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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zweites Kapitel.
Nur an einem Abend

»Guten Morgen«, sagte Bubi heiter, als er seinen Hut aufhing und an seinen Schreibtisch ging.

Seine drei Kollegen und die Stenotypistin hatten, seitdem sie da waren, gespannt nach der Tür gesehen.

»Guten Morgen«, sagten sie alle mit tiefer Stimme im Chor.

Eine lange und ernste Diskussion hatte an diesem Morgen im Bureau stattgefunden.

Bennet, der Prokurist, war ein offenkundiger Sozialist, ja, sogar Kommunist, aber gerade er bestand darauf, daß Bubi mit »Mylord« angeredet wurde.

»Ich für meine Person,« sagte er, »halte alle Titel für ein lächerliches Überbleibsel der Klassenprivilegien, aber Bubi Beane ist immer höflich gegen mich gewesen, und ich betrachte ihn als einen Kameraden und eine Zierde für das Proletariat.«

»Ein bißchen formell, nicht wahr?« wandte der Buchhalter ein. »Ich meine, wir können ihn nicht gut als unseresgleichen behandeln, wenn wir ihn mit ›Mylord‹ anreden.«

»Wie wäre es, wenn wir ›gnädiger Herr‹ sagten?« schlug Fräulein Commers, die Stenotypistin, vor.

Aber diese Titulierung wurde als zu devot abgelehnt.

Schließlich kamen sie überein, daß sie es geflissentlich vermeiden wollten, überhaupt eine Anrede zu gebrauchen.

Bubi bemerkte die Blumen auf seinem Schreibtisch und bückte sich, um ihren Duft einzuatmen.

Herr Leither war auch zeitig gekommen, denn er hatte folgende sensationelle Nachricht im Abendblatt gelesen:

» Ein Bureauangestellter erbt das Marquisat von Pelborough!
Erfolgreicher Antragsteller auf eine erloschene Pairschaft stirbt, und der Titel geht auf einen jungen Versicherungsagenten über.«

Er hatte Bubi per Telegramm (dessen Rückantwort vorausbezahlt war) etwas widerstrebend den nötigen Urlaub gegeben, damit dieser dem Begräbnis seines Onkels beiwohnen könne. Herr Leither hatte natürlich keine Ahnung, daß diese Beerdigung so erstaunlich romantische Folgen haben würde.

Er wartete in seinem Zimmer, dessen Tür angelehnt war, bis sein aristokratischer Angestellter erschien.

Bubi setzte sich an seinen Tisch, schloß die Schubladen auf und holte die Rundschreiben hervor. Das Begräbnis seines Onkels hatte ihn nicht weiter traurig gestimmt. Das Schlimmste an der ganzen Begebenheit für ihn war, daß es ihm oblag, Doktor Beanes Hauspersonal zu verabschieden und das Mobiliar versteigern zu lassen. Der Tag, an dem er die mühsame Arbeit verrichten mußte, die persönlichen Briefschaften des Doktors zu ordnen, war der unangenehmste gewesen. Dabei war ihm klar geworden, daß die Pairschaftsfrage den Lebensinhalt seines Onkels bedeutet hatte. Mit einem Gefühl der Erleichterung ging Bubi an seine gewohnte Arbeit. Der Doktor hatte kein Vermögen gehabt. Er lebte von einer Jahresrente und hatte alles in allem fünfhundert Pfund hinterlassen.

Das Haus, das Bubi nicht verkaufen wollte, und der Grund und Boden, auf dem es stand, hatten vielleicht auch noch einen Wert von fünfhundert Pfund. Aber das war alles.

Kaum hatte Bubi die Feder in die Hand genommen, als Herr Leither, unordentlich wie immer, eine Zigarette im Mund, die Weste mit Asche bestreut, ins Zimmer trat.

»Morgen, Pelborough!« sagte er fast herausfordernd.

Bubi starrte seinen Chef an und grinste.

Er hatte sich noch nicht an seinen aristokratischen Titel gewöhnt, und Herr Leither war der erste, der ihn mit diesem Namen anredete, der ihn an einen Bahnhof erinnerte.

»Guten Morgen, Herr Direktor«, erwiderte Bubi.

Herr Leither hustete.

»Das traurige Ereignis ist also überstanden?« fragte er, »das heißt der selige Herr Marquis ist – – hm – – beerdigt?«

»Den Doktor meinen Sie? Ach ja – – ich verstehe – der Marquis natürlich«, sagte Bubi verlegen, »ja, das ist nun erledigt.«

Herr Leither hustete wieder.

»Dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen, hm – – Pelborough?«

Bubi erschrak.

»Habe ich wieder etwas versehen, Herr Direktor?« fragte er. »Ich gab mir Sonnabend solche Mühe, alles richtig zu machen.«

Herr Leither sah seinen Angestellten betrübt an.

»Falsch gemacht, mein lieber – hm – Pelborough?« meinte er vorwurfsvoll. »Aber keinesfalls! Welche törichte Idee! Kommen Sie bitte in mein Zimmer.«

Der Versicherungsagent schloß die Tür hinter sich.

»Nehmen Sie Platz – hm – – Pelborough. Was für ein Gehalt – – – ich meine natürlich – Honorar bekommen Sie, mein lieber Junge?«

»Honorar? Ach, Sie meinen wohl ›Gehalt‹? Zwei Pfund fünfzehn Schilling die Woche.«

»Lächerlich«, murmelte Herr Leither. »Unerhört! Das geht natürlich nicht! Das ist ja einfach lächerlich für einen Mann Ihres Ranges, mein – – hm – – lieber Pelborough.«

Er ging mit großen, entschlossenen Schritten durchs Zimmer.

»Ich habe in der letzten Zeit ganz besonders über Sie und Ihre Stellung bei mir nachgedacht. Sie dürfen nie vergessen, Pelborough, daß Ihre Arbeit hier eine sehr komplizierte ist.«

Bubis Augen wurden immer größer. War das derselbe Mann, der noch vor vier Tagen ihm klargemacht hatte, daß ein Kind, und noch dazu ein ganz zerlumptes, seine Arbeit erledigen könnte, und sogar tausendmal besser als er?

»Ich habe über diese Frage nachgedacht«, fuhr Herr Leither fort und steckte eine zweite Zigarette an. »Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß das Geschäft zwar vorwärtskommt, aber nicht schnell genug. Wir verlieren tagtäglich wertvolle Kunden. Es gibt unzählige Aristokraten, an die wir nicht herankommen, Pelborough. Unbezahlbare Kunden! Erstklassige Kunden! Ich werde Ihnen einen Vorschlag machen. Wie denken Sie über eine Teilhaberschaft?«

»Teilhaberschaft, Herr Leither? Haben Sie denn die Absicht, einen Teilhaber aufzunehmen?« fragte Bubi.

Herr Leither nickte.

»Wie wäre es, wenn mein Name in der Firma gelöscht würde, und sie ›Versicherungsagentur des Marquis von Pelborough‹ hieße? Was meinen Sie?«

Bubi legte die Stirn in nachdenkliche Falten.

»Ich verstehe nicht ganz, wie Sie das bewerkstelligen wollen, Herr Leither«, sagte er. »Ich habe doch kein Geld.«

»Geld!« rief der Agent verächtlich. »Geld! Für das Geld werde ich schon sorgen, mein Junge. Sie haben den einflußreichen Namen. Nun, was sagen Sie?«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht klug genug dazu, Herr Leither, und Einfluß habe ich erst recht nicht. Es ist sehr freundlich von Ihnen gemeint, aber es ist mir nicht klar, inwiefern ich Ihnen dabei behilflich sein kann.«

»Na, überlegen Sie es, Pelborough«, entgegnete Herr Leither, der sich sogar dazu aufschwang, den aristokratischen Rücken seines Angestellten, das heißt des neugebackenen Marquis, zu klopfen. »Überlegen Sie es, mein lieber Junge,« wiederholte er, »und essen Sie um ein Uhr mit mir.«

Aber Bubi hatte um diese Zeit eine Verabredung, die er um nichts in der Welt versäumt hätte.

»Doch nicht Ihre – – hm – – Freundin vom Theater?« fragte Herr Leither, und als Bubi es zugab, lächelte sein Chef verständnisvoll.

Gwenda Maynard war zu ihrer großen Freude und Erleichterung jetzt engagiert. Daß sie nicht mehr in Bubis Pension wohnte, war nicht die Schuld seiner entgegenkommenden Wirtin, Frau Shipmet. Sie hatte Gwenda buchstäblich angefleht, eine so kleinliche Angelegenheit wie rückständige Miete nicht als Trennungsgrund zwischen zwei Menschen anzusehen, die, wie Frau Shipmet versicherte, ›immer die besten Freunde gewesen waren, hm‹.

Aber Gwenda wußte besser als der entzückte Bubi, daß Frau Shipmets veränderte Taktik der Angst zuzuschreiben war, daß sie sonst Bubi auch verlieren würde, und damit die glänzende Reklame, die er für ihre Pension bedeutete. Frau Shipmets Befürchtungen waren auch begründet, denn Bubi hatte schon im Geiste den Brief verfaßt, der seinen bevorstehenden Abgang aus der Pension ankündigte.

Gwenda ließ sich jedoch nicht erweichen. Man hatte ihr ein Zimmer in der Doughtystraße, Bloomsbury, angeboten. Eine bekannte Dame besaß dort eine kleine Wohnung, und Gwenda nahm das Anerbieten dankbar an.

»Ich habe ein wunderbares Zimmer, Bubi!« erzählte sie ihm nach der Begrüßung begeistert, »und Maggie Bradshaw hat das entzückendste Kind! Es ist ein Junge, er heißt Samuel. Sie würden sich auch in ihn verlieben!«

In einem vornehmen Restaurant in Holborn aßen die beiden zusammen Mittag, ein für Bubi ganz ungewöhnlicher Leichtsinn.

»Was ist nun inzwischen alles passiert?« fragte Gwenda. »Sie müssen bedenken, daß ich Sie seit Sonnabend nicht gesehen habe. Es war rührend von Ihnen, mich bis nach Bloomsbury zu begleiten.«

»Was passiert ist?« entgegnete Bubi und strengte sein Gedächtnis an. »Ich weiß nicht mehr ganz genau. Als ich aus Bloomsbury zurückkam, waren sie alle noch auf und warteten scheinbar auf mich. Frau Shipmet war außergewöhnlich liebenswürdig; sie nötigte mich in ihr ›Budor‹ und fragte, ob ich vielleicht ein Glas Wein trinken wollte. Obgleich ich keinen Wein trinke, fand ich das furchtbar freundlich von ihr. Sie muß wohl gefunden haben, daß ich etwas angegriffen aussah.«

»Höchstwahrscheinlich«, erwiderte Gwenda trocken. »Wie haben sie Sie angeredet?«

»Wie sie mich anredeten?« widerholte Bubi. »Ach, ›Mylord‹ oder so etwas Ähnliches, glaube ich. Es war mir recht peinlich, denn gerade die, die ich am wenigsten leiden kann, waren am freundlichsten. Sogar Herr Fred kam auf mich zu und sagte, er empfände es als eine Ehre, eine Backpfeife von mir erhalten zu haben. Das ist natürlich idiotisch!«

Er sah die junge Frau nachdenklich an.

»Gwenda, ich muß von Frau Shipmet fortziehen. Sie will mir durchaus das beste Zimmer im ganzen Hause geben, und das kann ich natürlich nicht annehmen. Es würde viel zu teuer werden. Ist nicht noch ein Zimmer bei Ihnen frei?«

Gwendas Augen lachten.

»Sie könnten vielleicht bei dem Säugling Samuel wohnen«, sagte sie ernst. »Margaret sagte erst neulich, daß sie einen zweiten Pensionär aufnehmen möchte.«

Vor Erregung sprang Bubi beinahe von seinem Stuhl auf.

»Das wäre ja wundervoll!« sagte er. »Haben Sie nun wirklich eine Rolle bekommen, Gwenda?«

Sie nickte.

»Jawohl, ich spiele die ›Frau Wahrheit‹. Ach, Bubi,« sagte sie plötzlich, »Herr Solburg möchte Sie gern sprechen.«

Bubi blickte verlegen darein.

»Wahrscheinlich hält er es für eine kolossale Frechheit, daß ich ihn vorigen Sonnabend anrief und ihn bat, Ihnen die Rolle zu geben«, meinte Bubi. »Ich weiß jetzt nicht, wie ich es fertig bekommen habe.«

»Ich weiß es aber«, sagte die junge Frau. »Weil Sie das beste Herz von der Welt haben! Ich bekam die Rolle auch.«

Sie erzählte ihm nicht, daß Fräulein Moran, die ihre Rolle spielen sollte, plötzlich an Influenza erkrankt war, und sie diesem Umstand Solburgs Sinnesänderung verdankte.

»Ich möchte gern, daß Sie mir etwas versprechen, Bubi.«

»Alles was Sie wollen, verspreche ich Ihnen, Frau – – Gwenda«, erwiderte Bubi. »Sagen Sie mir nur, wann kann ich nach der Doughtystraße übersiedeln?«

»Sobald Sie wollen«, antwortete sie. »Was Sie mir versprechen müssen, ist folgendes«, fuhr sie fort. »Erfüllen Sie Herrn Solburg keine Bitte, bevor Sie mich gesprochen haben.«

Bubi starrte sie an.

»Um was könnte er mich denn bitten, Gwenda?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie. »Jedenfalls versprechen Sie es mir.«

»Aber gewiß will ich es tun, wenn es Sie beruhigt«, sagte Bubi. »Heute war ein sehr aufregender Tag! Wissen Sie, was mir angeboten wurde?«

Gwenda schüttelte den Kopf.

»Eine Teilhaberschaft!«

»Mit Herrn Leither?« fragte sie und versuchte, ernst zu bleiben; denn sie hatte Herrn Leither inzwischen gesehen und wußte von seinem Attentat auf Bubi.

»Tatsache!« sagte Bubi. »Sie können es kaum glauben, nicht wahr? Ich dachte mir, daß Sie sich wundern würden. Ich hätte Herrn Leither nie für einen so guten Kerl gehalten. Er ist sonst immer ein wenig streng gewesen, und erst kürzlich sagte er – er scherzte wohl nur –, daß ein kleiner Junge meine Arbeit viel besser machen könnte als ich. Und doch wollte er mich heute ohne weiteres als seinen Teilhaber aufnehmen, ohne daß Unkosten für mich damit verbunden wären!«

»Einfach rührend von ihm!« meinte Gwenda. »Und nahmen Sie sein Anerbieten an?«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Nein«, erwiderte er. »Ich habe ihm erklärt, daß ich mich wohl nicht dafür eigne. Außerdem verstehe ich nicht allzuviel vom Versicherungswesen, und dann langweilt es mich furchtbar. Unter diesen Umständen wäre es also nicht korrekt von mir, Herrn Leithers Anerbieten anzunehmen.«

»Warum, meinen Sie, hat er Ihnen diesen Vorschlag gemacht?« fragte sie.

Bubi überlegte.

»Ich denke mir, weil ich jetzt den Titel habe,« erwiderte er, »und Herr Leither glaubt wohl, daß meine Mittel nicht dazu ausreichen, um standesgemäß leben zu können. Es gibt doch so viel Güte in der Welt, Gwenda, und oft gerade dort, wo man sie am wenigsten vermutet! Ich kann gar nicht daran denken, so bewegt es mich.«

Sie sah ihn lange mit ernster Miene an.

»Manchmal kann ich gar nicht an Sie denken, so bewegt es mich«, sagte sie ruhig. »Nun essen Sie mal, und nachher wollen wir zu einer Unterredung mit Maggie nach der Doughtystraße fahren.«

Maggie war eine große, schlanke, sympathisch aussehende junge Frau mit rotem Haar. Sie rauchte andauernd Zigaretten und machte den Eindruck, als ob sie mit dem Schicksal haderte. Sie war nicht vollständig angezogen, als Bubi in ihr Zimmer trat; aber er war nicht einer, der sich leicht aus der Fassung bringen ließ, nicht einmal durch den Anblick einer hübschen jungen Dame in einem rosa Schlafrock. Er hatte die Gabe, die allen Lebenskünstlern zu eigen ist, die Dinge so zu nehmen, wie sie einmal waren.

»Hier stelle ich dir Herrn Beane vor, Maggie«, sagte Gwenda zu Bubis Erstaunen. Er hatte fast vergessen, daß sein Name eigentlich Beane war.

»Guten Tag«, sagte Maggie nachlässig. »Nehmen Sie Platz, Herr – – Dingsda – Herr – – hm – – –«

»Herr Beane ist der Herr, von dem ich Ihnen erzählte, Maggie. Glauben Sie, daß er das Wohn- und Schlafzimmer in der Etage unter uns bekommen könnte?«

Das Haus, in dem Maggie Bradshaw lebte, war für zwei Familien eingerichtet. Maggie hatte zufällig erwähnt, daß die Leute, die unter ihr wohnten, ein ältliches Ehepaar, ein Zimmer abgeben wollten, aber ohne Pension. Sie schlug vor, daß Bubi bei diesem Ehepaar wohnen und bei ihr essen könnte. Ein solches Kompromiß hätte natürlich seine Unbequemlichkeit aber auch seine Vorteile.

»Wenn Herr Beane denkt, daß er die Gesellschaft von uns zwei alten Damen und die eines Babys auszuhalten imstande ist, kann er meinetwegen kommen.«

Man vernahm ein merkwürdiges Geräusch, worauf Maggie sich umsah und stöhnte.

»Ich werde ihn herbringen«, rief Gwenda und lief aus dem Zimmer. Sie kam mit einem rothaarigen Baby im Arm zurück. Er kaute an seinen Fäustchen, das heißt an so viel davon, wie in seinen Mund hineinging. Nach Art der Säuglinge blickte das Kind bald hier, bald dort im Zimmer umher. Zuerst sah es nach dem Fenster, von dem das bezaubernde Licht herkam, dann nach Bubi, worauf Bubi das Kind anlächelte und die Arme ausstreckte.

»Sie haben Kinder gern?« fragte Maggie. »Das ist sehr erfreulich.«

»Ob ich sie gerne habe?« sagte Bubi, der das Kind wirklich äußerst geschickt hielt, »aber wie! Jeder hat sie gerne.«

»Dann bin ich eine Ausnahme,« meinte Maggie Bradshaw, »denn ich kann sie nicht ausstehen!«

Bubi hätte beinahe das Kind vor Erstaunen fallen lassen.

»Sie meinen wohl, fremde Kinder können Sie nicht leiden?« fragte er.

»Nein, ich mag sie allesamt nicht«, behauptete Maggie. Sie kramte in einem gelben Kasten, holte eine Zigarette hervor und begann sie zu rauchen.

»Ich bin wohl eine unnatürliche Mutter. Nach Ihrem Gesicht zu urteilen, bin ich ein Ungeheuer«, sagte sie lachend. »Für Sie ist ein Baby ein allerliebstes kleines Geschöpf, das nur dazu da ist, verhätschelt zu werden und zu erfreuen. Für mich ist es ein schwerer Holzklotz, den ich am Fuß mit mir schleppen muß«, meinte sie.

Das Kind hatte seine weiche Wange gegen Bubis Ohr gelehnt, plötzlich lachte es, ein gurgelndes kleines Lachen, als ob es die Worte seiner Mutter verstanden hätte und sich darüber amüsierte.

»Frau Bradshaw macht nur Spaß«, sagte Gwenda lächelnd, der die Ansichten der jungen Frau nicht fremd waren.

Trotzdem war sie ihr sympathisch. Sie hatten in verschiedenen Provinztheatern zusammen gespielt, und Gwenda war eine der Trauzeuginnen gewesen, als sich Maggie mit einem jungen, temperamentvollen Schauspieler verheiratet hatte. Es war keine glückliche Ehe.

Herr Bradshaw befand sich augenblicklich auf einer Gastspielreise in Australien. Seine Geldsendungen an seine Familie waren selten und kärglich. Die Eheleute verstanden sich nicht und waren sich beide darüber einig. Bei ihrer letzten Begegnung wurden sie sich ebenfalls darüber klar, daß ihre Ehe ein Irrtum gewesen war. Einen effektvollen Abgang hatte sich Herr Bradshaw dadurch verschafft, daß er zum Schluß Tränen vergoß und nach Australien abdampfte. Leider konnte sich Frau Bradshaw des obenerwähnten Holzklotzes wegen nicht auch einen so effektvollen Abgang sichern.

»Ich mache gar keinen Spaß«, beteuerte Maggie. Sie nahm das Kind aus Bubis Arm und lächelte es an, doch Samuel legte das Köpfchen erst auf die eine Seite, dann auf die andere und sah seine Mutter prüfend an.

»Sie denken, weil ich Sam füttere, für ihn sorge, ihn kleide, so gut ich kann und ihn weder schlage noch aus dem Fenster werfe, daß ich ihn darum bestrickend finde; aber da irren Sie sich, Gwenda, mein Herzchen. Ich muß schon alles mitmachen, jetzt, wo ich ihn habe; aber ich sehe es deutlich kommen, wie er mich zugrunde richten und zu einer alten Frau machen wird.«

Der Säugling Samuel stieß einen markerschütternden Schrei aus, warf das Köpfchen zurück und riß die Augen auf, als ob er von seiner Heldenleistung irgendein aufsehenerregendes Resultat erwartete.

»Nehmen Sie ihn, Gwenda. Der kleine Racker scheint Hunger zu haben.«

Aber Bubi nahm den Kleinen. Schon als Kind hatte er gern ein Baby auf dem Arm gehalten. Die sammetweiche Haut, das entzückende nasse Mäulchen, die Berührung der winzigen kleinen Händchen bereiteten ihm stets eine unsagbare Freude.

»Wann wollen Sie hier einziehen, Herr Beane?« fragte Frau Bradshaw, die eben mit einer Flasche für das Kind eintrat.

»Sonnabend vielleicht?« schlug Bubi vor.

Die junge Frau nickte zustimmend.

»Geben Sie ihm die Flasche, Gwenda«, sagte sie. »Sehen Sie nur den kleinen Vielfraß an.«

Samuel machte gewaltige Anstrengungen, sich aus Bubis Umarmung zu befreien und streckte die dicken Ärmchen mit gespreizten Fingerchen nach der Flasche aus.

»Ich werde Ihnen jetzt Ihr Zimmer zeigen, Herr Beane.«

Die Stube war unvergleichlich schöner als seine jetzige in Brockley. Überdies war die Lage viel günstiger für ihn, und dann waren Gwenda und Samuel da!

Auf dem Wege nach der Strandstraße ging Bubi in eine öffentliche Fernsprechstelle, um Herrn Leither um Verlängerung seiner Mittagspause zu bitten, die ihm ohne weiteres, ja, sogar mit einem wohlwollenden Scherz gewährt wurde.

»Herr Leither ist wirklich ein Prachtmensch«, sagte Bubi und schüttelte verwundert den Kopf. »Ich glaube, ich habe ihn bis jetzt gründlich verkannt, Gwenda.«

Gwenda erwiderte nichts.

Es war das erstemal in seinem Leben, daß Bubi Gelegenheit hatte, hinter die Kulissen eines Theaters zu sehen. Seine erste Unterredung mit Herrn Solburg war in seinem Bureau in der Strandstraße gewesen. Nun aber sollte er den Theaterdirektor in seinem natürlichen Element, in seiner fast jupiterähnlichen Allmacht sehen. Sämtliche Schauspieler und Schauspielerinnen zitterten und bebten vor ihm, obgleich viele von ihnen von hohem Rang waren (das heißt auf der Bühne), und mindestens ein blutdurstiger Schurke darunter war, der vor nichts zurückschreckte und vor niemand Angst hatte (das heißt auf der Bühne).

Solburg saß in einer der leeren Logen und beobachtete drei Personen, die unhörbar miteinander plauderten. Bubi hätte ganz gern auf der zugigen Bühne, die nur von einer Beleuchtungsrampe erhellt war, verweilt, um der Probe beizuwohnen; aber Gwenda zog ihn am Arm durch die Regietür in die Logen.

Herr Solburg begrüßte ihn ebenso gelassen wie bei der ersten Begegnung.

»Nehmen Sie Platz, Mylord«, sagte er, und sich dann an die auf der Bühne Agierenden wendend, fuhr er fort: »Sie müßten weiter hinten stehen, Herr Trevelyn, wenn Sie die Rede über den Säugling halten, und Sie, Fräulein Walters, dem Herrn gegenüber. So ist's richtig! Nicht zu weit, bitte. Dort wird ein Fenster mit Gartenprospekt sein.«

»Wo ist der Säugling?« flüsterte Bubi – – ganz überwältigt.

»Er ist noch in der Garderobe, wo ihm die Nase festgemacht wird«, erwiderte Gwenda in dem gleichen feierlichen Ton. Bubi erschrak heftig, beruhigte sich aber, als er ihre lachenden Augen sah.

»Setzen Sie nun da ein, wo Fräulein Walters hinzukommt«, befahl Herr Solburg.

Fräulein Walters trat auf und wurde von Herrn Trevelyn begrüßt; aber Bubi konnte kein Wort von dem, was sie zueinander sagten, verstehen.

»Wenn sie nur ein bißchen lauter sprechen wollten«, flüsterte er. Gwenda lächelte.

»Es ist ja nur eine Arrangierprobe,« sagte sie, »um die Stellungen richtig zu bekommen.«

»Es ist wohl das erstemal, daß Sie einer Probe beiwohnen, Mylord?« fragte Solburg über die Schulter.

»Jawohl«, erwiderte Bubi.

»Heute ist keine richtige Probe«, erklärte Solburg und wandte sich halb um (die beiden saßen hinter ihm). »Wir arrangieren nur einige Szenen. Nun, Frau Maynard, jetzt kommt gleich Ihr Stichwort.«

Gwenda konnte man auch nicht besser verstehen als ihre Kollegen. Zu Bubis Erstaunen und Empörung hatte Solburg zweimal etwas an ihr auszusetzen.

»Sehen Sie quer über die Bühne nach links, Frau Maynard, nein, nein, Sie müssen vor Fräulein Walters hergehen. So ist's recht. Sie sollten in der Nähe der Tür stehen. Halt! Jemand muß einen Stuhl dorthin stellen, um die Tür anzuzeigen.«

Er nahm ein Zigarrenetui aus der Tasche und bot Bubi eine Zigarre an.

»Sie rauchen keine Zigarren? Sie sind klug.« Solburg beobachtete die Vorgänge auf der Bühne mit ernster und aufmerksamer Miene. »Möchten Sie nicht auch diesen Beruf ergreifen, Mylord?«

»Ich?!« fragte Bubi überrascht.

»Ja, Sie!« erwiderte Solburg. »Ich könnte Ihnen eine kurze, aber wichtige Rolle geben. Ich würde sie extra für Sie schreiben und in dieses Stück einfügen lassen. Sie würden nur einige Worte zu sagen haben und brauchten höchstens zehn Minuten auf der Bühne zu bleiben.«

Bubi lachte leise.

»Nun, wie gefällt Ihnen mein Vorschlag?« fragte Herr Solburg und drehte sich so plötzlich um, daß sein gutmütiges Gesicht nur einige Zentimeter von Bubis entfernt war. »Ihre Freundin, Frau Maynard, würden Sie als Gesellschaft haben und ein Gehalt von zwanzig, nein, fünfundzwanzig Pfund die Woche für acht Vorstellungen.«

»Nein,« sagte Bubi, »es ist außerordentlich liebenswürdig von Ihnen, Herr Solburg. Ich kann mir Ihre freundlichen Beweggründe denken, aber ich bin kein Schauspieler, und ich würde nur einem anderen das Brot wegnehmen.«

Solburg runzelte die Stirn.

»Davon ist keine Rede,« entgegnete er, »aber das ist eine Frage für sich. Überlegen Sie es sich bitte.«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Ausgeschlossen«, sagte er entschieden. Herr Solburg lächelte.

»Sie sind klug«, meinte er. Obgleich das seine Lieblingsredensart war, meinte er es gewöhnlich aufrichtig, wenn er sie gebrauchte. »Eins noch«, fügte er hinzu. »Sollte ein anderer an Sie herantreten und Ihnen ein besseres Anerbieten machen, das Ihnen mehr zusagt, so bitte ich Sie, ehe Sie eine Entscheidung treffen, mich vorher zu benachrichtigen.«

»Ich werde nie zur Bühne gehen«, erwiderte Bubi. »Außerdem glaube ich kaum, daß sonst jemand außer Ihnen ein so großes Interesse an mir haben wird, daß er mir ein so fürstliches Gehalt anbietet.«

Der Theaterdirektor wandte sich noch einmal zu Bubi.

»Macht Ihnen jemand den Vorschlag, so wird er es nicht aus Interesse für Sie tun, sondern aus Reklamegründen, genau wie ich, mein Lieber«, sagte er mit einem flüchtigen Lächeln, das seinen stark jüdischen Gesichtszügen einen fast düsteren Ausdruck verlieh. »Ich bin wenigstens offen, nicht wahr? Offenheit ist mein stärkstes Laster. Die anderen werden Sie ergattern wollen, weil Sie eine Art Wunderkind sind, eine Sensation, und weil der Name ›Marquis von Pelborough‹ auf dem Programm einen glänzenden Erfolg für sie bedeuten würde. Nur darum wollte ich Sie in meinem Stück haben, und – – – weil Sie ein guter Kerl sind, mit Verlaub zu sagen, Mylord!«

Bubi nickte eifrig. Er war ganz gerührt von der Aufrichtigkeit und Großherzigkeit, die er aus den Worten des Direktors herausfühlte.

»Kommen Sie nur her, so oft Sie Lust haben«, sagte Solburg. »Sie haben natürlich Zutritt zur Bühne durch den Regieeingang. Sobald ich die Einstudierung dieses neuen Stücks hinter mir habe, müssen Sie mal mit mir Abendbrot essen gehen, und ich werde Ihnen alle die Blutsauger und Parasiten, die Sie einzufangen versuchen werden, zeigen. Glauben Sie mir, Lord Pelborough, sie werden es versuchen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Solburg. Ich nehme Ihre Einladung gerne an«, sagte Bubi dankbar.

»Sie sind klug«, meinte Herr Solburg.

Als Bubi in sein Bureau zurückkehrte, war es fast vier Uhr. Er hatte schon einen mächtigen Schreck bekommen, als er unterwegs an der Uhr von der Post gesehen hatte, wie spät es geworden war. Aber er hätte sich nicht aufzuregen brauchen; denn selbst wenn er um sechs Uhr angekommen wäre, hätte er nur ein nachsichtiges Lächeln von Herrn Leither zu sehen bekommen. Der Buchhalter war freilich ein wenig enttäuscht, daß der frischgebackene Marquis vollkommen nüchtern und nicht betrunken vom Essen zurückkam; denn er war ein eifriger Besucher der Kinos und meinte, es gehörte zu einem Aristokraten, ein Bummler zu sein.

Ehe Bubi nach Hause ging, sagte er dem Prokuristen, daß er von morgen ab eine neue Adresse haben würde.

»Ganz recht,« sagte der treffliche junge Mann, »Ritz Hotel wohl, nicht wahr, Genosse?«

»Nein, nicht ganz, Genosse«, erwiderte Bubi ruhig, als er fortging, um nach Brockley zu fahren, um Frau Shipmet diese Nachricht schonend beizubringen.

Frau Shipmet, die gute Wirtin der Akazienvilla, hatte sich in Staat geworfen; denn es war ein sehr ereignisreicher und wichtiger Tag gewesen. Bis dahin hatte sie keine bedeutenden Beziehungen zu dem modernen Journalismus gehabt. Das Zeitungslesen erschien ihr eine schlechte Angewohnheit von faulen Dienstmädchen und arbeitslosen Pensionären.

Ihrer Meinung nach waren Zeitungen überhaupt zu nichts anderem nütze, als Schubladen damit auszulegen oder das Kaminfeuer im Salon anzuzünden.

Und nun sollte sie einen kleinen Überblick bekommen, wie der Nachrichtendienst gehandhabt wurde. Den ganzen Tag hatte sie in ihrem »Budor« gesessen und achtbare, ja, sogar etliche vornehm aussehende junge Leute empfangen, Zeitungsberichterstatter, die seltsame Hieroglyphen, die Frau Shipmet sofort als Stenographie erkannte, in Notizbücher kritzelten, und ihr den Respekt, ja, die Ehrerbietung entgegenbrachten, die man wichtigen Persönlichkeiten schuldet.

Sie hatte ihnen alles, was sie von Bubi wußte, erzählt, von seinen Manieren, Gewohnheiten, seinen Lieblingsbeschäftigungen, seinen literarischen, künstlerischen und wissenschaftlichen Neigungen. Allen hatte sie gesagt, daß sie stets Bubi eher »wie einen Sohn als einen Pensionär« angesehen hätte, und sie eigentlich gar nicht überrascht wäre, daß er zu diesem Rang gelangt sei. Dabei ließ sie durchblicken, daß ein solches Glück höchstwahrscheinlich jedem, den sie »wie einen Sohn« ansah, widerfahren würde.

Als Frau Shipmet Bubi von weitem erblickte, eilte sie in den Hausflur, um ihn beim Eintreten zu begrüßen.

»Guten Abend, Mylord«, sagte sie. Sie hätte gern einen Knix gemacht, unterließ es jedoch, weil sie über die modernen Knixe nicht genau orientiert war.

»Na, haben Sie sich in Pelborough gut amüsiert?« fragte sie taktlos.

»Ich pflege mich eigentlich bei Beerdigungen nicht zu amüsieren«, erwiderte Bubi, worauf seine Wirtin sich bemühte, ihrem Gesicht den passenden traurigen Ausdruck zu geben.

»Ach ja,« seufzte sie, »früher oder später kommen wir alle dahin!«

»Diesen Eindruck habe ich auch«, meinte Bubi lächelnd. »Dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen, Frau Shipmet?« fügte er hinzu.

Von bösen Ahnungen, die bald bestätigt werden sollten, ergriffen, führte Frau Shipmet, majestätisch voranschreitend, ihren Pensionär in das »Budor«.

»Ich will ein anderes Zimmer mieten, das meinem Bureau näher gelegen ist«, sagte Bubi. »Ich habe seit einiger Zeit diese Absicht gehabt«, fügte er hinzu.

»So?!« fragte Frau Shipmet so gedehnt wie möglich, um ihren Zweifel an der Wahrheit dieser Behauptung auszudrücken. »Ich hoffe, Frau Maynard hat Sie nicht gegen Ihr besseres Wissen beeinflußt, Herr – – ich meine, Mylord.«

Bubi lächelte.

»Ich lasse mich nie gegen mein besseres Wissen beeinflussen, Frau Shipmet«, sagte er. »Aber da wir gerade von Frau Maynard sprechen, darf ich Ihnen wohl diesen Scheck von ihr überreichen.«

Er legte einen Briefumschlag auf den Tisch. Frau Shipmet kniff die Lippen zusammen. Obgleich sie nie einen nicht honorierten Scheck gesehen hatte, hielt sie immer alle Zahlungen durch Scheck für »unbefriedigend«. Diese Meinung drückte ihre Miene auch deutlich aus.

»Ich kann es natürlich nicht von Ihrer Lordschaft erwarten, daß Sie unter meinem bescheidenen Dach wohnen bleiben,« sagte sie in einem Ton, dessen Schärfe ihre Worte Lügen strafte, »um so weniger jetzt, da das, was ich wohl als die Hauptanziehungskraft nennen darf, von dannen gegangen ist und sich unseren Blicken entzogen hat.«

Es war eine Eigentümlichkeit von Frau Shipmet, daß ihre Sprache stets einen biblischen Charakter annahm, wenn sie wütend wurde. Bubi sah sie unverwandt mit seinen blauen Augen an.

»Es tut mir sehr leid, daß Frau Maynard fortgezogen ist,« sagte er; »ich glaube kaum, daß ich daran gedacht hätte, die Akazienvilla zu verlassen, wenn sie hiergeblieben wäre. Sie sind mir hoffentlich darum nicht böse, Frau Shipmet?«

Sie murmelte etwas, das so ähnlich klang wie: sie hätte es immer gut mit ihm gemeint und ihm stets das beste von allem gegeben, und es wäre doch eigentlich hart, daß man ihn nun von ihr fortschleppte.

»Wann gedenken Sie uns zu verlassen, Herr – – – Mylord?« fragte sie.

»Jetzt gleich«, antwortete Bubi kurz.

Er hatte eigentlich beabsichtigt, noch acht Tage zu bleiben.

Frau Shipmet weinte, und Bubi packte.

Als er sich von seiner Wirtin verabschiedete, hatte sie sich so weit erholt, daß sie ihm eine Visitenkarte zeigen konnte, deren Wortlaut sie inzwischen ausgedacht hatte und drucken lassen wollte. In vergoldeten Buchstaben sollten folgende Worte in der oberen linken Ecke stehen: »Unter dem hohen Protektorat des Hochwohllöblichen Marquis von Pelborough K. G. und aufs wärmste von ihm empfohlen.«

»Was bedeuten eigentlich die Buchstaben K. G.?«

»Alle Ritter des Hosenbandordens dürfen diese Buchstaben hinter ihren Namen setzen«, erklärte Frau Shipmet.

»Aber ich bin doch noch keiner,« protestierte Bubi, »und was soll dieser Unsinn ›Hochwohllöblich‹? Sie sind wirklich zu gütig, Frau Shipmet; aber das dürfen Sie nicht schreiben, es ist mir zu peinlich. Ich habe mich zwar stets bemüht, löblich zu handeln, aber das so in alle Welt zu posaunen! Nein!«

Seine Wirtin setzte ihm auseinander, daß »Hochwohllöblich« nur die übliche Bezeichnung wäre, die man für alle Pairs, manchmal auch Politiker und Staatsmänner gebrauchte. Darauf erklärte sich Bubi einverstanden und verlangte nur, daß der Orden, auf den er kein Recht hätte, fortbliebe.

Seine Mitpensionäre brachten ihm ihre Stammbücher, in die er seine Unterschrift »Bubi Pelborough« schrieb, bis man ihn darauf aufmerksam machte, daß Aristokraten stets ihren Titel allein unterschrieben, worauf er groß und deutlich »Pelborough« unter seine Lieblingsstammbuchverse setzte.

Es war spät geworden, als seine Autodroschke vor dem Haus in der Doughtystraße hielt. Er fürchtete, daß seine neuen Hausgenossen schon schlafen würden. Nachdem er einige Male geläutet hatte, öffnete ihm Maggie, die immer noch im Schlafrock war, die Tür.

»Nanu!« rief sie erstaunt aus. »Ich dachte, Sie kommen erst in acht Tagen. Hat man Sie hinausgeworfen?«

Sie führte ihn ins Wohnzimmer.

»Gwenda ist noch nicht aus dem Theater zurück«, sagte sie. »Heute ist die erste Kostümprobe.«

Sie sah Bubi unschlüssig an.

»Es ist wohl das beste, ich gehe hinunter und spreche mit Ihrem Wirt über Ihr Zimmer«, sagte sie und fragte dann ganz unvermittelt: »Sie haben Sam gern, nicht wahr?«

»Ja, gewiß. Ich habe überhaupt alle Babys gerne«, erwiderte Bubi. Sie sah ihn seltsam an.

Bubi konnte sich über den Eindruck nicht klar werden, den Maggie auf ihn machte. Sie war eine erdrückende Erscheinung, groß und kräftig gebaut, mit einer üppigen roten Mähne, die Bubi begeisternd fand, wie er sich einmal zu Gwenda äußerte, aber Gwenda teilte diese Begeisterung nicht. Maggie sah eigentlich sehr gut aus, nur ein wenig massiv. Ihr Gesichtsausdruck war keck. Jawohl, keck, das war's, was Bubi an ihr störte.

»Ja,« sagte sie nachdenklich, »Sie sind ein guter Kerl – – – ja, vielleicht – – ja ...«

Ohne den geringsten Versuch zu machen, ihre abgerissenen Worte zu erklären, ging sie aus dem Zimmer zu Bubis neuem Wirt hinunter.

Nach zehn Minuten kam sie mit einem Schlüssel in der Hand zurück, den sie Bubi aushändigte.

»Ihr Zimmer ist der Eingangstür gerade gegenüber«, sagte sie. »Ihr Koffer ist schon dort, so daß Sie gar nicht fehlgehen können. Möchten Sie nun Ihr neues Heim sehen? Die Herrschaften gehen noch lange nicht zu Bett, und Herr Worthing sagte, er würde aufbleiben, bis Sie kommen.«

Sie erzählte ihm, daß sein jetziger Wirt der Sekretär eines Rechtsanwalts wäre, und daß seine Frau spiritistische Neigungen hätte.

»Sonst sind sie ideale Leute«, sagte sie und begann dann, über Gwenda zu sprechen. Jetzt begann sie Bubi zu fesseln. Sie war der erste Mensch, dem er begegnete, der seine Freundin kannte, und er war beglückt, mit jemand über Gwenda plaudern zu können. Es stellte sich heraus, daß Maggie überraschend wenig von Gwendas früherem Leben wußte.

»Sie hat nie über ihren Mann mit mir gesprochen,« sagte Maggie, »dabei habe ich ihr weiß Gott zur Genüge von meinen Sorgen vorgejammert. Manchmal denke ich, Herr Maynard muß im Gefängnis sitzen, weil sie so vergnügt ist.«

Gwenda und sie hatten sich bei einer Gastspielreise kennen gelernt.

»Auf derselben Tournee bin ich meinem Schicksal begegnet«, sagte Maggie finster. »Sie halten mich sicher für herzlos, Herr Beane, vielleicht bin ich's, doch wenn Sie wüßten, was es für mich bedeutet, Samuel mit mir herumschleppen zu müssen! Es bedeutet, daß ich das glänzendste Anerbieten, das mir jemals gemacht worden ist, ausschlagen mußte. Ich sollte in Neuyork meine alte Rolle in dem Stück ›Prinzessin Selia‹ spielen. Die Premiere soll schon im nächsten Monat sein. Ein Platz auf dem Dampfer war bereits für mich reserviert, ich brauchte nur den Kontrakt zu unterschreiben. Nun muß ich morgen zu Brancsome gehen und ihm sagen, daß ich von Samuel & Co. engagiert worden bin, die Rolle der schwerfälligen Mutter in dem Pensionsdrama ›Die am Fuß gefesselte Frau‹ zu spielen.«

Sie lächelte und warf ihre Zigarette ins Feuer. In diesem Augenblick öffnete Gwenda die Tür.

»Sie, Bubi!« rief sie erstaunt. »Wie kommt es, daß Sie hier sind?«

»Er ist aus der Akazienvilla hinausgeworfen worden«, sagte Maggie und fügte, auf die Uhr blickend, hinzu: »Es ist Zeit, daß Samuel seinen Schlummerpunsch bekommt.«

Bubi war Gwenda beim Ablegen behilflich und gab ihr einen kurzen Bericht über die Ereignisse des Abends.

»Sie sagten ihr also, Sie zögen fort, weil ich nicht mehr da war?« rief Gwenda. »Sie sind ja entzückend, Bubi! Ja, es war ein anstrengender Abend. Solburg ließ uns die eine Szene bis zur Bewußtlosigkeit wiederholen.«

Sie seufzte tief.

»Nun, die Hauptsache ist, daß Sie hier sind. Hat Ihnen Maggie inzwischen einen Vortrag über Mutterpflichten gehalten?«

»Frau Bradshaw tut mir leid«, antwortete Bubi.

»Seien Sie kollegial, und sagen Sie auch ›Maggie‹ zu ihr«, sagte Gwenda lächelnd. »Aber soviel ich weiß, Bubi, tun Ihnen alle Leute leid.«

»Samuel tut mir natürlich auch leid,« gestand er, »aber wiederum kann ich Maggies Standpunkt verstehen.«

Er legte seine Stirn in nachdenkliche Falten.

»Wenn man Babies so wie Katzen oder Kanarienvögel kaufen könnte!«

»Sagen Sie das bloß nicht Maggie, sonst schenkt sie Ihnen ihr Baby!« warnte ihn Gwenda, die sich vor Lachen schüttelte. »Sie müßten eine Kinderbewahranstalt haben, Bubi! Da wir gerade von Kindern sprechen, fällt mir ein, daß Solburg einen Zeitungsberichterstatter den ganzen Abend bei sich gehabt hat, der wie ein Kind aussah, so jung war er. Solburg ist ein guter Kerl. Er benahm sich heute nachmittag Ihnen gegenüber famos. Aber er hat merkwürdige Ansichten und schreckt vor nichts zurück, wenn es Reklamezwecken dienen soll. Bei jeder Premiere heckt er irgend etwas Verrücktes aus.«

»Wann ist die Premiere?« fragte Bubi.

Gwenda schüttelte den Kopf.

»Ich sage es Ihnen nicht. Ich will auch nicht, daß Sie es wissen, also lesen Sie bitte ein paar Tage keine Zeitungen. Wenn ich wüßte, daß Sie unter den Zuschauern wären, würde ich kein Wort hervorbringen können!«

Herrn Solburgs Reklamesucht lernte Bubi am nächsten Tage kennen. Infolge der fremden Umgebung hatte er schlecht geschlafen und war früh aufgestanden. Gegen halb neun klingelte er schon bei Maggie.

Zu seinem Erstaunen war sie bereits auf und vollständig angezogen.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte sie lachend, »daß ich mal angezogen bin und nicht im Schlafrock! Kommen Sie mit, wir wollen frühstücken. Gwenda will Ihnen etwas zeigen.«

Das »Etwas« war eine Zeitung, in welcher berichtet wurde, daß der Marquis von Pelborough zum allererstenmal auf der Bühne erscheinen würde, und zwar in dem Stück »Verwirrte Schicksale«, aber nur an einem Abend.

»Vermutlich wird der Herr Marquis,« hieß es weiter, »als einer der Gäste in der großen Ballsaalszene auftreten.«

Gwenda hielt Bubi die Zeitung hin, aus der er laut vorlas.

»Das hat natürlich Solburg angerichtet«, sagte sie wütend. »Ich dachte mir, er hätte etwas Derartiges im Sinn.«

»Aber ich gehe natürlich nicht«, rief Bubi entrüstet. »Es fällt mir nicht im Traum ein!«

»Auf keinen Fall!« pflichtete Gwenda bei.

»Die Zuschauer werden sich streiten, wer von den Schauspielern der Marquis ist, und das ist es gerade, was Solburg will. Am nächsten Tag wird er den Zeitungen berichten, daß Sie durch eine plötzliche Unpäßlichkeit verhindert waren, aufzutreten. Auf diese Weise hat er mit Ihnen Reklame gemacht, und das ist die Hauptsache für ihn. Es ist aber doch eigentlich toll!«

Wie toll es war, sollte Bubi bald erfahren. Als er bei seiner Firma ankam, fand er das Bureau von Zeitungsberichterstattern belagert. Hätte Bubi ihnen gleich Rede gestanden, so wäre die Nachricht sofort widerrufen worden. Da ihn aber der Buchhalter zufällig vor der Tür traf und ihm mitteilte, was ihn erwartete, lief Bubi zum nächsten Fernsprechautomaten und flehte Herrn Leither an, die Journalisten zu entfernen. Herr Leither tat ihm den Gefallen, indem er mit der größten Ruhe das Gerücht bestätigte. Denn Herr Leither hatte nicht Frau Shipmets Prinzipien, sondern huldigte der entgegengesetzten Richtung, das heißt er glaubte blindlings alles, was in der Zeitung stand.

»Es tut mir sehr leid, mein Junge, hm, mein lieber Pelborough«, sagte er, als Bubi, der noch nie in seinem Leben etwas heimlich getan hatte, ganz heimlich ins Bureau schlich. »Mir schien die Nachricht sehr glaubwürdig. Warum sollten Sie nicht zur Bühne gehen, mein Lieber? Der Schauspielerberuf ist doch ein höchst ehrenwerter. Ich habe schon manchen ausgezeichneten Kunden von der Bühne gehabt. Eine solche Police hat mir einmal zehntausend Pfund eingebracht.«

»Na, Solburg, dem Kunden werde ich meine Meinung sagen«, sagte Bubi wütend.

»Ach, lassen Sie ihn laufen, mein lieber Pelborough«, sagte Leither ruhig. »Er war doch nie ein guter Kunde.«

Bubis Stellung im Bureau war eine für ihn höchst peinliche geworden. Früher, als er die Rundschreiben expedierte und die Korrespondenz einzutragen hatte, war er wenigstens beschäftigt gewesen, und zwar mit einer Arbeit, die an sein Können keine großen Ansprüche stellte. Aber jetzt mußte der Buchhalter die Briefe eintragen, und die Stenotypistin die Rundschreiben abschicken, so daß augenscheinlich von Bubi keine andere Arbeit erwartet wurde, als höchstens stillzusitzen, wenn Herr Leither ihn auf die Schulter klopfte, oder zu antworten, wenn man ihn mit »mein lieber Pelborough« anredete. Es kamen bedeutend mehr Leute als früher in das Bureau des Versicherungsagenten. Sie sprachen zwar mit Herrn Leither, sahen aber Bubi dabei an. Dieser Umstand störte den neuen Pair nicht wesentlich. Was ihm aber entschieden mehr Kummer machte, war, daß jede nützliche Arbeit, die er entdeckt zu haben glaubte, ihm sofort von seinen Kollegen entrissen wurde. Es hieß dann: »Ach, gestatten Sie, ich werde das Tintenfaß füllen«, oder: »Pardon, lassen Sie mich bitte den Löscher in Ordnung bringen«, so daß Bubi in seiner Verzweiflung nichts anderes übrigblieb, als Figuren auf seine Schreibunterlage zu malen. Und selbst dann stand das ganze Personal um ihn herum und bewunderte laut seine Geschicklichkeit.

An jenem Abend speiste er mit Maggie allein. Sie war sehr still. Es kam ihm vor, als ob sie geweint hätte, und er schrieb es der Unterredung mit Brancsome, dem Theateragenten, zu und der Absage des verlockenden Engagements. Bubi überlegte sich das alles und fühlte tiefes Mitleid mit ihr.

»Gwenda wird heute natürlich nicht zum Abendessen nach Hause kommen können«, meinte Maggie, und Bubi wunderte sich, daß sie »natürlich« sagte. Vielleicht, dachte er, würden die Proben heute besonders lang und ermüdend sein. Er hatte eigentlich die Absicht gehabt, trotz Gwendas Ermahnungen sich zu erkundigen, wann die Premiere sein würde, aber nachher hatte er es vergessen.

»Sie halten mich für ein ganz schlimmes Geschöpf, nicht wahr?« fragte Maggie zum drittenmal während der Mahlzeit.

»Ich halte eigentlich keinen Menschen für ganz schlimm«, erwiderte Bubi. »Als ich anfing, boxen zu lernen, sagte man mir, die erste und wichtigste Regel dieser Kunst wäre die, stets eine sehr hohe Meinung von dem Gegner zu haben, und was habe ich manchmal für übel aussehende Burschen als Gegner gehabt. Wenn ich von solchen Leuten eine hohe Meinung hatte, wie könnte ich eine schlechte von Ihnen haben? Es ist natürlich schade, daß Sie Samuel nicht gern haben.«

»Wollen Sie nicht noch einige Kartoffeln nehmen?« fragte Maggie fast barsch.

Nachdem die Mahlzeit beendet und der Tisch abgedeckt war, kam Maggie in das kleine Eßzimmer zurück, wo Bubi es sich gemütlich gemacht hatte und las. Zu seinem Erstaunen war sie zum Ausgehen angezogen.

»Ich gehe eine Stunde fort, würden Sie so freundlich sein, ein wenig auf das Kind aufzupassen? Ich glaube kaum, daß er vor elf Uhr aufwachen wird, also wenn er ruhig bleibt, gehen Sie bitte nicht zu ihm herein.«

Bubi lächelte.

»Selbstverständlich,« sagte er, »ich werde mit beiden Ohren lauschen.«

Sie ging zur Tür, kam zurück, und ehe Bubi es sich versah, hatte sie sich zu ihm herabgebeugt und ihn geküßt.

»Sie sind ein guter Kerl«, sagte sie und war fort, bevor er ein Wort hervorbringen konnte.

»Meine Güte!« rief Bubi schließlich, denn bis dahin hatte ihn kein verlockenderes weibliches Wesen geküßt als eine ältliche, unverheiratete Tante.

Er las weiter in seinem Buch – es war Prescotts »Peru«, hielt nur dann und wann inne, um auf Zehenspitzen an Maggies Tür zu gehen (nachher entdeckte er, daß er an der Küchentür gehorcht hatte) und leise zu seinem Stuhl zurückzukehren.

Es war fast zehn Uhr, als ihm plötzlich einfiel, daß Maggie doch eigentlich schon recht lange fort war. In diesem Augenblick ließ sich ein schwaches, ungeduldiges Weinen vernehmen. Bubi sprang sofort auf, stellte fest, woher das Geräusch kam und ging in das richtige Zimmer. Dort fand er einen blinzelnden Samuel, der seltsame Laute von sich gab.

»Was ist los, alter Junge?« fragte Bubi und nahm das Kind auf den Arm. Samuel benahm sich aber weiter sonderbar. Als sich Bubi dann nach der Flasche umsah, erblickte er den Brief, der gegen eine der Nippsachen auf dem Kamin gelehnt war. Er ging näher heran und las:

»Ich muß Samuel verlassen. Passen Sie auf ihn auf. Es ist dringend nötig, daß ich Geld verdiene, diese Wohnung hat mich in entsetzliche Schulden gestürzt. Passen Sie bitte auf Samuel auf. Ich werde Geld schicken. Ich komme erst in sechs Monaten wieder. Passen Sie bitte gut auf Samuel auf. Das Herz will mir schier brechen, daß ich ihn verlassen muß. Es ist (müßte eigentlich »sind« heißen, dachte Bubi bei sich) zwanzig Pfund auf meinem Toilettentisch. Die Möbel können verkauft und die Lieferanten mit dem Erlös bezahlt werden. Passen Sie bitte auf Samuel auf.

Maggie.«

»Ach, du gütiger Himmel!« konnte Bubi nur ausrufen, als seine Aufmerksamkeit wieder stark von Samuel in Anspruch genommen wurde.

Der kleine Kerl war purpurrot im Gesicht. Bubi legte ihn auf den Bauch und rieb ihm den Rücken, aber Samuel war nicht zu besänftigen. Ein schriller, ohrenbetäubender Schrei kündete sein Unbehagen an, und Bubi nahm das Kind schleunigst wieder hoch. Er war ratlos.

Samuel war bestimmt krank, aber er konnte keinen Arzt holen und das Kind allein in der Wohnung lassen.

Seine Wirtin war auch nicht zu Hause. Er griff nach einem Tuch und wickelte Samuel fest darin ein, um das Kind mitzunehmen und auf die Suche nach einem Arzt zu gehen. Das war keine so einfache Sache in einer unbekannten Gegend.

Aber er hatte Glück und fand eine leere Droschke, die er fast vor der Tür erwischte.

Durch das Stoßen des Wagens wurde Samuels Geschrei schwächer und klang zuletzt nur wie ein leises Wimmern. Obgleich die Nacht kalt war, und Bubi weder einen Hut auf noch einen Überzieher an hatte, schwitzte er vor Angst.

Ein Polizist zeigte ihm die Wohnung eines Arztes und schlug ihm ein Krankenhaus vor. Der Arzt war nicht zu Hause, und Bubi brach nun der Angstschweiß aus allen Poren. Gwenda! Sie würde ihm raten können. Er gab dem Chauffeur Anweisung, ihn nach der Strandstraße zu fahren.

Vor dem Bühneneingang des Strand-Broadwaytheaters stieg er aus der Droschke. Niemand hielt ihn an, als er vorsichtig die dunkle Treppe zu der Tür hinunterstieg, die, wie er wußte, zur Bühne führte.

Geschickt ging Bubi um den Aufbau herum, und als er an die Kulissen gelangte, hob Samuel ein jämmerliches Geschrei an.

Gottlob! Gwenda war dort! Die Aufführung war in vollem Gange, sämtliche Lichter brannten leuchtend hell, und sie war allein auf der Bühne. Sie blickte gerade dorthin, wo er stand. Ihre Wangen waren geschminkt, ihre Augenbrauen geschwärzt. Er versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und es gelang ihm offenbar, denn mit ihrer tiefen, vibrierenden Stimme rief sie: »Geben Sie mir das Kind her! Geben Sie mir das Kind her!«

Bubi konnte nicht wissen, daß sie mit diesen Worten die auf der Bühne agierenden Soldaten anflehte, ihr das entrissene Kind, von dem in dem Stück die Rede war, zurückzugeben.

Als der elegante Herr Trevelyn höhnisch lächelnd an einer Leinwandtür erschien, um sie zu verspotten, stürzte Bubi auf die Bühne. Samuel steckte das Köpfchen aus dem Tuch heraus und staunte mit weitaufgerissenen Augen die strahlenden Lichter an.

»Maggie ist fort,« keuchte Bubi, »und Samuel hat einen Fremdkörper verschluckt.«

Als er ein tausendstimmiges verwundertes Raunen hörte, drehte er sich nach der Rampe um und sah hinter ihr ein Meer von Gesichtern und weißen Vorhemden. Es war die Premiere des Stückes »Verworrene Schicksale« und sein erstes Auftreten vor versammeltem Publikum.

»Ach Herrjeh!« rief Bubi aus, als der Vorhang fiel.

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