Hotel Splendide‹«, sagte sie zum sichtlichen Erstaunen des Führers.

»Monsieur befahl mir, Sie nach dem ›Grand Hotel‹ Knocke zu fahren«, meinte er, fügte aber mit Achselzucken hinzu: »Wie Madame will«, und kehrte um.

Während er umwendete, raste ein anderes Auto an ihnen vorbei, und obwohl Gwenda nur einen flüchtigen Blick auf die Insassen warf, erkannte sie Bubi, der neben einem jungen Mann mit einem gelben Gesicht saß. Sie beugte sich wieder aus dem Fenster.

»Fahren Sie bitte jenem Auto nach«, sagte sie. – Zu ihrem Erstaunen blieb der andere Wagen nicht vor dem ›Hotel Splendide‹ stehen, sondern fuhr weiter.

Ihr Chauffeur wollte vor dem Hotel halten, aber Gwenda befahl ihm, weiterzufahren.

»Immer dem anderen Auto nach!« sagte sie, und der philosophische Chauffeur, der sehr oft in seinem Leben seltsame Aufträge ausgeführt hatte, tat ihr den Willen. Sein Auto hatte nicht dieselbe Geschwindigkeit wie das andere, so daß sie es bald aus den Augen verlor. Die Verfolgung war aber nicht schwer fortzusetzen, da es nur die eine gerade Chaussee gab, ohne Seitenstraßen, außer in den kleinen Dörfern, die sie durchrasten.

Als sie schließlich aus Mariakerk heraus waren, sahen sie den Wagen vor einem baufälligen Hause stehen. – Sofort wußte das Mädchen, daß etwas nicht in Ordnung war. – Sie überlegte, daß Bubi wichtige Depeschen bei sich hatte, und zwar wahrscheinlich solche, die die Festnahme von Männern forderten, die daher gewiß vor nichts zurückschrecken würden, um zu verhindern, daß sie in die Hände der Polizei fielen. – Wiederum lehnte sie sich aus dem Fenster, und diesmal klang ihre Stimme noch dringender.

»Halten Sie nicht«, sagte sie leise. »Fahren Sie an jenem Auto vorbei und bis um die nächste Ecke.«

»Wie Madame wünscht«, erwiderte der Chauffeur, der eine Ehetragödie witterte und »Madame« für eine betrogene Frau hielt, die ihrem Manne nachspürte.

Die Straße machte bald darauf eine Biegung, und der Wagen hielt.

»Wohin gehen Sie, Gwenda?« fragte Frau Phibbs. »Wenn irgend etwas nicht stimmt, möchte ich dabei sein.«

Gwenda schüttelte den Kopf.

»Nein, das geht nicht. Wenn wir uns beide dahin begeben, ist niemand da, der zur Polizei gehen kann. Wollen Sie bitte jetzt sofort zur nächsten Polizeiwache fahren und dort melden, was geschehen ist. Ich bin überzeugt, daß Bubi überfallen worden ist.«

»Was werden Sie nun machen?« fragte sie.

»Ich werde hier aufpassen.«

Sie wartete, bis der Wagen um die Ecke gefahren war, und folgte ihm zu Fuß. Jetzt bemerkte sie, daß das andere Auto, das vor dem Hause stand, umgedreht hatte und konnte gerade noch sehen, wie Frau Phibbs an dem wartenden Auto vorbeifuhr.

Nach einer Weile kamen drei Männer aus dem Hause und schlossen die Tür hinter sich. – Den einen erkannte sie sofort als denjenigen, der sie aufgefordert hatte, den Eisenbahnwagen zu verlassen und nach dem Hotel zu fahren; der zweite war ein großer, bärtiger Mann, der dritte hatte offenbar einen Unfall gehabt, denn er hielt ein Taschentuch vor das eine Auge gedrückt und hinkte.

Sie stand im Schatten einer verfallenen Mauer und beobachtete sie. Plötzlich fuhr sie zusammen, denn sie sah, daß der eine die bekannte braunlederne Aktenmappe in der Hand trug. Er stand einen Augenblick neben dem Auto und versuchte, die Mappe in eine Tasche hineinzuzwängen, aber es gelang ihm nicht. – Darauf sagte er etwas zu dem Mann mit dem großen Schnurrbart, und sie betrachteten beide die Mappe. – Schließlich ging der am Auge Verletzte ins Haus zurück und kam mit einer großen ledernen Tasche heraus, in die die Mappe gesteckt wurde. – Dann fuhren sie fort.

Gwenda wartete, bis das Auto wie ein Punkt auf der langen weißen Chaussee aussah, dann schritt sie vorsichtig auf das Haus zu.

Das Gebäude war früher wahrscheinlich die Villa irgendeines wohlhabenden Mitglieds der belgischen »Bourgeoisie« gewesen. Wie so viele dieser Villen war sie von einem sehr kleinen Garten und einer brusthohen Ziegelmauer umgeben. – Durch ein Chaos von Geröll und Trümmern suchte Gwenda einen Weg, denn sie trat auf Überreste einer zweiten Villa, die fast völlig zerstört war. Die Rückseite des Hauses machte einen, wenn möglich, noch häßlicheren Eindruck als die Vorderfront. Der »Garten« war eine von Unkraut überwucherte Wüste; die einzige Tür, die nach der Küche führte, war zu und vermutlich verschlossen. –

Sie sah sich um, um festzustellen, ob sie beobachtet wurde, dann raffte sie ihre Röcke zusammen und stieg über die Mauer und schritt auf das Haus zu. Die Tür fand sie tatsächlich verschlossen, aber das Fenster, durch welches man in eine verödete, scheinbar seit Kriegsbeginn unbenützte Küche sehen konnte, stand weit offen. Es gelang ihr, zwar nicht ohne beträchtliche Mühe, denn sie hatte nicht die für solche gymnastische Übungen geeignete Kleidung an, durch das Fenster zu klettern. Kein Laut war zu hören; sie öffnete die Tür, die in einen dunklen Korridor führte. Da hörte sie die Stimmen zweier Männer. – Leise schlich sie den Korridor entlang, bis sie die Tür des Zimmers erreichte, aus welchem das Sprechen zu kommen schien.

Äußerst vorsichtig drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür eine kleine Spalte. Die zwei Männer, die mitten im Zimmer standen, drehten ihr den Rücken zu, aber Bubi, in einem aufgelösten Zustand, den zerbeulten Zylinder noch auf dem Kopf – wahrscheinlich hatten seine Wächter ihn zum Hohn damit geschmückt – saß mit zusammengebundenen Armen und Beinen, einen Knebel, der hinter seinem Kopf befestigt war, im Munde, in einer Ecke auf dem Fußboden. –

Bubi sah auf und erblickte sie. In diesem Moment drehte sich einer der Männer um. Als er Gwenda sah, blieb ihm eine Sekunde der Mund offen stehen. –

Ehe sie ein Wort hervorbringen konnte, hatten sich die beiden auf sie gestürzt, eine große Hand hielt ihr den Mund zu, und sie wurde gegen die Wand geschleudert. – Bubi bekam beinahe einen apoplektischen Anfall, so strengte er sich an, die Hände freizubekommen, aber scheinbar hatten die Kumpane nicht die Absicht, mit ihr so umzugehen wie mit Bubi. –

»Madame werden sich hinsetzen«, sagte der kleinere der beiden Männer. Er sprach französisch, jedoch mit flämischem Akzent. »Wenn Madame Lärm machen, werde ich Madame etwas in den Mund stopfen«, fügte er hinzu.

Gwenda war jetzt vollkommen ruhig. »Nehmen Sie den Knebel aus dem Munde jenes Herrn«, sagte sie. »Wenn Sie es nicht sofort tun, werde ich schreien. Schnell! Er erstickt!«

Der Mann zögerte, dann bückte er sich über den hilflosen Kurier und zerriß den Bindfaden, der den Knebel festhielt.

»Was ist geschehen, Bubi?« fragte sie.

»Sie haben mir meine Aktenmappe genommen«, stöhnte Bubi. »Ach, Gwenda, was bin ich für ein Esel!«

»Nicht reden!« sagte der kleinere Wächter kurz; scheinbar war er es, der zu bestimmen hatte, »außer, wenn Sie französisch sprechen.«

»Was werden Sie tun?« fragte sie in der erwünschten Sprache.

»Madame, wir werden Sie nur eine Stunde hier festhalten, dann werden wir uns von Ihnen verabschieden«, sagte der andere. »Wir werden Ihnen nichts antun, außer wenn Sie schreien oder sich sonst unangenehm bemerkbar machen, dann werde ich Ihnen allerdings die Kehle durchschneiden«, fügte er hinzu, und zwar in einem Ton, als ob es sich um eine Gefälligkeit handelte.

»Haben sie auch die Depeschen?« fragte sie. Sie wagte nicht, englisch zu sprechen, denn instinktiv wußte sie, daß die Männer sich nicht genieren würden, ihre Drohungen auszuführen.

»Wo ist Frau Phibbs?« fragte Bubi, aber Gwenda zögerte mit der Antwort; endlich sagte sie: »Sie wartet auf mich«, und fügte auf französisch hinzu: »Erinnern Sie sich an das Lied aus der Oper von Gilbert, von dem Mann, der so unglücklich war ...«

Er dachte nach.

»Meinen Sie die Po...« plötzlich hielt er inne und murmelte: »Ja, ja, ich weiß!«

Diese kleine Unterhaltung war ihren Kerkermeistern nicht entgangen. Sie berieten kurz im Flüsterton, dann kamen sie auf Gwenda zu.

»Wenn Sie schreien, bringen wir Sie um«, sagte der Mann, der vorhin dieselbe Drohung ausgesprochen hatte, und Gwenda mußte sich knebeln lassen. »Ja, meine Liebe,« meinte er mit einem üblen Lächeln, »wir müssen schon ihr kleines Mäulchen stopfen.«

Zuerst knebelte er Bubi wieder, dann Gwenda, und zwar mit einem Taschentuch, das er aus Bubis Tasche nahm.

Darauf flüsterten die beiden Männer zusammen, und Bubi merkte, wie sie die junge Frau ansahen, und hörte sie ein Wort gebrauchen, das das Blut in seinen Adern erstarren ließ. Nun schwiegen sie und horchten auf das Rasseln eines Autos, das an dem Hause vorbeifuhr. – Als das Geräusch verhallt war, redeten sie wieder zusammen, doch weniger vorsichtig als vorhin.

Was sie aber vorhatten, war nicht zu erraten. Da hörte man einen schweren Schritt im Korridor, die Tür wurde mit einem Fußtritt aufgestoßen, und ein Mann trat ein. Bei dem Anblick der Uniform und des Revolvers, den der Polizeikommissar vorgestreckt hielt, stieg ein Stoßgebet des Dankes aus Bubis Herzen gen Himmel auf.

Später hielt Bubi, der immer noch etwas aufgelöst aussah, Rücksprache mit dem Polizeikommissar.

»Ich fürchte, sie sind jetzt bereits auf halbem Wege nach Brüssel«, sagte dieser kopfschüttelnd. »Wir könnten sie ja mit einem Aeroplan einholen, aber wir haben leider keinen zur Verfügung. Auch wäre es uns möglich, den Zug anhalten zu lassen und sie zu verhaften, jedoch selbst dann wissen wir nicht, ob die Depeschen Eurer Lordschaft noch intakt sind.«

Es wurde aber auf alle Fälle eine Depesche nach Gent abgeschickt.

Herr Lilinfelt und Herr Bilet, von dem Chef ihres Ostender Bureaus begleitet, – es stellte sich nachher heraus, daß Ostende und nicht Brüssel die Zentrale der Falschmünzer war – saßen in einem Eisenbahnabteil und untersuchten das Schloß von Bubis Aktenmappe, als der Zug in Gent einfuhr. Mit den einfachen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, waren ihre Versuche, das Schloß herauszuschneiden, fehlgeschlagen.

»Es schadet nichts,« meinte Monsieur Lilinfelt, »vielleicht ist es am besten, wir entledigen uns der Mappe und der Depeschen zugleich. Wir werden in Brüssel sein, ehe unsere Freunde freigelassen werden.«

»Und was wird aus Vazyl und Miguiet?« fragte der beschädigte Baron, »– und vor allen Dingen aus mir, Lilinfelt?« Er zeigte auf sein verletztes Auge.

»Sie werden belohnt werden, mein Freund«, entgegnete Monsieur Lilinfelt.

In diesem Augenblick hielt der Zug, und die Tür wurde geöffnet.

Monsieur Lilinfelt war der erste – das muß man ihm schon lassen – der sich in das Unabänderliche schickte und die Hände erhob. »Sie brauchen keine Gewalt anzuwenden, Monsieur«, sagte er zu dem Chef der Polizei.

Es war spät abends, als Bubi mit dem kostbaren Päckchen, das die Spuren der erfolglosen Messer der Verbrecher aufwies, das Haus des Finanzministers, ein prachtvolles, palastartiges, vor der Stadt Brüssel gelegenes Chalet, erreichte. Der teilnahmsvolle Minister kam in höchsteigener Person die Stufen herunter, um den Kurier zu empfangen.

»Sie sind auf unerhörte Weise mißhandelt worden, Mylord«, sagte er. »Diese Gauner sollen es teuer bezahlen. Eine ganz ungeheuerliche Handlung!«

Bubi schloß die Aktenmappe auf und gab das so reichlich versiegelte Päckchen dem Minister. Dieser treffliche Herr studierte kopfschüttelnd den Inhalt.

»Ich verstehe absolut nicht, Mylord«, sagte er, »warum sich diese Gauner soviel Mühe gaben, in den Besitz dieser Depeschen zu gelangen, denn sie sind schließlich keine Landwirte. Und selbst wenn sie es wären, glaube ich kaum, daß sie sich so intensiv für Rotlauf interessieren würden?«

»Rotlauf?« rief Bubi, der nicht viel weniger erstaunt war als der Minister.

»Ja,« entgegnete dieser, »Ihr Auswärtiges Amt hat mir eine Kopie Ihrer neuen Verordnungen über die Einfuhr von Schweinen nach Belgien geschickt.«

Bubi sah ihn entgeistert an.

»Ich ... ich dachte, es wären die Depeschen über die Geldfälschung«, stammelte er schließlich.

Das Gesicht des Ministers drückte Erstaunen aus.

»Nein, nein«, meinte er sanft. »Diese erhielten wir schon heute morgen mit der Post. Ihre Angreifer sind bereits verhaftet worden. Wir werden auch den Herrn – diesen Monsieur Lilinfelt –, der den ganzen Geldschwindel organisierte, festnehmen.«

Bubi lächelte. »Ich glaube, sie haben sie alle schon festgenommen«, sagte er.

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