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Lockvögelchen

Heinz Tovote: Lockvögelchen - Kapitel 11
Quellenangabe
authorHeinz Tovote
titleLockvögelchen
publisherF. Fontane & Co.
year1910
printrunSiebente Auflage
firstpub1910
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171110
projectid93488c54
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Umständehalber

Ich habe mir früher manchmal das Vergnügen gemacht, Wohnungen, die zu vermieten waren, zu besehen, voll Neugier, was wohl für Menschen in der Straße hausen mochten. Ich weiß, es ist eine arge Belästigung der Leute, aber wenn man jung und neugierig ist, und nach Stoff für seine Geschichten sucht, ist alles erlaubt.

Man lernt so viel dabei kennen, denn man überrascht die Menschen in allerlei Situationen.

Wenn die Schlafzimmer noch nicht gemacht sind, beim Mittagessen, wo ein Blick auf den Tisch genügt, um uns zu verraten, mit wem man es zu tun hat. Wenn gerade Besuch da ist, oder wenn man auf Leute trifft, die sich langweilen, die dir einen Stuhl anbieten, und dir alles erzählen, was in dem Hause und der Nachbarschaft sich in den letzten Jahren ereignet hat, von dem groben Hauswirt angefangen, der nie eine Reparatur machen lassen will, und seine Mieter kaum beachtet und grüßt, aus Furcht sie könnten was von ihm verlangen, bis zum Photographen, oder dem leichtsinnigen Maler, der sein Atelier über aller Köpfe aufgeschlagen hat.

Du erfährst, wer nebenan wohnt, und welchen Spektakel die Leute über der Wohnung machen, und was der Portier je gesagt und getan, oder unterlassen hat.

Vor allem ist es amüsant in einer fremden Stadt. Wenn man da zehn, zwölf Wohnungen besichtigt hat, kennt man die Einwohner und ihre Art zu leben besser, als man sie je auf der Straße, im Café, Theater und Konzert oder gar in Gesellschaft kennen lernen kann. In ihrem Heim, von einem ganz Fremden überrascht, führen sie keine nutzlose Komödie auf. Da geben sich die Menschen notgedrungen, wie sie wirklich sind.

Diese Wohnungsbesichtigungen sind eine Fundgrube für den Erforscher menschlicher Schwächen.

Aber Spaß macht das nur, wenn man objektiv daran gehen kann. Wehe, wenn man wirklich eine Wohnung suchen muß.

Mir ist das von jeher schrecklich gewesen. Alles, nur nicht dazu gezwungen zu sein.

Allein, was helfen alle guten Absichten. Ewig kann man nicht in demselben Hause bleiben; und wir waren entschlossen zu ziehen, in der leisen Hoffnung, was Besseres zu finden.

Und so ging ich denn schweren Herzens und beklommenen Gemütes endlich auf die immer wieder aufgeschobene Wohnungssuche und kam dabei in der Yorkstraße in ein gut gehaltenes Haus, wo »Umständehalber sofort« die erste Etage von sieben Zimmern zu vermieten war.

Zu erfragen beim Wirt, dritte Etage links.

Zu dem ging ich denn auch, und er führte mich hinunter in die Wohnung, die zu haben war.

Es war ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart und spärlichem Haar, sehr gutmütig aussehend, wie mir schien sogar ein wenig verlegen, was Hauswirte gemeinhin nicht zu sein pflegen. Und diese Verlegenheit wuchs, als er mir unter der Entschuldigung, daß der Portier gerade nicht da sei, die Tür aufschloß und mich in die Wohnung einließ.

Zu meinem Erstaunen war sie völlig neu möbliert. Aber so neu alles war, so unbenutzt war auch alles. Eine peinliche Ordnung herrschte, jedes stand genau an seinem Platze wie in einer Möbelausstellung. Nur an einzelnen Stellen war einmal eine Lücke, als ob dort früher ein Gebrauchsgegenstand gestanden habe, den man plötzlich aus der Einheitlichkeit wieder entfernt habe.

Der Mann, der oben in seinen altmodischen Sachen ganz gesprächig gewesen war, wurde hier immer einsilbiger.

Wir hatten das Eßzimmer durchschritten, auf dessen Büfett eine Menge Glas und Silber unbenutzt und schon verstaubt stand, und waren grade im Schlafzimmer, als ich endlich nicht mehr an mich halten konnte, und fragte:

– Wieso ist diese Wohnung zu vermieten, die doch, wie mir scheint, ganz neu eingerichtet ist? Hat denn hier schon jemand gewohnt?

– Nein! sagte er, gewohnt hat noch niemand hier, und die ganze Einrichtung ist mit zu verkaufen, wenn sich ein Reflektant dafür finden sollte.

Er stand am Fußende des einen Bettes und hatte die Hand auf den großen, gelben Messingknauf gelegt, während er das sagte.

Ich sah ihn mir genau an, während er die Augen auf die beiden nebeneinander stehenden Betten richtete und eine feine Röte in seinem Gesicht aufstieg.

– Wem gehört die Wohnung denn? ...

– Mir! –

– Ja, ich weiß! ... Ich meinte aber, wer hier gewohnt hat, oder vielmehr wohnen wollte.

Einen Augenblick zögerte er, dann sagte er:

– Ich selbst.

– Sie? ...

– Ja.

Es herrschte wieder jene tiefe Stille, die sich immer weiter auszudehnen schien, als er rasch sagte:

– Ja! ... ich hatte mir die Wohnung eingerichtet, und vor vier Wochen wollte ich einziehen, weil ich mich verheiratete.

Ich sah nach seinem Arm, und dann über seinen Anzug und seinen Schlips, aber nichts deutete auf irgendwelche Trauer.

– Sie haben geheiratet, sagen Sie?

– Ja, ich habe geheiratet; aber in diese Wohnung bin ich nicht eingezogen. Ich habe mein altes Junggesellenleben wieder angefangen.

– Sie haben Ihre Frau verloren? ...

– Ja, verloren habe ich sie schon, aber nicht, wie Sie meinen. Sie lebt; aber ich habe sie verloren.

– Oh! ..., sagte ich bedauernd.

– Nein, nein! Sie brauchen mich nicht zu bemitleiden. Ich bin heute zum ersten Male wieder in der Wohnung, habe noch keinen Fuß seitdem hineingesetzt, und da packt es einen doch mehr als man glaubt. Ich habe sie verloren für immer, noch ehe sie meine Frau geworden ist.

Natürlich ist so was traurig und schmerzlich, und schwer zu ertragen; aber schließlich ist es besser, daß man alles gleich richtig erkannt hat, ehe es zu spät ist. Sehen Sie, ich bin ganz wohlhabend. Das Nebenhaus gehört mir auch; und ich hätte schon zwanzigmal heiraten können, aber ich habe es nie getan, habe nie den rechten Mut dazu gehabt. Sie gefielen mir auch alle nicht recht, oder ich merkte gleich, daß es sich nur um mein Geld handelte, und da bin ich immer sehr mißtrauisch gewesen. Aber schließlich hat es mich doch gepackt. Ich hatte sie zufällig kennen gelernt, als ich bei einem Mieter mir mal eine notwendige Reparatur angesehen habe. Sie war die Freundin der Frau, und stand die ganze Zeit dabei, während ich mir die Decke und die Tapete des Zimmers ansah. Das heißt, ich habe immer nur sie angesehen; und erst als ich wieder draußen im Treppenflur war, wußte ich, daß ich dem Mann alles versprochen hatte, was er gemacht haben wollte. Na, das schadete ja das eine Mal nicht weiter.

Dann habe ich sie bei andern Bekannten wieder getroffen, und das schien mir wie ein Wink des Himmels; von da an bin ich ihr öfter begegnet, und sie schien sich zu freuen, wenn sie mich sah. Sie wohnte bei einer Tante, war erst ein halbes Jahr in Berlin, und die Eltern, die ein kleines Gut in der Neumark hatten, wollten sie gern los sein, weil sie sich für die Landwirtschaft gar nicht eignete.

Dazu hielt sie sich in Berlin auf, irgend ein Unterkommen zu finden. Kurz, die Tante sollte versuchen, sie zu verheiraten. Wenn das auch nicht mit dürren Worten gesagt wurde, so handelte es sich doch darum einzig und allein. Also vorgemacht haben sie mir nichts, alle beide nicht.

Sie war nicht mehr ganz jung, so Mitte der Zwanzig, und sehr stattlich, kräftig und robust. Keine blasse, dürre Großstadtpflanze, wie ich sie auch gar nicht mag.

Na, und so kam es denn, daß ich sie näher kennen lernte und mich eines Tages mit ihr verlobte. Aber nun geschah das Merkwürdige, daß sie sich nicht mehr so ungeniert gab wie früher. Sie entzog sich jeder Zärtlichkeit, auf die ich doch Anspruch machen konnte. Sie vermied ängstlich ein Alleinsein mit mir. Aber ich dachte mir, das würde schon vorübergehen, wenn wir nur erst verheiratet sein würden. Sie schien nur noch Interesse für die Ausstattung und die Wohnungseinrichtung zu haben. Sie selber brachte nur ein bißchen Wäsche mit. Die Eltern konnten ihr eben keine Aussteuer geben, ihr Besitztum war zu überlastet. Allein was verschlug mir das. Ich hatte ja genug für alle, und sie konnte sich aussuchen nach Herzenslust was sie wollte, die schönsten Sachen. Sie sehen ja, daß ich nicht geknappst habe, es fehlt nichts. Und jedesmal, wenn ich ihr einen Wunsch erfüllt hatte, war sie netter zu mir und zutraulicher als gewöhnlich, so daß ich wieder Hoffnung schöpfte, daß sie mich lieb habe.

Dann kam die Hochzeit, und ihre Eltern kamen. Das waren keine angenehmen Menschen. Der Vater ein Schwadroneur und Trinker, der sofort mit jedem Menschen Streit anfing; die Mutter ein unansehnliches Geschöpf, von der meine Braut nichts hatte als die blauen Augen, die so seltsam verträumt in das Leere blicken konnten. Und dann war endlich die Trauung und hinterher ein Essen, das sehr gut war. Ich war so glücklich, und aß und trank; aber sie aß fast gar nichts, aber tat dafür allen Bescheid, auch mir, jedesmal wenn ich das Glas nahm. Und alles schien mir im rosigsten Lichte, und die Kellner gossen beständig ein, denn es sollte mir nicht darauf ankommen vor all ihren Verwandten und meinen guten Bekannten, die mich um diese hübsche Frau beneideten, und es gab Sekt, soviel sie alle nur trinken wollten.

Als wir von Tisch aufstanden, hatten wir, glaube ich, alle einen kleinen Schwips; aber es wurde weiter getrunken, immer nur Sekt, und meine Frau stieß mit allen an, und leerte jedesmal ihr Glas, und dann mit einem Male kam es, – da war sie betrunken.

Lieber Herr! glauben Sie mir, ich habe schon oft Leute gesehen, die sich betrunken haben. Ich bin auch nicht immer ganz nüchtern gewesen, ich weiß also was das heißt. Aber so etwas habe ich noch nicht gesehen.

Ob sie sich hatte betäuben wollen; ob sie einen andern liebte? ... ich weiß es nicht! Ich weiß nur, sie war betrunken wie – nun, an jenem Abend habe ich das wohl hundertmal allen gesagt und wiederholt, meinen Freunden, ihren Verwandten, der Mutter, dem Vater, der sich längst nicht mehr auf den Beinen halten konnte, allen habe ich es wieder und wieder gesagt: sie war betrunken wie ein Schwein.

Ja, wie ein Schwein! ...

Und dann kam das Elend.

Oh wie sah sie aus in ihrem vorher so schneeweißen Kleide! .. Und mit dem Brautschleier wischte sie sich immer den Mund, und fuhr über das Kleid, und hatte das heulende Elend, und lachte und schlug nach mir, und sagte mir Dinge: daß sie mich nicht ausstehen könne! widerwärtig sei ich ihr! und nur mein Geld war es gewesen, und ich sei ihr ein Greuel! ...

Und dann, lieber Herr, habe ich sie ihren Eltern gelassen und bin davongelaufen, an dieser Wohnung vorbei, hinauf in meine alte Junggesellenwohnung!

Und ich habe sie nicht wiedergesehen, – was ihre Eltern auch angestellt haben, was sie mir auch geschrieben haben. Ich hatte genug.

Nein, das konnte ich nicht! ..

Und so hat noch niemand in dieser Wohnung gewohnt. Die paar alten Sachen von mir, die schon hier unten waren, habe ich mir wieder hinaufgenommen.

Am liebsten würde ich fort aus dem Hause, aber das geht nicht. Und dann wissen es ja auch alle Leute; und jeder an dem Abend hat es gesehen, wie sie aussah, und schrie, und lachte und tobte, und nach mir schlug. Und jeder wird es Ihnen bestätigen können, daß ich nicht zuviel sage: sie hatte sich besoffen – besoffen wie ein Schwein! ....

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