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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLVI.

Das Bild, das sich ihnen bot, als sie vor dem Hotel standen, war ein ganz anders, als das, welches man mitten am Tage oder gegen abend zu sehen gewohnt war.

Jetzt war es die arbeitende Bevölkerung, welche die Stadt in Besitz genommen hatte. Dort sah man die Bauern der Umgegend, die mit großen Wagen oder Karren zu Markte zogen. Handwerker mit ihrem Werkzeug über der Schulter beeilten sich, ihre Arbeitsstätten zu erreichen; ebenso eilig hatten es die Hafen- und Lagerarbeiter. Ein reges Leben herrschte auch vor dem Hotel, wo die Hausknechte mit ihren blaugestreiften Schürzen damit beschäftigt waren, die Bürgersteige zu spülen und Tische und Stühle zurechtzusetzen. Nur hier und da tauchte eine übernächtige Erscheinung auf, die eiligst nach Hause strebte. Meistens waren es Herren in Gesellschaftskleidung, die mit aufgeschlagenem Kragen und hochgehobenem Spazierstock sich durch die Menge schoben, aschfahl im Gesicht, mit schweren Augenlidern. Man ging solchen Nachtschwärmern aus dem Wege und blickte ihnen ärgerlich oder mit jenem überlegenen Lächeln nach, das vom Schlaf erquickte und arbeitsfreudige Menschen für einen solchen übrig haben, der schlafen geht, wenn andere ihr Tagewerk beginnen. Asbjörn Krag verglich unwillkürlich den gestrigen Abend im »Roten Truthahn« mit dieser Kehrseite der Medaille. »Wie töricht solch ein Leben doch ist,« dachte er. »Wie verächtlich kommt solches Leben den Menschen mit gesunden Sinnen vor.« Dann fiel ihm wieder die Mitteilung ein, die er soeben von Lizzie erhalten hatte. Ein Unglück sei geschehen, hatte sie geschrieben. Lag es nicht an dieser nervösen Sucht nach Vergnügen, daß ein Unglück nach dem andern geschah? Lange Zeit schritt er schweigend neben Lizzie her und wartete darauf, daß sie zu reden anfinge. Endlich brach sie das Schweigen.

»Ich bitte Sie nicht einmal um Entschuldigung,« sagte sie in nervösem Eifer, »daß ich Sie so früh herausjage. Ich kann jetzt unmöglich Rücksicht nehmen. Oh, ich fühle es, etwas Schreckliches wird geschehen.«

»Oder ist schon geschehen,« unterbrach Krag. »Sie teilen mir ja mit, daß – – –«

»Ja, ja,« rief sie ungeduldig. »Ein Unglück ist sicher schon geschehen. Wenn nur nicht noch etwas viel, viel Schlimmeres passiert ist. Ich komme soeben vom Telegraphenamt,« fügte sie heftig und unmotiviert hinzu.

»Wem haben Sie denn depeschiert?« fragte Krag.

»Dem Vater,« erwiderte sie.

»Ihrem Manne?« rief Krag erstaunt aus.

»Ja.«

»Was haben Sie telegraphiert?«

Sie zog ein Stückchen Papier aus ihrem Handschuh hervor.

»Sehen Sie. Ich schickte es als Eildepesche.«

Krag las: »Ihr Sohn befindet sich in dringender Gefahr. Sofort kommen.«

»Keine Unterschrift?« fragte er.

»Nein, keine,« erwiderte sie.

»Es muß sehr Ernstes vorgefallen sein, wenn Sie ein derartiges Telegramm abschicken.«

»Sie haben recht,« gab sie zur Antwort, indem sie ihre Schritte beschleunigte, wobei Krag gleichsam mitgerissen wurde. Er ahnte nicht, wohin sie ihn führte. Nachdem mehrere Straßen des inneren Stadtteils passiert waren, machten sie vor einem Gebäude halt, allem Anschein nach ein kleines, jedoch vornehmes Familienhotel.

Sie schellte.

Während sie darauf warteten, daß jemand ihnen öffnen würde, gab sie Krag die nötige Aufklärung.

»Dies ist das Hotel des ›Engels‹. Sagen Sie dem Portier, daß Sie polizeilich beauftragt sind, festzustellen, wohin die rotblonde Dame gereist ist.«

Asbjörn Krag hätte gern Näheres erfahren; dazu fehlte aber die Zeit. Die Tür wurde geöffnet und ein sehr würdig aussehender Portier mit langem, grauem Bart und Tressenmütze erschien in der Tür.

Als er Lizzie erblickte, bekam sein sonst so unbewegliches Gesicht einen ärgerlichen Ausdruck.

»Sind Sie wieder da,« sagte er. »Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich keine Ahnung habe, wohin die Dame mit dem roten Haar gereist ist. Vermutlich nach Paris. Sie benutzte den D-Zug heute morgen um vier Uhr. Mehr weiß ich nicht. Auf Wiedersehen, gnädige Frau.«

Mit diesen Worten wollte er die Tür von innen verschließen; Lizzie stemmte sich jedoch mit aller Energie dagegen und sagte, indem sie auf Krag wies:

»Nehmen Sie sich in acht: Dieser Herr kommt im Aufträge der Polizei.«

Der Portier verzog keine Miene. Er blickte Krag so forschend an, daß dieser sich über die Ruhe und Sicherheit des Alten wunderte.

»Ich kenne alle Polizeibeamten Ostendes,« sagte er. »Diesen Herrn kenne ich nicht.«

»Ich komme von auswärts,« entgegnete Krag, »kann mich aber an die zuständige Polizei wenden. Ich habe auch die Ehre, die Polizei Ostendes zu kennen.«

»Sind Sie vielleicht auch Engländer?«

»Auch?«

»Ja, wie der verrückte, junge Engländer, der vor kurzem hier war?«

»Er meint Herbert,« flüsterte Lizzie ihm zu.

»Ich bin kein Engländer,« sagte Krag.

»Nun, mir ist es vollkommen gleichgültig, welcher Nation Sie angehören,« fuhr der Portier fort, indem er mit großartiger Handbewegung auf seine breite Brust wies. »Mir ist es auch ganz egal, wer Sie sind, meinetwegen mögen Sie der Großmogul von Sansibar sein. Einem belgischen Bürger haben Sie absolut keine Vorschriften zu machen. Empfehle mich, meine Herrschaften.«

Er verbeugte sich tief.

»Auf Wiedersehen,« stieß Krag drohend hervor. Im Augenblick fiel ihm nichts anderes ein. Auch war er in der Sache noch gar nicht orientiert.

»Auf Wiedersehen,« sagte auch der Portier, machte noch einmal eine tiefe Verbeugung, lächelte ironisch und machte die Tür zu.

Als die beiden weiterschritten, war Frau Lizzie dem Weinen nahe.

»Der ›Engel‹ ist aber ausgerückt,« sagte Krag.

»Ja,« erwiderte sie. »Das ist gerade das große Unglück.«

Sie begaben sich in eine kleine Konditorei. Nachdem sie einen Platz gefunden hatten, wo sie ungestört reden konnten, bestellte er Kaffee.

»Der Kaffee soll Ihnen gut tun. Fühlen Sie sich danach besser, dann erzählen Sie mir, was geschehen ist. Solang ich nicht alles weiß, kann ich auch nicht helfen. Warum sind Sie heute so früh auf?«

»Früh auf?« wiederholte sie erstaunt. »Ich bin überhaupt noch nicht zu Bett gewesen. Die ganze Nacht habe ich vor dem Hotel gestanden.«

»Vor dem Hotel des ›Engels‹?«

»Nein, vor Herberts Hotel. Ich versichere Sie, niemand hat mich gesehen. Ich hatte mich zwischen den Büschen versteckt; denn ich wollte ihn nach Hause kommen sehen. Der Portier hatte mir gesagt, wo sein Zimmer war. Ich wollte ihn zu gern noch einmal sehen; dazu bot sich dort die beste Gelegenheit. Ich hätte dann noch stehenbleiben wollen, bis das Licht in seinem Zimmer ausgemacht worden wäre. Ach, Sie werden das für eine verrückte Idee halten; dann verstehen Sie aber keine Mutter. Ich hatte die größte Sehnsucht, in seiner Nähe zu sein; denn ich fühlte ja, daß er in Gefahr war.«

»Ich verstehe Sie sehr gut,« sagte Krag. »Wie lange mußten Sie denn auf den jungen Herrn warten?«

Bei dem kalten Ton des Detektivs zuckte sie zusammen.

»Bedenken Sie, er ist kaum zwanzig Jahre alt. Ich mußte lange warten. Die Uhr der St. Stephanskirche hatte längst vier geschlagen, als er angelaufen kam.«

»Er lief?«

»Ja, er hatte große Eile. Ich stand ganz nahe am Eingang zum Hotel im Schatten der Bäume; sein Gesicht sah ich ganz deutlich. Er war ganz blaß, und sein Haar war feucht von Schweiß. Er hatte nicht einmal einen Hut auf dem Kopfe. Als er an mir vorüberlief, stöhnte er schmerzlich: Mein Gott, mein Gott! Ich hörte, wie er die Hotelglocke zog und sah, wie das Personal zusammenlief. Er schrie fast, daß ihm etwas gestohlen sei, er sei ruiniert, er müsse sich erschießen und dergleichen mehr. Bald darauf stürzte er wieder aus dem Hotel heraus, noch ebenso blaß und ebenso verstört. Da hörte ich ihn sagen: Der ›Engel‹, mein Gott, es muß der ›Engel‹ sein. Nun hielt es mich nicht mehr; ich rannte hinter ihm her.«

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