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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
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Erstes Kapitel.
Bubi

Herr Jonas Stollingham war Stationsvorsteher, Weichensteller, Gepäckträger, Fahrkartenkontrolleur und Gepäckabfertiger in Pelborough, alles in einer Person. Außerdem war er Vorsteher der Auskunftsstelle.

Jonas Stollingham war ein alter Mann, der mit Vorliebe Tabak kaute und jede Neuerung als eine direkte Herausforderung der göttlichen Vorsehung betrachtete. Darum stieß er immer, wenn er von Flugzeugen, Brutapparaten, Zentrifugen, Autos und Impfen sprechen hörte, ein tiefes, grollendes »Ach!« aus.

Solche ungreifbaren, rätselhaften Dinge wie drahtlose Telegraphie tat er einfach damit ab, daß er sie als eine Erfindung der Zeitungen betrachtete.

Jonas war über sämtliche Vorfälle, die sich innerhalb der letzten siebenundvierzig Jahre in Pelborough und fünfzig Kilometer Umgegend ereignet hatten, genau orientiert. Er wußte noch Tag und Stunde des Unfalls, bei dem Tom Rollins von einem Heuwagen überfahren wurde, und ebenso konnte er genau den Tag angeben, an dem auf dem Poolfordgut die meisten Eier gelegt worden waren. Ihm ist auch das Familiengeheimnis des Pfarrhauses nicht verborgen geblieben, und es bedarf nicht allzu großen Zuredens, um es ihm zu entlocken.

Da in Pelborough an Wochentagen bloß vier Züge verkehrten, und Sonntags sogar nur die Hälfte dieser Zahl dort hielten, blieb Jonas reichlich Zeit, sehr bestimmte Ansichten über die verschiedensten Tagesfragen zu entwickeln.

Es war an einem kalten, feuchten Sonntag im Januar, als aus dem um zehn Uhr fünf von London kommenden Zug ein einziger Fahrgast in Pelborough ausstieg. Mit gerunzelter Stirn ging Jonas auf ihn zu.

»Wo ist Ihre Fahrkarte?« fragte er ihn.

Der Reisende, der kein Gepäck hatte, suchte in den Taschen seines abgetragenen Überziehers, und als er die Fahrkarte nicht gleich fand, befühlte er der Reihe nach sämtliche Taschen seiner Hose, Weste und seines Rockes mit einer solchen Geschwindigkeit, daß Jonas nur mit Mühe den Bewegungen des Fahrgastes folgen konnte.

»Ohne Karte kann ich Ihnen nicht durchlassen. Sie müssen eben Strafe zahlen, wenn Sie sie nicht finden können«, sagte Jonas tröstend. »Sie können mich doch nicht den ganzen Tag hier auf Ihnen warten lassen. Daß ich überhaupt Sonntags hier bin, tue ich nur aus Gefälligkeit für die Eisenbahngesellschaft.«

Als der Reisende endlich das bewußte Stückchen Pappe hervorholte, schien Jonas eher enttäuscht als befriedigt zu sein. Er prüfte es argwöhnisch, als der Zug aus dem Bahnhof hinausdampfte.

»Das Datum stimmt schon«, gab er zu.

»Wissen Sie vielleicht, Herr Stollingham, wie es hm – – meinem Onkel geht?«

Herr Stollingham setzte seine Stahlbrille etwas fester auf die Nase und fragte erstaunt: »Wie heißen Sie denn, Herr – – Dingsda?«

»Beane ist mein Name« murmelte der Jüngling in einem Ton, als ob er sich entschuldigen wollte. »Sie erinnern sich vielleicht meiner, ich verbrachte einmal vier Wochen hier.«

»Ich wußte gleich, daß ich Ihnen kenne«, sagte Jonas in anklagendem Tone, als er Tabak kauend den Reisenden mit plierigen Augen betrachtete.

»Dem alten Doktor geht's nicht gut«, sagte er endlich und betonte mit sichtbarer Befriedigung die Verneinung. »Eine Menge Leute glauben, daß er hier oben nicht mehr ganz richtig ist«, und er tippte sich dabei auf die Stirn. »Er hält sich für einen Herzog oder so was Ähnliches. Mancher, der nicht halb so verdreht ist, sitzt schon lange in der Irrenanstalt. Ist er nicht noch vorigen Monat nach's Parlament in London gefahren?«

»Ich glaube, ja«, sagte »Bubi« Beane. »Ich habe ihn zwar nicht in London gesehen.«

»Fragte dort, ob er nicht zum Graf gemacht werden könnte! Wenn das nicht verrückt ist, na, dann weiß ich nicht.«

»Es könnte vielleicht von den Masern kommen«, meinte Bubi ernst. »Der Doktor ist doch voriges Jahr an den Masern erkrankt, nicht wahr?«

»Masern?!« rief Jonas verächtlich. Jonas Stollingham gab seine Geringschätzung stets auf sichtbare wie auf hörbare Weise kund. »Das Treiben Ihres Onkels gefällt unsereinem schon lange nicht mehr. Er bringt ja das ganze Dorf ins Gerede. Wenn einer ein Graf ist, ist er als Graf geboren. Wenn er keiner ist, dann ist er eben keiner. Es ist genau dasselbe wie mit die Fliegzeuge. Hat der liebe Gott uns Menschen zum Fliegen geschaffen? Sind wir mit Flügeln auf die Welt gekommen? Wie wäre es, wenn die Krähen dort drüben anfangen würden, mit den Schnäbeln Tabak zu kauen wie gesittete Menschen, frage ich Ihnen? Würde die Regierung sich das nicht verbitten?«

»Welcher gesittete Mensch kaut denn auch Tabak, Herr Stollingham? Guten Morgen!«

Als Herr Beane darauf den Bahnhof verließ, sah ihm der Stationsvorsteher mit giftigen Blicken nach.

Charles Beane war niemals anders als »Bubi« genannt worden. Der Name wurde ihm als Kind von einer der Wirtschafterinnen seines Vaters gegeben.

Bubi wurde in Grafton in dem amerikanischen Staate Massachusetts geboren, wohin sein Vater als junger Mann übergesiedelt war, um dort das Glück zu suchen, das er in England als Landwirt nicht gefunden hatte. In Massachusetts hatte er sich verheiratet und starb auch dort, zwei Jahre nach seiner Frau. Bubi, der damals sieben Jahre alt war, wurde von einer Tante nach England gebracht. Da diese Dame bald darauf den Himmel der Erde vorzog, wurde Bubi einer anderen Tante anvertraut.

Kein Wunder, daß Bubis erster Eindruck von dieser Welt der eines Panoramas von dahinsterbenden Tanten und Onkeln war. Bis zu seinem fünfzehnten Jahre glaubte er, daß Trauerkleidung die einzige war, die das englische Gesetz kleinen Jungen zu tragen gestattete. Daher kam es wohl auch, daß er über den Tod so philosophisch dachte, und den Menschen seine Äußerungen über diese Frage manchmal ein wenig gefühllos vorkamen. Dabei hatte er das denkbar beste Herz. Aber da er das Dahinscheiden der beiden Eltern, drei Tanten, eines Onkels und eines Vetters erlebt hatte, und gesehen, daß der Lauf der Welt nicht merklich dadurch verändert worden war, ist es nicht zu verwundern, daß er nicht in dem Maße davon erschüttert wurde wie andere Menschen, denen solche Verluste erspart geblieben sind.

Auf den ersten Blick schien Bubi klein und zierlich, doch war es nicht der Fall. Dieser Eindruck wurde dadurch hervorgerufen, daß er sich immer beim Sprechen etwas vornüber beugte, sich schlecht hielt und einen nachlässigen Gang hatte. Man hätte ihn auch für schwerhörig halten können, jedoch sollten der gespannte Ausdruck seines Gesichts und die vorgestreckte Haltung des Kopfes nur das Bedauern ausdrücken, daß er andere mit seiner Gegenwart und Unterhaltung stören mußte. Bubi beabsichtigte natürlich keineswegs, diese falschen Eindrücke über seine Person hervorzurufen. Viele Leute hielten seine Höflichkeit für Demut und seine Rücksichtnahme auf die Gefühle anderer für Schüchternheit oder gar Respekt.

Aber Bubi war keineswegs schüchtern, obwohl es sehr wenige Menschen gab, die ihn nicht dafür hielten. Ein charakteristischer Zug Bubis war seine ungeschminkte Offenheit, die manchmal sehr peinlich werden konnte.

Die Kunst, die man mit »Diplomatie« bezeichnet, war ihm völlig fremd. Er sah noch sträflich »jungenhaft« aus. Durch die weichen Linien seines Gesichts, die ziemlich hohen Backenknochen, die gerade kleine Nase, die hohe Stirn, die großen, blauen Kinderaugen und das wirre Haar sah er wie ein Gymnasiast aus, doch sicher waren den meisten Gymnasiasten Rasiermesser und Pinsel schon vertrauter als ihm.

Der Weg nach Pelborough Abtei führte durch das gleichnamige Dorf. Das eintönige Glockengeläute der Dorfkirche erfüllte die lange Straße, in der sich Scharen von Gläubigen drängten. Schnell ging er an den neugierigen Andächtigen vorbei und eilte durch das verfallene Gittertor der Abtei. Das große häßliche Gebäude war einst weiß angestrichen gewesen.

Vor langen Zeiten hatte eine wirkliche Abtei auf der Stelle gestanden, wo später Josephus Beane den Grundstein für sein Haus legte. Die einzige Erinnerung an die vergessenen Mönche waren einige verwitterte, von Gras überwucherte Steinhaufen, deren Umrisse kaum noch zu erkennen waren.

Ein unordentlich aussehendes Dienstmädchen öffnete die Tür und lächelte den Gast entgegenkommend an.

»Er liegt zu Bett«, sagte sie vergnügt. »Manche Leute meinen, er wird nicht wieder aufstehen. Aber das glaube ich noch lange nicht! Herrjeh, wie oft hat er uns den Schreck eingejagt. Erst im vorigen Winter ist er so krank gewesen, daß wir beinahe nach dem Doktor schickten!«

»Wollen Sie mich bitte bei meinem Onkel melden?« erinnerte Bubi sanft.

Der Raum, in welchen Bubi geführt wurde, lag im Erdgeschoß und war eigentlich Doktor Beanes Bibliothekszimmer. Bücherregale verdeckten die Wände fast bis oben hin. Auf einem großen, altmodischen Tisch lagen buchstäblich haufenweise Papiere, Broschüren, Urkunden, Bücher und Akten wirr durcheinander. Über dem Kamin hing ein buntbemaltes Wappen, das Bubi immer an ein Wirtshausschild erinnerte.

In diese literarische Werkstatt war ein schmales, hohes Himmelbett hineingezwängt worden. Von großen Kopfkissen gestützt, dessen Bezüge wohl seit vier Wochen nicht gewechselt worden waren, lag ein fünfundsechzigjähriger, grimmig dareinblickender Greis, dessen viereckiges Gesicht unrasiert war. Er hatte die Knie hochgezogen, und auf diesem improvisierten Schreibtisch lag eine Pappunterlage, auf der er schrieb, als Bubi eintrat.

Ein Schatten glitt über das Gesicht des Kranken, als er die Gestalt auf der Schwelle seines Zimmers erblickte.

»Du bist's also«, brummte er.

Bubi trat behutsam näher und legte seinen Hut auf einen Stuhl.

»Ja, Onkel, ich bin es. Ich hoffe, es geht dir besser?«

Der alte Doktor schnaufte und legte sich bequemer hin.

»Vermutlich weißt du schon, daß ich das Zeitliche bald segnen werde, was?« knurrte er und sah Bubi unter seinen buschigen Augenbrauen drohend an. »Was?« widerholte er.

»Nein, Onkel, das weiß ich nicht«, erwiderte Bubi liebenswürdig. »Im übrigen, selbst wenn es der Fall wäre, würde sicher ein Mann wie du, der so viel Erfahrung auf diesem Gebiet hat, sich nichts daraus machen.«

Doktor Beane schluckte und blinzelte seinen Neffen an.

»Ich freue mich aber außerordentlich, daß du heute noch am Leben bist«, beeilte sich Bubi hinzuzufügen in dem Bestreben, seinem Verwandten so viele Liebenswürdigkeiten wie möglich zu sagen, ehe es zu spät war.

»So? Du freust dich also, daß ich heute noch am Leben bin?« stieß der Doktor mühsam hervor.

»Aber sehr, Onkel«, erwiderte Bubi, eifrig bemüht, seinen Onkel zu erfreuen. »Ich kann zwar nicht sagen, daß ich sonst gern nach Pelborough komme; denn du bist meistens so sehr unliebenswürdig, aber das ist wohl, denke ich, h– –m deinem – – h– –m deinem Alter und deinem Gesundheitszustand zuzuschreiben.« Bubi sah mit ernstem Blick auf den Kranken nieder, der sprachlos war und fuhr fort: »Hast du jemals eine unglückliche Liebe gehabt, Onkel?«

Doktor Beane konnte seinen Neffen nur wortlos anstarren.

»Weißt du, man liest oft von solchen Sachen in Büchern, aber es ist möglich, daß das nur Erfindungen der Schriftsteller sind. Sie nehmen es oft nicht sehr genau – – ganz ohne böse Absicht natürlich – –«

»Wirst du wohl den Mund halten?!« brüllte endlich der Kranke. »Du machst mich rasend! Auf ganz unerhörte Weise belästigst du mich! Verflucht noch einmal! Ich werde dich um mindestens zwanzig Jahre überleben, du Lümmel!«

Keuchend stieß der Alte die letzten Worte hervor, Bubi schüttelte den Kopf.

»Möglich ist es ja,« sagte er zustimmend, »aber es ist nicht anzunehmen. Davon verstehen wir im Versicherungswesen eine ganze Menge. Bist du versichert, Onkel?«

Doktor Beane saß jetzt kerzengerade im Bett und sagte mit unheimlicher Ruhe: »Nein, ich bin nicht versichert!«

Bubi sah sehr ernst aus.

»Aber man muß sich doch versichern«, entgegnete er. »Das ist eine Rücksicht, die man seinen Verwandten schuldig ist.«

»Donnerwetter, nicht noch mal! Du bist doch mein einziger Verwandter!« wehklagte der Doktor.

Bubi schwieg. Daran hatte er nicht gedacht.

»Hast du denn niemand, der dich lieb hat?« fragte er und fügte dann betrübt hinzu: »Aber nein, das kann ich mir kaum denken.«

Doktor Beane war jetzt halb aus dem Bett gesprungen.

»Wirst du dich endlich hinausscheren?! Ich will jetzt aufstehen. Geh in den Garten – – oder von mir aus zum Teufel!«

Bubi ging aber nicht in den Garten. Es war ihm dort zu kalt. Statt dessen ging er in die große, geräumige Küche, wo Anna, die seit fünfundzwanzig Jahren Köchin und Haushälterin bei Doktor Beane war, das Mittagessen des Kranken zubereitete.

»Wie fanden Sie ihn, Herr Beane?« fragte Anna. Sie war eine korpulente, schwerfällige Frau, die kurzatmig zu sein schien.

»Im Bett fand ich ihn«, erwiderte Bubi. »Würden Sie mir bitte etwas Kaffee machen?«

Anna füllte den Wasserkessel und setzte ihn kopfschüttelnd aufs Feuer.

»Wenn Sie mir fragen, Herr Charles,« sagte sie, »so bin ich der Meinung, daß sein Grafentitelquatsch ihn noch umbringen wird.«

In diesem Augenblick wurde stürmisch geklingelt, und Anna watschelte aus der Küche. Bald darauf kam sie höchst erstaunt zurück.

»Aufgestanden ist er!« brachte sie keuchend hervor, »und er wünscht Ihnen zu sprechen, Herr Charles.«

Wieder klingelte es Sturm, und Bubi stürzte in die Bibliothek zurück.

Der Doktor saß in einem Lehnstuhl vor dem Kamin.

Ganz nahe, so daß er sie erlangen konnte, lag die Mappe mit den bewußten Zeitungsausschnitten, die ihm die Sommerferien vollständig verdorben hatten.

»Komm herein! Weshalb bist du fortgelaufen? Das ist wohl das verteufelte amerikanische Blut in dir. Nicht einen Moment kannst du Ruhe halten. Immer in der Hetze!«

Bubi öffnete schon den Mund, um gegen diese Beschuldigung, nach einem beschleunigten Tempo leben zu wollen, Protest zu erheben; aber er schloß ihn wieder, als der Doktor wütend auf einen Stuhl zeigte und »Setz' dich!« schrie.

»Du weißt doch,« fuhr er fort, »daß ich mich mit diesen hirnlosen Lords über mein Recht auf die Pairswürde herumschlage? Aber natürlich weißt du es! Alle Zeitungen sind voll davon. Ich denke, daß mir die nächsten acht Tage die Entscheidung der Lords, dieser Schufte, bringen werden.«

Doktor Beane hatte sich dreißig Jahre vergeblich bemüht, sein Anrecht auf das Marquisat von Pelborough festzustellen. Er hatte ein Vermögen für Rechtsanwälte und genealogische Recherchen ausgegeben, ja, er hatte sogar die Kühnheit besessen, von dem Minister des Inneren die Erlaubnis zu einer Ausgrabung, die er für notwendig hielt, zu verlangen. Aber der Minister besaß ebenfalls die Kühnheit, den Antrag abzuweisen. Diese Marquisatfrage war Doktor Beanes Steckenpferd, eine fixe Idee, seine einzige Leidenschaft.

Bubi stöhnte innerlich. Er hatte gehofft, daß der kritische Gesundheitszustand seines Onkels jede Unterhaltung über diese verhängnisvolle Illusion ausschließen würde.

Der Doktor nahm einen Zeitungsausschnitt aus der Mappe.

»Meiner Forderung lege ich die Tatsache zugrunde, daß Sir Harry Beane mit Martha, der Gräfin von Morthborough, verwandt war. Ist dir das klar?«

»Nein, Onkel«, sagte Bubi ergeben, aber wahrheitsgemäß.

»Dann bist du ein Trottel!« donnerte der Alte ihn an. »Ein Schafskopf bist du! Ein Esel! Da zeigt sich wieder das verfluchte amerikanische Blut bei dir! Die Gräfin von Morthborough war die Schwester von Sir Harry Beane, der fünfzehnhundertvierunddreißig starb. Hast du es nun begriffen?«

»Ich bin überzeugt, daß du recht hast, Onkel«, sagte Bubi großmütig.

»Das ist nämlich der Kernpunkt der ganzen Angelegenheit.«

Doktor Beane schlug heftig auf die Mappe, in der die Zeitungsausschnitte lagen. »Martha, die Gräfin von Morthborough, hatte zwei Töchter. Weißt du, was sie mit ihnen machte?«

»Sie schickte sie zur Schule«, schlug Bubi vor. Es lag ihm schon auf der Zunge, zu sagen: »Sie vergiftete sie«; denn er hatte eine dunkle Ahnung, daß in dem unzivilisierten Zeitalter, in dem die Gräfin Morthborough lebte, unnatürliche Eltern ähnlich mit ihren Kindern verfuhren.

»Zur Schule geschickt!« fauchte der Doktor. »Nein, du Dummkopf! Verheiratet hat sie sie! Und zwar an die zwei Söhne von dem Marquis von Pelborough. Jane, die ältere, starb ohne Nachkommen; Elisabeth, die jüngere, hatte einen Sohn, der später Marquis von Pelborough wurde.«

Das Zimmer war reichlich warm, und Bubi wurde angenehm schläfrig zumut. Er schloß die Augen.

»– – auf diese Tatsache also begründe ich mein Anrecht auf die Pairschaft ...«

»Gewiß«, murmelte Bubi.

Es war Sommer, und der Garten des Doktors prangte in tausend bunten Farben. Gwenda ging an seiner Seite ...

»Mein Vater sagte mir oftmals – – – Zum Donnerwetter, du schläfst ja!«

Nur mit großer Mühe konnte Bubi die Augen aufmachen.

»Ich habe schon zugehört, Onkel«, sagte er ein wenig heiser. »Die eine Tochter hieß Jane und die andere Elisabeth, und beide wurden an den Marquis von Beane verheiratet.«

Zehn Minuten später befand sich Bubi auf dem Weg zum Pelborougher Bahnhof. Sein Onkel hatte ihn wutentbrannt mit einer solchen Flut von Verwünschungen und Flüchen an die Luft gesetzt, daß er völlig munter geworden war. Zufälligerweise stellte sich diese plötzliche Verabschiedung als eine gütige Fügung des Schicksals heraus, denn die Abfahrtszeit der Züge war geändert worden, und Bubi erwischte gerade noch den einzigen Zug, der an dem Tag nach London abging, den er sonst verpaßt hätte.

Jonas schob den jungen Mann mit einem überflüssigen Kraftaufwand in ein Abteil dritter Klasse.

»Lange haben Sie sich gerade nicht aufgehalten«, sagte er. »War Ihr Onkel so wenig auf dem Posten, daß er Ihnen so schnell verabschiedet hat?«

»O doch, Herr Stollingham. Er war sogar sehr auf dem Posten«, sagte Bubi, als der Zug sich in Bewegung setzte.

Mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung fiel er auf die Bank zurück. Er versenkte sich jetzt intensiv in das wahre Problem des Lebens, das für ihn die Zukunft von Frau Gwenda Maynard bedeutete.

Dieses Problem war seit gestern abend, als er sie aus Frau Shipmets Zimmer hatte kommen sehen, um so dringender geworden, weil er einen sorgenvollen Ausdruck in ihren Mienen zu lesen geglaubt hatte.

Frau Shipmet hatte diesem Zimmer, das ihr gleichzeitig als Wohn- und Empfangszimmer diente, den schmeichelhaften Titel »Boudoir« gegeben. Sie sprach es aber immer »Budor« aus, so daß Bubi lange glaubte, dieser Ausdruck wäre das Französische für »Bureau«, denn in diesem sogenannten »Budor« wurden die wöchentlichen Zahlungen ihrer Pensionäre entgegengenommen. Sie umgab diesen Akt immer mit einem Nimbus und wurde von ihren Gästen darin unterstützt; denn jeder von ihnen war so kindlich naiv, zu glauben, daß er der einzige wäre, der unter Bedingungen, die für Frau Shipmet ruinierend waren, in ihrer Pension weilen durfte.

Auf Frau Shipmets dringende Bitte und vermutlich auch, weil sie fürchteten, daß die Enthüllung der philantropischen Handlungen dieser Dame einen Aufstand hervorrufen könnte, hatten sich die Pensionäre verpflichtet, das Geheimnis zu wahren, und darum wurde diese wöchentliche Zahlungszeremonie hinter verschlossenen Türen ausgeführt.

»Dürfte ich Sie einen Augenblick sprechen, Frau Shipmet?« pflegte dann leise einer der Pensionäre zu fragen.

»Gerne, Fräulein X., wollen Sie bitte in das ›Budor‹ eintreten?«

Die Tür des »Budors« schloß sich alsdann hinter ihnen, und gewöhnlich stand Frau Shipmet mit einem fragenden Lächeln da, die Hände vor dem Bauche gefaltet.

Zog der Pensionär sein Portemonnaie heraus, fuhr Frau Shipmet überrascht zusammen, als ob der schnöde Mammon das letzte auf der Welt wäre, an das sie in diesem Augenblick gedacht hätte. Das hinderte sie aber nicht, das Geld einzustecken, und sie fügte stets hinzu: »Ach, Sie hätten sich nicht bemühen brauchen, es hätte auch bis morgen Zeit gehabt. H– –m!«

Sie sagte immer h– – m am Schlusse jedes Satzes.

Es gab zwei Variationen für die Zeremonie in dem »Budor«, die soeben beschriebene oder die folgende: Frau Shipmet mit einem vollkommen unbeweglichen Gesicht und ungewöhnlich weit aufgerissenen Augen stand und nickte würdig mit dem Kopf, wie ein Richter es zuweilen macht, wenn ein Mörder »nicht schuldig« sagt. Schließlich bemerkte sie: »Es tut mir aufrichtig leid, Herr ...« – bei solchen Gelegenheiten vergaß sie immer den Namen des Betreffenden – »aber ich habe so riesige Ausgaben und muß Montag eine große Rechnung bezahlen; ich bedaure, aber ich muß Sie bitten, Ihr Zimmer zu räumen.«

Eine solche Unterredung hatte Gwenda Maynard an dem Sonnabend abend gehabt.

Bubi sah sie nach seiner Rückkehr aus Pelborough zum erstenmal am Sonntag nachmittag wieder. Die Akazienvilla war fast leer. Die jungen Damen und Herren, die bei Frau Shipmet wohnten, hatten Sonntag nachmittag stets Verabredungen. Die anderen, die für Schäferstündchen zu alt waren, gingen entweder in die Kirche oder zu Bett.

»Frau Maynard«, rief Bubi und kam eilig aus dem Wohnzimmer, um sie noch zu erwischen. »Es tut mir so leid, daß ich Ihnen noch nicht guten Tagen sagen konnte, aber ich bin erst nach dem Mittagessen zurückgekehrt.«

Sie antwortete mit einem Lächeln, das heiter sein sollte: »Ach! Da sind Sie, Bubi! Ich suchte Sie nach dem Essen, ehe ich fortging. Wie geht es Ihrem Onkel?«

»Er – – Er macht eigentlich einen ganz – robusten Eindruck«, sagte Bubi, dem gerade keine treffendere Bezeichnung einfiel.

»Sie gehen doch hoffentlich nicht in Ihr Zimmer hinauf?« fragte Bubi.

Frau Maynard schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wo ich überhaupt bleibe«, antwortete sie lächelnd. »Wollen Sie ausgehen?«

Bubi nickte. »Das heißt, wenn Sie nichts anderes vorhaben«, sagte er und fügte hinzu, als sie zögerte: »Es regnet ja nicht mehr.«

»Schön«, sagte sie und wandte sich zum Gehen. »Kommen Sie.« Bubi folgte ihr.

Frau Shipmets Pension war in dem ziemlich dicht bevölkerten Vorort Brockley gelegen, und alle Leute dieser Gegend richteten ganz unwillkürlich ihre Schritte nach dem kleinen, an einem Abhang liegenden Wäldchen, wenn sie spazierengingen. Dieses Wäldchen war für Brockley, was Hampstead Heide für die Londoner ist und Zentralpark für die Neuyorker.

Die beiden schritten eine Weile schweigend nebeneinander dahin.

Frau Maynard war eine hübsche, schlanke Erscheinung. Als sie in die Akazienvilla einzog, geriet das ganze Haus über die Ankunft einer richtigen Schauspielerin in höchste Aufregung. Nachdem ihre Mitpensionäre sich eine Zeitlang eifrig mit der angenehmen Aufgabe beschäftigt hatten, den Charakter des neuen Ankömmlings zu analysieren, fällten sie schließlich alle einmütig das Urteil »lebenslustig«. Die ersten acht Tage machte man ihr sehr stark den Hof. Da sie aber bald alle Ursache hatte, die Herren gehörig abblitzen zu lassen, war es mit ihrer Beliebtheit sehr schnell aus. Der männliche Teil der Pension behauptete daraufhin, daß sie hochnäsig wäre. Die Damen, denen sie ab und zu einen Dämpfer aufsetzen mußte, rächten sich dadurch, daß sie, wenn Frau Maynards Name in der Unterhaltung erwähnt wurde, mit zusammengekniffenen Lippen sich gegenseitig vielsagende Blicke zuwarfen. Denn Gwenda trug einen Trauring, war ungewöhnlich hübsch und sprach nie von ihrem Mann.

»Bubi,« sagte Frau Maynard plötzlich, als sie auf den Weg einbogen, der zu dem Wäldchen auf dem Abhang führte, »ich gehe!«

Bubi blieb wie angewurzelt stehen und wurde ganz blaß.

»Sie gehen – Frau – – ich meine ›Gwenda‹?!« Er sprach ihren Vornamen etwas zaghaft aus.

»Wohin gehen Sie denn?« fügte er hinzu.

Gwenda zuckte die Achseln. »Ich weiß noch nicht, Bubi«, sagte sie. »Ich weiß nur, daß Frau Shipmet mir das Zimmer gekündigt hat. Ich bin ihr drei Wochen Miete schuldig.«

Bubi sah sie erstaunt an. »Ja, wirklich?!« sagte er entsetzt.

»Ja, wirklich«, erwiderte sie verbittert. »Ich mußte mir für das neue Stück im Strand-Broadway-Theater eine Menge Kleider anschaffen. Bei Solburg muß man seine Garderobe selbst bezahlen, und jetzt, wo ich die Sachen schon gekauft habe« – sie schluckte Tränen herunter – »redet Solburg davon, daß er mir die Rolle doch nicht geben kann. Er hat sie einer anderen versprechen müssen, deren Vater einen Lord Chenney kennt, und dieser hat Solburg gebeten, meine Rolle der Kollegin zu geben.«

»Wir wollen uns hinsetzen«, sagte Bubi, der sich von dieser Nachricht erholen mußte. »Aber ist er nicht verpflichtet, Ihnen die Rolle zu geben, Gwenda?« fragte er.

Sie setzte sich auf eine leere Bank, und er nahm an ihrer Seite Platz.

»Gewiß ist er das«, sagte sie. »Ich habe sogar einen Kontrakt. Aber was nützt mir das? Ich kann mich nicht mit ihm herumschlagen. Er hat zu viele Beziehungen in der Theaterwelt, und ich könnte nicht wagen, ihn zu verklagen. Kein Theater würde mich nachher engagieren. Es bleibt mir nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen und zu hoffen, daß ich etwas anderes finde.«

Bubi war erschlagen.

Als er Frau Maynards Gesicht Sonnabend abend gesehen hatte, wußte er sofort, daß etwas Schlimmes passiert war. Aber auf eine solche Katastrophe war er nicht gefaßt. Frau Maynard war die erste Frau, die ihm freundschaftlich begegnet war, das heißt das erste weibliche Wesen, das nicht mit ihm kokettieren wollte oder ihn von oben herab behandelte. Sie war sein erster und bester Kamerad, und nun sollte sie aus seinem Leben verschwinden.

Plötzlich kam ihm ein brillanter Gedanke.

»Frau – – – Gwenda – –« sagte er erregt, »drei Wochen Miete, das sind ja nur sieben Pfund zehn Schilling, und ich habe über dreißig Pfund auf der Bank! Was bin ich für ein Esel, daß ich jetzt erst daran denke!«

Gwenda sah ihn lange an – – bis ihr zu Bubis Entsetzen die so lange zurückgehaltenen Tränen überflossen.

»Sie lieber, guter Kerl!« sagte sie leise, schüttelte aber dabei abwehrend den Kopf. »Nein, mein Lieber, ich kann Ihr Geld nicht nehmen. Trotzdem bin ich Ihnen unendlich dankbar! Sie rührender Junge!« fügte sie hinzu und kämpfte noch immer mit den Tränen.

»Warum nennen Sie mich Junge, Gwenda?« fragte er. »Dabei bin ich ein Jahr älter als Sie. Ich weiß zwar, daß Sie verheiratet sind, aber das macht Sie doch nicht älter.«

Gwenda lächelte und wischte sich die letzten Tränen ab.

»Ich komme mir mindestens tausend Jahre älter vor als Sie. Aber erzählen Sie mir jetzt von Ihrem Onkel.«

»Wann müssen Sie fort?« fragte eigensinnig der junge Mann.

»Am nächsten Sonnabend. Ich muß sagen, Frau Shipmet hat sich ganz anständig benommen. Ich habe ihr die Pension für die nächste Woche im voraus bezahlt, denn ich kann nicht verlangen, daß sie mich umsonst behält. Wenn ich die Rolle in dem neuen Stück bekommen hätte ...« – sie schüttelte den Kopf – »aber was nützt das Jammern«, sagte sie ungeduldig. »Ich bin ja dumm. Ach! Da kommt dieser ekelhafte Terrance. Er braucht nicht zu sehen, daß ich geweint habe.«

Herr Fred Terrance hielt sich für einen Weltmann. Dieser hohe Beruf verlangte das Tragen sehr eleganter Wäsche und Krawatten, die möglichst mit der Farbe der Strümpfe harmonierten. Er hieß allgemein nur »Herr Fred«. Neben seiner Rolle als Weltmann hatte er die noch schwierigere eines Witzbolds zu spielen.

Er war einer von denen gewesen – eigentlich der erste –, der herausgefunden hatte, daß Gwenda hochnäsig war. Man sah ihn über den Rasen schlendern, da er über das Verbot, das das Betreten der Grasflächen untersagte, erhaben war. Stolz schwang er sein Bambusstöckchen und rauchte eine dicke Zigarre.

»Hallo, Bubi! Haben Sie sich gut auf Ihrer Reise amüsiert?«

Bubi sah ihn erst eine Weile an, dann sagte er: »Nein.«

Terrance beobachtete die junge Frau neugierig.

»Was in aller Welt ist denn passiert?« fragte er. »Geweint? Das gibt's ja nicht! Was ist denn los? Ich als Weltmann – –«

»Ich glaube, es ist besser, Sie entfernen sich«, sagte Bubi in seinem gewohnten ernsten Ton, als der Weltmann Anstalten machte, neben ihnen Platz zu nehmen.

»Nanu, warum denn?«

»Weil wir Ihnen nichts zu sagen haben«, erwiderte Bubi ruhig.

Obgleich sie schon seit acht Monaten in demselben Hause wohnten, hatten sie nie einen Wortwechsel gehabt, so daß Terrance über Bubis ruhige Frechheit sprachlos war.

»Noch etwas möchte ich Ihnen sagen, Herr Terrance,« fuhr Bubi fort, »Bubi heiße ich nur für meine nächsten Freunde.«

»So?« sagte Herr Terrance, der vor Wut dunkelrot wurde. »Und da wir gerade bei dem Thema sind, was Sie möchten und nicht möchten, Sie dummer Bengel ...!«

Bubi war furchtbar erschrocken über die Wirkung seiner Worte.

»Es tut mir sehr leid, wenn ich Sie gekränkt habe, Herr Terrance«, begann er, aber der Weltmann überschrie ihn sofort.

»Ich würde Ihnen raten, einen höflicheren Ton gegen mich anzuschlagen, Freundchen«, sagte er. Zu Bubis Entsetzen brüllte Herr Terrance in seiner Erregung immer lauter. »Ich könnte verschiedenes von Ihnen erzählen! Wo gehen Sie zum Beispiel jeden Dienstag und Freitag hin, wie? Vielleicht würde es Frau Maynard auch interessieren, Aufklärung über diesen Punkt zu erhalten«, schloß er, indem er nachdrücklich Gwendas Titel betonte.

Nach dieser dramatischen Tirade stolzierte Herr Terrance in die beginnende Dunkelheit hinein. Da er aber glaubte, einen noch effektvolleren Schluß gefunden zu haben, kehrte er noch einmal zurück und sagte: »Solche Leute wie Sie kenne ich, diese heuchlerischen, schleichenden Schwindler, die darauf ausgehen, Frauenherzen zu brechen. Wenn Frau Maynard klug wäre, würde sie sich von Ihnen fernhalten.«

Der junge Mann sah ihm sprachlos nach.

»Donnerwetter nicht nochmal!« rief Bubi.

Gwenda lachte leise.

»Ach, Sie Schwerenöter!« sagte sie mokant.

»Das bin ich aber wirklich nicht«, erwiderte Bubi entrüstet. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Herz gebrochen.«

Frau Maynard lachte hellauf, erhob sich und sagte: »Es wird jetzt kalt, Bubi, wir wollen in die Menagerie zurückkehren.«

Sie gingen auf einem Umweg nach der Akazienvilla zurück. Als sie schließlich dort ankamen, begegneten sie Frau Shipmet im Korridor, welche die beiden mit einem Lächeln begrüßte, dessen Herzlichkeit so fein abgestimmt war, daß es Bubi nicht verletzte, aber Frau Maynard auch nicht ermutigte.

Vor dem Schlafengehen wurde Bubi von Frau Shipmet zu einem Tete-a-tete in ihrem »Budor« aufgefordert.

Frau Shipmet schloß die Tür vorsichtig hinter sich.

»Wie Sie wissen, betrachte ich Sie als meinen Sohn, Herr Beane,« sagte sie, »und darum bin ich überzeugt, daß Sie es mir nicht übelnehmen werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich es nicht für sehr klug von Ihnen halte, sich so viel mit einer Schauspielerin sehen zu lassen.«

»Meinen Sie Frau Maynard?« fragte Bubi erstaunt.

Frau Shipmet nickte vielsagend.

»So junge Menschen wie Sie«, sagte sie, »sind sehr empfäng ... h – – m ... leicht zu beeinflussen. Eine Schauspielerin ist daran gewöhnt, daß man ihr den Hof macht und nimmt so etwas nicht ernst. Ich kann das nicht mit ansehen, wie man Ihr Herz systematisch bricht, Herr Beane.«

»Ach, Frau Shipmet, wenn es nichts weiter ist als mein Herz, das Ihnen Kummer macht!« sagte Bubi erleichtert. »Darüber brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen zu machen, mein Herz ist ganz heil. Ich danke Ihnen sehr, Frau Shipmet. Gute Nacht!«

»Es war nur gut gemeint«, sagte Frau Shipmet, die eine Hand auf der Türklinke hielt. »Ich spreche wie eine Mutter mit Ihnen.«

Bubi sah sie eigentümlich an. »Wie meine Mutter oder Frau Maynards, Frau Shipmet?« fragte er.

»Wie Ihre natürlich!« beeilte sich Frau Shipmet zu versichern, damit sie ja nicht in den Verdacht käme, mütterliche Gefühle für eine so wenig nutzbringende Pensionärin wie Frau Maynard zu hegen.

Bubi nickte.

»Meiner Meinung nach«, sagte er, »braucht Frau Maynard eine Mutter nötiger als ich. Es tut mir sehr leid, daß sie Ihnen Geld schuldet. Ich glaube, Sie würden freundlicher für sie empfinden, wenn das nicht der Fall wäre.«

Bei diesen Worten ließ er Frau Shipmet stehen, und ... wie sie sich später äußerte, aufs schwerste gekränkt.

Von dem Testamentsvollstrecker seines Vaters erhielt Bubi wöchentlich zwei Pfund zehn Schilling. Sein Gehalt bei der Firma Leither und Barns betrug auch zwei Pfund zehn Schilling die Woche. Von diesen beiden Summen konnte er zwar nicht sehr luxuriös, aber doch sorgenlos leben.

Seine Arbeitszeit war von halb zehn morgens bis halb sechs nachmittags, außer Sonnabends, wo das Bureau um zwölf Uhr geschlossen wurde, damit Herr Leither – einen Herrn Barns gab es nicht – sich dem Golfspiel widmen konnte. Bubis Arbeit war nicht gerade anstrengend. Seine Hauptaufgabe bestand darin, die unvorsichtigen Leute, die auf Herrn Leithers Annoncen geantwortet hatten, mit der Literatur, das heißt den Rundschreiben usw. der Firma zu versehen. Eine Arbeit, die, wie Herr Leither so häufig betonte, ein Kind, und zwar, wie er sich auszudrücken beliebte, ein zerlumptes Straßenkind bewältigen könnte. Herr Leither verfehlte nie, besonderen Nachdruck auf den bejammernswerten Zustand der Garderobe seines mythischen Kindes zu legen.

An diesem Montag bekam Bubi einen Anschnauzer von seinem Chef wegen eines ernsten Versehens, dessen er sich in der vergangenen Woche schuldig gemacht hatte. In einem Brief an einen Herrn, der sich nach einer Arbeiterentschädigungsversicherung erkundigte, war es Bubi passiert, daß er versehentlich das Rundschreiben »Wir bedauern, noch keine Antwort von Ihnen erhalten zu haben« geschickt hatte, anstatt das für diesen Fall in Frage kommende »Wir sind sehr erfreut« usw. zu nehmen. Denn der Kunde hatte ja geschrieben.

Herr Leither, ein korpulenter, nachlässiger Herr, dessen Kleidung fast immer mit Zigarettenasche bestaubt war, schüttelte verzweifelt den riesigen Kopf, als Bubi in sein Zimmer trat.

»Aber, Beane«, sagte er in tragischem Ton, nachdem er Bubi sein Versehen auseinandergesetzt hatte, »ich muß mich sehr über Sie wundern. Ein Kind, und zwar ein ganz zerlumpter Straßenjunge, könnte diese Arbeit mit Leichtigkeit bewältigen! Und Sie! Wie konnte Ihnen so etwas passieren?«

»Leider passiert so etwas von ganz allein«, erwiderte Bubi.

»Sprechen wir nicht mehr davon!« entgegnete Herr Leither und schüttelte die Asche von seiner Zigarette auf seine Weste ab.

Bubi zögerte, schließlich sagte er: »Ich wollte Sie fragen, Herr Leither, ob Sie vielleicht den Theaterdirektor Solburg kennen?«

Herr Leither runzelte die Stirn.

»Doch, den kenne ich. Aber der ist kein vorteilhafter Kunde, Beane, er hat ein Herzleiden.«

»Ich meine aber nicht von dem Versicherungsstandpunkt aus«, sagte Bubi. »Die Sache ist die, Herr Leither, ich interessiere mich für eine Dame, die Schauspielerin ist.«

Herr Leither sah seinen Angestellten mit einem Ausdruck an, in dem Staunen und Respekt sich um die Herrschaft stritten. Aber er schüttelte den Kopf.

»Ich bin zwar alt genug, Ihr Vater zu sein, will mir aber nicht etwa erlauben, in loco parentis zu handeln (ein lateinischer Ausdruck, Beane, der ›an Stelle der Eltern‹ bedeutet), – – – aber das möchte ich Ihnen nur sagen: Tun Sie es nicht! Schauspielerinnen sind ganz nett auf der Bühne, aber für einen jungen Mann wie Sie ist es in jeder Beziehung besser, wenn Sie sie nur dort sehen! Für Ihre Gemütsruhe ist es entschieden vorteilhafter, glauben Sie mir, Beane!«

Beane ließ sich nicht durch dieses verzeihliche Mißverständnis seines Chefs von dem verwegenen Entschluß, den er gefaßt hatte, abbringen.

»Die betreffende junge Dame war von Solburg engagiert worden«, erzählte er. »Sie hatte schon sechs Wochen alle Proben mitgemacht, und nun wird ihr die Rolle abgenommen, weil die Tochter von Lord Chenney eine Dame kennt, die diese Rolle spielen will.«

Bubi brachte seine Mitteilung etwas atemlos hervor.

»Lord Chenney ist bei der Handels- und Rechtsgesellschaft versichert«, murmelte Herr Leither. »Ich versuchte, ihn zu überreden, sich bei der ›Peninsulargesellschaft‹ versichern zu lassen. Lord Chenney! Das wäre ein erstklassiger Kunde!«

»Glauben Sie, daß es einen Zweck hätte, wenn ich mich für die betreffende Dame bei Herrn Solburg verwenden würde?« fragte Bubi. »Könnten Sie mir vielleicht einen Empfehlungsbrief mitgeben?« fügte er ein wenig zaghaft hinzu.

Herr Leither schüttelte den Kopf.

»Geben Sie es auf, Beane! Geben Sie es auf«, antwortete er mit ungewöhnlicher Freundlichkeit. »Ich rate Ihnen gut. Es wird natürlich zuerst Herzblut kosten, aber Sie sind jung.«

Bubi wollte protestieren, doch Herr Leither fuhr unbeirrt fort: »Ich kann Ihnen natürlich einen Empfehlungsbrief an Herrn Solburg mitgeben, wenn Sie ihn besuchen wollen. Ich könnte die näheren Bestimmungen über das System der verkürzten Policen, Verzeichnis D, auch mit beilegen.«

Bubi erzählte Frau Maynard nichts von seiner Unterredung mit dem »Theatermenschen«. Es war ein unerwartet angenehmes Erlebnis für ihn gewesen. Herr Solburg war auch ein Weltmann, ein lächelnder, hebräischer Herr, in dessen Herz, wie er meinte, die ganze Welt Platz hätte. Außerdem hatte er Sinn für Humor. Er war die Offenheit selbst gewesen. Frau Maynard wäre eine ausgezeichnete Schauspielerin, hatte Herr Solburg gesagt, aber Lord Chenney übte einen indirekten Einfluß aus. Wie es sich herausstellte, hatte Herr Solburg drei »rettende Engel«, wie er sie nannte – – und erweckte dadurch den Eindruck bei Bubi, daß er ein sehr frommer Mann wäre. Dieser Eindruck schwand jedoch, als der Direktor ihm auseinandersetzte, daß ein »rettender Engel« ein »Geldmann« wäre, und die »Geldmänner« wiederum dem Unternehmen finanzielle Hilfe angedeihen ließen.

Es war also aus Gefälligkeit für diese »Geldmänner«, die sich durch das Interesse des Aristokraten geschmeichelt fühlten, daß Solburg die Rolle, die er für Frau Maynard bestimmt, Fräulein Moran gegeben hatte.

»Nein, mein lieber junger Mann, ich nehme es durchaus nicht übel, daß Sie zu mir gekommen sind. Sie sind wohl Frau Maynards Bruder oder vielleicht ihr Sohn?«

Herr Solburg hatte so lange in der Welt des Scheins gelebt, in der Männer und Frauen ihr Alter derartig geschickt zu verbergen verstehen, daß Bubis entrüstetes Ableugnen keinen großen Eindruck auf ihn machte.

»Sie sehen alle jugendlich aus, mein Junge,« sagte Herr Solburg, »ich habe Chormädchen in meiner Truppe gehabt, die schon Großmütter waren.«

Es war keine sehr glückliche Woche für Bubi. Er verbrachte seine ganze freie Zeit damit, Theaterzeitungen zu studieren und passende Annoncen auszuschneiden, die er in Frau Maynards Brieffach legte. Herr Terrance fand diese Fürsorge sehr spaßhaft, und Bubi hatte deshalb wenig angenehme Mahlzeiten. Herr Fred mußte doch seinem Ruf als Humorist genügen, und seine Witze über Bubi waren in der letzten Zeit reichlich boshaft.

Bubi machte sich allerdings nichts daraus, wenn Frau Maynard nicht anwesend war.

Am Sonnabend abend, als Gwendas Koffer fertig gepackt waren, um nach dem Zimmer, das sie in Bloomsbury gemietet hatte, befördert zu werden, und sie neben Bubi am Eßtisch saß, wurden die geschmacklosen Scherze des Herrn Terrance unerträglich.

»Jetzt, wo Frau Maynard uns verläßt, werden wir vermutlich Bubi wenig zu sehen bekommen«, meinte Herr Fred, sich an den ganzen Tisch wendend. »Er wird jeden Abend, außer Dienstag und Freitag natürlich, vor dem Bühneneingang des Broadwaytheaters stehen.«

Er blinzelte den anderen zu, und dann, als ob ihm plötzlich etwas einfiel, fügte er hinzu: »Ach nein, wie ich höre, spielen Sie ja nicht in dem neuen Stück im Broadwaytheater, nicht wahr, Frau Maynard?«

»Nein«, sagte die junge Dame ruhig und bestrich weiter ihr Brot mit Butter.

»Ach, jetzt wird verschiedenes klar«, sagte Herr Fred mit vielsagendem Kopfnicken. »Nur Geduld, Frau Maynard, Sie werden schon in einem anderen Stück spielen und können dann alle Ihre Schulden bezahlen.«

Gwenda errötete und machte eine Bewegung, als ob sie aufstehen wollte, aber Bubi kam ihr zuvor und erhob sich.

»Herr Fred,« sagte er ruhig, »haben Sie einen Augenblick Zeit für mich?«

Herr Fred lächelte.

»Sagen Sie doch hier, was Sie wollen, Bubi«, entgegnete er.

Aber Bubi schüttelte den Kopf und ging zur Tür. Herr Fred folgte ihm noch immer lächelnd.

Im Korridor war niemand. Die Haustür stand offen, und Bubi war bereits draußen.

»Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so sagen Sie es mir gefälligst hier. Ich habe keine Lust, mich zu erkälten.«

»Kommen Sie nur heraus«, sagte Bubi. Seine Stimme klang befehlend.

»Was zum Teufel wollen Sie denn eigentlich?« rief Herr Fred zornig, als er Bubi folgte.

Klatsch! Klatsch!

Bubi hatte Herrn Fred eine Ohrfeige verabreicht.

Einen Augenblick stand Terrance starr, dann holte er mit aller Kraft aus.

Die einzige Beleuchtung, die sie hatten, war der Lichtstreifen, der aus dem Hausflur fiel. Bubi sprang zur Seite, und der Schlag sauste an seiner Schulter vorbei. Einmal, zweimal stürmte er gegen Terrance an, und jedesmal traf diesen seine Faust. Diese Manier zu schlagen, war einer seiner Lieblingsgriffe.

Herr Fred schnappte nach Luft und taumelte. Jetzt ging Bubi mit der linken Hand gegen ihn vor. Herr Fred sah und fühlte nichts mehr. Sein erster bewußter Eindruck war, daß man ihm auf die Füße half und ihn schüttelte.

»Sie wollten doch wissen, wo ich Dienstag und Freitag die Abende verbringe. Jetzt kann ich es Ihnen sagen. In dem Polytechnikum, wo ich boxen lerne.«

Ohne ein Wort zu erwidern, ging Herr Fred etwas schwankend in sein Zimmer hinauf, und Bubi kehrte ins Eßzimmer zurück. Er war so wenig aufgeregt oder zornig, daß er sogar beim Vorbeigehen einen Blick in das Brieffach warf, und als er einen an ihn adressierten Brief sah, nahm er ihn mit sich in den Speisesaal.

Gwenda sah besorgt auf, als er eintrat. Wenn Bubi auch seine Nerven und Muskeln in der Gewalt hatte, so war er nicht Herr über seine Blutzirkulation. Er war blaß.

»Herr Fred kommt nicht zu Tisch zurück, Frau Shipmet«, sagte er lächelnd und öffnete seinen Brief.

Frau Maynard bemerkte, daß Bubis Hände bluteten.

»Bubi,« sagte sie leise, »was ist geschehen?«

Aber Bubi hörte nicht. Er starrte auf den Brief, den er eben geöffnet hatte. Er war von dem Pfarrer von Pelborough. Ein Abschnitt daraus lautete folgendermaßen:

»Er starb ganz friedlich. Ich glaube, daß die Ursache seines Todes die unverhoffte Nachricht, die ihn so heftig erschütterte, gewesen ist. Die Mitteilung in dem beiliegenden Brief, die die Bestätigung von Doktor Beanes Anrecht auf die Pairschaft von Pelborough ausdrückte, kam, soweit ich weiß, Ihrem Onkel ganz unerwartet. Ich gestatte mir, Ihnen mein Beileid zu dem Verlust, der Sie getroffen hat, auszusprechen und gratuliere Ihnen gleichzeitig zu dem Titel, der jetzt auf Sie übergegangen ist ...«

Bubi stand taumelnd auf. Er hielt noch immer den Brief krampfhaft fest und ging in den Korridor, wo sich das Telefon befand. Mit zitternder Hand blätterte er in dem Teilnehmerverzeichnis und verlangte eine Nummer.

Gwenda war ihm nachgegangen und hörte nun schweigend zu.

»Ist da Herr Solburg?« fragte Bubi.

Der jungen Frau ging der Atem aus.

»Ich wollte Sie bitten, Frau Maynard die Rolle wiederzugeben, die Sie ihr weggenommen haben.«

»Wer ist da?« fragte Solburgs Stimme. Bubi gab sich Mühe, Festigkeit in den Ton zu legen, als er antwortete:

»Der Marquis von Pelborough.«

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