Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
Schließen

Navigation:

IV.

Als der Generalkonsul die Erbitterung gewahr wurde, die sich der Gäste, besonders der weniger angesehenen, bemächtigt hatte, fiel ihm kein geeigneteres Mittel zur Beruhigung der Gemüter ein, als eine Rede zu halten.

»Nicht ich habe verlangt, daß das Haus abgesperrt wird,« begann er seine Rede, »sondern es geschieht auf telephonischen Befehl der Kriminalpolizei. Der Verdacht des Diebstahls ist selbstverständlich gegen niemand der Anwesenden gerichtet, die Polizeibeamten wünschen jedoch systematisches Vorgehen. So liegt die Sache augenblicklich. Ich bitte, meine Herren, bedienen Sie sich. Evensen, mehr Champagner!«

Evensen hatte dafür gesorgt, daß Flaschen bereitstanden; als die ersten Pfropfen knallten, begaben sich einige der Gäste an den Tisch, worauf auch die übrigen dem Beispiel folgten.

Mit einigen scherzhaften Worten suchte der Dichter Pedersen die etwas peinliche Situation zu retten. Während der ganzen Zeit hatte er seelenruhig und ohne sich um das geringste zu kümmern, an der Tafel Platz behalten. Mit kurzen, treffenden Bemerkungen charakterisierte er den modernen norwegischen Geschäftsmann, den Typ des Börsenspekulanten. Die Zeit des vornehmen aristokratischen Großkaufmanns sei dahin. »Der heutige Geschäftsmann luchst uns nicht nur in regelrechten Geschäften unser Geld ab, sogar bei rein gesellschaftlichem Beisammensein muß man sich auf den donnernden Befehl: Hände hoch! gefaßt machen. Meine Herren, lassen Sie uns die Hände heben; aber, bitte, mit den Gläsern. Prosit!«

Dieser Scherz fand bei dem weitaus größten Teil der Anwesenden freundliche Aufnahme, besonders, da es sich herausstellte, daß der soeben angelangte Detektiv ein liebenswürdiger, bescheidener Mensch war. Er stellte sich als Asbjörn Krag vor und bedauerte aufrichtig die durch ihn herbeigeführte Störung des Festes.

Der Detektiv befaßte sich sofort mit der Untersuchung der Kassette, des Tresors, des Bureaus und des Schlüsselbundes des Generalkonsuls; auch den Bleiklumpen betrachtete er genau.

Als er erfuhr, daß die gestohlene Summe ausschließlich aus Goldmünzen bestand, glitt ein vielsagendes Lächeln über sein Gesicht.

»Dann habe ich nichts dagegen, daß die Gäste das Haus verlassen, wenn sie es wünschen,« sagte er.

Sonderbarerweise nahm er jedoch Aufstellung im Vestibül, wo er mit großer Liebenswürdigkeit sich von jedem einzelnen verabschiedete, als sei er der Gastgeber und müßte nun jeden seiner Gäste zur Tür geleiten.

Dies erregte die Aufmerksamkeit der Herren und wurde Gesprächsstoff, während sie gruppenweise den Drammensweg entlang nach Hause gingen.

Sie waren alle der Ansicht, daß Asbjörn Krag die ganze Sachlage nicht erfaßt habe. Sie meinten, daß der Detektiv auf den Aerger der Gäste viel zu viel Gewicht gelegt hätte, was er durch übertriebene Höflichkeit wieder gutzumachen glaubte. – Die Art und Weise sei aber erst recht Veranlassung zur Verstimmung. Er hätte leichter über die ganze Angelegenheit hinweggehen müssen, meinte einer der Herren. Nein, den Polizeibeamten fehlten die elementarsten Grundbegriffe des Umgangs mit Menschen. Es sei aber auch gar nicht anders zu erwarten; das Korps rekrutiere sich ja aus den untersten Volksschichten.

Krag hatte jedoch die günstige Gelegenheit benutzt, um die Gäste genau beobachten zu können. Jedem gab er freundliche und entschuldigende Worte mit auf den Weg. Daß seine Augen sie dabei untersuchten, wobei nicht eine Falte ihrer Kleidung seinem scharfen Blick entging, das ahnte niemand von ihnen.

Was hatte Asbjörn denn so eifrig an ihnen zu suchen? Es stand fest, daß sich kein Gast mit einem Gewicht von zweitausendfünfhundert Goldstücken ungesehen entfernen konnte.

Als Asbjörn Krag im Bureau des Generalkonsuls mit diesem und dem alten Faktotum Evensen zusammentraf, war alle Liebenswürdigkeit von ihm gewichen.

»Dies ist der dritte rätselhafte Diebstahl in diesem Bezirk innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit,« sagte er. »Hier handelt es sich aber um die größte Summe. Wann haben Sie das Geld in Gold eingewechselt?«

»Gestern, in der Bank von Norwegen. Ich war selbst dort; Evensen war bei mir.«

Evensen nickte stumm.

»Ich trug die Kassette. Ich kann Ihnen sagen, sie war schwer!«

»Es war ein unglücklicher Einfall von mir,« begann der Generalkonsul, indem er sich die Schweißtropfen von der Stirn wischte. »Ich wollte mit dem Golde renommieren, anstatt einfach einen Scheck auszustellen.«

»Wurde das Geld während der Geschäftszeit der Bank gewechselt?«

»Ja, selbstverständlich! Wie gewöhnlich waren viele Leute zugegen. Die meisten sahen ja auch, wie ich mit dem Gelde fortging. Das hat natürlich den Dieb in Versuchung geführt.«

»Waren Sie noch sonstwo mit all dem Gold?« fragte Krag in strengem Ton. »Zum Beispiel in der Bodega?«

Der Generalkonsul zuckte zusammen.

»Nein, wie werd' ich wohl! Wie kommen Sie darauf? Mit der Kassette! Im übrigen bin ich nie ängstlich, viel Geld mit mir herumzutragen,« fügte er wichtig hinzu. – »Ich gehe des öfteren mit Hunderttausenden in bar in meiner Brieftasche.«

»Aber nicht in Gold?«

»Nein, das nicht. Evensen und ich fuhren gestern direkt nach Haus und schlossen die Kassette im Geldschrank ein. Sie können sich davon überzeugen, daß der Tresor solide genug ist. Das Schloß ist in tadellosem Zustande. Der ganze Diebstahl kommt mir vor wie ein Traum, so unglaublich ist er. Bitte, sagen Sie mir, wie hat der Dieb bloß aus dem Bureau herauskommen können?«

»Ich versuche gerade eben, mir selbst darüber Klarheit zu verschaffen,« sagte Krag halblaut.

Er hatte ein Skizzenbuch hervorgeholt und machte darin Aufzeichnungen, während er forschend im Zimmer umherblickte. Scheinbar zeichnete er den Riß des Bureaus.

Der Generalkonsul trat auf ihn zu und betrachtete die Zeichnung ohne Verständnis für seine Anwendung. Mittlerweile war die Zeichnung fertig geworden.

Skizze

»Wie aus der Zeichnung ersichtlich,« erklärte Krag – er tat es mehr zu dem Zweck, sich auch die kleinsten Einzelheiten einzuprägen –, »führen zwei Türen ins Bureau. Wie lange sind diese Türen verschlossen gewesen?«

»Seit heute nachmittag um fünf Uhr,« antwortete der Generalkonsul, »unmittelbar, bevor die Gäste eintrafen.«

»Wer hat die Türen verschlossen?«

»Ich.«

»Und Sie waren absolut davon überzeugt, daß sich das Gold in der Kassette befand und diese wiederum im Geldschrank?«

»Ja, vollkommen. Ich hatte noch nachgesehen, kurz bevor ich das Bureau verließ. Ich selbst habe die Türen des Schrankes zugemacht. Wie Sie sehen, ist die eine Tür von innen verschlossen; die andere Tür ist nur den kurzen Augenblick geöffnet gewesen, als Evensen die Kassette herausnahm.«

Asbjörn Krag blickte Evensen an.

»Sie sind nicht der Dieb,« sagte er, »andererseits können Sie aber von mir nicht verlangen, zu glauben, daß ein Dieb durch verschlossene Türen hindurchgehen kann.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.