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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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VII.

Um halb acht Uhr verließ Krag die Villa des Generalkonsuls. Seine Untersuchungen hatten kaum länger als eine halbe Stunde gedauert. Auf dem Wege zum Polizeiamt trat er in ein Café ein, um zu telephonieren. – Nachdem er seinen Ueberzieher aufgehängt und beim Ober seine Bestellung gemacht hatte, begab er sich gleich in die Telephonzelle, die sich direkt neben der Tür befand. Er verlangte die Nummer der Detektivabteilung und wurde sogleich auch mit dem diensttuenden Kriminalbeamten verbunden.

Während nun Asbjörn Krag ihm seine Befehle übermittelte, geschah im Café etwas, das für die spätere Entwicklung dieser Geschichte von nicht geringer Bedeutung ist.

Krag stand in der Telephonzelle und betrachtete den ganzen Vorgang durch die Glasscheiben der Tür und der Wände. In dem Augenblick, in welchem die Verbindung mit dem Kriminalamt hergestellt war, nahm die Sache ihren Anfang.

Ein Herr in tadelloser Kleidung, seinen Ueberzieher über dem Arm und einen silberbeschlagenen Stock in der Hand, trat zur Tür herein. Sorgfältig machte er die Tür hinter sich zu. Bisher war nichts Außergewöhnliches an ihm zu bemerken gewesen, weder in seiner Erscheinung, noch in seinem Auftreten; nachdem er aber die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er durch sein Gebaren die Aufmerksamkeit des Detektivs auf sich. In ganz unerklärlicher Weise verrutschte seine Krawatte, seine Uhrkette hing herab und sein Hut saß ihm schief auf dem Kopfe. Der Mann selbst torkelte in bedrohlicher Weise gegen den sonst von einer Dame geleiteten Zigarrenverkaufsstand; und da er den Stock in der anderen Hand hielt, blieb ihm nichts anderes übrig, als die freie Hand direkt in eine der Zigarrenkisten zu legen, während er sich suchend nach einem Platze umsah.

In der Nähe waren viele unbesetzte Tische, die sah er jedoch nicht. Er hatte seinen Blick auf den Garderobenständer gerichtet, zog seine Hand aus der Zigarrenkiste, deren Inhalt er gänzlich zerdrückt hatte, zurück und begann vorwärts zu gehen. Daß er überhaupt soweit kam, in der einmal eingeschlagenen Richtung auch wirklich weiterzugehen, und nicht zur Tür hinaus, war dem Umstand zuzuschreiben, daß die Verkäuferin in diesem Moment nicht zugegen war, auch war kein Kellner zu erblicken.

Wie durch ein Wunder kam er gut an den Tischen vorbei, bis er zum Garderobenständer gelangte, wo er seinen Ueberzieher aufzuhängen versuchte, und da sich noch niemand zur Bedienung sehen ließ, gelang es ihm erst, nachdem das Kleidungsstück dreimal zur Erde gefallen war und er es mit großer Mühe aufgesammelt hatte.

Darauf nahm er Asbjörn Krags Platz ein und klopfte laut auf den Tisch. Endlich kam der Ober herbei, gerade zur rechten Zeit, um zu bemerken, daß der nicht ganz nüchterne Herr im Begriffe war, vom Stuhl zu fallen. Der Ober half ihm wieder auf, während er die Gelegenheit benutzte, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ihm hier leider nichts vorgesetzt werden könne; er sei jedoch bereit, ihn ganz unauffällig zur Tür zu geleiten.

Mit lauten Worten protestierte der Herr eine ganze Weile; dann spielte er jedoch den Beleidigten und erklärte, nie wieder ein so ordinäres Lokal aufsuchen zu wollen. Darauf nahm er seinen Ueberzieher vom Ständer und schritt mißmutig vom Kellner begleitet zur Tür.

Asbjörn Krag hatte inzwischen dem diensttuenden Beamten Verhaltungsmaßregeln gegeben, brach das Gespräch ab und verließ die Telephonzelle, um noch gerade rechtzeitig zu bemerken, daß der angeheiterte Herr mit seinem Ueberzieher davonging. Krag hatte gesehen, daß der Mann, statt seinen eigenen Ueberzieher zu nehmen, den danebenhängenden ergriffen hatte, der zufällig ihm gehörte. Der ganze Vorfall hatte vielleicht zwei Minuten gedauert, aber fünf Minuten mußten Krag und der Ober daran wenden, um dem Mann klarzumachen, daß er sich geirrt habe. Schließlich gelang es jedoch, ihm den eigenen seidengefütterten Ueberzieher aufzuzwingen, womit er denn auch das Lokal verließ.

Krag ließ sich an seinem Tisch nieder, trank ab und zu aus seinem Glas, im übrigen wartete er. Telephonisch hatte er, nachdem er den gefundenen Manschettenknopf genau beschrieben, Order gegeben, nachzuforschen, ob in irgendeinem Juweliergeschäft derartige Manschettenknöpfe verkauft worden seien. Es müsse sofort nachgeforscht werden, denn es sei bald Geschäftsschluß. Wenn dies geschehen sei, möchte der Beamte sofort mit Bescheid zu ihm ins Café kommen.

Nach einiger Zeit bezahlte er und ging, denn er hatte den von ihm herbestellten Kriminalbeamten draußen vor dem Café entdeckt. – Die Knöpfe waren in einem größeren Juweliergeschäft Christianias gekauft. Sofort begab sich Krag dahin. Zwei Minuten vor Geschäftsschluß langte er dort an und traf auch gleich den Inhaber, der die Manschettenknöpfe selbst verkauft hatte.

Der Detektiv zeigte ihm die kleine Platte und fragte:

»Kennen Sie die?«

Der Juwelier sah sich den Knopf an und sagte:

»Ja, sehr gut. Fast einen Monat lang habe ich ihn jeden Tag vor Augen gehabt. Vor etwa einem Monat habe ich die Knöpfe bei meinem Geschäftsfreund in London gekauft.«

»Glauben Sie, daß sich mehr Manschettenknöpfe derselben Art im Handel befinden?«

»Nein, man sagte mir, dies sei das einzige Paar. – Der hohe Wert und die originelle Form der Knöpfe lassen das auch vermuten.«

»Wann haben Sie sie verkauft?«

»Vor zwei Tagen.«

»Wissen Sie die Adresse des Betreffenden, der sie gekauft hat?«

»Nein, ihre Adresse weiß ich nicht.«

» Ihre!« rief Krag aus. »Hat eine Dame sie gekauft?«

»Ja,« war die Antwort, »eine junge, elegante Dame von außerordentlicher Schönheit. Sie muß scheinbar sehr reich sein, denn ohne auch nur den Preis drücken zu wollen, bezahlte sie die von mir verlangten neunhundertfünfzig Kronen.«

Krag dachte eine Weile nach. Diese Mitteilung kam ihm ganz unerwartet. »Ist die Dame schon früher einmal in Ihrem Geschäft gewesen?« fragte er.

»Ja, vor ungefähr einer Woche hat sie sich eine Perle in einen Ring einsetzen lassen.«

Krag machte sich zum Gehen bereit. »Falls die Dame sich wieder sehen lassen sollte, benachrichtigen Sie dann bitte die Kriminalpolizei.«

In diesem Augenblick bemerkte der Detektiv, daß das Gesicht des andern einen ganz eigenartigen Ausdruck annahm. – Er drehte sich um.

Eine junge und sehr hübsche Dame betrat den Laden.

Indem der Juwelier seine Hand auf Asbjörn Krags Arm legte, flüsterte er: »Das ist die Dame, die vor zwei Tagen die Manschettenknöpfe kaufte.«

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