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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLIX.

Diese Mitteilung, daß er selbst unter Beobachtung stand, wie Stronger ihm eben gesagt hatte, traf Asbjörn Krag ganz überraschend. Er ahnte nicht, daß hier in Ostende noch andere Personen ihn kannten als Stronger und Lizzie, höchstens noch Nelson. Strongers Mitteilung ließ jedoch in Krag den Verdacht hochkommen, daß das Komplott, das Herbert umgarnt hatte, seine Aufmerksamkeit auf ihn, vermutlich auch auf Lizzie gerichtet haben könnte; daß ihnen vielleicht aufgegangen sei, daß zwischen Herbert einerseits und Lizzie andererseits eine gewisse Verbindung bestehe.

Stronger rief den Detektiv ans Fenster.

»Sehen Sie den Depeschenboten, der dort in seiner Tasche herumwühlt, um augenscheinlich eine verkramte Depesche zu suchen? Dieser Bursche hat Sie während der letzten Stunden verfolgt. Schon vor zwei Stunden wurde mir von einem Schutzmann die Meldung gemacht, daß ein junger Mensch Depeschenbote spielte, ohne es wirklich zu sein. Die Schutzmannschaft kennt ja alle Beamten, ein fremdes Gesicht fällt ihr sofort auf. Ich gab den Befehl, den Grund dieses merkwürdigen Auftretens zu erforschen. Vor etwa einer Stunde erhielt ich den Bescheid, daß der Depeschenbote und noch einige verkleidete Personen einen unbekannten Herrn verfolgten. Diesen unbekannten Herrn zeigte man mir. Sie waren es.«

Krag betrachtete den Burschen auf dem gegenüberliegenden Trottoir genau. Er kannte ihn nicht; doch war er Stronger für seine Mitteilung sehr dankbar. Er wußte nun, daß er sich in acht nehmen mußte.

Als er das Polizeiamt verlassen hatte, bemerkte er, wie der Depeschenbote ihn verfolgte. Krag ließ ihn laufen, und verriet mit keinem Blick, daß der Verfolger durchschaut war. Lieber wollte er von einem Menschen verfolgt sein, dessen Gesicht er kannte, als zu wissen, daß jemand aus der Menge ihn beobachtete.

Es stellte sich heraus, daß Lizzie die Verabredung nicht ganz innegehalten hatte. Sie hatte sich zwar die ganze Zeit in ihrem Zimmer aufgehalten, durch Bestechung des Stubenmädchens war es ihr jedoch geglückt, eine Verbindung mit dem Hotel Terminus, wo ihr Sohn wohnte, herzustellen.

Als Krag zu ihr ins Zimmer trat, blickte sie ihn einen Moment forschend an und sagte dann:

»Erzählen Sie mir nichts. Ich sehe es Ihnen an, daß Sie mir doch nichts Gutes mitteilen können. Was sagt Herbert?«

»Er macht einen verbitterten Eindruck,« entgegnete Krag. »Er weigert sich, Einzelheiten klarzulegen. Er ist sich ganz klar darüber, daß die rothaarige Dame, die für gewöhnlich ›der Engel‹ genannt wird und der er gestern sehr den Hof machte, an der Spitze des Komplotts steht, das ihn ins Unglück gebracht hat. Ich weiß nun aber, um was es sich handelt. Eine Auskunft des hiesigen Detektivs Stronger hat mir Gewißheit gegeben. Herbert ist mit wichtigen politischen Dokumenten nach Ostende gekommen, die er gleich nach seiner Ankunft Sr. Kaiserlichen Hoheit, dem Großfürsten Sergius von Rußland, der sich gerade zu dieser Zeit hier aufhalten sollte, zu überreichen die Aufgabe hatte. Man hatte damit gerechnet, daß er sofort nach seiner Ankunft mit dem Dampfer dem Großfürsten die Papiere überreichen konnte, daher hatte man keine Bedenken, einem so jungen Attaché die wichtigen Dokumente anzuvertrauen. Diese jungen Engländer, die oftmals direkt vom Sportplatz in das diplomatische Korps eintreten, pflegen handfeste Leute zu sein und haben in der internationalen Diplomatie oft Hervorragendes geleistet, wo die älteren Diplomaten versagten. Wie dem nun auch sein mag; ihm ist die Sache übertragen worden und er hat sich festgerannt. Der glückliche Ausgang seiner ersten Mission ist daran gescheitert, daß der Großfürst um zwei Tage später eintreffen wird. Während dieser Zeit hat Herbert die Dokumente zu verwahren; das haben die Schufte ausgenutzt. Ich weiß nicht, welcher Art diese Dokumente sind; es liegt aber nahe, anzunehmen, daß die Papiere ein Glied der diplomatischen Verhandlungen bilden, die zweifellos zwischen London, Paris und St. Petersburg im Gange sind. Sicherlich wird eine dritte und vierte Nation das größte Interesse an der Kenntnis des Inhalts dieser Papiere haben. Mit diesem Umstand müssen wir rechnen, gnädige Frau. Selbst wenn die Dokumente noch nicht in den Besitz dieser Nation übergegangen sind, so befinden sie sich jedenfalls schon an der Börse, wo diese niederträchtigsten aller Käufe und Verkäufe stattfinden. Vorläufig sind sie uns unerreichbar; damit ist aber nicht gesagt, daß wir sie überhaupt nicht wieder sehen werden. Bis morgen früh um neun Uhr ist uns noch Frist gegeben. Dann müssen sie dem Großfürsten überreicht werden.«

Lizzie hatte den Ausführungen des Detektivs sehr aufmerksam zugehört. Sie vermochte aber nicht zu begreifen, um was es sich im Grunde handelte; das schien ihr aber einzuleuchten, daß Herbert in Gefahr sei. Als von Kauf und Verkauf die Rede war, horchte sie interessiert auf; es schien ihr, hier sei ein Ausweg.

»Wie Sie wissen, besitze ich doch diese fünfundzwanzigtausend Franken. Etwa zwanzigtausend Franken sind außerdem noch mein. Ich glaube, ich werde fünfzigtausend Franken aufbringen können ...«

Krag unterbrach sie.

»Das genügt noch lange nicht,« sagte er. »Handelte es sich um fünfzigtausend oder eine Million Franken, dann würde Herbert sicher in der Lage sein, sie sofort auszuzahlen. Bieten können wir überhaupt nicht, da wir gar nicht einmal wissen, wem wir das Angebot machen sollen. Gesetzt den Fall, wir sagten einem Unbeteiligten, wir bieten soundsoviel für die Herbert entwendeten Dokumente, dann würde die Sache gleich bekannt werden und Herbert wäre kompromittiert. Das ist ja gerade das Verzwickte bei dieser Gelegenheit, daß wir mit größter Verschwiegenheit zu Werke gehen müssen. Es darf überhaupt niemand erfahren, daß Herbert die Dokumente eingebüßt hat. Wir beide verstehen uns ja, gnädige Frau. Zum Teufel mit den Dokumenten! Die Hauptsache ist, ihn zu retten.«

»Ja, ja, das ist die Hauptsache,« sagte sie in erneuter Angst. »Ich gäbe gern mein Leben für ihn hin. Wissen Sie es schon, lieber Freund,« schrie sie fast, wobei sie Krags Hände ergriff, »wissen Sie schon, daß er angefangen hat, Briefe zu schreiben?«

»Briefe?« fragte er erstaunt.

»Ja,« sagte sie. »Ich habe meine Spione. Alles in seinem Zimmer deutet auf Aufbruch. Er schreibt Briefe, die er versiegelt und vor sich auf den Tisch legt. Es macht den Eindruck, als ob er eine weite Reise unternehmen wollte. Oder ... oder ...«

»Ich kann Sie nur dadurch beruhigen,« gab Krag zur Antwort, »daß ich Ihnen meine feste Ueberzeugung ausspreche, daß ein so lebensmutiger und vernünftiger Mensch wie Herbert bis zur letzten Minute wartet. Er weiß, daß ich die Sache in die Hand genommen habe. Der Sicherheit wegen will ich ihm noch einige Zeilen schreiben, damit er ja keine Dummheit begeht. Auch will ich ihn wissen lassen, daß meine Forschungen zu guten Hoffnungen berechtigen. Außerdem erwarten wir ja im Laufe des Abends seinen Vater. Wenn alle Hoffnungen trügen, muß er die Verantwortung für des Sohnes Schicksal übernehmen.«

Darauf begab sich Krag in das Schreibzimmer, wo er einige beruhigende Zeilen an Herbert schrieb. Er fügte noch hinzu, daß es seinen Plänen sehr förderlich sei, wenn Herbert sich so weit überwinden könnte, mit anscheinend sorgloser Miene zur Promenadenzeit sich dort einzufinden, wo man sich amüsiert.

Krag richtete nun sein Augenmerk auf Baron Sixten. Seinem Gefühl nach lag dort der Schlüssel zum Geheimnis. In Hotels, selbst in den besten, läßt sich mit Geld viel ausrichten. Es gelang ihm durch das Personal des Hotels, wo Sixten sich aufhielt, folgendes in Erfahrung zu bringen: Um fünf Uhr morgens war Baron Sixten nach Hause gekommen. Er hatte sich nicht gleich zur Ruhe begeben, sondern schien sich noch am Schreibtisch mit irgendeiner Arbeit zu beschäftigen. Um acht Uhr hatte er den Hoteldiener herbeigerufen und ihm gesagt, daß er um acht Uhr abends reisen wolle; danach hatte er sich zur Ruhe begeben. Um zwei Uhr habe er sich erhoben und war nach beendeter Toilette fortgegangen. Besuch hatte er nicht empfangen.

Sehr viel hatte Krag ja nicht erfahren; aber es genügte doch, um ihn davon zu überzeugen, daß Sixten immerhin für den Diebstahl in Betracht kommen könnte. Den Umständen nach verhielt es sich ziemlich sicher so.

In seiner darauffolgenden Unterredung mit Lizzie versuchte Krag ihr begreiflich zu machen, daß durch dies Resultat die Erledigung der Angelegenheit nähergerückt sei. Sich selbst gestand er jedoch, daß die Sache noch arg im Dunkel läge. Gerade als er Lizzie verlassen wollte, wurde Besuch angemeldet.

Lizzie fragte, wer es sei.

»Der Herr hat keinen Namen genannt,« entgegnete der Diener. »Er sagte aber, es handele sich um den Sohn der gnädigen Frau.«

Mit Spannung erwarteten Krag und Lizzie die Ankunft des Fremden.

Dieser trat gleich darauf ein; begrüßte Krag sehr formvoll, legte Hut und Stock von sich, ging auf Lizzie zu, ergriff ihre Hände und sagte:

»Lizzie, ich will Ihnen helfen.«

Es war Nelson.

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