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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel.
Ein mißlungenes Heiratsprojekt

»Lord Pelborough (C. U.) bestritt die Behauptung des edlen Lords (Lord Kinsoll), daß Kinder besser in einer Fabrik untergebracht wären als in der Schule. Und ein Vater wie Lord Kinsoll dürfte eine solche Ansicht nicht haben. Was er sagt, ist Unsinn! (Hört! Hört!)

Der Lordkanzler: Ich muß den edlen Lord bitten, solche unparlamentarischen Ausdrücke zu unterlassen.

Lord Pelborough entschuldigte sich, sagte jedoch, daß er seinen Sohn nicht in einer Fabrik sehen möchte.

Wenn die edlen Lords für die Herabsetzung der Altersgrenze stimmen sollten, so wäre es eine Schande für das ganze Oberhaus! (Hört! Hört!)«

Ganz benommen starrte Bubi auf das Zeitungsblatt. Er las den Sitzungsbericht aus der »Times«.

»Habe ich das wirklich alles gesagt?« fragte er entsetzt.

Gwenda nickte.

»Alles, was da steht, und noch viel mehr«, erwiderte sie. »Sie waren unbezahlbar, Bubi! Ich war so aufgeregt, daß ich dachte, ich würde ohnmächtig werden!«

»Mir war auch ganz ohnmächtig zumut«, gab Bubi kleinlaut zu. »Aber ich kann es ja gar nicht fassen! Ich weiß nicht, wie ich mir vorkomme, meine Rede hier gedruckt zu sehen! Es gibt mir fast das Gefühl, als wäre ich jemand!«

Auf einer anderen Seite der Zeitung hätte er eine ausführlichere Schilderung seiner Person lesen können. Der Berichterstatter erzählte noch einmal die romantische Geschichte des jungen Versicherungsangestellten, der einen hohen Titel, aber weder Landbesitz noch Vermögen geerbt hatte, und darum noch Angestellter geblieben war.

An jenem Morgen studierten auch andere Leute die hohe Politik.

Als Bubi frühmorgens in dem Bureau erschien, wurde er von dem Prokuristen mit den kommunistischen Ansichten mit einer Herzlichkeit, die fast an Begeisterung grenzte, empfangen.

»Famos, Mylord, famos!« flüsterte er, und auf Herrn Leithers Zimmer deutend, schnitt er Grimassen, die zu verstehen geben sollten, daß den Arbeitgebern jetzt ein neuer empfindlicher Schlag versetzt worden war.

»Hm – – – ja«, sagte Bubi. »Guten Morgen, übrigens.«

Augenscheinlich hatte Herr Leither seinen so oft geäußerten Plan aufgegeben, den »zerlumpten kleinen Straßenjungen« zu engagieren, der Bubis Arbeit ungleich besser hätte machen können, und von dem dieser früher soviel gehört hatte. Auch war der Versicherungsagent weit davon entfernt, Bubis Angriff auf die Arbeitgeber übelzunehmen, im Gegenteil, er begrüßte seinen Angestellten mit einer wohlwollenden Miene, die seinen Beifall ausdrücken sollte.

»Ich wußte nicht, daß mein künftiger Teilhaber so rednerisch begabt ist! Eine ausgezeichnete Rede haben Sie gehalten, Pelborough«, sagte er strahlend. »Sie haben es ihnen ordentlich gegeben!«

»Es ist mir nicht bekannt, daß ich jemand etwas geschenkt hätte«, erwiderte Bubi.

Auf seine ernste Bitte hin wurde ihm eine Arbeit aufgetragen. An diesem Morgen paßte es Herrn Leither gerade ganz gut, daß sein künftiger Teilhaber, wie er ihn nannte, nicht in seinem Privatzimmer saß; denn als er morgens ins Bureau kam, war ihm mitgeteilt worden, daß man ihn von außerhalb angerufen hätte und ihn dringend bitten ließe, Herrn Babbacombe Jarviß, M. B. E., anzurufen. Diesen Herrn schätzte Herr Leither sehr hoch, denn er hatte durch ihn viel Geld verdient.

Die Buchstaben »M. B. E.« hinter dem Namen von Herrn Babbacombe Jarviß hatten ihren Grund. Dieser Herr hatte Hunderttausende, nein, Millionen von Granaten, Bomben und ähnlichen Kriegsbedarfsartikeln hergestellt. Außerdem hatte er der britischen Regierung wollene Decken, Laken, Stiefel, Butter und Speck en gros geliefert. Dann war er der amerikanischen Regierung mit Betten, Gürteln, Tornistern und Gewehrläufen zur Hilfe geeilt. Nicht nur das, Frankreich hatte er mit Gamaschen und Pferdeeisen unter die Arme gegriffen und Italien mit Teer, Kartoffeln und Moskitonetzen beigestanden.

Herr Jarviß behauptete immer, daß eigentlich durch ihn allein der Krieg gewonnen worden war. Und der Dank dafür war die letzte Klasse des so verschwenderisch ausgeteilten Ordens, daher die Buchstaben M. B. E.

Es läßt sich nicht leugnen, daß Herr Babbacombe Jarviß im Laufe der Kriegsjahre einen wunderbaren, von einem großen Park umgebenen, im Georgenstil erbauten Palast gekauft hatte. Derselbe Mann, der Anfang des Krieges ein kleiner, unbedeutender Lieferant gewesen war, soll den Waffenstillstand dadurch gefeiert haben, daß er in einem prächtigen Auto um seinen Besitz herumfuhr. So viel steht jedenfalls fest, daß er viel, manche behaupten sehr viel Geld durch den Krieg verdient hatte, und daß sein Guthaben auf der Bank über eine Million betrug, als er das schöne Heim im Georgenstil kaufte.

Nicht geringe Mühe soll es ihm gekostet haben, seinen Namen auf die Ordensliste setzen zu lassen, denn er hatte keine Freunde.

Seine Frau fuhr beständig in einem hocheleganten, mit rosa Crêpe de Chine ausgeschlagenen Auto umher, denn das bedeutete für sie den Höhepunkt der Vornehmheit. Das dritte Mitglied der Familie Jarviß war Minnie, Jarviß' Tochter und Erbin. Die junge Dame hatte knallrote Backen und trug mit Vorliebe purpurrote Gewänder. Wurde das sehr unbedeutende Antlitz durch ein Lächeln erhellt, so glich sie der Schönheit von Labrador. Aus dem breiten Gesicht traten die Backenknochen hervor, ihr strähniges Haar war mausfarben. Da es aber bestimmt in Gottes Rat ist, daß kein weibliches Wesen sich für gänzlich reizlos halten soll, so behauptete sie stolz, jene geheimnisvolle Eigenschaft zu besitzen, die man mit »Charme« zu bezeichnen pflegt. Sie wußte zwar nicht recht, was »Charme« bedeutete. Nur eins war ihr klar, daß es nicht jener »Charme«, jener Zauber war, den die Glücksmünzen ausüben, wie zum Beispiel das vierblättrige Kleeblatt aus Smaragden oder das goldene Glücksschweinchen mit Augen aus Rubinen, die sie an ihrem Armband trug. Doch worin diese geheimnisvolle Kraft bestand, konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen. Sie hatte nur oft von jungen Mädchen, die nicht hübsch waren, sagen hören: »Ach ja, sie ist zwar keine Schönheit, aber ... sie hat ›Charme‹!«, und daraus hatte sie geschlossen, daß die Natur unweigerlich allen unschönen Frauen diese Entschädigung gewährt.

Ihr Vater hatte große Pläne für seine Tochter. Um ihr einen größeren Bekanntenkreis zu verschaffen als in Wimbledon möglich war, hatte er Schloß Hatterway von dem letzten Sproß der Hatterway-Familie gekauft und einen großen Ball gegeben, zu dem er die Gutsbesitzer und angesehensten Familien der Umgegend eingeladen hatte. Merkwürdigerweise aber stellte es sich heraus, daß alle die eingeladenen Damen und Herren gerade an diesem Tage entweder zu einer anderen Gesellschaft bereits zugesagt hatten oder krank waren, so daß sie »außerordentlich bedauerten, die freundliche Einladung des Herrn Babbacombe Jarviß nicht annehmen zu können, ihm aber verbindlichst dankten«.

Gerade als Herr Jarviß seinen kostspieligen Kauf lebhaft zu bedauern begann, führte ihn das Schicksal und ein prächtiges Auto in das einige fünfzig Kilometer entfernte Dorf Pelborough. Der Name kam ihm bekannt vor, doch erst als der Wirt des Gasthauses »Pelborough Waffen« ihm die Geschichte von Doktor Beanes merkwürdigem Erlangen der Pairswürde erzählte, wußte er, wo er diesen Namen gehört hatte.

»Marquis von Pelborough«, sagte Herr Jarviß nachdenklich, »und ganz mittellos! Hm!«

Darauf fuhr er auf dem kürzesten Weg nach Hause, ging in das Zimmer, das die Möbellieferanten mit funkelnagelneuen Büchern ausstaffiert und deshalb die »Bibliothek« getauft hatten, und suchte in alten Zeitungen die Auskunft, die er brauchte.

»Als Angestellter bei Herrn Leither, dem bekannten Versicherungsagenten«, las er und pfiff.

Es hatte während des Krieges Zeiten gegeben, in denen es Herrn Jarviß nicht ratsam erschienen war, ein Lieferungsangebot unter seinem eigenen Namen zu machen. Für diese Transaktionen hatte Herr Leither die Rolle des Agenten gespielt und dafür ein halbes Prozent Provision bekommen; daher war er Herrn Jarviß einigermaßen verpflichtet. Dieser ließ sich vom Fernsprechamt mit Herrn Leithers Bureau verbinden, aber als er den Anschluß bekam, war der Versicherungsagent schon nach Hause gegangen. Am nächsten Morgen ließ Herr Jarviß sich von neuem verbinden, aber ein wenig zu früh. Er brauchte jedoch nicht lange auf den Anruf seines früheren Agenten zu warten.

»Ja, er ist hier,« sagte Herr Leither und fügte leiser hinzu: »er ist sogar im Nebenzimmer, Herr Jarviß.«

»Wie sieht er aus?« fragte Jarviß.

»Ach, eigentlich wie jeder andere Sterbliche«, war die unbefriedigende Antwort.

»Jung?«

»Ach ja.«

»Verheiratet?«

»Nein, um Himmelswillen, nein!«

Herr Jarviß überlegte.

»Könnten Sie es nicht irgendwie bewerkstelligen, daß er für einige Tage zu mir hier herauskommt, Leither?«

»Gewiß«, entgegnete der andere nach einigem Nachdenken. »Ich könnte ihn geschäftlich, in Versicherungsangelegenheiten zu Ihnen schicken.«

»Na, also expedieren Sie ihn heute,« befahl der Plutokrat, »und hören Sie, Leither, Sie könnten ihm das mal stechen, von meinem Vermögen und was ich für ein Wertobjekt bin, verstehen Sie?«

»Gewiß«, antwortete Herr Leither, der noch nicht recht begriffen hatte, was hinter dieser Aufforderung steckte.

»Ein paar hunderttausend Pfund habe ich in petto für meinen künftigen Schwiegersohn.«

»Ach so!« rief Leither, »nun kapiere ich!«

»Und fünf Prozent Provision für den, der das Geschäft entriert! Wie gefällt Ihnen das?« fragte der Magnat jovial.

»Na also, jetzt weiß ich, was die Glocke geschlagen hat, Herr Jarviß ... ja ... ja ... natürlich ... ich verstehe. Heute, spätestens morgen tritt er bei Ihnen an.«

Herr Jarviß legte den Hörer auf. Nun hatte er die Angelegenheit eingeleitet; eine Million Pfund und der »Charme« mußten das übrige tun. Zu dem letzteren hatte er zwar kein besonderes Vertrauen! Er blickte noch einmal in die Morgenzeitung.

»Kein schlechter Redner auch, wie es scheint!« sagte er mit sichtlicher Genugtuung.

Augenblicklich beschäftigten Bubi ganz andere Sachen als die Politik. Samuel, das erstaunliche Kind, hatte an jenem Morgen eine Zuneigung für ihn an den Tag gelegt, die auf die Dauer etwas unbequem wurde. Ehe Bubi ins Bureau fuhr, hatte er das Kind eine Viertelstunde auf dem Schoß gehabt. Aber als er fortgehen wollte, hatte Samuel allen Versuchen, sowohl Gwendas als auch denen der sonst so bezaubernden Frau Phibbs, ihn von Bubi zu trennen, hartnäckigen Widerstand geleistet. Augenscheinlich hatte Sam plötzlich Sinn für die Aristokratie entwickelt; wenigstens war das Frau Phibbs' Erklärung für sein merkwürdiges Benehmen.

»Du willst wohl keinen Geringeren als einen Marquis zu deiner Pflege haben, was?« fragte sie das schreiende kleine Wesen, aber Sam war scheinbar nicht auf Scherze gestimmt. Sein Jammern verfolgte Bubi bis zur Haustür hinunter; als er zu Tisch nach Hause kam und hörte, daß das Kind seit morgens kaum aufgehört hatte zu wimmern, war er ganz bestürzt.

Als der Kleine Bubi erblickte, lächelte er schwach.

Der Marquis setzte sich mit seinem Schutzbefohlenen ans Fenster, und Samuel benahm sich sofort wie ein zivilisiertes Menschenkind.

Aber bei Frau Phibbs' erstem Versuch, die aristokratische Kinderfrau zu befreien, stieß Samuel einen so gellenden Schrei aus, daß sämtliche Bewohner der Doughtystraße zusammenliefen. Alle diese Freundschaftsäußerungen sowie die Kundgebungen seiner Unzufriedenheit hätte man mit einem Diätfehler entschuldigen können, aber am Abend wurde das Kind noch unerträglicher, so daß selbst Bubi es nicht mehr beruhigen konnte.

Nach der Entdeckung von einigen kleinen roten Punkten auf Sams mit Fett ausgepolsterter Brust, hielten Gwenda und Frau Phibbs Rat. Darauf wurde schleunigst nach einem Arzt geschickt. Nachdem dieser ohne besondere Eile dem Ruf gefolgt war und einen Blick auf die kleinen roten Punkte, die sich inzwischen beträchtlich vermehrt, geworfen hatte, sagte er einfach und kaltblütig: »Masern«; fügte allerdings hinzu: es könnten auch Röteln sein, aber jedenfalls läge kein Grund zur Besorgnis vor.

Bei der Rückkehr aus dem Theater abends wurde Gwenda die tragische Nachricht mitgeteilt.

»Das ist furchtbar, nicht wahr?« sagte Bubi außer sich.

»Ich halte es nicht für so furchtbar«, meinte Gwenda mit heiterem Lächeln. »Alle Kinder haben mal die Masern.«

»Müßten wir nicht eine Pflegerin kommen lassen?« fragte Bubi.

»Unsinn!« antwortete die praktische Frau Phibbs, die in dem Augenblick eintrat. »Wozu brauchen wir eine Pflegerin?«

Trotzdem schlief Bubi schlecht in jener Nacht. Alle die Besorgnisse und die Angst eines Vaters machte er durch und empfand wie nie zuvor die ganze Schwere der Verantwortung, die auf einem Vormund lastet.

Am zweiten Tag von Samuels Krankheit, als das ärztliche Bulletin beruhigend lautete – Bubi sah zwar keinen sichtbaren oder überzeugenden Grund dafür ein –, verabredeten Gwenda und er sich mittags zu treffen und in der Strandstraße zusammen zu speisen. Frau Maynard mußte vormittags der Probe einer Schauspielertruppe, die »Verworrene Schicksale« in Provinzstädten spielen wollte, beiwohnen.

»Ich fahre nach Gloucestershire«, sagte Bubi ganz unvermittelt, »und werde wahrscheinlich zwei oder drei Tage fort sein, Gwenda.«

Sie nickte.

»Das ist sehr schön, Bubi. Es freut mich, daß Sie ein bißchen herauskommen werden. Liegt eine besondere Veranlassung vor?«

»Ja, einer unserer Kunden«, entgegnete Bubi mit drolliger Wichtigkeit, »möchte gern über eine Versicherungspolice, die kürzlich von der ›London-, Neuyork- und Paris-Gesellschaft‹ herausgegeben worden ist, Näheres wissen, darum soll ich hinfahren und diesem Herrn alles auseinandersetzen.«

»Aber brauchen Sie zwei oder drei Tage dazu, Bubi?« fragte Gwenda und sah ihn prüfend an, dachte aber dabei an Herrn Leither.

»Wer ist denn dieser Herr?«

»Ach, das ist einer, der im Kriege sehr viel Geld verdient hat, ein sehr großzügiger Mensch«, berichtete Bubi.

»Wer hat Ihnen das erzählt?«

»Herr Leither. Denken Sie! Er soll sogar gesagt haben, daß sein Schwiegersohn zweihunderttausend Pfund bekommt! Wenigstens, Herr Leither behauptet es.«

»Ach so!« erwiderte Gwenda. »Und wer mag der Schwiegersohn sein?«

»Ich weiß nicht«, meinte der naive Bubi, kopfschüttelnd, »irgendein Glückspilz wahrscheinlich, – das heißt –« fügte er hinzu, »wenn das junge Mädchen nett ist.«

Gwenda sah ihn seltsam an.

»Und wenn das Mädchen nicht nett sein sollte, Bubi?«

»Sie muß nett sein, sonst würde er sie nicht heiraten wollen«, meinte Bubi ernst.

Gwenda sah auf das Tischtuch nieder und spielte mit dem Ehering an ihrem Finger.

»Welche Eigenschaften muß eine junge Dame besitzen, um in Ihren Augen als nett zu gelten?« fragte sie dann, obwohl sie eigentlich wissen mußte, welche verfängliche Frage sie damit stellte.

»Nun,« sagte Bubi zögernd, »wenn sie so wäre wie Sie, Gwenda, und nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch eine schöne Seele hätte ...«

»Ja, ja«, unterbrach ihn Gwenda. »Ich weiß, was Sie meinen, aber nicht wie ich bin, Bubi, sondern wie das Bild, das Sie sich von mir machen. Na, wann fahren Sie denn eigentlich?«

»Heute nachmittag.«

Sie nickte.

»Vielleicht,« sagte sie dann, nach längerem Schweigen, »vielleicht heiratet dieser Schwiegersohn die Tochter von Herrn Jarviß nur, weil sie eine Mitgift von zweihunderttausend Pfund bekommt.«

Bubi starrte sie entgeistert an.

»Meinen Sie das wirklich? Kennen Sie denn die Leute?«

»Nein, diese kenne ich zwar nicht, aber die Menschen im allgemeinen.«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Das halte ich für ausgeschlossen, Gwenda. Es wird wohl ab und zu mal solche Menschen geben, aber sonst, denke ich, würde jeder ein nettes junges Mädchen, das ihm gefällt, heiraten, ob sie reich oder arm ist. Es kommt hauptsächlich darauf an, daß sie die Richtige für ihn ist, meinen Sie nicht?«

Gwenda biß sich auf die Lippen.

»Das nehme ich an«, meinte sie.

Vor seiner Abreise hatte Bubi eine Unterredung mit seinem Chef.

»Nun, mein lieber Pelborough,« begann Herr Leither, mit dem üblichen Schlag auf den Rücken – Bubi war bereits darauf gefaßt und straffte schon rechtzeitig die Muskeln, um dem Angriff zu begegnen – »Sie werden eine sehr schöne Zeit bei meinem lieben Freund Jarviß verleben. Welch ein Mann ist Jarviß, Pelborough!« fuhr er begeistert fort. »Wie gastfreundlich! Wie hochherzig! Zweihunderttausend Pfund bekommt sein Schwiegersohn!«

»Hoffentlich verdient er es!« meinte der Marquis von Pelborough.

»Davon bin ich überzeugt!« entgegnete Leither. »Was könnte man nicht alles mit zweihunderttausend Pfund tun, – wenn man sie hätte! Das sind eine Million Dollar und bei der jetzigen Valuta zehn Millionen Franken – das hieße zehntausend Pfund jährlich Zinsen zu fünf Prozent! Und das alles kriegt der Schwiegersohn!«

»Wie heißt er eigentlich?« fragte Bubi, der sich für diesen Herrn zu interessieren begann.

Herr Leither hüstelte.

»Na, ich weiß nicht, ob ein Schwiegersohn schon in Aussicht ist. Offen gesagt, weiß ich nicht einmal bestimmt, ob Fräulein Jarviß überhaupt schon verlobt ist. Sie ist aber ein Prachtmädel!«

Herr Leither hatte Minnie noch nie gesehen, sonst hätte er sofort abgelenkt.

»Was sie für Augen hat!« rief er entzückt. »Und eine Figur! So zierlich und fein! ...«

»Sie muß sehr hübsch sein«, sagte Bubi, als sein Chef seinen Vorrat an Superlativen erschöpft hatte. »Wollen wir die junge Dame auch versichern?«

Als Bubi an seinem Bestimmungsort ankam, fand er, daß Herr Jarviß ihm die Ehre erwiesen hatte, ihn in höchsteigener Person von der Bahn abzuholen. Damit war es aber aus mit den Ehrenbezeugungen.

Herr Jarviß gehörte zu den Menschen, welche glauben, sich etwas zu vergeben, wenn sie eingestehen, daß ein anderer gesellschaftlich höher steht als sie. Daher benahm er sich eher brüsk als liebenswürdig gegen Bubi und vermied jegliche Anrede, wenn er mit ihm sprach. Er spielte bewußt die Rolle des »ungeschliffenen Edelsteines«, eine, die gut zu den Redensarten »Vorliebnehmen« und »Man muß die Leute eben nehmen wie sie sind« paßt.

»Wir haben keinerlei Vorbereitungen für Ihre Ankunft getroffen«, sagte er, »aber wir werden schon irgendeine Bucht für Sie finden, alter Junge!«

»Gewiß«, meinte Bubi, der sich schon darauf gefaßt machte, in einem Stall schlafen zu müssen. »Ich dachte aber, Herr Leither hätte Sie telegraphisch von meiner Ankunft in Kenntnis gesetzt.«

»Ach ja, das schon. Wie gefällt Ihnen mein Auto, hm?«

Die Herren standen vor dem Stationsgebäude, wo drei oder vier Autos hielten. Die Straße lief steil ab.

»Es gefällt mir sehr gut. Es gibt zwar eine Menge Leute, die Ford-Wagen nicht mögen, von anderer Seite aber habe ich gehört ...«

»Ach, den Ford-Wagen meine ich auch nicht!« entgegnete Herr Jarviß ärgerlich, »den daneben, den großen! Was meinen Sie, was mich das Gestell allein gekostet hat? Dreitausend Pfund!«

»Was Sie sagen!« rief Bubi und bemühte sich, das nötige Quantum von Bewunderung in die Stimme zu legen.

»Ich möchte gern, daß Sie meine Tochter kennenlernen«, fuhr Herr Jarviß fort, als sie den Berg, auf welchem das Hatterwayer Schloß lag, hinauffuhren. »Sie ist ein sehr nettes Mädchen.«

»Ja, das sagte mir Herr Leither schon«, erwiderte Bubi höflich. »Und ich glaube auch gehört zu haben, daß sie verlobt ist. Meinen herzlichen Glückwunsch, Herr Jarviß!«

Herr Jarviß wandte sich um und sah Bubi an.

»Der Moment, in dem eine junge Dame gerade auf der Schwelle des Lebens steht, ist vielleicht nicht geeignet, um ein solches Thema anzuschlagen,« fuhr Bubi harmlos fort, der nur an seine Pflicht als Versicherungsagent dachte, »aber glauben Sie nicht, daß es ganz ratsam wäre, die Dame zu versichern? Ich habe eine Police hier, die ich besonders empfehlen kann.« Er kramte in seinen Taschen nach. »Diese versichert auch gegen Krankheit und Unfälle und hat außerdem den großen Vorteil,« plapperte er weiter, »daß sie das Leben des ersten Kindes bis zum neunten Jahre mitversichert.«

»So, das tut sie, ja?« fauchte Herr Jarviß, der sich eben erst so weit erholt hatte, daß er überhaupt sprechen konnte. »Wie kommen Sie auf die Idee, daß Minnie verlobt ist?«

»Ich habe Herrn Leither so verstanden«, stammelte Bubi, dem es jetzt klar wurde, daß er eine Dummheit begangen hatte. »Es tut mir schrecklich leid, wenn ich Herrn Leithers Geheimnis verraten habe.«

»Wenn es überhaupt ein Geheimnis darüber gäbe, wäre es meins und nicht Herrn Leithers«, brummte Herr Jarviß.

»Ja, das stimmt eigentlich«, murmelte Bubi, beschwichtigend.

»Sie ist ein sehr nettes Mädchen; ein außerordentlich nettes Mädchen ist meine Tochter«, wiederholte der stolze Vater kopfschüttelnd, als ob ihn die Erinnerung an alle ihre Vorzüge ein wenig überwältigte.

»Ja, das ist mir wiederholt gesagt worden«, meinte Bubi, eifrig bemüht, seinen Fehler wieder gutzumachen.

»Sie soll auch sehr hübsch sein, habe ich gehört. Es muß doch ein schönes Gefühl sein, der Vater einer sehr hübschen Tochter zu sein.«

»Nun, beim ersten Blick würde man sie wohl nicht direkt hübsch nennen«, beeilte sich Herr Jarviß einzuwerfen, der jetzt auch bemüht war, irgendwelchen falschen Eindruck, den er erweckt hatte, zu beseitigen. »Sie hat, was man ›Charme‹ nennt. Und ›Charme‹ würde jede junge Dame lieber haben als ein hübsches Gesicht.«

»Ja, da haben Sie ganz recht«, meinte Bubi und nickte zustimmend. »Und die meisten hübschen jungen Damen haben auch ›Charme‹, nicht wahr?« fügte er hinzu und lächelte seinen Gastgeber wohlwollend an. »Wenn ich jemals Familienvater werden sollte, werde ich mich wohl sehr bescheiden über die Vorzüge meiner Kinder äußern, so wie es die Chinesen tun. Bei denen ist es so Sitte, nicht wahr? Ich glaube, ich habe erst kürzlich darüber in irgendeiner Zeitung gelesen.«

»Was diesem Lande not tut,« unterbrach ihn Herr Jarviß, der sich nicht im geringsten für die chinesischen Sitten interessierte, »sind Verbindungen, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, zwischen den kräftigen, gesunden Töchtern des Volkes und den stolzen und verweichlichten Aristokraten.«

»Ganz recht«, meinte Bubi ernst. »Ich bin ein ziemlicher Demokrat. Im tiefsten Herzen habe ich nie die ererbte Aristokratie anerkannt, sondern nur die des Genies. Wie oft habe ich, wenn ich auf dem Lande war, die vielen schönen jungen Mädchen bedauert, die dazu verurteilt sind, ihr Leben in einem kleinen Dorf zu verbringen, wo sie keine Gelegenheit haben ...«

»Ich spreche aber jetzt nicht von schönen jungen Dorfmädchen,« knurrte Herr Jarviß, »sondern von meiner Tochter.«

Bubi lächelte verbindlich.

»Sie sind heute scherzhaft aufgelegt, Herr Jarviß,« antwortete er, »aber Sie erinnern mich an meine Pflicht. Ich habe alle Verzeichnisse, die Sie zu sehen wünschten, mitgebracht, und Herr Leither meint, daß Verzeichnis A der Police der neuen ›London-, Neuyork- und Paris-Gesellschaft‹ gerade das Richtige für Sie sein wird.«

»Ich interessiere mich augenblicklich nicht für Versicherungen. Ich sprach eben von Heiraten zwischen der Aristokratie und den wohlhabenden – ich möchte sagen – den sehr wohlhabenden Mittelklassen«, meinte Herr Jarviß mit Nachdruck. »Der junge Mann, der meine Tochter heiratet, kriegt zweihunderttausend Pfund. Das ist ein ordentlicher Batzen, was?«

»Allerdings ist das eine große Summe und zeugt von Ihrer Freigebigkeit«, meinte Bubi herzlich. »Von einer so großen Mitgift – das ist wohl der richtige Ausdruck – hört man nicht jeden Tag. Aber ich nehme an, daß Sie Ihren künftigen Herrn Schwiegersohn schon kennen, denn Sie würden vermutlich nicht riskieren, ein solches Vermögen in die Hände eines Verschwenders zu legen. Es würde mich freuen, den betreffenden Herrn kennenzulernen.«

»Das werden Sie hoffentlich tun«, brummte Herr Jarviß, als der Wagen vor dem Eingang des Hatterwayer Schlosses hielt.

Er führte seinen Gast in eine große, eichengetäfelte Diele, wo ein junges Mädchen in graziös nachlässiger Pose, ein Buch in der Hand, saß. Als die Herren eintraten, sprang sie überrascht auf und tänzelte ihnen entgegen.

Bubi betrachtete sie aufmerksam. Eine Hausgenossin wahrscheinlich, dachte er bei sich und bemerkte gleichzeitig, wie schlecht das smaragdgrüne Kleid zu den knallroten Wangen der jungen Dame paßte.

Ohne ein Wort zu sprechen, lächelte sie erst Bubi, dann Herrn Jarviß an.

»Eine Ausländerin«, sagte sich Bubi.

»Das ist also meine Tochter, Lord Pelborough«, stellte Herr Jarviß vor. Mit offenem Mund ließ Bubi die Hand, die er schon halb ausgestreckt hatte, fallen. Als ob er kurzsichtig wäre, streckte er den Kopf vor und sah das junge Mädchen mit zusammengekniffenen Augen an. Er stammelte: »Ihre ... Ihre Tochter?«

»Ja, meine Tochter Minnie. Ich hoffe, Minnie, du wirst dein möglichstes tun, um Lord Pelborough den Aufenthalt bei uns recht nett zu gestalten.«

»Aber natürlich, Papa«, erwiderte sie mit dem kindlichen, holden Lächeln, das sie bei solchen Gelegenheiten aufsetzte.

Bubi blinzelte immer noch.

Während seine Reisetasche von drei Dienern in sein Zimmer hinauf eskortiert, geleitet und getragen wurde, ergriff die junge Dame naiv vertraulich Bubis Arm und führte ihn durch einen großen, mit Säulen geschmückten Raum, der ihn an das Vestibül im Oberhaus erinnerte, in den Salon, dessen Ausstattung ein Mittelding zwischen Minnies und ihrer Mutter Geschmack darstellte. In dem Zimmer drängten sich mindestens sechshundert Gegenstände, von der oxydierten Kaminfeuerzange und Schaufel angefangen, bis zu dem knallroten Kissen auf einem blaßrosafarbenen Sofa, und alles zusammen wirkte derartig schreiend, daß Bubi sich am liebsten Ohren und Augen zugehalten hätte.

An das nun stattfindende Abendessen wird Bubi sein ganzes Leben denken.

Herr Jarviß gehörte zu jenen Wirten, welche der Meinung sind, daß Gastwirtschaft darin besteht, ihre Gäste bis zum Platzen zu füllen.

»Nanu, Lord Pelborough! Sie können doch unmöglich schon die Waffen strecken wollen! Noch ein Stückchen Fasan? Keinen Widerspruch!« oder »Mutter, Lord Pelborough ißt gar nichts!« oder »John, geben Sie Lord Pelborough noch etwas Lammrücken!«

Bubi bemühte sich tapfer, alles, was ihm aufgezwungen wurde, aufzuessen, aber jedesmal, wenn er glücklich einen Teller leer gegessen hatte, wurde er ihm von neuem gefüllt. Als die Tafel endlich aufgehoben wurde, stand er etwas schwankend auf, denn er hatte das Gefühl, als stellte er eine jener grotesken, aufgepumpten Gestalten dar, die man auf Reklamebildern für Gummireifen lebensgroß auf Plakaten sieht.

»Nun, mein Junge, jetzt werden Sie eine Zigarette auf der Terrasse rauchen, nicht wahr?«

»Danke, ich rauche nicht«, antwortete Bubi.

»Na, denn trinken Sie eine Tasse Mokka draußen auf der Terrasse.«

»Wird es nicht ziemlich kühl dort sein?« fragte Bubi verwundert. Es stellte sich jedoch heraus, daß jener Teil der Terrasse, wohin Bubi so herzlich aufgefordert wurde, sich zu begeben, von Glaswänden eingeschlossen und mit Zentralheizung versehen war.

»Kommen Sie auch dorthin, Herr Jarviß?« fragte Bubi.

»Ich werde gleich nachkommen«, meinte der diplomatische Jarviß. »Laufen Sie nur.«

Bubi war natürlich unfähig, zu laufen. Er konnte nur in den Wintergarten wanken und sich dort mit einem Seufzer der Erleichterung in einen Sessel fallen lassen. Zuerst glaubte er allein auf der »Terrasse« zu sein, aber plötzlich, wie aus einer Versenkung, tauchte Minnie Jarviß vor ihm auf und setzte sich neckisch auf die Lehne seines Fauteuils. Bubi erhob sich.

»Aber bitte, bleiben Sie sitzen, Lord Pelborough«, sagte sie mit anmutigem Lächeln. »Ich sitze hier sehr bequem.«

»Sie gestatten wohl, daß ich Ihnen einen Stuhl hole?« sagte Bubi.

»Sie sind ein sehr ungezogener Junge!« meinte Minnie schelmisch. »Setzen Sie sich sofort wieder hin!«

Um nicht unhöflich zu erscheinen, tat Bubi ihr den Gefallen. Als die junge Dame scheinbar gedankenlos den Arm um seine Schultern legte, fuhr er leicht zusammen, und wie sie sich bald darauf mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers gegen ihn lehnte, konnte er einen Schauder nicht unterdrücken.

»Sie sind doch ein komischer Mensch!« sagte sie etwas weniger schelmisch als soeben. »Können Sie nicht stillsitzen?«

»Vielleicht wäre es Ihnen doch lieber, wenn ich einen zweiten Stuhl holte?« schlug Bubi vor und sah sich verzweifelt um, in der Hoffnung, die Mutter oder der Vater der jungen Dame würden erscheinen und ihn aus dieser peinlichen Lage befreien. Aber die Mutter der Dame saß in dem schreienden Salon und legte Patience, und der Vater der Dame saß in seinem Bibliothekzimmer und hoffte das Beste.

Da Bubi also auf Selbsthilfe angewiesen war, tat er sein möglichstes, um die Unterhaltung auf das Versicherungswesen zu lenken. Er machte sich ohnehin schon Vorwürfe, daß er noch keine passende Gelegenheit gefunden hatte, über das Verzeichnis A mit dem Vater des jungen Mädchens zu sprechen. Jetzt versuchte er bei Minnie für die Police, welche so hinreißende Aussichten bot und die er schon auf dem Wege vom Bahnhof Herrn Jarviß erklärt hatte, Interesse zu erwecken.

»Seien Sie nicht so dumm, dumm, dumm!« sagte sie und zupfte ihn am Ohr; ein Verfahren, das Bubi veranlaßte, sich tiefer in seinen Sessel hinein zu ducken. »Ich heirate noch nicht, das heißt, ich glaube nicht.«

»Ach, ich dachte, Sie sind schon verlobt, Fräulein Jarviß?«

»Nein, noch nicht«, antwortete sie und fügte scherzhaft hinzu: »Der richtige Herr ist noch nicht gekommen, der richtige Lord ist vielleicht schon da, aber er hat noch nicht um mich angehalten.«

»Ist er denn ein Lord?« fragte Bubi teilnahmsvoll.

Aber sie wollte es ihm durchaus nicht sagen. Er sollte raten. Dreimal dürfte er raten. Um sicher zu gehen, fing er mit dem Lord-Kanzler an. Scheinbar war die Existenz dieses edlen Lords der Familie Jarviß unbekannt, denn sie fragte, ob es der gräßliche Mann wäre, der den Kriegsgewinnlern die abscheulichen Steuern auferlegte.

»Also einmal haben Sie falsch geraten. Nun können Sie nur noch zweimal versuchen.«

Aber Bubi gab es auf.

»Sie sind dumm!« meinte Fräulein Jarviß, »oder Sie sind vielleicht so reich, daß Sie sich aus zweihunderttausend Pfund gar nichts machen?«

»Ich?!« fragte Bubi verwundert. »Wer will mir denn zweihunderttausend Pfund geben?« und dann auf einmal wurde ihm klar, in welcher grauenhaften Lage er sich befand. Einen Augenblick drehte sich alles mit ihm im Kreise. Blaß vor Bestürzung und Entsetzen stand er auf.

»Ich – ich würde niemals darum heiraten, keine – und nicht wenn sie Millionen und Millionen Pfund hätte!« rief er, und seine Stimme überschlug sich fast vor Erregung, »der Gedanke, einen Menschen seines Geldes wegen zu heiraten, widert mich an! Die schönste Frau der Welt würde ich nicht um ihres Geldes willen nehmen!«

»Ich habe Sie noch gar nicht darum gebeten!« entgegnete Fräulein Jarviß trotzig; »ich habe Sie noch gar nicht darum gebeten, Sie eingebildeter Lümmel! Einen Mann wie Sie müßte man vergiften! So einer kommt hierher ... spielt sich auf ... hat keinen Pfennig in der Tasche ... macht ein Mädchen unglücklich ...« Den Weg zum Salon mit Tränen benetzend, ergriff sie die Flucht, um Trost bei ihrer Mama zu suchen.

Die nächste Stunde enthielt für Bubi sechzig äußerst peinliche Minuten. Als er Herrn Jarviß wiedersah, war der brave Mann noch brüsker als zuvor, ja, sogar grob.

An dem Abend schlich Bubi ganz zerknirscht in sein Schlafzimmer. Im Korridor war er dem jungen Mädchen begegnet, und sie hatte einen so giftigen Blick auf ihn gerichtet, daß er schleunigst in sein Zimmer flüchtete und die Tür hinter sich zuriegelte.

Die Tasse Tee, die man ihm morgens in seine Stube schickte, schmeckte merkwürdig. Alle die Geschichten, die er je über Weiberrache gehört hatte, fielen ihm ein, und er erinnerte sich, daß eine in ihrer Eigenliebe gekränkte Frau vor nichts zurückschreckte. Die Tasse Tee ließ er stehen.

Die Unterredung mit Herrn Jarviß nach dem Frühstück wurde größtenteils von Bubi geführt. Sein Gastgeber saß mit finsterem Gesicht hinter dem Tisch aus massivem Eichenholz und stieß nur einsilbige Antworten mit knurrender Stimme hervor.

In dem Zug, der aus dem Bahnhof dampfte, saß wenigstens ein wirklich dankbarer Mensch. Zwar wußte er, daß er seinem Chef eine Enttäuschung bereitet hatte, aber dieses Bewußtsein quälte ihn eigentlich weniger als das wachsende Angstgefühl, das der merkwürdig schmeckende Tee in ihm erweckt hatte. Ein seltsames Unbehagen lastete auf ihm. Es summte in seinen Ohren und brummte in seinem Schädel. Die Kehle und die Lippen waren ihm trocken. Abwechselnd liefen ihm heiße und kalte Schauer über den Rücken.

»Sie hat mich vergiftet«, murmelte Bubi entsetzt vor sich hin, und als ihm seine kürzlich übernommenen Verpflichtungen einfielen, fügte er hinzu: »Hätte ich mich nur selber versichert!«

Acht Tage später trat ein großer, zorniger Mann in das Bureau von Herrn Leither. Ohne anzuklopfen platzte er in das Privatkontor, wo dieser liebenswürdige, unordentliche Mann an seinem Schreibtisch saß.

»Ach, Herr Jarviß, das ist aber eine unverhoffte Freude!« rief Herr Leither erstaunt.

»Freude! zum Teufel mit Ihrer Freude!« brummte Jarviß. »Dieser verfluchte Lümmel da, den Sie mir schickten, Lord Dingsda, zum Henker, das Vieh! das Biest!«

Herr Leither sah seinen Besuch verwundert an.

»Ich habe ihn seit seiner Rückkehr nicht gesehen. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß – – –«

»Bekannt! Mir ist mehr von diesem Lümmel bekannt als mir lieb ist, das kann ich Ihnen sagen, Leither!«

Herrn Leithers Gesicht wurde immer länger. Die Aussichten auf fünf Prozent Provision schwanden in weite Fernen.

»Hat er Ihrer Tochter nicht sein Herz zu Füßen gelegt?« fragte er hochtrabend.

»Sein Herz zu Füßen gelegt?« brüllte der wütende Vater. »Nein! Meine Tochter liegt krank zu Bett! Wo ist er jetzt?«

Herr Leither schüttelte den Kopf.

»Er liegt auch zu Bett, und zwar hat er die Röteln«, sagte er.

Herr Jarviß taumelte zurück.

»Na, also! Nun weiß ich, woher meine Tochter sie hat!« jammerte er.

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