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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Zwölftes Kapitel.
Der Sieg über den Mittelgewichtler

Es gibt einen sechsten Sinn, den fast alle Verbrecher besitzen, und der ihnen von größtem Nutzen ist, solange sie in der Ausübung ihres Berufs in voller Tätigkeit sind; früher oder später jedoch führt er sie ins Verderben. Das ist das Gefühl der Immunität. Der Strauß soll diese Eigenschaft auch besitzen, aber selbst wenn es wahr ist, daß er bei Gefahr den Kopf in den Sand versteckt, ergreift er diese selbstmörderische Taktik erst als letztes verzweifeltes Mittel.

Während seines an Wechselfällen reichen Lebens hatte Jagg Flower stets dem Prinzip gehuldigt, ein Verbrechen durch ein zweites zu kaschieren. Passierte es ihm, daß der eiserne Arm des Gesetzes ihn doch einmal erreichte, und er eine Weile unfreiwillig in Zurückgezogenheit leben mußte, betrachtete er die verbüßte Strafe als eine Läuterung und Genugtuung, die ihn von allen seinen früheren Missetaten reinwusch, und kam sich, wenn er der Welt wiedergegeben wurde, mehr oder minder makellos vor.

Ein vor zwölf Jahren begangener Raubmord hatte zwar seine Laufbahn geschädigt, aber dank der Hilfe seiner Freunde, die ihm die plötzliche Abreise aus Amerika ermöglichten, und der darauffolgenden Verhaftung und Bestrafung wegen einer Übertretung der europäischen Gesetze war es seinem Gedächtnis vollkommen entschwunden, daß es überhaupt einen Ort namens Virginia auf der Landkarte gab. Er erinnerte sich dessen erst, als er eines Tages in der Einsamkeit seiner Zelle in dem Gefängnis zu Toulouse die Zeitungsnachricht las, daß der Marquis von Pelborough einen Landsitz gekauft hatte und ursprünglich Beane hieß und der Neffe von Josephus Beane war.

Und jetzt fiel Herrn Flower sein früherer Kamerad ein, der sein Kollege bei dem Vermont-Unternehmen gewesen und der Sohn von Doktor Josephus Beane war. Wenn dieser noch lebte, würde er das Anrecht auf den Marquistitel gehabt haben. Doch leider hatte Joe Beane schon das Zeitliche gesegnet. Den gröblich verletzten Gesetzen Virginiens war Genugtuung geschehen, indem man den verkommenen Menschen, den niemand betrauerte, hingerichtet hatte.

Ihn wieder zum Leben zu erwecken, war für den erfinderischen Herrn Flower ein leichtes. Nachdem es ihm mißlungen war, Schweigegeld von Bubi Pelborough zu erpressen, hatte er sich in seine Niederlage gefunden, und die Sache war für ihn erledigt.

»Das junge Mädchen sah aus wie eine Königin!« dachte er, als er nach London zurückfuhr.

Er empfand keine Spur Groll gegen sie, wie damals gegen Anita Pireau in Marseille, als diese vor dem Gerichtshof Zeugnis gegen ihn ablegte. Nachträglich hatte er sie jedoch besucht, um ihr die Ungeheuerlichkeit ihres Vergehens auf nachdrücklichste Weise klarzumachen. Sonst war er ein so philosophisch veranlagter Mensch, daß er die Kraft, die ihn zu Boden zwang, bewundern konnte. Trotzdem hatte sein Gefühl der Immunität eine kleine Erschütterung erlitten. Die Episode hatte ihn daran erinnert, daß es doch noch eine Gesetzesübertretung gab, die er trotz seiner vielen verbüßten Gefängnisstrafen immer noch nicht gesühnt hatte; daher beschloß er es mit einem Aufenthalt in Holland als amerikanischer Tourist, der ihm ganz gute Erwerbsmöglichkeiten zu bieten schien, zu versuchen.

Eine Woche wollte er noch in Bloomsbury, wo er die Gastfreundschaft eines Privathotels genoß, versteckt bleiben. Bald bekam er einen Wink von einem seiner »Vertrauensmänner«, daß er gesucht wurde. Da er vermutete, daß Lord Pelborough sich seinetwegen mit der Polizei in Verbindung setzen würde, hatte er die Abreise verzögert, und diese Warnung schien seinen Vermutungen recht zu geben.

Trotzdem beschloß Herr Flower England nun sofort zu verlassen. Als er sich gerade in ein Abteil erster Klasse des Eilzugs nach Harwich gesetzt hatte, erschien ein stämmiger Herr, den Flower sogleich erkannte, in der Tür.

»Wie wäre es, Jagg, wenn Sie ein Stückchen mit mir mitkämen?«

Hinter dem amerikanischen Detektiv standen zwei Londoner Polizisten.

»Gewiß«, erwiderte Jagg, der sich langsam von seinem Platz erhoben und seine Tasche vom Gepäcknetz heruntergenommen hatte. »Vermutlich haben Sie eine kleine Unterhaltung mit der lieben kleinen Gwenda gehabt?«

Als der Detektiv eben in den Wagen hineintreten wollte, bekam er mit Jaggs Tasche einen solchen Schlag ins Gesicht, daß er hintenüber auf den Bahnsteig fiel. In der nächsten Sekunde hatte Flower die andere Tür des Abteils aufgerissen, war über das Geleise gerast, auf einen anderen Bahnsteig geklettert und durch den Güterbahnhof gejagt, ehe man ihm nachsetzen konnte.

Als er an dem Häuschen eines Weichenstellers vorbeikam, und einen Bahnhofspolizisten am Fenster sitzen sah, hörte er auf zu laufen und schritt langsam dahin, bis er auf die Breite Straße hinauskam. Dort sprang er auf eine elektrische Bahn, die sich eben in Bewegung setzte. In Islington angekommen, stieg er um und erreichte Kings Croß Bahnhof kurz vor Abgang eines Zuges nach dem Norden. Er hatte gerade Zeit, eine Fahrkarte erster Klasse zu lösen und hineinzuspringen, ehe der Zug abfuhr.

Dieses königlich aussehende junge Mädchen hatte also die Polizei auf ihn gehetzt! Jagg Flower lächelte vor sich hin. Es war nicht das erstemal, daß Frauen ihn verraten und es nachher bitter bereut hatten. Er würde schon dafür sorgen, daß Gwenda keine Ausnahme machte. So hieß sie, denn er hatte den Marquis sie so nennen hören.

Der erste Aufenthalt, den der Zug hatte, war in Grantham, wo eine ungewöhnliche Anzahl Polizisten auf dem Bahnhof versammelt waren.

»Gwenda!« sagte sich Herr Flower leise, als er auf der anderen Seite des Zuges hinuntersprang. Da er sich in einem der letzten Wagen befunden hatte, war der Weg vor ihm frei. Wieder benutzte er den Güterbahnhof als Ausgang, und es gelang ihm, aus der Stadt herauszukommen.

»Man hat die englische Polizei entschieden verleumdet«, sagte sich Herr Flower, als er sich auf offener Landstraße befand.

Kein Gerücht von der Gefahr, in der Herr Flower schwebte, drang nach dem Hause Kenberry, um seine Ruhe zu stören.

Nach dem erfolglosen Erpressungsversuch dieses Herrn war er gänzlich aus Bubis Leben und Erinnerung entschwunden. Er war für ihn nur eine interessante Episode gewesen. Zuerst hatte es den Anschein gehabt, daß die Nachricht, die Flower brachte, das Leben von Lord Pelborough vollkommen verändern würde. Bubi wünschte fast, daß es der Fall gewesen wäre.

»Bubi ist ein sonderbarer Mensch«, sagte Frau Phibbs, seine Wirtschafterin.

Gwenda hatte zwar gerade dasselbe gedacht, doch duldete sie keine Kritik über ihn, nicht einmal von einer so guten alten Freundin, wie Frau Phibbs es war.

»Wieso?« fragte sie.

»Seine Stimmung wechselt so oft und so plötzlich«, meinte Frau Phibbs und legte ihr Buch hin, um ihren Kneifer zu putzen. »Als er zuerst hierher kam, war er fast trübsinnig; es war sehr deprimierend, Gwenda. Und dann, an dem Tag, als der nette amerikanische Herr ihn besuchte, fand ich ihn in der Bibliothek wie ein übermütiges, ausgelassenes Kind herumspringend. Und jetzt – – –«

»Und jetzt?« fragte Gwenda.

»Nun, jetzt ist er weder froh noch trübselig, nur sehr still. Ich glaube kaum, daß er während der letzten drei Mahlzeiten mehr als ein Dutzend Worte gesprochen hat.«

Gwenda war seine Schweigsamkeit auch aufgefallen. Der Tag ihrer Abreise rückte immer näher heran; aber die Situation hatte sich so oft geändert, daß jetzt konsequent zu sein gleichbedeutend mit Inkonsequenz gewesen wäre.

Daß Bubi es vermied, über die Zukunft mit ihr zu sprechen, konnte sie verstehen. Er wollte ihr dadurch helfen, und doch war es ihr nicht recht.

»Wo ist er?« fragte sie.

»Er angelt.«

Gwenda nahm ihren Regenmantel über den Arm und ging über die sanft abfallenden Wiesen an den Fluß hinunter. Sie wußte, wo sie ihn finden würde, denn sie kannte seinen Lieblingsplatz, eine Vertiefung am Ufer, die durch überhängende Bäume vor Wind und Regen und neugierigen Blicken geschützt war.

Er wandte den Kopf, als sie den Abhang hinunterstolperte, und reichte ihr die Hand, um ihr zu helfen.

»Sie angeln, Bubi?« fragte sie höchst überflüssig.

»Ja, ich angle«, erwiderte Bubi, die Blicke auf den Fluß geheftet.

Sie saßen lange so, ohne zu sprechen.

»Was ist los, Bubi?« fragte sie schließlich.

»Nichts«, antwortete er, ohne den Kopf zu bewegen.

»Seien Sie nicht so töricht, Bubi. Natürlich ist etwas los. Sind Sie mir böse?«

Er sah sie an und lächelte. »Nein, meine liebe Gwenda, warum sollte ich Ihnen böse sein?«

Da glitzerte ein silbergraues Etwas im Wasser, darauf sah man, wie es nach dem Köder schnappte und verschwand. Gwenda betrachtete Bubi, während er die Forelle fing.

Es schien ihr, als wäre er in den letzten zwei bis drei Monaten älter geworden. Er war entschieden breiter, und in dem Gesicht, das früher einen etwas unentschlossenen Zug gehabt hatte, war jetzt Festigkeit und Willenskraft ausgeprägt.

»Sie sind ein tüchtiger Angler geworden, Bubi«, sagte sie lächelnd, als er die zappelnde Forelle auf das Gras legte.

»Ja?« erwiderte er.

Seine kurze Antwort ärgerte sie etwas.

»Wollen Sie nicht mit mir reden, Bubi?«

Er legte die Angelrute hin und faltete die Hände um seine Knie.

»Als wir das letztemal hier waren, Gwenda, redete ich über Heiraten mit Ihnen,« sagte er ruhig, »und Sie wollten nichts davon wissen, weil ich ein Marquis bin, und die Leute denken könnten, Sie hätten mich meines Titels wegen geheiratet. Und dann, als ich glaubte, ich wäre kein Marquis mehr, und mit Ihnen noch einmal über diese Frage sprach, sagten Sie, Sie würden mich nur nehmen, wenn ich diesen Titel behielte. Ich traue mich jetzt nicht ein drittes Mal mit Ihnen über diesen Punkt zu sprechen, denn ich weiß – – –« er zögerte – – »ich weiß, daß Sie das nur sagten, damit ich den Kerl entlarven ließ.«

Sie schwieg.

»Es gibt augenblicklich nur einen Gegenstand, über den ich mit Ihnen reden kann, und das ist über uns beide«, fuhr Bubi fort und nahm ihre Hand von ihrem Schoß und streichelte sie. »Früher schienen Sie viel älter zu sein als ich, Gwenda, und jetzt kommen Sie mir so jung vor, daß ich mich neben Ihnen ganz alt fühle, nur nicht alt genug, um das zu tun, was ich möchte.«

»Und das wäre?« fragte sie so leise, daß es eher ein Flüstern war.

Er legte den Arm um sie, und sie lehnte den Kopf an seine Schulter.

»Und das wäre ... dich so in meinen Armen zu halten, bis du dich vernünftig benimmst.«

»Benehmen wir uns jetzt vernünftig, Bubi?« murmelte sie.

Seine Angelrute glitt den Abhang hinunter in den Fluß; er sah, wie die Wellen sie forttrugen.

»Du wirst sie verlieren«, flüsterte Gwenda, das Gesicht gegen seines gelehnt.

»Lieber kaufe ich mir eine neue,« meinte Bubi, »als daß ich diesen Augenblick verliere.«

Als Frau Phibbs sie Hand in Hand langsam auf das Haus zukommen sah, dachte sie sich nichts dabei. Selbst als sie bei Tisch die Entdeckung machte, daß sie sich unter dem Tischtuch die Hände hielten, glaubte sie nur, daß irgendein kleiner Streit zwischen ihnen vorgefallen und nun wieder beigelegt war. Aber als sie in die Bibliothek ging, um ein Buch zu holen, und eine Grabesstimme aus der Fensternische sagte: »Machen Sie bitte kein Licht, Frau Phibbs, meine Augen tun mir weh«, wußte sie, daß ein Herzenswunsch von ihr erfüllt worden war, und sie zog sich diskret zurück.

Bubi sprach gerade vom Boxen, als Frau Phibbs ihn störte, zwar würde sie, selbst wenn sie das Licht angedreht hätte, das nicht vermutet haben; denn es ist eigentlich nicht Sitte, daß Amateurboxkämpfer ihren Zuhörern so sehr nahe sitzen müssen, wenn sie einen Vortrag über diese edle Kunst halten.

»Wenn ich das Geld dazu aufbringen kann, werde ich eine Sporthalle bauen«, sagte er.

»Ich möchte dich gern einmal boxen sehen«, flüsterte sie. Lauter hätte sie unter den Umständen nicht sprechen können, ohne Gefahr zu laufen, Bubis Trommelfell zu durchbohren.

»Ich glaube nicht, daß es dir gefallen würde«, sagte er, und unterdrückte das Verlangen, den Kopf zu schütteln, da es unter den Umständen ein Schütteln zweier Köpfe bedeutet hätte.

»Ach, doch! Lord Mansar sagte – schaudere bitte nicht, Bubi, es schüttelt mich – Lord Mansar sagte, daß du eine ›fabelhafte Linke‹ hättest! Dein linker Arm fühlt sich ganz genau so an wie dein rechter. Der linke ist allerdings furchtbar hart, aber der rechte auch. Es ist dir hoffentlich nicht unangenehm, wenn ich dich kneife, oder fühlst du es nicht?«

»Ich soll fester mit der Linken schlagen. Aber es wäre mir lieber, wenn du mich weder mit der Linken noch mit der anderen schlagen sähest. Das Boxen ist für junge Leute eine wunderbare Sache. Darum sollten die Menschen nicht die großen Boxkämpfer, die für Geld boxen, über die Achsel ansehen. Es scheint ein entwürdigender Beruf zu sein, aber in Wirklichkeit ist es nicht der Fall. Es spornt die jungen Leute an.«

»Aber was hat es schließlich für einen Zweck, Bubi? Ich weiß, es ist prachtvoll, sich gegen einen Feind verteidigen zu können, aber es ist nichts ... Ethisches darin.«

Bubi lachte leise.

»Aber Gwenda, der Mann, der im Ring die Selbstbeherrschung verliert, ist geschlagen, ehe er anfängt; wiederum wird derjenige, der nicht ehrlich und vorschriftsmäßig kämpft, vom Publikum geschlagen. Disziplin und Achtung für die Gesetze sind doch ethische ... na, wie heißt es ...?«

»Eigenschaften?« meinte Gwenda.

»Ja, ethische Eigenschaften. Aber jetzt wollen wir von etwas anderem sprechen, von Monte Carlo. Ich möchte nicht, daß du mich kämpfen siehst; der Gedanke, daß du dabei bist, würde mir eine Heidenangst einjagen.«

So sprachen sie von anderen Dingen, bis die Uhr im Flur Mitternacht schlug.

Am dritten Tag seines übergroßen Glücks besuchte Bubi ein stämmiger Herr, den er noch nie vorher gesehen zu haben meinte. Er sah allerdings nicht so gut aus als bei seinem letzten Besuche, denn er hatte diesmal ein blaugeschlagenes Auge und eine mit Heftpflaster über und über beklebte Nase.

»Gerade, als ich dachte, ich hätte ihn endlich erwischt, warf er mir eine vierzig Pfund schwere Tasche ins Gesicht und rückte aus«, erklärte er Bubi verbittert.

»Was veranlaßt die Polizei, zu denken, daß er hierherkommen wird?« fragte Bubi.

Die Unterredung fand hinter geschlossenen Türen in der Bibliothek statt.

»Das ist eben Jaggs Manier. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, daß entweder Sie oder die Dame ihn bei der Polizei angezeigt haben,« bemerkte der Detektiv, »und er ist ein ganz gefährlicher Bursche. Sie werden sicher von Jagg Flower gehört haben, Mylord? Ich höre, Sie interessieren sich für Boxkämpfer.«

»Jagg Flower!« rief Bubi nachdenklich. »Ich kann mich seiner nicht erinnern.«

»Wenn er nicht auf Abwege geraten wäre, hätte er ein Vermögen als Boxkämpfer verdienen können – er war der beste Mittelgewichtler, den wir jemals in Amerika gehabt haben, und ist außerdem ein guter Schütze«, fügte er nachdenklich hinzu. »Daß er eine Schußwaffe bei sich hat, wissen wir, denn es wurde bei einer Haussuchung, die die Polizei in seiner Wohnung abhielt, eine angebrochene Schachtel Patronen gefunden. Nun will ich Ihnen sagen, warum ich Sie aufgesucht habe, Mylord.« Er zog seinen Stuhl näher an den Tisch heran und senkte die Stimme. »Ich bin überzeugt, daß er hierher zurückkehren wird. Aus dem Lande kann er nicht heraus; es ist also anzunehmen, daß er zu denen kommen wird, die ihn, seiner Meinung nach, verraten haben. Einmal tat er es in Frankreich und einmal in Amerika. Es gibt keinen niederträchtigeren Kerl als Jagg Flower.«

»Er schien ganz nett zu sein«, sagte Bubi, noch immer nicht überzeugt.

Der Detektiv lachte und erzählte kurz, was er der armen Anita Pireau, seiner Freundin, die ihn bei der Polizei angegeben, angetan hatte.

Bubi hörte schaudernd zu.

»Also, Sie sehen, Mylord,« sagte Sullivan, »daß es gefährlich für Sie ist, hier als einziger Mann in diesem Hause zu wohnen.«

»Woher wissen Sie, daß kein anderer Mann im Hause ist?«

»Nun, ich habe einen Mund«, erwiderte Herr Sullivan gutmütig. »Was ich also wissen wollte, Lord Pelborough, ist, ob Sie mir gestatten würden, acht Tage lang hier zu schlafen?«

Bubi zögerte.

»Ich werde erst meine ... meine Braut fragen«, stammelte er schließlich purpurrot.

Gwenda war geneigt, die Sache auf die leichte Achsel zu nehmen, aber sie hatte nichts gegen den Vorschlag des Detektivs einzuwenden. Die skeptische Frau Phibbs behauptete, es wäre nur eine Ausrede von Herrn Sullivan, um acht Tage billig auf dem Lande zubringen zu können.

Schließlich wurde Herrn Sullivans einziges Gepäckstück, eine Handtasche, in ein Zimmer neben Bubis Schlafgemach gebracht. Um seine Gastgeber möglichst wenig mit seiner Gegenwart zu belästigen, bat der Detektiv, man möchte ihm seine Mahlzeiten im Wohnraum des Dienstpersonals servieren; aber Bubi bestand darauf, daß er zur »Familie« gerechnet wurde und mit ihnen zusammen speiste. Er erwies sich als ein äußerst unterhaltender Gast.

Sullivan konnte eine Unmenge Geschichten aus seinen Erfahrungen mit Verbrechern erzählen, und Bubi lernte eine ihm bisher unbekannte Welt kennen, eine Welt menschlicher Tiger, die sowohl die Schwächlinge ihrer eigenen Klasse als auch die Reichen, die sie um ihren Wohlstand beneideten, als ihre Beute betrachteten und zerfleischten.

»Jagg hatte einen Freund, namens Beane,« erzählte Sullivan am dritten Abend seines Aufenthalts in Haus Kenberry, »der ein Engländer und charakterloser Schwächling war. Sein Vater war Arzt auf dem Lande und hätte dem Sohn eine gute Stellung verschaffen können, aber dieser haßte die Arbeit. Ein- oder zweimal wurde er in Newyork wegen kleiner Vergehen eingesperrt. Später zog er fort, und kam nach Virginia, wo er diesen ekelhaften Flower kennenlernte.«

Der Detektiv fuhr fort, von den Irrwegen des jungen Beane zu erzählen, und Bubi lauschte ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl ihn der Gedanke schmerzlich berührte, daß dieser Vetter, der in einer Ecke eines Gefängnishofes begraben lag, einen Platz im Oberhaus hätte einnehmen können, wenn das Schicksal ihn freundlicher behandelt hätte.

Nach beendeter Mahlzeit ergriff Bubi Gwendas Arm und führte das junge Mädchen in das Herrenzimmer.

»Armer Bubi! Du hast mir so leid getan,« sagte sie, »ich versuchte Herrn Sullivan von diesem Gegenstand abzubringen, aber ohne Erfolg.«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Laß nur«, entgegnete er. »Kein Wunder, daß der arme alte Onkel Josephus manchmal ungemütlich war. Diese Geschichte muß ihm das Herz gebrochen haben.« Er legte den Arm um sie. »Du heiratest in eine merkwürdige Familie hinein, Gwenda«, sagte er, und streichelte ihr das Gesicht.

Da fiel ihm der Stiefbruder Gwendas ein, dieser hinterlistige Dieb, und als er sie lächeln sah, wußte er, daß sie auch an ihn gedacht hatte.

An diesem Abend ging Bubi später als gewöhnlich zu Bett. Er hatte eine Anzahl Briefe zu schreiben, denn seit seinen Erlebnissen auf dem Petroleummarkt war er Direktor von zwei Gesellschaften geworden. Daß ihm diese Posten angeboten wurden, verdankte er, seiner Meinung nach, Lord Mansar.

Er ging nicht gleich zu Bett, sondern zog seinen Schlafrock über seinem Pyjama an und setzte sich an eines der Fenster, das nach dem Park hinausging. Es war eine mondhelle Nacht, und er konnte fast die Steinmauer, die den Park umgrenzte, erkennen. Herrn Sullivans böse Ahnungen beunruhigten ihn nicht, teils weil er es nicht glaubte, daß Flower ihn für die Aufmerksamkeiten der Polizei verantwortlich machte, und teils weil er Jagg Flower nicht kannte.

Nachdem Bubi, wie allabendlich, sein Gebet verrichtet hatte, ging er zu Bett und schlief sofort ein. Beim ersten Morgengrauen wachte er plötzlich auf. Es kam ihm merkwürdig vor, daß er scheinbar ohne Grund auf einmal so munter war.

Er horchte. Kein Laut, außer dem schwachen Ticken einer Uhr im Flur unten, war zu hören. Und doch mußte ihn irgend etwas geweckt haben, überlegte er. Da aus Sullivans Zimmer kein Laut drang, hatte diesen augenscheinlich nichts gestört.

Vorsichtig glitt er aus dem Bett, zog seine Pantoffel an und öffnete leise die Tür. Im Korridor war es stockdunkel, und es herrschte tiefe Stille. Die Schnur seines Pyjamas fester bindend, ging er lautlos auf dem Läufer bis an Gwendas Schlafzimmertür. Dort blieb er stehen und horchte.

Als er gerade im Begriff war, nach seinem Zimmer zurückzugehen, hörte er ein ganz leises Flüstern.

Vorsichtig, um Gwenda, falls sie schlief, nicht zu wecken, drückte er auf die Klinke ihrer Tür; da sie verschlossen war, ging er weiter nach dem Badezimmer, von wo aus eine zweite Tür in ihre Stube führte. Da das Badezimmer nicht verschlossen war, ging er hinein und fand die Tür zu Gwendas Zimmer angelehnt. Diese stieß er mit derselben Vorsicht auf.

Der Raum war nur von dem schwachen Licht des anbrechenden Tages erhellt; aber dieser Schimmer genügte, um Bubi die Gestalt eines Mannes, der an Gwendas Bett stand, erkennen zu lassen. Er hatte Bubi den Rücken zugekehrt und beugte sich über das Bett; die eine Hand hielt er auf dem Munde des jungen Mädchens, das regungslos dalag. Neben der Tür befand sich der Schalter für das elektrische Licht, Bubi drehte es an.

Sofort war das Zimmer in Licht getaucht. Der Mann wandte sich schnell um, und Bubi sah in das lächelnde Gesicht von Jagg Flower.

»Sie hörten mich also doch«, bemerkte Herr Flower liebenswürdig.

Trotz der Pistole, die der Mann in der Hand hielt, ging Bubi langsam auf ihn zu.

»Rühren Sie sich nicht vom Fleck!« rief der Eindringling.

Bubi sah nach dem jungen Mädchen. Ihr Nachthemd war am Halse zerrissen, und eine häßliche Kratzwunde war auf ihrer weißen Schulter zu sehen. Langsam gingen seine Blicke von ihr nach dem Manne, und dann nach der ausgestreckten Pistole; aber er sprach kein Wort.

Dann hatte er sich mit einem Sprung auf den Gegner gestürzt; mit der einen Hand umklammerte er die Rechte des Einbrechers, die die Pistole hielt, mit der anderen traf er mit einem so gutgezielten und kräftigen Schlag die Kehle des Feindes, einem Schlag, der einen weniger widerstandsfähigen Mann als Jagg Flower gelähmt hätte. Als dieser zurücktaumelte, flog die Pistole durch die Fensterscheibe. Bubi unterschätzte nie einen Gegner, und diesmal warnte ihn eine innere Stimme, besonders auf der Hut zu sein. Jagg war Mittelgewichtler.

Der blitzartige Schlag, der Bubis Gesicht treffen sollte, verfehlte sein Ziel. Um dem zweiten zu begegnen, duckte Bubi den Kopf; darauf folgte ein schneller kurzer Haken nach oben, der jedoch nur die Luft durchschnitt.

Dann aber warf sich die schlanke Gestalt auf den Gegner, und Bubi hätte ihn glatt ermorden können.

Gwenda saß halb aufrecht im Bett und sah vor Entsetzen erstarrt zu, wie Bubis linker und rechter Arm so blitzschnell Schläge austeilten, daß sie ihnen gar nicht folgen konnte.

»Hände hoch, Flower!« rief Sullivans Stimme. Der Detektiv stand in der dunklen Tür des Badezimmers, eine Pistole in der Hand.

»Überlassen Sie ihn mir!« fauchte Bubi. Seine Lippe blutete, und ein großer blauroter Fleck zeigte, wo Jagg Flowers Faust ihn getroffen hatte.

»Alles in allem ist es wohl besser, ich ergebe mich«, sagte Flower langsam und bedächtig. Das eine Auge war so geschwollen, daß er es nicht aufmachen konnte, und er trug mehrere andere deutliche Zeichen seiner Niederlage. »Wenn ich das, was ich jetzt weiß, eher gewußt hätte, würde ich Sie zuerst bearbeitet haben, junger Mann, und zwar – – – mit einem Hammer.«

Bubi ging an den Tisch, der neben Gwendas Bett stand, und entfernte unauffällig eine kleine blaue Flasche, die er dort bemerkt hatte. Dann wandte er sich an den Mann, dem Sullivan ein Paar amerikanische Handschellen anlegte.

»Wenn Sie wissen wollen, warum ich Sie nicht umgebracht habe,« sagte er mit leichenblassem Gesicht, »so geschah es darum, weil man Sie jetzt nach Virginia bringen wird, um Sie dort hinzurichten. Herr Sullivan sagte mir, daß sein Land das größte Interesse daran haben wird, Sie auf den elektrischen Stuhl zu bringen.«

Er zeigte auf die kleine Flasche in seiner Hand, und das Lächeln auf Herrn Flowers Lippen erstarb.

Zwei nicht salonfähig angezogene Menschen sahen aus dem Fenster des Bibliothekszimmers, wie Herr Sullivan mit seinem Gefangenen abmarschierte. Es war sechs Uhr morgens, und die übrigen Hausgenossen waren nicht geweckt worden.

»Was wird man mit ihm machen?« fragte Gwenda.

»Er wird hingerichtet werden«, erwiderte Bubi. »Ich möchte gern dabei sein«, fügte er nachdenklich hinzu.

»Aber Bubi!« rief das junge Mädchen vorwurfsvoll, »wie kannst du so etwas sagen?«

Sie war in der Nacht durch den Druck von Flowers Hand auf ihrem Gesicht aufgewacht und hatte geschrien. Dieser Schrei war es, der Bubi und sogar auch den Detektiv geweckt hatte.

»Ich sträubte mich, daher bekam ich die Kratzwunde.« Sie lächelte und strich über die Stelle. »Es hat aber wirklich nichts zu sagen! Und ich habe dich nun doch boxen sehen – es war schrecklich!«

Bubi lächelte verlegen.

»Was war in der kleinen blauen Flasche, die du von meinem Nachttisch fortnahmst?« fragte sie.

»Ach, das hatte auch nichts zu sagen«, erwiderte Bubi lächelnd.

»Nein, sage mir doch, was war darin? Hat Herr Flower sie hereingebracht?«

»Ich brachte sie selber herein«, erwiderte Bubi. »Hast du nicht gemerkt, wie ich sie auf das Tischchen stellte?«

»Was war aber darin?« beharrte sie.

»Eine Salbe. Ich dachte, Herr Flower könnte sie gebrauchen.«

Später ging er nach einer abgelegenen Stelle des Parks und goß den Inhalt der Flasche auf den Rasen. Als Bubi sah, wie die Flüssigkeit rauchte und das Gras auf dieser Stelle sofort verbrannte, schauderte er und dachte an Herrn Sullivans Erzählung von der furchtbaren Rache, die Flower an der Französin, die ihn verraten, geübt hatte.

Bubi ist doch ein merkwürdiger Mensch, dachte Gwenda, als sie an diesem Abend ihre Zukunftspläne besprachen. Sie hatte bestimmt geglaubt, daß er, dessen Bescheidenheit und Schüchternheit sie zuerst veranlaßt hatte, sich für ihn zu interessieren, eine Trauung in aller Stille wünschen würde, aber zu ihrem Erstaunen wollte er nichts davon hören.

Nein, ihre Hochzeit sollte in der Margaretenkirche in Westminster und mit großem Aufwand stattfinden.

»Ich will, daß alle Welt weiß, daß du Marquise von Pelborough wirst«, sagte er entschlossen.

So fand die Trauung an einem trüben Oktobertage statt, und die Kirche war mit einer Menschenmenge aus allen Ständen, von dem Lord-Kanzler angefangen, bis zu dem Boxkampflehrer des Polytechnikums, gefüllt.

Auf dem Platz vor der Kirche drängten sich ebenfalls Hunderte von Menschen, die das Paar hinein- und herauskommen sehen wollten. Darunter befand sich ein sehr hübsches junges Mädchen, das einst in Bubis Leben, wenn auch nur kurze Zeit, eine Rolle gespielt hatte. Fräulein Farland, denn sie war es, weinte still vor sich hin, als das neuvermählte Paar fortfuhr.

»Er war mit mir verlobt,« sagte sie schluchzend zu ihren Freunden, »aber Sie wissen doch, wie diese Lords sind. Wenn erst eine Schauspielerin ihnen nachläuft ...«

Ihr Benehmen lenkte die Aufmerksamkeit eines Zeitungsphotographen, der eben seinen Apparat zusammenlegte, auf sie.

»Entschuldigen Sie,« sagte sie, »aber ich bin die junge Dame, bei der Lord Pelborough sich stark engagiert hatte.«

»Engagiert?« meinte der Photograph, »hoffentlich war es eine gute Stellung? Weshalb haben Sie sie eigentlich nicht mehr?«

 

Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig

 

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