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Lockvögelchen

Heinz Tovote: Lockvögelchen - Kapitel 13
Quellenangabe
authorHeinz Tovote
titleLockvögelchen
publisherF. Fontane & Co.
year1910
printrunSiebente Auflage
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171110
projectid93488c54
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Die Büßerin

Eines Tages, als sie eine ganz schlimme und leichtfertige Person darzustellen hatte, brach es auf der Probe durch, daß sie sich weigerte.

Nein, sie gab sich nicht länger zu solchen Schamlosigkeiten her. Sie wollte nicht mehr ein blindes Werkzeug des Teufels sein. Die Augen waren ihr aufgegangen über ihr verwerfliches Tun.

Da hatte Gott den Menschen ein Gesicht gegeben, und sie machten sich ein anderes; sie wollten den Himmel betrügen und die Menschen verwirren, als ob es überhaupt solche verworfenen Kreaturen gäbe, wie die Dichter in ihrer Verblendung sie schilderten, während sie selbst gezwungen sein sollte, diese Ausgeburten einer teuflischen Phantasie mit ihrem Leibe, mit ihren Bewegungen, ihrer Stimme wiederzugeben.

Diese Dichter! ... Das war auch nur solch eine Erfindung des Bösen, der durch sie die harmlosen Menschen verwirren und auf Abwege bringen wollte. Das ganze Theater war ein Blendwerk der Hölle.

Sie aber gab sich nicht länger zum Werkzeuge des Verderbers her. Ihre Seele war erleuchtet worden, sie hatte den Weg zur Bußbank gefunden, sie sang jetzt mit den Geretteten das jubelnde Hallelujah. Allem irdischen Tand entsagte sie, tat ab das lächerliche Narrengewand, in dem sie vor der lüsternen Menge sich so oft gespreizt und ihren Leib, diese heilige Schöpfung Gottes, schamlos enthüllt hatte, und ging von nun an den Pfad der Erkenntnis des Guten und des Bösen, der zur himmlischen Erlösung führte.

So stand sie mitten auf der Probe unter ihnen und predigte, als sei es eine neue Rolle, die sie zu spielen habe.

Sie hatten ihr alle erstaunt zugehört. Von allen Seiten kamen sie heran im Halbdunkel der Bühne, die Kollegen und die Arbeiter, und keiner unterbrach sie. Einigen hatte sie schon vor ein paar Tagen solche und ähnliche Dinge gesagt, aber als sie nun immer lauter in ihrer leidenschaftlichen Rede und ihren Verwünschungen wurde und gar nicht aufhörte, sagte der Regisseur ganz ruhig, als sei gar nichts vorgefallen:

– So, wir wollen die ganze Szene noch mal von Anfang an durchnehmen. Bitte, Fräulein Greding, fangen Sie an. Sie kommen durch die Tür links.

Aber sie hörte nicht auf ihn, brach in ihrer Rede ab, ging durch alle hindurch, die ihr rasch Platz machten, wandte sich in der Kulisse noch einmal um, und sagte:

– Ich will für Euch alle bitten und beten, daß auch Ihr erlöst werdet, daß auch von Euren Augen die Binde der Blindheit genommen werde, und Ihr erkennet, wie Ihr im Pfuhl der Sünde watet, indes Euch, das Licht der Erlösung schon hier auf Erden grüßend winkt.

Damit ging sie ...

Und als sie sich von ihrem Staunen ein wenig erholt hatten und einer ihr nacheilte, da war sie nicht mehr zu finden, der Regisseur ließ es dem Direktor melden, und man probte weiter, so gut es eben ohne sie ging.

Allein am folgenden Tage kam sie trotz eines Briefes der Direktion nicht wieder.

Es war nicht das erstemal, daß sie wunderliche Anwandlungen zeigte. Man war allerlei Seltsames bei ihr gewöhnt, und sah darüber weg, weil sie eine so treffsichere Schauspielerin war, deren Können zuweilen wie eine geniale Offenbarung wirkte, deren derber Humor ein ganzes Stück retten konnte. Sie war die Ausgelassenste von allen gewesen, und niemand konnte es mit ihrem Temperamente aufnehmen. Das war eine vorübergehende Laune, eine ihrer tollen Kapricen, nichts weiter.

Allein dann kamen ein paar Briefe, in denen sie dem Direktor, dem Regisseur, dem Dichter des neuen Stückes und den Kollegen nochmals ihre Gründe mitteilte, weshalb sie das Theater verließ, diese plumpe Erfindung der Hölle; und sie beschwor sie alle, gleich ihr die Hände von diesem Teufelswerk abzuziehen, ehe ihre armen Seelen gänzlich verloren und verdorben wurden.

Jeder Brief kam von einem anderen Orte. Sie mußte also wohl in der Welt herumziehen.

Wohin sie sich gewandt hatte, wußte kein Mensch. Sie war und blieb vorläufig verschwunden, und niemand erfuhr, wo sie sich aufhielt. Ihre Rolle wurde inzwischen einer überglücklichen jungen Kollegin übergeben.

Erst nach etwa vierzehn Tagen hörte man wieder von ihr. In irgend einem kleinen Neste des Riesengebirges sollte sie sich aufhalten. Allerhand seltsame Gerüchte kursierten, aber was daran wahr sein konnte, wußte niemand.

Endlich hörte man das eine ganz Sichere, daß ihre Schwester zu ihr gereist war, und sie bewogen hatte, wieder mit heimzukommen. So war sie denn zurückgekehrt, aber niemand kam zu ihr. Vor allem wollte sie keinen sehen, der sie an ihre einstige Beschäftigung erinnerte.

Das sollte alles vergessen und begraben sein.

Man drohte ihr mit der ansehnlichen Konventionalstrafe, um auch diesen Versuch zu machen, – aber sie ließ sich nicht schrecken.

Sie brachte ihre Tage damit hin, ihre einstige Beschäftigung zu verfluchen, und ihr eitles, weltliches Treiben von früher zu büßen.

Der Schwester riet man, sie für eine Zeit in ein Sanatorium zu bringen, aber dagegen sträubte die sich. Gewiß, ihre Schwester war augenblicklich offenbar nicht ganz normal; denn man gab eine langjährige Beschäftigung, einen Lebensberuf nicht ohne weiteres auf. Man trat nicht alles mit Füßen, was einen bis dahin hochgebracht hatte, wenn man nicht verwirrten Geistes war. Aber nichts in ihrem sonstigen Tun und Lasten bot die geringste Veranlassung, an ihrer geistigen Gesundheit zu zweifeln.

Sie war eben vom Frömmigkeitswahnsinn erfaßt. Vielleicht daß die Zeit wohltätig wirkte, daß doch noch einmal die Lust sich in ihr regte, und sie eben so plötzlich zur Bühne zurückkehrte, wie sie sich unerwartet ihr abgewandt hatte.

Da hieß es eben abwarten und sich in Geduld fassen.

Und so blieb sie denn unbehelligt. Sie tat ja auch keinem Menschen sonst etwas zu leide. –

Aber eines Tages gab es an dem Theater, wo sie beschäftigt gewesen, eine große Aufregung.

Der jugendliche Held war nach mannigfachen Fährnissen in die Ehefesseln einer Dame geraten, aus denen er sich nun nicht mehr befreien konnte. Die wollte etwas für ihr Geld haben, und ließ den Gatten nicht einen Moment mehr aus den Augen. Er konnte zwar morgens allein zur Probe gehen, da sie ja genau informiert war, wann diese begann, aber am Schlusse holte sie ihn mit rührender Gewissenhaftigkeit ab, wobei sie es sich nicht verdrießen ließ, ein oder zwei Stunden getreulich auf den, wie sie fürchtete, noch immer unerhört leichtsinnigen Herrn zu warten, dem trotz seiner Heirat fast täglich allerhand verfängliche Briefe ins Haus flatterten.

Da gab es nun eines Tages am Theatereingang eine ergötzliche Szene, denn die Eifersucht machte die Gattin blind für alles, was Würde, Anstand und Haltung hieß.

Sie hatte ihren Junker Leichtfuß am Morgen ahnungslos zur Probe gehen lassen, als sie mit der zweiten Post einen Brief erhielt, der sie aus aller Fassung brachte.

Der Brief war von der Kollegin ihres Mannes, die den Weg zur Bußbank gefunden hatte, und also lautete:

– Sehr geehrte gnädige Frau!

Eine reuige Sünderin wendet sich heute an Sie, um Ihre Verzeihung zu erflehen. Wohl habe ich mein Leben fortan dem Himmel geweiht, aber ich habe der Sünden in meinem verflossenen Leben so viele begangen, daß ich nie die rechte Vergebung vor mir und Gott erlangen kann, wenn nicht alle mir verzeihen, denen ich Böses zugefügt habe. Auch Sie, gnädige Frau, gehören zu denen, gegen die ich mich vergangen habe.

Die Sünde des Fleisches ist in mir mächtig gewesen in meiner Jugend, und ich habe mich verlocken lassen, hundert und hundertfach, und habe mir Seele und Leib beschmutzt. Ich war wie die Töchter Baals und habe vor meinem Fenster gesessen und die Jünglinge zu mir gelockt, und habe mit ihnen Greuel getrieben, bis das Maß meiner Sünden überfloß.

Aber der Herr hat mich erleuchtet und hat mich in seine Arme genommen und mir den Weg gewiesen.

Unwert aber bin ich seines Heils, solange noch ein Mensch auf Erden ist, gegen den ich Unrecht getan und der mir in meiner Schändlichkeit nicht vergeben hat, wie ein Christ dem andern Christen vergeben soll.

Gesündigt habe ich auch gegen Sie, denn ich habe Ehebruch getrieben mit dem Manne Ihres Herzens, und habe ihn seiner ehelichen Pflicht abspenstig gemacht in der Blüte meiner Sünden.

Ich bin eine große Sünderin vor dem Herrn, und ermangele des Heils, das er allen teilhaftig werden lassen will, die da mühselig und beladen sind.

Eher kann ich nicht eingehen in das Licht der Vergebung, ehe ich nicht all meine Fehler gebüßt und gesühnt habe.

Denn der Herr hat mich verworfen und in den Staub getreten, darinnen ich liege.

Ich habe mein Bette schön geschmückt gehabt mit bunten Teppichen aus Ägyptenland, ich habe mein Lager mit Myrrhen und Weihrauch besprenget, und bin hinausgezogen, die Jünglinge zu suchen, die meiner begehrten.

Aber nun sitze ich vor meiner Haustür und streue Asche auf mein Haupt, und flehe um Buße wegen der Sünden in meiner Jugend.

Und so flehe ich um Vergebung auch der Sünde, die ich mir gegen Sie aufgeladen habe. Ich bin eine große Sünderin, aber ich bereue; denn eher kann ich den Frieden nicht finden, als bis alle mir verziehen haben, denen ich Unrecht getan. – – – – –

Mit diesem Brief in der Hand war die Gattin des Künstlers aufgeregt zum Theater gestürzt. Sie wollte auf die Probe, den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Man brachte sie vorsichtshalber erst mal in das Zimmer des Dramaturgen, und da bekam sie einen Weinkrampf.

Als man endlich ihren Mann rief, gab es eine große Szene. Sie drohte mit Scheidung und Selbstmord, und allem, was einer Frau in solcher Lage gewohnheitsmäßig einfällt.

Im Nu wußte es das ganze Theater; und der seltsame Brief, den die Gattin dem jugendlichen Helden wutschnaubend ins Gesicht geworfen, ging von Hand zu Hand.

Einige wollten sich totlachen, aber andere waren sehr betreten und kratzten sich bedenklich den Kopf: das ging sie ja auch an.

Na, das konnte schön werden, wenn die Greding an alle Frauen solche Episteln schreiben wollte, deren Männer sich mal für sie interessiert hatten.

– Vielleicht läßt sie sich das Schriftstück gleich in der notwendigen Auflagenhöhe faksimilieren, meinte einer. Oder ob sie für jede eine individuelle Fassung finden wird? Das müßte ja eine Mordsarbeit sein. –

Am andern Tage hatten zwei weitere Kollegen einen ähnlichen Brief ins Haus erhalten; trotz aller Vorsicht, die sie angewandt, damit ihnen keine Sendung entging. Die ominösen Briefe waren mit Rohrpost während der Abendvorstellung zu Hause angekommen, – und das Unglück ging seinen Weg.

Überall war schon das Gerücht davon verbreitet.

Es war eine richtige Panik, die ausbrach. Ein junger Prinz und ein Herzog sollten auch darunter sein, von denen der eine sich erst vor ein paar Tagen verheiratet hatte. Das konnte ganz schlimm werden.

Es mußte unbedingt etwas dagegen geschehen.

Und es wurde gesorgt. Denn nachdem sie bis dahin frei hatte schalten und walten können, nahm man sich ihrer von amtswegen jetzt rasch und liebevoll an.

Und am vierten Tage, als das Unglück bereits lawinengleich anschwoll, sperrte man die allzu Bußeifrige als gemeingefährlich ein, – und alle Welt atmete, wie von einem Alp befreit, erlöst wieder auf, daß der Engel der Bußfertigkeit nun nicht mehr an alle die Türen klopfen konnte, dahinter ein Sünder wohnte, mit dem sie einst den Pfad der Untugend gelustwandelt war.

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