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Lockruf des Goldes

Jack London: Lockruf des Goldes - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleLockruf des Goldes
publisherBüchergilde Gutenberg
year1937
translatorErwin Magnus
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150616
projectidc1d64fcc
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Statt am Montag in die Stadt zurückzukehren, mietete Daylight wieder das Pferd des Schlächters und ritt durch das Tal nach den Bergen im Osten, um sich die Mine anzusehen. Hier war es trockener und felsiger als dort, wo er am Tage zuvor gewesen, und auf den Hängen wuchs hauptsächlich Dornengestrüpp – niedrig, dicht und für einen Reiter undurchdringlich. Aber die Canjons waren wasserreich und üppig bewaldet. Die Mine war verlassen, doch das Herumklettern machte ihm Freude. Ehe er nach Alaska gegangen war, hatte er ziemlich viel mit Quarzminen zu tun gehabt, und das Wiedererwachen der früheren Kenntnisse freute ihn. Die Geschichte war einfach: Gute Aussichten hatten den Anlaß gegeben, den Tunnel in den Hügel zu graben; nach drei Monaten war das Geld auf die Neige gegangen, die Arbeit war eingestellt worden, und die Männer hatten sich neue Beschäftigung gesucht; dann waren sie wiedergekommen und hatten wieder eine Weile gearbeitet. Das Gold lockte und zog sich doch immer weiter in den Berg zurück, bis sie schließlich, nach Jahren, die Hoffnung aufgegeben hatten und enttäuscht fortgezogen waren. Jetzt mochten sie wohl tot sein, dachte Daylight, als er sich im Sattel umdrehte und über den Canjon nach dem alten Schuttplatz und der dunklen Mündung des Tunnels zurückblickte. Wie am vorigen Tage folgte er rein zum Vergnügen auf gut Glück den Viehsteigen und arbeitete sich ein gutes Stück zum Gipfel hinauf. Dann gelangte er auf einen aufwärtsführenden Fahrweg, dem er mehrere Meilen folgte, bis er zu einem kleinen, von Bergen eingerahmten Tal kam, an dessen steilen Hängen ein halbes Dutzend kleine Farmer Weintrauben zogen. Jenseits des Tales stieg der Weg steil an. Dichter Chaparral bedeckte die sonnigen Hänge, in den Schrunden aber wuchsen riesige Tannen, wilder Hafer und Blumen.

Und weiter kam er durch das Gestrüpp, folgte den halbverwachsenen Pfaden und arbeitete sich langsam hinauf bis zur Wasserscheide. Dort sah er unter sich das Napa-Tal und, wenn er zurückblickte, die Sonoma-Berge.

»Ein schönes Land,« murmelte er, »ein mächtig schönes Land.«

Dann wandte er sich rechts und ritt auf einem andern Wege nach dem Sonoma-Tal; aber die Pfade schienen ganz zu verschwinden, das Gestrüpp wurde immer dichter, und als er schließlich durchgedrungen war, versperrte ihm der Canjon mit seinen kleinen Nebenflüssen den Weg, so daß er wieder umkehren mußte. Aber er machte sich nichts daraus. Er freute sich, denn es war der alte Kampf mit der Natur, den er so liebte. Spät am Nachmittag fand er endlich einen Weg, der über einen trockenen Canjon führte. Und hier erwartete ihn wieder eine angenehme Überraschung. Vor einigen Minuten hatte er einen Hund bellen hören, und plötzlich sah er einen Rehbock über den nackten Berg hoch über seinem Haupte flüchten. Und nicht weit dahinter kam der Jagdhund, ein prächtiges Tier. Daylight saß gespannt im Sattel und blickte den Tieren nach, bis sie verschwanden; sein Atem ging schneller, als wäre er selbst mit bei der Jagd. Die Sehnsucht erwachte in ihm und die Erinnerung an die Tage, ehe er in die Stadt gezogen war.

Der trockene Canjon machte bald einem andern schmalen Bande rieselnden Wassers Platz. Der Weg lief in einen Waldsteig aus, und dieser führte über eine kleine Ebene zu einem nur wenig benutzten Landweg. In unmittelbarer Nähe gab es weder Höfe noch Häuser. Der Boden war mager, das Gestein lag dicht darunter oder trat direkt zutage. Zu beiden Seiten war der Weg jedoch von Manzanitas und niedrigen Eichen eingerahmt, die so dicht wie Dschungelgestrüpp «landen. Und aus diesem Gestrüpp hervor huschte plötzlich ein Mann in einer Weise, die Daylight an ein Kaninchen erinnerte.

Es war ein kleiner Mann in geflickten Überzugskleidern, barhäuptig und mit einem Baumwollhemd, das Hals und Brust völlig frei ließ. Die Sonne verlieh seinem Gesicht einen rotbraunen Glanz und den Spitzen seines sandgelben Haares einen Silberschimmer. Er winkte Daylight, daß er anhalten sollte, und reichte ihm einen Brief hinauf.

»Wollen Sie zur Stadt, dann wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir diesen Brief besorgen wollten«, sagte er.

»Gerne.« Daylight steckte ihn in seine Rocktasche. »Wohnen Sie hier in der Gegend?«

Aber der Kleine antwortete nicht. Er starrte Daylight überrascht und anhaltend an.

»Ich kenne Sie«, sagte der Kleine schließlich. »Sie sind Elam Harnish – Burning Daylight, wie die Zeitungen Sie nennen. Hab' ich recht?«

Daylight nickte.

»Aber was in aller Welt tun Sie hier im Chaparral?«

Daylight antwortete lächelnd: »Suche Kunden für eine unentgeltliche Landpostverbindung.«

»Ja, ich freue mich, daß ich den Brief heute nachmittag geschrieben habe,« fuhr der Kleine fort, »sonst hätte ich Sie ja nicht zu sehen gekriegt. Ich sah Ihr Bild oft in den Zeitungen, und ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter. Ich hab' Sie sofort erkannt. Mein Name ist Ferguson.«

»Wohnen Sie hier in der Gegend?« fragte Daylight nun seinerseits.

»Jawohl. Ein bißchen weiter drinnen im Gebüsch hab' ich eine kleine Hütte, eine hübsche Quelle und ein paar Obstbäume und Beerensträucher. Kommen Sie und sehen Sie sich's an. Die Quelle ist prachtvoll. Solches Wasser haben Sie noch nicht geschmeckt. Versuchen Sie es!«

Daylight stieg ab, folgte, sein Pferd am Zügel führend, dem schnell ausschreitenden kleinen Mann durch den grünen Tunnel und stand plötzlich auf der Lichtung. Es war ein kleiner Winkel in den Bergen, im Schutze der steilen Wände einer Canjonmündung. Mehrere große Eichen zeugten von reicherem Boden. Die Zeiten hatten den Hügel ausgewaschen und allmählich diese Ablagerung fetter Erde gebildet. Fast unter den Eichen begraben stand eine roh gezimmerte, ungestrichene Hütte, deren breite, mit Stühlen und Hängematten versehene Veranda zeigte, daß die Bewohner im Freien schliefen. Daylights scharfem Blick entging nicht die geringste Einzelheit. Die Lichtung war unregelmäßig, sie reichte so weit wie der beste Boden, und jeder Obstbaum, jeder Busch, ja jede Gemüsepflanze hatte ihre eigene Wasserzuführung. Überall waren kleine Rieselkanäle.

Ferguson suchte eifrig im Gesicht seines Gastes nach Zeichen der Anerkennung.

»Was meinen Sie dazu, wie?«

»Jeder einzelne Baum mit der Nagelschere gestutzt und manikürt«, lachte Daylight, aber die Freude und das Vergnügen in seinen Augen befriedigten den Kleinen.

»Ja, wissen Sie, ich kenne jeden einzelnen Baum, als wäre er mein eigen Kind. Ich habe sie gepflanzt, aufgepäppelt und großgezogen, jetzt sollen Sie aber die Quelle sehen.«

»Großartig«, lautete Daylights Urteil, als sie die Quelle gründlich besichtigt und gekostet hatten und nun zum Hause zurückkehrten.

Als sie eintraten, war Daylight überrascht. Gekocht wurde in der angebauten kleinen Hütte, und das Haus selbst war ein einziger großer Wohnraum. Ein großer Tisch in der Mitte war mit Büchern und Zeitschriften übersät, jeder verfügbare Raum an den Wänden vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen verstellt. Es schien Daylight, daß er noch nie so viele Bücher auf einmal gesehen hätte. Felle von Wildkatzen, Waschbären und Hirschen lagen auf den Dielen des Fußbodens.

»Selbst geschossen und gegerbt«, erklärte Ferguson stolz.

Das Hauptmerkmal der Stube war jedoch der mächtige Kamin aus größeren und kleineren unbehauenen Feldsteinen.

»Selbst gebaut,« erklärte Ferguson, »und, weiß Gott, der zieht. Nicht der geringste Rauch außer im Schornstein, und das bei den schweren Südoststürmen!«

Daylight fühlte sich von dem Kleinen angezogen und war neugierig. Warum versteckte er sich mit all seinen Büchern hier im Chaparral? Er war durchaus kein Narr, das konnte jeder sehen. Aber warum? Die ganze Geschichte sah nach einem Abenteuer aus, und Daylight nahm die Einladung zum Abendbrot an, halbwegs darauf vorbereitet, in seinem Wirt einen Rohe-Früchte- und Nüsse-Fresser oder sonst einen Gesundheitsapostel zu finden. Bei Tisch, während sie Kaninchenfrikassee mit Reis und Curry aßen, fand Daylight, daß der Kleine in dieser Beziehung kein Fanatiker war. Er aß, was ihm schmeckte, und soviel er mochte, und mied nur solche Speisen, die ihm, wie er aus Erfahrung wußte, unzuträglich waren.

Als sie die Teller abgewaschen und es sich dann gemütlich gemacht hatten, fand Daylight Gelegenheit, ihn zu fragen:

»Hören Sie, Ferguson. Seit wir uns getroffen, habe ich darüber nachgedacht, was für eine Schraube bei Ihnen los ist, aber ich will gehenkt werden, wenn ich es rausgekriegt habe. Was treiben Sie eigentlich hier? Womit haben Sie sich Ihr Brot verdient, bevor Sie herkamen?«

Ferguson amüsierte sich ganz offen über die Fragen des andern.

»Erstens«, begann er, »war ich von den Ärzten aufgegeben, obgleich ich alle möglichen Sanatorien besucht und eine Reise nach Europa und eine nach Hawai gemacht hatte. Sie versuchten Elektrizität, Mast- und Hungerkuren. Sie ruinierten mich mit ihren Rechnungen, und dabei ging es mir immer schlechter. Ich war ein Schwächling, und dann lebte ich unnatürlich – zuviel Arbeit, Verantwortung und Mühe. Ich war Hauptschriftleiter der ›Times-Tribune‹ –«

Daylight schnappte nach Luft, denn die »Times-Tribune« war von jeher die größte und einflußreichste Zeitung San Franziskus.

»– und der Anstrengung nicht gewachsen. Mein Körper lehnte sich auf, und mein Geist natürlich auch. Ich mußte mit Whisky nachhelfen, und das vertrug ich ebensowenig wie das Leben in den Klubs und Hotels.«

Er zuckte die Achseln und paffte seine Pfeife.

»Als die Ärzte mich aufgaben, ordnete ich meine Angelegenheiten und gab meinerseits die Ärzte auf. Das ist jetzt fünfzehn Jahre her. Als junger Mann habe ich in den Universitätsferien hier gejagt, und als ich nun so herunter war, bekam ich Sehnsucht nach dem Landleben. Da ließ ich alles stehen und liegen und baute mich hier im Mondtal an – das ist der indianische Name für das Sonoma-Tal, wissen Sie. Im ersten Jahre lebte ich in dem kleinen Anbau; dann errichtete ich die Blockhütte und ließ mir meine Bücher kommen. Ich habe früher nicht gewußt, was Glück und Gesundheit ist. Und nun schauen Sie mich an! Wagen Sie zu behaupten, daß ich nach siebenundvierzig Jahren aussehe?«

»Ich würde Sie höchstens für vierzig halten«, gestand Daylight.

»Aber als ich herkam, sah ich fast wie ein Sechzigjähriger aus, und das war vor fünfzehn Jahren.«

Sie sprachen weiter, und Daylight lernte die Welt von ganz neuen Gesichtspunkten betrachten. Der Mann hier war weder bitter noch zynisch, er verlachte die Städter und nannte sie Narrenhäusler; er strebte nicht nach Geld, und seine Herrschsucht war längst erstorben.

»Aber was machen Sie denn jetzt?« fragte Daylight. »Sie müssen doch Geld haben, um Kleidung und Zeitschriften zu kaufen?«

»Ich arbeite eine Woche oder einen Monat, wie es sich gerade trifft, pflüge im Winter, pflücke Trauben im Herbst, und im Sommer gibt es immer irgendwelche Arbeit bei den Ansiedlern. Meine Bedürfnisse sind nicht groß, viel brauche ich also nicht zu arbeiten. Die meiste Zeit vertreibe ich mir mit Nichtstun. Ich könnte gelegentlich für Zeitschriften und Zeitungen schreiben, aber ich ziehe vor, zu pflügen und Trauben zu pflücken. Sie brauchen mich nur anzusehen, um zu wissen, warum. Ich bin hart wie Stein. Und ich liebe die Arbeit. Aber ich sage Ihnen, man muß sich daran gewöhnen. Es ist etwas Großes, wenn man gelernt hat, den ganzen lieben Tag Trauben zu pflücken und dann abends mit einem glücklichen Gefühl von Müdigkeit heimzukehren, anstatt immer vor einem körperlichen Zusammenbruch zu stehen. Dieser Kamin – diese großen Steine –, ich war damals ein schwächlicher, kleiner Kerl, bleichsüchtig und vom Alkohol degeneriert, ein Hasenfuß, mit nicht mehr als einem Prozent Ausdauer, und einige von diesen großen Steinen zerbrachen mir fast das Rückgrat. Aber ich hielt durch und gebrauchte meinen Körper, wie die Natur es bestimmt hat – nicht über dem Schreibtisch liegend oder Whisky saufend ... und, na ja, hier bin ich, ein anderer Mensch als zuvor, und da ist mein Kamin, schön und gut, nicht wahr?

Und nun erzählen Sie mir von Klondike, und wie Sie es fertiggebracht haben, bei Ihrem letzten Kampf ganz Franzisko auf den Kopf zu stellen. Sie sind ein tüchtiger Streiter, wissen Sie, und Sie setzen meine Phantasie in Bewegung, wenn ich mir auch bei näherem Nachdenken sage, daß Sie ebenso ein Narr wie die anderen sind. Herrschsucht! Das ist eine furchtbare Krankheit. Warum sind Sie nicht in Ihrem Klondike geblieben? Und warum reißen Sie sich nicht los und leben ein natürliches Leben wie ich zum Beispiel? Sie sehen, ich kann auch Fragen stellen. Nun sprechen Sie und lassen Sie mich eine Weile zuhören.«

Erst um zehn Uhr verließ Daylight Ferguson. Als er im Sternenlicht fortritt, kam ihm plötzlich in den Sinn, das Gehöft auf der anderen Seite des Tales zu kaufen. Er dachte nicht daran, sich je dort niederlassen zu wollen. Sein Spiel hielt ihn in San Franzisko. Aber das Gehöft gefiel ihm, und sobald er wieder in sein Bureau zurückgekehrt war, wollte er mit dem Besitzer Verhandlungen anknüpfen. Übrigens gehörte die Lehmgrube dazu, und das gab ihm dann die Oberhand über Holdsworthy, wenn er sich einmal mausig machen wollte.

 

Daylight spielte weiter; aber sein Spiel war in eine neue Phase getreten. Die Triebfeder war jetzt die Rache. Hinter viele Namen in San Franzisko setzte er ein schwarzes Kreuz, das dann gelegentlich durch einen blitzschnellen Angriff ausgelöscht wurde. Er bat nie um Pardon, gab aber auch keinen. Alle Welt fürchtete und haßte ihn, außer seinem Rechtsanwalt Larry Hegan, der sein Leben für ihn gegeben hätte.

Aber auch San Franzisko nahm Daylight gegenüber jetzt eine andere Haltung ein. Er hatte die Leute schon gelehrt, daß es am besten war, den schlafenden Löwen nicht zu wecken. Viele versuchten sich bei ihm einzuschmeicheln, seine Freundschaft zu gewinnen. Selbst die Zeitungen – mit Ausnahme einiger, die versucht hatten, Geld von ihm zu erpressen – hörten auf, ihn zu beschimpfen, und behandelten ihn fast mit Ehrerbietung. Kurz, mau betrachtete ihn als einen gefährlichen Grislybären aus der nordischen Wildnis, dem man am besten aus dem Wege ging. Nach seiner Plünderung der Schiffahrtsgesellschaften war die ganze Meute auf ihn losgefahren, aber da hatte er kehrtgemacht und sie in der erbittertsten Schlacht, die San Franzisko je gesehen, zu Boden geschlagen. Der Streik der Seeleute, der die Verwaltung der Stadt den Arbeiterführern in die Hände gespielt hatte, war noch nicht vergessen. Die Vernichtung Charles Klinkners und der California und Altamont Trust Company war eine gute Lehre gewesen.

Dede Mason war noch bei ihm. Er hatte keine weiteren Annäherungsversuche gewagt und weder über Bücher noch Grammatik mit ihr diskutiert. Seine Energie wurde restlos von den endlosen Kämpfen verbraucht, aber trotzdem kannte er jedes Lichtspiel in ihrem Haar, jede ihrer schnellen, sicheren Bewegungen und jede Linie ihrer Gestalt. Mehrmals hatte er ihr in etwa halbjährlichen Zwischenräumen Gehaltszulage gegeben, so daß sie jetzt neunzig Dollar monatlich hatte. Höher wagte er nicht zu gehen, tat aber sein möglichstes, ihr die Arbeit zu erleichtern. So behielt er, als sie aus den Ferien zurückkehrte, ihre Stellvertreterin als Mitarbeiterin. Dann mietete er ein neues Kontor, in dem jedes der beiden jungen Mädchen einen Raum für sich hatte.

Sein Blick hatte sich für alles geschärft, was mit Dede Mason zusammenhing. Längst hatte er ihre stolze Haltung bemerkt. Er verglich sie mit der Assistentin, mit den Stenotypistinnen in andern Geschäften und den Frauen, denen er auf der Straße begegnete. »Sie weiß, was sie wert ist«, sagte er bei sich; »und sie versteht sich zu kleiden und ihre Kleider zu tragen, ohne dabei eingebildet zu sein.« Aber das alles hatte zur Folge, daß sie ihm immer unnahbarer wurde.

So lebte er denn ausschließlich für sein Geschäft, aber die sitzende Arbeitsweise und das viele Trinken taten ihm nicht gut. Er wurde fett und weichlich, und seine Muskeln wurden schlaff. Und das schlimmste war, daß er jeden Glauben an die Menschheit verlor. Hin und wieder berichteten die Zeitungen von seinen Streichen, bei denen unter dem Einfluß des Alkohols etwas von dem alten Burning Daylight zum Durchbruch kam. Dann konnte er in seinem großen roten Auto meilenweit die Umgegend durchjagen mit einer Geschwindigkeit, die ihm manche Strafe eintrug. Er zahlte lachend und ließ die Leute über seinen neuen Wahnsinn reden. Eines Sonntags befand er sich spät am Nachmittag jenseits der Bucht in den Piedmont-Bergen, diesmal aber nicht in seinem eigenen Wagen. Er war der Gast Wasserfall-Bills, eines Glücksritters, der nach dem Süden gekommen war, um das siebente Vermögen durchzubringen, das er dem gefrorenen Boden Alaskas entrissen hatte. Er war es gewesen, der das Land mit einem Meer von Champagner – zu fünfzig Dollar die Flasche – überschwemmte; der den Eiermarkt bis hundertzehn das Dutzend in die Höhe getrieben hatte, nur um seine Liebste zu ärgern, die ihm den Laufpaß gegeben; der einen Extrazug genommen und jeden Rekord zwischen San Franzisko und New York geschlagen hatte. Nun war er wieder hier – »das Glückskind der Hölle«, wie Daylight ihn nannte – und im Begriff, sein letztes Vermögen zum Fenster hinauszuwerfen.

Es war eine lustige Gesellschaft. Sie hatten sich gut amüsiert und waren jetzt von San Franzisko um die Bucht herum über San José nach Oakland unterwegs. Dreimal waren sie wegen zu schnellen Fahrens angehalten worden, das drittemal waren sie jedoch ihrem Plagegeist entwischt. Da sie fürchteten, daß er telephonischen Bescheid gegeben hätte, sie anzuhalten, waren sie hinten um die Berge herumgefahren und sausten nun auf Oakland zu.

In voller Fahrt schwangen sie um eine Wegbiegung und sahen vor sich einen abgeschlossenen Seitenweg. Jenseits des Gatters hielt auf einem kastanienbraunen Pferd eine junge Dame, die sich gerade niederbeugte, um das Gattertor zu schließen. Schon auf den ersten Blick kam sie Daylight sehr bekannt vor. Im nächsten Augenblick richtete sie sich mit einer Bewegung, die nicht zu verkennen war, im Sattel auf und ritt fort. Es war Dede Mason – er erinnerte sich, von Morrison gehört zu haben, daß sie sich ein Reitpferd hielt, und freute sich, daß sie ihn nicht in der lauten Gesellschaft bemerkt hatte. Wasserfall-Bill stand auf, klammerte sich mit einer Hand an die Rückseite des Vordersitzes und winkte mit der andern, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er spitzte die Lippen, um den durchdringenden Pfiff auszustoßen, für den er in alten Tagen berühmt gewesen war, als Daylight ihm das Knie auf die Schulter setzte und ihn auf seinen Sitz zurückdrängte.

»Du k–k–kennst die Dame?« sprudelte Wasserfall-Bill hervor.

»Jawohl,« antwortete Daylight, »und darum sollst du den Mund halten.«

»Schön. Ich gratuliere dir zu deinem guten Geschmack, Daylight. Sie ist einfach Puppe, und reiten kann sie auch!«

Jetzt kamen einige Bäume dazwischen, so daß sie nicht mehr zu sehen war, und Wasserfall-Bill stürzte sich in das Problem, wie sie den lauernden Schutzleuten entwischen sollten, während Daylight sich im Wagen zurücklehnte, nachdem er noch gesehen hatte, wie Dede Mason den Landweg hinuntergaloppierte. Sie ritt im Herrensitz und saß ausgezeichnet zu Pferde. Bravo, Dede! Daß sie den Mut hatte, auf die einzige natürliche Art zu reiten, sprach auch wieder für sie. Sie hatte den Kopf auf dem rechten Fleck, das war sicher. Als sie am Montag zum Diktat hereinkam, betrachtete er sie mit erneutem Interesse, wenn er sich auch nichts merken ließ. Aber der nächste Sonntag fand ihn selbst zu Pferde jenseits der Bucht zwischen den Piedmont-Bergen. Er ritt den ganzen Tag umher, sah aber nicht einen Schimmer von Dede Mason, obwohl er schließlich auf dem Seitenwege mit den zahlreichen Gattern nach Berkeley ritt, wo sie nach Morrisons Erzählung angeblich wohnte.

Es war ein verlorener Tag, denn Dede Mason hatte er nicht getroffen; und doch nicht ganz verloren, denn Daylight hatte die frische Luft und den Ausflug so genossen, daß er am nächsten Tage dem Pferdehändler den Auftrag gab, ihm das beste kastanienbraune Pferd zu verschaffen. Im Laufe der Woche besah er eine ganze Herde kastanienbrauner Pferde, probierte verschiedene, war aber nicht zufrieden. Erst am Sonnabend fand er Bob, der ziemlich groß war für ein Reitpferd, aber nicht zu groß für einen so starken Mann wie Daylight.

»Das ist der richtige«, sagte Daylight; aber der Händler war nicht so zuversichtlich. »Er steckt voll von Launen und Einfällen, wenn er auch nicht eigentlich boshaft ist. Er kann Ihnen gelegentlich den Hals brechen, aus reinem Vergnügen, verstehen Sie, ohne sich was dabei zu denken. Ich selbst möchte ihn nicht reiten. Aber er ist ein Prachttier! Nicht der geringste Fehler! Er hat nie harte Arbeit geleistet. Es ist aber noch niemand mit ihm fertig geworden. Er ist aus den Bergen und von früh auf schlechte Wege gewohnt. Er ist so sicher auf den Beinen wie eine Ziege, solange er sich nicht auf die Hinterhand setzt. Er schlägt nicht aus, steigt nur. Man muß ihn mit Sprungriemen reiten. Es kommt ganz auf seine Laune an. Einen Tag kann man ihn in aller Gemütsruhe mehr als zwanzig Meilen reiten, und am nächsten Tage ist er gar nicht zu regieren. Automobile kennt er so gut, daß er sich neben sie zum Schlafen legen oder Heu aus ihnen fressen würde. Er läßt neunzehn vorüberlaufen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, und über das zwanzigste setzt er vielleicht aus reinem Übermut wie ein durchgegangener Mustang hinweg. Alles in allem: Er ist zu lebhaft und nicht zuverlässig genug. Der jetzige Besitzer hat ihm den Namen Judas Ischariot gegeben und will ihn nicht verkaufen, ohne daß der Käufer alles von ihm weiß. Mehr kann ich Ihnen nicht erzählen – aber schauen Sie sich mal die Mähne und den Schweif an! Haben Sie je so etwas gesehen? Haare, so fein wie die eines kleinen Kindes!«

Der Händler hatte recht. Daylight untersuchte die Mähne und fand sie feiner als die irgendeines Pferdes, das er je gesehen. Auch die Farbe war ungewöhnlich, fast kastanienbraun. Während Daylight seine Finger durch das Haar gleiten ließ, wandte Bob den Kopf und legte ihm scherzend das Maul auf die Schulter.

»Satteln Sie ihn, ich will ihn probieren«, sagte er zum Händler. »Ich möchte wissen, ob er Sporen gewöhnt ist. Aber keinen englischen Sattel. Geben Sie mir einen guten mexikanischen und eine leichte Kandare, weil er zum Steigen neigt.«

Daylight überwachte die Vorbereitungen, legte selbst die Kandare an, stellte die Steigbügelriemen und schnallte den Gurt fest. Zu dem Sprungriemen schüttelte er den Kopf, hörte aber auf den Rat des Händlers und ließ ihn anlegen. Und Bob war außer einer gewissen feurigen Unruhe und ein paar scherzhaften Versuchen, sich auf die Hinterbeine zu stellen, sehr brav. Auch auf dem nun folgenden Ritt betrug er sich sehr manierlich bis auf einige unzulässige Seitensprünge und Tanzschritte. Daylight war entzückt; der Handel wurde abgeschlossen und Bob sofort mit allem Zubehör nach der anderen Seite der Bucht in die Ställe der Oakland-Reitschule geschickt.

Am nächsten Tage, einem Sonntag, war Daylight früh auf und setzte mit der Fähre über. Er hatte Wolf bei sich, seinen alten Leithund, den einzigen von seinem Gespann, den er aus Alaska mitgebracht hatte. Aber wieviel er auch in den Pindmont-Bergen und auf dem Wege mit den vielen Gattern in Berkeley spähte, sah er doch keinen Schimmer von Dede Mason und ihrem kastanienbraunen Pferd. Ihm blieb jedoch nicht viel Zeit für seine Enttäuschung, denn er hatte genug mit seinem eigenen Kastanienbraunen zu tun. Bob versuchte allerhand Neckereien und Widersetzlichkeiten und ermüdete seinen Reiter ebenso wie der Reiter ihn. Daylight mußte seine ganze Kenntnis von Pferden aufwenden, während Bob wiederum alles versuchte, was sein Pferdeverstand hergab. Als er fühlte, daß der Sprungriemen sich gelockert hatte, begann er zu zeigen, was er an Steigen leisten konnte. Nach zehn Minuten vergeblicher Mühe mußte Daylight absteigen und den Sprungriemen anziehen, worauf Bob sich als ein Muster engelhafter Güte erwies. Es glückte ihm, Daylight völlig hinters Licht zu führen. Eine halbe Stunde verging, Daylight ritt, nichts Böses ahnend, im Schritt und drehte sich eine Zigarette, während er mit schlaffen Knien im Sattel saß und die Zügel lose über den Hals des Tieres hängen ließ. Plötzlich wirbelte Bob mit blitzartiger Schnelligkeit herum und drehte sich, die Vorderfüße in der Luft, auf den Hinterbeinen, wie auf einer Achse. Als Daylight zur Besinnung kam, war sein rechter Fuß aus dem Steigbügel, während seine Arme den Hals des Tieres umklammerten; und Bob benutzte die Gelegenheit und rannte den Weg hinunter. Daylights einzige Hoffnung war, daß er in diesem Augenblick nicht Dede Mason begegnete. Dann gelang es ihm, sich wieder zurechtzusetzen und die Herrschaft über das Pferd zu gewinnen.

»Na, Bob,« sagte er zu dem Tiere, während er sich den Schweiß aus den Augen wischte, »ich muß schon gestehen, daß du das verfluchteste, schnellste und halsstarrigste Biest bist, das ich je gesehen habe. Ich glaube, man muß dich die ganze Zeit die Sporen fühlen lassen.«

Doch im selben Augenblick, wo die Sporen ihn berührten, hob Bob den Fuß und gab dem Steigbügel einen gehörigen Tritt. Aus Neugier versuchte Daylight noch mehrere Male die Sporen, und jedesmal traf Bobs Huf den Steigbügel. Da folgte Daylight Bobs Beispiel, jagte ihm ebenso unerwartet beide Sporen in die Seite und versetzte ihm gleichzeitig einen Peitschenhieb von unten.

»Du scheinst noch nie eine ordentliche Tracht Prügel bekommen zu haben«, murmelte er, während Bob, der so rauh aus dem Kreislauf seiner neckischen Gedanken gerissen war, in vollem Galopp dahinschoß.

Ein halb Dutzend Male wurde Bob von Sporen und Peitsche getroffen, und dann fand Daylight Muße, sich an dem prachtvollen Galopp zu erfreuen. Als Bob merkte, daß er nicht mehr bestraft werden sollte, fiel er in einen gleichmäßigen Trab; Wolf, der zurückgeblieben war, holte sie jetzt ein, und alles ging herrlich.

»Ich will dich lehren, so herumzuwirbeln, mein Junge«, sagte Daylight, als Bob es wieder tat.

In vollem Galopp machte er plötzlich Halt und stemmte beide Vorderfüße gegen den Boden. Daylight umklammerte mit den Armen den Hals des Tieres. Im selben Augenblick erhob Bob sich auf den Hinterbeinen und wirbelte herum. Nur ein ausgezeichneter Reiter konnte sich obenhalten, und Daylight war nahe daran, abgeworfen zu werden. Als er sich wieder zurechtgesetzt hatte, jagte Bob in voller Karriere denselben Weg, den sie gekommen waren, zurück, so daß Wolf seitwärts durch die Büsche springen mußte.

»Schön, Freundchen!« grunzte Daylight, indem er immer wieder Sporen und Peitsche gebrauchte. »Du willst rückwärts gehen, und das sollst du, bis du die Lust dazu verlierst.«

Als Bob nach einiger Zeit versuchte, die wahnsinnige Fahrt etwas zu verringern, wurden Peitsche und Sporen wieder mit unverminderter Kraft gebraucht und er dadurch zu neuer Anstrengung angestachelt. Und als Daylight schließlich meinte, daß das Pferd genug bekommen hätte, wandte er es plötzlich und ließ es in etwas ruhigerem Galopp weiterlaufen. Nach einiger Zeit hielt er an, um zu sehen, ob das Tier außer Atem war. Da wandte Bob den Kopf und rieb ungeduldig mit schelmischem Ausdruck das Maul am Steigbügel seines Reiters, wie um anzudeuten, daß es Zeit wäre, weiterzukommen.

»Na, so was hab' ich doch noch nicht gesehen«, meinte Daylight. »Kein Unwille, kein Ärger, gar nichts – und das nach all den Prügeln! Du bist wirklich ein Prachtkerl, Bob.«

So verging der Tag. Daylight hatte das Tier liebgewonnen und bereute den Kauf nicht. Er verstand, daß Bob weder boshaft noch gemein war, und daß alles nur von dem überschäumenden Lebensmut und seinem für ein Pferd ungewöhnlichen Verstand kam. Zu dem Feuer und der Intelligenz gesellte sich noch eine unbezahlbare Schelmerei. Um ihn zu beherrschen, bedurfte es einer festen Hand, einer gewissen Strenge und eines scharfen Kommandotones.

»Entweder du oder ich, Bob«, sagte Daylight ihm mehr als einmal an diesem Tage.

 

Die ganze Woche dachte Daylight fast ebensoviel an Bob wie an Dede; und da er gerade nicht von großen Unternehmungen in Anspruch genommen war, dachte er vielleicht mehr an die beiden als an sein geschäftliches Spiel.

Bobs Trick mit dem Herumwirbeln beschäftigte ihn ganz besonders. Wie es ihm abgewöhnen – das war die Frage. Wenn er nun Dede in den Bergen traf und vielleicht gar durch ein glückliches Spiel des Schicksals neben ihr reiten durfte, dann konnten Bobs Angewohnheiten sehr unangenehm und ärgerlich werden. Es war ihm nicht gerade daran gelegen, daß sie ihn sehen sollte, wie er Bobs Hals mit den Armen umklammerte. Andererseits konnte er sie auch nicht stehen lassen, und, Peitsche und Sporen gebrauchend, denselben Weg, den er gekommen, wieder zurückjagen.

Er mußte eine Methode finden, die das blitzartige Herumwirbeln verhinderte. Er mußte das Pferd anhalten, ehe es herum war. Der Zügel allein genügte nicht. Auch die Sporen nicht. Dann blieb nur die Peitsche. Aber wie sollte er es machen? Er war in dieser Woche recht oft nicht bei der Sache, wenn er auf seinem Bureaustuhl saß. Er bildete sich ein, auf dem wundervollen kastanienbraunen Pferde zu sitzen und es an dem unerwarteten Herumwirbeln zu hindern. Ein solcher Augenblick von Geistesabwesenheit erfolgte gegen Ende der Woche mitten in einer Konferenz mit Hegan. Hegan, der ihm einen blendenden neuen Traum unterbreitete, wurde gewahr, daß Daylight gar nicht zuhörte. Dessen Augen waren glanzlos geworden, als sähe er etwas mit seinem inneren Blick. »Ich hab' es!« rief er plötzlich. »Hegan, gratulieren Sie mir. Es ist so einfach wie nur was. Ich brauch' ihm bloß einen tüchtigen Schlag auf die Nase zu geben.« Dann erklärte er dem verblüfften Hegan, um was es sich handelte, und hörte nachher wieder gut zu, obgleich er es nicht lassen konnte, hin und wieder vor Freude und Befriedigung laut zu lachen. Sein Plan war folgender: Bob wirbelte immer rechts herum. Schön. Er wollte die Peitschenschnur doppelt zusammenlegen und im selben Augenblick, wenn Bob zu wirbeln begann, ihm eines über die Nase geben. Das Pferd, das nach der Lektion angesichts der doppelten Peitschenschnur noch einmal wirbeln würde, war noch nicht geboren.

In dieser Woche fühlte Daylight mehr als je, daß er weder soziale noch menschliche Berührungspunkte mit Dede hatte. Er konnte nicht einmal die einfache Frage an sie stellen, ob sie nächsten Sonntag ausreiten wollte. Das war eine Schwierigkeit neuer Art in seinem Verhältnis als Chef zu einem hübschen jungen Mädchen. Er betrachtete sie oft während der Arbeit, und die Frage, die er nicht stellen konnte, brannte ihm auf der Zunge – ob sie nächsten Sonntag reiten würde? Diese sechs Tage zwischen den beiden Sonntagen dachte er sehr viel an sie, und allmählich wurde ihm eines völlig klar: Er wollte sie besitzen. Und so sehr wünschte er dies, daß seine alte Furcht vor den Schürzenbändern ganz schwand. Er, der sein ganzes Leben vor den Weibern geflohen war, wurde nun so tapfer, daß er daran dachte, sie zu verfolgen. Früher oder später mußte er Dede eines Sonntags in den Bergen treffen, und wenn sie dann nicht miteinander bekannt wurden, so war es, weil sie sich nichts aus der Bekanntschaft mit ihm machte.

So fand er unter den Karten in seiner Hand noch eine, die der wahnsinnige Gott ihm ausgeteilt hatte. Wie wichtig diese Karte werden sollte, ließ er sich nicht träumen, aber er kam doch zu der Erkenntnis, daß es eine wirklich gute Karte war. Dann wieder zweifelte er. Vielleicht war es nur ein Trick des Glücks, um Unglück und Verzweiflung über ihn zu bringen. Gesetzt, daß Dede ihn nicht haben wollte, und gesetzt, daß er sich immer mehr und immer heißer in sie verliebte? Seine Furcht vor der Liebe wurde wieder lebendig. Er erinnerte sich aller unglücklichen Liebesgeschichten von Männern und Frauen, die er je gehört hatte.

Alte Erinnerungen schreckten ihn. Wenn es ihn erst richtig packte und Dede Mason ihn dann nicht wollte, dann war es beinahe so schlimm, wie wenn ihm alles, was er hatte, von Dowsett, Letton und Guggenhammer geraubt worden wäre. Würde sein wachsendes Verlangen nach Dede geringer gewesen sein, so hätte seine Angst vielleicht jeden Gedanken an sie erstickt. So, wie es stand, tröstete er sich damit, daß einige Liebesgeschichten auch gut ausgingen. Und er konnte ja nicht wissen, ob das Glück ihm nicht solche Karten gegeben hatte, daß er gewann. Vielleicht war er ein solches Glückskind, das nicht verlieren konnte. Der Sonntag kam, und Bob benahm sich draußen in den Piedmont-Bergen wie ein Engel. Seine Liebenswürdigkeit war zuzeiten etwas unruhig und zappelig, aber sonst war er so fromm wie ein Lamm. Daylight hielt die zusammengelegte Peitschenschnur in der rechten Hand bereit und wartete nur darauf, daß er ein einziges Mal herumwirbeln wollte, aber Bob wollte nicht, sein Benehmen war geradezu aufreizend tadellos. Doch von Dede war nichts zu entdecken. Vergebens ritt er hügelauf und -ab. Am Nachmittag setzte er den steilen Hang hinab und über die Wegscheide nach der andern Bergkette hinüber, und von dort aus ritt er ins Maraga-Tal hinunter. Und gerade, als er den Fuß des Abhangs erreicht hatte, hörte er den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes hinter sich. Wenn das Dede war? Er wandte Bob und begann im Trab zurückzureiten. Wenn es wirklich Dede war, so war er ein Glückspilz; denn die Begegnung hätte nicht unter günstigeren Bedingungen erfolgen können. Sie ritten beide in derselben Richtung, und da sie Galopp ritt, so mußte sie ihn gerade dort einholen, wo der steile Aufstieg sie zwang, im Schritt zu reiten. Sie hatte keine Wahl, als mit ihm zum Gipfel hinaufzureiten, und wenn sie oben waren, zwang der steile Abstieg auf der anderen Seite sie wieder, im Schritt zu reiten.

Der Galopp näherte sich, aber er ritt ruhig weiter, bis er das Pferd hinter sich im Schritt gehen hörte. Da blickte er über die Schulter zurück. Es war Dede. Das Erkennen war schnell und ihrerseits mit Überraschung gepaart. Was war natürlicher, als daß er sein Pferd wandte und wartete, bis sie ihn eingeholt hatte, und daß sie dann nebeneinander den Hang hinaufritten? Er hätte erleichtert seufzen können. Es war geschehen, und so leicht! Sie hatten sich begrüßt, und nun ritten sie Seite an Seite in derselben Richtung, und mehrere Meilen lagen vor ihnen.

Er bemerkte, daß sie sich mehr für das Pferd als für ihn selbst interessierte.

»Oh, was für ein schönes Tier!« rief sie bei Bobs Anblick. Ihre Augen strahlten, und ihr Gesicht leuchtete vor Freude. Er konnte kaum glauben, daß sie dasselbe junge Mädchen war, das bei ihm im Kontor war, das junge Mädchen mit den ruhigen, beherrschten Zügen.

»Ich wußte gar nicht, daß Sie reiten«, war eine ihrer ersten Bemerkungen. »Ich dachte, Sie wären mit Ihren Schnellfahrmaschinen verheiratet.«

»Ich habe gerade angefangen«, antwortete er. »Ich wurde stark, wissen Sie, und mußte mir daher Bewegung machen.«

Sie sandte ihm einen schnellen Seitenblick, der ihn vom Scheitel bis zur Sohle maß und seinen Sitz im Sattel prüfte, und sagte:

»Aber Sie haben doch früher schon geritten?«

Er dachte, daß sie sich auf Pferde und alles, was damit zusammenhing, verstehen müßte, und erwiderte: »Seit vielen Jahren nicht mehr. Aber als Knabe in Oregon habe ich mir eingebildet, ein gewaltiger Reiter zu sein. Ich schlich mich fort vom Lager, um mit dem Vieh hinauszureiten und Mustangs zu dressieren und dergleichen.«

So waren sie, zu seiner großen Erleichterung, mitten in einem Gespräch, das sie beide interessierte.

»Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das erstemal zu Pferde saß«, erzählte sie. »Ich bin auf einer Ranch geboren, wissen Sie, und man konnte mich nicht von den Pferden wegbringen. Die Liebe für sie muß mir angeboren sein. Mit sechs Jahren hatte ich mein erstes eigenes Pony. Mit acht wußte ich, was es heißt, den ganzen Tag mit Vater zusammen auf einem Pferderücken zu verbringen. Ich war noch nicht elf Jahre alt, als er mich schon mit auf die Hirschjagd nahm. Ohne Pferd bin ich verloren. Ich hasse das Leben in den vier Wänden, und ohne Mab wäre ich, glaube ich, längst krank oder tot.«

»Sie lieben das Landleben?« fragte er und sah im selben Augenblick in ihren Augen zum erstenmal einen hellen Schimmer.

»Ebensosehr, wie ich die Stadt verabscheue«, antwortete sie. »Aber eine Frau kann sich auf dem Lande nicht ihr Brot verdienen. So richte ich es mir ein, so gut ich kann – zusammen mit Mab.«

Und dann erzählte sie mehr von ihrem Leben auf der Ranch, bevor ihr Vater starb. Daylight war sehr zufrieden mit sich. Sie waren dabei, miteinander bekannt zu werden. In der halben Stunde, die sie nun zusammen waren, hatte es noch nicht eine Pause in der Unterhaltung gegeben.

»Wir stammen ungefähr aus derselben Gegend«, sagte er. »Ich bin im östlichen Oregon aufgewachsen, und das ist nicht weit von Siskiyou.«

Im nächsten Augenblick hätte er sich die Zunge abbeißen können, denn sie fragte schnell:

»Woher wissen Sie, daß ich aus Siskiyou bin? Ich bin sicher, daß ich es nie erwähnt habe.«

»Ich weiß nicht«, sagte er verlegen. »Irgendwo habe ich es gehört.«

In diesem Augenblick schlich Wolf leicht und lautlos wie ein Schatten heran, ihr Pferd scheute erschrocken, und so kam er verhältnismäßig leicht über die peinliche Situation hinweg, indem er ihr eine Zeitlang von Alaska-Hunden erzählte, bis das Gespräch wieder auf Pferde kam. Und über Pferde unterhielten sie sich während des ganzen Aufstiegs und während des Abstiegs auf der anderen Seite.

Während sie sprach, hörte er ihr aufmerksam zu, folgte aber gleichzeitig seinen eigenen Gedanken und Empfindungen. Es war kühn von ihr, im Herrensitz zu reiten, und im Grunde war er sich doch nicht recht klar darüber, ob es ihm gefiel oder nicht. Seine Vorstellungen von Frauen waren etwas altmodisch; sie stammten aus seinen ersten Tagen in den Grenzgegenden, wo er nie eine Frau anders als im Damensitz hatte reiten sehen. Er war in der Anschauung aufgewachsen, daß Frauen zu Pferde keine Zweifüßler waren. Es hatte etwas Überraschendes für ihn, sie hier wie einen Mann im Sattel zu sehen. Aber gleichzeitig mußte er gestehen, daß der Anblick ihm zusagte.

Noch zweierlei überraschte ihn. Erstens die goldenen Punkte in ihren Augen. Seltsam, daß er sie noch nie bemerkt hatte. Waren sie in der Beleuchtung im Kontor nicht dagewesen, kamen und gingen sie? Nein, es waren Farbenfunken – eine Art zerstreuten, goldenen Lichts. Es war auch eigentlich nicht golden, aber doch eher golden als sonst eine Farbe, die er kannte. Eine Schattierung von Gelb war es bestimmt nicht. Die Gedanken eines Liebenden sind immer bunt, und es ist zweifelhaft, ob sonst irgend jemand auf der Welt Dedes Augen golden genannt haben würde. Aber Daylight befand sich in einer milden, weichen Stimmung, und da es ihm gefiel, sie sich golden zu denken, so waren sie eben golden.

Und so natürlich war sie. Sie hatte so gar nichts Geziertes oder Eingebildetes an sich – mit diesen Ausdrücken unterschied er die Dede zu Pferde von der Dede im Kontor, die er kannte. Aber während er sich darüber freute, daß alles so glatt ging, und daß sie sich soviel zu sagen hatten, hatte er doch ein bedrückendes Gefühl. Er war ein Mann der Tat, und er wünschte sie, Dede Mason, zur Frau; er wünschte, daß sie ihn liebte; und er wünschte, daß dies sofort strahlende Wirklichkeit werden sollte. Er war gewohnt, Entscheidungen schnell zu treffen, gewohnt, Menschen und Dinge nach seinem Willen zu beugen, und fühlte nun, wie die alte Herrschsucht ihn anstachelte. Er wünschte, ihr zu erzählen, daß er sie liebte, daß sie ihn unbedingt heiraten müßte. Und doch widerstand er dem Antrieb. Frauen waren flatterhafte Geschöpfe, und hier war es vielleicht ein Fehler, sich die Macht anzueignen. Er erinnerte sich aller seiner alten Jägerschliche, wie er geduldig gewartet hatte, zum Schuß zu kommen, wenn Leben oder Tod davon abhing. Und wenn auch vielleicht nicht ganz soviel, so bedeutete dieses junge Mädchen doch recht viel für ihn – jetzt mehr denn je, als er neben ihr ritt und sie, so oft er es wagte, ansah, wie sie in ihrem Reitkleide, keck, fast männlich und doch in jeder Linie Weib, zu Pferde saß, lächelte, lachte und sprach, Schimmer des sonnigen Tages und der warmen Glut des Sommerwindes auf den Wangen.

 

Am nächsten Sonntag waren Reiter, Pferd und Hund wieder draußen in den Piedmont-Bergen. Und wieder ritten Daylight und Dede nebeneinander. Aber diesmal hatte sich in die Überraschung, ihn zu treffen, etwas wie Mißtrauen gemischt. Sie ließ Daylight fühlen, daß sie ihm nicht glaubte; er gab vor, in der Nähe von Blair Park einen großen Steinbruch gesehen zu haben, und erklärte ihr unverzüglich, daß er daran dächte, ihn zu kaufen. Die Ziegelei, in die er nun einmal Geld gesteckt, hatte ihn auf die Idee gebracht, und so schlug er vor, sie anzusehen.

Er verbrachte mehrere Stunden in ihrer Gesellschaft, und sie war die ganze Zeit dieselbe wie früher, natürlich, ungekünstelt, munter, lächelnd und lachend, ein guter Kamerad, der mit unverminderter Begeisterung von Pferden sprach und sich mit dem mürrischen Wolf zu befreunden suchte. Sie sprach den Wunsch aus, Bob reiten zu dürfen, in den sie, wie sie erklärte, mehr verliebt sei, als sie es je sonst gewesen. Aber Daylight erhob Einwände. Bob hätte die gefährlichsten Einfälle, und er könnte keinen darauf reiten lassen, es sei denn seinen schlimmsten Feind.

»Sie meinen, ich verstehe nichts von Pferden, weil ich ein Mädchen bin«, ereiferte sie sich. »Aber ich bin so oft abgeworfen worden, daß ich mir etwas darauf einbilden kann. Und ich bin nicht gerade auf den Kopf gefallen. Ich würde nie versuchen, ein Pferd zu reiten, das ausschlägt. Soviel habe ich doch gelernt. Aber sonst fürchte ich nichts. Und daß Bob nicht ausschlägt, sagen Sie ja selbst.«

»Aber Sie haben noch nicht gesehen, was er für Geschichten macht«, beharrte Daylight.

»Vergessen Sie nicht, daß er nicht der erste ist, mit dem ich zu tun habe. Ich habe Mab an die elektrische Bahn, an Lokomotiven und Automobile gewöhnt. Als ich sie bekam, war sie ein ganz rohes Füllen vom Lande. Sie hatte eben gelernt, den Sattel zu tragen, das war alles, übrigens werde ich Ihrem Pferd keinen Schaden zufügen.«

Halb wider Willen gab Daylight nach, und an einer verkehrslosen Stelle des Weges tauschten sie Sättel und Zügel.

»Denken Sie daran, daß er läuft wie ein geölter Blitz«, warnte er, als er ihr in den Sattel half.

Sie nickte, während Bob die Ohren spitzte in dem Bewußtsein, einen fremden Reiter auf dem Rücken zu haben. Seine Späße begannen schnell genug – zu schnell für Dede, die sich mit den Armen um Bobs Hals klammern mußte, während er herumwirbelte und in entgegengesetzter Richtung davonstob. Daylight folgte ihr auf dem Pferde und sah zu. Einen Augenblick später hielt sie das Pferd und schwang es mit dem auf dem Hals liegenden Zügel und unter Gebrauch des linken Sporns wieder in seine frühere Richtung herum.

»Halten Sie die Peitsche nur bereit, um ihm eins über die Nase zu geben«, rief Daylight.

Aber Bob kam ihr zuvor und wirbelte wieder herum. Mit einem kräftigen Ruck befreite sie sich aus ihrer unwürdigen Stellung. Seine Bewegung war diesmal noch schärfer, aber sie nötigte ihn durch den Zügel zu einer Art Tanzschritt und zwang ihn durch schonungslosen Gebrauch der Sporen, wieder umzuwenden. Es war nichts Weibliches in der Art, wie sie ihn behandelte; und diese einleitende kleine Kraftprobe zeigte ihm Dede ein wenig von der richtigen Seite. Wie sie mit zusammengepreßten Lippen und ein wenig unzufrieden mit sich dasaß, genügte ihm ein Blick in ihre grauen Augen, es zu erkennen. Daylight machte ihr keine weiteren Vorschläge, folgte ihr aber fast mit Freude in den Augen und wartete darauf, wie es Bob nun ergehen würde. Und es erging Bob schlecht. Als er das nächste Mal herumwirbelte oder es vielmehr versuchte, war er noch nicht halb herum, als die Peitschenschnur ihn schon mitten auf die Nase traf. Da ließ er die Vorderfüße, die er gerade erhoben hatte, in seiner Verblüffung, seiner Überraschung und seinem Schmerz wieder fallen.

»Großartig!« applaudierte Daylight. »Noch ein paarmal – dann tut er es nicht wieder.«

Bob versuchte es noch einmal. Aber diesmal hatte er noch keine Viertelwendung gemacht, als die zusammengelegte Peitschenschnur seine Füße schon wieder auf den Boden zwang. Und dann gehorchte er Dede ohne Zügel oder Sporen, wenn sie ihm nur mit der Peitsche drohte.

Dede sah Daylight triumphierend an.

»Darf ich ihn einmal laufen lassen?« fragte sie.

Daylight nickte, und sie schoß den Weg entlang. Er sah ihr nach, bis sie hinter der Wegbiegung verschwand, und blickte hin, bis sie wieder zum Vorschein kam. Sicher: sie konnte reiten, und sie war ein Prachtkerl. Herrgott, das war eine Frau für einen Mann! Und die mußte die ganze Woche auf der Schreibmaschine herumhämmern! Das war nicht der richtige Platz für sie. Sie mußte einen Mann haben, der sie in Samt und Seide kleidete und mit Diamanten behängte (so stellte er sich in seiner Hinterwäldlerart vor, was einer geliebten Frau gebührte), und ihr Hunde und Pferde und dergleichen mehr hielt – »Wir wollen sehen, Herr Burning Daylight, was sich machen läßt«, murmelte er. Und laut sagte er:

»Großartig, Fräulein Mason, großartig. Für Sie ist kein Pferd zu schade – eine Frau, die reiten kann wie Sie. Nein; behalten Sie ihn, wir traben zum Steinbruch hinunter.« Er lachte, »Wissen Sie, ich glaube, als Sie ihn zum erstenmal schlugen, stöhnte er. Haben Sie es gehört? Und wie er die Füße fallen ließ – gerade als wäre er gegen eine Steinmauer geprallt. In Zukunft weiß er Bescheid.«

Als er sie am Nachmittag an dem Gattertor, das nach Berkeley führte, verließ, zog er sich in den Schatten einer Baumgruppe zurück, wo er ihr, ohne selbst gesehen zu werden, mit den Augen folgen konnte, bis sie außer Sicht war. Als er dann sein Pferd wandte, um nach Oakland zurückzureiten, kam ihm ein Gedanke, bei dem er reuevoll lächeln mußte, und er murmelte: »Jetzt ist also nichts zu machen, ich muß den verdammten Steinbruch kaufen. Das ist der einzige Vorwand, den ich habe, um mich in diesen Bergen herumzutreiben.«

Aber er mußte seine Pläne mit dem Steinbruch für einige Zeit verschieben, denn am nächsten Sonntage ritt er allein. Keine Dede kam auf einem kastanienbraunen Pferd den Weg von Berkeley geritten, weder an diesem Tage noch eine Woche später. Daylight war außer sich vor Ungeduld und Ärger, obwohl er sich im Kontor beherrschte. An ihr bemerkte er keine Veränderung und gab sich Mühe, sich selbst auch nichts merken zu lassen. Es war dieselbe monotone Arbeit, aber sie regte ihn jetzt auf und machte ihn beinahe verrückt. Daylight war erbittert über eine Welt, die es ihm nicht erlaubte, mit seiner Sekretärin ebenso zu verkehren wie andere Männer mit andern Frauen. Was nützen mir meine Millionen? fragte er eines Tages den Kalender auf seinem Schreibtisch, als sie nach dem Diktat hinausging.

Ais die dritte Woche sich ihrem Ende näherte und Daylight wieder einem traurigen Sonntag gegenüberstand, entschloß er sich trotz allem zu reden. Seiner Natur gemäß ging er ohne Umschweife auf die Sache los. Sie hatte gerade ihre Arbeit beendet und nahm ihr Stenogrammheft und ihre Bleistifte, als er sagte:

»Noch eins, Fräulein Mason, und ich hoffe, Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich geradeheraus rede; denn ich habe Sie immer für ein vernünftiges junges Mädchen gehalten. Sie wissen, wie lange Sie bei mir im Geschäft sind – mehrere Jahre schon; und ich bin immer ehrlich und offen gegen Sie gewesen. Ich habe mir Ihnen gegenüber nie etwas, wie man so sagt – herausgenommen. Eben weil Sie bei mir waren, habe ich versucht, vorsichtiger zu sein, als wenn – wenn Sie nicht bei mir gewesen wären – Sie verstehen. Aber deshalb bin ich doch auch nur ein Mensch. Ich bin ein einsamer Bursche – nein, glauben Sie nicht, daß ich um ein freundliches Wort bitten will. Ich möchte Ihnen nur sagen, wie wohl mir diese Ausritte mit Ihnen getan haben. Und nun hoffe ich, werden Sie es mir nicht verdenken, wenn ich Sie frage, warum Sie die beiden letzten Sonntage nicht ausgeritten sind?«

Er hielt inne und wartete, aber es überkam ihn warm, und der Schweiß stand in kleinen Tropfen auf seiner Stirn. Sie sprach nicht gleich, und er schritt durch den Raum und schob das Fenster höher.

»Ich bin ausgeritten,« antwortete sie, »nur in einer anderen Richtung.«

»Aber warum denn ...« Er konnte die Frage nicht beenden. Seien Sie nun ebenso ehrlich gegen mich, wie ich gegen Sie«, bat er. »Warum sind Sie nicht in den Piedmont-Bergen geritten? Ich habe überall nach Ihnen gesucht.«

»Eben deswegen.« Sie lächelte und sah ihm einen Augenblick gerade in die Augen, dann senkte sie den Blick. »Das müssen Sie doch verstehen, Herr Harnish.« Er schüttelte verdrießlich den Kopf.

»Ja und nein. Es gibt Dinge, die man nicht tun darf, und solange ich nicht Lust habe, sie zu tun, ist es mir auch einerlei.«

»Wenn Sie aber Lust haben?« fragte sie schnell.

»Dann tue ich sie.« Bei dieser Willenserklärung hatte er die Lippen zusammengepreßt, aber im nächsten Augenblick schränkte er seine Behauptung etwas ein: »Das heißt, meistens. Aber ich verstehe nicht, warum man etwas nicht tun darf, wenn es nicht schlecht ist und niemand schadet – dies Reiten zum Beispiel.«

Sie spielte eine Zeitlang nervös mit einem Bleistift, als dächte sie über ihre Antwort nach, und er wartete geduldig.

»Dies Reiten«, begann sie, »ist nicht das, was man ›guten Ton‹ nennt. Ich überlasse es Ihnen selbst, Ihre Schlüsse daraus zu ziehen. Sie kennen die Welt. Sie sind Herr Harnish, der Millionär – –«

»Der Spieler«, unterbrach er sie barsch.

Sie nickte ihre Zustimmung zu diesem Ausdruck und fuhrt fort:

»Es ist eine ganz einfache und recht gewöhnliche Situation, in der wir uns befinden. Ich stehe in Ihren Diensten. Es kommt nicht darauf an, was Sie oder ich, sondern was andere Menschen darüber denken. Und darüber brauche ich Ihnen weiter nichts zu sagen, das wissen Sie selber.«

Ihre kühle Art, die Sache zu behandeln, stimmte nicht ganz mit ihren wirklichen Gefühlen überein – das meinte Daylight wenigstens, als er jetzt die Anzeichen weiblicher Erregung, die weichen Linien ihrer Gestalt, die wogende Brust und die Röte sah, die die Bewegung auf ihren Wangen hervorgerufen hatte.

»Es tut mir leid, daß ich Sie verscheucht habe«, sagte er scheinbar zusammenhanglos.

»Sie haben mich nicht verscheucht«, erwiderte sie eifrig. »Ich bin kein Schulkind. Ich habe lange für mich sorgen müssen, und ich bin nie bange gewesen. Wir waren zwei Sonntage zusammen, und ich habe mich wahrlich weder vor Ihnen noch vor Bob gefürchtet. Das ist es nicht. Ich kann schon lange für mich einstehen, aber die Welt will auch mitreden. Das ist das Unglück. Was würde die Welt sagen, wenn mein Chef und ich uns jeden Sonntag in den Bergen träfen und miteinander ritten. Es ist albern, aber es ist nun einmal so. Mit einem von den Kontoristen könnte ich ohne weiteres reiten, aber mit Ihnen – nein.«

»Aber die Welt weiß es ja gar nicht und braucht es auch nicht zu wissen«, rief er.

»Das macht es gewissermaßen nur schlimmer, wenn man weiß, daß man auf heimlichen Wegen herumschleicht und immer das Gefühl hat, etwas Verkehrtes zu tun. Es wäre richtiger und besser, wenn ich öffentlich ...«

»Wochentags mit mir frühstücken ginge«, erriet Daylight den Sinn ihres unvollendeten Satzes.

Sie nickte.

»Es ist zwar nicht ganz, was ich dachte, aber wir können es sagen. Ich würde vorziehen, offen zu handeln, so daß alle Menschen es sehen können, statt etwas im geheimen zu tun. Es wird ja doch entdeckt. Nicht, daß mir etwas an einer Einladung zum Frühstück läge«, fügte sie lächelnd hinzu. »Ich bin sicher, daß Sie meine Lage begreifen.«

»Aber warum dann nicht offen mit mir durch die Berge reiten?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf, wie er sich einbildete, mit einem Hauch von Bedauern, und sein Verlangen nach ihr wuchs so schnell, daß es ihm fast die Besinnung raubte.

»Sehen Sie, Fräulein Mason, ich verstehe, daß Sie über so etwas nicht im Geschäft reden mögen. Ich auch nicht. Das gehört auch dazu, denke ich, ein Mann darf mit seiner Sekretärin nicht über andere Dinge im Geschäft sprechen. Wollen Sie nächsten Sonntag mit mir reiten, dann können wir weiter über die Sache reden und vielleicht einen Ausweg finden. In den Bergen ist der richtige Ort. Ich denke, Sie kennen mich genügend, um zu wissen, daß ich ein einigermaßen anständiger Mensch bin. Ich – ich achte und ehre Sie, und ich ...« Er begann zu stottern, und die auf dem Löscher ruhende Hand zitterte sichtbar. Er nahm sich zusammen. »Heißer habe ich mir noch nie etwas in meinem Leben gewünscht. Ich – ich – ich kann nicht erklären, was ich meine, aber es ist, wie ich sage. Wollen Sie? – Nächsten Sonntag? Morgen?«

Aber er ließ sich nicht träumen, daß er ihr kaum hörbares Ja mehr als allem anderen den Schweißtropfen auf seiner Stirn, seiner zitternden Hand und seiner allzu augenscheinlichen Bedrängnis verdankte.

 

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