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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLIII.

Schon die Erwähnung ihres Sohnes hatte Lizzie beunruhigt. Die Erinnerung jener schrecklichen Stunden stand mit einem Male wieder klar vor ihrer Seele und ließ sie erschauern. Als sie das Wort »Gefahr« hörte, wäre sie am liebsten aufgesprungen und weggelaufen, obgleich sie nicht recht wußte, wohin. Vielleicht hatte sie nur die Empfindung, in all ihrem Elend sich verbergen zu müssen. Krag hielt sie jedoch sanft zurück und forderte sie auf, sich wieder zu setzen.

»Ich würde es Ihnen nicht gesagt haben, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, daß sich Ihr Sohn in großer Gefahr befindet, die man aber gewiß von ihm abwenden kann. Er ist noch sehr jung.«

»Ja, er ist nur zwanzig Jahre alt. – Fünf Jahre sind es nun her. Glauben Sie, daß er mich wiedererkennen wird?« fragte sie wie im Traume.

»Zweifellos.«

»Dann will ich fort.«

»Das dürfen Sie nicht; sie müssen ihm helfen.«

»Ich?«

»Ja. Sie und ich.«

»Ich will aber nicht; er darf mich nicht sehen. So, wie ich jetzt bin, darf er mich nicht sehen.«

Krag ergriff ihre Hände.

»Gnädige Frau, wie sind Sie denn jetzt? Noch immer sind Sie schön; und Ihr Blick und Bewegungen verraten mir, daß Sie eine gute Mutter sind.«

Ein bitteres Lächeln umspielte ihren Mund.

»Ich?« rief sie aus. »Eine Frau, die von einem Badeort zum andern reist und ihren Lebensunterhalt am Spieltisch sucht! Ich bin arm und schlage mich nur so eben durch. Hat man Ihnen gesagt, daß ich in Variétés gesungen habe? Sehen Sie nicht, daß die Diamanten an meinen Fingern unecht sind? Die echten Steine sind längst ins Leihhaus gewandert. Alles dies ist keine Schande; aber seine Mutter bin ich nicht mehr.«

»Sie haben recht,« entgegnete Asbjörn Krag, »das ist keine Schande. Wünschen Sie keine Begegnung mit Ihrem Sohn, so läßt sich das ja umgehen. Sie können ihn heimlich beobachten. Glauben Sie mir, er ist ein prächtiger Mensch geworden.«

»Ich möchte es gern,« sagte sie leise. »Was ist aber mit ihm? Warum glauben Sie, daß er sich in Gefahr befindet?«

»Hat er nicht eine Stellung an der Gesandtschaft in London?«

»Ja, soviel wie ich gehört habe.«

»Nun, nach dem, was ich gehört habe, ist er zum ersten Male mit einer diplomatischen Mission betraut.«

»So-o. Was mag das wohl für eine diplomatische Mission sein, die ihn nach Ostende, diesem Vergnügungsort führt?«

»Man erwartet heute einen russischen Großfürsten, nämlich den Großfürsten Sergius, der dafür bekannt ist, in der russischen auswärtigen Politik stark interessiert zu sein. Nach einigen Aeußerungen, die mir zufällig zu Ohren gekommen sind, vermute ich, daß zwischen dem Großfürsten und Ihrem Sohn eine Zusammenkunft stattfinden wird, wobei gewisse Dokumente überreicht werden sollen. Die Ankunft des Großfürsten hat sich leider um zwei Tage verzögert, aus diesem Grunde verlängert sich Herberts Aufenthalt in Ostende. Ich fürchte aber, Feinde sind von seiner Mission unterrichtet und suchen ihn ins Verderben zu stürzen. Derartige Intrigen werden Sie wohl kennen.«

Frau Lizzie nickte.

»O ja, darin habe ich Erfahrung. In solchen Angelegenheiten wendet man sich an Damen meiner Art. Mir ist schon oft das Angebot gemacht worden. Ich will Ihnen ehrlich gestehen, daß ich mich auch in der Rolle versucht habe; aber es blieb beim Versuch. Ich gab die Sache bald auf; sie war mir zu schmutzig.«

Krag hatte ihr Bekenntnis schweigend angehört, auch jetzt sagte niemand von ihnen ein Wort. Mit ihrem Schirm zeichnete Lizzie Figuren in den Sand.

»Ist denn schon etwas geschehen?« fragte sie langsam.

»Kaum, die Sache soll sich erst entwickeln.«

»Mir fällt es schwer, zu glauben, daß Herbert so dumm ist, sich übertölpeln zu lassen. Sie nehmen also an, daß Leute ihm die Dokumente stehlen wollen, während er den Russen erwartet?«

»So ungefähr denke ich es mir.«

»Nun, jedenfalls besitze ich jetzt soviel Geld, daß ich die Nachstellungen hintertreiben kann. Derartige Leute kann man kaufen. Damit weiß ich Bescheid,« fügte sie mit einem Seufzer hinzu.

»Möglicherweise ist der Preis aber ein solcher, daß keine Summe der Erde genügen würde.«

»Wie meinen Sie das?« fragte sie beunruhigt.

»Angenommen, er verlöre die Dokumente, und wir wüßten, wer sie gestohlen hätte?«

»Darum sagen Sie es ihm. Die Polizei wird dann – – –«

»Nun sind Sie doch gar zu naiv, gnädige Frau. Mit solchen Angelegenheiten darf man der Polizei nicht kommen. Verliert er die Dokumente, dann hat er sich eines argen Vertrauensbruches schuldig gemacht. Seine Ehre wäre dann verloren.«

»Du großer Gott!«

Jetzt wies Krag mit dem Spazierstock nach der Musiktribüne.

»Sehen Sie die beiden Männer, die dort vorübergehen?« fragte Krag.

Lizzie nickte eifrig.

»Den einen kenne ich,« sagte sie, »er ist Spion. Ich habe schon einmal mit ihm in Unterhandlung gestanden.«

»Ist das der mit dem goldenen Kneifer?«

»Ja,« erwiderte sie, »er heißt von Sixten. Der andere ist ein verabschiedeter Offizier der Fremdenlegion. Unvorteilhaftes wüßte ich von ihm nicht zu sagen; aber ich habe ihn schon an vielen Orten gesehen, z. B. in Baden-Baden und Monte Carlo.«

»Gerade diese beiden Männer waren es, die sich über Ihren Sohn unterhielten. Soviel ich ihrem Gespräch entnehmen konnte, handelte es sich um Anschläge gegen ihn.«

»Ich glaube kaum, daß Herbert sich von solchen Leuten überlisten läßt. Bei dem verdächtigen Aussehen! Sehen Sie nur den Burschen mit dem Kneifer und den weißen Schläfen an!«

»Es sind ihrer drei, die den Raub teilen wollen.«

»Den Raub, sagen Sie?«

»Ja.«

»Wer ist denn der Dritte?«

»Eine Dame. Ich hörte, wie gesagt wurde, daß sie ihre Rolle verstände. Eine rothaarige, magere Dame, nicht gerade hübsch, aber sehr pikant.«

»Das wird der ›Engel‹ sein,« sagte Lizzie mit Entsetzen.

»Der ›Engel‹?« fragte Krag.

»Ja, so wird sie genannt. Die reine Ironie. Eigentlich müßte sie der ›Teufel‹ heißen. Sie hat viele Schicksale auf dem Gewissen. Genaues weiß man nicht über sie; aber sie hat immer sehr viel Geld, und steht mit sehr vielen Menschen in geheimer Verbindung. In Paris ist sie eine bekannte Persönlichkeit. Man glaubt, daß sich der Dramatiker Piard ihretwegen das Leben nahm. Wie ist mein Sohn bloß zu dieser Bekanntschaft gekommen?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen. Tatsache ist, daß beide im Spielsaal sehr intim taten.«

»Glauben Sie, daß Herbert leidenschaftlich spielt?«

»Den Eindruck habe ich nicht. Da liegt die Gefahr auch gar nicht. Die Gefahr liegt in dem Spiel, das der ›Engel‹ im Einverständnis mit den beiden Schurken mit ihm treibt. Heute abend wird Herbert mit dem ›Engel‹ im ›Roten Truthahn‹ soupieren.«

»Was wollen wir denn dabei machen?« fragte Lizzie.

»Vorläufig werden wir die Gesellschaft beobachten,« entgegnete Krag, »so daß wir im gegebenen Augenblick eingreifen können. Darf ich Sie einladen, heute abend mit mir im ›Roten Truthahn‹ zu soupieren?«

»Er darf mich nicht sehen.«

»Das ist auch nicht nötig. Wir suchen uns die Plätze am Eingang aus. Von da aus kann man das ganze Lokal übersehen, ohne selbst gesehen zu werden. Also abgemacht!«

»Ja. Holen Sie mich dann bitte vom Hotel Trinacria um elfeinhalb Uhr ab.«

»Gut, ich komme.«

Sie stand auf.

»Ich gehe lieber allein,« sagte sie, als Krag Miene machte, sie zu begleiten. »Sagen Sie mir nur eins: Wie kommt es, daß Sie plötzlich für meinen Sohn ein so großes Interesse an den Tag legen?«

»Ich wittere ein Verbrechen.«

»Das erklärt Ihren Eifer nicht zur Genüge.«

Krag lächelte.

»Sie haben recht,« sagte er. »Sie wissen, daß vor fünf Jahren eine uns beiden bekannte Affäre nicht ihren Abschluß fand. Diese Sache ist mir aber nie aus dem Sinn gekommen. Ich habe das eigenartige Gefühl, daß die Angelegenheit Ihres Sohnes die Veranlassung dazu sein wird, daß ich endlich die Wahrheit erfahre.«

Frau Lizzie reichte ihm die Hand zum Abschied.

»Deswegen habe ich mir schon so viele Vorwürfe gemacht; jetzt habe ich es aufgegeben. Ich habe ja so viel durchmachen müssen. Aber Sie sollen es erfahren. Darüber mehr im ›Roten Truthahn‹. Auf Wiedersehen!«

Sie verschwand im Schatten der Bäume.

Dem Detektiv stand aber noch eine Ueberraschung bevor.

Als Asbjörn Krag nach etwa einer Stunde sich dem Hotel Trinacria näherte, um Frau Lizzie abzuholen, bemerkte er im Grandhotel einen Herrn, der aus dem Vestibül heraustrat, dann aber mitten auf dem Trottoir stehenblieb und nach der Uhr blickte.

Krag erkannte ihn sofort.

Es war Nelson.

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