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Lockvögelchen

Heinz Tovote: Lockvögelchen - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHeinz Tovote
titleLockvögelchen
publisherF. Fontane & Co.
year1910
printrunSiebente Auflage
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171110
projectid93488c54
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Der Ausflug

– Sport, weise betrieben, ist ja ganz schön! sagte Frau Marion und lehnte sich behaglich in ihren Korbsessel zurück, der auf dem weißen Balkon des kleinen Landhauses unter blühenden Glycinen stand.

– Dann ist es kein Sport mehr, erwiderte die kleine lebhafte Freundin. Sport ist immer mit Passion verbunden, sonst ist es Spielerei.

– Dann bin ich für die Spielerei. Ich sehe im Sport mehr die nette Gelegenheit, die Menschen unter anderen und neuen Formen als nur im Abenddreß gesellschaftlich zusammen zu bringen.

– Das ist doch völlig Nebensache.

– Oh nein, die Hauptsache finde ich. Wenn auch nicht immer; denn der Sport kann auch dazu führen, die Menschen einander zu entfremden.

– Wieso? .. Unmöglich!

– Doch, er kann die Ursache sein, daß Leute, die sich als Kulturmenschen gern hatten, sich gleichgiltig und fremd werden, wenn das Allzumenschliche dabei stärker in Erscheinung tritt. Und das trifft über kurz oder lang regelmäßig ein.

– Sie haben eben keinen Sinn für Sport, Marion.

– Doch, ich habe schon Interesse dafür, allerdings mehr bei den andern. Ich sehe viel lieber zu. Das ist angenehmer.

– Trotzdem! .. Der Sport beherrscht die Welt.

– Ganz recht. Aber ich lasse mich nicht gern beherrschen. Ich habe keine Lust, mich selbst übermäßig anzustrengen, und ich finde, auch das bekommt mir sehr gut.

– Das ist nicht zu leugnen.

– Mein Mann aber quält mich; er möchte mich immer aus meiner so angenehmen Ruhe bringen. Er wirft mir, oder er warf mir doch vor, daß ich nicht genug Interesse für seine Sportleidenschaft habe. Das habe ich mir einmal zunutze gemacht, und ihn mit seiner Theorie des verschönernden Einflusses ad absurdum geführt, so daß er erst sehr böse auf mich war, bis er sich besiegt ergeben mußte.

– Wie ist das gewesen? ... Darf man es wissen?

– Gewiß? .. Es war damals grade die Zeit, als alle Welt zu radeln anfing, Ende der neunziger Jahre. Da gab es keine Dame, ob alt oder jung, dick oder dünn, die nicht ihr Rad haben mußte, und nicht drauf los strampelte, was die Beine nur aushielten.

Eines Tages hatte auch ich mich überreden lassen. Das war sehr nett und spaßig, solange ich in der Bahn fuhr, solange ich fahren konnte wohin ich wollte, wie lange und wie schnell es mir behagte. Allein, als ich dann gut fahren konnte, kamen die Ausflüge – und das war furchtbar. – Und mein Mann legte solchen Wert darauf, daß ich hinausfuhr. Ich sollte schlanker werden. Er selbst wollte sich auch trainieren, und ich mußte mit dran glauben. Aber ich hielt es nicht lange aus und streikte bald.

Immer war man im Kampfe mit seinen Röcken, wenn nur das kleinste Lüftchen sich regte; und das Haar ward einem zerzaust, und man sollte abscheuliche Mützen tragen, die mir schon gar nicht stehen. Es war einfach furchtbar und nicht zu ertragen; und ich weigerte mich denn auch, und ließ ihn sich so viel abäschern wie er mochte. Er fand ja beständig Begleitung auf seinen Touren, und ich gönnte es ihm.

Eine meiner Freundinnen interessierte sich für ihn, und er, der bis dahin über sie weggesehen, fing an Feuer zu fangen. Ich bin nicht eifersüchtig veranlagt, du lieber Gott, ich habe nichts gegen einen Flirt. Aber eines Tages merkte ich, daß die Sache aus dem Stadium der Harmlosigkeit bedenklich herauszufallen drohte.

Und das wollte ich denn doch nicht, aber wie sollte ich dem vorbeugen? ...

Wieder einmal sollte ich mich an einem Ausfluge zu Rad beteiligen; denn so weit war es noch nicht, daß die beiden einfach über mich hinweggingen. Im Gegenteil wurde ich krampfhaft mit in ihre Vergnügungen hineingezogen.

Es handelte sich darum, etwa zwei bis zweieinhalb Stunden auf dem Rade zu sitzen nur für den Hinweg, der in der letzten Hälfte recht schlecht war. Es ging viel bergan. Ich kannte den Ausflugsort, war früher schon ein paarmal mit dem Wagen dort gewesen. Aber mein Mann und seine neue Freundin wußten davon nichts; und ich verschwieg es wohlweislich; erklärte nur, daß mir die Anstrengung zu groß sei. Aber ich wollte gern mit dem Wagen hinkommen, und noch irgend wen mitnehmen, eine Freundin oder ein Ehepaar, das Zeit und Lust hatte.

Anfangs wollten sie mich überreden, gleichfalls mit ihnen Rad zu fahren, aber das lehnte ich doch ab; und so erklärten sie sich schließlich einverstanden, daß ich mit dem Wagen nachkam.

Ich dachte bei mir: es könne ihnen nichts schaden, wenn sie unterwegs von einem Regenschauer überrascht würden; auch ein Pneumatikdefekt war eine ganz heilsame Lehre, obgleich darin wieder eine arge Verlockung zu Ungehörigkeiten stecken konnte. Das mußte man eben mit in Kauf nehmen. –

Der Tag des Ausfluges kam. Die Tage vorher war trockenes und warmes Wetter gewesen. Heute brannte schon am frühen Morgen die Sonne vom Himmel, und der Tag versprach heiß zu werden.

Darauf baute ich meinen Plan.

Gegen Mittag bezog sich der Himmel mit Wolken, und die Schwüle wurde drückend, aber kein Tropfen fiel. Das Wetter schien sich zu halten, und immer wieder brach die Sonne mit stechender Glut durch die fliehenden Wolken.

Ich hatte meinem Manne und seiner Freundin Clara, die nur um seinetwillen sich allen Strapazen dieser Radtour unterzog, viel Glück auf den Weg gewünscht, hatte getan, als ob ich mit einer Freundin eine halbe Stunde später nachkommen wollte, aber die hatte mir schon vormittags abgesagt. Da hatte ich ebenso rasch für anderen, männlichen Ersatz gesorgt, der denn auch pünktlich zur Stelle war, ein netter Ulanenleutnant, mit dem wir so gut standen, daß mein Mann sich mit ihm duzte, während ich ihn Max nannte, und der mir intensiv den Hof machte.

Der saß nun neben mir in der Viktoria, und wir fuhren im schlanken Trabe aus der Stadt hinaus. So, im Fahren war die Luft äußerst angenehm, ein leichter Wind kam uns entgegen, und der Staub blieb hinter uns.

Wir hielten Ausschau, ob wir die beiden Radler nicht trafen, aber wir sahen sie nicht. Es gab hier und da kürzende Waldwege, die schattiger waren als die Chaussee, die mochten sie wohl benutzen, obgleich wir jedesmal langsamer fuhren und scharf nach ihnen ausspähten.

In der Mitte des Weges etwa paßten wir besonders gut auf, da hätten wir sie treffen müssen. Allein es war nichts zu entdecken, und so kamen wir denn allein in dem Lokal an, stiegen sehr frisch und vergnügt aus, ließen auf der Terrasse einen Tisch decken und servieren, und gingen inzwischen wartend in den schattigen Anlagen spazieren, von denen aus man die Chaussee bis zu dem nächsten Dorfe überblicken konnte.

Von dort her führte der Weg völlig schattenlos die baumleere Anhöhe hinauf; und es konnte nicht angenehm sein, sich auf dem Rade in der stechenden Gewittersonne hier bergan zu quälen.

Am Horizont lagen drohend schwarze Wolken, aber sie kamen nicht herauf, denn eine windstille Backofenglut lag schwer über der Erde, und immer gefährlicher ballte sich das Unwetter langsam zusammen.

Jedenfalls konnte das Wetter uns beiden nicht viel anhaben, wir waren am Ziele.

Zuweilen ertönte vom Tale her der Pfiff einer Lokomotive. Der kleine Bahnhof war kaum fünfzehn Minuten entfernt, und man sah die Züge durch den Einschnitt in den gelben Kornfeldern dahingleiten, und mit wehendem Rauch im grünen Waldesdunkel verschwinden.

Wir hatten Durst; und da mein Mann auf sich warten ließ, bestellten wir uns Limonade, und saßen auf der Terrasse in den bequemen Korbstühlen so frisch und sauber, und die Zeit wurde uns nicht lang.

Mein Max fing aufs neue an, seinem Flirt eine ernstere Bedeutung zu geben. Auf der Fahrt hatte er hübsch still sein müssen, denn vor uns hatten wir den breiten Rücken unseres alten Kutschers, der zwar stumm sein konnte wie das Grab, aber meinem Manne so ergeben war, daß es doch gefährlich schien, irgend etwas zu sagen, was ihn auch nur im entferntesten kränken konnte.

Der gute Max fing also wieder an, in der bekannten Manier zu hetzen.

Wie war es nur möglich, daß ich mir das gefallen ließ, von meinem Manne so vernachlässigt zu werden. Er kümmerte sich ja überhaupt nicht mehr um seine hübsche Frau. Das überließ er andern, und da durfte er sich nicht wundern, wenn die sich die Gelegenheit zunutze machten. Er selber gab ja das Vorbild; er radelte mit einer andern Frau stundenlang allein durch die Natur, und ich konnte zusehen, wo ich blieb.

Er verdiene gar nicht das Glück, eine solche Frau zu besitzen. Und nun kam eine Lobeshymne auf meine Anmut, meine Schönheit, meine himmlische Güte, die leider nur den einen Fehler hatte, daß sie sich nicht in besonders erwünschter Art auch auf ihn, den Redner, erstreckte. –

Es half nichts, ich mußte das alles über mich ergehen lassen, und konnte mich nicht wehren. Ich ließ ihn auch. Es war nicht weiter gefährlich; denn er war nicht der erste, der mir dergleichen sagte. Das kannte ich alles, den Text und die Melodie, die immer wiederkehrte, bei allen.

Ein klein wenig Wahrheit lag ja darin, daß mein Mann sich nicht genug um mich kümmerte und sein Geschäft ihm alles war; aber wo waren die Männer, die nicht ebenso handelten, wie er es tat? – Was man zudem täglich um sich hat, das schätzt man nie so wie das Fremde. Damit hatte ich mich abgefunden, liebte auch meine Bequemlichkeit zu sehr, um mich darüber aufzuregen, und war schließlich meiner selbst und meines Mannes trotzdem zu sicher.

Deshalb sah ich auch nichts darin, mit Max ein wenig zu flirten, ihm seine schönen Hoffnungen nicht völlig zu rauben, sondern ihn immer am Bändelchen zu halten, weil er eine angenehme Abwechslung in mein sonst monotones Dasein brachte.

So ließ ich ihn denn gewähren, lächelte zu allem, was er sagte, und meine Ruhe trieb ihn fast zur Verzweiflung, aber sie schreckte ihn durchaus nicht ab, – sondern dämmte seine Versuche immer nur ein wenig ein, daß er nicht gar zu stürmisch wurde.

Ich mußte mich heute ja auch in mein Schicksal ergeben, denn von meinem verehrten Gatten und seiner Freundin Clara war noch immer nichts zu sehen. Es schien fast, als sollten wir von dem Paare versetzt werden. Ich fing doch an, ein wenig nervös zu werden. Es konnte ja ebensogut sein, daß ihnen was Ernsteres passiert war, daß sie nicht weiter konnten, und mit ihren Rädern hilflos am Chausseegraben saßen.

Aber dann hätten wir ihnen begegnen müssen. Wenn sie sich nicht etwa im Walde versteckt hielten, und die Zeit verplauderten, indes wir unruhig auf sie warteten.

Ob ich ihnen den Wagen entgegen schickte? – aber die Pferde waren im Stall. Also hieß es, sich in Geduld fassen.

Nachdem wir noch eine halbe Stunde gewartet und geplaudert hatten, sahen wir unten aus dem Dorfe endlich zwei Radler herauskommen, die sehr langsam fuhren und kaum von der Stelle kamen.

Ich hatte mir vom Wirt ein Glas geben lassen, und erkannte meinen Mann. Da wo der Weg steiler wurde, stiegen sie beide ab und quälten sich, die Räder vor sich herschiebend, zu Fuß weiter, in dem heißen Chausseestaube.

Höchst zufriedenen Gemütes erwartete ich sie, kam ihnen keinen Schritt entgegen, sondern blieb auf der Terrasse sitzen, an der sie unten vorbei mußten. Ein Weilchen verschwanden sie den Blicken in den Büschen der Anlagen, dann tauchten sie vor uns im Garten auf, – denn dies letzte Stück ebenen Weges waren sie wieder aufgestiegen, um flott vorzufahren, und sprangen nun direkt an der Terrassentreppe ab, wo ich mit Max saß.

Nun erst erhob ich mich und trat langsam bis an die Stufen heran. Ich hatte Mühe, mein Lachen zu verbeißen.

Es ging alles viel besser, als ich mir vorgestellt hatte.

Nein, wie sahen die beiden aus! – Mein Mann wütend und ganz erbost, als er mich mit Max zusammensah, denn der war der einzige, gegen den er in letzter Zeit so etwas wie Eifersucht verspürte. Er selbst erhitzt, mit schmutzigen Händen; die Freundin Clara in einem Zustande, der jeder Beschreibung spottete. Sie war gestürzt, und trug überall die Spuren der Chaussee an ihrer Kleidung. Ach, wie sah die aus. Am Knie hatte sie sich zudem ein Loch in den Strumpf gerissen, die Schuhe waren voll grauen Mehlstaubes. Alles in allem ein Bild der Verwahrlosung; die Haare zerzaust, das Gesicht wie blutrot unter der Staubschicht und dem Puder, der mit den Schweißperlen eine ganze Landkarte darauf gebildet hatte. Die Handschuhe durchgeschwitzt und zerrieben, die ganze Person aufgelöst und zerflossen.

Kaum hatte sie ihr Rad untergebracht, als sie erst einmal verschwand, um sich einigermaßen menschlich zu machen und in der nächsten halben Stunde nicht wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

Inzwischen erzählte mein Mann, der schon nach kurzer Zeit zurückkam, seine Abenteuer, wobei er immer seine Hand an die Nase führte, weil er sich die Finger mit der Kettenschmiere und dem Ölkännchen furchtbar eingeschmutzt hatte, und trotz aller Seife noch immer den Geruch zu spüren glaubte.

Einmal war Clara gegen einen Chausseestein gefahren, und das zweite Mal im Walde über eine Wurzel gestürzt, wobei die Lenkstange verbogen war, und er eine halbe Stunde am Rade hatte basteln müssen, weil die Kette sich spannte. Den Daumen hatte er sich auch dabei geklemmt, der Nagel war blau.

Nein, es war kein Vergnügen gewesen! Und diese unerträgliche Hitze. Beide hatten sie gejammert, und wären am liebsten irgendwo liegen geblieben; aber das Wetter drohte, und wer weiß, wie sie weiter gekommen wären. Sie mußten es schaffen. Das letzte Stück, den Berg herauf, war ganz entsetzlich gewesen. Da war man einfach wie aus dem Wasser gezogen, sie dampften und kochten ordentlich. Eine angenehme Begleiterin war Clara nur zu Anfang gewesen. Zuletzt hatte sie ihn mit ihrem Jammern und Klagen ganz nervös gemacht. Das war ja unglaublich! ...

Er mußte sich unterbrechen; denn nun tauchte sie endlich wieder auf, und wir konnten unsern Kaffee trinken. Es machte mir Vergnügen, alle zu bedienen. Mein Mann stürzte erst rasch ein paar Glas Wasser hinunter, dann ging es über den Kuchen her; aber schon zeigten sich bei beiden wieder verderbliche Folgen. Der Körper, der seine Ruhe hatte, aber alle Hitze noch in sich aufgespeichert hielt, fing wieder an zu schwitzen. – Das war bei ihr nicht grade lieblich anzusehen.

Sie sprachen kein Wort miteinander; und mein Mann sah nur immer auf mich. Freilich, ich sah anders aus; trug ein neues, sehr schikes, duftiges Sommerkleid, das er noch nicht kannte und war weiß und klar im Gesicht, im Gegensatz zur Krebsfarbe seiner Radfreundin. Als ich meine Finger auf seine Stirn legte, hielt er sie fest und sagte:

– Was du für wunderbar kühle Hände hast. Ach, wie das wohltut. –

– Und deine brennen wie Feuer.

– Ja! Halt du mal zwei Stunden lang in glühendem Sonnenbrande die Lenkstange! ..

– Will ich ja gar nicht, lachte ich ihn an.

Da seufzte er tief auf. –

Dann sah er an sich herab, dann auf Max, dessen grauer Jackettanzug mit dem schlohweißen hohen Kragen tadellos aussah, und sagte:

– Wahrhaftig, man sieht aus wie ein Schwein.

Darauf herrschte langes, tiefes Stillschweigen.

Niemand widersprach. –

Ich stand auf und ging auf der Terrasse hin und her, um ihm mein tadelloses Kleid recht vor Augen zu führen. Dabei glitt sein Blick über den Anzug seiner Begleiterin. Er sah das Loch im Strumpf, die verstaubten dunklen Radlerhosen, die gegen alles Bürsten sich offenbar gesträubt hatten, sah die unkleidsame Mütze auf den rasch wieder zusammengesteckten, unordentlichen Haarsträhnen – und verglich damit meine tadellose Frisur und den großen neuen Sommerhut mit seinen dunklen Rosen, unter dessen breitem Rande mein Gesicht pikanter und blasser aussah als sonst.

Ich fühlte ganz deutlich, wie gut ich aussehen mußte.

Und dann wurde er plötzlich auf Max ärgerlich und fing mit ihm zu schimpfen an, weil der ihm angeblich mit seinen Lackschuhen im Wege saß; aber er war bloß wütend, daß er neben dem eine so wenig vorteilhafte Figur in seinem augenblicklichen Aufzuge machte. Der hatte den Nachmittag bequem im Wagen neben mir gesessen. Mein Mann wußte, wie gern sein Freund Max mich hatte, und er dachte wohl daran, daß der nun wieder im Wagen mit mir behaglich heimfahren würde, während er die Reise mit seiner Freundin per Rad zurücklegen mußte.

Das machte ihn ganz wütend. Er war schlechtester Laune; aber Max und ich taten gar nicht, als ob wir es merkten.

– Nun wollen wir einen kleinen Spaziergang machen, sagte ich. Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich hinunter, und schritt über den Rasen, den Sonnenschirm aufgespannt.

Mein Mann kam nach, aber Clara kam nur die Treppe halb mit herunter, – dann erklärte sie, sie wolle lieber nicht soviel gehen. Die Kniee taten ihr zu weh. So ließen wir sie denn allein zurück; aber wir gingen selbst auch nicht weit, nur ein wenig in den schattigen Anlagen auf und ab. Denn der Himmel bezog sich immer mehr, und die Sonne war bald hinter schwarzen Gewitterwolken versteckt.

Max blieb stehen und suchte nach vierblättrigem Klee; da nahm mein Mann meinen Arm und sagte rasch und eindringlich:

– Das sage ich dir, ich fahre mit der nicht zurück. Es gibt gleich einen Guß, und ich habe keinerlei Lust, mit ihr in dem Zustande Eisenbahn zu fahren. Wozu habe ich unsern Wagen! ... Du wirst gefälligst Max veranlassen, daß er verzichtet und sie zur Bahn bringt und heimspediert. Wir geben ihnen bis dahin den Wagen. Das arrangiere du, hörst du! das mußt du für mich tun. Ich bin so gereizt, daß ich sonst grob zu ihr werde. Du kannst dir gar nicht denken, wie sie sich angestellt hat. Und wie sie aussieht! ... Mein Gott! –

– Ja, mein Junge, der Sport verschönt die Frauen nicht.

– Ach Gott, was das nun wieder soll! – Natürlich, du! .. Setzt dich faul in den Wagen, und kommst wie aus dem Ei gepellt hier an, wie eine Prinzessin! Das ist ein rechtes Kunststück.

– Ja, es ist ein Kunststück! ...

– Und ich will mit dir zurückfahren, hörst du! – Wenn ich auch in dem Zustand schlecht zu dir passe; aber wir schlagen das Verdeck auf, und es soll mich kein Mensch sehen.

– Wenn du hübsch artig bist, will ich versuchen, was sich tun läßt.

– Du siehst ja, daß ich es bin. Überrede bloß Max dazu, daß er Clara zum Bahnhof bringt. Er wird sich wahrscheinlich sträuben, aber das ist deine Sache. Ich will dir was sagen: ich mache jetzt 'ne Schraube an meinem Rade los, und sage, es sei unbrauchbar geworden, hörst du! Also ich lasse dich mit ihm allein. Sei lieb, Schatz! .. ich will es dir auch vergelten.

Na, es war nicht so leicht Max zu überzeugen, daß er mit der andern per Eisenbahn nach Hause fahren sollte. Gott, sagte ich ihm, er konnte ja tun, als ob er sie im Zuge zufällig getroffen hatte, und am Bahnhofe in der Stadt übergab er sie gleich einem Gepäckträger, der das Rad besorgen mußte.

Er wollte natürlich lieber im Wagen mit mir heimfahren, hatte sich grade darauf so ungeheuer gefreut; allein das ging nicht, er konnte den Besitzer doch nicht aus seinem eignen Gefährt verdrängen, und mußte sich schließlich bequemen, so schwer es ihm wurde, das Opfer zu bringen und Clara auf sich zu nehmen. Ich sollte ihm alles mögliche dafür versprechen, aber damit lachte ich ihn nur aus. Das gab es denn doch nicht.

In einer Stunde ging der Zug, jetzt war es halb sieben. Und als wir alle wieder beisammen waren, kam mein Mann heuchlerisch betrübt an und erklärte, sein Rad sei kaputt. Und Max drang in ihn, daß er doch dann selbstverständlich in seinem Wagen zurückfahre. Er werde die Eisenbahn benutzen. Davon, daß die Freundin etwa mit mir fahren konnte, und die beiden Männer mit der Bahn, war gar nicht die Rede. Clara selber war so mutlos und niedergeschlagen, daß sie sich in alles fügte. Nur nicht den Weg zurückradeln, schien ihr einziger Gedanke zu sein.

So wurde sie denn mit ihrem Rade, der betrübte Max an ihrer Seite, in unsern Wagen gesetzt, als schon die ersten schweren Tropfen fielen, und rasch zum nahen Bahnhofe gefahren, um so zur Stadt zurückzukommen. –

Nein, wie mein Mann aufatmete! ... Er konnte sich vor Vergnügen und Zärtlichkeit gar nicht lassen.

– Weißt du! sie ging mir auf die Nerven, atmete er auf. Und in dem Anzuge muß der Max, der arme Kerl, mit ihr losziehen. Ist ihm ganz recht, denn er hat dir doch gewiß wieder auf Mord den Hof gemacht.

– Hat er! ...

– Na warte, mein Junge.

– Bitte, das geht dich gar nichts an. Weshalb hast du denn deine Radpartie heute gemacht? Doch nur um Claras willen.

– Ich? – aber erlaube mal ...

– Na, was denn? – ich hatte es dir ja erlaubt.

– Ach Gott! ... einmal und nicht wieder. Mit der ganz gewiß nicht.

Er wischte sich die Stirn, sah mich an und sagte:

– Nein, wie du heute aussiehst!

– Bloß heute? ...

– Nein, nicht bloß heute; aber heute ganz besonders.

– Sehr verbunden! ...

Ich tat sehr kühl, indes er mich nicht aus den Augen ließ.

So ging das eine ganze Weile, bis unser Wagen kam. Aber da brach auch der Sturm los, und der Kutscher meinte, in dem Wetter könne er unmöglich fahren. Wir dachten gar nicht daran. Denn nun waren wir ja allein.

Und da wir nicht absehen konnten, wann das Wetter enden würde, beschlossen wir zu bleiben und gut zu Abend zu essen; bestellten uns ein exquisites Abendessen, – und es wurde sehr vergnügt, bei einer trefflichen Bowle, so nett wie seit langem nicht. Und wenn es auch nicht bis heute gleichmäßig durchgehalten hat: von seiner Passion Radausflüge zu machen, ist er doch abgekommen; und die Geschichte mit Clara war auch erledigt.

Über das Bild ihrer Verwahrlosung kam er nicht hinweg.

Nie wieder hat er mich seitdem veranlassen wollen, mich in eine Situation zu begeben, wo ich nicht eine, meiner ganzen Anlage nach angemessene Figur machen konnte.

Dazu hatte ich doch zu sehr sein ästhetisches Empfinden erweckt; – und das ist für eine Frau, die auf sich hält, nicht der letzte Reiz im Kampf mit den andern.

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