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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.
Unterricht in der Diplomatie

Der hochwohllöbliche Marquis von Pelborough saß auf seinem Bettrand und nähte einen Knopf an seinem Hemd an. Das Einfädeln der Nadel hatte volle zehn Minuten in Anspruch genommen; außerdem hatte es einige Störungen gegeben, die das Verstecken des bewußten Kleidungsstücks unter sein Kopfkissen erforderten, denn Bubi Pelborough hatte großen Respekt vor seiner Wirtschafterin, Frau Phibbs. Zwar wäre er nicht viel weniger entsetzt gewesen, wenn Gwenda ihn bei dieser Handarbeit ertappt hätte.

Es war Sonntagmorgen, und die Glocken läuteten, aber Bubi zog den Abendgottesdienst vor.

Die Doughtystraße war gewöhnlich an einem Sonntagmorgen wie ausgestorben, kein Laut störte die Stille, außer vielleicht hin und wieder der schwache eintönige Ruf eines Milchhändlers oder das heisere, unverständliche Geschrei eines Zeitungsverkäufers. Daher war die Ankunft eines Autos, das vor dem Hause hielt, ein ziemlich großes Ereignis. Bubi guckte aus dem offenen Fenster und stellte fest, daß der Wagen zu groß war, um einem Arzt zu gehören. Wer mag wohl der große, elegant gekleidete Herr, der dem Auto entsteigt, sein, dachte Bubi. Er kehrte zu seiner Beschäftigung zurück, leise eine Melodie pfeifend, die er bei einem Tanz gehört hatte. Während er langsam und ungeschickt nähte, dachte er über seine Zukunft nach.

Zum erstenmal begann ihn diese Frage zu quälen. Er war ein Bureauangestellter, der fünf Pfund wöchentlich verdiente und hatte sich bisher für ganz gut gestellt geachtet. Nun aber war er durch den Tod jenes Onkels mit einem hohen, kostspieligen Rang belastet. Es war ihm klar geworden, daß ein Marquis als Bureauangestellter eines Versicherungsagenten etwas Groteskes war; jeden Tag fühlte er sich dort unbehaglicher. Außerdem erhöhte das Bewußtsein, daß Gwenda mehr von ihm erwartete, seine Pein. Er hatte auch den Eindruck, daß er die kleine Schauspielerin, die sich soviel Mühe gab, ihm auf die Beine zu helfen, enttäuschte.

Diese Sonntagmorgenstunden benützte er nicht nur dazu, Ausbesserungen an seiner Kleidung vorzunehmen, sondern auch, um über schwierige Fragen nachzudenken. In der letzten Zeit hatten sich seine Gedanken viel mit Gwenda beschäftigt. Oft überlegte er sich, wie ihr Mann wohl aussehen könnte, trotzdem es ihm kaum möglich war, sie sich mit einem Gatten vorzustellen. Sie war neuerdings sehr zerstreut und still gewesen. Weshalb, wußte er nicht. Daß sie etwas auf dem Herzen hatte, war ihm klar. Vielleicht hing es mit einem Brief in einem großen blauen Umschlag zusammen, den man ihr vom Theater nachgeschickt hatte. Der Brief war eines Morgens bestellt worden, als sie noch beim Frühstück saßen, und Gwenda war ganz blaß geworden, als sie die Handschrift sah. Bubi war fast sicher, daß das Schreiben von ihrem Gatten war, und er fühlte tiefen Groll gegen den Mann, der es fertigbrachte, ihr weh zu tun.

Da er nun mit dem Annähen des Knopfes fertig war, biß er nach bewährter Methode den Faden ab und legte das Hemd hin. Ein Auge noch immer nach der verschlossenen Tür gerichtet, goß er etwas Wasser in sein Waschbecken und begann seine zwei seidenen Taschentücher zu waschen. Als er noch mitten in dieser Arbeit steckte, klopfte es an die Tür.

»Bubi!« rief eine Stimme dringend.

»Ja, Gwenda?«

Schnell drückte er das Wasser aus den Taschentüchern, warf sie unter das Bett, trocknete sich flüchtig die Hände und öffnete die Tür.

»Warum schließen Sie eigentlich immer Sonntag morgen die Tür?« fragte Gwenda. In demselben Moment fiel ihr Blick auf das Bett, wo das Hemd noch lag und, was noch viel vernichtender war, auf die eingefädelte Nadel, die Bubi in das Kopfkissen gesteckt hatte.

»Bubi! Sie haben Knöpfe angenäht!« sagte sie mit Richterstimme. »Sie wissen doch, daß entweder Frau Phibbs oder ich Ihnen solche Arbeiten abzunehmen immer bereit sind.«

»Ja, ja, ich weiß, Gwenda. Es tut mir wirklich leid, wirklich,« stammelte er, »aber der Knopf fiel gerade ab ... und ... und ich wollte niemand bemühen.«

»Unten ist Besuch für Sie«, sagte sie und schnitt seine Erklärungen kurz ab.

»Für mich?!« rief Bubi erstaunt.

»Ja, Lord Mansar.«

Bubi starrte sie sprachlos an.

»Ziehen Sie Ihren Rock an, Bubi. Was in aller Welt haben Sie mit Ihren Taschentüchern gemacht?« Sie ging zum Bett hinüber, hob die Taschentücher auf und schüttelte den Kopf.

»Sie sind wirklich unverbesserlich, Bubi«, sagte sie vorwurfsvoll. »Soll ich jetzt zu Lord Mansar hinuntergehen und ihm sagen, daß Sie ihn heute nicht empfangen können, weil es Ihr Waschtag ist? Nun trocknen Sie sich erst die Hände richtig ab, bürsten Sie Ihr Haar und klappen Sie den Kragen Ihres Rockes um.«

Der Marquis von Pelborough gehorchte.

Als Gwenda und ihr Begleiter ins Zimmer traten, erhob sich Lord Mansar und schüttelte Bubi die Hand.

»Es ist unerhört von mir, daß ich nicht eher gekommen bin«, sagte er verbindlich, »aber ich schämte mich so, daß ich diesen Besuch immer wieder aufschob. Außerdem erfuhr ich erst gestern Ihre Adresse.«

»Bubi amüsierte sich gut auf dem Ball, Lord Mansar«, sagte Gwenda. »Es war rührend von Frau Krenley, ihn einzuladen.«

»Hm, äußerst rührend in der Tat«, erwiderte Mansar grimmig, und ein harter Ausdruck kam in sein rundes Gesicht, das sonst immer an Raphaelsche Engel erinnerte. »Pelborough hat Ihnen wohl nichts erzählt?«

»Er sagte mir nur, daß er einen sehr angenehmen Abend verlebt hätte«, antwortete sie verwundert. »Was ist denn vorgefallen?«

Mansar erzählte ihr von den Ereignissen jenes Abends, aber ohne zu versuchen, die Rolle, die er dabei spielte, zu verschönen.

»Sie sehen also, gnädige Frau, daß die Einführung Bubis in die gute Gesellschaft nicht unter den glücklichsten Auspizien stattgefunden hat.«

»Aber Bubi,« rief Gwenda erstaunt, »davon haben Sie mir ja kein Wort gesagt!«

Bubi errötete und sah sehr verlegen aus.

»Gestern bekam ich einen Brief von Frau Krenley,« fuhr Mansar fort, »der voll von Entschuldigungen und Erklärungen war und mit der Bitte schloß, doch noch einmal hinzukommen und Sie, Bubi, mitzubringen! Die Familie Krenley wird Sie gewiß äußerst herzlich aufnehmen! Nun, gnädige Frau,« er wandte sich an Gwenda, und seine Augen lachten, »Sie baten mich doch, etwas für Pelborough zu tun, nicht wahr?«

»Ja, Gwenda! Ist das wahr?!« rief Bubi erstaunt. Jetzt war es Gwenda, die verlegen aussah.

»Ja, Bubi«, sagte sie ruhig. »Ich sprach Lord Mansar neulich und fragte ihn, ob er nicht eine geeignete Tätigkeit für Sie wüßte. Sie können doch nicht länger Ihre jetzige Stellung behalten. Sie ist nicht standesgemäß.«

Bubi war zwar auch schon zu dieser Überzeugung gelangt, aber er sagte nichts.

»Gestern ist mir ein Gedanke gekommen«, fuhr Mansar fort. »Ich speiste zu Mittag mit Sir John Welson, einem der Unterstaatssekretäre beim Auswärtigen Amt. Ich glaube, ich könnte Ihnen dort eine Stellung verschaffen, Pelborough ... Sie nennen ihn wohl Bubi, nicht wahr?« sagte er, sich an Frau Maynard wendend. »Na, dann will ich ihn auch so nennen, denn er ist der schlaueste Bub, den ich jemals gesehen habe!«

Dieser Witz schien ihn außerordentlich zu amüsieren. Als er sich ausgelacht hatte, fuhr er fort: »Das einzige Bedenken, ja, ein Hindernis, und zwar ein sehr großes, das Ihrer Anstellung als Kabinettskurier im Wege stehen könnte ...«

Bubis Gesicht drückte Bestürzung aus.

»Ich weiß nicht, ob mir das gefallen würde. Ist nicht ein Kurier eine Art Bote zur Beförderung von Depeschen, und müßte ich nicht eine Uniform tragen?«

»Nicht ganz«, meinte Mansar trocken. »Sie denken wohl an die Boten großer Häuser, die Uniformen mit Messingknöpfen tragen. Unter Kurier versteht man jedoch einen Beamten des Königs.«

»Das wäre ja herrlich! nicht wahr, Bubi?« rief Gwenda, und ihre Augen leuchteten.

Bubi kratzte sich gedankenvoll den Kopf.

»Mit dieser Stellung ist ein jährliches Gehalt von vier- bis fünfhundert Pfund verbunden, sowie die Vergütung aller Reiseunkosten, und es ist kein anstrengender Dienst,« fuhr Mansar fort, »aber ... und das ist das Bedenken, von welchem ich vorhin sprach ... Sie müßten nicht nur Französisch sprechen können, sondern auch einige Kenntnisse in einer anderen fremden Sprache haben.«

Gwendas Hoffnungen schwanden.

»Sie könnten natürlich Französisch lernen, aber es würde immerhin einige Monate dauern, ehe ...« begann Mansar.

»Ich kann aber Französisch«, warf Bubi ein.

Gwenda sah ihn sprachlos an.

»Wirklich, Bubi«, sagte sie schließlich, »Sie sind ein Mensch, der immer neue Überraschungen bietet!«

»Und eine ganze Menge Spanisch kann ich auch«, fügte der erstaunliche Bubi fast kleinlaut hinzu.

»Wo in aller Welt haben Sie alle diese Fertigkeiten erworben?« fragte Frau Maynard.

»Auf dem Polytechnikum«, erwiderte Bubi in einem Ton, als ob er damit alles gesagt hätte.

Es wurde also verabredet, daß Bubi sich mit Lord Mansar am folgenden Nachmittag in Whitehall treffen sollte. Pelborough schickte einen Brief an Herrn Leither ins Bureau, um ihm mitzuteilen, daß er morgen leider nicht kommen könne. Sein Chef hatte verschiedene Kunden in Aussicht, die er gerade für diesen Tag ins Bureau bestellt und ihnen versprochen hatte, sie mit dem aristokratischen Angestellten bekannt zu machen; darum war er etwas ärgerlich über Bubis Absage.

Gwenda und Bubi hatten einen arbeitsreichen Vormittag. Von neun Uhr morgens ab, der Stunde, wo die großen Warenhäuser geöffnet werden, bis mittags hatte Bubi geduldig mit Gwenda ganz London zu Fuß und auf unzähligen Omnibussen durchquert. Er hatte Besuchsanzüge anprobiert, war vor Entsetzen zurückgeprallt, als er sich mit einem Zylinder auf dem Kopf in dem Spiegel sah; Handschuhe, die ihm nur lästig waren, hatte er angezogen, mit Kragen, die ihn zu ersticken drohten, gekämpft, und war schließlich mit einem Paket unter jedem Arm und einer Hutschachtel in der Hand, von einer erhitzten, aber frohlockenden Gwenda begleitet, in seine Wohnung zurückgekehrt.

»Viel zuviel Kleider sind mit dieser Marquisangelegenheit verbunden, meinen Sie nicht auch, Gwenda?« fragte er besorgt.

»Kleider machen Leute«, zitierte Gwenda.

»Jedenfalls machen sie einen Marquis«, erwiderte Bubi, wenig begeistert.

In dem neuen Anzug und der übrigen dazugehörigen Bekleidung, die ihn, wie er behauptete, zum Spott aller zivilisierten Leute, die weiche Hüte und Klappkragen tragen, machte, traf er, wie verabredet, Mansar und war wie erlöst, als er feststellte, daß dieser genau so angezogen war wie er, nur sahen seine Sachen nicht so neu aus.

»Welson wird Ihnen gefallen«, sagte Mansar, als sie in einem großen feierlichen Wartezimmer saßen, nachdem sie ihre Visitenkarten zu dem Unterstaatssekretär hineingeschickt hatten, um sich anmelden zu lassen. »Er ist ein drolliger alter Kauz, aber ganz gut zu leiden und ist bei weitem der bedeutendste und einflußreichste Mann im Auswärtigen Amt.«

»Was macht er eigentlich?« fragte Bubi.

Mansar wußte erst nicht, was er antworten sollte, so verblüfft war er über diese Frage.

»Wenn ich das wüßte!« erwiderte er schließlich. »Er macht wohl dasselbe, was alle diese Kerle tun. Sie sitzen eben herum, blättern in Dokumenten und solchen Sachen und machen auswärtige Politik.«

»Ach, das werde ich hoffentlich nicht machen brauchen!« rief Bubi entsetzt.

»Nein, ich glaube nicht«, meinte Mansar gewichtig.

Einige Minuten später wurden sie in ein hohes Zimmer mit einem riesengroßen Marmorkamin geführt. Vor dem gewaltigen Schreibtisch stand ein kleiner Herr, der sie über seine Brille hinweg anblinzelte.

»Guten Tag, Mansar!« sagte er. »Nehmen Sie bitte Platz. Das ist also Ihr Freund Pelborough?«

Bubi streckte ihm den großen Handschuh, in dem seine Hand ihm gar nicht zu gehören schien, entgegen und schüttelte feierlich die Hand des Unterstaatssekretärs.

Sir John sah ihn prüfend an, nahm ein großes Formular aus einer großen Schublade heraus – alles auf dem Auswärtigen Amt schien übergroße Dimensionen zu haben – und begann es auszufüllen.

Mit ehrfurchtsvoller Stimme gab Bubi seinen Namen und seine Adresse an. Nachdem alle Fragen beantwortet waren, sagte Sir John, indem er sich in seinen Sessel zurücklehnte und die Brille abnahm, um den Aspiranten besser sehen zu können: »Es ist keine sehr einträgliche Stellung und auch keine dauernde, ich hoffe, daß diese Tatsachen Eurer Lordschaft bekannt sind? Hingegen ist Ihr Amt ein sehr wichtiges.«

Dann öffnete er eine zweite Schublade und nahm ein kleines Buch heraus.

»Hier sind einige Instruktionen, die Sie inzwischen studieren können. Ihre Dienste werden wir erst in acht Tagen in Anspruch zu nehmen brauchen. Wenn Sie sich am Freitag hier wieder melden, genügt es.«

Er klingelte, und sein Sekretär erschien.

»Zeigen Sie Lord Pelborough das frühere Zimmer von Herrn Major Stevens.«

Auf diese einfache Weise ging Bubi in den Staatsdienst über und wurde ein Zahn am Rad des Auswärtigen Amtes.

Er brachte Herrn Leither die Nachricht so schonend wie möglich bei, aber es war doch ein harter Schlag für seinen früheren Chef.

»Es tut mir sehr, sehr leid, Pelborough,« sagte er kopfschüttelnd, »nach unserer langjährigen Zusammenarbeit ist Ihr Abgang ein großer Verlust für mich. Das Auswärtige Amt, sagten Sie, glaube ich?«

Bubi nickte.

»Hm, ja«, murmelte Herr Leither nachdenklich. »Sie werden mit sehr wichtigen Persönlichkeiten in Berührung kommen, Pelborough, mit sehr wichtigen Kunden, Pelborough. Vergessen Sie nie, daß ich Ihnen eine sehr hohe Provision für jeden Kunden, den Sie mir bringen, bezahlen werde.«

Großzügig bezahlte er Bubi sein Gehalt für die ganze Woche aus und wollte ihm sogar in Anbetracht künftig zu erwartender Transaktionen eine Extravergütung aufdrängen, aber Bubi wollte nichts davon hören.

Mit einem kleinen Seufzer der Erleichterung verließ Bubi das Versicherungsbureau. Er sprang auf einen vorüberfahrenden Autobus und fuhr nach Hause, um Gwenda die Neuigkeit mitzuteilen.

Es war ihm schon morgens aufgefallen, daß Gwenda noch zerstreuter als gewöhnlich war und nicht so bereitwillig als sonst auf seine Angelegenheiten einging. Während der Unterhaltung beim Abendbrot dachte er die Ursache ihres Kummers entdeckt zu haben, aber er irrte sich.

»Bubi,« sagte sie plötzlich, »ich gebe meine Stellung am Broadwaytheater auf.«

»Was?!« rief Bubi bestürzt. »Sie geben Ihr Engagement auf?«

Sie nickte.

»Aber ich dachte, die Rolle, die Sie dort spielen, gefiel Ihnen so gut, und das Stück ist doch ein großer Erfolg. Alle Zeitungen haben glänzende Kritiken darüber gebracht.«

»Ja, das stimmt alles,« sagte sie ruhig, »aber ich gehe doch ab. Ich bin zwar auch sehr gelobt worden in den Zeitungen, aber ... ich habe von der Rolle genug.«

Bubi klopfte ihr auf die Hand. (Er hatte noch nie etwas Ähnliches getan.)

»Armes Ding!« sagte er teilnahmsvoll. »Das bedeutet, daß Sie wieder Tag und Nacht neue gräßliche Proben mitmachen müssen.«

»Ja, das heißt, wenn ich ein neues Engagement bekomme«, meinte sie. »Es ist augenblicklich sehr schwer, etwas in London zu finden. Wenn ich nicht die Fürsprache des Marquis von Pelborough gehabt hätte, weiß ich nicht, ob ich beim Broadway überhaupt engagiert worden wäre«, fügte sie lächelnd hinzu.

Bubi sah nachdenklich und bekümmert darein.

»Was werden Sie machen, wenn Sie nichts in London finden?«

»Dann würde ich in die Provinz gehen müssen«, sagte sie.

»Und das würde bedeuten, daß Sie nicht mehr hier wohnen könnten?« rief Bubi außer sich.

»Ja, wenigstens eine Zeitlang. Aber Sie werden die Wohnung weiter halten können. Sie sind ja jetzt ein ganz vermögender Mann!«

Bubi lehnte sich ganz vernichtet in seinen Stuhl zurück.

»Das ist allerdings eine sehr schlechte Nachricht!« meinte er.

»Jedenfalls werde ich nicht sogleich von London fort müssen«, sagte sie mit erzwungener Heiterkeit. »Sie sollen sich auch keine Sorgen deswegen machen. Es tut mir jetzt leid, daß ich es Ihnen erzählte.«

»Früher oder später hätten Sie es mir doch sagen müssen«, erklärte Bubi. »Sie geben Ihre Engagements immer plötzlich auf, nicht wahr, Gwenda? Der nette jüdische Herr sagte es mir. Ist Ihnen schlecht?«

Sie lachte, als sie aufstand. Im Vorbeigehen legte sie ihre Hand leicht auf seine Schulter. Er ergriff sie und führte sie an die Lippen.

»Nicht doch, Bubi!« rief sie und riß die Hand weg.

Er starrte sie verwundert an.

»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er und wurde über und über rot. »Ich wollte Sie nicht kränken ...«

»Nein, nein, Bubi, das weiß ich ja.« Sie war ganz blaß geworden, und ihre Lippen zitterten. »Es war auch dumm von mir! ... aber Sie trinken sicher noch etwas Tee«, warf sie ein und nahm seine Tasse.

Aber Bubi ließ sich nicht ablenken.

»Sie wissen doch, daß ich Sie lieb habe, Gwenda«, sagte er schlicht. »Aus Liebe nur tat ich es.«

»Ja, ich weiß, Bubi«, erwiderte sie, sah ihn aber nicht an. »Sie haben mich wie eine Schwester lieb.«

Bubi fuhr sich mit der Hand durch das Haar.

»Vielleicht«, sagte er, aber Zweifel lag in seiner Stimme. »Da ich nie eine Schwester gehabt habe, kann ich es nicht ganz genau sagen. Babys liebe ich auch, aber es ist eine ganz andere Art von Liebe. Gwenda,« fragte er plötzlich, ohne zu wissen, weshalb er die Frage stellte, »wo ist Ihr Mann?«

Es sah Bubi, dem taktvollen, zartfühlenden, zurückhaltenden Bubi, nicht ähnlich, eine solche Frage, die so leicht hätte brutal klingen können, zu stellen.

»Mein Mann?« stammelte sie. »Warum ... warum fragen Sie, Bubi?«

»Ich weiß es selber nicht«, erwiderte er. »Neuerdings habe ich viel über ihn nachgedacht. Erst kürzlich wachte ich plötzlich mitten in der Nacht auf und konnte nicht von dem beängstigenden Gedanken loskommen, daß er eines Tages hier auftauchen könnte, um Sie fortzuschleppen.«

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen«, sagte sie nach langem Schweigen. Sie stand am Tisch und spielte zerstreut mit dem goldenen Reif an ihrem Finger. »Jetzt wollen wir aber von etwas anderem sprechen.«

Die folgende Woche war eine sehr aufregende für den Marquis von Pelborough. Am Freitag meldete er sich, den Instruktionen gemäß, auf dem Auswärtigen Amt und erwartete, sofort in das Privatzimmer des Unterstaatssekretärs geführt zu werden. Aber er fand, daß das »Melden« nur darin bestand, seinen Namen in ein Buch einzutragen. Er ging nicht einmal in sein Zimmer, da ihm ein subalterner Beamter mitteilte, daß man heute von seinen Diensten keinen Gebrauch machen würde.

Ein zweiter an Gwenda adressierter Brief kam in dieser Woche an. Eines Tages, als Bubi ins Eßzimmer trat, sah er, wie sie hastig einen blauen Briefbogen, den sie gerade las, versteckte, und Tränen schimmerten in ihren Augen. Er fragte nicht nach der Ursache und tat, als ob er nichts bemerkt hätte, aber es ging ihm den ganzen Tag durch den Kopf.

Obgleich man keine langen Besuche im Auswärtigen Amt von ihm erwartete, glaubte er, daß man nichts dagegen haben würde, wenn er sich in dem kleinen Zimmer seines Vorgängers aufhielt. Die Ausstattung des Raumes bestand aus einem Stuhl, einem Tisch, einem Kaminvorsetzer, einer Feuerzange, einer Schaufel und einem Kohlenkasten. Aber Bubi fand bald heraus, daß es ein schönes, ruhiges, zum Arbeiten geeignetes Zimmer war, und er vertrieb sich die Zeit damit, gegen die Schwierigkeiten der spanischen Grammatik mit großem Eifer anzukämpfen.

Eines Tages traf Gwenda Lord Mansar in der Bondstraße. Als er in seinem Auto vorüberfuhr, erblickte er sie und winkte ihr, zu warten. Er stieg aus und kam auf sie zu.

»Wie geht es Bubi?« fragte er.

»Genau dieselbe Frage wollte ich Ihnen eben stellen!« erwiderte sie lächelnd.

Es schien ihm, daß sie ein wenig blaß aussah und nicht so hübsch wie gewöhnlich.

»Ich glaube, er macht sich«, meinte Mansar. »Ich sprach gestern mit Sir John Welson über ihn.«

»Und was meint Sir John?«

Mansar zögerte.

»Nun, offen gesagt, hält er Bubi für etwas grün.«

»Also, für einen Schafskopf«, entgegnete Gwenda lächelnd. »Wer das von Bubi denkt, irrt sich gewaltig. Er ist nichts weniger als ein Schafskopf.«

»Na, er ist nicht gerade, was man mit scharfsinnig bezeichnen könnte ...« begann Mansar; aber sie schüttelte den Kopf.

»Sie irren sich sehr, Lord Mansar«, sagte sie ruhig. »Er besitzt einen solchen Scharfblick, daß ich manchmal staune. Dabei versteht er seine Schlauheit so zu verbergen, daß man nie weiß, was eigentlich in ihm vorgeht. Wie oft habe ich gesehen, mit welcher Geschicklichkeit er es fertigbringt, unsere Wirtschafterin, Frau Phibbs, um den Finger zu wickeln, ohne daß sie es merkt, und sie dazu bekommt, gerade das Gegenteil von dem zu machen, was sie eigentlich wollte. Früher dachte ich, es wäre nur seine durchsichtige Naivität, die sie rührte. Ich habe aber seitdem meine Meinung geändert.«

Da sie gerade auf dem Nachhauseweg war, als Lord Mansar sie erblickt hatte, bestand er jetzt darauf, sie in seinem Auto nach der Doughtystraße zu fahren.

Gwenda nahm Gefälligkeiten in der Regel nicht gern an, aber an diesem Tag war sie etwas müde und deprimiert und war darum ganz froh, mit jemand sprechen zu können und dadurch von ihren Gedanken abgelenkt zu werden.

»Ich sah Bubi neulich in Whitehall,« erzählte Mansar, als sie durch Piccadilly fuhren, »er trug eine große Aktenmappe und sah so furchtbar feierlich aus, als ob man ihm die ganzen Geheimnisse des Kabinetts anvertraut hätte!«

Gwenda lachte.

»Die Mappe enthielt aber nichts Schwerwiegenderes als eine spanische Grammatik«, sagte sie. »Bubi kaufte die Aktenmappe als ein Kompromiß zwischen einer ledernen Tasche und einer Schulmappe!«

Mansar verabschiedete sich ungern von Gwenda. Außer ihrer Schönheit war sie von bestrickender Liebenswürdigkeit. Diese und ihre Aufrichtigkeit, ihre gesunde Lebensauffassung hatten einen größeren Eindruck auf den jungen Mann gemacht, als er es sich eingestehen wollte.

»Ich höre, Sie haben das Broadwaytheater verlassen?« sagte er beim Abschied.

Gwenda nickte.

»Ja, vorigen Sonnabend. Ich will aber nicht damit sagen, daß ich die Bühne überhaupt aufgebe«, fügte sie hinzu und fing an, von etwas anderem zu sprechen.

An diesem Abend wurde Bubi unerwarteterweise am Auswärtigen Amt aufgehalten. Zu seinem Entsetzen ließ ihn Sir John Welson zu sich kommen, gerade als Bubi seine spanische Grammatik und Notizblätter weggelegt hatte und sich anschickte, nach Hause zu gehen.

Sir John war auch eben im Begriff, das Ministerium zu verlassen.

»Wie haben Sie sich nun eingearbeitet, Lord Pelborough?« fragte er.

»Sehr gut, Herr Baron«, sagte Bubi ehrerbietig.

»Sie studieren also die edle Kunst der Diplomatie?« meinte Sir John, der in guter Laune war. »Nun, mein Junge, diese edle Kunst kann man in einem Wort zusammenfassen, und das heißt: ›Bringe deinem Gegner stets die Überzeugung bei, daß er die Oberhand hat.‹ Das ist das Abc der Diplomatie. Übrigens ich wollte Sie bitten, bis acht Uhr hierzubleiben. Es ist möglich, daß der Minister Sie noch heute mit wichtigen Depeschen nach Paris schicken muß.«

Bubi war von dieser Aussicht begeistert. Daß er weiter keine Ausrüstung bei sich hatte als die Kleider, die er gerade trug, und einen Zylinder, störte ihn nicht. Künftig jedoch hielt er immer eine fertig gepackte Reisetasche in seinem Bureauzimmer bereit. Glücklicherweise beschloß der Minister, die Reise nach Paris aufzuschieben, und Bubi konnte, ein wenig enttäuscht, um dreiviertel acht nach Hause gehen.

Da er eine Depesche an Gwenda geschickt hatte, um ihr mitzuteilen, daß er die Nacht nicht nach Hause käme, beeilte er sich nicht. Es war schon neun Uhr, als er, die Aktenmappe unter dem Arm, den Zylinder verwegen schief auf dem Kopf – es war dunkel, sonst hätte er sich solch pöbelhaftes Benehmen nicht gestattet – in die Doughtystraße einbog. Seine Gedanken waren mit den hundert spanischen Vokabeln, die er in den letzten Tagen auswendig gelernt hatte, beschäftigt.

Vor dem Hause angekommen, sah er zu seinem Erstaunen Frau Orlando Phibbs, einen Schal über den Schultern, vor der Tür stehen.

»Nanu, Frau Phibbs!« rief Bubi verwundert, »warten Sie denn auf jemand?«

»Nein, Bubi,« sagte sie leise, »ich wollte Ihnen nur sagen, daß Frau Maynard Besuch bekommen hat.«

»Besuch?« fragte Bubi erstaunt.

»An Ihrer Stelle würde ich nicht zu ihr hinaufgehen, Bubi«, sagte sie und legte die Hand auf seinen Arm. »Sie bat mich, aus dem Zimmer zu gehen. Er hat ihr schreckliche Dinge gesagt.«

Bubis Blut erstarrte in den Adern.

»Wer ist der Herr?« fragte er beklommen.

»Herr Maynard.«

Einen Augenblick sah Bubi Frau Phibbs durch einen Nebel, und der Boden wankte unter ihm.

»Herr Maynard?!« fragte er nach langem Schweigen. »Ihr ... ihr Mann?«

In diesem Augenblick hörte man einen Schrei. Ohne eine Sekunde zu zögern, raste Bubi die Treppe hinauf. Als er ins Eßzimmer trat, stand Gwenda am Tisch gelehnt, das Gesicht kreidebleich, die Augen rot vom Weinen. Er merkte, wie ihr Atem flog und sie sich das Handgelenk, das einen roten Streifen hatte, rieb.

Einst, bei einem Boxkampf, hatte Bubis Gegner vorsätzlich unerlaubte Kniffe angewandt. Bubi hätte ihn am liebsten ermordet; dasselbe Gefühl hatte er jetzt beim Anblick des Eindringlings. Dieser war ein vierzigjähriger, hohlwangiger, unrasiert aussehender Mann. Der Mund war zu einem Hohnlächeln verzogen, und die tiefliegenden Augen waren auf Gwenda gerichtet, so daß er Bubi nicht sogleich bemerkte.

»Wenn du glaubst, du kannst in Luxus leben, während ich hungere, irrst du dich gewaltig, Gwenda – – –« sagte er. Plötzlich erblickte er Bubi und hielt inne.

»Wer ist das?« knurrte er.

»Lord Pelborough«, keuchte Gwenda.

»Ach, so–o–o!« rief er gedehnt, »und dann willst du mir weismachen, daß du kein Geld hast! Ich will dir mal was sagen. Du mußt mir die Fahrt nach Kanada bezahlen, und mir außerdem eine Summe für die ersten Monate dort – –«

»Was soll das alles heißen, Gwenda? Ist dieser Mann Ihr ... Ihr Gatte?«

Sie konnte nicht sprechen.

»Ach, Bubi, Bubi!« schluchzte sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, während er den Arm um sie legte.

»Gatte!« rief der unerwartete Gast lachend. »Das ist ja prachtvoll!«

Gwenda trat von Bubi zurück und schüttelte den Kopf.

»Es ist mein Bruder«, sagte sie einfach, und das Lächeln, das Bubis Gesicht erhellte, war unbeschreiblich.

»Ihr Bruder!« rief er leise und betrachtete fast wohlwollend den widerlich aussehenden Menschen.

Gwenda trocknete die Augen und schluckte die letzten Tränen hinunter.

»Er ist eben aus dem Gefängnis gekommen«, sagte sie. »Er ist mein Stiefbruder. Sie wollten den Grund wissen, warum ich meine Theaterengagements immer so plötzlich aufgebe, das ist er!« sagte sie und zeigte auf den Eindringling. »Seit Jahren verfolgt er mich auf Schritt und Tritt, die einzige Zeit, wo ich Ruhe vor ihm habe, ist, wenn er im Gefängnis sitzt.«

»Hör' mal, Gwenda – – –« begann der Mann drohend, aber Bubi unterbrach ihn.

»Ich würde Ihnen raten, einen anderen Ton anzuschlagen«, sagte er sanft. »Gwenda, ich möchte gern ein Wort mit Ihrem Bruder allein sprechen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Es nützt alles nichts, Bubi«, sagte sie mit einer hilflosen Geste.

Bubi überlegte schnell. Plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, verließ er das Zimmer und ging in sein Schlafgemach.

In einer kleinen Kassette, die er in einer Schublade aufbewahrte, hatte er fünfzig Pfund liegen, die er erst kürzlich von der Bank abgehoben hatte, um immer eine Summe zur Verfügung zu haben, falls er plötzlich verreisen mußte. Er nahm die Scheine aus dem Kästchen, ließ sie in seine Mappe gleiten und machte diese wieder zu. Dann ging er, die Mappe unter dem Arm, ins Eßzimmer zurück.

Als er die Hand auf die Türklinke legte, hörte er ein Stimmengemurmel und fing das Wort »Fratze« auf; aber da er sehr viel Sinn für Humor hatte, lächelte er nur.

»Ich möchte mit Ihrem Bruder sprechen, Gwenda; würden Sie so freundlich sein, uns einen Augenblick allein zu lassen?«

Sie sah ihn fragend an.

»Was wollen Sie ihm sagen, Bubi?«

»Wenn Sie gestatten,« beharrte er, »möchte ich mich ein paar Minuten mit Ihrem Bruder unter vier Augen unterhalten. Ich habe aber nicht sehr viel Zeit,« fügte er, sich entschuldigend, hinzu, »denn ich muß noch heute nacht mit wichtigen diplomatischen Depeschen nach Berlin reisen.« Er zeigte auf die Mappe. »Ich kam nur nach Hause, um Geld zu holen. Meinen Sie, daß hundert Pfund genug sind?«

Gwenda konnte ihn nur sprachlos ansehen.

»Wollen Sie uns bitte einen Moment allein lassen, Gwenda?« widerholte er, und sie nickte.

»Nehmen Sie bitte Platz, Herr Maynard. Es tut mir sehr leid, daß Ihre Schwester solche Unannehmlichkeiten hat. Was könnte ich tun, um Sie zu veranlassen, fortzugehen?«

»Sie könnten mir Geld geben«, erwiderte Herr Maynard, mit seinem üblen Lächeln.

»Das ist ausgeschlossen«, meinte Bubi entschieden. »Was hätte es auch für einen Zweck, einem Mann wie Ihnen Geld zu geben? Nach acht Tagen würden Sie wieder hier sein, um mehr zu holen.«

»Ich schwöre Ihnen – – –«, begann der andere.

Bubi erhob die Hand. Manchmal konnte er würdig wie ein Erzbischof sein.

»Schwören Sie bitte nicht,« sagte er, »und werden Sie auch nicht böse«, fügte er hinzu, als er die finstere Miene des anderen sah. »Ich rede zwar sehr ungern von mir, aber ich fühle mich doch verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß ich ein Meisterschaftsringer bin. – Sie können sich diese Behauptung auf dem Polytechnikum bestätigen lassen, wenn Sie wollen – eine so harte Linke wie ich soll keiner von meinem Gewicht besitzen. Es ist mir sehr peinlich, Ihnen das sagen zu müssen, denn es klingt so prahlerisch, aber ich halte es für notwendig, um Ihnen eventuelle Unannehmlichkeiten zu ersparen. Sie sind eben aus dem Gefängnis gekommen und nicht ›in Form‹. Ich möchte darum möglichst einen Kampf mit Ihnen vermeiden, es käme mir vor, als wenn ich mit einem Kind ringen würde. Was ich Ihnen vorschlagen wollte, ist, daß Sie jetzt fortgehen und sich drei Tage folgenden Vorschlag überlegen, Herr Maynard. Ich will Ihnen eine wöchentliche Rente von einem Pfund geben, solange Sie Ihre Schwester nicht belästigen.«

Der Mann wollte ihn unterbrechen, aber Bubi fuhr fort: »Also, ein Pfund wöchentlich, das heißt, bis Sie eine anständige Beschäftigung gefunden haben. Nun, was sagen Sie dazu?«

Bubi legte seine Mappe auf den Tisch.

»Selbst, wenn ich es könnte, würde ich Ihnen das Fahrgeld nach Kanada nicht schenken«, fuhr Bubi fort. »Aber ich habe tatsächlich kein Geld weiter in der Wohnung als diese hundert Pfund in der Mappe. Das ist aber nebensächlich. Ich habe die Kanadier zu gern, um ihnen einen so verkommenen Menschen, wie Sie es sind, auf den Hals zu schicken. Wollen Sie mein Anerbieten annehmen?«

»Nein!« fauchte Herr Maynard.

»Dann muß ich mich mit Ihrer Schwester beraten«, sagte Bubi. »Wollen Sie mich zehn Minuten entschuldigen?«

Er verließ das Zimmer und fand Gwenda, die erregt hin und her lief, in einem fast hysterischen Zustand.

»Setzen Sie sich, Gwenda«, sagte er mit ungewöhnlich weicher Stimme.

»Ist das also der Mann, der Sie all diese Jahre belästigt hat?«

Sie nickte.

»Und darum haben Sie auch Ihre Stellung am Theater aufgegeben?«

Sie nickte wieder.

»Deshalb waren Sie auch die ganze letzte Zeit so traurig, Gwenda?«

»Ja, Bubi«, sagte sie leise. »Seit Jahren ist er mein Unglück gewesen. Neulich bekam ich einen Brief aus Dartmoor, in welchem man mir mitteilte, daß er entlassen würde und die Absicht hätte, mich zu besuchen. Ich habe keine Nacht schlafen können, seitdem ich das weiß.«

»Ja, das verstehe ich«, entgegnete Bubi teilnahmsvoll.

»Was werden Sie tun, Bubi?« fragte sie. »Fahren Sie jetzt nach Berlin? Und Bubi, es waren keine hundert Pfund –«

»Das weiß ich«, erwiderte er zu ihrem Erstaunen.

»Haben Sie ihm einen Vorschlag gemacht?«

Er nickte.

»Ja,« sagte er nach einer Weile, »aber er hat ihn nicht angenommen; ich habe es auch gar nicht erwartet.«

Bubi hatte die ganze Zeit die Ohren gespitzt, um jeden Laut im Hause zu hören, und jetzt drang auch der, auf den er gewartet hatte, aus dem Eßzimmer.

»Sir John Welson sagte mir heute, daß man immer dem Gegner die Überzeugung beibringen muß, daß er die Oberhand hat«, sagte er und fügte hinzu: »Ich glaube, Ihr Bruder ist schon fort.«

Als sie beide ins Eßzimmer gingen, fanden sie, daß nicht nur Herr Maynard fort war, sondern auch Bubis Aktenmappe mit den fünfzig Pfund und der spanischen Grammatik.

»Sehen Sie, Gwenda,« sagte Bubi an diesem Abend, als er am Tisch neben ihr saß, die Hand auf der ihren, »wenn ich ihm Geld gegeben hätte, wäre er zurückgekommen. Da er das Geld gestohlen hat, wird er nicht zurückkehren. Er wird auch Ihnen fernbleiben, aus Angst, ich könnte bei Ihnen sein. Vielleicht wird er doch noch nach Kanada fahren und dort umkommen«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

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