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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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XLI.

An dem von Frau Lizzie benutzten Roulette ging der junge Mann vorüber und schlenderte mit auffallendem Gleichmut durch den Saal. Dann und wann warf er ein Goldstück auf ein Spielfeld; aber weder Gewinn noch Verlust schienen ihm besonderes Interesse abzugewinnen. Er war kein Spieler; er war noch ein reines Kind. In seinen Augen aber lag der Schimmer einer gewissen Erwartung der mannigfachen Versuchungen, denen er keineswegs aus dem Wege zu gehen beabsichtigte. Diese Reise mochte die erste kontinentale Vergnügungstour des jungen Mannes sein, die er auf eigene Hand unternahm. Es kam Krag gar kein anderer Gedanke, als daß der junge Herbert, wie tausend andere, nur zu dem Zweck hier nach Ostende gekommen sei, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen. Erst später wurde es dem Detektiv klar, daß der Zweck dieser Reise ein ganz anderer, viel ernsterer war. Er hatte hier eine Aufgabe zu erfüllen, und diese Aufgabe sollte ihn noch in ungeahnte Schwierigkeiten verwickeln.

Frau Lizzie hatte den Sohn nicht bemerkt; sie blieb aber dabei, mit kleinem Einsatz zu spielen, vorsichtig und augenscheinlich nach einer ganz bestimmten Rechnung, denn sie verglich ununterbrochen die Zahlen in ihrem Notizbuch.

Krag stand direkt hinter ihrem Stuhl. Dies fiel um so weniger auf, als die Spieler immer von Neugierigen umgeben waren. Mitten im Spiel jedoch sah sie ihn im gegenüberhängenden Spiegel. Sie erkannte ihn sofort wieder, drehte sich nm und blickte ihn an. Sie schien erstaunt zu sein; aber Furcht oder Angst sah man ihrem Gesicht nicht an, eher eine gewisse Müdigkeit, die ausdrückte, daß sie sich darüber klar war, daß ein solches Leben, wie sie es durchgemacht hatte, ihr nichts Erschütterndes mehr bieten konnte. Mit verbissenem Lächeln fragte sie:

»Haben Sie es noch nicht aufgegeben, mich zu verfolgen?«

Sie hatte sich der norwegischen Sprache bedient, welche sie in Kristiania erlernt hatte. Ihre Umgebung verstand keinen Ton von dem, was sie gesagt hatte; aber der Croupier hatte das Gespräch bemerkt, und schien zu glauben, daß er es mit Betrügern zu tun hätte.

Indem Krag sich zu ihr niederneigte, flüsterte er:

» Sie habe ich nie verfolgt, gnädige Frau. Ich habe Sie immer zu schützen gesucht.«

Sie lächelte nur und wandte sich wieder dem Spiel zu. Als sie den Gewinn eingestrichen und neu gesetzt hatte, fragte sie ihn:

»Sind Sie schon lange hier?«

»Nein; aber in dieser kurzen Zeit habe ich doch schon einen gemeinsamen Bekannten entdeckt.«

Mit dieser Bemerkung beabsichtigte er, festzustellen, ob sie von der Anwesenheit ihres Sohnes unterrichtet war.

Diese Worte ließen sie zusammenzucken; ihre Hände begannen zu zittern.

» Ihn«, flüsterte sie entsetzt. »Meinen Sie ihn

Krag wußte, daß sie Nelson meinte.

Sie ahnte also nicht die Gegenwart ihres Sohnes.

»Nein,« antwortete Krag. »Nelson nicht. Es ist ein anderer. Möglicherweise werden Sie ihm noch begegnen.«

Der Gedanke, Nelson könnte in ihrer Nähe sein, hatte genügt, sie so nervös zu machen, daß sie dem Spiel nicht mehr folgen konnte, sondern auf gut Glück ihre Einsätze über den grünen Tisch schob.

Leise flüsternd suchte Asbjörn Krag sie zu beruhigen. Plötzlich entdeckte sie jemand, so daß sie auch den letzten Ruf ihrer Fassung verlor. Sie schrie leise auf, von tiefem Schmerz übermannt. Dann bedeckte sie ihr Gesicht mit dem Schleier. Viele hatten ihren Schmerzensausbruch gehört; im Spielsaal war man aber so daran gewöhnt, Ausbrüche der Freude, des Schmerzes und der Enttäuschung zu hören, daß sich niemand darum kümmerte. Der Croupier ließ sich nicht stören; gefühllos wie immer, rief er: »Ihre Einsätze, meine Damen und Herren!«

Frau Lizzie hatte ihren Sohn erblickt.

Er stand ganz in der Nähe, wo er schon eine Unterhaltung angeknüpft hatte. Er sprach mit einigen jüngeren Lebemännern und einer Dame von eigenartiger Schönheit, einer zierlichen Frauengestalt mit rotblondem Haar, aber von ganz unbestimmbarem Alter. Sie war eine jener Frauen, deren ganzes Wesen Raffinement ist, und deren Bewunderer man unter ganz jungen Menschen oder alten, schlaffen Lüstlingen findet. Krag bemerkte, daß sie es auf den jungen Herbert abgesehen und daß der Jüngling schon Feuer gefangen hatte, noch etwas scheu, aber doch über die Gunst der Dame erfreut. Es fiel Krag auch auf, wie vorteilhaft Herbert sich von seiner Umgebung abhob, so frisch und jung sah er aus. Dem jungen Briten sah man den Sportsmenschen an.

Frau Lizzie erhob sich. Als sie sich einen Moment auf Krags Arm stützte, merkte er, wie sie zitterte.

»Haben Sie ihn gemeint?« flüsterte sie.

»Ja.«

»Ich will fort. Diesen Anblick ertrage ich nicht.«

Der Detektiv bot ihr seine Begleitung an; sie aber schüttelte nur den Kopf und sagte:

»Bleiben Sie hier, ich möchte allein sein.«

Dann ging sie.

Gleich darauf näherte sich der junge Herbert mit seiner neuen Bekanntschaft dem Spieltisch. In diesem Augenblick dachte Krag über diese eigenartige Begegnung zwischen Mutter und Sohn nicht weiter nach. Seine Gedanken beschäftigten sich mit Lizzies Hand. Es kam ihm so vor, als sähe er wieder diese Hand den Schleier vor das Gesicht ziehen. Wie hatten die diamantbesetzten Finger gezittert! Und doch, wie alt und abgemagert hatte die Hand ausgesehen. Diese Hand erzählte ihre ganze Leidensgeschichte.

Herbert und die rotblonde Dame nahmen ihm gegenüber Platz und machten ziemlich gleichgültig einige Einsätze.

Herbert verlor.

Gleichgültig entnahm er seiner Tasche mehrere Goldstücke, er legte darüber sogar einen gewissen kindlichen Stolz an den Tag, daß er mit Gold, als hätte es für ihn gar keinen Wert, so flott umging. Seine Dame merkte das, hatte aber nur ein spöttisches Lächeln dafür.

Asbjörn Krag hatte den von Frau Lizzie verlassenen Platz eingenommen. Zu seiner Verwunderung sah er, daß der Croupier auf Nummer 14 vor ihm einen Haufen Geld aufgestapelt hatte; er hatte ja noch gar nicht gesetzt. Aber niemand strich das Geld ein. Der Croupier sah ihn fragend an und nickte dann.

»Ihre Einsätze, meine Damen und Herren!«

Krag setzte zehn Franken auf Nummer 14 und nickte ebenfalls.

Der Croupier gab das Signal; die Kugel wurde in Bewegung gesetzt.

Plötzlich starrten ihn alle Spieler an und Ausrufe der Verwunderung wurden laut.

Gleichzeitig machte er die Entdeckung, daß er eine große Dummheit begangen hatte.

Bevor Frau Lizzie fortgegangen war, hatte sie ein Zwanzigfrankenstück auf Nummer 14 gesetzt. Diese Nummer hatte gewonnen, und dieses war die Ursache, daß vor ihm so viel Geld lag. Die eingesetzte Summe hatte sich um das Sechsunddreißigfache verdoppelt; das hatte 720 Franken ausgemacht.

Statt diese 720 Franken einzustreichen, hatte Krag sie auf 14 stehenlassen.

»Nun,« dachte er, »das Geld wird verloren sein. Daran läßt sich nun nichts ändern. Ich muß mich schon darein finden, für kurze Zeit die Rolle des verrückten Engländers zu spielen.«

Und doch betrachtete er die Sprünge und Drehungen der Kugel mit gewisser Neugier.

Als die Kugel endlich zur Ruhe gekommen war, herrschte allgemeine Ueberraschung am Grünen Tisch.

Das Ungewöhnliche war geschehen; die Kugel war wiederum auf 14 liegengeblieben.

Krag überschlug die Summe. Seine Dummheit hatte im Laufe von zwei Minuten Frau Lizzie 25 920 Franken eingebracht.

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