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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLVIII.

Der Abteilungschef der Ostender Kriminalpolizei, Herr Henri Stronger, stellte dem jungen Herbert Cyrus Holmes Asbjörn Krag vor. Vorher wandte sich Stronger mit folgenden Worten an Krag:

»Ich bezweifle sehr, daß es Ihnen gelingen wird, etwas aus ihm herauszubringen. Diese Engländer sind verflucht eigensinnig. Haben Sie sich etwas in den Kopf gesetzt, bringt keine Macht der Erde sie davon ab. Dieser junge Mensch ist von der verrückten Idee besessen, daß die Kriminalpolizei hier in Ostende seinen Dokumenten ebenso gefährlich ist, wie der Kerl, der sie gestohlen hat.«

Als Krag bei Herbert eintrat, sah er es dem Zimmer an, daß der junge Mann im Begriff war, abzureisen. Die Koffer waren gepackt, zerrissene Briefe lagen auf dem Schreibtisch, alles war zur Abreise bereit. Der junge Holmes entsprach aber nicht mehr der Beschreibung seiner Mutter. Ein scharfer Beobachter konnte ohne weiteres in dem so ernsten Gesicht eine gewisse nervöse Unruhe wahrnehmen, sonst bot er jedoch das Bild eines untadeligen jungen Gentlemans. Schwere Vorhänge hielten das Licht fern, so daß das Zimmer im Halbdunkel lag; daher konnte Krag auch nicht genau feststellen, ob der Engländer überaus blaß war, oder ob er von Natur aus eine graue Gesichtsfarbe hatte.

Herbert begrüßte die Herren mit steifer englischer Höflichkeit. Er hielt Krag für einen belgischen Detektiv; niemandem fiel es ein, diese falsche Annahme zu berichtigen.

»Wir haben den ›Engel‹ gefunden,« sagte Stronger.

»Auch die Dokumente?« fragte der Engländer.

»Nein, die haben wir leider nicht gefunden.«

»Madame Conneau ist doch die Seele des Komplotts. Haben Sie sie, dann müssen Sie auch die Dokumente herbeischaffen können. Ist sie hier in der Stadt?«

»Nein, man hat sie in Lille angehalten.«

»Dann ist sie also mit dem Pariser Zug gereist.«

»Sie war außerordentlich bestürzt und tat sehr beleidigt, als man sie anhielt. Ihr Koffer und ihr ganzes Gepäck ist untersucht worden; von den Dokumenten hat man aber keine Spur gefunden. Sie droht mit einer Schadenersatzklage. Ich persönlich bin auch der Ansicht, daß man zu scharf vorgegangen ist; es liegen doch keine klaren Beweise gegen sie vor.«

Herbert verzog das Gesicht zu einem Lächeln.

»Ich habe der Polizei den Diebstahl angezeigt,« sagte er. »Fürchtet man dort, näher auf die Sache einzugehen, braucht man sich nicht damit zu befassen. Zwingen kann ich die belgische Polizei ja nicht.«

Stronger, der die Ironie der Worte wohl fühlte, sagte:

»Wissen Sie, daß Madame Conneau sich in Lille darüber beklagt hat, daß man sie dafür verantwortlich machen will, was ein englischer Grünschnabel in Ostende im Rausch angerichtet hat?«

»Ihren Worten entnehme ich, daß Sie mit den Tätern sympathisieren,« entgegnete Herbert. »Dann läßt sich eben nichts machen.«

»Sie irren sich,« sagte Stronger. »Sie können aber nicht erwarten, daß wir der Sache auf den Grund kommen, wenn Sie selbst uns nicht die notwendigsten Erklärungen geben. Wüßten wir bloß, welche Art politische Dokumente Ihnen gestohlen sind, dann würde uns sehr geholfen sein. Durch die politische Polizei würden wir sicher auf die rechte Spur gelangen.«

»Derartige Auskünfte kann ich Ihnen nicht geben,« erwiderte der Engländer. »Ich möchte aber noch einmal energisch feststellen, daß ich heute nacht nicht berauscht gewesen bin. Im ›Roten Truthahn‹ habe ich Champagner getrunken; das stimmt. Im Hotel Treviso trank ich abermals Champagner; aber schon nach dem ersten Glas muß ich eingeschlafen sein; von da läßt mich mein Gedächtnis vollkommen im Stich. Man hat mich eingeschläfert.«

»Das Hotel Treviso ist ein kleines, aber sehr angesehenes Hotel. Der Portier, der Mann mit dem grauen Bart, den Sie mit ›Schuft‹ zu bezeichnen belieben, hat ausgesagt, daß Sie sehr viel Champagner getrunken hätten und schließlich total berauscht auf einem der Stühle eingeschlafen wären. Sie kamen allein mit dem ›Engel‹ an?«

»Ein durch und durch solides Hotel,« bemerkte der Engländer spöttisch.

Stronger zog die Achseln.

»Wir sind jetzt in der Hochsaison,« sagte er.

»Man hat Sie in den Restaurationsräumen bedient. Dazu läßt sich gar nichts sagen. Auf diesem Gebiet sind wir keine Heuchler, wie die Engländer es sind. Was den graubärtigen Portier betrifft, da muß ich sagen, daß er ein angesehener Bürger der Stadt ist; er ist sogar Gemeinderatsmitglied.«

»Existiert hier auch das Frauenstimmrecht?«

»Ich verstehe nicht.«

»Nun, ich meine nur, dann müßte der ›Engel‹ auch Sitz und Stimme im Gemeinderat haben.«

»Ich hoffe,« sagte Stronger nach einer Pause, und mit der Absicht, sich zurückzuziehen, »daß es uns noch gelingen wird, Ihre Dokumente zu finden. War es nicht ein blauer Briefumschlag, der die wichtigen Dokumente enthielt? Weitere Auskunft geben Sie ja nicht. Das ist zwar nicht viel; aber wir werden unser möglichstes tun. Wünschen Sie, daß der Presse Mitteilung gemacht wird?«

»Um des Himmels willen! Dann wäre ich ja gänzlich ruiniert.«

»Nun, dann halten wir es geheim.«

Stronger verabschiedete sich und ließ Krag allein mit Herbert.

Was zwischen diesen beiden verhandelt wurde, geht aus dem darauffolgenden Gespräch zwischen Krag und Stronger hervor.

»Er ist sehr unglücklich dran,« sagte Krag, »und ich glaube, daß noch viel mehr als seine Zukunft davon abhängt, ob er diese Papiere wiederbekommt oder nicht. Er hat sich in den Kopf gesetzt, daß der ›Engel‹ die Hauptschuldige ist, und ich glaube, er hat recht.«

»Das ist auch meine Ansicht,« sagte Stronger sehr ernst. »Durch seine Geheimtuerei bindet er uns aber selbst die Hände. Bedenken Sie, offiziell hat er den Diebstahl noch gar nicht angemeldet; er hat uns nur gebeten, ihm unter Wahrung strengster Diskretion bei der Wiederherbeischaffung seiner Papiere behilflich zu sein.«

»Er ist dazu gezwungen, nicht offiziell aufzutreten. Es darf überhaupt nichts darüber verlautbart werden, daß die Papiere auch nur für fünf Minuten aus seinem Besitz gewesen sind. Ich fragte ihn, ob er noch andere als den ›Engel‹ in Verdacht hätte. Er erklärte darauf, daß sich sein Verdacht ›auf die ganze Sippschaft‹ lenkte. Wissen Sie, mit wem er gestern im ›Roten Truthahn‹ zusammengewesen ist?«

»Ja, unter anderen waren Baron Sixten und Herr von Seydlitz in seiner Gesellschaft. Diese beiden Herren stehen zwar auf der Liste verdächtiger Personen; aber sie haben sich bisher nichts zuschulden kommen lassen, so daß gegen sie nicht eingeschritten werden kann. Gerade ihnen gegenüber muß äußerste Vorsicht gewahrt werden, denn erstens fehlt unserem Verdacht jegliche Begründung, zweitens liegt keine direkte Beschwerde vor, und drittens genießen diese Herren den Schutz gewisser Machthaber. Ich darf mich nicht deutlicher ausdrücken. Wir können uns unmöglich ganz zu des jungen Engländers Handlanger erniedrigen. Weder Baron Sixten noch Herr v. Seydlitz sind heute nacht im Hotel Treviso gewesen. Setzen wir nun voraus, daß der Tresorschlüssel ihm während seines Aufenthaltes im Hotel Treviso gestohlen ist – ich vermute das stark –, dann muß der Dieb doch hinterher noch in das Zimmer im Hotel Terminus eingedrungen sein. Wie Sie sehen, ist die Sache sehr rätselhaft.«

»Eins steht fest,« sagte Krag, »der junge Mann muß gerettet werden.«

Stronger betrachtete den Detektiv forschend.

»Gerettet?« fragte er, indem er das Wort eigentümlich betonte.

»Ja, gerettet,« sagte Krag ernst.

»Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht. Wie die Sache aber jetzt liegt, ist es meiner Meinung nach das beste, daß sie einem Privatdetektiv übergeben wird. Dadurch wird auch unsere Stellung eine freiere, und wir geben Ihnen gern jede gewünschte Auskunft,« antwortete Stronger.

»Während ich mit Herbert konferierte, wurde ihm eine Depesche überreicht. Der Inhalt der Depesche schien einen außerordentlich tiefen Eindruck auf ihn zu machen. Ich möchte wohl wissen, was in dem Telegramm stand.«

Stronger überlegte eine Weile.

»Als Polizeibeamte sind wir in der Lage, es zu erfahren,« sagte er. »Wollte er es Ihnen denn nicht sagen?«

»Nein.«

Stronger gab einem Schutzmann Bescheid. Wenige Minuten darauf brachte dieser folgende Abschrift vom Telegraphenamt: Bremen, den 24. ... Herbert Cyrus Holmes. Terminus, Ostende. Se. Kaiserliche Hoheit der Großfürst erwartet Sie morgen vormittag um neun Uhr im Grand Hotel Ostende. Makarow.

»Morgen früh um neun Uhr,« wiederholte der Detektiv leise.

»Nun, wir haben noch einen ganzen Tag und eine ganze Nacht vor uns. Verstehen Sie den Sinn des Telegramms?«

»O doch,« entgegnete Stronger. »Morgen früh um neun Uhr müssen die Dokumente dem Großfürsten überreicht werden. Und nun sind sie weg. Ich will Ihnen aber einen Fingerzeig geben, vielleicht ist er Ihnen wertvoll. Baron Sixten reist heute nacht um eins. Er hat eine Fahrkarte nach Köln bestellt.

»Ah, das ist sehr wichtig!«

»Dann möchte ich Sie eines fragen, lieber Herr Krag: Warum halten Sie sich eigentlich in Ostende auf?«

Krag lachte.

»Aus demselben Grunde, wie so viele andre. Ich will mich amüsieren. Es ist der reine Zufall, daß ich in diese Geschichte verwickelt worden bin.«

»Höchst merkwürdig,« sagte Stronger für sich. »Dann kann ich Ihnen die interessante Neuigkeit erzählen, daß man Sie hier heimlich beobachtet,« teilte er Krag flüsternd mit. »Nicht die Polizei, andre Elemente. Ueber jeden Ihrer Schritte ist man orientiert.«

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