Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171212
projectide0fd0cda
Schließen

Navigation:

Zehntes Kapitel.
Mut

So schön wie in Monte Carlo ist es nur noch im Frühjahr in Italien.

Nie hätte sich der Marquis von Pelborough träumen lassen, daß es etwas so Bezauberndes als den Anblick gäbe, den er von dem Fenster seines Schlafzimmers aus im »Hotel de Paris« hatte.

Die Tage waren sonnig, aber nicht zu heiß, da stets ein kühler Wind wehte, der die Hitze des Monats Mai erträglich machte. Die Hauptsaison war vorüber, und viele der Villen, die auf dem Bergesabhang lagen, sowie die teuersten Restaurants waren geschlossen. Trotzdem war das Kasino, obwohl an einigen Tischen nicht mehr gespielt wurde, gut besucht, und Bubi hatte fasziniert zugesehen, wie innerhalb einiger Minuten Tausende von Pfunden ihre Besitzer wechselten. –

Gwenda machte eine Erholungsreise. Eine Halsentzündung und ein leichter Anfall von Influenza – Bubi erkannte bei der Krankheit erst, was seine treue Gefährtin ihm bedeutete –, hatte sie gezwungen, ihre Arbeit für einige Zeit aufzugeben. Den Vorschlag, den der Arzt gemacht hatte, das Klima der Doughtystraße mit einem gleichmäßigeren zu vertauschen, hatte Bubi mit Begeisterung aufgegriffen. –

»Welchen Ort würden Sie empfehlen, Herr Doktor?« fragte er.

»Na, hm ... einen in Südfrankreich, oder, wenn Sie lieber im Lande bleiben, Torquay, vielleicht?« antwortete der Arzt, der stets die beiden Plätze vorschlug, damit der Patient den wählen konnte, der seinem Portemonnaie angemessener war.

Gwenda war natürlich für Torquay; Frau Phibbs, die nie in ihrem Leben weiter gereist war, als nach Brüssel, unterstützte Gwenda aus Pflichtgefühl und hoffte im stillen, Bubi würde auf Südfrankreich bestehen. Anfangs stimmte er weder für das eine, noch für das andere. Aber eines Abends, als er nach Hause kam, legte er eine platzend volle Brieftasche auf den Tisch.

»Die Pässe und die Fahrkarten nach Monte Carlo habe ich schon besorgt«, erklärte er kategorisch. »Die Plätze im Schlafwagen von Calais ab sind auch bereits für uns reserviert, und wir fahren am Sonntag früh.«

Gwenda fühlte sich noch zu elend, um sich mit ihm darüber zu streiten.

Der gewohnheitsmäßige Schlaf wird stets durch Krankheit gestört. Gwenda hatte tagelang im Halbschlummer gelegen, dafür aber die Nächte wenig geschlafen und viel nachgedacht.

Sie warf sich Bubi gegenüber Schwäche vor; aus purem Egoismus, sagte sie sich, hätte sie die unvermeidliche Trennung hinausgeschoben. Bubi könnte jetzt allein fertig werden. Gab es überhaupt eine Zeit, wo er das nicht konnte? In Gedanken durchlebte sie die in der Brocklypension verbrachten Tage, wo sie Leidensgefährten waren, sie als beschäftigungslose Schauspielerin und er als Versicherungsangestellter. Damals hatte er keine Ahnung gehabt, daß der Antrag seines Onkels, das erloschene Marquisat von Pelborough wieder in Kraft treten zu lassen, bewilligt werden würde. Dann aber kam die überraschende Nachricht, daß er der Erbe des Marquistitels war, und sie hatte es sich zur Pflicht gemacht, Bubi auf die Beine zu helfen.

Aber war er jemals hilfsbedürftig gewesen? fragte sie sich jetzt. Sie schüttelte den schmerzenden Kopf. Nein, sie mußte zugeben, daß er erstaunlich tüchtig war, daß sie sich einer Illusion hingab, wenn sie dachte, sie wäre ihm unentbehrlich. Eine Trennung war unbedingt notwendig. Dazu war sie fest entschlossen. Daß Bubi als verhältnismäßig reicher Mann die bescheidene Wohnung der zwei Frauen, die ihn liebten, weiter teilen sollte, war unsinnig. –

Gwenda dachte angestrengt nach.

Frau Phibbs, die nicht nur Wirtschafterin, sondern Gwendas Freundin und Gesellschafterin war, betete Bubi an.

Gwenda liebte ihn auch, aber auf andere Weise. Frau Phibbs' Liebe war eine mütterliche; sie interessierte sich für seine Socken, den Zustand seiner Unterwäsche, sowie für den seines Magens. Gwenda täuschte sich bewußt über ihre Gefühle zu Bubi. Darum nahm sie seinen » fait accompli« so widerspruchslos hin, denn nun hatte sie vor ihrem Gewissen eine neue Ausrede, um die Ausführung ihres Entschlusses wieder hinauszuschieben.

Von den Herrlichkeiten der Riviera war sie begeistert, obwohl sie diese erst sah, als die Frühlingspracht in die exotische Schönheit hinübergereift war, die der Frühsommer den Gärten und Abhängen von Monte Carlo verleiht.

Es bereitete Gwenda eine unbeschreibliche Freude, in dem Garten, der dem Kasino gegenüberlag, spazieren zu gehen, oder unter den riesigen Palmen zu sitzen und dem Gärtner zuzusehen, wie er der durstigen Erde aus seinem großen Wasserschlauch zu trinken gab. Kein geringeres Vergnügen machte es ihr, an den am blauen Mittelmeer liegenden Terrassen entlang zu gehen, oder in den behaglichen Sesseln im kühlen Vestibül des Hotels zu sitzen. Bubi hatte ein Auto gemietet, und sie waren die Bergstraße nach La Turbie hinaufgefahren und hatten die Ruine des großen Turms durchstöbert, den der stolze Augustus auf jenem Bergesgipfel hatte errichten lassen.

Gwenda wurde von Tag zu Tag kräftiger. Schon nach acht Tagen fühlte sie sich wohler als je zuvor in ihrem Leben. – Als ihre Kräfte zunahmen, begann sie die Dinge weniger trübe anzusehen, und die geplante Aussprache mit Bubi schien ihr jetzt nicht mehr so dringend zu sein.

»Ich gehe in die Spielhölle«, sagte Bubi eines Nachmittags.

»Sie meinen die Spielsäle, Bubi«, korrigierte Gwenda. »In Monte Carlo dürfen Sie nicht ›Spielhölle‹ sagen.«

Bubi kratzte sich den Kopf. –

»Es gibt hier so viele Dinge, die man nicht tun darf, Gwenda«, sagte er. »Man darf einem Menschen nicht Glück wünschen, weil er dann bestimmt Pech hat; man darf nicht mit dem linken Fuß die Spielhö..., ich meine, die Spielsäle betreten, und wenn man einen Tropfen Wein bei Tisch verschüttet, muß man sich hinter den Ohren damit benetzen. Sie scheinen hier alle sehr abergläubisch zu sein.«

»Ja, das sind sie wohl«, gab Gwenda lachend zu. »Da wir aber im Lande des Aberglaubens sind, werde ich mein Geld heute auf die Nummer 24 setzen, weil ich Geburtstag habe!«

Bubi war außer sich, daß er es nicht früher gewußt hatte.

»Aber wie konnten Sie das wissen?« fragte sie lächelnd, und legte ihm ihre kühle Hand auf den Mund. »Seien Sie nicht so töricht!«

Es war ein aufregender Nachmittag, denn die Nummer 24 kehrte genau vierundzwanzigmal in zwei Stunden wieder. –

»Vierundzwanzigtausend Franks habe ich gewonnen!« rief sie triumphierend. »Ich bin jetzt eine reiche Frau, Bubi, und kann alles, was ich Ihnen für diese Reise schulde, zurückbezahlen!«

Bubi lehnte natürlich dieses Ansinnen heftig ab.

Es war ein glücklicher Tag für ihn. Der Küchenchef im »Hotel de Paris«, den nichts zu überraschen schien, nahm bereitwilligst die Bestellung an, einen Geburtstagskuchen in kürzester Frist zu backen, und führte den Auftrag auch prompt aus. – Das Abendessen wurde ihnen auf dem Zimmer serviert.

Der Geburtstagskuchen, von vierundzwanzig einfachen weißen Kerzen umgeben, – Bubi konnte so schnell keine schöneren auftreiben – fand über alle Erwartungen großen Beifall, und Bubi wäre restlos glücklich gewesen, wenn nicht ein von ihm ungern gesehener Gast plötzlich mitten hineingeschneit wäre. –

Nachdem er den ersten Ärger überwunden hatte, schämte er sich seines Grolls gegen Mansar, denn er verdankte diesem so viel. –

Daß der Gast Gwenda ebenso unwillkommen war wie ihm, wußte Bubi ja nicht. Mansar erklärte, er wäre diesen Nachmittag erst in Monte Carlo angekommen. –

»Ich hörte, daß Sie heute » en famille« soupieren und dachte, daß ich mich gewissermaßen schon zur Familie rechnen könnte und hoffte, Sie würden mir nicht böse sein, wenn ich Sie besuchte.«

Bubi wurde es sehr schwer, zu sagen, daß er sich über den Besuch freute, aber er tat es.

»Nein, vielen Dank,« sagte Lord Mansar auf Gwendas Aufforderung hin, »ich habe bereits gegessen. Darf ich nach der Ursache dieser Festlichkeit fragen? Ist es Ihr Geburtstag, Bubi?«

»Nein,« erwiderte Bubi ruhig, »meiner nicht, aber Frau Maynards.«

Seltsam, dachte er, wie ein an und für sich so netter Mensch wie Mansar es war, einen Schatten über eine Festlichkeit werfen und die bis zu seiner Ankunft scheinbar unversiegbare frohe Stimmung seiner Freunde zerstören konnte. – Eigentlich war verabredet worden, den Abend gemütlich zusammen zu Hause zu verbringen, aber nun waren sie gezwungen, mit ihrem Gast in die unvermeidlichen Spielsäle zu gehen.

Zu Bubis großer Empörung hielt es Mansar für ganz selbstverständlich, daß er neben Gwenda ging und Bubi neben Frau Phibbs. Da diese Dame eine Leidenschaft entwickelt hatte, fünf Frankstücke zu setzen, war Bubi auf diese Weise bald auf sich allein angewiesen. Nachdem er die imposante Dame an den Roulettetisch geleitet hatte, schlenkerte er ziellos hinter Gwenda und ihrem Begleiter her in den » cercle privé«.

Sonst übt das luxuriös ausgestattete Innere des Privatklubs einen beruhigenden Einfluß auf erregte Nerven aus, aber auf Bubi verfehlte es gänzlich seine Wirkung. Mansar fand einen freien Stuhl für Gwenda am trente-et-quarente Tisch, und Bubi stand mit todunglücklichem Gesicht in der hintersten Reihe der Zuschauer. Eine Weile sah er dem blitzschnellen Hin- und Herrollen des Geldes und der Spielmarken zu und bewunderte, soweit es seine schlechte Stimmung überhaupt zuließ, etwas zu bewundern, die unglaubliche Geschicklichkeit des schwarz gekleideten Croupiers beim Umlegen der Karten. –

Dann schlenderte er in den Erfrischungsraum, bestellte eine große Orangeade, (niemand, der nicht in Monte Carlo eine Orangeade getrunken hat, kennt den wahren, unübertrefflichen Geschmack dieses Getränks und weiß es richtig zu schätzen). Darauf setzte er sich in einen bequemen Lehnstuhl und überließ sich seinen Gedanken. Natürlich hätte er kein Recht, sagte er sich, Gwenda ihre Freundschaften vorzuschreiben und am wenigsten Einspruch gegen eine solche mit Mansar zu erheben, besonders nach allem, was dieser für ihn getan hatte. –

Was Bubi am meisten Kummer machte, war die Tatsache, daß Gwenda eine verheiratete Frau war, und es sah ihr nicht ähnlich, überlegte er, einen anderen Mann zu ermutigen. Bubi hatte ein stark ausgeprägtes Anstandsgefühl. Er war ein grundgütiger Mensch, nicht im landläufigen Sinne gütig, sondern in des Wortes wahrster Bedeutung. Er stellte große Anforderungen an sich und seine Handlungen. Wenn das Recht blau war und das Unrechte scharlachrot, mischten sich für ihn diese beiden Farben nie zu Violett. Je länger er grübelte, desto trübsinniger wurde er. Schließlich stand er mit einem Ruck auf und ging in die Bar.

»Geben Sie mir einen Cocktail, bitte«, sagte er entschlossen. Sein ganzes Leben hatte er nur immer am Wein genippt und er fürchtete, der Mixer würde es merken. –

Aber seine Bestellung erregte weiter kein Aufsehen. Viele Flaschen wurden geschüttelt, eine bernsteinfarbene Flüssigkeit wurde in ein Glas mit hohem Stil getröpfelt und ...

»Fünf Frank«, sagte der Mixer.

Bubi schluckte seinen Schreck hinunter und bezahlte. Er hielt das Glas gegen das Licht und die Farbe gefiel ihm, er roch daran und fand das Aroma sehr schön. Dann trank er den Cocktail in einem Zuge aus und mußte sich an der Messingstange vor dem Büfett festhalten, so atemraubend war die Wirkung dieses Getränks. Eine Sekunde später fühlte er das Feuer des ungewohnten Tranks durch alle Adern strömen. –

Als er die Sprache und den Atem wiedergewonnen hatte, sagte er: »Noch einen, bitte.« Diesmal schlürfte er langsam die verlockende Flüssigkeit und fand sie ausgezeichnet. – Jetzt brannte der Feuertrank nicht mehr, sondern übte einen merkwürdig beruhigenden Einfluß auf ihn aus. Die Ohren glühten ihm und sein Gesicht brannte. Er konnte sich in dem Spiegel, der hinter dem Büfett hing, sehen, und war erstaunt, daß äußerlich keine Veränderung an ihm zu merken war.

»Das ist ein sehr guter Cocktail, Herr«, bemerkte der Mixer.

Bubi nickte. –

»Persönlich ziehe ich Clover Club vor«, sagte der freundliche Mixer.

»Gibt es mehrere Sorten von Cocktail?« fragte Bubi erstaunt.

»Meine Güte! Mindestens zwanzig verschiedene!«

»Wie hieß doch der, den Sie eben erwähnten?«

»Clover Club, Herr.«

»Na, dann geben Sie mir einen Clover Club.«

Der neue Cocktail war von einer zart rosa Färbung und hatte oben einen weißen Schaum. Bubi beschloß künftig nichts anderes als Cocktail zu trinken.

Er lehnte sich gegen die Messingstange, es kam ihm weniger anstrengend vor, als gerade zu stehen. Es war sonderbar, wie auf einmal sein Groll gegen Mansar sich in freundschaftliche Gefühle umgewandelt hatte und mit welch hochherzigem Edelmut er jetzt dessen bevorstehender Hochzeit mit Gwenda entgegensah. Er hatte beschlossen, daß sie sich sehr bald verheiraten sollten und lachte vergnügt bei diesem Gedanken vor sich hin. Daß Gwenda sich erst auf irgendeine Weise ihres Mannes entledigen mußte, war ihm klar, aber er konnte sich im Augenblick nicht über die Details den Kopf zerbrechen. Irgendwie würde man dieses lästige Hindernis aus dem Wege räumen. Er würde einfach verschwinden. Puff! So! Weg war er! Bubi lachte den lächelnden Cocktailmixer an.

»Ich dachte eben an etwas«, erklärte er.

»Wenn ich mir gestatten dürfte, ihnen ein Rat zu geben, würde ich an Ihrer Stelle keine Cocktails mehr trinken«, sagte der Mixer. »Es ist ziemlich warm hier und unsere Cocktails sind ganz hübsch kräftig!«

»Ach, das macht mir gar nichts aus«, erwiderte Bubi.

Mit etwas mehr Kraftaufwand und Lärm als nötig, legte er ein Fünffrankstück auf den Tisch und ging mit festem Schritt in die Spielsäle zurück. Der Mixer sah ihm kopfschüttelnd nach.

»Der hat einen sitzen, trägt ihn aber wie ein richtiger ›Gentleman‹«, meinte er bewundernd.

Bubi schloß sich nun Gwenda, die vom Spieltisch aufgestanden war, an, und konnte trotz seines Zustandes gerade gehen, so daß sie nichts Außergewöhnliches an ihm merkte. Sie war allerdings ziemlich erregt, aber Bubi fiel es nicht auf. Nur die exzentrischen Bewegungen der Tische fielen ihm auf, die aus unbekannten Gründen auf und ab schwebten, als ob sie auf stürmischem Meere trieben.

»Bubi, ich muß Sie in einer wichtigen Angelegenheit sprechen«, sagte Gwenda.

Sie nahm seinen Arm und verließ mit ihm das Kasino. Selbst als sie schon wieder in ihrem gemeinsamen Wohnzimmer angelangt waren, bemerkte sie noch immer nichts.

»Wenn Lord Mansar Monte Carlo morgen nicht verläßt, müssen wir abreisen, Bubi. Ist es Ihnen recht?« fragte sie.

»Aber gewiß, Gwenda«, sagte Bubi, und sah sie feierlich dabei an.

»Sehen Sie, Bubi,« – sie blickte ihn nicht an – »Lord Mansar liebt mich, – ich mag ihn ganz gern, aber ich kann ihn nicht heiraten, – das wissen Sie. Und selbst wenn ich frei wäre, würde ich ihn auch nicht nehmen. Das wissen Sie auch, nicht wahr, Bubi?«

Sie hob die Augen zu ihm auf und er nickte.

»Was ist Ihnen, Bubi?« fragte sie.

»Nichts, gar nichts«, rief Bubi laut.

»Bubi!« sagte sie entsetzt, »Sie sind betrunken!«

»Cocktails!« erklärte Bubi nachdrücklich. »Clover Club nur. Nicht richtig betrunken!«

»Warum in aller Welt haben Sie sich so zugerichtet?« jammerte sie, und Tränen traten ihr in die Augen.

»Unglücklich«, meinte Bubi trübselig. »Sehr unglücklich, Gwenda. Wenn Sie und Mansar sich verheiraten, – Gott segne euch!«

Er erhob sich, doch seine kräftigen Beine hielten stand.

»Ein famoser Kerl ist Mansar«, bemerkte er, und ging vorsichtig zur Tür.

Aber ehe er sie öffnen konnte, war Gwenda an seiner Seite. Sie legte die Hände auf seine Schulter.

»Sehen Sie mich an, Bubi«, sagte sie. »Glauben Sie, daß ich jemals Lord Mansar heiraten würde?«

»Famoser Kerl«, murmelte Bubi.

»Sehen Sie mich an, Bubi. Kopf hoch! Darum also haben Sie sich betrunken?«

»Cocktails sind kein Alkohol«, verbesserte Bubi ernst.

Gwenda seufzte.

»Gehen Sie zu Bett, Bubi«, sagte sie sanft. »Ich hätte nie gedacht, daß ich mich jemals würde freuen können, Sie in einem solchen Zustand zu sehen, und doch bin ich glücklich darüber.«

Es wäre falsch zu sagen, daß der Marquis von Pelborough am nächsten Morgen aufwachte; er tauchte vielmehr aus einer schmerzlichen halben Bewußtlosigkeit empor und befand sich in einem noch schmerzlicheren halbtoten Zustand, in dem die tote Hälfte die glücklichere war.

Zu sagen, daß sein Kopf ihm weh tat, würde seine Empfindungen nur unvollkommen ausdrücken. Die Stelle, wo sich sein Kopf sonst befand, war jetzt nur ein großer Schmerz, und wenn er die Augenlider aufmachte, schienen sie ihm zu knarren. Langsam und vorsichtig versuchte er sich aufzusetzen. Sowie er sich bewegte, kam es ihm vor, als ob sein Gehirn eine im Wind wehende Fahne wäre. – Nun saß er vollends und schaute sich um. Neben seinem Bett auf einem Tisch standen eine große Flasche Mineralwasser, ein Glas und zwei große, in die Hälfte geschnittene Zitronen. Als er seinen rasenden Durst gelöscht hatte und mit einer Scheibe Zitrone den faden Geschmack im Munde los geworden war, entdeckte er, daß jemand seine Badewanne mit eiskaltem Wasser gefüllt hatte.

Bubi sprang mit einem leichten Schauder hinein, drehte die Dusche auf und stieg einige Minuten später als normaler Mensch aus den Fluten, wenigstens so normal, als ein wildklopfendes Herz es zuließ. Langsam zog er sich an und dachte dabei an die peinliche Lage, in der er sich befand. Er hatte sich betrunken, es ließ sich nicht leugnen und nicht verschönen. Im klaren Licht des Morgens gesehen, konnte er sich über diese gräßliche Tatsache keine Illusionen machen und mußte sich damit abfinden.

Seine erste Empfindung war Erstaunen darüber, daß es möglich war, sich für die geringe Summe von zwanzig Frank zu betrinken. Er hatte immer gedacht, daß es bedeutend kostspieliger war, diese Tat zu vollbringen. Als er sich von seiner Verwunderung erholt hatte, kehrten seine Gedanken plötzlich zu Gwenda zurück, und er stöhnte. Er konnte sich noch erinnern, daß er mit ihr nach Hause gegangen war. Ob sie ihm die Zitronen hingestellt hatte? Er schauderte bei dem Gedanken. Es war sechs Uhr morgens und kein Laut, außer dem eintönigen Rauschen der Besen der Straßenkehrer, störte die Totenstille der Stadt Monte Carlo. Auf den Balkon hinaustretend, atmete er die frische Morgenluft ein. –

Was würde Gwenda von ihm denken? So viel konnte er sich noch der gestrigen Vorgänge erinnern, um zu wissen, daß er sich keineswegs öffentlich blamiert hatte, aber es wäre ihm lieber gewesen, wenn er sich zum Spott von ganz Monte Carlo gemacht hätte, als daß er Gwenda enttäuschte.

»Schrecklich!« murmelte Bubi, »schrecklich!«

Er schüttelte den Kopf, der jetzt frei von Schmerzen war, aber ihm wie mit Sägespänen gefüllt vorkam.

Ein flotter Spaziergang in der Richtung Kap Martin und zurück, stellte ihn fast vollends wieder her. Als er in das Wohnzimmer trat, saßen Frau Phibbs und Gwenda bereits am Frühstückstisch; diese begrüßte ihn mit ihrem gewohnten freundlichen Lächeln.

»Es tut mir unendlich leid, Gwenda ...« begann er, aber sie unterbrach ihn.

»Es war die Hitze ...« warf Frau Phibbs ein.

Gwenda lenkte das Gespräch auf Seebäder, und Bubi wußte, daß sie ihre Bemerkungen über den Vorfall für später aufsparte. Sie erwiesen sich jedoch weniger schlimm, als er befürchtet hatte.

»Es soll nie wieder vorkommen, Gwenda«, sagte er reuig, und sie drückte seinen Arm, der auf dem ihren lag.

»Es ist gerade eine günstige Gelegenheit, um etwas mit Ihnen zu besprechen, Bubi«, bemerkte sie, als sie mit ihm die Böschung nach dem Strand und den Badehütten hinunterging. »Sobald wir nach London zurückkommen, müssen Sie sich eine eigene standesgemäße Wohnung mieten und einrichten. Nein, nein, es hat nicht das Geringste mit dem, was gestern vorgefallen ist, zu tun«, sagte sie als Antwort auf seine unausgesprochene Frage.

»Aber Bubi, Sie können unmöglich weiter bei Frau Phibbs und mir wohnen, das sehen Sie doch ein, nicht wahr?«

»Nein«, erwiderte Bubi eigensinnig. »Natürlich, wenn ...« er zögerte, »wenn Sie jetzt anders ... ich meine, wenn Sie mich gern ...« Er hielt inne und suchte nach Worten. »Ich meine, Gwenda,« sagte er gerade heraus, »wenn Sie eine eigene Wohnung ... dann natürlich, verstehe ich ...«

Sie schüttelte den Kopf.

»Nein, Bubi, das ist ausgeschlossen«, antwortete sie ruhig.

»Dann bleibe ich bei Ihnen«, bemerkte Bubi, »bis ...«

»Bis wann?« fragte sie, als er zögerte.

»Ich weiß nicht,« meinte Bubi kopfschüttelnd. »Ich weiß nur, daß ich Sie alles mögliche fragen möchte.« Er biß sich auf die Lippen und sah nachdenklich auf die weiße Straße, die sich vor ihren Füßen ausdehnte.

»Gwenda, Sie sprechen niemals von Ihrem Mann.«

»Nein, Bubi, und ich werde es auch niemals tun«, antwortete sie, vermied aber seinen Blick.

»Ist er nett, Gwenda?«

Sie schwieg.

Sie nahm seinen Arm und wollte ihn vorwärtsdrängen; aber sanft machte er sich frei und sagte: »Einen Moment. Weiß Lord Mansar etwas über Ihren Mann?«

»Er stellte mir dieselben Fragen wie Sie, Bubi,« erwiderte sie, »und ich gab ihm dieselbe Antwort. Darum ist er fortgefahren.«

»Donnerwetter!« rief Bubi ehrfurchtsvoll. »Hat Lord Mansar Ihnen ...?«

»Ob er mir einen Antrag gemacht hat, Bubi? Ja, das hat er getan, und ich sagte ihm, ich könnte und wollte nicht daran denken.«

Mit großen, feierlichen Augen sah er sie an. Dann: »Haben Sie Kinder, Gwenda?«

Diese Frage war ihr nun zum zweitenmal in vierundzwanzig Stunden gestellt worden.

Das war zu viel für Gwenda. Eine solche Frage zweimal in so kurzer Zeit beantworten zu müssen konnte sie bei ihrem ausgesprochenen Sinn für Humor nicht ertragen. Sie brach in unbezwingbares Lachen aus.

Als sie sich etwas erholt und die Augen getrocknet hatte, fragte er wieder: »Aber haben Sie welche, Gwenda?«

»Ja, ein halbes Dutzend«, erwiderte sie ernst.

»Das glaube ich Ihnen nicht!« sagte Bubi.

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber konnte sich nicht dazu entschließen. Zweimal während ihres Spazierganges begann er zaghaft: »Gwenda, ich ...« doch weiter kam er nicht.

Sie saßen am Strand und beobachteten eine große, weiße Jacht, deren Segel im Sonnenlicht leuchteten, und ein ungewohntes Schweigen herrschte zwischen ihnen. –

Nach einer Weile fragte Bubi: »Gwenda, darf ich Ihren Trauring sehen?«

Sie zögerte.

»Warum wollen Sie ihn sehen, Bubi?«

»Ach nur so«, entgegnete Bubi, und versuchte, gleichgültig zu erscheinen.

Sie ließ den goldenen Reif von ihrem Finger gleiten, und legte ihn auf Bubis ausgestreckte Hand.

Auf der Innenseite war etwas eingraviert.

»Darf ich?« fragte er, und wieder zögerte sie.

»Ja, Bubi«, sagte sie schließlich.

Die Inschrift war: »Von T.L.M. an J.M.«

Die Buchstaben waren undeutlich, wie bei einem alten, vielgetragenen Ring. Er gab ihn ihr zurück.

»Wie ist eigentlich Ihr ganzer Name, Gwenda?« fragte er, und da er dachte, sie hätte seine Frage nicht gehört, stellte er sie noch einmal.

»Gwenda Dorothy Maynard«, erwiderte sie.

»Aber Gwenda, Ihr Bruder hieß auch Maynard!«

Sie antwortete nicht. Bubi atmete schwer. Es war ihm fast unmöglich, das Beben in seiner Stimme nicht merken zu lassen, und die Hände, die nervös mit dem Sand spielten, zitterten.

»Gwenda«, begann er zum drittenmal, aber weiter kam er auch diesmal nicht.

Er wußte ihr Geheimnis. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Freude. Gwenda war nicht verheiratet! Der Ring war der ihrer Mutter. Und dann erinnerte er sich, daß sie einmal gesagt hätte, daß eine junge Schauspielerin viel geschützter wäre, wenn man sie für verheiratet hielte.

Den ganzen Tag ging er wie im Traum umher, sein Herz jubelte. Und doch, wenn er zu sprechen versuchte, schienen seine Stimmbänder gelähmt zu sein. Die große Zuversicht, die ihn vor kurzem erfüllt, und ihm ein Geständnis fast entlockt hatte, ließ ihn jetzt schnöde im Stich, und er stand als elender, stammelnder Narr da.

Gwenda sah und verstand. Wenn sie nichts gemerkt hätte, würde sie es ihm vielleicht nicht so schwer gemacht haben, die Sprache wiederzufinden.

An diesem Abend waren sie alle drei in den Spielsälen, Gwenda setzte nur kleine Beträge, gewann aber regelmäßig. Die entschlossene Frau Phibbs hatte rechts und links von sich zwei Säulen aus Fünf-Franks-Spielmarken.

Da hatte Bubi eine Eingebung. Sein Vorhaben war ein ganz verwegenes; aber seine verzweifelte Lage trieb ihn zum Äußersten.

Er zog Gwenda beiseite.

»Wollen Sie bitte in einer halben Stunde in unser Wohnzimmer kommen? Ich muß Ihnen etwas mitteilen, – Sie werden vielleicht entsetzt darüber sein, Gwenda.«

Sie nickte ernst und ging an den Tisch zurück. Bubi wartete einen Augenblick, um zu sehen, ob sie ihn beobachtete, und dann schlich er ganz verstohlen in den Erfrischungsraum.

»Guten Abend, Herr«, begrüßte ihn der Mixer.

»Einen Clover-Club, schnell«, zischte Bubi und schnitt die Scherze des Mannes kurz ab. – »Sie können mir sogar zwei geben«, fügte er hinzu.

Hastig schluckte er sie hinunter; aber die erwartete Wirkung blieb aus. Er war starr vor Erstaunen. Hatte er die Konstitution eines Gewohnheitstrinkers so schnell erworben? Als er gerade im Begriff war, einen dritten Clover-Club zu bestellen, begann er das angenehme Glühen am ganzen Körper zu spüren, und er setzte sich, um auf die vollständige Wirkung zu warten. Dann schritt er an Gwenda vorbei als ob er sie nicht sähe, ging in sein Hotel und ließ sich mit dem Fahrstuhl nach seinen Zimmern hinauffahren. Er fühlte sich so mutig und furchtlos wie ein Löwe.

Niemals hatte jemand Grund gehabt, Bubis Mut zu bezweifeln, im Ring war er ja berühmt wegen seiner Unerschrockenheit; aber eine so furchtbare Probe wie diese hatte er bisher nicht zu bestehen gehabt.

»Gwenda,« sagte er, seine Worte an eine große Schale Veilchen, die mitten auf dem Tisch stand, richtend, »ich möchte Sie etwas fragen.«

Eine solche Zuversicht hatte sich seiner bemächtigt, daß er wünschte, Gwenda möchte sofort kommen; aber es fehlten noch zehn Minuten an der verabredeten halben Stunde; er mußte also noch mit den Veilchen vorlieb nehmen.

»Gwenda,« sagte er, »ich habe etwas auf dem Herzen, das ich Ihnen schon lange sagen wollte, aber ich konnte bisher nicht die richtigen Worte finden. Ich weiß, Sie sind nicht verheiratet, und ich bin mir auch bewußt, daß ich nicht der Mann bin, den Sie heiraten müßten.«

Dieses schien nicht ganz passend zu sein, und so begann er von neuem.

»Gwenda, den ganzen Tag habe ich versucht, dir etwas zu sagen, und ... es tut mir sehr leid, aber ich habe zwei Cocktails nehmen müssen, um mir Mut anzutrinken ... ich darf dir also keinen Kuß geben!«

Die Zeit kam ihm sehr lang vor, und er fühlte sich auf einmal so merkwürdig müde. Er stand auf und irrte im Zimmer umher, schließlich ging er in Gedanken versunken in sein dunkles Schlafzimmer und legte sich auf das Bett.

»Gwenda,« murmelte er, »ich weiß, ich bin ein Schuft ... ich habe mein Wort nicht gehalten ... aber, Gwenda ...«

Er wachte erst auf, als das Zimmermädchen seine Tasse Tee morgens brachte. Sie machte keine Bemerkung, denn im Ausüben ihres Berufs hatte sie sich daran gewöhnt, Herren zu bedienen, die solche Formenmenschen waren, daß sie sich in Gesellschaftstoilette schlafen legten.

Als Bubi gebadet und sich umgezogen hatte, ging er in das Frühstückszimmer. Gwenda saß bereits am Tisch und war etwas kühl.

Nachdem Bubi Platz genommen hatte, sagte er ein wenig zaghaft: »Ich habe mein Wort nicht gehalten, Gwenda. Ich hatte Ihnen gesagt, daß ...«

»Sie sagten mir, daß Sie mir etwas mitzuteilen hätten, das mich vielleicht entsetzen würde«, unterbrach sie ihn und schenkte ihm dabei eine Tasse Kaffee ein. »Nun, jetzt weiß ich, was es war, und ich bin auch entsetzt.«

»Was wissen Sie, Gwenda?« fragte er, erschrocken.

»Daß Sie furchtbar schnarchen«, bemerkte Gwenda kalt.

Ein eisiges Schweigen folgte diesen Worten.

»Ich fahre morgen nach Hause«, sagte schließlich das junge Mädchen.

Bubi rückte nervös auf seinem Stuhl hin und her.

»Sie haben Ihr Wort nicht gehalten ... Sie versprachen mir, nicht mehr in die ... Bar ...« begann sie, aber ihre Stimme versagte ihr.

»Haben Sie mich dort gesehen?« fragte er schuldbewußt.

Sie nickte.

»Aber ... warum haben Sie es nicht verhindert?« stammelte er.

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

»Ich konnte doch nicht wissen, daß Sie nach zwei Cocktails einschlafen würden, Sie dummer Kerl«, erwiderte sie spöttisch.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.