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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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LI.

»Bevor ich von Ihnen gehe, möchte ich noch über eine Sache Aufklärung haben, die mir bisher rätselhaft vorgekommen ist. Heute morgen um halb sechs eilten Sie in größter Erregung nach dem Telegraphenamt und sandten eine Depesche ab. An wen war das Telegramm?«

»An Herberts Vater,« sagte Lizzie zögernd. »Ich wußte nicht, was ich tun sollte.«

Nelson überlegte eine Weile.

»Ich nehme an, daß das Telegramm beunruhigenden Inhalts war. Falls Sir Holmes sofort abreist, kann er etwa um halb neun hier sein; aber auch nicht früher. Ich verlasse Ostende schon um neun; so wird eine Begegnung zwischen uns vermieden.«

»Reisen Sie schon um neun?« fragte Krag erstaunt. »Warum nur?«

»Vergessen Sie nicht, daß das Spiel schon um acht gewonnen ist.«

»Kann ich Ihnen helfen?« fragte Krag nun. »Die Sicherheit, womit Sie auftreten, zeugt davon, daß Ihr Plan schon fix und fertig ist. Haben Sie eine Rolle für mich?«

»Nein,« entgegnete Nelson, »aber ich möchte Sie doch bitten, einige Minuten vor Abgang des Berliner Zuges auf dem Bahnhof zu sein. Erwarten Sie mich am großen Verkaufsstand links.«

Als Nelson Miene machte, das Zimmer zu verlassen, streckte Lizzie ihm die Hand entgegen und sagte:

»Ich danke Ihnen.«

Nelson ergriff die Hand und neigte sich darüber.

Krag ahnte, daß dies nach langer Trennung der erste Händedruck war.

Dann ging Nelson.

Mittlerweile war es fünf Uhr geworden. Drei Stunden waren Lizzie und Krag auf geduldiges Warten angewiesen. Krag überlegte die Chancen. Entweder glaubte er an Nelsons Glück, dann mußte er sich untätig verhalten, oder er glaubte nicht daran, dann war es seine Pflicht, auf eigene Faust seine Arbeit fortzusetzen. Wie die Dinge aber jetzt lagen, mußte er gestehen, daß Nelson der Stärkere war, und daß man nur riskierte, ihm im Wege zu sein, wenn man sich jetzt in die Sache hineinmischte. Er beschloß daher, sich vollständig passiv zu halten. Es kam ihm der Gedanke, sich auf die Promenade zu begeben, um zu sehen, ob Herbert seine Aufforderung, sich dem Publikum gegenüber recht sorglos zu zeigen, nachgekommen sei; als er aber Lizzies Erregtheit bemerkte, zog er es doch vor, in ihrer Nähe zu bleiben.

Geheimnisvolle Ahnungen schienen Lizzies Nervosität dauernd zu steigern. Ihr mütterlicher Instinkt ließ die Qualen ihres Sohnes miterleiden. Schien sie doch zu wissen, daß Herbert gerade in diesen Stunden voller Verzweiflung vor seinem Schreibtisch im Hotel Terminus saß. Die hoffnungsvolle Vertrauensseligkeit der Jugend hatte ihn verlassen; an ein Wunder glaubte er jetzt nicht mehr. Von rätselhaften Freunden hatte er zwar Mitteilung bekommen, aber diese Mitteilungen ließen ihn doch nicht recht hoffen. Er konnte sich nicht überwinden, mit fröhlichem Gesicht unter fröhlichen Menschen zu promenieren. Er war in seinem Zimmer geblieben und hatte bis acht Uhr die Arbeit erledigt, die nach seinem Willen der Entscheidung vorausgehen sollte. Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen vier versiegelte Briefe.

Er trat ans Fenster, wo er eine Weile in die abendliche Dämmerung hinabblickte, die sich über den Park gesenkt hatte. Der Lärm der Menschenmenge tönte nur leise zu ihm herauf, und der betäubende Duft der vielen Blumen im Garten erfüllte das Zimmer. Behutsam schloß er das Fenster und zog die Vorhänge vor. Dann drehte er das elektrische Licht an und setzte sich wieder an den Schreibtisch.

   

Zehn Minuten vor acht stand Asbjörn Krag auf dem Bahnhof mitten unter den Reisenden, die sich noch mit Reiselektüre versehen wollten. Er kaufte einige illustrierte französische Zeitschriften, deren Illustrationen er, nachdem er aus dem Gedränge heraus war, mit Muße zu betrachten schien; in Wirklichkeit war seine ganze Aufmerksamkeit jedoch auf die Personen gerichtet, die an ihm vorübergingen. Trotz aller Kaltblütigkeit, die er sich im Laufe der Zeit erworben hatte, war ihm doch seltsam zumute, als er in der Menge Baron Sixten entdeckte, der ruhig durch die Halle dem Bahnsteig zuschritt. Im Vorübergehen gab Sixten dem Hoteldiener noch irgendeine Anweisung. Außergewöhnliches war nicht an ihm zu merken. Er war im Reiseanzug und trug eine kleine braune Tasche. Krag blickte nach Nelson aus; konnte ihn aber nirgends entdecken. Er beruhigte sich jedoch damit, daß Nelson mit Rücksicht auf Verkleidung ja seinesgleichen suchte; der geniale Verbrecher würde ihm sicher schon auf den Fersen sein.

Der Zeitpunkt, an dem der Zug abfahren sollte, rückte indessen immer näher heran. Krag, den das vollkommen beherrschte Auftreten des Barons beunruhigte, mußte sich sagen, daß die größte Wahrscheinlichkeit bestand, daß bis jetzt noch nichts geschehen sei. Noch drei Minuten, dann fuhr der Zug ab. Eine nervöse Angst überfiel ihn. Mitten im Menschengedränge, wo nichts Außergewöhnliches vorzugehen schien, und er zur Untätigkeit verurteilt war, kam ihm ganz plötzlich und überwältigend seine eigene Ohnmacht zum Bewußtsein.

Da kam unvermutet ein schwarzgekleideter Herr sehr schnell auf ihn zu. Es war Nelson. Er war diesmal nicht verkleidet. Nach seinem leicht angestaubten Ueberzieher und dem Koffer, den er in der Hand trug, zu urteilen, mußte er soeben von einer Reise zurückgekehrt sein.

Nelson gab Krag die Hand und sagte so laut, daß die Umstehenden es hören konnten:

»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, lieber Freund, daß Sie mich hier erwarten. Lassen Sie uns gehen.«

Hastig verließen die beiden die Halle und winkten vor dem Bahnhof einen Wagen herbei. Dem Kutscher gab er die Adresse des Hotels auf, worin Lizzie wohnte; dann lehnte er sich in die Polster zurück, zündete eine Zigarette an und sagte:

»Wie das beruhigt! Ich habe wirklich in großer Spannung gelebt.«

Krag wußte, was er damit meinte. Erleichtert atmete er auf.

»Haben Sie auch eine Zigarette für mich?« fragte Krag.

»Bitte.«

Indem Krag auf den Koffer wies, den Nelson vor sich hingestellt hatte, fragte er:

»Waren Sie verreist?«

»Nein, ich habe nur getan, als ob ich auf Reisen gewesen wäre.«

Ein heiteres Lächeln erhellte sein Gesicht.

»Ihre Stimme klingt gar nicht so ängstlich,« sagte er. »Sie sind Ihrer Sache schon sicher. Ja, ich habe die Dokumente.«

Er zeigte aus den Koffer.

»Dort liegen sie.«

Starr vor Staunen blickte Krag den gut verschlossenen Koffer, der außerdem noch mit Lederriemen verschnürt war, an. Dann sagte er:

»Vor drei Minuten ging Baron Sixten vergnügt und zufrieden wie immer durch die Bahnhofshalle. Sein ganzes Auftreten deutete nicht darauf hin, daß ihm etwas Unangenehmes passiert sei. Er muß ein tadelloser Schauspieler sein.«

»Sind es wirklich nur drei Minuten her?« rief Nelson mit erkünsteltem Erstaunen aus. »Ja, lieber Freund, vor drei Minuten war ihm auch noch nichts Unangenehmes widerfahren; denn als er an Ihnen vorüberging, war er noch im Besitz der Dokumente. Nun aber liegen sie wohlverwahrt in meinem Koffer. Ist es nicht merkwürdig, wieviel man in einer verhältnismäßig kurzen Zeit ausrichten kann?«

Krag freute sich über den scherzhaften Ton des andern. Er erinnerte ihn an vergangene Zeiten, an jene tragischen Tage in Kristiania und an Nelsons sorgloses Spiel vor dem Revolver des finsteren Engländers im Bois de Boulogne.

»Ich begreife nicht, wie alles zugegangen ist,« sagte er.

»Wirklich nicht?« fragte Nelson erstaunt. »Nun, Sie müssen mir schon gestatten, daß ich Ihre Geduld noch etwas auf die Probe stelle, etwa noch drei Minuten. So, nun sind wir angelangt. Ich denke mir, daß auch Lizzie erfahren möchte, wie alles sich abgespielt hat. Ich mag die Geschichte aber nicht zweimal erzählen.«

Der Wagen hielt vor dem Hotel; die Uhr war präzis acht.

»Nun fährt der Berliner Zug ab,« sagte Nelson, als er aus dem Wagen stieg.

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