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Sven Elvestad: Lizzie - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSven Elvestad
titleLizzie
publisherGeorg Müller
printrun7.-11. Tausend
year1923
firstpub1921
translatorJulia Koppel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20160525
projectid2971020f
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III.

Wohl war die Gesellschaft auf eine Ueberraschung vorbereitet gewesen; daß die Ueberraschung aber solche Formen annehmen würde, daran hatte wohl niemand der Anwesenden gedacht.

Unwillkürlich richteten sich die Augen auf den Generalkonsul Spade. Man legte sich weit über den Tisch. Einige standen von ihren Plätzen auf und begaben sich zum Gastgeber; selbst der sonst so phlegmatische Dichter Pedersen unterließ es nicht, in die geöffnete Kassette hineinzusehen. Mit satanischem Lächeln sagte er:

»Was darin liegt, ist jedenfalls ebenso schwer wie Gold.«

Von dem Antlitz des Geistlichen war jedoch jede Regung, die auf Liebenswürdigkeit und Wohlwollen deuten konnte, verschwunden. Er witterte den herannahenden Skandal und fürchtete, daß diese Festlichkeit, die er gern als unschuldigen Scherz angesehen hätte, ihm ernste Unannehmlichkeiten bereiten könnte; ihm schien, er höre schon die ersten Töne des interessanten Stadtgespräches. Sein Blick verfinsterte sich und er sah nach der Tür wie jemand, der vor allem sich den Rückzug decken will.

Währenddessen stand die Kassette, die diese ganze Bewegung verursacht hatte, offen vor dem Generalkonsul.

Nach Aussage des Konsuls hätte die Kassette fünfzigtausend Kronen enthalten sollen. Es lag aber keine einzige Goldmünze darin, dagegen aber ein Klumpen Blei, dessen Gewicht ungefähr dem Gewicht von zweitausendfünfhundert Zwanzigkronenstücken entsprach.

In seiner Verwirrung suchte Spade den Bleiklumpen aus der Kassette zu heben; er war jedoch so schwer, daß Evensen, dem der Schreck gewaltig in die Glieder gefahren war, beim Heben behilflich sein mußte. Der Klumpen schien erst kürzlich gegossen zu sein, denn er glänzte sehr.

Der Generalkonsul faßte nach seiner Stirn, auf der große Schweißtropfen hervortraten.

Ein boshafter Gast hatte ziemlich hörbar eine Bemerkung fallen lassen, die der Generalkonsul möglicherweise gehört haben mochte. Er erblaßte jedenfalls plötzlich und sah verwirrt bald den einen, bald den andern an, während er Seine Hochehrwürden am Aufstehen hinderte, indem er ihn am Rockkragen festhielt. Der Superintendent war nämlich im Begriff, seine werte Person in Sicherheit zu bringen.

Die Bemerkung, die das boshafte Mitglied der Gesellschaft hatte fallen lassen, war jedoch für das zweifelhafte Ansehen, das Spade genoß, so charakteristisch, daß wir sie hier zitieren müssen.

Die Bemerkung lautete: »Die sind wahrhaftig im letzten Augenblick gerettet worden.«

Damit hatte der boshafte Gast andeuten wollen, daß die ganze Sache von Spade selbst nur zu dem Zweck fingiert worden sei, um die versprochenen fünfzigtausend Kronen nicht auszahlen zu müssen; zum Teil aus Reklamesucht, um sich selbst, sein Haus und seinen Umgangskreis in aller Leute Mund zu bringen.

Möglicherweise hatte der Superintendent dieselben Gedanken gehabt. Seine Miene nahm mehr und mehr den Anstrich gekränkter Würde an. Gut, ließ es sich nicht umgehen, daß einige der Anwesenden sich solche Gedanken darüber machten – unter anderen ganz ungeniert der Dichter Pedersen, der offensichtlich in seine Serviette hineinpustete – der Generalkonsul hatte Geistesgegenwart genug, auf diese Verdächtigungen die einzig passende Antwort zu geben.

Blaß vor Erregung rief er: »Feder und Tinte, Evensen! Ich bin bestohlen worden, meine Herren!«

Sein Faktotum brachte das Gewünschte herbei.

Der Generalkonsul entnahm seiner Tasche sein Scheckbuch, füllte die Rubriken aus und übergab sie dem Superintendenten mit den Worten: »Der Diebstahl geht nur mich persönlich an und nicht den Zweck, den ich zu fördern wünsche. Meinem Versprechen gemäß übergebe ich hiermit fünfzigtausend Kronen für den Kirchenbau.«

Der Superintendent nahm die Anweisung an. – Ein schmerzlich verzogenes Lächeln breitete sich über sein Antlitz. Die Ueberreichung des Geschenkes hatte eine Form angenommen, die er nicht in Betracht gezogen hatte und die förmlich nach einem Skandal schrie.

Indem er sich von seinem Sitze erhob und sich sehr formell, jedoch höflich vor dem Generalkonsul verneigte, sagte er: »Gleich morgen werde ich dem Bankkomitee die Anweisung überreichen; vorläufig spreche ich Ihnen den herzlichsten Dank der Interessenten aus.«

Der Superintendent ließ seinen Blick auf der Mahagonikassette ruhen.

»Sie werden indessen durch das heutige Ereignis in Zukunft so in Anspruch genommen sein, daß Ihnen jeglicher gesellschaftliche Verkehr erschwert sein wird. Sollte dieser unvorhergesehene Verlust Sie besonders schmerzlich berühren, werden wir Sie selbstverständlich nie zwingen, Ihre Verpflichtungen in bezug auf das Geschenk innezuhalten. Das Schicksal des Kirchenbaues ist in keiner Weise von Ihrer Gabe abhängig.«

»Herr Superintendent! Aber Herr Superintendent!« rief Spade. »Ihre Worte machen mich wirklich tieftraurig. Sie dürfen doch in keiner Weise die Annahme des Geldes verweigern. Ich sage Ihnen doch nur die volle Wahrheit. Lieber ist mir der Verlust weiterer fünfzigtausend Kronen, als mich den Verdächtigungen auszusetzen, die schon hier in meinem Hause boshaften Ausdruck gefunden haben. Ich wiederhole meine dringende Bitte: Nehmen Sie das Geld an, Herr Superintendent, und breiten Sie, soweit es möglich ist, den Schleier des Vergessens über all das Unangenehme des heutigen Abends. Wie schon gesagt, bin ich in ganz rätselhafter Weise um eine große Summe bestohlen worden.«

In Generalkonsul Spades Darstellung der ganzen Sachlage lag so viel überzeugende Kraft, daß der Superintendent sich der Einsicht nicht mehr verschließen durfte, daß alles auf Wahrheit beruhe. Sein Mitgefühl trug über sein Beleidigtsein den Sieg davon, ja er verstieg sich beim Abschied sogar so weit, daß er dem Generalkonsul freundschaftlichst die Schulter klopfte, indem er sagte:

»Zum Ergreifen des Verbrechers wünsche ich Ihnen recht viel Glück, wo jedoch die Polizei ins Haus hineinkommt, muß ich mich notwendigerweise zurückziehen. Ich werde mich nach dem Verlauf der Sache erkundigen.«

Nachdem sich der Superintendent zurückgezogen hatte, löste sich die Gesellschaft auf; alles wollte fort. Wie ein geschlagener Mann stand der Generalkonsul da und verabschiedete sich von den einzelnen Gästen in ganz mechanischer, geistesabwesender Weise, als sein alter Diener ihn am Aermel zupfte.

»Herr Generalkonsul,« sagte Evensen, »die Herrschaften wollen gehen.«

»Dann laß sie zum Teufel gehen. Rufe die Polizei herbei!«

»Ich habe schon an die Polizeiwache telephoniert, Herr Generalkonsul!«

»So, das ist schon geschehen? Na, das ist gut. Wann können die Kriminalbeamten hier sein?«

»In wenigen Minuten, Herr Generalkonsul; aber keiner der Gäste darf das Haus verlassen.«

»Wer hat das gesagt?«

»Die Polizei verlangt es. Ich habe schon die Türen verschlossen und Wachtposten aufgestellt.«

»Du großer Gott! Und der Superintendent?«

»Der ist leider entkommen, Herr Generalkonsul.«

»Gott sei Dank!«

»Ich habe die ausdrückliche Erlaubnis erwirkt, den Superintendenten gehen zu lassen.«

»Das war gut gemacht, Evensen. Wie unangenehm wäre es gewesen, wenn der Superintendent wegen Diebstahlverdachts zurückgehalten wäre.«

Den Gästen wurde nun eröffnet, daß sie vorläufig beim Generalkonsul hinter Schloß und Riegel seien, was natürlich große Bestürzung hervorrief.

Von draußen drang das Geräusch eines vorfahrenden Wagens herein. Der zuerst erschienene Beamte gab seine Karte ab. Auf der Karte stand:

Asbjörn Krag.

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