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Lord wider Willen

Edgar Wallace: Lord wider Willen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleLord wider Willen
publisherHesse & Becker Verlag
year1928
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel.
Wie man von sich reden macht

Plötzlich reich zu werden, wirkt ganz verschieden auf die Menschen. Durch den Tod seines Onkels hatte der Marquis von Pelborough einen Titel, aber nichts Greifbareres als einen Morgen unbebautes Land und ein kleines, der Reparatur höchst bedürftiges Haus geerbt. Die Erwerbung eines großen Vermögens jagte »Bubi« Pelborough einen viel größeren Schrecken ein als damals die des hohen Titels.

»Ihre Zukunft ist jetzt endgültig entschieden, Bubi«, sagte Gwenda, am Schluß eines Familienrats, bei welchem seine Wirtschafterin rechtmäßigerweise assistierte. – »Jetzt müssen Sie ein schönes Landhaus kaufen und die Ihnen zukommende Stellung in der Gesellschaft einnehmen.«

»Aber ich will ja gar nicht auf dem Lande wohnen«, rief Bubi, dem diese Aussicht Entsetzen einflößte. »Das Landleben langweilt mich tot, Gwenda. Jedesmal, wenn ich früher nach Pelborough gefahren bin, um den alten Doktor zu besuchen, war ich wie erlöst, wenn ich wieder abreisen konnte.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Aufs Land zu fahren, um einen launenhaften alten Herrn, der Sie andauernd anbrüllte, zu besuchen, ist ganz etwas anderes, als in einem eigenen schönen Landhaus zu wohnen, wo man seine Reitpferde und sein Auto hat. Nein, Bubi, Sie haben es nun so weit gebracht –«

»Ohne Sie wäre ich nie so weit gekommen, Gwenda«, sagte Bubi ernst. »Wenn Sie nicht andauernd hinter mir hergewesen wären, um mich anzuspornen, würde ich schön in der Patsche sitzen. Sie wollen doch nicht, daß ich von hier fortgehe?« fragte er bekümmert.

»Hier« bedeutete eine kleine Etagenwohnung, die ganze siebzig Pfund jährlich Miete kostete, also keine passende Wohnstätte für einen Mann, der seine Petroleumaktien für hunderttausend Pfund verkauft hatte.

Der Besitz einer so ungeheueren Summe lastete schwer auf Bubi. Er brauchte fast acht Tage, um das Gefühl loszuwerden, daß er an einem erfolgreichen Betrug beteiligt gewesen, und weitere acht Tage, um gegen das Verlangen anzukämpfen, das Geld einem gewissen Herrn zurückzugeben, der damals, als er glaubte, daß die Aktien wertlos wären, versucht hatte, Bubi zu ruinieren, indem er ihm seine Anteile verkaufte. –

Gwenda antwortete nicht sogleich. Sie wollte so gern, daß Bubi dablieb – erst jetzt wurde es ihr klar, wie viel er ihr war –, aber die Situation war doch zu grotesk. Sie hatte sich vorgenommen, diesen Versicherungsangestellten, der vom Schicksal über Nacht in den Adelsstand erhoben worden war, auf die Füße zu helfen und hatte auch wirklich auf selbstloseste Weise unermüdlich diesen Zweck verfolgt. Nun aber, wo er wirklich endlich festen Boden gefaßt hatte, schreckte sie vor dem Gedanken, sich von ihm zu trennen, zurück. Sie ärgerte sich über ihre Feigheit. –

»Ich möchte sie natürlich hierbehalten, Bubi,« sagte sie langsam, »das wissen Sie ja, aber es wäre besser für Sie, wenn Sie nicht hierbleiben.«

»Gwenda hat ganz recht, Lord Pelborough«, sagte die praktische Frau Phibbs und nickte mit dem imposanten Kopf. »Man muß stets bestrebt sein, das Niveau seiner Vorgesetzten zu erreichen. Sie haben einen noch viel zu großen Respekt vor diesen albernen Gesellschaftsmenschen, und das geht nicht. Wenn Sie nicht höher hinaufgelangen, kommen Sie hinunter, Bubi. Mein Mann ergab sich bei der ersten Schlappe, die er erlitt, und endete deshalb in der Kneipe. Er war ein Mensch, der gern Leute um sich hatte, die zu ihm aufsahen, und da er nicht den Mut und die Ausdauer besaß, in die Höhe zu kommen, sank er in die Tiefe und mußte recht weit heruntergehen, um eine Schar von Bewunderern um sich zu haben.«

Frau Phibbs sprach sehr selten von ihrem Mann.

»Er ist tot, nicht wahr?« fragte Bubi teilnahmsvoll.

»Ja,« antwortete sie heiter, »und im Himmel, hoffe ich, obwohl ich manchmal meine Zweifel darüber habe.«

»Außerdem, Bubi,« fuhr Gwenda fort, »werden wir hier doch sehr wenig zusammen sein können. Der Theaterdirektor hat den Kontrakt für das Stück noch ein Jahr verlängert; da werde ich reichlich zu tun haben, jetzt, wo ich zu dem Ensemble zurückgekehrt bin.«

Darauf antwortete Bubi nichts. Vor einigen Tagen, als er die Bondstraße auf dem Deck eines Autobusses hinunterfuhr, hatte er Gwenda und Lord Mansar aus einem Café herauskommen und sie in Mansars Auto fortfahren sehen. Und am Tage darauf hatte er sie im Hydepark getroffen, und Gwenda hatte sehr verlegen ausgesehen. –

Dies alles hatte ihn ein klein wenig verletzt – wenigstens er empfand darüber einen seltsamen Schmerz, der den Tag dunkel erscheinen ließ und ein Gefühl der Verlassenheit und Lustlosigkeit bei ihm erweckte.

»Wir müssen unsere Unterhaltung morgen fortsetzen«, meinte Gwenda und stand auf. »Übrigens, Frau Phibbs, ich werde heute spät nach Hause kommen. Lord Mansar hat Fräulein Bellow und mich zum Abendessen eingeladen. Ihnen würde es wohl keinen Spaß machen, mitzukommen, Bubi?«

Bubi schüttelte den Kopf.

»Ich werde nach dem Polytechnikum gehen und ein wenig boxen, um nicht aus der Übung zu kommen, Gwenda«, sagte er mit einem Seufzer. Sie schrieb seine Traurigkeit dem bevorstehenden Abschied von der Wohnung zu.

Bubi blieb nicht lange in der Turnhalle. Er war nicht in der richtigen Stimmung, und sein Lehrer sah ihm bei seinen kläglichen Anstrengungen kummervoll zu.

»Sie verlieren doch hoffentlich nicht Ihre Schlagkraft, Mylord?« fragte er besorgt.

»Irgend etwas habe ich verloren, das ist klar«, sagte Bubi seufzend. »Ich habe, glaube ich, keine Lust zum Boxen heute abend, Herr Feldwebel.«

Nachdem er sich wieder angezogen hatte, ging er auf den Langhamplatz hinaus, wußte aber nicht, was er mit sich anfangen sollte. Selbst das Kino lockte ihn nicht, und er schlenderte ziellos die Regentenstraße hinunter. –

In der Nähe des Zirkus bog er in eine Seitenstraße, die nach Piccadilly führte. Hier sah er ein Mädchen, das heißt, ehe er sie sah, hörte er sie, und zwar einen schwachen, erschrockenen Schrei und das Fallen eines leichten Körpers gegen die Rolljalousie eines Schaufensters. –

Es ist eine Eigentümlichkeit der Männer, die den Kampfring lieben, daß sie ein Grauen vor Raufereien haben, insbesondere vor Straßenschlägereien. In solchen Momenten bekam Bubi immer ein Gefühl der Atemnot und einen Stich ins Herz, aber diesmal schien es sich nicht um eine Schlägerei zu handeln. Der Mann war ein sehniger Jüngling, etwas übermäßig geputzt, das Mädchen machte einen anständigen Eindruck, und näher betrachtet, war sie sehr hübsch.

»Noch einmal würdest du es tun, so?!« zischte der Mann und hob die Hand zum Schlag, aber Bubi, der keine Atemnot mehr fühlte, kam schon über die Straße auf ihn zu.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, und der Angreifer der jungen Dame drehte sich plötzlich um. Eigentlich hatte er nicht die Absicht gehabt, sich umzudrehen, und nun starrte er die schlanke Gestalt, die scheinbar aus der Versenkung gekommen war, wütend an.

Bubi ging langsam ein paar Schritte bis auf die Mitte des Dammes zurück, und Herr Arthur Blanbury, denn so hieß der Gefährte des jungen Mädchens, faßte dieses Manöver falsch auf. Er dachte, der Fremde hätte sich seine Einmischung überlegt. In Wirklichkeit brauchte Bubi nur einen Meter Spielraum, was Herr Blanbury bald entdeckte. Ohne Vorrede griff er Bubi geschickt an. Bubi nahm den Schlag über der linken Schulter auf und griff seinerseits den Gegner kraftvoll an. Blanbury erhielt einen Treffer auf seine empfindlichste Stelle und trat einen Schritt zurück, dabei ließ er den Kiefer einen Augenblick ungeschützt. Blitzschnell traf ihn Bubis Linke, und Blanbury – in der Sprache des Rings – ging »für die Zeit« zu Boden.

Man kann innerhalb hundert Meter vom Piccadillyplatz nicht den kleinsten Faustkampf ausfechten, ohne sofort eine Menschenansammlung um sich zu haben und die Aufmerksamkeit eines regen und intelligenten Schutzmannes auf sich zu lenken. – Eine große Hand fiel auf Bubis Schulter, und als er sich umdrehte, begegnete er dem befehlenden Blick eines Polizeileutnants.

»Wie wäre es, wenn Sie mal ein bißchen mit mir mitgehen würden, mein Freund?« sagte er, und Bubi, der mehr Verstand zeigte als die meisten Menschen, die sich in einer ähnlichen Lage befinden, verzichtete auf alle Erörterungen und ließ sich schweigend nach der Marlborough-Polizeiwache führen.

»Marquis? Marquis von was?« fragte der Polizeiwachtmeister amüsiert. »Sind Sie wegen Trunkenheit hierhergebracht worden?«

Aber in diesem Augenblick erschien unerwartete Hilfe in der Person des jungen Mädchens. Bubi hatte ihr Gesicht noch nicht richtig gesehen. Sie war sehr hübsch, nur wirkte sie etwas puppenhaft.

Dem Wachtmeister schien sie keineswegs die Fremde zu sein, die sie für Bubi war, denn bei ihrem Anblick rief er: »Nanu, Fräulein Farland, was machen Sie hier?«

Bubi hörte nun folgende Geschichte: Sie war eine Verkäuferin in einem Warenhaus in der Oxfordstraße, und der Mann, der sie angegriffen hatte, war ihr Bräutigam gewesen. Es war eine jener flüchtigen Verlobungen, die auf gelegentliche Stelldichein im Hydepark häufig folgen. Er hatte sich zuerst sehr nett und wie ein »Gentleman« benommen, bis eines Abends sein wahrer Charakter zum Vorschein gekommen war. Sie hatte ihre Schlafstätte mit hundert anderen jungen Mädchen in demselben Gebäude, in welchem das Warenhaus sich befand. Er wußte augenscheinlich, daß es möglich für sie war, nachts eine Verbindungstür zu öffnen, die zwischen Warenhaus und den Schlafräumen lag. Diese diente als Notausgang für die jungen Mädchen, falls Feuer ausbrach. Es war also ein Leichtes für sie, ihn und seine Kumpane – mit zweien von ihnen hatte er sie schon bekannt gemacht – durch diese Tür in das Gebäude einzulassen.

Statt dessen hatte sie ihren Chef von diesem Komplott in Kenntnis gesetzt, und der Polizei war es gelungen, die Einbrecher, mit Ausnahme von Blanbury, von dem sie, wahrscheinlich aus Sentimentalität, keine sehr klare Beschreibung gegeben hatte, zu verhaften. Nun war sie an dem Abend zufällig ihrem alten Liebhaber begegnet, und Bubi war Zeuge der Fortsetzung dieses Romans gewesen.

»Sie müssen das Mißverständnis entschuldigen, Mylord«, sagte der Wachtmeister. »Morrison, gehen Sie und holen Sie den jungen Mann herein.«

Bubi wartete, bis man den noch immer etwas benommenen jungen Mann hereingebracht hatte, und nachdem er abgeführt worden war, begleitete Bubi das junge Mädchen nach Hause. –

Sie zeigte sich dankbar, war aber sehr schweigsam; das Bewußtsein, daß ihr Begleiter ein richtiger »Lord« war, schien sie zu verwirren, jedoch seine niedliche Schutzbefohlene stimmte Bubi wieder froher, und er kehrte erhobenen Hauptes in seine Wohnung nach der Doughtystraße zurück, denn der Abend war doch nicht so langweilig ausgefallen, wie er vorher gefürchtet hatte.

Als Gwenda nach Hause kam, nachdem Mansar sich gegen ihren Willen ungebührlich lange vor dem Hause von ihr verabschiedet hatte, war Bubi in so guter Laune, daß auch sie, als er sie strahlend begrüßte, lächelte, obwohl ihr nicht froh zumute war.

»Ich bin inzwischen verhaftet worden«, sagte Bubi ruhig und mischte seine Patiencekarten.

»Aber Bubi!«

»Ja, ich bin verhaftet und nach der Marlborougher Polizeiwache geschleppt worden«, erzählte Bubi und freute sich diebisch über den Eindruck, den er mit diesen Worten machte. Dann berichtete er.

»Sie sind doch ein famoser Kerl!« rief sie und drückte ihm die Hand. »Das sieht Ihnen so ähnlich, zur Hilfe einer Frau zu eilen! War sie hübsch, Bubi?«

Sie war nicht auf eine so begeisterte Bejahung ihrer Frage gefaßt.

»Aber bildhübsch!« antwortete Bubi mit vor Bewunderung gedämpfter Stimme. »Einfach bildhübsch! Solche großen Kinderaugen, die Sie so gern haben, Gwenda, und einen Mund, den man sonst nur auf Gemälden sieht – wie eine Rosenknospe. Man würde es nicht für möglich halten, daß sie eine Verkäuferin ist. Ich war ganz erstaunt als sie es mir erzählte. Ein reizendes junges Mädchen, Gwenda, – Sie würden sie sicher auch entzückend finden.«

»Es ist möglich«, sagte Gwenda, aber ihre Stimme klang eine Spur kalt. »Ich wußte nicht, daß Sie ein solcher Kenner weiblicher Reize sind. Sie gefiel Ihnen also?«

»Aber sehr!« rief Bubi begeistert. »Sie ist nicht sehr groß – sie reicht ungefähr bis zu meiner Schulter. Gwenda« – fuhr er etwas zaghaft fort – »könnte ich sie nicht eines Nachmittags zu einer Tasse Tee einladen? Ich weiß, wie sie heißt – Millie Farland.«

»Aber gewiß«, meinte Gwenda und legte langsam und nachdenklich ihren Umhang ab. »Zu Mittwoch zum Beispiel könnten Sie sie bitten.«

Bubi sah verwundert drein.

»Aber Mittwoch müssen Sie doch immer in der Matinée spielen und könnten also nicht zu Hause sein ...« sagte er.

Gwenda betrachtete ihn nachdenklich.

»Nein, das stimmt«, sagte sie. »Laden Sie sie also zu Sonntag nachmittag ein. Sie wird jedenfalls an keinem anderen Tage kommen können, da sie doch in einem Warenhaus tätig ist, und ich möchte sie auch ganz gern sehen.«

Fräulein Millie Farland war eine junge Dame, die fatalerweise einmal in der Öffentlichkeit eine Rolle gespielt hatte. Diese Erfahrung wirkt auf manche Menschen wie ein Gift und hat häufig sonst harmlose Bürger dazu getrieben, Verbrechen zu begehen. Ein Trinker oder eine Morphinistin ist leichter zu heilen als jemand, der nicht über viel Verstand verfügt und seinen Namen einmal in einer Zeitung gedruckt gesehen hat. Die Sucht, wieder von sich reden zu machen, ist unheilbar. Ein solcher Mensch fühlt sich nur glücklich, wenn er der Mittelpunkt einer sensationellen Zeitungsnachricht ist.

Fräulein Farland war bei einem geplanten Warenhauseinbruch in der Zeitung als »Heldin« erwähnt worden, und in dem Bericht war ihre Handlungsweise auf das wärmste gelobt worden. Er hatte folgende Überschrift gehabt: »Geschickte Auslieferung von Warenhausdieben durch ein hübsches junges Mädchen«.

Ihr Bild, wie sie den Gerichtssaal betrat und verließ, war in allen Zeitungen, und auch ein Kino stellte sie dar. Jetzt hatte sich ein waschechter Marquis auf offener Straße für sie geschlagen! Ein richtiggehender Marquis hatte sich ihretwegen verhaften lassen und hatte sie nach Hause begleitet!

Fünfzig junge Damen schliefen in ihrer Etage bei der Firma Belham & Sapworth, und fünfzig in der Etage unter ihr, aber keines von diesen jungen Mädchen blieb an jenem Abend in Unkenntnis der Tatsache, daß sich der hochwohllöbliche Marquis von Pelborough für Fräulein Farland in der Regentenstraße geschlagen hatte.

Am nächsten Morgen ging sie ganz früh auf die Straße hinunter, um eine Zeitung zu holen, denn sie hegte nicht den leisesten Zweifel, daß man ihrem interessanten Abenteuer eine ganze Spalte widmen und dafür einen jener Berichte über solche unwichtigen Gegenstände, wie die Sitzungen des Gerichtshofs oder die Reden des Ministerpräsidenten, wesentlich abkürzen würde. Im Geiste hatte sie bereits fettgedruckte Überschriften gesehen, wie »Ein Marquis eilt zur Hilfe einer bildschönen Warenhausverkäuferin, die von einem rohen Kerl überfallen wird«, denn Fräulein Farland war sich nicht im geringsten im unklaren über ihre physischen Reize.

Und die ganze Angelegenheit wurde nicht mit einem Wort erwähnt!

»Wahrscheinlich hat er den Zeitungen Anweisungen gegeben, die Sache totzuschweigen«, sagte sie bei dem eiligen gemeinsamen Frühstück um halb neun Uhr. »Natürlich will er nicht in eine solche Skandalaffäre verwickelt sein und will anscheinend auch nicht, daß mein Name erwähnt wird. Er ist furchtbar fein! Wie er den Hut vor mir abnahm! Ein Vergnügen war es, das zu sehen!«

»Na, passen Sie auf, Millie, es dauert nicht lange und Sie sind eine Marquise!« rief ein freches kleines Lehrmädchen, aber Fräulein Farland, die zu den älteren Angestellten gerechnet wurde, hielt es unter ihrer Würde, auf diese Bemerkung einer so weit unter ihr stehenden Person zu antworten.

Einer Einkäuferin, einer Dame; die kraft ihrer hohen Stellung in einem Zimmer allein schlief (Lehrmädchen sind zu vier in einem Raum untergebracht, während die älteren Angestellten zu zweien eine Stube bewohnen), gestand sie, daß sie mächtiges Herzklopfen gehabt hätte, als Seine Lordschaft sie anblickte.

»Wir werden Sie wohl bald wieder vor dem Gericht sehen,« meinte die Einkäuferin, »wegen gebrochenem Heiratsversprechen oder so etwas Ähnlichem.«

Aber Fräulein Farland hielt diese Vermutung für nicht sehr wahrscheinlich. Sie und Seine Lordschaft wären eben nur befreundet, nichts weiter, nein, wirklich nicht.

Jedoch die Aussicht, auf der Zeugenbank zu sitzen, die Beschreibung ihres Kleides in den Zeitungen zu lesen, und vor allem, sich darin abgebildet zu sehen, wie sie das Gerichtsgebäude betritt und es wieder verläßt, hatte etwas sehr Verlockendes.

Und dann erhielt sie einen Brief von Bubi, der in seiner großen Handschrift »Pelborough« unterzeichnet war. Dieses Ereignis versetzte sie vollends in Ekstase. –

Am Abend dieses Tages gab es kein Mitglied des Personals, von dem ersten Abteilungschef bis zu dem jüngsten Lehrling herunter, der nicht erfahren hatte, daß Fräulein Farland am Sonntag zum Nachmittagstee bei Lord Pelborough eingeladen war, daß er in seinem Briefe an sie die Hoffnung ausgesprochen hatte, daß die Aufregung von neulich ihr nicht geschadet hätte, daß er das Wetter für sehr veränderlich hielte, und schließlich, daß er »in aufrichtiger Hochachtung ihr ergebenster Pelborough wäre«.

»Das ist es, was mir so sehr an ihm gefällt – seine Aufrichtigkeit –«, gestand Fräulein Farland ihren um sie versammelten Freunden und Freundinnen. »Ein Mann wie Lord Pelborough würde niemals lügen; das ist überhaupt das schöne bei einem wirklichen ›Gentleman‹, daß er stets aufrichtig ist.«

So fand sie sich am Sonntag nachmittag bei Lord Pelborough ein. Gwenda war zwar sehr nett, brachte sie aber zuerst etwas aus der Fassung, weil sie sie für die »Freundin« Seiner Lordschaft hielt.

Was Bubi betraf, war er so natürlich und herzlich, sprach mit ihr über den letzten Boxkampf und das Wetter (sie interessierte sich zwar weder für das eine noch für das andere), und er war nicht die Spur befangen.

Nach und nach überwand sie ihre Schüchternheit und verzichtete auf das irritierende Hüsteln, mit dem sie bis dahin jeden Satz eingeleitet hatte. Bald fühlte sie sich so zu Hause, daß sie ihren Gastgeber mit »Bubi« anredete. Bubi wurde ganz rot darüber, verschluckte sich, aber er fand es sehr niedlich. Gwenda jedoch wurde weder rot, noch verschluckte sie sich, dafür fand sie es abscheulich.

Im Munde dieses Mädchens verlor, nach ihrem Gefühl, dieser so traute Kosename seinen Reiz und klang nur geschmacklos.

Bubi begleitete die junge Dame nach Hause.

»Sie werden mir schreiben, nicht wahr, Bubi?« fragte Millie Farland beim Abschied und ließ das bezaubernde Schmollmündchen, das sie zu Hause bis zur Vollendung vor dem Spiegel einstudiert hatte, das übrige tun.

»Schreiben?!« fragte der erstaunte Bubi. »Ach, hm, ja, natürlich, ja, natürlich werde ich schreiben, ... hm, worüber soll ich schreiben?«

»Ich möchte Sie doch näher kennenlernen, können Sie das nicht verstehen, Bubi?« sagte sie und spielte mit dem obersten Knopf seines Überziehers.

»Ist der Knopf lose?« fragte Bubi besorgt.

»Aber nein, Sie dummer Junge!« lachte sie. »Doch schreiben werden Sie mir, nicht wahr? Ich fühle mich so einsam hier, und Sie können sich nicht vorstellen, wie wohl mir dieser Nachmittag in einem trauten Heim getan hat – bei Ihnen«, fügte sie hinzu und blickte schüchtern zu ihm auf.

Obgleich Bubi diesen schmachtenden Augenaufschlag schon hundertmal in Kinos gesehen hatte, erkannte er ihn jetzt doch nicht wieder. Sie aber hatte diese und viele andere Künste gesehen und sich gemerkt. Der pädagogische Wert der Kinos wird von den wenigsten Menschen richtig eingeschätzt.

»Wie fanden Sie Fräulein Farland?« fragte Bubi als er wieder nach Hause kam.

»Ich finde, daß sie ein sehr, sehr hübsches kleines Mädchen ist«, sagte Gwenda.

»Nicht wahr?« entgegnete Bubi erfreut. »Die arme kleine Seele fühlt sich so einsam hier. Es gefiel ihr bei uns so gut – sie bat mich übrigens, an sie zu schreiben«, fügte er hinzu.

Gwenda ging ans Fenster und sah hinaus.

»Es hat angefangen, zu regnen«, sagte sie.

»Ich weiß«, erwiderte Bubi. »Es regnete schon als ich nach Hause kam. Aber sagen Sie mal, Gwenda, worüber kann ich ihr schreiben.«

Sie wandte sich vom Fenster ihm zu und lächelte.

»Welche Frage, Bubi!« sagte sie und ging zur Tür.

»Aber ich weiß wirklich ...«

»Schreiben Sie ihr über Petroleum,« schlug Gwenda, die schon auf der Schwelle war, vor, »und über Boxkämpfe, aber ja nichts Persönliches, weder von sich noch von ihr. Das ist der Rat einer ... alten verheirateten Frau.«

»Um Gotteswillen!« rief Bubi, »sie wird sich doch nicht für Petroleum interessieren!«

Aber Gwenda war schon fort.

Am nächsten Tage versuchte er, einen Brief an Fräulein Farland zu schreiben, merkte aber bald, wie schwierig es war, mit einer Dame, deren Geschmack und Interessen man nicht kennt, zu korrespondieren. Glücklicherweise ersparte Fräulein Farland ihm die Mühe, indem sie ihm zuerst schrieb.

Ihre Orthographie war ein wenig eigenartig, und sie liebte es, Worte oder auch ganze Sätze zu unterstreichen. Auch hatte sie die Gewohnheit, das Ausrufungszeichen häufig in Anwendung zu bringen. Es hätte ihr riesig am Sonntag gefallen! Sie hoffte, er wäre nicht naß geworden! Ob er wohl gestern abend an sie gedacht hätte?! Sie möchte ihn um eine Gefälligkeit bitten! Sie wüßte zwar, daß es unverschämt von ihr wäre! Aber sie hätte das Bedürfnis, ihm ihr Herz auszuschütten! Ein Herr wollte sie heiraten! Aber sie liebte ihn nicht! Könnte eine Ehe ohne Liebe glücklich sein?! Und immer so weiter, acht Seiten lang.

Gwenda merkte, wie er mit gerunzelter Stirn den Brief studierte und dachte sich ihr Teil.

Es ist ein schlechtes Zeichen, sagte sie sich, daß Bubi mir keine weitere Mitteilung über den Brief macht als nur, daß er »von Fräulein Farland« ist.

Der Grund war folgender: Bubi fürchtete, einen groben Vertrauensbruch zu begehen, wenn er mehr als absolut notwendig über die Herzensnot der jungen Dame mit jemand anderes gesprochen hätte, denn er nahm solche Sachen sehr ernst. Für alle Frauen empfand er eine grenzenlose Hochachtung, und da er ein großer Idealist war, erfüllte ihn der Gedanke, daß man dieses hübsche Kind in eine Ehe mit einem Manne, den sie nicht liebte, hineindrängen könnte, mit Entsetzen.

Darum zog er sich in die Stille seines Zimmers zurück und schrieb ihr einen Brief – unter diesen Umständen fand er das Schreiben so leicht, daß er, ehe er es sich versah, zwölf Seiten vollgekritzelt hatte. Und Bubis Brief handelte von Liebe und Glück und der Torheit, ein Ehebündnis ohne Liebe zu schließen.

Dieser Gegenstand interessierte ihn derartig, daß schließlich eine Abhandlung über die Liebe zustande kam, die ihn selbst in Erstaunen setzte. Eine Stelle in dem Briefe lautete folgendermaßen:

»Die soziale oder finanzielle Lage eines Menschen ist unwesentlich. Es ist ganz gleich, ob ich ein Marquis oder ein Müllkutscher bin. Ebenso gleichgültig ist es auch, ob die Auserwählte meines Herzens ihr Leben durch Arbeit verdienen muß, oder ob sie eine Dame aus den höchsten gesellschaftlichen Kreisen ist; die Hauptsache und das einzige, worauf alles ankommt, ist, daß sie mich liebt und ich sie; alles andere ist Nebensache.«

Mit dem befriedigenden Gefühl im Herzen, jemand auf den rechten Weg geführt zu haben, steckte er die voluminöse Epistel in den Briefkasten. Zu seinem maßlosen Erstaunen bekam er bereits am nächsten Morgen die Antwort, obgleich sein Brief erst den Abend vorher in Fräulein Farlands Hände gelangt sein konnte. – Diesmal enthielt der Herzenserguß der jungen Dame siebzehn Seiten. Bubis Brief wäre so unendlich tröstlich gewesen! Nie wäre sie einem Manne, der soviel Verständnis für die Gefühle einer Frau besitzt, begegnet!

Auf der siebzehnten Seite stand ganz am Schluß ein Postskriptum. Ob Bubi sich heute Abend um halb neun Uhr in der Nähe der großen Statue im Hydepark mit ihr treffen könnte?

Bubi war zur verabredeten Zeit dort und fand die junge Dame in einem leicht erregten Zustand, der ihr reizend stand. Als sie auf einem einsamen Wege gingen, brauchte er ihr nicht den Arm zu bieten, denn sie kam ihm zuvor und nahm den seinen. Merkwürdigerweise erwähnte sie den Herrn, der sie in eine lieblose Ehe locken wollte, mit keinem Wort. – Sie sprach meistens von sich und von den Ansichten der anderen Angestellten des Warenhauses über sie. Sie ließ deutlich durchblicken, daß sie sich zu gut für ihre Stellung hielt und erzählte von ihrem Vater, der Offizier war, und ihrer Mutter, der Tochter eines Landrates. »Das ist nämlich ein Rat auf dem Lande, verstehen Sie?« erklärte sie.

Bubi begleitete sie nach der Oxfordstraße zurück. Sie gingen durch eine selbst in den verkehrsreichsten Stunden wenig belebte Straße, die auch nach ihrer Wohnung führte. Kurz vor dem Eingang, zwischen zwei Laternen, blieb sie stehen, um sich von ihm zu verabschieden.

»Wir wollen uns doch wiedersehen, nicht wahr?« fragte sie wehmütig. »Sie können sich nicht denken, wie wohl mir Ihre Briefe tun!«

Dann bot sie ihm ihren roten, verlockenden Mund zum Kuß, und Bubi küßte sie. Er hatte eigentlich gar nicht die Absicht oder das Verlangen gehabt, sie zu küssen, aber da war das hübsche, nach oben gerichtete Gesichtchen mit den roten Lippen keine zwei Zentimeter von dem seinen entfernt, und da konnte er nicht anders, er küßte sie.

Als Gwenda an diesem Abend nach Hause kam, war Bubi noch auf – scheinbar hatte er auf sie gewartet – und sah sehr feierlich aus, konnte ihr aber nicht ins Gesicht sehen.

»Gwenda,« begann er ein wenig zaghaft, »ich möchte Ihnen etwas sagen, ehe Sie zu Bett gehen.«

Das Herz blieb ihr einen Moment vor Schreck stehen. Sie wußte, daß Bubi eine Verabredung mit Fräulein Farland an diesem Abend gehabt hatte. Außerdem hatte sie die umfangreiche Korrespondenz zwischen ihnen gesehen. Sie war jedoch fest entschlossen, nie zuzugeben, daß Bubi seine Zukunft, seine ganze Karriere einer vorübergehenden Liebelei wegen, aufs Spiel setzte.

»Was ist passiert, Bubi?« fragte sie, als sie sich setzte und die gefalteten Hände auf den Tisch legte.

»Ich fürchte, ich habe mich ziemlich gemein benommen«, sagte Bubi mit niedergeschlagenen Augen.

»Gegen wen?« fragte Gwenda verzagt. Eigentlich war die Frage überflüssig.

»Gegen Fräulein Farland«, erwiderte Bubi.

»Sehen Sie mir in die Augen, Bubi!« befahl sie. Er blickte sie an. »Wenn Sie sagen, Sie haben sich ziemlich gemein benommen, was meinen Sie damit? Haben Sie ihr etwa versprochen, sie zu heiraten?«

Sein erstaunter Blick nahm ihr einen Stein vom Herzen.

»Heiraten?« rief er verwundert. »Aber keine Idee! Einen Kuß habe ich ihr gegeben, weiter nichts!«

Sie lächelte, aber Tränen schimmerten in ihren Augen.

»Sie dummer Junge!« sagte sie sanft. »Was haben Sie mir für einen Schreck eingejagt! Erzählen Sie mir nun, Bubi!«

Nur widerstrebend berichtete er, denn es kam ihm wie ein Vertrauensbruch gegen »dieses unschuldige Kind«, wie er sie nannte, vor, aber durch einige geschickt gestellte Fragen gelang es Gwenda, ihm die Geschichte nach und nach zu entlocken. Sie sah ernst aus, als Bubi ihr von dem Brief erzählte, aber Bubi konnte nichts dabei finden.

»Was stand in dem Brief, den Sie ihr schrieben?«

»Nun, hauptsächlich von Liebe schrieb ich ihr«, sagte Bubi ruhig. »Das arme Kind, sehen Sie, ...«

Gwenda schüttelte den Kopf.

»... hat einen Heiratsantrag von einem Manne bekommen, der allem Anschein nach sehr vermögend ist, aber unglücklicherweise liebt sie ihn nicht; da schrieb sie mir und bat mich, ihr einen Rat zu geben.«

»Und Sie rieten ihr?« fragte Gwenda. »Haben Sie eine Kopie von dem Brief?«

Er schüttelte den Kopf und seufzte.

»Nun, vielleicht war nichts weiter darin«, bemerkte sie. »Was werden Sie jetzt tun, Bubi?«

»Es ist wohl am besten, ich schreibe ihr (falls sie mir noch einmal schreibt), daß ich sie nicht mehr sehen kann«, meinte Bubi. »Ich will das arme Ding natürlich nicht kränken, aber andererseits will ich nicht den Eindruck bei ihr erwecken, daß ich sie lieb habe. Ich kann sie natürlich ganz gut leiden,« fügte er hinzu, »sie ist so niedlich und fühlt sich so einsam.«

Sein Entschluß, keine weiteren Briefe von ihr zu beantworten, wurde ein wenig erschüttert, als am folgenden Tage eine vierzehn Seiten lange Epistel von ihr ankam.

Was sie getan hätte, um ihn zu beleidigen? Sie hätte so viel Vertrauen zu ihm gehabt! Was zwischen sie getreten wäre?

»Antworten Sie nicht, Bubi«, warnte ihn Gwenda, und Bubi stöhnte.

Auf diesen Brief folgten andere – manche waren verzweifelt, manche flehend, manche enthielten deutliche Anspielungen auf ein frühzeitiges Ende in den Wellen des Serpentinsees, und die Bitte, das arme Mädchen, das ihn bis zum Tode geliebt hätte, nicht zu vergessen!

»Diese Briefe sind noch schlimmer, als diejenigen von den betrogenen Aktionären«, stöhnte der arme Bubi. »Ich glaube, ich muß wirklich diesen beantworten und ihr sagen, daß ich –«

»Wenn ich mich nicht sehr irre,« bemerkte Gwenda, »werden Sie in absehbarer Zeit einen bekommen, den Sie werden beantworten müssen.«

Und richtig, am folgenden Sonnabend vormittag kam ein mit der Schreibmaschine geschriebener Brief von den Rechtsanwälten Bennett und Reeves, die, unter anderem, wie der Kopf des Briefes besagte, auch Notare waren. –

Ihre Klientin, schrieben sie, Fräulein Amelia Farland, hätte sie beauftragt, den edlen Lord zu fragen, ob er beabsichtigte, das Versprechen, das er der obenerwähnten Dame gegeben hätte, sie zu ehelichen, zu halten, oder nicht. Widrigenfalls möchte der edle Lord den Namen seines Rechtsanwalts angeben.

Nach dem Lesen dieses Schreibens sank der arme Bubi, bleich und vernichtet, in seinen Stuhl zurück und Gwenda nahm ihm den Brief aus der Hand. Es gab eine Menge ausgezeichneter Rechtsanwälte, die sich dieser Angelegenheit angenommen hätten, aber Gwenda kannte einen äußerst klugen und tüchtigen Anwalt, der ein wachsames Auge auf Herrn Solburgs Interessen hielt, und dem brachte sie Bubis Brief und gab ihm ein möglichst genaues Bild von den Beziehungen, die zwischen Bubi und der jungen Dame bestanden hatten.

»Bennett und Reeves«, murmelte er nachdenklich, als er den Brief las. »Sie nehmen diese Art Sachen an, das weiß ich. Ich werde ihnen ein kleines Briefchen schreiben. Ich glaube nicht, daß der Marquis einen Prozeß haben wird.«

Kurze Zeit darauf trat Fräulein Millie Farland in das Bureau ihrer Rechtsanwälte ein. Ihr Gesicht hatte gerade jenen Ausdruck des stillen und mutig ertragenen Leides, der so gut für eine Photographie gepaßt hätte, wenn eine Zeitung nur einen Photographen nach der Bedfordstraße geschickt hätte, um sie aufzunehmen.

Herr Bennett empfing sie mit größter Liebenswürdigkeit.

»Nun, um von diesem Prozeß zu sprechen, Fräulein Farland«, sagte er. »Die andere Partei beabsichtigt, die Klage zu verfechten und hat ihren Anwalt, Sir John Mason, damit betraut. Wollen Sie unter den obwaltenden Umständen diesen Prozeß weiterführen, oder nicht? Wenn ja, will ich Ihnen nur gleich sagen, daß Ihre Chancen, ihn zu gewinnen, äußerst gering sind. Ich habe inzwischen Erkundigungen eingezogen und bin zu der Überzeugung gekommen, daß Lord Pelborough nichts weiter getan hat, als Sie von einem Ihrer früheren Liebhaber zu befreien.«

»Aber ich bitte Sie, Sie haben doch seinen Brief in Händen!« erwiderte Fräulein Farland würdevoll.

»Ach was, der Brief ist nur eine von einem unerfahrenen Jüngling geschriebene Abhandlung über die Liebe«, bemerkte Herr Bennett verächtlich. »Nun wollen wir aber das Geschäftliche erst erledigen. Ehe wir weitere Schritte ergreifen können, müssen wir Sie bitten, einen Betrag, der die Unkosten des Prozesses decken wird, zu hinterlegen, und dieser betrüge zirka zweitausend Pfund.«

Fräulein Farland erhob sich. Als sie später diese Szene ihren Freunden erzählte, berichtete sie, daß sie bei den folgenden Worten dem Herrn einen so vernichtenden Blick zuwarf, daß er zitterte.

»Ich verstehe,« entgegnete sie bitter, »es gibt ein Gesetz für die Armen und eins für die Reichen.«

»Keineswegs«, erwiderte Herr Bennett. »Der einzige Unterschied liegt darin, daß die Armen im voraus bezahlen, und die Reichen nachher.«

Als Fräulein Farland an jenem Abend einen Kreis ihrer teilnahmsvollen Zuhörer aus der ersten Etage um sich versammelt hatte, erklärte sie ihnen, daß sie bis zum äußersten gehen würde. Glücklicherweise ersparte ihr das Schicksal diese Prüfung, denn als sie ein oder zwei Tage später abends spazieren ging, an demselben Serpentinsee, in dem sie ihr junges Leben hatte beschließen wollen, wie sie Bubi angedeutet hatte, verlor ein kleiner Junge, der dort badete und nicht schwimmen konnte, den Grund – und Fräulein Farland konnte schwimmen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück drängten sich sämtliche Angestellte der Firma Belham und Sapworth um sie, während sie die Zeitung las. Alle starrten sie auf die auffallende Überschrift, die größte, die ihr jemals zuteil geworden war, die folgendermaßen lautete: »Ein junges Mädchen, ebenso tapfer, wie hübsch, rettete ein ertrinkendes Kind aus dem Serpentinsee. Die bescheidene Heldin weigerte sich, ihren Namen zu nennen, bis die Polizei sie dazu zwang.«

Fräulein Farland seufzte beglückt.

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