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Lockvögelchen

Heinz Tovote: Lockvögelchen - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHeinz Tovote
titleLockvögelchen
publisherF. Fontane & Co.
year1910
printrunSiebente Auflage
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171110
projectid93488c54
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Das erste Mal

Zu dreien angefaßt glitten sie über die glatte, milchige Fläche, die sich im Eispalaste unter ihren Füßen breitete.

Die helle Mittagssonne stand draußen vor den Fenstern; aber in der hochgespannten kühlen Halle herrschte eine leichte Dämmerung, die selbst das große Wandbild des Sees von St. Moritz mit seiner Schneelandschaft ganz stumpf und grau über den Köpfen der Musiker erscheinen ließ.

Zuweilen liefen ihnen ein paar Kinder in den Weg; sonst hatten sie freie Bahn und ließen ihre wehenden Röcke fliegen, und schwangen sich holländernd durch die wenigen Menschen durch, die an dem Frühlingsvormittage auf der künstlichen Eisfläche waren; während rings an den Tischen die Neugierigen saßen, die vergnügt zusahen, wie eifrig lernende Damen an der Hand ihrer, in dunkelgrüne Jacketts gekleideten, Lehrer die ersten unsicheren Versuche auf Schlittschuhen machten, indes die guten Läuferinnen sich irgend eine neue Figur beibringen ließen.

Die Musik hörte mit dem schmelzenden Walzer aus dem Grafen von Luxemburg, nach dem sie sich gewiegt hatten, auf; und die drei Damen blieben an der Längsseite stehen, wo ein paar Tische unbesetzt waren, und wo man ausruhend ein wenig plaudern konnte, ohne gleich gehört zu werden.

– Sehen Sie nur, drüben lernt Frau Langguth. Wie ungeschickt sie sich anstellt. Wenn man gar kein Talent hat, sollte man es doch lassen.

– Die Frau hat eben Ehrgeiz. Ich weiß auch, weshalb sie das tut und sich auf das Eis wagt.

– Nun? ...

– Sie interessiert sich für Herrn von Ottens; und da sie nur selten mit ihm zusammenkommt, aber weiß, daß er jeden Morgen um neun eine Stunde hier läuft, will sie es damit erreichen.

– Nicht möglich.

– Doch! zweimal ist sie schon so früh hier gewesen als Zuschauerin, aber es hat ihr nichts genutzt. Denn wenn man läuft, hat man natürlich keine Lust, immer an der Barrière zum plaudern zu stehen. Er macht sich außerdem über sie lustig. Aber sie merkt nichts davon.

– Das sieht ihm ähnlich.

– Ach, lassen Sie nur. Er ist ein zu netter Mensch.

– Bezweifelt niemand.

– Und tut schon keiner was zu leide, die ihm nicht Veranlassung dazu gibt.

– Das stimmt. Aber als besonders solide ist er auch nicht bekannt.

– Ich habe ihn trotzdem sehr gern!

– Als Gesellschafter überaus angenehm. Mehr wollen wir, glaube ich, alle nicht von ihm.

– Gewiß nicht.

– Er hat sich jetzt eine neue Wohnung genommen.

– Ja, mir hat er auch davon erzählt.

– Mein Mann war vorgestern bei ihm. Er soll entzückend eingerichtet sein. Das Ideal einer Junggesellenwohnung.

– Habe ich auch gehört. Er müßte uns mal zum Kaffee einladen. Das wäre hübsch. Dabei ist doch nichts.

– Es wäre sogar furchtbar nett. Ein Junggesellenheim muß zu interessant sein.

– Wir müßten ihn mal gemeinsam überfallen, um uns zu überzeugen.

– Wer weiß, wen man da trifft. Das, glaube ich, geht doch nicht.

– Na, so schlimm wird es nicht gleich sein.

– Jedenfalls müßte man es ihm vorher ankündigen, damit wir ihn auch antreffen. Und vor allem, damit kein anderer, unangenehmer Besuch da ist.

– Ach Gott, was die Leute nicht alles reden. Ich glaube nicht recht dran. Ich finde, Ottens ist ein schrecklich harmloser Mensch.

– Und dabei so nett. Schließlich kennen wir ihn doch beide lange genug. Ich möchte wirklich gern wissen, wie er eingerichtet ist.

– Er hat einen so guten Geschmack.

– Gut! also dann machen wir das mal. Zu zweien oder gar dreien ist es doch ganz ungefährlich. –

– Glauben Sie, liebe Baronin, daß es wirklich so ganz ungefährlich ist? mischte sich die ältere Dame in das Gespräch der beiden jungen Frauen, die während des Plauderns in ganz kleinen Kreisen und Bogen vor ihr hin und her glitten.

– Sie wollen zu einem Junggesellen zu Besuch gehen? fragte sie aufs neue.

– Ja, Frau Gräfin, finden Sie etwas dabei?

– An und für sich nicht! Es kommt darauf an, wer es ist. Ganz so harmlos ist solch ein Unternehmen nicht, wie Sie sich das vorstellen.

– Nicht harmlos? ... aber ich bitte Sie. Der Herr verkehrt seit Jahren bei uns im Hause. Mein Mann jedenfalls würde nicht das geringste dabei finden.

– Das ist wohl möglich, daß er Ihnen nicht widersprechen wird, weil er klug genug ist, zu wissen, daß Sie wahrscheinlich nicht darauf hören würden.

– Oh nein! das nicht. –

– Wer weiß, liebe Freundin. Es würde Ihnen keine Ruhe lassen. Ich kenne Herrn von Ottens auch, und glaube Ihnen, daß dieser Besuch bei ihm ganz harmlos sein kann, aber schwerlich so gedeutet würde.

– Aber wir sind doch zu zweien.

– Richtig, Sie sind zu zweien! und grade darin liegt schon eine gewisse Gefahr. Es gibt eine Menge Dinge auf der Welt, die man nicht tut, weil man sich im Wege nicht recht auskennt, weil alles, was man zum ersten Male tut, einem Herzklopfen verursacht und uns mit leichter Bangigkeit erfüllt. Das ist ein großer Schutz, dieses erste Mal; es hält einen von vielem zurück. Man kennt noch nicht all die Begleitumstände; und so würden Sie es kaum wagen, allein in das Ihnen fremde Haus und die fremde Wohnung zu gehen. Aber wenn man zum ersten Male dort gewesen ist, wenn die Portiersleute Ihnen erst einmal, als Sie in Begleitung kamen, geöffnet haben und Sie ihnen da ruhig ins Gesicht gesehen haben, wenn Sie die Treppe kennen, und ob die betreffende Wohnung rechts oder links liegt, Sie genau wissen, wo und wie man schellt, – dann gibt es von da an keinerlei Bedenken mehr, daß man nicht ein anderes mal, wenn der Zufall es will, diesen schon bekannten Weg ebenso ruhig zum zweiten Male, wenn auch allein und ohne Begleitung gehen würde. Beim ersten Male, in Begleitung, da kommt man natürlich unversehrt wieder aus der Höhle des Löwen heraus. Und so ist man nun ganz vertrauensselig. Aber beim zweiten Male schnappt die Falle zu, und man ist rettungslos gefangen. Denn dieses harmlos scheinende erste Mal ist nur ein Lockvögelchen, das einen sicher macht und betört, und einen schmeichelnd wieder heranruft. Das wissen all die Herren Fallensteller nur zu gut. Ich spreche das nicht als bloße Vermutung aus. Ich kenne einen solchen Fall; und es ist wirklich schließlich, gegen die Absicht der Betreffenden, ihr Fall geworden. Denn dann gibt es kein Zurück mehr. Und niemandem werden Sie einreden können, daß, was etwa geschieht, nun gegen Ihren Willen und Ihre Absicht sich ereignet habe.

Nun schwiegen die beiden jungen Frauen, und der einen, kleineren stieg langsam eine leise Röte in das Gesicht; und nach einer ganzen Weile sagte sie, weil sie von dem Gedanken nicht lassen wollte:

– Aber dann könnte man ja zu niemanden gehen; auch nicht zu verheirateten Leuten, auf die Gefahr, den Herrn des Hauses allein anzutreffen.

– Oh nein, das ist doch was anderes. Soviel ich gehört, haben Sie selbst vorhin Bedenken geäußert, daß man Herrn von Ottens nicht überraschen dürfe. Man wisse ja nicht, ob er nicht zufällig Besuch bei sich habe. Sehen Sie, darin liegt doch schon die schärfste Kritik, ganz abgesehen von der Unannehmlichkeit, der man sich aussetzen kann. Seine Leute sind an allerhand Damenbesuche gewöhnt, und glauben Sie, daß sie in Ihrem Besuche etwas anderes sehen werden? – Und da jene anderen meist unter der harmlosen Maske einer Cousine oder Schwägerin durchgehen, sind Sie selbst nicht im Vorteil. Denn Sie bleiben die fremde, unbekannte Dame, die zu dem Junggesellen kommt, so daß Sie damit eigentlich schutzloser dastehen vor dem Hausklatsch als jene anderen, die auf Schutz weniger Anspruch erheben.

– Aber wir denken nicht daran, allein hinzugehn.

– Das ist es ja eben, was mich vor allen zu meiner Warnung berechtigt. Man soll nichts tun, was man nicht allein gegen eine Welt unternehmen würde. Wenn es sich nicht lohnt, wenn man nicht mit Leib und Seele dabei ist, sollte man sich nie unnütz in Gefahr begeben, noch weniger in den Mund der Leute bringen. Es kommt ja schließlich alles nur auf den Schein an; ob der für oder gegen einen ist. Ist er gegen einen, so kann man tun, was man will, man wird die Menschen nicht überzeugen. Ich entsinne mich eines Vorganges, wo sich eine junge Frau allerdings in einem etwas prüden Gesellschaftskreise unmöglich gemacht hat. Ich habe daneben gestanden, als diese eine verhängnisvolle Phrase fiel, die sich uns allen so einprägte, daß nichts mehr dagegen half. – Ein junger Komponist ließ sie fallen. – Von einem Bilde war die Rede; und während man eifrig darüber diskutierte, und die junge Frau meinte, sie habe es nie gesehen, sagte der junge Mann in blindem Eifer: »Aber gewiß kennen Sie es, gnädige Frau. Wissen Sie nicht mehr, es ist der Stich, der in meinem Schlafzimmer an der Tür rechts hängt!« – Darauf folgte ein jähes Stillschweigen. Er begriff, daß man seine Worte falsch auffassen konnte, wollte es wieder gut machen, aber da er über die Verwirrung der jungen Frau nicht hinwegkam, die vor Schreck den Mund nicht öffnete, machte er es nur schlimmer. – Ein paar Minuten später standen sie allein; und dann beging sie die Torheit, ihm Vorwürfe zu machen, und ihn auch ihrerseits stehen zu lassen. Mit dem rechten Wort im ersten Augenblicke wäre die Situation vielleicht zu retten gewesen; denn die Sache konnte tatsächlich vollkommen harmlos sein; aber nun war es zu spät. Und die kleine Frau mochte noch soviel erklären und versichern, daß sie in Gesellschaft, sogar mit ihrem Manne bei dem jungen Künstler gewesen war, der ihnen eine neue Komposition vorspielen wollte, wobei er ihnen eben seine ganze Wohnung gezeigt hatte, ... es hat nichts mehr genutzt! – Der Klang dieser ominösen Worte blieb uns im Ohre haften. Eine gewisse, ganz präzise Vorstellung war, wie unter einem grausamen Zwange vor uns allen aufgetaucht, die nicht wieder weggedacht werden konnte; und wie sehr sie beide sich auch mühten, uns das Harmlose der Worte und des Vorganges zu erklären, niemand hat es ihnen geglaubt. Langsam bildete sich um die junge Frau, genau wie damals im Salon, als das Wort gefallen, eine gesellschaftliche Leere, der sie erst entging, als ihr ahnungsloser Mann zu ihrem Glück versetzt wurde. –

Die Gräfin schwieg.

Die beiden jungen Frauen blieben still. Und während die Musik wieder begann, glitten sie aufs neue nebeneinander über die glatte Spiegelfläche; und jede erwog, ob es sich lohnen würde, soviel aufs Spiel zu setzen.

Die eine fest entschlossen, auch zu zweien diesen Besuch nicht zu machen, der ihr eben noch so verlockend schien; während die andere, die vorhin errötet war, plötzlich diesen Besuch in einem weit anderen Lichte sah, das verführerischer wirkte als die anfänglich ganz harmlose Absicht, die sie vorher erörtert hatten. –

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