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Lockvögelchen

Heinz Tovote: Lockvögelchen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHeinz Tovote
titleLockvögelchen
publisherF. Fontane & Co.
year1910
printrunSiebente Auflage
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171110
projectid93488c54
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Fruchtlose Liebe

– Eine entzückende Frau! sagte er zu dem Freunde, der neben ihm in der Tür lehnte, und den Dampf seiner Zigarre in das Herrenzimmer zurückblies, während er in den Salon hineinsah, wo eben ein junger Pianist vom Flügel sich erhob, um die bewundernden Ausrufe der Damen stolz in Empfang zu nehmen.

Der Doktor folgte dem Blicke seines Freundes. Er wußte, wer mit dem Ausrufe gemeint war, und sah lächelnd hinüber, wo die schlanke Frau Holm stand, an deren Seite der Freund heute bei Tisch gesessen hatte, und die ihn offenbar ebenso gefangen hatte, wie manch einen andern vor ihm.

Sie war mit einer gesuchten, aber raffinierten Einfachheit gekleidet, die jeden Reiz hervorhob.

Sie mußte sofort auffallen und war überall der Mittelpunkt eines kleinen Kreises, der sich sofort bei ihrem Erscheinen um sie bildete.

Jetzt hatte sie dem jungen Pianisten offenbar ein paar liebenswürdige Worte gesagt, denn er errötete vor Vergnügen.

– Sieh nur! ... ist sie nicht reizend?

– Gewiß! sagte der Doktor trocken.

– Eine entzückende Frau! so ganz Frau! wiederholte der andere jetzt schwärmerisch.

–Na na! ... tu nur nicht zu wild.

– Erlaube mal, dies Temperament! – unglaublich. Ich habe mich selten so gut unterhalten. Das sprüht ja alles nur so bei ihr. Und schön wie ein Bild. Sieh nur, wie sie geht, wie sie sich hält. Entzückend! ...

– Gratuliere!

– Sage doch, du hast sie mal verarztet?

– Ja gewiß, mehrere Jahre lang.

– Ist sie so krank gewesen? ...

– Wie man es nimmt. – Jetzt ist sie über den Berg.

– Ich verstehe das gar nicht. Sie ist doch ein Bild blühendster Gesundheit. Selten hat mich eine Frau so gefesselt. Ganz mein Fall.

– Was willst du mehr?

– Und dieser Geist!

– Oh ja, schlagfertig ist sie.

– Und der Mann geht so gleichgiltig neben ihr her.

– Was soll er tun?

– Sieh nur, jetzt spricht er mit ihr, die Hand in der Tasche, und raucht sie einfach an.

– Das machen Männer nun mal so.

– Ein Idiot!

– Nicht ganz.

– Jedenfalls verdient er diese Frau nicht.

– Wer weiß.

– Ach Gott, dem müßte man doch mal zeigen ... er verdient sie wirklich nicht. Du! sie hat mich aufgefordert, und ich sage dir, ich werde hingehen und ...

– Ihr Mann wird nichts dagegen haben.

– Wie meinst du das?

– Er ist nicht besonders eifersüchtig veranlagt.

– Um so besser für mich. Entschuldige! ich glaube, sie wollen gehen. Sie sieht herüber. Ich muß ihr gute Nacht sagen, und dem Tölpel von Manne ein paar Redensarten hinwerfen. Einen Augenblick!

– Bitte! ...

Und der jüngere der beiden Herren, die am Rauchzimmer standen, eilte in den Salon, um der eleganten und schlanken Dame, deren Lob er eben so begeistert gesungen, die Hand zum Abschied zu küssen.

Auch mit dem Gatten schüttelte er sich freundschaftlich die Hand, und sah den beiden nach, wie sie durch die andern Zimmer gingen und verschwanden. –

Nach einer Weile sagte er zum Doktor:

– Na, bleiben wir noch?

– Dein Interesse an der Gesellschaft scheint erschöpft zu sein, seit die schöne Frau Holm nicht mehr da ist.

– Offen gestanden, ja! – Spielen tue ich nicht, muß auch morgen früh auf. Also, was soll ich noch hier? – Wenn du mit aufbrichst, ist es mir sehr recht. Drücken wir uns heimlich. Niemand wird uns mehr vermissen.

– Glaubst du, daß deine neue Freundin dich vermissen würde? ...

– Na, ich will es wenigstens hoffen.

– Also dann komm, da dich nichts mehr hier hält.

Sie nahmen ihre Garderobe von dem Lohndiener in Empfang, und gingen an den vor dem Hause haltenden Droschken vorbei in die Nacht hinaus, durch den leichten Nebel, der rotgelbe Kugeln um die Lichter der Laternen wob.

Nach einer Weile fragte der Doktor:

– Also die schöne Frau Holm hat es dir angetan.

– Na und ob.

– Schön! sie führen ein sehr nettes Haus, und wir werden uns dort treffen. Essen vorzüglich.

– Du verkehrst auch gesellschaftlich dort?

– Freilich, mein Junge! und ich war in die pikante und hübsche Frau einmal ebenso verschossen, wie du das heute zu sein scheinst.

– Bin ich auch! ...

– Schadet dir auch gar nichts! – aber versprich dir nicht zu viel.

– Was meinst du damit?

– Ich meine, du sollst dir nichts vorstellen, sollst keine sogenannten unlauteren Wünsche hegen, wie man das in solchen Fällen als Junggeselle manchmal, trotz aller angeborenen und anerzogenen Moral zu tun pflegt.

– Also aussichtslos, meinst du? – Ist sie so abweisend? –

– Abweisend? Hast du was davon gemerkt? ... Ich glaube nicht.

– Liebt sie ihren Mann, diesen Banausen, derart daß ...

– Das weiß ich nicht, mein Junge, ob sie ihn so liebt, aber ich denke mir ja. Sie ist ihm jedenfalls absolut treu.

– Du willst mich zum Narren halten. Die Frau ist doch so kokett, so ... wie soll ich sagen, so vielversprechend ...

– Nein, Geliebtester, schlage dir nur alle dummen Gedanken aus dem Kopf. Sieh, ich bin Arzt, und wäre eigentlich zur Verschwiegenheit verpflichtet; aber was alle Welt weiß, brauche ich vor dir nicht zu verheimlichen, und zudem weiß ich, daß du kein Wort verraten wirst.

– Mein Wort darauf.

– Nun wohl! Frage irgend wen aus dieser Gesellschaft, und man wird dir erzählen, daß diese junge hübsche Frau vor drei Jahren bei mir in der Klinik auf Leben und Tod gelegen hat, daß sie eine Operation durchgemacht hat, die wir heutzutage häufiger vornehmen, aber die meinem Empfinden nach mit das Schlimmste, besser das Traurigste ist, was einer Frau passieren kann, weil sie ihr alle Möglichkeit für die Zukunft raubt. Und mehr noch, diese so lebenslustige und gesund scheinende Frau hat Tage, wo sie sich in den furchtbarsten Schmerzen krümmt; und alle paar Monate kommt sie zu mir wieder in Behandlung. Ihr Gesicht ist bezaubernd, ihre Figur tadellos, ihre Schultern und Arme blendend schön. Nur ihr Unterleib ist nicht in Ordnung, ist so wenig in Ordnung, daß heute abend, wenn sie nach Hause kommt, ihre Jungfer sie erwartet, um ihr all die Binden und Bandagen abzunehmen, die sie tragen muß, um in Gesellschaft gehen und die Männer betören zu können. Und nur zu oft hilft ihr allein das Morphium, daß sie nicht vor Schmerzen in der Nacht sich schlaflos quält. Diese Frau ist keine Frau mehr, sondern trotz ihrer Koketterie, trotz der Leichtfertigkeit, mit der sie oft die gewagtesten Dinge sagt, um damit den Eindruck des Begehrtwerdens zu wecken, im Grunde ein ganz indifferentes, geschlechtsloses Wesen. Sie kann keinem Manne etwas gewähren; sie sieht nur so aus. Sie tut krampfhaft so, um sich selbst die Illusion zu erhalten. Sie ist von der Mutter Natur äußerlich wie ein rechter Lockvogel für die Männer ausstaffiert, und sitzt dabei wie gefangen in einem Käfig, aus dem sie nicht heraus kann, indes ihr, betört von ihrem Reize, blind auf die Leimruten ihrer Komödie geht, um zu spät zu erkennen, daß ihr genarrt seid. Und alle fallen darauf hinein, alle! Ich sehe nicht ein, warum ich dich in einer solchen Täuschung herumlaufen lassen soll, hinter die du ja doch bald gekommen wärst; wenn du es nicht vorgezogen hättest, die Beziehungen zu diesem, wie du meinst so überaus begehrenswerten Geschöpfe früh genug abzubrechen; wahrscheinlich im falschen Glauben, sie sei eine herzlose Kokette, was sie nur gezwungen ist. Du sollst dich nicht blamieren, mein Junge; deshalb sage ich dir das alles schon heute, damit du deine Wünsche nicht zu hoch spannst. – Plaudere mit ihr, kokettiere mit ihr, wie sie das ersehnt, aber laß dich nicht zum Narren halten. Es ist ein beklagenswertes Geschöpf, das unser Mitleid vollauf verdient, zu dem wir alle so nett sein sollten wie nur irgend möglich, – aber als Objekt des Begehrens soll sie dir nicht dienen.

– Du bist ein Scheusal, einem so die Augen zu öffnen.

– So? und wenn du nun eines Tages ganz allein dahinter gekommen wärest? ... Hättest du mich da nicht mit Vorwürfen überhäuft? – Ich hätte dich ja ein paar Tage in deinen süßen Hoffnungsträumen herumlaufen lassen, aber was hülfe es? Da regt sich in mir der Operateur, der rasch und ohne Bedenken eingreift, um zu retten was noch zu retten ist, ehe es zu spät geworden. – Glaube mir, in unserer Gesellschaft laufen viele solcher Frauen herum, die wir unter dem Messer gehabt haben, denen wir alles künftige Leben herausgeschnitten haben, und die trotzdem ihre alte Evanatur nicht verleugnen können. Die sich und die anderen täuschen wollen; und trotz physischer Unmöglichkeit in den Männern Hoffnungen zu erwecken suchen, die sie nie erfüllen können. – Und nun, lieber Junge, gute Nacht! und sei mir nicht böse. Laß dir auch nicht merken, daß du das Geringste weißt. Das ganze Leben ist eine große Täuschung, hinter die man nur zu kommen braucht, wenn es nötig ist. Bei dir schien es mir nötig, dir die Augen zu öffnen. Vergiß, was ich dir gesagt habe. Mach der schönen Frau den Hof! ... aber gib dir keine Mühe, den Gedanken von heut abend auszuführen, ihren, wie du meintest, Tölpel von Mann zu betrügen. Das, mein armer Junge, würde dir mit bestem Willen nicht gelingen.

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