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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLII.

Nun zögerte Krag auch nicht länger, den Gewinn an sich zu nehmen. Sein kolossales Glück lenkte die Aufmerksamkeit aller Mitspieler auf ihn. Auch die Gunst der Rotblonden wandte sich ihm zu. Sie betrachtete ihn mit neugierigen Blicken.

Ihr Begleiter, der junge Herbert, vergaß alle angelernte Ueberlegenheit und erging sich in Bewunderung über das unerhört gewagte Spiel. Plötzlich merkte man ihm aber an, daß er von irgendeiner Erinnerung gepackt wurde. Asbjörn Krags Gesicht war ihm aufgefallen. Hatte er das Gesicht nicht schon früher gesehen? »Ob er wohl die Lösung dieses Rätsels finden wird?« dachte Krag. Es schien nicht so; denn der junge Engländer schüttelte nur unbefriedigt den Kopf. Er gab das Grübeln auf; sein Gedächtnis ließ ihn doch im Stich. Krag konnte es wohl verstehen: damals war Herbert ja noch ein Kind gewesen und man hatte ihm vernünftigerweise nichts von den Ereignissen erzählt, die für seine nächsten Angehörigen von so großer Tragik waren.

Um durch zu eiligen Aufbruch nicht das Mißtrauen seiner Mitspieler zu erregen, blieb Krag noch eine Zeitlang am Spieltisch sitzen. Mit Willen verlor er einige hundert Franken, schüttelte dann bedenklich mit dem Kopf, als hätte er die Sache aufgegeben, strich seinen Gewinn ein und ging. Bevor er jedoch den Spieltisch verließ, konnte er feststellen, daß der junge Herbert für seine rothaarige Dame sehr entflammt war, und wie sie es darauf anlegte, ihn für sich zu gewinnen. Die zwei waren nur allein; ihre beiden Freunde hatten sich zurückgezogen.

Die beiden Freunde standen in geheimnisvoller Unterredung nahe der Eingangstür. Als Asbjörn Krag an ihnen vorüberging, fing er einige Worte ihres Gespräches auf. Auf englisch redeten sie von dem Paar am Spieltisch. Er hörte gerade die Bezeichnung die »Rote«, worauf er stehen blieb und sich den Anschein gab, als ob er einige Notizen in seinem Taschenbuch hervorsuchen müßte.

Der ältere der beiden, ein Mann mit goldenem Kneifer und schneeweißen Schläfen sagte: »Sie bringt es fertig, die Rote. Nach Verlauf einer Stunde zappelt er schon in ihren Netzen. Es geht fast zu glatt.«

»Er ist ja auch sehr jung,« meinte der jüngere, der sich anscheinend Mühe gab, in Haltung und Erscheinung einen Offizier in Zivil zu markieren.

»Und unerfahren,« fügte der mit dem Kneifer hinzu. »Dazu kommt noch, daß er ihr schon einmal früher auf einem Karneval in London begegnet ist. Einem alten Bekannten gegenüber fühlt man sich immer geborgen.«

»Ist es nicht eigentlich unverantwortlich, daß man in dieser wichtigen Angelegenheit die Sache einem grünen Jungen anvertraut?«

Der andere zuckte mit den Achseln.

»Na, einmal muß doch der Anfang gemacht werden. Uebrigens pflegen diese jungen englischen Attachés außerordentlich gewissenhaft zu sein. Erinnerst du dich noch ... Hahaha!«

Der Offizier mußte diese Pille einstecken.

»Man hat wohl auch nicht damit gerechnet,« sagte er, »daß der Großfürst bei seiner Ankunft nicht hier wäre.«

Mochte Krag, als vom Großfürsten die Rede war, geräuschvoller als bisher in seinem Buch geblättert haben; jedenfalls wurden die beiden auf ihn aufmerksam und dämpften ihre Stimmen. Soviel verstand Krag aber noch, daß man verabredete, im »Roten Truthahn«, dem Zentrum des nächtlichen Lebens Ostendes, zu soupieren. Die beiden zogen sich dann zurück, und Asbjörn Krag verließ auch den Saal.

Nun trug er also 25 000 Franken bei sich, die von Rechts wegen Frau Lizzie gehörten und die er abliefern mußte. Daß dies mit Schwierigkeiten verknüpft sein würde, war ihm von vornherein klar. Zunächst: wo sollte er sie suchen? Wo wohnte sie? Und unter welchem Namen hatte sie sich eingemietet. Es schien ihm nicht sehr wahrscheinlich, daß sie als Namen Lady Holmes angegeben hatte. Welchen Namen konnte sie aber angenommen haben?

Dann war noch eins in Betracht zu ziehen. Wie sollte er ihr begreiflich machen, daß sie durch ein liegengelassenes Zwanzigfrankenstück in den Besitz dieses Haufen Geldes gelangt sei? Kannte er sie recht, würde es ihm auch Schwierigkeiten verursachen, sie dazu zu bewegen, das Geld anzunehmen. Er war aber jedenfalls dankbar, daß er sich ihr unter einem wichtigen Vorgeben nähern konnte.

Zunächst wechselte er in der Bank, die in Ostende ebenso lange wie die Spielbank geöffnet ist, Scheine und Goldstücke in Anweisungen um. Dann ging er von Hotel zu Hotel, von Café zu Café, um Lizzie zu entdecken. Nach ihr zu fragen, hätte keinen Zweck, denn er wußte ihren Namen ja nicht.

Als er etwa um zehn Uhr über die Esplanade ging, wo die Musik, die verschiedenartigsten Sprachen und das Rascheln des Windes in den Baumkronen zu einer rhythmischen Melodie sich einigten, begegnete er ihr endlich. Sie saß einsam auf einer Bank bei den Fontänen. Er setzte sich zu ihr. Als er jedoch merkte, daß es ihr nicht paßte, sagte er: »Ich habe Ihnen Wichtiges mitzuteilen; Sie dürfen nicht fortgehen.«

Sie blickte ihn an.

»Als Sie Ihren Platz am Spieltisch verließen, vergaßen Sie ein Zwanzigfrankenstück, das auf Nummer 14 liegen blieb,« begann er.

»Ich danke Ihnen für diese Mitteilung,« sagte sie in einem etwas spöttischen Ton. »Sie sind auch gar zu liebenswürdig.«

»Das Zwanzigfrankenstück brachte Ihnen 720 Franken ein,« fuhr er fort.

»Die gehören also mir,« rief sie voller Entzücken. »Ach ist das aber ein Glück!« Plötzlich schwieg sie verlegen.

»Ich bin nämlich nicht mehr reich,« sagte sie, »einige hundert Franken sind für mich eine große Summe.«

»Ich habe Ihnen das Geld mitgebracht; aber nicht 720 Franken, viel, viel mehr. Anfänglich ist es mir gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß es Ihr Geld war. Der Croupier glaubte, wir spielten gemeinsam und machte mich auf das Geld aufmerksam. Da war es aber schon zu spät; die Kugel war schon in Bewegung.«

»Während die 720 Franken auf Nummer 14 standen?« fragte sie vor Ungeduld zitternd. Im Geiste saß sie wieder am Spieltisch.

Krag bejahte.

»Es klingt beinahe wie ein Märchen,« fuhr er fort. »Denken Sie nur, die Kugel blieb zum zweiten Male auf 14 liegen. Sie haben mehr als 25 000 Franken gewonnen, gnädige Frau. Ich habe Bankanweisungen dafür eingewechselt. Hier ist das Geld.«

Diese Mitteilung war für sie von fast betäubender Wirkung. Sie machte Einwendungen und wollte das Geld nicht nehmen. Schließlich machte sie einen Vorschlag, der deutlich bewies, daß sie sich den Jargon internationaler Spieler angeeignet hatte.

»Wir wollen teilen,« sagte sie.

Krag lehnte jedoch bestimmt ab.

»Den wichtigsten Grund meines Kommens habe ich Ihnen noch nicht mitgeteilt,« sagte er nach einer Pause. »Es handelt sich um Ihren Sohn.«

»Gott im Himmel!«

»Waren Sie von seinem Kommen unterrichtet?« fragte Krag.

Sie schüttelte energisch den Kopf.

»Er ist in Gefahr,« sagte Krag kurz.

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